Beschreibung

Das Buch, mit dem alles begann – der erste Roman von GRRM

Der Hilferuf seiner Jugendliebe Gwen führt Dirk t'Larien zu der sterbenden Welt Worlorn. Aber als er dort eintritt, scheint Gwen es sich anders überlegt zu haben und versucht, ihn wieder wegzuschicken, denn sie liebt ihren Ehemann Jaan. Doch mit der Heirat ist sie auch in eine Kultur eingetreten, die Frauen keine Selbstbestimmung erlaubt. Dirk kann nicht glauben, dass sie dieses Schicksal freiwillig gewählt hat, und tatsächlich gelingt es ihm, sie zur Flucht zu überreden. Doch mit ihrem Verrat an Jaan haben sie auch dessen Schutz aufgegeben, und Menschenjäger treiben sie in die Enge. Nur einer kann sie noch retten – doch Jaan ist seine Ehre wichtiger als alles andere …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 597

oder

Buch

Der Planet Worlorn ist nach einer Glanzzeit wieder auf dem Weg in die Finsternis des Alls. Bis vor Kurzem war er noch Austragungsort eines riesigen Festivals, an dem sich fast sämtliche bekannten Völker und Kulturen beteiligten und einige Städte auf dem Planeten errichteten. Jetzt sind es nur noch Geisterstädte, und langsam senken sich ewiger Winter und ewige Nacht über Worlorn. Trotzdem ist das Leben auf dem Planeten noch nicht ganz erloschen. Als Dirk t’Larien einen Hilferuf seiner einstigen großen Liebe Gwen Delvano empfängt, entschließt er sich, nach Worlorn zu reisen, um sie vor ihrem tyrannischen Ehemann Jaan zu retten. Doch die Kultur der Kavalaren, in der Gwen und ihr Mann leben, ist von archaischen Regeln geprägt, die für Außenstehende kaum zu begreifen sind und die den Frauen keinerlei Freiheiten einräumen. Als es Dirk trotzdem gelingt, Gwen zur Flucht zu überreden, ziehen sie die Aufmerksamkeit der fanatischen Braith auf sich, einer Gruppe von Kavalaren, die Menschenjagd als Sport betreiben. Als sie zur Hatz auf Dirk und Gwen ansetzen, kann nur noch Jaan die beiden vor dem sicheren Tod bewahren …

George Raymond Richard Martin wurde 1948 in New Jersey geboren. Sein Bestseller-Epos Das Lied von Eis und Feuer wurde als die vielfach ausgezeichnete Fernsehserie Game of Thrones verfilmt. George R.R. Martin wurde sechsmal der Hugo Award, zweimal der Nebula Award, dreimal der World Fantasy Award (u. a. für sein Lebenswerk und besondere Verdienste um die Fantasy) und dreimal der Locus Poll Award verliehen. 2013 errang er den ersten Platz beim Deutschen Phantastik Preis für den besten internationalen Roman. Er lebt heute mit seiner Frau in New Mexico.

DIE FLAMMEERLISCHT

ROMAN

Ins Deutsche übertragenvon Werner Fuchs

Vollständig durchgesehen und überarbeitetvon Catherine Beck

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel»Dying of the Light« bei Simon & Schuster, New York.

1. AuflageNeuausgabe Februar 2016bei Penhaligon, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenCopyright © 1977 by George R.R. MartinPublished by agreement with the authorand the author’s agent, The Lotts Agency, Ltd.Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2003 byFantasy Productions, Verlags- und Medienvertriebs-GmbH, ErkrathUmschlaggestaltung und Artwork: © Isabelle Hirtz, InkcraftRedaktion: Sarah NickHK · Herstellung: samSatz: DTP Service Apel, HannoverISBN 978-3-641-18409-4V001www.penhaligon.de

Für Rachel, die mich einst liebte

PROLOG

Ein Einzelgänger war diese Welt, ein Wanderer ohne Ziel, von der Schöpfung ausgesetzt und im Stich gelassen.

Unzählige Jahrhunderte schon dauerte ihr Sturz, ein einsames, sinnloses Fallen durch den kalten, leeren Raum zwischen den Sonnen. Generationen von Sternen hatten sich in erhabenem Dahingleiten an ihrem trostlosen Himmel gezeigt. Nicht einem von ihnen gehörte sie an. Diese Welt war ganz auf sich allein gestellt. In gewisser Weise war sie noch nicht einmal ein Teil der Galaxis; bei ihrem Sturzflug durchschnitt sie die galaktische Ebene wie ein Nagel, der durch einen runden, hölzernen Tisch getrieben wird. Sie gehörte nirgendwohin. Und das Nirgendwo war zum Greifen nah.

Als die Geschichte der Menschheit ihren Anfang nahm, durchdrang die unstete Welt einen Vorhang aus interstellarer Materie, der ein unbedeutendes Fleckchen nahe der Oberkante unserer linsenförmigen Galaxis verdeckte. Eine Handvoll Sterne ragte darüber hinaus – dreißig vielleicht, nur ein paar. Dann Leere und noch schwärzere Nacht, als sie der Einzelgänger je gekannt hatte.

Dort, beim Sturz durch diese schattige Grenzregion, traf er auf das Verstreute Volk.

Die Erdimperialen entdeckten ihn zuerst, auf dem Höhepunkt ihrer unbesonnenen, trunkenen Expansion, als das Bundesimperium der Alten Erde noch versuchte, alle Welten der Menschheit über unermessliche Klüfte hinweg zu regieren. Das Kriegsschiff Mao Tse-tung, bei einem Angriff auf die Hranganer schwer beschädigt, die Besatzung tot hinter den Kontrollen, der Antrieb schon flackernd, sollte das erste Schiff aus menschlichem Einflussbereich sein, das hinter Tempters Schleier getrieben wurde. Die Mao war ein Wrack, ohne Luft und voll grotesker Leichen, die langsam taumelnd durch die Korridore schwebten und alle Jahrhunderte einmal gegen die Schotten stießen; aber die Computer des Schiffs waren noch intakt und wiederholten blindlings ihre Rituale. Die Ortung funktionierte noch gut genug, um den namenlosen Planeten auf den Tabellen festzuhalten, als das Geisterschiff den Planeten im Abstand von wenigen Lichtminuten passierte. Fast sieben Jahrhunderte später stieß ein Handelsschiff von Tober auf die Mao Tse-tung und die ausgespuckten Daten. Celia Marcyan war die zweite Entdeckerin. Während des Interregnums, der Übergangsregierung, die dem Zusammenbruch folgte, umkreiste sie mit ihrem Shadow Chaser einen Standardtag lang den dunklen Planeten. Aber außer nacktem Fels, Eis und ewiger Nacht barg der Einzelgänger nichts für sie, und so dauerte es nicht lange, bis Celia wieder aufbrach. Sie verteilte jedoch gern Namen und gab auch dieser Welt einen, bevor sie verschwand. Worlorn nannte sie den Planeten, ohne jemals zu erwähnen, was der Name bedeuten sollte. Und so blieb es bei Worlorn, und Celia wandte sich anderen Welten und Ereignissen zu.

Kleronomas war im Jahre pi-46 der nächste Besucher. In seinem Vermessungsschiff flog er den Planeten einige Male an und kartografierte dessen öde Oberfläche. Auch die Geheimnisse des Planeten blieben seinen Sensoren nicht verborgen: Worlorn war größer und reicher an Bodenschätzen als die meisten anderen Welten. Vereiste Ozeane und eine gefrorene Atmosphäre dämmerten ihrer Befreiung entgegen. Manche sagen, dass es Tomo und Walberg waren, die bei ihrem wahnsinnigen Unterfangen, die Galaxis zu durchqueren, als Erste auf Worlorn landeten. Stimmt das? Wahrscheinlich nicht. Jede von Menschen besiedelte Welt hat ihre eigene Geschichte um Tomo und Walberg. Die Träumende Hure kehrte jedoch nie zurück; wer kann also wissen, wo sie landete?

Spätere Kontakte waren mehr von Fakten als von Legenden geprägt. Ohne Sonne und ohne Leben, war Worlorn für die Menschen kaum von Interesse und wurde zu einer Eintragung unter vielen auf den Sternenkarten des Rands, jener Ansammlung dünn besiedelter Welten zwischen den rauchdunklen Gasen von Tempters Schleier und dem Großen Schwarzen Meer.

Endlich, im Jahre pi-446, machte ein Astronom auf Wolfheim Worlorn zum Thema seiner Studien, und zum ersten Mal bemühte sich jemand darum, sämtliche Daten zu koordinieren. Der Wolfmensch-Astronom hieß Ingo Haapala und geriet, wie es bei Wolfmenschen häufig der Fall ist, in helle Aufregung. Er stürzte aus seinem Computerraum, denn auf Worlorn sollte es bald Tag werden – langer, strahlender Tag.

