Die Fliegengöttin - Hansjörg Schertenleib - E-Book

Die Fliegengöttin E-Book

Hansjörg Schertenleib

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Beschreibung

Dass sie in ihrem gemeinsamen Haus sterben wollen, haben sie sich versprochen. Hier sind ihre Kinder aufgewachsen, hier hat ihr Leben stattgefunden. Immer wollten sie füreinander da sein. Bis zuletzt. Sich gegenseitig erlösen, wenn einer von ihnen nicht mehr weiter kann. Seit über fünfzig Jahren sind die Irin Eilis und der Holländer Willem verheiratet. Zwei Jahre sind seit ihrer Alzheimer-Diagnose vergangen. Aufopferungsvoll kümmert er sich um seine geliebte Frau und kann doch nur zusehen, wie sie immer weiter verschwindet, jeden Tag ein bisschen mehr. Und auch Willem macht das Alter zu schaffen. Die Zeit verschwimmt in seinem Kopf, da hilft auch der Abreißkalender in der Küche nicht, den ihm sein Jugendfreund Fonsy empfohlen hat. Willem ist am Ende seiner Zuversicht, seiner Kraft, und er denkt an das Versprechen, das Eilis und er sich gegeben haben ... Vor dem Hintergrund der rauen Küsten Irlands entwirft Hansjörg Schertenleib das Porträt einer großen geglückten Liebe, erzählt ehrlich und anrührend von Fürsorge und Zärtlichkeit, Überforderung und Hilflosigkeit, Erinnern und Vergessen.

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Hansjörg Schertenleib

Die Fliegengöttin

Novelle

Gatsby

In Erinnerung an Paul.

Für Brigitte, love, life, wife.

Die Figuren dieses Buches sind fiktiv

und demnach erfunden

Die Schauplätze sind nicht fiktiv,

erfunden sind sie dennoch.

When the engine stops

That’s when you wake.

 

Dermot Healy

1

Willem de Wit erwachte und wollte sofort auf- stehen, blieb aber liegen, weil er das Gewicht des Versprechens spürte, das er und seine Frau Eilis sich gegeben hatten. Er hatte tief und fest geschlafen und nicht geträumt. Wie hatten es die Menschen zu Zeiten marodierender Stämme fertiggebracht, die Augen zu schließen und einzuschlafen, trotz der Gefahr, unter einem neuen Herrscher aufzuwachen? Sein linker Arm fühlte sich taub an, und ihm war unwohl. Es regnete in Strömen, das Morgenlicht war, wie oft am Ende des Sommers, unwirklich weich. Als jüngerer Mann hatte er jede Minute ausgekostet, die er im Bett bleiben durfte, doch seit einiger Zeit kribbelte es in seinen Armen und Beinen, sobald er wach war; er würde nicht lange liegen bleiben können. Er hörte Eilis rufen, leise, aber fordernd. Er hatte ihre Stimme von Anfang an geliebt, es war die Stimme einer Frau, die genau wusste, sie besitzt die Macht, Menschen zu fesseln, die Magie, Männer zu verzaubern. Seit sie krank war, fürchtete er sich gelegentlich vor ihrer Stimme, vor der Trauer, die darin lag, der Angst.

