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Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. Der Filmredakteur Robert Sennheiser lernt bei der Pressevorführung von Konstantins Film Lona Sander kennen, die für eine Filmzeitschrift arbeitet. Sie diskutieren nach der Vorstellung noch lange miteinander, bis Lona überstürzt aufbrechen muss. Bei einem Familientreffen wenig später treffen sie sich unerwartet wieder: Lona ist die neue Freundin von Roberts Bruder Basti, der es noch bei keiner Frau lange ausgehalten hat. Lona trennt sich kurz darauf von Basti – es war ohnehin nichts Ernstes. Robert aber hat sich bereits in den Bergen verkrochen, wo er versucht, seinen Kummer in Alkohol zu ertränken. Dort lernt er Kevin Laurin kennen, der mit seinen Großeltern ein verlängertes Wochenende in deren Ferienhaus verbringt. Dann verunglückt Robert schwer.
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2021
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»Meinst du, es ist endlich einmal etwas Ernstes?«, fragte Georg Sennheiser seine Frau.
»Bei Basti?«
»Bei wem sonst? Immerhin war es seine Idee, dass die ganze Familie herkommen soll, um seine neue Freundin kennenzulernen. So … wie soll ich sagen? So offiziell hat er es noch nie gemacht.«
Christine Sennheiser zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, Georg, aber irgendwann muss es ja mal die Richtige sein, meinst du nicht? Er kann doch nicht sein Leben lang so weitermachen.«
»Vielleicht doch, wer weiß? Ich möchte mal wissen, was mit unseren Söhnen los ist. Der eine hat jede Woche eine Neue, der andere verliebt sich nur alle paar Jahre mal, aber die Richtige war bislang bei keinem von beiden dabei.«
»Zum Glück haben wir auch zwei Töchter«, lächelte Christine.
Auch ihr Mann lächelte jetzt. »Da hast du allerdings recht. Wenn ich mir vorstelle, die beiden hätten sich mit Männern auch so schwergetan wie …«
Christine kicherte. »Basti tut sich mit Frauen ja gerade nicht schwer, Georg!«
»Na ja, du weißt schon, was ich meine. Unsere Jungs bleiben vermutlich Junggesellen. Der eine, weil er zu viele Freundinnen hat, der andere, weil er eigentlich nie eine hat – jedenfalls keine, die wir zu Gesicht bekommen.«
»Du kennst unseren Robert doch. Erstens ist ihm seine Arbeit sehr wichtig, zweitens nimmt er immer alles zu ernst und zu schwer.«
Georg nickte. »Das hat er von mir. Ich war ja früher auch so, erinnerst du dich? Das hat sich erst geändert, als ich dich kennengelernt habe.«
Christine ging zu ihrem Mann und umarmte ihn. »Natürlich erinnere ich mich«, sagte sie mit weicher Stimme. »Du hattest aber eine schwere Jugend mit deiner alleinerziehenden überforderten Mutter, die jahrelang um euren Vater getrauert hat und für euch nicht richtig da sein konnte. So etwas trifft aber auf Robert nicht zu. Er ist doch, alles in allem, ziemlich unbeschwert aufgewachsen, findest du nicht?«
»Doch, das nehme ich schon an. Er macht ja auch keinen unglücklichen Eindruck. Nur dass er so gar keine Anstalten macht, sich endlich zu binden. Er ist doch schon zweiunddreißig! In dem Alter hatten wir schon …«
Christine hinderte ihren Mann mit einem schnellen Kuss am Weiterreden. »Das kannst du nicht vergleichen, die Zeiten haben sich geändert, Georg! Heute heiraten alle erst später, die Frauen wollen ihre Kinder nicht mehr so früh bekommen, sondern zuerst ihre Freiheit genießen, berufstätig sein, etwas von der Welt sehen.«
»Ihre Freiheit genießen«, brummte Georg. »Statt die Zeit zu nutzen, wenn sie noch die Nerven für kleine Kinder haben! Ich habe neulich wieder eine von diesen Müttern gesehen – Anfang Vierzig, mit einem schreienden Dreijährigen, der sich im Supermarkt vor der Kasse auf den Boden geworfen hat, weil er unbedingt etwas haben wollte, was sie ihm nicht gekauft hat. Am Schluss hat sie die Nerven verloren und genauso laut gebrüllt wie er.«
»Das passiert jüngeren Müttern auch, mit dem Alter hat das nicht unbedingt zu tun«, widersprach Christine. »Aber darum geht es ja auch nicht. Heute werden die Menschen später Eltern, so ist das nun mal, das spielt sich ein. Ob es nun früher so viel besser war, bezweifele ich jedenfalls. Diese blutjungen Mütter von Anfang zwanzig …«
»Du warst fünfundzwanzig, als Vera geboren wurde«, warf Georg ein.