Die Sternenkonstellation, die man Feuerrad nannte, leuchtete an jedem Himmel der Außenwelten, und dieses Wunder war sogar auf der weit im Inneren der Galaxis liegenden Alt-Erde bekannt. Mittelpunkt des Systems war ein roter Superriese, Nabe, Höllenauge oder auch Fetter Satan genannt – er hatte wohl ein Dutzend Namen. In einer Umlaufbahn befanden sich in gleichen Abständen die anderen Sonnen wie sechs gelb flammende Murmeln: die Trojanischen Sonnen, Satans Kinder, die Höllenkrone. Die Namen spielten keine Rolle. Worauf es ankam, war die Formation des Rads; sechs mittelgroße gelbe Sterne, die ihrem aufgeblähten roten Meister huldigten und das unwahrscheinlichste und zugleich stabilste multiple Sternensystem darstellten, das man je entdeckt hatte. Das Rad war eine Sensation, ein neues Mysterium für eine Menschheit, der die alten Rätsel zu langweilig geworden waren. Auf den hoch entwickelten Welten arbeiteten Wissenschaftler an Theorien, die das Phänomen erklären sollten. Jenseits von Tempters Schleier hingegen entstand ein Kult, und jedermann sprach von einer ausgestorbenen Rasse stellarer Ingenieure, die selbst vor dem Transport von Sonnen nicht haltgemacht hatte, um sich ein Denkmal zu setzen. Wissenschaftliche Spekulationen und abergläubische Verehrung nahmen einige Dekaden lang fieberhaft zu und begannen dann zu schwinden. Bald schon war die Angelegenheit vergessen.

Der Wolfmensch Haapala wies darauf hin, dass Worlorn einmal in den Bereich des Feuerrads kommen und in einer weit geschwungenen, leicht gekrümmten Bahn an dem System vorüberziehen würde. Fünfzig Standardjahre Sonnenlicht, dann wieder hinaus in die Dunkelheit des Rands, vorbei an den Letzten Sternen und hinein in das Große Schwarze Meer intergalaktischer Leere.

Es waren jene unruhigen Jahrhunderte, als Hoch Kavalaan und die anderen Zivilisationen der Außenwelten ihren ersten Stolz verspürten und versessen darauf waren, ihre Namen mit fetten Lettern in die Geschichtsfolianten der Menschheit zu schreiben. Was dann geschah, weiß jeder. Stets hatte das Feuerrad zum Ruhm der Außenwelten beigetragen, aber bis dahin war dieser Ruhm nie auf einen einzelnen Planeten bezogen gewesen.

Als sich Worlorn dem Licht näherte, tobten ein Jahrhundert lang Stürme. Es waren lange Jahre der Eisschmelze, der Vulkantätigkeit und Erdbeben. Nach und nach erwachte die gefrorene Atmosphäre zum Leben, und grässliche Winde heulten wie eine entfesselte Monsterbrut. Mit all dem hatten sich die Außenweltler auseinanderzusetzen. Von Tober-im-Schleier kamen die Terraformer, und die Wettermacher rückten von Dunkeldämmerung her an. Es gab noch andere Teams von Wolfheim, Kimdiss, pi-Emerel und der Welt des Schwarzweinozeans. Aber die Männer von Hoch Kavalaan überwachten alles, da sie den Planeten für sich beanspruchten. Der Kampf dauerte mehr als ein Jahrhundert, und diejenigen, die ihr Leben lassen mussten, sind für die Kinder des Rands noch heute mythische Gestalten.

Aber am Ende war Worlorn gezähmt. Nun entstanden Städte, fremdartige Wälder blühten unter dem Licht des Rads auf, und ausgesetzte Tiere gaben dem Planeten Leben.

Im Jahre pi-589 begann das Festival des Rands. Fetter Satan füllte ein Viertel des Himmels aus, und seine Kinder rahmten ihn leuchtend ein. An jenem ersten Tag ließen die Toberianer ihren Stratoschild schimmern, an dem sich das Sonnenlicht blitzend brach und die Wolken in Kaleidoskopmustern sammelten. Andere Tage folgten, und die Schiffe trafen ein. Von allen Randwelten kamen sie, auch von Planeten jenseits davon, von Tara und Daronne auf der anderen Seite des Vorhangs, von Avalon und Jamisons Welt, von so weit entfernten Welten wie Newholme und Alt-Poseidon – und sogar von Alt-Erde selbst. Fünf Standardjahre lang bewegte sich Worlorn dem Perihel und damit sonnennächstem Punkt entgegen; in den nächsten fünf entfernte er sich wieder davon. Im Jahre pi-599 war das Festival vorüber. Worlorn zog ins Zwielicht ein und fiel der Nacht entgegen.

1

Draußen vor dem Fenster schwappte Wasser gegen die Pfähle des Holzstegs am Rande des Kanals. Dirk t’Larien blickte auf und sah einen flachen schwarzen Lastkahn, der gemächlich im Mondlicht vorüberfuhr. Am Heck stand eine einsame Gestalt, die den Kahn mithilfe einer dünnen dunklen Stange vorantrieb. Alles zeichnete sich deutlich ab, denn Braques Mond zog oben seine Bahn, faustgroß und sehr hell. Hinter ihm waren Stille und rauchige Dunkelheit, ein unbeweglicher Vorhang, der die entfernteren Sterne verbarg. Eine Wolke aus Staub und Gas, dachte Dirk t’Larien. Tempters Schleier.

Der Anfang kam erst lange nach dem Ende: ein Flüsterjuwel. Es war eingewickelt in Lagen aus Silberfolie und weichem, dunklem Samt, genau so, wie er es ihr vor Jahren gegeben hatte.

In dieser Nacht, als er am Fenster seines Zimmers saß, von wo aus er den weitläufigen Kanal überblicken konnte, auf dem Händler ihre Obstkähne entlangstakten, öffnete er die Verpackung. Der Edelstein war so, wie Dirk ihn in Erinnerung hatte: tiefrot und mit dünnen schwarzen Linien überzogen, geformt wie eine Träne. Er dachte zurück an den Tag, als der Esper ihn für sie geschnitten hatte, damals auf Avalon.

Nach langer Zeit berührte er ihn wieder.

Er fühlte sich glatt und sehr kalt an, und tief im Innern seines Gehirns begann das Flüstern. Erinnerungen und Versprechungen, die er nicht vergessen hatte.

Er war aus keinem besonderen Anlass hier auf Braque und erfuhr niemals, wie man ihn gefunden hatte. Aber es war geschehen, und Dirk t’Larien erhielt sein Juwel zurück.

»Gwen«, sagte er leise, nur um das Wort zu formen und die vertraute Wärme auf der Zunge zu spüren. Seine Jenny, seine Guinevere, die Geliebte seiner aufgegebenen Träume. Sieben Standardjahre hat es gedauert, dachte er, während seine Finger das kalte Juwel streichelten, aber sie kamen ihm vor wie sieben Leben. Und alles war vorüber. Was mochte sie jetzt von ihm wollen? Der Mann, der sie geliebt hatte, jener andere Dirk t’Larien, der Versprechen gemacht und Juwelen verschenkt hatte, war tot. Dirk hob eine Hand, um sich eine graubraune Strähne aus den Augen zu wischen. Und plötzlich, unbeabsichtigt, fiel ihm wieder ein, wie Gwen jedes Mal sein Haar zur Seite geschoben hatte, wenn sie ihn küssen wollte.

Mit einem Mal fühlte er sich sehr müde und verloren. Sein sorgsam gepflegter Zynismus geriet ins Wanken, und eine Last drückte auf seine Schultern wie ein Phantomgewicht, die Schwere desjenigen, der er einst gewesen und nun nicht mehr war. Im Laufe der Jahre hatte er sich verändert und es als Reifungsprozess betrachtet – aber jetzt schien diese Weisheit jäh zu zerbrechen. Seine Gedanken schweiften umher, verweilten bei all den Versprechen, die er gebrochen hatte, den Träumen, die er aufgeschoben und schließlich abgelegt hatte, den bloßgestellten Idealen und jener einst glänzenden Zukunft, die der Langeweile und Fäulnis verfallen war.

Warum wollte sie, dass er sich erinnerte? Zu viel Zeit war vergangen, zu viel war mit ihm passiert, wahrscheinlich mit ihnen beiden. Davon abgesehen hatte er nie wirklich gewollt, dass sie das Flüsterjuwel benutzte. Es war die dumme Geste des Heranwachsenden in der Pose des jungen Romantikers gewesen. Kein vernünftiger Erwachsener würde sich an ein derart absurdes Gelöbnis binden. Natürlich konnte er nicht fortgehen. Bisher hatte er kaum Zeit gehabt, sich Braque anzusehen. Er lebte sein eigenes Leben; wichtige Dinge waren zu tun. Nach all der Zeit konnte Gwen unmöglich erwarten, dass er ein Schiff zu den Außenwelten nahm.

Verärgert griff er nach dem Juwel, nahm es in die Hand und schloss seine Faust fest darum. Er würde es aus dem Fenster werfen, beschloss er, hinaus in das dunkle Wasser des Kanals, hinaus und fort mit allem, was damit verknüpft war. Aber einmal in seiner Faust, fühlte sich der Edelstein an wie ein Eiskristall, und die Erinnerungen stachen wie Messer.