Die Digitaluhr des Radioweckers zeigte 06:57, er hatte also auch heute die Augen geöffnet, bevor sich das flache schwarze Gerät einschalten konnte, das ihm ihr Sohn Arnold bei seinem letzten Besuch geschenkt hatte. Wenn er es schaffte, sich die Morgennachrichten in aller Ruhe im Bett anzuhören, wüsste er zumindest, welcher Wochentag heute war. Der Trick mit dem Abreißkalender, den Fonsie ihm empfohlen hatte, half nicht. Er hatte den Kalender in der Küche über die Spüle gehängt, war sich aber oft schon vor dem Mittag nicht mehr sicher, ob er bereits ein Blatt abgerissen hatte. Fonsie wollte nichts vergessen, darum schrieb er alles auf. Er schrieb auf, wann er was aß, wann er was und wie viel trank, was das Thermometer am Morgen, am Mittag und am Abend zeigte, wie viele Stunden er schlief und wie viele Stunden er vor dem Fernseher verbrachte. Alles schrieb Fonsie auf: wann die Sonne auf- und wann sie unterging, wann es regnete und wie lange, wann die Sonne schien und wie lange, mit wem er redete und worüber, wann er Zeitung las oder Radio hörte, welche Autos an seinem Haus vorbeifuhren, wer darin saß, was er im Eurospar kaufte und zu welchem Preis, wie viel er bei Metzger McCabe ausgab, wie viel Benzin er an der Tankstelle tankte und was der Liter kostete. »Ich kann alles nachlesen«, behauptete Fonsie. »Ich vergesse nichts, gar nichts.« Aber auch für Fonsie verging die Zeit, obwohl er es nicht aussprach, das wusste Willem. Fonsie hatte ihm die Schulhefte gezeigt, die er bei Penneys in Letterkenny kaufte und auf der Vorderseite mit dem Zeitraum beschriftete, den sie abdeckten.

Das Geräusch des Brenners der Ölheizung unter seinem Schlafzimmer beruhigte Willem. Es erinnerte ihn an die Motoren des Schiffes der Hurtigrute, mit dem sie im Sommer vor drei Jahren die norwegische Küste Richtung Norden gefahren waren. Er hatte Morgen für Morgen wach im Bett gelegen, dem leisen Schüttern zugehört und beobachtet, wie Lichtreflexe über die Wände ihrer Außenkabine sprangen, seine schlafende Frau neben sich. Die Stürme, in die sie in Norwegen gerieten, machten ihm, im Gegensatz zu Eilis, nichts aus; trotz des Verbotes war er auf das obere Außendeck getreten, um die kochende See zu bestaunen, die das Postschiff in die Höhe trug und, Sekunden später, in die Tiefe fallen ließ, als wollte sie es verschlingen. Wann immer das Schiff in einen Hafen einlief, vorbei an Wiesenschultern, Felswänden und farbig bemalten Holzhäusern, langsam wie im Schlaf, waren die Motoren nur mehr schwach zu hören gewesen. Dafür hatte sein stählerner Leib geschaudert wie das Pferd seiner Großeltern in Friesland. Die Stute hatte sich gegen Willem gesträubt, bis ihn sein Vater Arnoud eines Tages begleitete; er hatte einen Sattel aus dem Stall geholt und auf den Rücken der Stute geworfen, hatte ihr das Zaumzeug umgelegt, das Gebissstück ins Maul gedrückt, war leicht in die Knie gegangen und hatte mit verschränkten Händen eine Steighilfe für Willem gebildet. Sein Vater hatte Willem gezeigt, wie er die Zügel halten musste, locker und doch fest, wie er das Pferd lenkte oder einzig mit den Oberschenkeln dirigierte. Sein Vater hatte ihm das Reiten beigebracht, ruhig und geduldig, und gleichzeitig die Stute an ihn gewöhnt, sodass sie sich von ihm in den Stall führen, trocken reiben, striegeln und mit Wasser versorgen ließ.

Vom Pferdestall der Großeltern, in dessen Dachbalken er die Initialen L+W ritzte, hatte er weit über das Wattenmeer gesehen, bei klarem Wetter bis zu den Inseln Texel, Vlieland und Terschelling. Weshalb Lieke Bosman später ausgerechnet Henk Jongeneelen heiratete, der mit Hühnerhals und steinerner Kinnlade hinter dem Bankschalter in Harlingen stand, hatte er nie verstanden, auch wenn es ihn von seiner Schuld erlöste, dass er Lieke geschwängert, aber nicht geheiratet, sondern sitzengelassen hatte.

