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Kathrin lebt in Paris. Lars lebt in Stuttgart. Kathrin liebt Paris und die Franzosen. Lars liebt Kathrin. Seine Wochenendausflüge nach Paris häufen sich. Nicht immer bringen sie das erhoffte Vergnügen. Eine turbulente Liebeskomödie zum Thema Lust und Frust von Wochenendbeziehungen. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2015
Uwe Bogen
Die ferne Frau
FISCHER E-Books
Les premiers billets doux sont lancés par les yeux.
Die ersten Liebesbriefe werden mit den Augen
verschickt.
Wer logisch denken kann, kommt damit im Leben nicht immer weit. Oft werden wir in die Irre geführt, nur weil wir meinen, wir könnten uns auf so etwas Unvollkommenes wie den Verstand verlassen. Dabei gibt es Momente, in denen selbst die einfachste Rechnung nicht aufgeht. Wer immer nur denkt, eins und eins müsse zwei ergeben, ist selber schuld, wenn er manche Dinge nicht kapiert.
Nehmen wir zum Beispiel Lars.
Im Flugzeug fixierte Lars die hübsche Frau neben ihm, als gälte es, ein Rätsel zu lösen. Noch bevor er den Mut fand, ihr einen Satz zu entlocken, wußte Lars, das muß eine Französin sein. Denn Lars konnte logisch denken.
Ihr Buch, ein französisches, war der erste Beweis. Kaum hatte sie den Gurt geschlossen, zurrte sie auch schon dieses französische Buch um sich fest. Bisher waren beide wortlos nebeneinandergesessen wie im Wartezimmer eines Arztes, wie das ja oft in einem Flugzeug geschieht. Dafür kicherte die Reihe hinter ihnen, dort kannte man sich bereits. Urlaubsheimkehrer fallen oft durch übertriebenen Frohsinn auf, der nachläßt, je näher die Heimat rückt, in der man sich zu benehmen hat.
Lars überlegte, ob er der unbekannten Leserin anbieten sollte, den freien Platz links von ihm als Ablage für ihre Jacke mitzubenutzen. Doch dann fiel ihm ein, daß er ja gar kein Französisch sprach. Die Triebwerke heulten auf. Donnernd hob die Boeing in Izmir ab, während der Steigflug sie leicht in die Lehne drückte. Die junge Frau auf Platz A, dem Fensterplatz, schien nichts davon mitzubekommen. Ihr Blick klebte auf dem Buch, als würde auch dieser von dem Leim, der die Seiten bindet, festgehalten.
Dieses französische Buch schirmte alles ab. Nichts von dem, was um sie herum geschah, konnte bis zu ihr gelangen. Dabei starrte Lars so aufdringlich hinüber, als könne er sie mit den Augen anstupsen, damit sie endlich mal zu ihm rüberschaut. He, hallo, auf Platz B sitzt noch einer! Doch seine Blicke prallten ab an dem unsichtbaren Kokon, den sich die Französin mit ihrem Buch gesponnen hatte. Sie tauchte immer tiefer ein in diese Geschichte, hatte bestimmt schon bald deren Grund erreicht, um dort die aufgeschriebenen Geheimnisse wie seltene Schätze zu bergen. Damit hatte sie nun alle Augen voll zu tun. Wie schade, dachte Lars, aber wir haben ja noch zweieinhalb Stunden, bis wir in Frankfurt sind.
Daß sie ihn nicht beachtete, konnte er schon kaum verstehen. Warum sie aber nicht mal aus dem Fenster sah, war ihm vollends rätselhaft. Wo doch an diesem Sommertag nur ein ganz zarter Wolkenhauch die Erde verschleierte, so daß sie sich kaum dahinter verstecken konnte. Noch hatte die Maschine nicht die Höhe erreicht, in der man nur noch weiße Suppe sehen kann.
Was ganz weit unten lag, glich einer Spielzeugwelt aus dem Märklin-Katalog, die sich mit ihren Bergen und Tälern selbstvergessen hinkuschelt. Keiner wird in dieser Idylle Probleme vermuten. Doch die junge Französin saugte nichts von dieser Schönheit auf, weil die Macht des Buches stärker war.
Und, was noch schlimmer war, sie ignorierte gar den Mann an ihrer Seite, der sich große Mühe gab, den Titel ihres Buches zu verstehen.
»Les Nuits Fauves« stand auf dem Umschlag, und der Autor hieß Cyril Collard. Was auch immer der Titel heißen mochte, es war, daran zumindest zweifelte Lars nicht, französisch, also etwas, das ihn aussperrte. Denn in der Schule hatte er diese Sprache nicht gelernt und sich mit Englisch und Latein schon zuviel zugemutet.
Die schulterlangen Haare dieser Französin waren so intensiv blond, wie es die Natur allein nicht zustande bringt. Zarter Lidschatten, kaum Rouge auf den Wangen. Eine Frau, die sich pflegt, dabei aber keine aufgepuderten Übertreibungen nötig hat. Ihre Schönheit, vor allem von der Natur und nur ein bißchen von der Kosmetikindustrie gegeben, schien das Olala-Klischee sogar noch zu überbieten, das Frauen aus Frankreich vorauseilt.
Ein weiteres Indiz also, daß keine Deutsche neben ihm saß. Wetten? Wer selbst beim Lesen irgendwie charmant lächelt, muß ja in Frankreich geboren sein. Wie gern hätte er nun mit ihr geplaudert, einfach so. Wer allein fliegt, hebt auch mit seinen Gedanken ab. Über den Wolken wachsen der Phantasie Flügel, und was stellt man sich nicht alles vor, wenn so eine hübsche Frau neben einem sitzt, noch dazu so eine etwas geheimnisvolle. Was war das nur, was ihn so an dieser Französin faszinierte? Es schien, als kenne er sie bereits. Je länger er diese Unbekannte betrachtete, desto deutlicher konnte er Rita sehen. Rita, seine große Liebe, die er zwar schon lang verloren hatte, die er aber nicht aus seinem Kopf herausbekam. Auch Rita hatte dieses fein geschnittene Gesicht, eine so sichtbar weiche Haut, auf der er sich nicht hatte satt streicheln können.