… weil sie dich braucht, flüsterte das Juwel. Weil du es versprochen hast.

Seine Hand bewegte sich nicht. Seine Faust blieb geschlossen. Die Kälte in seiner Handfläche wandelte sich von Schmerz zu Taubheit. Jener andere Dirk, der jüngere, Gwens Dirk: Er hatte es versprochen. Aber sie hatte es auch getan. Vor langer Zeit, auf Avalon. Der alte Esper, ein verhutzelter Emereli mit geringem Talent und rotgoldenem Haar, hatte zwei Juwelen geschnitten. Er hatte in Dirk t’Larien gelesen und die Liebe gefühlt, die Dirk seiner Jenny entgegenbrachte. Davon hatte er so viel in den Edelstein hineingelegt, wie es ihm seine bescheidenen psionischen Kräfte erlaubten. Später tat er für Gwen das Gleiche, und schließlich hatten sie die Juwelen getauscht.

Es war seine Idee gewesen. Es wird vielleicht nicht immer so sein, hatte er zu ihr gesagt, ein uraltes Gedicht zitierend. Deshalb hatten sie sich einander versprochen: Sende dieses Andenken, und ich werde kommen. Gleichgültig, wo ich bin, wann es geschieht oder was zwischen uns geschehen ist. Ich werde kommen, und es wird keine Fragen geben.

Aber das Versprechen war zerbrochen. Sechs Monate nachdem sie ihn verlassen hatte, schickte ihr Dirk das Juwel. Sie war nicht gekommen. Seither hatte er nicht mehr damit gerechnet, dass sie das Versprechen je beschwören würde. Doch genau das hatte sie jetzt getan. Erwartete sie wirklich, dass er kam?

Voller Traurigkeit erkannte er, dass der Mann, der er einst gewesen war, zu ihr kommen würde, ganz gleich, wie sehr er sie hassen oder lieben mochte. Aber jener Dummkopf war längst begraben. Die Zeit und Gwen hatten ihn getötet.

Aber noch immer hörte er dem Juwel zu, spürte seine alten Empfindungen und seine neue Müdigkeit. Und endlich blickte er auf und dachte: Vielleicht ist es doch noch nicht zu spät.

Es gibt viele Möglichkeiten, zwischen den Sternen zu reisen. Einige davon sind schneller als Licht, andere sind es nicht, aber alle sind langsam. Die Reise von einem Ende des Menschenimperiums zum andern dauert fast ein Leben lang – und das Menschenimperium mit den verstreuten Welten der Menschheit und der großen Leere dazwischen macht nur den allerkleinsten Teil der Galaxis aus. Aber Braque lag nah am Vorhang, und die Außenwelten waren nicht weit. Es wurde eifrig Handel getrieben, sodass es Dirk leichtfiel, ein Schiff zu finden.

Das Schiff hieß Schaudern der Vergessenen Feinde. Es flog von Braque nach Tara und dann durch den Vorhang nach Wolfheim, weiter nach Kimdiss und schließlich nach Worlorn. Sogar bei Überlicht-Fahrt dauerte die Reise mehr als drei Standardmonate. Nach der Landung auf Worlorn würde die Schaudern noch weiterfliegen, bis Hoch Kavalaan und pi-Emerel und dann zu den Letzten Sternen, ehe sie wendete und ihre ausgedehnte Route zurückverfolgte.

Der Raumhafen auf Worlorn war für eine Abfertigung von zwanzig Schiffen pro Tag angelegt worden – jetzt kam vielleicht noch eines im Monat. Der größere Teil war abgesperrt, dunkel und verödet. Die Schaudern setzte inmitten jenes kleinen Bereichs auf, der noch in Betrieb war, und ließ eine in der Nähe liegende Gruppe Privatschiffe sowie einen teilweise ausgeschlachteten toberianischen Frachter fast winzig erscheinen.

Eine Sektion des riesigen Terminals, jetzt automatisiert und unbelebt, war noch hell erleuchtet, aber Dirk hastete hindurch, jagte in die Nacht hinaus, in eine leere Außenweltnacht, die vor Sehnsucht nach den Sternen seufzte.

Sie warteten direkt vor den Haupteingängen auf ihn, wie er es mehr oder weniger erwartet hatte. Der Kapitän der Schaudern hatte eine Laser-Botschaft abgestrahlt, als das Schiff in den Normalraum zurückgetaucht war.

Gwen Delvano hatte sich zu seinem Empfang eingefunden, aber sie war nicht allein gekommen. Gwen und ihr Begleiter sprachen leise miteinander, als er aus dem Terminal herauskam.

Dirk blieb direkt hinter der Tür stehen, lächelte so lässig, wie er nur eben konnte, und stellte seine leichte Tasche auf den Boden. »Hallo«, sagte er leise, »ich habe gehört, hier wird ein Fest gefeiert?«

Beim Klang seiner Stimme hatte sie sich umgedreht, und jetzt lachte sie ihr vertrautes Lachen. »Nein«, sagte sie, »dafür bist du etwa zehn Jahre zu spät dran.«

Dirk bemühte sich, ein finsteres Gesicht zu machen, und schüttelte den Kopf. »Verdammt!« Dann lächelte er wieder. Gwen kam auf ihn zu, und sie umarmten sich. Der andere Mann, der Fremde, stand regungslos da und schaute zu.

Die Umarmung dauerte nur kurz. Kaum hatte Dirk die Arme um sie gelegt, da entzog sie sich ihm wieder. Nach diesem Intermezzo standen sie dicht beisammen, und jeder betrachtete, welche Veränderungen die Jahre beim anderen bewirkt hatten.

Sie war älter, hatte sich aber kaum verändert, und was ihm anders erschien, beruhte wohl nur auf Lücken in seinem Gedächtnis. Ihre großen grünen Augen waren nicht ganz so groß und grün, wie er sie in Erinnerung hatte. Auch war sie etwas größer, als er sich entsann, und vielleicht auch ein bisschen schwerer. Aber sie war nah genug; sie lächelte auf die gleiche Art, und ihr Haar war wie damals, fein und dunkel, schwärzer als eine Außenweltnacht und wie ein glänzender Strom, der auf ihre Schultern fiel. Sie trug einen weißen Rollkragenpullover und eine Gürtelhose aus derbem Chamäleonstoff, der sich inzwischen nachtschwarz verfärbt hatte, dazu ein breites Stirnband, wie sie es auch auf Avalon so gern angelegt hatte. Ihren Arm schmückte ein Armreif – das war neu. Eigentlich war es eher eine Armspange, ein massives Stück kaltes Silber, mit Jade besetzt, das die Hälfte ihres linken Unterarms bedeckte. Den Ärmel ihres Pullovers hatte sie aufgerollt, um das Stück besser zur Geltung zu bringen. »Du bist schlanker geworden, Dirk«, sagte sie.

Er zuckte die Achseln und schob die Hände in die Jackentaschen. »Ja«, sagte er. Tatsächlich war er fast hager, höchstens ein wenig rund an den Schultern vom Herumhängen. Auch sonst hatten ihn die Jahre altern lassen; sein Haar schimmerte jetzt eher grau als braun – früher war es umgekehrt gewesen –, und er trug es fast so lang wie Gwen, obgleich seines einem gekräuselten Lockenmeer glich.

»Eine lange Zeit«, sagte Gwen.

»Sieben Standardjahre«, nickte er. »Ich hatte mir das anders vorgestellt …«

Der andere Mann, jener wartende Fremde, hüstelte, als wollte er sie daran erinnern, dass sie nicht allein waren. Dirk blickte auf, und Gwen drehte sich um. Der Mann trat näher und verbeugte sich höflich. Er war klein, rundlich und hatte hellblonde, fast weiße Haare. Er trug einen hellen Seidenanzug, ganz in Grün und Gelb, dazu eine winzige schwarze Strickmütze, die trotz seiner Verbeugung an ihrem Platz blieb.

»Arkin Ruark«, stellte er sich vor.

»Dirk t’Larien.«

»Arkin arbeitet mit mir an dem Projekt«, sagte Gwen.

»Projekt?«

Sie blinzelte. »Weißt du nicht einmal, warum ich hier bin?«

Er verneinte. Das Flüsterjuwel war von Worlorn abgeschickt worden; das war alles, was er wusste. »Du bist Ökologin«, sagte er, »auf Avalon …«

»Ja, am Institut. Besser, ich war es, vor sehr langer Zeit. Ich hörte dort auf, bekam mein Beglaubigungsschreiben und habe mich seitdem auf Hoch Kavalaan aufgehalten. Bis ich auf diesen Planeten geschickt wurde.«

»Gwen gehört der Eisenjadeversammlung an«, erklärte Ruark. Die Andeutung eines Lächelns erschien auf seinem Gesicht. »Ich vertrete die Impril-City-Akademie. Kimdiss. Kennen Sie sie?«

Dirk nickte. Ruark war demnach ein Kimdissi, ein Außenweltler, und er gehörte einer Universität an.