 

Die Katzentür ihrer Nachbarn Peadar und Nora girrte, und ihm fiel die Katze ein, die er vor vielen Jahren überfahren hatte. Er hatte den nussbraunen Vauxhall, in dem es Eilis und den Kindern verlässlich nach wenigen Meilen schlecht wurde, nach dem Mittagessen aus der Zufahrt auf die Straße zurückgesetzt und gespürt, dass er über etwas gefahren war. Er hielt sofort an, stieg aber erst nach einer Schrecksekunde aus. Die getigerte Katze, die sich Siobhan einige Monate zuvor auf der Farm von Eilis’ Bruder als Belohnung für ihr Schulzeugnis hatte aussuchen dürfen, lag vor dem Hinterreifen, als schlafe sie. Dass er sie totgefahren hatte, begriff Willem, als er sie hochhob, das Blut auf dem Asphalt sah und über das Gewicht ihres schlaffen Körpers erschrak. Er hatte sich umgesehen, um sicherzugehen, dass er nicht beobachtet wurde, und die tote Katze ein Stück die Straße hochgetragen und auf den Bordstein gelegt. Dann war er ins Haus zurückgelaufen, um der Familie, die das Mittagsgeschirr abwusch, die traurige Botschaft zu überbringen, ihre Katze sei überfahren worden. Die Wahrheit hatte Willem nie jemandem erzählt, nicht einmal Eilis. Da er aus Erfahrung wusste, dass die Trauer ihrer Tochter Siobhan nur durch ein anderes Haustier ein Ende finden würde, war er eines Abends mit einem Cockerspaniel nach Hause gekommen, den Fonsie für ihn besorgt und den Siobhan auf den Namen Corky getauft hatte. Der Satz, mit dem Siobhan ihn und den Spaniel damals begrüßt hatte, war in ihrer Familie zum geflügelten Wort geworden: »Er hat die gleiche Farbe wie dein Kotzauto, Dad!« Den Cockerspaniel hatte Willem nicht überfahren, sondern nach etlichen Jahren zum Arzt in Moville gebracht, der ihn einschläferte, um die Schmerzen zu beenden, die ihm eine Krebsgeschwulst im Rücken bescherte. Siobhan hatte sich geweigert, Willem zu begleiten, aber erstaunlicherweise war Arnold mit ihm gefahren und hatte leise und ruhig mit dem Hund geredet, der auf seiner Lieblingsdecke lag, tatsächlich aufhörte zu winseln und seinen Sohn dankbar ansah.

 

Es war kühl, und er nahm sich vor, ihre Winterdecken bald aus dem Schrank zu holen. In Eilis’ Schlafzimmer hatte er den Radiator auf die zweithöchste Stufe gedreht; sie fror mittlerweile sogar auf dem Sonnensessel im Wohnzimmer, und bekam auch keine warmen Hände und Füße, wenn er sie nah vor den Kamin setzte. War es schon wieder Zeit, den Öltank nachfüllen zu lassen? Wann hatte er aufgehört, sich über den Preis des Heizöls zu informieren, bevor er es bestellte? Eilis rief noch immer, ihre Stimme war die eines Kindes, das nicht bekommt, was es will; ein Tonfall, den sie bei ihren Kindern nicht toleriert hatte. Willem blieb trotzig liegen und gab sich Mühe, ruhig zu atmen.

2

Er machte den Radiowecker aus, bevor der Alarm losging, schwang die Beine aus dem Bett, gähnte, schlüpfte in seine Hausschuhe und trat ans Fenster. Eilis hatte aufgehört zu quengeln, er hörte sie schniefen. Weinte sie? Heute war, beschloss er, Mittwoch. Spätestens nach dem Mittagessen würde er erfahren, ob seine Annahme richtig war: Mittwochnachmittags kam Harry, der Händler aus Nordirland, der mit seinem Lieferwagen Gemüse brachte, Kartoffeln und gelegentlich frischen Fisch verkaufte und Klatsch und Tratsch von Dorf zu Dorf trug.