Mit Rita hatte er zumindest sprechen können. Sie war ja keine Französin. Wer weiß, vielleicht war das genau der Grund, warum diese Liebe scheitern mußte. Böse Worte, die man nicht versteht, können nicht weh tun. Und Ritas Worte hatten am Ende verdammt weh getan. Lars litt noch immer darunter. Wie nach einer schweren Operation. Das Gröbste war überstanden, aber manchmal zwickt und zwackt es plötzlich, wenn etwa das Wetter wechselt. Im Urlaub hatte das Wetter gewechselt. Lars hatte die Überreste eines einstmals höllischen Schmerzes nicht leugnen können. Kein Wunder, wenn man immer allein im Hotelbett aufwacht.
Auch wenn er nun für einen kurzen Moment über den Vorteil einer stummen Liebe nachdachte, wollte er doch mit dieser Französin in Kontakt treten. Doch Lars sah keine Chance, etwas von ihr zu erfahren, und ärgerte sich wieder einmal, in der Schule seiner Faulheit erlegen zu sein. Angeblich hatte er sich damals ja auf naturwissenschaftliche Fächer konzentrieren wollen, in Wahrheit aber hatten ihm ja bereits englische und lateinische Vokabeln den Blick auf die wirklich wichtigen Dinge dieser Welt verstellt, und die befanden sich nicht in seinem Schulranzen, sondern eher in den Tiefen des Jugendkellers, wo so manches Mädchen wie eine märchenhafte Lichtgestalt das Dunkel des Diskolichts durchstieß. Wären das nur Französinnen gewesen, hätte er wie besessen diese Sprache gepaukt.
Weit über der Erde, dicht dran an diesem blonden Französinnenwunder, wurde er nun für irdische Jugendsünden bestraft. Ihm blieb deshalb gar nichts anderes übrig, als zu schweigen, statt schon mal munter draufloszugockeln, was er sonst recht gut beherrschte. Jeder Mensch hat seine Talente, und Lars hielt sich, was Frauen anging, für besonders talentiert. Auch wenn Rita bei ihm einiges zerstört hatte, den festen Glauben an seinen wirkungsvoll flackernden Charme hatte er über das Ende einer Liebe retten können, die recht dramatisch an der Sturheit ihrer Launen zerschmettert war. Rita hatte die Freundschaft mit einem Kampf verwechselt. Ihre Abwehrhaltung war schneller gewachsen als die Abhängigkeit, die eine jahrelange Beziehung im Normalfall mit sich bringt. Diese Abhängigkeit ist ein gutes Polster, um die Schläge nur noch abgeschwächt zu spüren, die sich Paare gegenseitig verpassen, bei denen die Glut der ersten Zeit längst verloschen ist.
Als ob Lars noch nach einem weiteren Beweis verlangt hätte, begann die junge Frau plötzlich, das Buch beiseite zu legen, das sie bisher doch so atemlos verschlungen hatte. Nun wollte sie eine Postkarte schreiben, wahrscheinlich ja doch nur, um Lars ein drittes Mal zu ärgern. Die stille Freude darüber schien auf einmal die Freude über das Gedruckte sogar noch zu überbieten. Als wolle sie sich für Rita rächen. Für etwas, von der diese hübsche Französin nichts wissen konnte. Oder etwa doch?
Lars hatte sich bei Rita als Märtyrer gesehen, der diese Qualen stellvertretend annehmen mußte, um damit alle Liebenden dieser Welt zu retten. Jesus war ans Kreuz genagelt worden, und Lars hatte sein Herz geopfert, damit alles besser werden würde.
Daß er sich im Grunde als Held sah, obwohl dafür gar kein Anlaß bestand, denn auch er hatte ja Fehler gemacht, half über den Verlust ein wenig hinweg. Wer die Realitäten verklärt und sich mit Ausreden und Selbsttäuschung seine eigene Welt schafft, kommt darin eine Zeitlang besser zurecht. So heilen die Wunden schneller. Doch bei Lars waren sie noch immer nicht ganz verheilt.
Lars gab sich im Flugzeug nun große Mühe, seine Augen aus den Höhlen herauszuschrauben, was aber gar nichts brachte. Er verstand mal wieder nichts. Französische Worte, verdammt, damit hatte er ja schon gerechnet. Je mehr Lars zu spüren bekam, daß diese Frau unerreichbar für ihn war, desto mehr interessierte er sich für sie, so sehr, daß er spätestens jetzt jede Zeitschrift aus der Hand gelegt hätte (wenn er denn nur eine dabei gehabt hätte).
Lars zählte zusammen. Das französische Buch, das französische Aussehen, die französisch geschriebene Karte. Wenn schon eins und eins zwei macht, ergibt eins und eins und eins erst recht drei. Eine Französin! Was doppelt und dreifach bewiesen wäre! Doch kaum erschien die Stewardeß, um sich in deutscher Sprache nach den Wünschen ihrer Fluggäste zu erkundigen, schon antwortete die Französin akzentfrei deutsch.
»Bitte Kaffee. Aber ohne Milch und ohne Zucker.«
Lars war so überrascht, daß er zunächst gar nicht der Stewardeß antworten konnte, die ihm dieselbe Frage stellte. Kaffee oder Tee? Natürlich wollte Lars auch Kaffee, doch was er noch viel dringender wollte, war eine rasche Lösung des Rätsels neben ihm.
»Du sprichst aber gut deutsch«, staunte Lars.
»Danke, gelernt ist gelernt.«
Schon wieder diese akzentfreie Aussprache, die zu allem Überfluß noch ein wenig hessisch eingefärbt war, was den schwäbischen Ohren von Lars zwar nicht gerade behagte, worüber er aber angesichts der Gesamterscheinung großzügig hinwegsah.
Und schon lernte Lars, daß es ein Fehler sein kann, sich immer nur auf seine Augen zu verlassen. Richtig sehen kann man damit nicht.
Denn die junge Frau, die Kathrin hieß, wie Lars nun erfuhr, war eine Deutsche, die aus Überzeugung in Paris lebte.