»Ja, und ich hatte noch viel zu lernen und war zu Beginn völlig überfordert, daran erinnere ich mich sehr gut.«
»Aber jetzt bist du doch froh darüber, dass wir beide so früh angefangen haben, oder?«
»Ja, jetzt schon«, gab Christine zu. »Aber es wäre auch nicht schlimm, wenn zwei unserer Kinder jetzt noch zu Hause wären, glaube ich. Manchmal wünsche ich mir das sogar.«
Georg seufzte. »Ich sehe schon, ganz richtig macht man es wahrscheinlich nie. Wir sind noch fit genug, um zu reisen, uns um unsere Enkelkinder zu kümmern, das Leben zu genießen, aber insgeheim sehnst du dich doch noch ein bisschen nach der Zeit, da dieses Haus immer voller Leben war – und nicht nur dann, wenn unsere Kinder mit Anhang zu Besuch kommen.«
»Du nicht?«, fragte Christine.
Er zögerte, bevor er gestand: »Doch, manchmal schon. Aber ich bin eigentlich auch immer froh, wenn sie alle wieder abreisen und wir zu unserem gewohnten Leben zurückkehren können.«
Christine legte ihren Kopf an seine Brust. »Das geht mir auch so«, sagte sie. »Und diese Gedanken daran, wie es war, als hier noch alle zusammengewohnt haben, die habe ich ja auch nur manchmal. Dann kriege ich plötzlich so eine Art Heimweh, das mich überkommt, wenn ich mich an bestimmte Situationen erinnere, in denen es besonders schön war.«
»Weihnachten? Oder die Geburtstage?«, fragte Georg.
Sie schüttelte den Kopf. »Eher nicht die großen Feste, nein, die waren ja gleichzeitig auch jedes Mal mit viel Stress verbunden. Nein, es gab andere Situationen, zum Beispiel einen Sonntagabend, da waren alle gut drauf und haben angefangen, erfundene Geschichten zu erzählen, und die wurden immer lustiger. Vera durfte schließlich ihren ersten Schluck Wein trinken und war richtig glücklich. Sie ist uns beim Gute-Nacht-Sagen um den Hals gefallen und hat sich bei uns bedankt und gesagt, dass wir die besten Eltern der Welt sind.«
»Daran erinnere ich mich auch!«, rief Georg. »Komisch, bis eben habe ich nie mehr daran gedacht, aber jetzt, wo du es sagst, fällt es mir wieder ein.«
»Es gab noch andere Tage. Als Robert einmal mit blassem Gesicht erzählt hat, dass er einen Wettbewerb gewonnen hatte. Weißt du noch? Da sollten Schüler Kurzgeschichten einreichen, und sein Deutschlehrer hatte ihn überredet, sich zu beteiligen, obwohl er das eigentlich nicht wollte.«
»Ja!«, sagte Georg. »Das hat er uns beim Abendessen erzählt. Und weil er so blass war, dachten wir alle, jetzt kommt etwas ganz Schlimmes! Und dann ist Caro aufgesprungen und hat irgendeinen Hit geschmettert, in dem es um einen Sieger ging.«
Ihnen fielen noch andere Geschichten ein, an die sie sich gegenseitig erinnerten, so dass das geplante Familientreffen mit Bastis neuer Freundin am übernächsten Wochenende ein wenig in den Hintergrund geriet.
Erst später dachten sie wieder daran, aber viel gelassener als zuvor. Sie würden Bastis neue Freundin freundlich aufnehmen und abwarten, was passierte. Im Zweifel das Übliche: Sie würde schon bald durch die nächste junge Frau ersetzt werden, auch wenn ihr Jüngster jetzt gerade Feuer und Flamme war und dachte, er müsse sie unbedingt seinen Eltern und Geschwistern vorstellen. Das war zwar neu, aber ob es etwas Ernsteres zu bedeuten hatte, stand in den Sternen.