Am Himmel, von Regenschleiern schattiert, trieb eine Wolke, gebläht wie ein Segel. Ich bin dreiundachtzig Jahre alt, und ich habe Angst vor dem Tod, dachte Willem bestürzt. »You don’t fry if you don’t buy!« Dieser Satz, den der Händler in weichem Singsang wiederholte, wenn er fangfrischen Fisch im Sortiment führte, brachte Willem immer wieder dazu, Forellen oder Makrelen zu kaufen, obwohl er sie noch immer nicht fachgerecht ausnehmen konnte. Wie geschickt Eilis früher mit dem Fischmesser umgegangen war, wie schnell und sauber sie eine Forelle geputzt und zerteilt hatte, um ihn dann mit blutigen Händen lachend durchs Haus zu scheuchen! Willwit kann kein Blut sehen! Er liebte den Spitznamen, den nur Eilis verwendete, auch wenn er nie aufgehört hatte, dagegen zu protestieren.

Der Fels aus blauem Mergel fiel ihm ein, ein steinerner Walrücken, der den Strand in eine helle und in eine dunkle Hälfte teilte. Die dunkle Hälfte, aus der bei ungünstigem Wind Modergeruch herüberwehte, betrat er ungern. Als junger Mann hatte er sich gar nicht auf jene Seite gewagt; das Licht schien fahler dort, der Sand gröber, das Wasser kälter. Schwemmholz und Tangstränge lagen zwischen vermoosten Felsblöcken, Schwemmholz, das an Knochen, Tangstränge, die an Schlangen erinnerten. Der steinerne Walrücken war eine Grenze gewesen, die er nicht überschritt.

 

Die Frage, wozu Pyjamas Brusttaschen haben, hatte er sich nie zuvor gestellt. Was zum Teufel musste man bei sich tragen, wenn man sich schlafen legte? Seinen Pass? Eine Scheibe Toast als Wegzehrung für die Reise durch die Nacht? Baldriantropfen? Er nahm die Schachtel John Players aus der zweitobersten Schublade der Kommode: Sie passte genau in die Brusttasche. Früher hatte er die Zigaretten mit einer Rolle Pfefferminzpastillen in einer Dose im Gartenschuppen versteckt. Selbstverständlich hatte Eilis trotzdem gerochen, dass er rauchte. Du sollst nicht vor mir sterben, Willwit! Die Blechdose, von der die Farbe blätterte, hatte nach Bohnenkaffee geduftet, ihr Deckel war zerkratzt, ihr Bügelverschluss ausgeleiert gewesen.

Er öffnete das Fenster und zündete sich eine Zigarette an; die Angewohnheit, das Plastikfeuerzeug in die Packung zu schieben, sobald Platz dafür da war, hatte er Meghan vor vielen Jahren abgeschaut. Er wollte nicht an seine Tochter denken und sah sie trotzdem vor sich: lachend, auf der Schaukel, die er für sie in den Apfelbaum gehängt hatte. Er atmete tief ein und blies den Rauch mit geschlossenen Augen ins Freie. Auf dem Fenstersims lag eine Handvoll toter Fliegen; eine zerdrückte er zwischen Daumen und Zeigefinger, ließ sie auf den Boden fallen und schob sie unter den Radiator.

Er hatte immer wieder versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, hatte Nikotinpflaster und Nikotinkaugummis gekauft, war sogar heimlich bei einem Hypnotiseur in Donegal Town gewesen, einem Mann mit nikotingelben Fingern, schlechten Zähnen und Mundgeruch. Spätestens als er die vielen Kippen unter dem Fenster des Wartezimmers entdeckt hatte, war ihm klar geworden, dass er sein Geld für nichts ausgegeben hatte.