»In meinem früheren Leben war ich eine Französin«, behauptete Kathrin, »ich hab’s noch in mir.«
»Was hast du in dir?«
»Die französische Lebensart. Das Unkomplizierte.«
Noch immer war Lars viel zu verblüfft, um gleich mal einen Gang höher zu schalten. Wenn ihm eine Frau gefiel, setzte das normalerweise Energien frei, die ihn recht witzig werden ließen. Lars kannte die jeweils passenden Sprüche. Es war wie Werbung – versteht sich, in eigener Sache. Daß er schon dreißig war, konnte keine Frau ahnen. Gute Werbeleute täuschen geschickt über so unvorteilhafte Details hinweg. Lars hatte ja auch eine wichtige Komplizin, die Natur, die ihm weder graue Haare aufzwang noch lästige Falten. Wenn er dann mit lockeren Sprüchen so richtig in Fahrt kam, führte diese Bleifußfahrt quasi zurück in die Vergangenheit. In diesem Temporausch kam sich Lars bedeutend jünger vor, weit entfernt von der magischen Dreißiger-Schallmauer, vor der er einfach umgedreht war, um nun als Geisterfahrer den Unter-Dreißigjährigen ein wenig Angst einzujagen. Geschockt traten die auf die Bremse und sahen dabei ziemlich alt aus.
Frechheit, so hatte der Stuttgarter längst gelernt, ist der beste Trick, um Frauen für sich zu gewinnen. Im Urlaub in der Türkei hatte er allerdings nur wenig Gebrauch davon gemacht. Dabei war er zum erstenmal ganz allein verreist. Es sollte ein Test werden. Lars wollte herausfinden, ob er sich noch selber kennt. Zwar hatte sich Birgit große Mühe gegeben, ihn begleiten zu dürfen. Doch Lars, der ja noch immer Rita vermißte, hatte erkannt, daß die Flucht zu einer anderen Frau, die er nicht liebte, sein Problem nicht lösen würde.
Daß er mit Birgit etwas angefangen hatte, war ein Fehler gewesen, den er wiedergutmachen wollte, indem er nicht länger ihr und vor allem sich selber etwas vormachte. Lars hatte deshalb die Beziehung beendet und dann sofort die Reise gebucht.
In der Ferne wollte sich Lars selber suchen. Das Land allein durchstreifen, nur mit seiner Kamera, die ihn schon über so vieles hinweggetröstet hatte. Über alles in Ruhe nachdenken, schöne Fotomotive aufspüren, entspannen und sich der Langeweile stellen. Lars hatte den Test nicht bestanden. Schon nach einer Woche wäre er am liebsten zurückgeflogen. Nur selten war es ihm gelungen, ganz und gar abzuschalten. Rita beherrschte wieder seine Träume, nachdem sie in Deutschland zuletzt daraus verschwunden war. Bis in die Türkei war ihm Rita also gefolgt. Daß diese Träume immer nur die schöne Zeit mit Rita nacherzählten, war ja gerade so schlimm gewesen. Denn Lars wußte, daß er diese Zeit nicht mehr zurückholen konnte. Jetzt freute er sich auf zu Hause, und plötzlich schien es, als wären diese Träume doch in die Realität durchgebrochen. Lars sah Rita in der Frau, die neben ihm saß. Dies wühlte ihn so auf, daß er keinen klaren Gedanken mehr halten konnte. Rita, was machst du hier?
Zwei Wochen lang hatte er sich große Mühe gegeben, Rita zu vergessen. Was manchmal sogar gelungen war, immer dann, wenn er sich an seiner Nikon F 2 festgehalten und die Welt nur durch deren kleines Guckloch gesehen hatte. Aber er hatte ja nicht Tag und Nacht fotografieren können.
Lars war beileibe kein typischer Urlaubsknipser. Seine Motive lagen abseits der Touristentrampelpfade. Und wenn er dann spürte, in die richtige Umgebung vorgedrungen zu sein, konnte er schneller fotografieren als denken.
Mindestens drei Filme hielten den Müllberg fest, der sich hinter einem Vier-Sterne-Hotel, nur wenige Meter vom überlaufenen Touristenstrand entfernt, direkt am Meer türmte, als warte er darauf, von den Fluten entsorgt zu werden. Das waren bizarre Gebilde aus Gerümpel. Ein stinkendes Chaos, wie von Künstlerhand geschaffen. Vielleicht, so hatte Lars überlegt, würde ihm damit ja in Stuttgart seine erste Ausstellung gelingen. Das Thema paßte sogar zu seinem Beruf.
Lars war städtischer Abfallberater, ein Biologe, der nach seinem Abschluß noch ein bißchen weiterstudieren wollte und deshalb den neuen Aufbaustudiengang Umwelttechnik ausprobiert hatte. Im Rathaus bewachte er nun das sogenannte Mülltelefon und nervte Firmen mit Vorschlägen zur Müllvermeidung. Ab und zu half er auch teuren Werbeagenturen, die man für Kampagnen engagiert hatte, bei der Suche nach schlauen Sprüchen. Mit Plakaten und Zeitungsanzeigen brachten sie die griffigen Parolen unters Volk. »Es ist nie zu spät für eine Mülldiät«. Oder: »Gute Einfälle gegen unsere Abfälle«.
Lars entwarf Müllkonzepte, die wenig brachten, und ermunterte die Bürger dazu, Müll zu trennen, was schon mehr brachte. Die Deutschen waren ja ein Volk von Sammlern. Bisher hatten sie nur Briefmarken und Bierdeckel gesammelt. Jetzt sammelten sie mit demselben Ehrgeiz Joghurtbecher, Buchfolien, H-Milchtüten, Haargeltuben, Shampooflaschen, Sardinenbüchsen und Saumagendosen, als wären es wahre Schätze. Die Müllmillionäre waren fast ein wenig stolz darauf. Alles mußte »Öko« sein. Jede Woche gab es irgendeine Frauenzeitschrift, die ihren Leserinnen erklärte, woran ein ökologischer Liebhaber zu erkennen sei.