»Impril und Eisenjade sind hinter der gleichen Sache her, verstehen Sie? Forschungen über ökologische Interaktionen auf Worlorn. Während des Festivals wurde dieses Gebiet vernachlässigt, weil keine der Außenwelten in Ökologie besonders leitungsfähig war. Eine pi-vergessene Wissenschaft, wie die Emereli sagen. Aber genau das ist das Projekt. Gwen und ich kannten uns gut aus früheren Zeiten. Da wir aus demselben Grund hier sind, ist es wohl nur vernünftig, wenn man zusammenarbeitet und lernt, was es zu lernen gibt.«

»Da haben Sie recht«, sagte Dirk. Er war im Moment wirklich nicht übermäßig an dem Projekt interessiert, er wollte nur mit Gwen sprechen. Er sah sie an. »Du wirst mir später alles darüber erzählen müssen. Wenn wir Zeit zum Plaudern haben. Ich kann mir vorstellen, dass du gern mit mir reden möchtest.«

Sie bedachte ihn mit einem merkwürdigen Blick. »Ja, selbstverständlich. Wir haben in der Tat eine Menge zu bereden.«

Er hob seine Tasche auf. »Wohin?«, fragte er. »Nach einem Bad und einem guten Essen nehme ich es mit jedem auf.«

Gwen wechselte einige Blicke mit Ruark. »Arkin und ich hatten eben darüber gesprochen. Er kann dich aufnehmen. Wir wohnen im gleichen Gebäude, nur ein paar Stockwerke auseinander.«

Ruark nickte. »Mit Freuden. Es ist mir ein Vergnügen, etwas für Freunde zu tun. Und wir beide sind doch Freunde von Gwen, nicht wahr?«

»Hm«, murrte Dirk. »Eigentlich dachte ich ja, dass ich bei dir bleiben könnte, Gwen.«

Geraume Zeit konnte sie ihm nicht in die Augen sehen. Sie sah erst Ruark an, dann auf den Boden, schließlich blickte sie in den schwarzen Nachthimmel. Endlich fanden ihre Augen die seinen. »Vielleicht später«, sagte sie, ohne zu lächeln. »Aber nicht gerade jetzt. Ich glaube nicht, dass es momentan das Beste wäre. Aber wir werden natürlich gemeinsam heimfahren. Wir haben einen Wagen.«

»Hier entlang«, ergänzte Ruark, ehe Dirk etwas erwidern konnte.

Einiges war seltsam. Er hatte die Wiedersehensszene während der Monate an Bord der Schaudern immer wieder durchgespielt. Manchmal hatte er es sich zärtlich und liebevoll vorgestellt, manchmal war es eine wütende Konfrontation gewesen, und oft hatte es Tränen gegeben. Aber so hatte er es sich keinesfalls ausgemalt: peinlich und unter sonderbaren Umständen, mit einem Fremden, der bei allem dabei war. Er begann sich zu fragen, wer Arkin war, und ob seine Beziehung zu Gwen wirklich so war, wie es beide darstellten. Aber andererseits hatten sie kaum etwas gesagt. Ohne zu wissen, was er sagen oder denken sollte, zuckte er die Achseln und folgte ihnen zu ihrem Luftwagen.

Der Weg war recht kurz. Als sie ankamen, erlebte Dirk eine Überraschung. Auf seinen Reisen waren ihm die verschiedensten Luftgleiter aufgefallen, aber keiner war mit diesem zu vergleichen. Er war riesig, stahlgrau und sah mit seinen gebogenen, gewölbten Dreiecksflügeln fast lebendig aus, wie ein großer Stachelrochen der Lüfte im metallenen Kleid. Zwischen den Flügeln befand sich ein Cockpit mit vier Sitzen. Unter den Flügelspitzen nahm er flüchtig ominöse Stangen wahr.

Er sah Gwen an und wies auf die Stangen. »Sind das Laser?«

Sie nickte und deutete dabei ein Lächeln an.

»Zum Teufel, was hat denn das zu bedeuten?«, fragte Dirk. »Der Wagen sieht aus wie eine Militärmaschine. Steht ein Angriff der Hranganer bevor? Etwas Ähnliches habe ich nicht mehr gesehen, seit wir damals die Institutsmuseen auf Avalon besuchten.«

Gwen lachte, nahm ihm die Tasche ab und warf sie auf den Rücksitz. »Steig ein«, forderte sie ihn auf. »Es ist ein vollendet schöner Luftgleiter aus der kavalarischen Produktion. Erst kürzlich haben sie angefangen, eigene Fahrzeuge zu bauen. Er soll wohl ein bisschen wie ein Tier aussehen, wie der schwarze Banshee. Ein fliegendes Raubtier, dazu das Brudertier der Eisenjadeversammlung. Das Tier bedeutet viel in ihrer Folklore, ist eine Art Totem, weißt du?«

Sie kletterte hinein. Ruark folgte ihr etwas verlegen und sprang über den gepanzerten Flügel nach hinten. Dirk rührte sich nicht. »Aber der Wagen ist mit Lasern ausgerüstet!«, beharrte er.

Gwen seufzte. »Sie sind nicht aktiv und waren es auch noch nie. Jedes Fahrzeug, das auf Hoch Kavalaan gebaut wird, trägt Waffen irgendwelcher Art. Es ist so üblich in dieser Kultur, und es betrifft nicht nur Eisenjade. Rotstahl, Braith und der Shanagate-Trutz sind sich in dieser Beziehung alle gleich.«

Dirk ging um den Gleiter herum und stieg neben Gwen ein, aber sein Gesicht zeigte Verblüffung. »Was waren das für Namen?«

»Das sind die vier kavalarischen Festhaltkoalitionen«, erklärte sie. »Betrachte sie als kleine Nationen oder große Familien. Sie haben von beidem etwas.«

»Aber warum die Laser?«

»Hoch Kavalaan ist ein Planet mit einer gewalttätigen Tradition und Praxis«, erwiderte Gwen.

Ruark ließ ein schnaubendes Gelächter hören. »O Gwen«, sagte er. »Das ist völlig falsch, völlig!«

»Falsch?«, fragte sie.

»Genau«, antwortete Ruark. »Total falsch, obwohl du der Wahrheit ganz nah bist. Aber die halbe Wahrheit ist immer die schlimmste Lüge, die es gibt.«

Dirk wandte sich in seinem Sitz um und sah den rundlichen blonden Kimdissi an. »Was?«

»Hoch Kavalaan war ein gewalttätiger Planet, so viel steht fest. Aber heute liegt die Gewalttätigkeit jedenfalls allein bei den Kavalaren. Feindselige Leute, einer wie der andere. Oft sind es Feinde jedweden Lebens. Rassisten allesamt, stolz und eifersüchtig. Sie führen Luftkriege und leben nur für ihre Duellrituale. Ja, und deshalb haben kavalarische Gleiter auch Waffen. Um damit zu kämpfen, in der Luft und überall. Ich warne Sie, t’Larien …«

»Arkin!« Gwen stieß den Namen zwischen den Zähnen hervor, und Dirk stutzte über die Schärfe in ihrem Ton. Unvermittelt warf sie den Schwerkraftneutralisator an und berührte das Steuer. Der Luftgleiter ruckte vorwärts und hob mit protestierendem Heulen schnell vom Boden ab. Der Hafen unter ihnen war dort hell erleuchtet, wo die Schaudern der Vergessenen Feinde zwischen kleineren Sternenschiffen stand, lag ansonsten aber im Schatten. Ringsum war es dunkel, bis hin zum unsichtbaren Horizont, wo sich schwarzer Boden und noch schwärzerer Himmel trafen. Nur dünner Sternenstaub legte einen schwachen Leuchtfilm über das Himmelsgewölbe. Das war der Rand, darunter erstreckte sich der intergalaktische Raum, darüber der düstere Vorhang von Tempters Schleier. Und die Einsamkeit dieser Welt war stärker als alles, was Dirk je an Einsamkeit erfahren hatte.

Beklemmende Stille lag lange Minuten über dem Gleiter. Ruark hatte sich zurückgelehnt.

»Arkin stammt eben von Kimdiss«, sagte Gwen schließlich und rang sich ein Lächeln ab. Doch Dirk kannte sie zu gut, um sich täuschen zu lassen. Sie war keinen Deut weniger erregt als zuvor bei dem Ausbruch.

»Ich verstehe das nicht«, sagte Dirk, der sich ziemlich dumm vorkam, zumal man Verständnis von ihm zu erwarten schien.

»Sie sind kein Außenweltler«, sagte Ruark. »Avalon, Baldur – es spielt keine Rolle, von welcher Welt Sie kommen. Wer im Schleier lebt, kennt die Kavalaren nicht.«

»Wie die Kimdissi«, sagte Gwen, jetzt schon etwas ruhiger.