Saß die Tasche bei allen Pyjamas auf der linken Brust? Er nahm sich vor, das in den nächsten Tagen zu überprüfen, ahnte aber, dass er es vergessen würde, wenn er es nicht sofort tat. Er nahm einen letzten Zug und drückte die Zigarette im italienischen Aschenbecher aus, den er vor dem Sims deponiert hatte. Der Name des Lokals war nicht mehr zu entziffern, früher hatte er ihn gewusst, die Adresse dagegen war deutlich zu lesen: Via dei Maroniti, Roma, Italia. Wann waren sie in Rom gewesen? Drei Jahre vor Meghans Tod, vier? Da ihnen die ungewohnte Hitze zu schaffen machte, verbrachten sie die Mittagsstunden dösend und lesend im Hotelzimmer; er erinnerte sich an das weiße Licht, das durch die Lamellen der Holzläden auf ihr Bett und Eilis’ nackten Körper fiel, hörte erneut die Geräusche der Stadt, die aus der Ferne zu ihnen drangen und sie in die wundersam verlangsamte Welt des Halbschlafes trugen. Eine Welt, aus der sie herausfanden, indem sie zerstreut miteinander schliefen. Das Ristorante in der Via dei Maroniti war ganz in der Nähe ihres Hotels, sie hatten mehrmals dort gegessen, auch, weil sie ein Kellner bevorzugt behandelte, der sich darüber amüsierte, wie Eilis die italienischen Speisen aussprach und ihn dabei treuherzig anstrahlte. Damals hatte Willem seinen ersten Grappa getrunken, seine erste Calzone gegessen. An ihrem letzten Abend hatte der Kellner Eilis den Aschenbecher mit den Worten »Per la bella donna dall’ Irlanda!« überreicht. Sonderbar, welche Sätze einem bleiben, ging ihm durch den Kopf, während er seine vier Pyjamas aufs Bett legte. Tatsächlich waren alle Brusttaschen auf der linken Seite aufgenäht! Die Pyjamas waren ungebügelt und rochen nach Mottenkugeln. Willem machte die Wäsche, kaufte ein, putzte, kochte. Bügeln aber würde er niemals, das hatte er sich geschworen. Es störte ihn nicht, zu einem zerknitterten Hemd eine Krawatte mit Brandlöchern zu tragen, es gefiel ihm, es passte zu seinem Zustand, wie er Fonsie erklärt hatte. Auch Eilis schien sich nicht an ungebügelten Kleidern, Röcken und Blusen zu stören. Er legte die Pyjamas zurück in die Kommode, schloss das Fenster und zog die Gardine zu, um die Stummel im Aschenbecher nicht mehr sehen zu müssen, siebzehn, er hatte sie gezählt. Eilis hatte nie geraucht, nicht eine einzige Zigarette in ihrem Leben. Als junger Mann hatte es ihm gefallen, erst den letzten Schluck aus einer Bierflasche zu nehmen, dann sofort den letzten Zug einer Zigarette, sie in die Flasche fallen zu lassen und dem Zischeln der erlöschenden Glut zu lauschen. Die Stummel in den leeren Flaschen hatten ausgesehen wie Wespen, die ihm in die Falle gegangen waren. Wenn er die Bierflaschen schüttelte, war es, als kämpften die Wespen um ihr Leben.

 

Über dem Meer war der Himmel eine Spur dunkler, eben lief die Fähre nach Magilligan Point aus, ihr Kielwasser schrieb zwei Linien in die Wasseroberfläche, die sich nach wenigen Augenblicken auflösten. Der Regen fiel so dicht, dass er das andere Ufer des Lough Foyle, knapp zwei Seemeilen entfernt, nicht sehen konnte. Ein Jeep mit angehängtem Sheeptrailer bog auf den Parkplatz der Anlegestelle, blieb nur kurz stehen, wendete und fuhr mit kreischenden Reifen davon: Der Farmer hatte die Fähre nach Nordirland verpasst. Willem sah die schwarzen Gesichter der Schafe und ihr zotteliges Fell, rot markiert, das durch das Gitter des Trailers drückte. Ich bin die Kompromisse, die man als Ehemann eingehen muss, gern eingegangen, dachte er und lächelte, weil er sich vorstellte, was Eilis früher dazu gesagt hätte. »Und ich habe die Kontrolle sehr genossen, die man in dieser Rolle ausübt!«, sagte er laut und pochte mit den Knöcheln an die Scheibe.