Wahrscheinlich dauerte es nicht mehr lange, dann würden sich die ersten Öko-Lover bereits einen Grünen Punkt auf die Stirn pappen. Mein Körper wird recycelt! Willst du mich wiederverwerten?
Die kollektiv ausgebrochene Abfallsammelwut der Deutschen verringerte die Müllmenge allerdings so gut wie nicht. Lars wußte, daß diese Abfallverwertung erneut die Umwelt belastete. Pro Tonne aufgearbeiteten Altpapiers mußte fast eine halbe Tonne schwermetallhaltiger Klärschlämme beseitigt werden. Und zum Schmelzen von Flaschen und Gläsern brauchte man solche Unmengen an Strom, daß diese enorme Energieverschwendung die Umwelt noch mehr vergiftete.
Wirklich wirksam wäre nur eine konsequente Müllvermeidung gewesen, zu der sich aber niemand veranlaßt sah. Der Grüne Punkt beruhigte das deutsche Gewissen. Selbst auf Einwegflaschen, Marke Ex und Hopp, prangte dieser Grüne Punkt und gaukelte vor, alles habe seine ökologische Ordnung. Ein Betrug in Grün. Wäre Lars nicht Abfallberater, sondern Umweltminister, hätte er diesen Grünen Punkt schon längst mit der roten Karte gestoppt. Aber ihn fragte ja keiner. Und auch die hübsche Frau fragte ihn nichts. Verdammt! Das war noch viel schlimmer. Lars hatte die Idee rasch verworfen, die Fotos aus der Türkei in Stuttgart auszustellen. Diese Fotos hätten ja doch nur deutsche Überheblichkeit heraufbeschworen. Wir haben’s ja schon immer gewußt. Seht her, was für Schweine diese Türken sind! Wir Deutschen recyceln wie die Weltmeister, uns gebührt die Öko-Goldmedaille. Und überhaupt, seine Fotos vom Kieselsteinstrand von Kuşadasi konnten gar nicht abschreckend wirken. Dieser wie kunstvoll hingeworfene Dreck sah ja schon wieder schön aus. Ein Fotograf, auch wenn er zufällig Abfallberater ist, achtet nun mal auf andere Dinge. Er entdeckt Ästhetik selbst im Häßlichen. Sein Geld verdiente Lars mit wichtigen Überlegungen zur Müllvermeidung, doch seine Leidenschaft galt der Fotografie, die aber noch nicht so weit entwickelt war, daß er davon hätte leben können.
Entscheidender als das, von dem man lebt, ist aber das, von dem man träumt.
Und die Fotografie schenkte Lars wunderschöne Träume. Der Traum von der eigenen Ausstellung! Der Traum von Anerkennung und bewundernden Blicken! Endlich etwas erreichen, worauf man wirklich stolz sein kann. Jeder braucht im Leben Ziele, an denen man sich um so besser aufrichten kann, je größer sie sind und je weiter sie entfernt liegen.
Der Kampf gegen den Abfall verhalf Lars nur zu einem Teil der Befriedigung, die er brauchte. Er wollte seine Kreativität auch den schönen Seiten des Lebens widmen. Heimlich hatte er beschlossen, berühmt zu werden. Weil dies mit seinem Müll niemals gelingen würde, brauchte er dafür die Fotografie. Lars sammelte teure Fotobände, aus denen er Ideen klaute. Wenn er abends zum Essen ausging, boykottierte er die teuren Restaurants. Nur in Buchhandlungen war er bereit, die Zahlen auf den Rechnungen zu übersehen, weil er zu diesen Fotobänden ein fast schon erotisches Verhältnis hatte. Er streichelte sie mit seinen Augen, blätterte darin mit einer Sorgfalt, als wären die Seiten zerbrechlich. Seine Lieblingsfotografen waren Bruce Weber, Michel Comte, Paulo Autobridge und Herbert List. Daheim mußte er seine Bücherregale immer wieder anbauen. Eines Tages, das wußte Lars, würde er ein Buch mit seinen Fotos dazustellen.
Sollte er der Frau neben ihm, die ihn an Rita erinnerte und die sich als Französin fühlte, von seinen Träumen erzählen? Kathrin schien ja selbst zu träumen, jetzt, da sie das Buch aus der Hand gelegt hatte, weil Lars es doch geschafft hatte, sie davon abzulenken.
Die Augen mit den dunkel gefärbten Wimpern geschlossen, rutschte sie tiefer in das Polster ihres Sitzes. Ihre Gesichtszüge entspannten sich immer mehr, als würde ein schöner Gedanke Kathrin von innen streicheln. Ihre Urlaubsbräune machte Make-up überflüssig. Eine gesunde Farbe, die Frische ausstrahlte. Die kleine süße Nase inmitten eines feingeschnittenen Gesichts erinnerte an Kleopatra aus den Asterix-Heften. Kathrins blonde Haare, die zart auf die Schultern fielen und einen wirkungsvollen Kontrast zu dem von der Sonne bemalten Teint boten, stellten aber jede ägyptische Schönheit in den Schatten. Lars fühlte sich von ihr seltsam angezogen. Als habe sie auf einen Knopf in seinem Kopf gedrückt, und jetzt waren sämtliche Sensoren auf Empfang gestellt.
Am liebsten hätte er sie auf der Stelle engagiert – als Model für sein Fotostudio, das er im »Kinderzimmer« seiner Dreizimmerwohnung eingerichtet hatte. Lars malte sich bereits die Bildkomposition aus. Ein weiches Licht, das ihren Körper geradezu liebkost und dessen Sanftheit noch unterstreicht. Ohne Kleider kniet Kathrin auf dem Boden, den Kopf zwischen den Beinen vergraben. Die seidenen Haare bedecken die Blöße und schimmern im Schein der Studioleuchten noch eine Spur intensiver. Nur ein Schwarzweißfilm kam dafür in Frage. Farbe würde nur ablenken. Wer sich auf das Wesentliche beschränken kann, sieht mehr.