Sie würden abwarten und es nehmen, wie es kam.
*
Konstantin Laurin sah sich zum ersten Mal auf der großen Leinwand. Es war wundervoll und schrecklich zugleich. Er rutschte tiefer in seinen Kinosessel und wünschte sich, Oliver Heerfeld, sein Regisseur, würde nicht neben ihm sitzen und jede seiner Reaktionen mitbekommen. Am liebsten wäre er ganz allein gewesen, hätte den Film anhalten können, wenn es ihm zu viel wurde und ihn erst weiterlaufen lassen, wenn er sich dazu in der Lage fühlte.
Aber nun saß er hier mit Oliver im ›kleinen Filmpalast‹ im Münchener Südwesten, gar nicht weit von seinem Elternhaus entfernt, und sah den Film an, der sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hatte. Er hatte immer Arzt werden wollen, solange er denken konnte. Sein Vater war Arzt, seine Mutter Ärztin, seine Zwillingsschwester Kaja wollte Medizin studieren – gemeinsam mit ihr, so war der Plan gewesen, hätte er eines Tages, wenn sich sein Vater aus der Leitung der Kayser-Klinik zurückzog, diese übernehmen wollen. Er bildete sich ein, dass Kaja und er schon als Fünfjährige gewusst hatten, dass sie Medizin studieren und später die Kayser-Klinik leiten würden.
So jedenfalls war es in seiner Erinnerung gewesen, bis er angefangen hatte, in der Schultheater-AG mitzuspielen und bis Oliver ihn gesehen und praktisch vom Fleck weg für die Hauptrolle des Films engagiert hatte, den sie sich gerade ansahen. Konstantins Eltern waren aus allen Wolken gefallen angesichts der geänderten Zukunftspläne ihres Ältesten. Ja, er war der Älteste, fast eine Viertelstunde älter als Kaja …
Schauspieler statt Arzt. Ungesicherte Existenz, abhängig von Produzenten, Regisseuren, dem Publikum, dem Glück, dem Zufall. Er verstand seine Eltern und rechnete es ihnen hoch an, dass sie ihn schließlich hatten gewähren lassen. Er konnte nicht anders. Sobald er entdeckt hatte, was es für ihn bedeutete, wenn er spielen durfte, war die Sache klar gewesen. Er hatte keine Wahl, er musste spielen.
Der Film war für Oliver sehr wichtig, er erzählte darin gewissermaßen sein eigenes Leben. Konstantin hatte das gewusst, es war am Anfang ein großes Hemmnis für ihn gewesen. Er war ja das, was in der Umgangssprache ›blutiger Anfänger‹ hieß. Aber als es ihm schließlich gelungen war, seine Gedanken auszublenden und auch alles, was um ihn herum vor sich ging, als ihn die vielen Leute nicht mehr gestört hatten, war es plötzlich ganz leicht gegangen …
Jetzt kam die Szene, in der sein Filmbruder starb. Konstantin musste schlucken. Er erkannte sich selbst kaum wieder, als er sein Gesicht so krass in Großaufnahme sah, wie eingefroren in seinem Schmerz. Und dann der sterbende Bruder …
Er merkte Feuchtigkeit auf seinen Wangen, die er hastig wegwischte. Wie verrückt war das denn? Er sah sich selbst zu und war zu Tränen gerührt? Er konnte nur hoffen, dass Oliver nichts davon bemerkt hatte.
Er war beinahe froh, als der Abspann lief. Es hatte ihn angestrengt, den Film anzusehen und vor allem, die Szenen zu ertragen, in denen er sich selbst nicht gut genug fand. Er hätte besser sein können, das wusste er. Nicht durchweg, aber doch in mehreren Szenen.
Und das war auch das erste, was er sagte, als das Licht im Saal wieder anging: »Ich hätte besser sein müssen, an einigen Stellen zumindest. Ich kann es besser, Oliver.« Er merkte nicht einmal, wie verzweifelt seine Stimme klang.