Ruark grunzte. »Sarkasmus«, erklärte er Dirk. »Kimdissi und Kavalaren sind … Nun, wir kommen nicht gut miteinander aus, wissen Sie? Deshalb erzählt Ihnen Gwen, ich sei voller Vorurteile und man könne mir nicht glauben.«

»Ja, Arkin«, sagte sie. »Dirk, er kennt Hoch Kavalaan nicht, versteht weder die Kultur noch die Leute. Wie alle Kimdissi wird er dir nur das Schlimmste erzählen. Aber alles ist weitaus komplexer, als er zugeben würde. Denke bitte daran, wenn dieser glattzüngige Halunke damit beginnt, dich zu bearbeiten. Er macht es sich zu leicht. Hast du mir in alten Zeiten nicht klargemacht, dass jedes Problem mindestens dreißig Seiten hat?«

Dirk lachte. »Nicht schlecht«, sagte er, »und wahr. Obwohl ich in den letzten paar Jahren zu der Auffassung gekommen bin, dass die Zahl dreißig ein bisschen tief gegriffen ist. Aber ich verstehe immer noch nicht, was hier eigentlich gespielt wird. Zuerst der Gleiter – hängt er mit deinem Job zusammen? Oder musst du so etwas fliegen, nur weil du für die Eisenjadeversammlung arbeitest?«

»Irrtum«, rief Ruark aus. »Man arbeitet nicht für die Eisenjadeversammlung, Dirk. Nein, entweder ist man einer von ihnen – oder man ist es nicht. Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten. Gehört man nicht zu Eisenjade, arbeitet man auch nicht für Eisenjade!«

»Ja«, sagte Gwen, und die Schärfe kehrte in ihre Stimme zurück. »Und ich gehöre zu Eisenjade. Ich wünschte, du würdest dich daran erinnern, Arkin. Langsam gehst du mir auf die Nerven.«

»Gwen, Gwen«, sagte Ruark und klang verstört. »Du bist doch eine Freundin, eine verwandte Seele. Wir haben große Probleme bewältigt, wir beide zusammen. Ich würde dich niemals beleidigen, würde nicht einmal im Traum daran denken. Und dennoch bist du keine Kavalarin, wirst es nie sein. Dafür bist du viel zu sehr Frau, eine echte Frau – und weder eine eynkethi noch eine betheyn.«

»Nein? Bin ich das nicht? Trage ich nicht den Jade-und-Silber-Bund?« Sie blickte Dirk an und senkte die Stimme. »Für Jaan«, sagte sie. »In Wirklichkeit ist dies sein Gleiter. Und deshalb fliege ich damit – um deine frühere Frage zu beantworten. Für Jaan.«

Schweigen. Die einzigen Geräusche machte der Wind, der sie bei ihrer rasenden Fahrt hinauf in die Dunkelheit heulend begleitete und dabei an Gwens langem, glattem Haar und Dirks Locken zerrte. Er schnitt durch die dünne Braquekleidung. Dirk wunderte sich flüchtig, warum der Luftwagen kein Kabinendach besaß. Die dünne Windschutzscheibe nützte fast nichts. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust und ließ sich auf seinem Sitz nach vorn gleiten. »Jaan?«, fragte er leise. Es war nur eine Frage. Er wusste, dass die Antwort kommen würde, und fürchtete sich davor. Es lag an der Art, wie Gwen den Namen ausgesprochen hatte, diese Mischung aus Zärtlichkeit und Herausforderung.

»Er weiß es nicht«, sagte Ruark.

Gwen seufzte, und Dirk spürte ihre Erregung. »Es tut mir leid, Dirk. Ich glaubte, du seiest im Bilde. Es ist schon so lange her. Ich dachte … Nun, ich dachte, einer von den Leuten, die wir beide damals auf Avalon kannten, einer von ihnen hätte es dir sicherlich erzählt.«

»Ich sehe keinen mehr von denen, die wir gemeinsam gekannt haben. Weißt du, ich reise sehr viel. Braque, Prometheus, Jamisons Welt.« Seine Stimme klang selbst in seinen Ohren hohl und albern. Er hielt inne und schluckte. »Wer ist Jaan?«

»Jaantony Riv Wolf hoch-Eisenjade Vikary«, sagte Ruark. »Jaan ist mein …« Sie zögerte. »Es lässt sich nicht so leicht erklären. Ich bin betheyn von Jaan und cro-betheyn von seinem teyn Garse.« Sie sah ihn an, richtete den Blick dann aber wieder rasch auf die Instrumente des Gleiters. Dirks Gesicht spiegelte kein Verständnis.

»Ehemann«, sagte sie dann, achselzuckend. »Tut mir leid, Dirk. Das stimmt nicht so ganz, aber ich kann es mit einem anderen Wort nicht treffender ausdrücken. Jaan ist mein Ehemann.«

Dirk, der mit gekreuzten Armen tief in seinem Sitz kauerte, sagte nichts. Ihm war kalt, er fühlte sich verletzt, und er fragte sich, wieso er überhaupt hier war. Dann fiel ihm das Flüsterjuwel wieder ein, und er wunderte sich noch mehr. Sicher hatte sie ihre Gründe, nach ihm zu schicken, und würde ihm zu gegebener Zeit bestimmt ihr Herz ausschütten. Er hatte wirklich nicht erwarten können, dass sie allein war. Am Raumhafen hatte er sogar für einen Augenblick geglaubt, dass vielleicht dieser Ruark … Und es hatte ihm nicht mal viel ausgemacht.

Weil er allzu lange geschwiegen hatte, wandte sich Gwen ihm erneut zu.

»Es tut mir leid«, flüsterte sie. »Wirklich, Dirk. Du hättest niemals kommen sollen.«

Und er dachte, wie recht sie doch hatte.

Die drei flogen dahin, ohne miteinander zu sprechen. Worte waren gesagt worden, aber nicht jene, die Dirk gern gehört hätte, sondern welche, die nichts verändert hatten. Er war hier auf Worlorn, und Gwen war immer noch neben ihm, obwohl sie plötzlich eine Fremde für ihn war. Sie waren sich beide fremd. Mit seinen Gedanken allein gelassen, saß er in seinem Sitz versunken, während ihm ein kalter Wind über das Gesicht strich.

Auf Braque hatte er dummerweise geglaubt, das Flüsterjuwel sei ein Zeichen ihrer Sehnsucht nach ihm und das Signal für einen neuen Beginn. Ihn hatte nur eine Frage bewegt: Würde er dem Ruf folgen und zu ihr zurückkehren, konnte Dirk t’Larien überhaupt noch lieben oder geliebt werden? Aber darauf kam es überhaupt nicht an, wie er nun wusste.

Sende dieses Andenken. Ich werde kommen, und es wird keine Fragen geben. Dies war das Versprechen gewesen, das einzige Versprechen. Nichts weiter.

Ärger stieg in ihm hoch. Warum tat sie ihm das an? Sie hatte das Juwel gehalten und seine Gefühle gespürt. Sie hätte es sich doch denken können. Es konnte keinen zwingenden Grund für sie geben, der den Preis dieser Erinnerung wert war.

Dann beruhigte sich Dirk t’Larien wieder. Er hielt die Augen fest geschlossen und konnte den Kanal auf Braque sehen, den einsamen schwarzen Kahn, der einen Moment lang wichtig zu sein schien. Und er dachte zurück an seinen Entschluss, es noch einmal zu versuchen. Zu sein, wie er einst gewesen war. Zu ihr zu kommen und zu geben, was er zu geben vermochte, was immer sie benötigen würde – für sie und für sich selbst.

Mit einem Ruck nahm er die Arme auseinander, öffnete die Augen und setzte sich aufrecht in den schneidenden Wind. Dann sah er Gwen direkt ins Gesicht und lächelte sein altes, scheues Lächeln. »Ach, Jenny«, sagte er. »Mir tut es auch leid. Aber das macht nichts. Ich wusste nicht Bescheid, aber jetzt ist es egal. Ich bin froh, dass ich gekommen bin, und du solltest es auch sein. Sieben Jahre sind eine zu lange Zeit, nicht wahr?«

Sie sah ihn an, blickte dann wieder auf die Instrumente und leckte sich nervös die Lippen. »Ja. Sieben Jahre sind zu lang, Dirk.«

»Werde ich Jaan begegnen?«

Sie nickte. »Und auch Garse, seinem teyn.«

Irgendwo unter ihnen hörte er das Rauschen von Wasser, wohl ein Fluss, verloren in der Dunkelheit. Ein flüchtiger Eindruck nur, denn sie flogen sehr schnell. Prüfend blickte Dirk über die Seitenwand des Gleiters, den Flügel entlang und hinunter in die ätzende Schwärze, dann wieder hoch. »Ihr braucht mehr Sterne«, sagte er nachdenklich. »Ich fühle mich, als würde ich erblinden.«

»Ich weiß, was du meinst«, sagte Gwen. Sie lächelte, und ganz plötzlich fühlte sich Dirk viel besser als die ganze Zeit zuvor.

»Erinnerst du dich an den Himmel auf Avalon?«, fragte er.