Aber auch selbst für den Fall, daß sich Kathrin nicht für Aktfotos zur Verfügung stellen würde, wollte Lars sie gern zu sich nach Stuttgart einladen. Doch verdammt, wie sollte er das nur anstellen? Lars wußte, daß er irgendwas sagen mußte, bevor sie sich in den Schlaf davonmachte. Worüber sollte er mit ihr reden? Er wußte so gut wie nichts von ihr, kannte gerade mal ihren Vornamen. Reden wir halt darüber, dachte Lars.
»Deine Eltern haben dir den richtigen Vornamen gegeben. Kathrin. Damit haben die Franzosen keine Probleme, den können sie aussprechen. Überleg mal, wenn du Helga heißen würdest. Alle würden Elga zu dir sagen.« Kathrin öffnete die Augen, sah zu ihm rüber, erwiderte aber nichts.
»Wie heißt du eigentlich weiter«, hakte Lars nach, »also, mein Nachname ist ein Sammelbegriff. Müller.«
Kathrin lächelte, wenn auch nur zaghaft. Doch Lars buchte dieses Lächeln bereits als ersten Gewinn ab. Mit diesem Lächeln erschien ihm Kathrin gleich ein wenig vertrauter. Obwohl er noch auf dem B-Platz saß, war er schon etwas in Richtung A gerückt.
»Und mein Nachname ist ein Geheimnis«, sagte Kathrin, als wolle sie ihren A-Platz ganz für sich allein. Sie rutschte schnell wieder weg, indem sie neue Rätsel aufgab.
»Wieso ein Geheimnis? Bist du die Tochter eines berühmten Politikers oder eines Fernsehstars? Kathrin Kulenkampff vielleicht. Hat der Kuli eine Tochter?«
»Quatsch.« Der etwas barsche Unterton ihrer Antwort erstaunte Lars. Er hatte sich doch schon näher bei ihr vermutet. Jetzt war er so überrascht, daß ihm nichts Originelles einfiel.
»Hast du auch Urlaub in der Türkei gemacht?«
Lars merkte im selben Moment, daß ihn diese Frage weit zurückwarf. Diese Frage hatte aber auch gar nichts mit der Schlagfertigkeit zu tun, der er sich sonst so spontan zu bedienen wußte. Daß Kathrin in der Chartermaschine saß, beantwortete doch die Frage bereits ausreichend. Genausogut hätte er ja fragen können, ob sie denn eine Frau sei.
»Muß schon sagen, du bekommst alles heraus«, antwortete Kathrin, und daran merkte Lars, was sie von dieser Frage hielt. Aber er reagierte nicht schnell genug. Die nächste dumme Frage rutschte ihm gleich hinterher. »Wir hatten schon verdammtes Glück mit dem Wetter.«
»Wollen wir jetzt übers Wetter reden oder doch lieber übers Essen?«
»Aber die Franzosen reden doch gern übers Essen.«
»Wir reden dabei, nicht darüber. Und vor allem genießen wir es. Franzosen machen daraus ein Fest, die Deutschen haken nur ab. Suppe, Hauptgericht, Dessert, die Rechnung bitte.«
Lars wußte, er mußte jetzt rasch umschalten, wieder witzig werden.
Zum Glück erinnerte sich Lars gerade noch rechtzeitig an einen lustigen Abend mit dem Stadtjugendring, der Jugendliche aus vielen Ländern Europas eingeladen hatte. Abwechselnd gab jeder Tierlaute von sich, wie man sie eben in der jeweiligen Heimat kennt. Esel, Schafe oder auch Kühe machen in jedem Land anders. Tierisch!
»Bei euch in Frankreich sprechen ja selbst die Kühe ausländisch«, sagte Lars mit einem witzig summenden Unterton, »Muuh sagen unsere Kühe. Doch die französischen Kühe sagen Mööh.«
Lars blökte dieses Mööh so laut, daß ihn plötzlich von allen Seiten die Fluggäste mit einem entweder verwunderten oder fassungslosen Blick anstarrten. Ein Verrückter, überall sind Verrückte! Wenn der jetzt nur nicht ins Cockpit stürmt und die Maschine entführt!
»Du siehst, ich kann auch Französisch!« Lars lächelte – und wie! Seine Augen verkleinerten sich dabei zu Schlitzen, unter die sich witzige Falten legten. Ein fast schon hypnotischer Blick stach aus diesen Schlitzen.
Lars hatte wieder zu seiner alten Form gefunden und warf seine Worte wie Konfetti hin, bunte Schnipsel, die witzig aussehen, aber nicht bedeutend sind. Keiner muß sie aufheben, ständig flattern ja neue nach, noch schönere.
Das Eis war schon dabei zu brechen. Kathrin vergaß ihr Buch und amüsierte sich über den deutschen Abfallberater, der nun erst richtig loslegte, um die höchsten Sympathiewerte zu erringen. Lars strengte sich dabei an, als müsse er eine schwere Prüfung bestehen.
»Franzosen sind doch nur schlechtgelaunte Italiener«, gab Lars von sich, auch wenn er auf diesen Spruch kein Copyright hatte. Doch Lars hatte ein großes Archiv in seinem Kopf.
Zitate, die ihm gut gefielen, vergaß er nicht und waren jederzeit abrufbereit. Und deshalb rief er schnell noch ein weiteres Zitat ab. Als stamme der Gedanke von ihm selbst, behauptete Lars recht überheblich, daß der Hahn nur deshalb das Wappentier Frankreichs sei, weil er das einzige Tier sei, das mit den Füßen auf einem Haufen Mist stehe und trotzdem noch angeberisch krähe.
»Typisch französisch eben«, setzte Lars noch bissig drauf, »der deutsche Adler dagegen hat Würde!« Dieses Zitat freilich forderte Kathrin zum Widerspruch auf, was Lars ja auch bezwecken wollte. So was habe sie noch nie gehört, protestierte Kathrin. Deutsche Würde und französischer Mist! Der Adler sei doch nur ein Zeichen für deutsche Selbstüberschätzung, während die Franzosen mit ihrem Hahn bäuerliche Bescheidenheit bewiesen.