Oliver Heerfeld jedoch entging seine Verzweiflung nicht. »Du warst großartig, es gibt nicht eine Szene, in der man dir nicht abnimmt, was du spielst. Das allein zählt. Und eines sage ich dir: So wie jetzt wird es dir bei jedem Film gehen. Zuerst siehst du deine Fehler oder das, was du für deine Fehler hältst. Mir geht es genauso. Ich könnte dir aus dem Stand drei Szenen nennen, von denen ich mir heute wünschte, ich hätte sie anders aufgelöst. Aber ich kenne das jetzt schon, und ich nehme es als Ansporn, mich beim nächsten Mal noch gründlicher vorzubereiten. Manchmal legt ein Kritiker den Finger in die Wunde, aber meistens sieht niemand, was ich gesehen habe. Oder es passiert sogar, dass meine ›Fehler‹ nicht als solche wahrgenommen werden, sondern im Gegenteil mit besonderem Lob bedacht werden. Und das, was kritisiert wird, ist oft das, was ich selbst gerade gut finde. Mit solchen Widersprüchen müssen wir leben, sie lassen sich nicht auflösen, weil jeder Mensch, der sich unseren Film ansieht, etwas anderes erkennt als du und ich. Aber gerade daraus entsteht die Magie des Kinos.«
Konstantin nickte. Er fühlte sich noch immer wie betäubt. Er war sechzehn Jahre alt und hatte sich eingebildet, er würde den Film sehen, wie er auch andere Filme sah, aber so war es nicht gewesen. Im Gegenteil.
»Bist du enttäuscht? Von dem Film?« Jetzt erst wurde ihm bewusst, dass Oliver natürlich auf sein Urteil wartete, dass es ihm wichtig war, was sein Hauptdarsteller zu seiner Arbeit als Regisseur zu sagen hatte. Aber Konstantin war so überwältigt von Gefühlen der verschiedensten Art, dass er nicht wusste, wie er seine Eindrücke in Worte fassen sollte.
»Ich bin durcheinander«, sagte er schließlich. »Ich habe sogar geweint, bei der Szene, in der mein Filmbruder gestorben ist. Das ist doch nicht normal, oder? Ich habe streckenweise vergessen, dass ich das bin, der da spielt. Es war, als sähe ich jemandem zu, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Nur an den Stellen, wo ich mich nicht gut fand, war es anders …«
Oliver lächelte. »Ein größeres Kompliment hättest du mir nicht machen können. Wenn dich die Geschichte so packt, dass du darüber sogar vergessen kannst, dass du selbst mitgespielt hast, ist sie offenbar nicht langweilig oder uninteressant.«
»Langweilig? Nein, das überhaupt nicht …«
Und unversehens gerieten sie in eine Diskussion, von der Konstantin gerade noch gedacht hatte, er könne sie nicht führen, weil in seinem Kopf alles durcheinander ging. Sie sahen sich den Film dann noch ein zweites Mal an, dieses Mal mit Pausen dazwischen, in denen Oliver erläuterte, warum er an dieser Stelle einen Schnitt gemacht und an jener auf Musik verzichtet hatte. Es waren sehr lehrreiche Stunden für Konstantin, der wusste, warum Oliver sich so viel Zeit für ihn nahm: Die erste Pressevorführung des Films stand bevor, und danach würden sie den Journalisten Rede und Antwort stehen müssen. Für Oliver war das mittlerweile Routine, aber Konstantin würde Neuland betreten – und natürlich wollte er sich nicht blamieren. Da war es schon gut, wenn Oliver ihm jetzt half, seine Gedanken über den Film zu ordnen und wenn er ihm außerdem noch ein paar Tipps für die Beantwortung von Journalistenfragen gab, die er als unangebracht oder zu weitgehend empfand.
»Du machst das schon«, sagte Oliver, als sie sich schließlich voneinander verabschiedeten. »Und wenn sie es gar zu toll treiben, bin ich ja auch noch da.«
*
Leon Laurin betrachtete die aparte junge Frau, die vor ihm saß, aufmerksam. Lona Sander trug ihre schwarzen Haare sehr kurz, so dass nichts von ihrem Gesicht mit den großen blauen Augen und dem üppigen Mund ablenkte. Sie war groß und schlank, sehr modisch gekleidet und erwiderte seinen Blick offen und geradeheraus. Ihre Anfrage für einen Termin bei ihm war schriftlich eingegangen: Sie wollte ihn interviewen, war er doch der Vater von Konstantin Laurin, dem Hauptdarsteller des neuen Films von Oliver Heerfeld.