»Ja, natürlich.«

»Die vielen Sterne dort! Es war eine schöne Welt.«

»Auch Worlorn hat seine Schönheiten«, sagte sie. »Was weißt du von dieser Welt hier?«

»Wenig«, erwiderte Dirk, der sie unverwandt ansah. »Ich habe von dem Festival gehört und dass der Planet ein Einzelgänger ist – aber nicht viel mehr. Eine Frau auf dem Schiff erzählte mir, dass Tomo und Walberg ihn auf ihrer Reise ans Ende der Galaxis entdeckten.«

»Das stimmt wohl nicht so ganz«, sagte Gwen. »Aber die Geschichte besitzt einen gewissen Reiz. Auf irgendeine Art hat alles, was du sehen wirst, mit dem Festival zu tun. Das gilt für den ganzen Planeten. Alle Randwelten haben teilgenommen, und jede Stadt hier spiegelt eine ihrer Kulturen wider. Es gibt vierzehn Städte, stellvertretend für die vierzehn Welten des Rands. Dazwischen findest du den Raumhafen und das Freigelände, das zu einem Park ausgebaut wurde. Wir überfliegen es gerade. Es ist nicht sehr interessant, auch nicht am Tage. Aber während des Festivals wurden dort Jahrmärkte und Spiele veranstaltet.«

»Wo ist dein Arbeitsgebiet?«

»In der Wildnis«, antwortete Ruark an ihrer Stelle. »Hinter den Städten, jenseits der Gebirgskette.«

»Dort hinten!«, rief Gwen.

Dirk sah auf und konnte am Horizont vage eine Reihe von Bergen ausmachen, eine schroffe schwarze Barriere, die dem Freigelände entwuchs und die tiefer gelegenen Sterne verdeckte. Ein Funke blutroten Lichts glomm an einem der Gipfel. Während sie sich ihm näherten, schien er immer größer, mächtiger und höher zu werden, die Leuchtkraft des Lichts veränderte sich jedoch nicht. Es blieb bei einem trüben, drohenden Rot, das Dirk irgendwie an das Flüsterjuwel erinnerte.

»Meine Heimat«, verkündete Gwen, als das Licht anschwoll. »Die Stadt Larteyn. Lar bedeutet auf Altkavalarisch Himmel. Es ist die Stadt Hoch Kavalaans. Manche Leute nennen sie auch die Feuerfeste.«

Mit einem Blick erkannte er den Grund dafür. In den Bergrücken hineingebaut, auf allen Seiten von Fels umgeben, stellte die Stadt mit ihrem massigen, quaderförmigen Äußeren, ihren dicken Mauern und den schießschartenähnlichen Fenstern tatsächlich so etwas wie eine Festung dar. Selbst die Türme, die sich hinter den Stadtmauern erhoben, schienen wuchtig und solide zu sein. Direkt hinter ihnen erhob sich drohend der Berg, dessen dunkles Gestein vom reflektierten Licht wie blutbefleckt aussah. Aber was auf den Mauern und Straßen von Larteyn glühte, war kein Lichtreflex, sondern ein Feuer, das von innen heraus strahlte.

»Glühstein«, beantwortete Gwen seine unausgesprochene Frage. »Am Tage absorbiert er Licht, das nachts wieder abgestrahlt wird. Auf Hoch Kavalaan wird er fast ausschließlich zur Schmuckherstellung verwendet, aber aus Anlass des Festivals baute man ihn tonnenweise ab und verschiffte ihn dann nach Worlorn.«

»Eindrucksvoll barock«, bemerkte Ruark. »Eindrucksvoll kavalarisch.«

Dirk nickte nur.

»Du hättest die Stadt in früheren Zeiten erleben müssen«, sagte Gwen. »Am Tag trank Larteyn von den sieben Sonnen, und in der Nacht erleuchtete sie die Berge wie ein Feuerdolch. Jetzt verblassen die Steine – denn mit jeder Stunde entfernen wir uns weiter vom Rad. In zehn Jahren wird die Stadt so dunkel sein wie ein verkohltes Holzscheit.«

»Sie kommt mir nicht sehr groß vor. Wie viele Menschen lebten in ihr?«

»Eine Million waren es damals. Man sieht nur die Spitze eines Eisbergs. Die Stadt wurde in den Fels hineingebaut.«

»Echt kavalarisch«, sagte Ruark. »Ein sicherer Schlupfwinkel, eine Feste im Stein. Aber jetzt ist sie verlassen. Nach der letzten Zählung wird sie noch von zwanzig Leuten bewohnt, uns eingeschlossen.«

Der Luftwagen ließ den Steilhang am Rande des breiten Felsplateaus hinter sich, überflog die äußere Mauer und senkte sich in flachem Winkel auf die Stadt hinab, vorbei an Felsen und Glühstein. Unter sich bemerkte Dirk breite Gehwege, ganze Reihen von im Wind schaukelnden Wimpeln und große, gemeißelte Wasserspeier mit brennenden Glühsteinaugen. Die Gebäude waren aus weißem Stein und schwarzem Ebenholz. An ihren Fronten reflektierten die Felsfeuer in langen roten Streifen, wie Wunden im Fell einer unförmigen Bestie. Sie flogen über Türme, Kuppeln und Straßen hinweg, über sich windende Gassen und großzügige Boulevards, offene Höfe und ein riesiges Freilufttheater mit einem Meer von Sitzplätzen.

Leer, alles leer. Nicht eine Gestalt bewegte sich auf den rot getränkten Wegen Larteyns.

Gwen flog in einer Spirale zum Dach eines vierkantigen schwarzen Turms hinab. Während sie kurz bewegungslos verharrten, als Gwen die Antischwerkraft für die Landung drosselte, bemerkte Dirk zwei andere Gleiter auf dem Landeplatz unter ihnen: eine schnittige gelbe Träne und einen martialisch anmutenden, sehr alten Militärgleiter, dem die Jahrhunderte harten Einsatzes anzumerken waren. Er war olivgrün, klobig und schwer gepanzert. Aus dem vorderen Verdeck ragte eine Laserkanone, und aus dem Heck stachen Impulsröhren hervor.

Sie landeten den metallenen Flugrochen zwischen den beiden Luftwagen und stiegen alle drei aus. Bei den Aufzügen angelangt, drehte sich Gwen um und sah Dirk mit einem im brütenden Rotlicht fremdartig brennenden Gesicht an. »Es ist schon spät«, sagte sie. »Am besten begeben wir uns gleich zur Ruhe.«

Damit war Dirk entlassen. »Und Jaan?«, fragte er.

»Du wirst ihn morgen treffen«, erwiderte sie. »Zuerst muss ich aber die Chance haben, mit ihm zu reden.«

»Warum?«, fragte er.

Aber Gwen hatte sich bereits abgewandt und war auf die Treppe zugegangen. Dann kam der Aufzug. Ruark legte ihm die Hand auf die Schulter und schob ihn hinein.

Sie fuhren abwärts, Schlaf und Träumen entgegen.

2

In dieser Nacht fand er nur wenig Ruhe. Aus jedem kurzen Schlummer jagten ihn Albträume in die Realität zurück. Es waren stroboskopartige, von Gift durchsetzte Visionen, an die er sich nur noch schwach erinnern konnte, wenn er aufwachte. Schließlich gab er auf und begann damit, seine Habseligkeiten zu durchstöbern, bis er das Juwel in seiner Hülle aus Samt und Silber fand. In der Dunkelheit sitzend, berauschte er sich an dessen leeren Versprechungen.

Stunden vergingen. Dann erhob sich Dirk, zog sich an, steckte das Juwel in die Tasche und ging allein nach draußen, um den Aufgang des Rads mitzuerleben. Ruark schlief noch fest, aber er hatte den Türcode auf Dirk eingestellt, sodass er einfach den Raum verlassen konnte. Mit dem Aufzug fuhr er zum Dach hinauf und verbrachte die letzten Stunden der Nacht sitzend auf dem kalten Metallflügel des grauen Luftwagens.

Die Morgendämmerung erschien ihm eigenartig, wirkte trüb und gefährlich. Ein trister Tag wurde aus ihr geboren. Zuerst überzog ein diesiger Schein den Horizont, ein schwarz-rotes Geschmier, das für die Glühsteine der Stadt nur ein schwaches Echo abgab. Dann ging die erste Sonne auf: eine winzige gelbe Kugel, in die Dirk mit ungeschützten Augen blicken konnte. Minuten später erschien an einer anderen Stelle des Horizonts eine zweite, größere und hellere Sonne. Obwohl beide deutlich größer waren als Sterne, spendeten sie immer noch weniger Licht als etwa Braques feister Mond.

Etwas später erschien allmählich die Nabe über dem Freigelände. Anfangs war es nur ein Streifen matten Rots, der sich im Zwielicht der Morgendämmerung verlor, aber dann wurde er heller und heller, bis Dirk schließlich erkannte, dass es sich um keine Reflexion, sondern um die Korona einer mächtigen roten Sonne handelte. In ihrem Schein nahm die Welt eine karmesinrote Färbung an.