Auf ihre Franzosen ließ sie ja nichts kommen. Schon vor einem Jahr war Kathrin nach Paris gezogen, weil sie genug von der kleinbürgerlichen Enge in ihrem hessischen Dorf hatte. Paris, das bedeutete Weitläufigkeit, Größe und freies Denken. Nonchalance und Savoir-vivre, die Kunst des Lebens, die Kunst zu leben. Der Rhythmus dieser kosmopolitischen Metropole ist schneller und läßt erst gar keine Langeweile zu.
Mit siebenundzwanzig braucht man noch eine gewisse Unruhe im Leben, um die Altersstarre abzuwehren, die schon lang vor ihrer Zeit versucht, einen Körper heimlich zu unterwandern. In Frankreich, so hatte sie ihren Freunden den Umzug erklärt, sind Genußmenschen zu Hause, keine langweiligen Arbeitstiere. Wenn die Deutschen fleißige und kräftige Ackergäule sind, dann sind die Franzosen elegante Vollblüter. Allein schon die Autolichter sagen alles. Das grelle Weißlicht der Deutschen, hart und durchdringend. Und das weiche Gelblicht der Franzosen, sanft und nicht so aufdringlich.
Kathrin liebte die Sprache der Franzosen, die nicht so hart und hölzern klingt wie die der Deutschen. Diese Sprache besitzt eine weiche Melodie. Worte werden fast schon gesungen. Sanft bewegen sich die Sätze auf und ab. Das ist kein hartes Trampeln, das alles plattwalzt. Deutsche Touristen fallen in Paris bereits durch ihr lautes Organ auf. Was sie sagen, klingt immer übertrieben kraftvoll, weil die deutsche Sprache die zarten Zwischentöne nicht kennt. Entsprechend verhalten sich die Männer. Sie haben es nicht gelernt, ihre Gefühle gebührend auszudrücken. Kathrin hatte genug von deutschen Männern. Zu oft war sie von ihnen enttäuscht worden. Damit sollte nun ein für allemal Schluß sein.
Daß sie wiederholt Pech mit Männern gehabt hatte, führte sie auf den Umstand zurück, es immer wieder mit deutschen versucht zu haben. Erotische Raffinesse ist ihnen fremd. Sie schaffen es nicht, zu Genießern zu werden, weil sie nicht glauben wollen, wie leicht das geht. Kathrin kultivierte ihr Vorurteil zu einer besonderen Form von Fremdenfeindlichkeit. Ihre eigenen Landsleute waren für sie Fremde, die sie gar nicht erst begreifen wollte. Diese Mühe konnte sie sich sparen, weil sie niemals belohnt würde.
Also, nie mehr was mit einem deutschen Mann! Dies war nun ihr oberstes Gebot, das in einer französischen Stadt mit angenehm geringer Deutschen-Dichte leicht zu befolgen war.
Zwar hatte sie noch nicht ihren Pariser Prinzen aufgespürt, aber das, so wußte sie, war nur eine Frage der Zeit. Damit hatte sie es nicht eilig, weil ihr das Leben leichter erschien, wenn sie es ganz allein für sich entdecken konnte. Einer festen Beziehung wollte sie aus dem Weg gehen, wie man an einem Stau vorbeifährt, wenn man ihn rechtzeitig erkennt. Kathrin liebte das Tempo, das eine feste Beziehung wie ein Autostau nicht zuläßt.
Erst einmal würde eine Affäre genügen.
In ihrem Fall genügte ein zwanzigjähriger Franzose.
Henri, der verdammt hübsch war, aber auch verdammt jung, weshalb sie nur wenig von ihm wollte. Mehr als der klassische Liebhaber mochte dieser solariumgebräunte Henri auch gar nicht sein. Ein permanentes Lächeln auf einem fast feminin geformten Gesicht. Dunkle Augen, die gelernt hatten, verführerisch zu leuchten, sobald sie eine Frau anvisierten. Frecher Kurzhaarschnitt, der Männlichkeit betonen sollte, die in deutlich sichtbaren Ansätzen schon vorhanden war, aber eben doch nur schwach, so daß sie nicht zu aufdringlich um sich schlug.
Ein Hauch von jugendlicher Unberührtheit umgab ihn, was seine Anziehungskraft auf Frauen weiter, steigerte, die nicht lange auf den Beweis des Gegenteils warten mußten. Nein, wer so stürmt, hat die Jahre seiner Unberührtheit schon weit hinter sich gelassen.
Typ Latin Lover, aus gutem Hause, der keine Beschränkungen kennt und das Klischee vom sorgenlosen Sonnyboy wie in einem billigen Film hundertfünfzigprozentig erfüllte. Beruf: Sohn, der am Wochenende am liebsten mit offenem Cabrio in die Bretagne brauste, ins Ferienhaus der reichen Eltern. Die Welt liegt mir zu Füßen, erst recht die Frauenwelt. Ein Mann für gewisse Stunden, die manchmal wie Minuten vergingen – immerhin.
Henri hielt faire l’amour für einen Sport, bei dem er sich immer beweisen mußte, der Beste zu sein. Und gäbe es eine Olympiade in dieser Disziplin, Henri hätte genug Medaillenchancen. Kathrin genoß das Zusammensein mit diesem Champion, aber auch das Unverbindliche, das als ungeschriebenes Gesetz über dieser Freundschaft stand und ihr deshalb die Freiheiten ließ, die sie brauchte.
Kathrin hatte sich nicht festgelegt, war aber trotzdem nicht alleine. Sie konnte eigene Wege gehen. Wenn es ihr gerade danach war, würde sie einem erotischen Mann erlauben, sie auf einem dieser Wege ein Stück weit zu begleiten. Sollte er plötzlich aber nerven, würde sie ihn einfach stehenlassen, ohne von einem schlechten Gewissen geplagt zu werden. Just for fun. Das Leben, eine lustig flackernde Amüsierbude. Hereinspaziert, hereinspaziert! Ach, wie schön ist diese Glitzerwelt, die Illusionen bereithält und die Härte vergessen läßt, die draußen lauert und nicht durchschlagen kann, wenn man sich auf dieses schnelle Spiel des schönen Scheins einläßt.
Die großen Gefühle hielt Kathrin besser noch zurück, weil sie viel zu gefährlich sind.
Kathrin kannte die Grundgesetze der großen Gefühle ja gut genug. Plötzlich wird daraus ein großer Schmerz.
Kathrin hatte ihn schon oft erlitten. Das dauert immer Monate, manchmal gar Jahre, bis man sich davon wieder erholt. Doch jetzt lebte sie ja in Frankreich, im Land der sehr gut erträglichen Leichtigkeit des Seins, im Land der angeborenen Lässigkeit.
Zu hohe Erwartungen sind eine Last für die Liebe, die nur selten so stark ist, um dieses Gewicht stemmen zu können. Meist sinkt man irgendwann mal darunter zusammen. Kathrin konnte, was viele Frauen nicht können. Sie konnte sich einen schönen Körper nehmen, ohne den Besitzer dafür lieben zu müssen. Dies hatte sie von den Franzosen gelernt. Wer gut essen will, muß deshalb nicht dem Koch das Versprechen abgeben, nur noch zu ihm zu kommen.
Henri war exakt der Richtige, solange die Richtung noch nicht exakt feststand, die sie in ihrem Leben einschlagen wollte. Die Männer, die Kathrin gefielen, mußten entweder grün oder grau sein. Henri war ein grüner, unreifer Bonsai-Macho, der Erotik mit einer niedlichen Unschuldsmiene aus feurig-dunklen Augen verschoß. Bei Henri konnte man aber nicht sicher sein, ob er nicht schon am nächsten Tag zur nächsten Frau eilte, um auch bei ihr herauszubekommen, was mit einem so zarten Körper alles anzufangen sei. Doch wenn es auch so wäre, Kathrin wußte es wirklich nicht, er würde immer wieder zu ihr zurücckehren. Daran jedenfalls zweifelte sie nicht. Kathrin hatte in Paris nicht nur ihre französischen Sprachkenntnisse perfektioniert, sondern auch ihr Selbstbewußtsein. Davon erzählte sie aber ihrer Flugzeugbekanntschaft nichts.
Lars erkundigte sich zunächst auch nur nach ihrem Beruf, weil er sich noch nicht traute, sie zu fragen, ob sie wie er denn solo sei. Und so erfuhr Lars, daß Kathrin in Paris einen Job bei einem Reisebüro mit einem englischen Namen gefunden hatte, das sich ganz in der Nähe der Opéra befand. Sie war rasch aufgestiegen, weil sie zwei Sprachen beherrschte, deutsch sowieso und französisch immer besser. Kathrin konnte (typisch deutsch, wie ihre Kollegen meinten) gut organisieren, und das machte ihr großen Spaß.
Ihr Chef war begeistert. Die deutsche Frau mit dem französischen Lebensgefühl kam bei den Touristen gut an, für die sie Hotels buchte und Programme machte. Zwar hatte es Kathrin oft mit Reisegruppen zu tun, die nicht unbedingt für Deutschland warben, doch nie ließ sie sich anmerken, was sie von ihren Landsleuten hielt. Es war in Wahrheit ja ein raffiniertes Spiel, das Kathrin köstlich amüsierte. Auch wenn sie innerlich auf deutsche Touristen herabblickte, gab sie ihnen nie die Gelegenheit, dieses Spiel zu durchschauen. Wenn sie erlebte, wie ungeduldig die Deutschen im Restaurant auf ihr Essen warteten, wie sie sich aufführten, sollte mal nicht alles perfekt funktionieren, dann wußte sie, warum sie nach Frankreich gezogen war.
Kathrin bewunderte die Gelassenheit der Franzosen und machte sich einen Spaß daraus, deutsche Spießer durch Paris zu führen, die es nicht abwarten konnten, endlich im Rotlicht von Pigalle auf die Pauke zu hauen. Daheim die braven Biedermänner, aber hallo, in der Weltstadt darf die Sau mal raus! Bellende Säue aber beißen nicht. Nur selten schaffte es eine der Damen, mit ihren schwarzen Netzstrümpfen und ihren verzweifelt kurzen Röcken, jemand aus Kathrins Gruppe mit auf ihr Zimmer zu schleifen, um ihn von einem ganz bestimmten Druck zu befreien. Ihr Interesse galt, was sie aber geschickt tarnten, nur dem Druck der Deutschmark-Scheine im Geldbeutel, um nichts anderes ging es ja.
Kathrin war im vergangenen Jahr besonders erfolgreich gewesen. Niemand aus ihrem Reisebüro hatte so viele Touristen durch Paris geführt, und dafür hatte es eine Prämie gegeben. Eine Woche in einem türkischen Luxushotel. Die Woche war vorbei, und Kathrin flog zurück – zunächst aber nach Frankfurt, um bei ihren Eltern endlich das Versprechen einzulösen, sie mal wieder zu besuchen.
Doch schon am übernächsten Tag wollte Kathrin heim nach Paris, nur dort konnte sie sich von den Anstrengungen eines Aufenthalts in einem türkischen Luxushotel erholen.
Eine Frau, die allein reist, nobel absteigt, wird von türkischen Kellnern, Portiers, Bademeistern, Eisverkäufern, Busfahrern und Liegestuhlvermietern nicht in Ruhe gelassen. Bei den jungen Burschen stehen deutsche Single-Frauen hoch im Kurs, von denen sie sich das versprechen, was ihnen die türkischen Mädchen vor der Ehe nicht geben dürfen. Selbst der Juniorchef des Vespa-Verleihs hatte es nicht zulassen wollen, daß sie allein auf dem dröhnenden Gefährt ins Landesinnere brauste. Und wenn Kathrin meinte, auf ihrem Liegestuhl endlich mal nur die Sonne und den Meereswind genießen zu können, tauchte ein junger Türke nach dem anderen auf, um angeblich nur Bananen, Coca-Cola oder Orangentee anzubieten. Doch das Verkaufsgespräch hatte sich stets in die Länge gezogen, was nicht an Sprachproblemen liegen konnte. Denn in den Touristenstädten kennt jeder Türke die deutschen Worte, die für das Nötigste reichen. Was sie dagegen nicht so gut kennen, ist der Körper einer Frau, den sie deshalb mit neugierigem Blick im Zeitlupentempo erforschten. Auch französische Männer können aufdringlich sein. Nur ihnen konnte Kathrin so manches verzeihen; es waren ja Franzosen, das erklärte vieles.