Er sah auf die Straßen hinunter. Die Steine von Larteyn waren jetzt verblasst; nur in Schattenzonen konnte man noch ein schwaches Glühen bemerken. Wie eine mausgraue Decke, durchwirkt von verwaschenem Rot, hatte sich Düsternis über die Stadt gelegt. Im kalten, schwachen Licht waren die Flammen der Nacht erloschen, und über den stillen Straßen lag der bittere Hauch von Tod und Verlassenheit. Worlorns Tag. Noch herrschte Zwielicht.

»Letztes Jahr war es noch heller«, ertönte eine Stimme hinter ihm. »Nun wird es jeden Tag dunkler und kälter. Von den sechs Sternen der Höllenkrone verstecken sich im Augenblick zwei hinter dem Fetten Satan und sind daher für uns ohne Nutzen. Die anderen werden kleiner und entfernen sich allmählich. Satan selbst schaut noch auf Worlorn herab, aber sein Licht ist tiefrot und wird immer schwächer. So lebt Worlorn in einem langsam abnehmenden Sonnenuntergang. Nur wenige Jahre noch, und die sieben Sonnen werden zu sieben Sternen geschrumpft sein. Dann wird das Eis zurückkommen.«

Der Sprecher stand bewegungslos da und betrachtete den Sonnenaufgang. Seine Stiefel zeigten leicht auseinander, die Hände hatte er auf die Hüften gelegt.

Es handelte sich um einen hochgewachsenen Mann, schlank und sehr muskulös, der den Oberkörper sogar an einem solch frostigen Morgen nicht bedeckt hatte. Seine rotbronzene Haut bekam durch das Licht des Fetten Satans einen noch roteren Ton. Er hatte hohe, eckige Wangenknochen, ein wuchtiges, breites Kinn und nach hinten gekämmtes, schulterlanges Haar, ebenso schwarz wie das von Gwen. An den Unterarmen – es waren dunkle, mit feinem schwarzem Haar bedeckte Arme – trug er zwei schwere Armbänder. Jade und Silber am linken, schwarzes Eisen mit rotem Glühstein am rechten.

Auf der Mantaschwinge sitzend, verzog Dirk keine Miene. Der Mann sah auf ihn herab. »Sie sind Dirk t’Larien, und einst waren Sie Gwens Liebhaber.«

»Und Sie sind Jaan.«

»Jaan Vikary von der Eisenjadeversammlung«, sagte der andere. Er trat ein paar Schritte vor und hob die Hände, wobei er die leeren Handflächen nach außen richtete.

Von irgendwoher kannte Dirk diese Geste. Er stand auf und presste seine eigenen Handflächen gegen die des Kavalaren. Dabei fiel ihm noch etwas auf. Jaan trug einen Gürtel aus schwarzem, geöltem Metall, und eine Laserwaffe hing an seiner Seite.

Vikary war seinem Blick gefolgt und lächelte. »Alle Kavalaren sind bewaffnet. So ist es bei uns Sitte – wir schätzen das. Ich hoffe, Sie sind nicht schockiert oder so voreingenommen wie Gwens Freund, der Kimdissi. Falls doch, so ist das Ihr Fehler und nicht der unsrige. Larteyn ist ein Teil von Hoch Kavalaan. Sie können nicht erwarten, dass sich unsere Kultur der Ihrigen anpasst.«

Dirk setzte sich wieder. »Nein. Nach allem, was ich gestern Abend gehört habe, hätte ich damit rechnen müssen. Ich finde es wirklich sehr merkwürdig. Findet irgendwo ein Krieg statt?«

Vikary lächelte dünn – ein gleichmäßiges, wohlüberlegtes Entblößen der Zähne. »Irgendwo findet immer ein Krieg statt, t’Larien. Das Leben selbst ist ein Krieg.« Er hielt inne. »Sie heißen t’Larien. Ein ungewöhnlicher Name. Niemals habe ich einen ähnlich klingenden Namen gehört, auch mein teyn Garse nicht. Wo liegt Ihre Heimatwelt?«

»Baldur, ziemlich weit von hier. Auf der anderen Seite von Alt-Erde. Aber ich kann mich kaum daran erinnern. Als ich noch sehr jung war, zogen meine Eltern nach Avalon.«

Vikary nickte. »Sie sind viel gereist, wie mir Gwen sagte. Welche Welten haben Sie gesehen?«

Dirk zuckte die Achseln. »Prometheus, Rhiannon, Thisrock, Jamisons Welt und viele andere. Avalon nicht zu vergessen. Insgesamt ein Dutzend meist primitiverer Welten als Avalon, auf denen mein Wissen gefragt ist. Wenn man am Institut gewesen ist, findet man gewöhnlich leicht Arbeit. Man braucht nicht einmal besonders geschickt oder talentiert zu sein. Ich komme gut zurecht und reise gern herum.«

»Aber bisher sind Sie nie über Tempters Schleier hinausgekommen. Immer nur im Wirrwarr, nie auf den Außenwelten. Sie werden sehen, t’Larien, hier geht es anders zu.«

Dirk runzelte die Stirn. »Welches Wort haben Sie eben gebraucht? Wirrwarr?«

»Der Wirrwarr«, wiederholte Vikary. »Ach ja, das ist Slang der Wolfmenschen. Die Wirrwarrwelten oder chaotischen Welten, wenn Sie so wollen. Eine Redensart, die ich mir durch Umgang mit mehreren Wolfmenschen, die während meiner Studienzeit auf Avalon zu meinen Freunden zählten, angeeignet habe. Der Begriff bezieht sich auf die Sternensphäre zwischen den Außenwelten und den Kolonien der ersten und zweiten Generation, nah der Alt-Erde. In diesem Raumsektor begannen die Hranganer mit ihren Eroberungszügen, unterdrückten ihre Sklavenwelten und kämpften gegen die Erdimperialen. Die meisten Planeten, die Sie nannten, waren schon damals besiedelt. Durch den Krieg wurden sie schwer getroffen und durch den Zusammenbruch ins Chaos gestürzt. Avalon selbst ist eine Kolonie der zweiten Generation. Einst war Avalon der Hauptplanet des ganzen Sektors. Was meinen Sie, reicht das als Charakterisierung einer Welt in der heutigen wirren pi-Zeit?«

Dirk nickte zustimmend. »Ja. Ich kenne mich nur ein wenig in Geschichte aus, aber Sie scheinen eine Menge darüber zu wissen.«

»Ich bin Historiker«, sagte Vikary. »Der größte Teil meiner Arbeit war dem Problem gewidmet, auf meiner eigenen Welt, Hoch Kavalaan, Mythen und geschichtliche Ereignisse zu trennen. Eisenjade schickte mich aus diesem Grund unter hohem Kostenaufwand nach Avalon, um die Datenbanken der alten Computer zu überprüfen. Nun, ich verbrachte dort zwei Studienjahre, hatte sehr viel Freizeit und entwickelte Interesse an der allgemeinen Geschichte des Menschen.«

Dirk sagte nichts, sondern widmete seine Aufmerksamkeit wieder der Morgendämmerung. Die rote Scheibe des Fetten Satans war jetzt halb aufgegangen, und eine dritte gelbe Sonne wurde sichtbar. Sie lag nördlich von den anderen und war kaum größer als ein Stern.

»Der rote Stern ist ein Überriese«, sinnierte Dirk, »aber von hier scheint er nur ein bisschen größer zu sein als Avalons Sonne. Er muss sehr weit entfernt sein. Erstaunlich, dass es hier noch relativ warm ist. Eigentlich müsste sich doch längst Eis gebildet haben. Aber es ist nur kühl.«

»Das ist unser Verdienst«, erzählte ihm Vikary mit einem gewissen Stolz. »Nicht das Verdienst von Hoch Kavalaan allein, aber unzweifelhaft das gemeinsame Werk der Außenwelten. Während des Zusammenbruchs bewahrte Tober einen Teil des Wissens um die Kraftfeldtechnologie der Erdgeborenen. Seither haben die Toberianer auf diesem Gebiet dazugelernt. Ohne ihren Schild wäre niemals ein Festival auf Worlorn möglich gewesen. Im Perihel hätte die Hitze von Höllenkrone und Fettem Satan die Atmosphäre des Planeten verbrannt und sein Meer verdampft. Aber der toberianische Schild schützte vor allen Naturgewalten, und wir verlebten einen langen, strahlenden Sommer. Auf ähnliche Weise hilft er jetzt, die Wärme zu halten. Dennoch hat er, wie alles, seine Grenzen. Die Kälte wird kommen.«

»So habe ich mir unser Zusammentreffen eigentlich nicht vorgestellt«, sagte Dirk. »Warum sind Sie heraufgekommen?«

»Auf gut Glück. Vor Jahren erzählte mir Gwen, dass Sie die Morgendämmerung lieben. Und andere Dinge auch, Dirk t’Larien. Ich weiß mehr von Ihnen als Sie von mir.«

Dirk lachte. »Das ist wahr. Bis gestern Abend wusste ich nicht einmal von Ihrer Existenz.«

Jaan Vikarys Gesicht war hart und ernst geworden. »Aber ich existiere. Denken Sie immer daran. Und wir können Freunde sein! Ich hoffte darauf, Sie allein anzutreffen und Ihnen dies mitteilen zu können, bevor die anderen aufwachen. Wir sind hier nicht auf Avalon, t’Larien, und heute ist nicht gestern. Wir befinden uns auf einer sterbenden Festivalwelt, einer Welt ohne eigene Normen. Deshalb muss jeder streng die Normen befolgen, die ihm mitgegeben wurden. Versuchen Sie nicht, mein Selbstverständnis auf die Probe zu stellen. Seit meinen Jahren auf Avalon habe ich mich bemüht, mich selbst als Jaan Vikary zu begreifen, aber ich bin immer noch ein Kavalare. Zwingen Sie mich nicht, Jaantony Riv Wolf hoch-Eisenjade Vikary zu sein.«

Dirk stand auf. »Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen«, sagte er. »Aber ich glaube, ich kann herzlich und offen sein. Ich habe bestimmt nichts gegen Sie, Jaan.«

Das schien zu genügen, um Vikary zufriedenzustellen. Er nickte gemächlich und griff dann in seine Hosentasche. »Ein Zeichen meiner Freundschaft und meines Interesses an Ihnen«, sagte er. In seiner Hand lag eine schwarze Kragennadel aus Metall, ein winziger Manta. »Würden Sie es für die Zeit Ihres Aufenthalts auf Worlorn tragen?«

Dirk nahm die Nadel aus seiner Hand entgegen. »Wenn ich Ihnen damit einen Gefallen tun kann«, sagte er, amüsiert über die Förmlichkeit. Er heftete sich die Nadel an den Kragen.

»Diese Morgendämmerung ist düster«, sagte Vikary, »und der Tag wird nicht viel besser werden. Kommen Sie hinunter zu unseren Quartieren. Ich werde die anderen wecken, dann können wir essen.«

Das Appartement, das Gwen mit den beiden Kavalaren teilte, war riesengroß. Der Wohnraum wurde durch einen zwei Meter hohen und doppelt so breiten Kamin beherrscht, über dem sich ein schiefergrauer Sims mit finster blickenden Wasserspeiern befand, die wohl die Asche bewachen sollten. Vikary führte Dirk über einen breiten schwarzen Teppich in ein Esszimmer hinein, das fast ebenso groß war. Dirk setzte sich auf einen der zwölf Holzstühle mit hoher Rückenlehne, die den großen Tisch umstanden, während sich sein Gastgeber um das Essen und Gesellschaft für ihn kümmerte.

Kurze Zeit später kam er mit einer Platte, auf der dünn geschnittene Fleischscheiben lagen, und einem Korb mit Brötchen zurück. Er stellte beides vor Dirk ab, wandte sich um und ging wieder. Er war gerade verschwunden, als sich eine andere Tür öffnete und Gwen mit schlaftrunkenem Lächeln eintrat. Sie trug ein altes Stirnband, verwaschene Hosen und eine unförmige grüne Bluse mit weiten Ärmeln. Er konnte das Glitzern ihres schweren Jade-und-Silber-Armreifs sehen, der ihren linken Arm eng umschloss. Einen Schritt hinter ihr kam ein weiterer Mann in den Raum, fast ebenso groß wie Vikary, aber einige Jahre jünger und viel schlanker. Er trug einen kurzärmeligen, einteiligen Anzug aus rotbraunem Chamäleonstoff und blickte Dirk mit lebhaften blauen Augen an, den blauesten, die Dirk je gesehen hatte. Ein roter Vollbart schmückte sein hageres, scharf geschnittenes Gesicht.

Gwen setzte sich. Der Rotbart hielt vor Dirks Stuhl an. »Ich bin Garse Eisenjade Janacek«, sagte er. Er bot seine Handflächen an.

Dirk erhob sich, um die seinen dagegen zu pressen.

Garse Eisenjade Janacek trug, wie Dirk feststellte, eine Laserpistole an der Hüfte, eingehängt in ein Lederhalfter an einem silberglänzenden Netzstahlgürtel. Seinen rechten Unterarm umspannte ein schwarzer Armreif, ein Zwilling des Reifs von Vikary – Eisen und Glühstein.

»Wahrscheinlich wissen Sie, wer ich bin«, sagte Dirk.

»In der Tat«, erwiderte Janacek mit ziemlich arglistigem Grinsen. Beide setzten sich.

Gwen kaute bereits auf einem Brötchen herum. Als Dirk auf seinen Stuhl gesunken war, beugte sie sich über den Tisch, befingerte die kleine Mantanadel an seinem Kragen und lächelte amüsiert. »Ich sehe, dass du und Jaan euch schon gefunden habt«, sagte sie.

»Mehr oder weniger«, gab Dirk zurück, und genau in diesem Augenblick kam Vikary wieder. In der rechten Hand hielt er ungeschickt vier Zinnbecher bei den Henkeln, mit der Linken balancierte er einen großen Krug Dunkelbier. Er setzte alles auf der Tischmitte ab, dann ging er ein letztes Mal in die Küche zurück, um Teller, Eisenbestecke und einen glasierten Krug zu holen, der eine süße gelbe Paste enthielt, Aufstrich für die Brötchen.

Während er draußen war, schob Janacek die Becher über den Tisch zu Gwen. »Schenk ein«, befahl er ihr recht schroff, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder Dirk zuwandte. »Wie ich erfahren habe, waren Sie der erste Mann, den sie gekannt hat«, sagte er, während Gwen einschenkte. »Sie haben sie mit einer stattlichen Zahl schlechter Angewohnheiten zurückgelassen«, fuhr er kalt lächelnd fort. »Ich bin geneigt, das als Beleidigung aufzufassen und fordere Genugtuung.«

Dirk sah verstört aus.

Gwen hatte drei der vier Becher mit Bier und Schaum gefüllt. Einen schob sie an Vikarys Platz, den zweiten reichte sie Dirk, und aus dem dritten nahm sie einen langen Zug. Dann wischte sie sich mit dem Handrücken über die Lippen, lächelte Janacek an und gab ihm den leeren Becher. »Falls du Dirk wegen meiner Angewohnheiten belangen willst«, sagte sie, »dann muss ich wohl Jaan bitten, mir für die Jahre Genugtuung zu verschaffen, die ich unter deinen Angewohnheiten gelitten habe.«

Janacek wog den leeren Bierbecher in den Händen und blickte finster drein. »Betheyn-Schlampe«, sagte er fast im Plauderton. Dann schenkte er sich sein Bier selbst ein.

Einen Augenblick später war Vikary zurück. Er setzte sich, nahm einen Schluck aus seinem eigenen Becher, und alle begannen zu essen. Sehr schnell merkte Dirk, dass Bier zum Frühstück nicht das Verkehrteste war. Auch das Brötchen, bestrichen mit einer dicken Schicht der süßen Paste, war ausgezeichnet. Das Fleisch hingegen kam ihm ziemlich trocken vor.

Die ganze Zeit über stellten ihm Janacek und Vikary Fragen, während Gwen zurückgelehnt lauschte, amüsiert dreinschaute und sehr wenig sprach. Die beiden Kavalaren waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Jaan Vikary, noch immer mit freiem Oberkörper, gähnte sehr oft und kratzte sich geistesabwesend. Er beugte sich beim Sprechen vor, und sein Tonfall drückte allgemeines, freundliches Interesse aus. Er lächelte oft und wirkte weit ungezwungener als auf dem Dach. Dennoch kam er Dirk gehemmt vor, wie ein Mann, der unter Zwang stand und um seine Freiheit kämpfte. Selbst seine Zwanglosigkeit, das Lächeln, das Kratzen, schien Dirk einstudiert und aufgesetzt zu sein. Garse Janacek, der aufrechter saß als Vikary, sich niemals kratzte und keine verschnörkelten kavalarischen Sprachmanierismen ausließ, war in Wirklichkeit viel entspannter. Er war ein Mann, der die Einschränkungen genoss, die ihm seine Gesellschaft auferlegt hatte, und gar nicht daran dachte, aus ihnen ausbrechen zu wollen. Er sprach lebhaft und geschliffen, stieß Beleidigungen aus, wie ein Schleifstein Funken sprüht. Die meisten waren an Gwens Adresse gerichtet. Einige davon gab sie postwendend zurück, aber meistens war diese Gegenwehr nur schwach. Bei diesem Spiel war Janacek eindeutig der Sieger. Manches hatte den Anschein eines beiläufigen, ja freundschaftlichen Schlagabtauschs, aber einige Male glaubte Dirk, einen Anflug echter Feindseligkeit bemerkt zu haben. Bei jedem neuen Aufflackern dieser kleinen Boshaftigkeiten umwölkte sich Vikarys Gesicht.

ENDE DER LESEPROBE