Die Stewardeß schob nun den Wagen mit dem Mittagessen durch den engen Gang. Jedem Fluggast sein Plastikgeschirr. Das mußte einem Abfallberater eigentlich auf den Magen schlagen, der doch daheim dafür bezahlt wurde, die Segnungen der Müllvermeidung zu predigen. Sollte Lars etwa aus Protest auf Spaghetti Bolognese verzichten? Sein Idealismus ging aber doch nicht so weit. Wenn gewisse Grenzen erreicht sind, darf man gute Vorsätze schon mal vergessen. Ein hungriger Magen ist so eine Grenze. Für Lars war das Plastikgschirr aber ein willkommener Anlaß, Kathrin über die Bedeutung seines Berufs aufzuklären.
»Umweltschutz ist ein Fremdwort für Franzosen«, kritisierte der städtische Abfallberater in einem Ton, der schon als hochnäsig zu bezeichnen war und deshalb Kathrin zu einer raschen Verteidigungsrede herausforderte.
»Aber wir nehmen euren Dreck auf, den ihr über die Grenze karrt. Ihr glaubt, mit eurem vielen Geld alles regeln zu können. Und der Müll, der im eigenen Land zurückbleibt, wird einfach zu Wertstoff erklärt. Damit bereinigt ihr eure Abfallstatistik und seid auch noch mächtig stolz darauf. Rechenkunst macht aber noch keinen Umweltengel.«
»Wir machen uns wenigstens ein paar Gedanken mehr. Der Rest der Welt tut so, als gäbe es noch eine Ersatz-Welt, die man aus dem Vorratsschrank hervorholen kann, wenn die erste im Müll erstickt ist.«
»Wenn sie mal wirklich in Müll erstickt, und das wird nicht mehr lange dauern, dann ist dieser Müll vor allem made in Germany. Je größer der Wohlstand, desto größer der Überfluß. Die Deutschen leben im Überfluß wie kein anderes Volk und meinen, ihr Gewissen sei so rein wie eine mit Ariel gewaschene Unterhose, nur weil sie Kunststoffmüll zu Ballen pressen, die sie dann auf die Schnelle fortschaffen. Beispielsweise über die Grenze nach Frankreich. Auch der Müllexport in die Ex-DDR soll ja prima geklappt haben. Aus den Augen, aus dem Sinn. Die Deutschen denken, das Müllproblem sei gelöst, wenn aus ihren Shampooflaschen und Quarkbechern in einem indonesischen Aufarbeitungsbetrieb bunte Hausschlappen für Asiaten werden.«
»Lieber Hausschlappen in Indonesien als Urananreicherung in Frankreich. Aber ihr werdet das auch noch lernen. Höchste Zeit, daß Frankreich mal aufwacht!«
Lars balancierte auf einem schmalen Grat zwischen Provokation und Komplimenten. Er hatte seinen Spaß daran, die Franzosen mit ihren Umweltsünden bloßzustellen, damit konnte er Kathrin ja herrlich provozieren. Gleichzeitig aber schob er ihr unauffällig Komplimente zu, indem er sich im selben Atemzug über deutsche Saubermänner lustig machte, vor denen Kathrin natürlich aus gutem Grund geflohen war. Wenn er etwas aus seiner langen Zeit mit Rita gelernt hatte, dann dieses: Frauen mögen es nicht, wenn man immer nur das sagt, was sie erwarten. Sie wollen provoziert werden, um widersprechen zu können. Das mögen alle Frauen besonders gern.
Lars benutzte das eine oder andere Vorurteil, um den Frankreichfan an seiner Seite ein wenig zu sticheln. Doch er ließ gleichzeitig keinen Zweifel daran, daß er ebensowenig imstande war, die Deutschen in den Himmel zu loben.
Geschickt zog er seine Landsleute ins Lächerliche. Wie sie sich in ihrer eigenen Küche nicht mehr bewegen können, weil überall Abfalleimer den Weg versperren. Eifrig sammeln sie Müllsorte für Müllsorte, sie sammeln und sammeln, obwohl später doch auf irgendeiner dunklen Deponie wieder zusammenwächst, was zusammengehört. Lars trug das so komisch vor, daß Solidarität über den Wolken entstehen konnte, die nur einen Sinn hatte, nämlich in Sympathie umzuschlagen.
Lars sprach nicht nur mit dem Mund, sondern noch eindringlicher mit den Augen. Aus den Blicken, die er zu Kathrin schickte, sprach was Schelmisches, und sie verfehlten deshalb ihre Wirkung nicht. Kathrin entdeckte in seinen Augenschlitzen direkt Witz, was sie von deutschen Männern so nicht kannte.
Sein Gesicht war sonnengebräunt, von herrlichen schwarzen Locken eingerahmt. Bei diesem Haarwuchs war der liebe Gott wohl sehr großzügig gewesen – und ein Topfriseur mit seinem Schnitt anscheinend besonders sorgfältig. In puncto Glanz war allerdings wahrscheinlich auch reichlich Gel mit im Spiel. Seine Nase war sonderbar gebogen und wirkte ein wenig wie eine Fehlkonstruktion, so daß man diesen Lars nicht als klassische Schönheit bezeichnen konnte. Doch zu perfekt darf ein Männergesicht ja auch nicht sein, es muß markant sein, sonst wirkt es wie ein Gesicht von vielen, austauschbar, langweilig.
Lars wußte, daß es ihm nicht vergönnt war, Frauen mit einem perfekten Körperbau zu blenden. Im angezogenen Zustand machte er noch immer den besten Eindruck und im ausgezogenen lieber schnell das Licht aus.