 

Als er das letzte Mal mit Arnold telefoniert hatte, war dessen Stimme so nah gewesen, als lebte ihr Sohn nicht in Boston, Massachusetts, sondern in Greencastle, nicht weit von seinem Elternhaus entfernt. Arnold und sein Partner Callan steckten in finanziellen Schwierigkeiten, so viel hatte er erzählt, da bei der Renovierung des Cottages, das sie an der Küste Maines gekauft hatten, Probleme aufgetaucht waren. Arnold hatte nicht versucht, seine Sorgen zu überspielen, aber er hatte auch nicht um Hilfe gebeten. Willem versuchte, sich Arnold vorzustellen, jetzt, in diesem Augenblick, Arnold Declan, ihren einzigen Sohn, aber er sah nur die Verzweiflung in seinen Augen und die dunkle Trauer, die jedem Vater und jeder Mutter Angst einjagen. Wie spät war es in Boston? Fünf Stunden früher oder später? Lag sein Sohn im Bett? Oder standen er und Callan in ihrem Restaurant EatBeat an der Massachusetts Avenue in Cambridge? Dass er sich an die Namen erinnerte, sich aber die Zeitverschiebung zwischen Irland und Amerika so wenig merken konnte wie das Datum, an dem von Sommerzeit auf Winterzeit umgestellt wurde, machte ihn wütend. Die Trauer, die schon als Kind in Arnolds Blick lag, hatte sie als Eltern zutiefst erschreckt. Von seiner Mutter hatte Arnold diesen melancholischen oder eher wohl schwermütigen Wesenszug nicht geerbt. Eilis hatte zeitlebens das Licht gesehen, nicht den Schatten, sie war ein Sonntagskind. Sie war immer die Frau gewesen, die aufstand und beherzt ein Lied sang oder ein Gedicht vortrug, nicht die Frau, die ruhig sitzen blieb, um anderen zuzuhören und freundlich zu applaudieren. Aber wir werfen kein Licht, wir Menschen werfen einzig einen Schatten, und auch den nur, wenn Licht auf uns fällt, ob uns das nun passt oder nicht. Woher hatte er diese platte Weisheit? Aus dem Fernseher, dem Radio?

 

Er verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere und hörte das vertraute Knarzen des Dielenbrettes, das von einer tiefen Kerbe markiert war. Vor vier Jahren war Eilis die Schmuckschatulle aus der Hand geglitten. War das ein erstes Anzeichen ihrer Krankheit gewesen? Das Haus war ein Teil von ihm. Eilis und er hatten es nach ihrer Hochzeit mit Hilfe ihrer Eltern gekauft und darin eine Familie gegründet. Der Name des Hotels in Rathmullan, in dem sie Hochzeit gefeiert hatten, war ihm entfallen. Eilis hatte sich verlässlich an jedes Datum erinnert, jeden Jahrestag, jeden Geburtstag und jeden Namen. Früher hätte sie ihm auf den Tag genau sagen können, wann sie den Vertrag für ihr Haus unterschrieben hatten, an welchem Tag sie eingezogen waren. Jeder Winkel des Hauses war ihm vertraut, er kannte seine Geräusche und Gerüche, seine Vorzüge und Mängel. Er wusste, welche Türen klemmten, welche Bretter knarrten, welche Fenster nicht dicht schlossen, welches der Zimmer das dunkelste und welches das kälteste war. Für die Behauptung von Eilis’ Großmutter, in den drei Zimmern unterm Dach spuke es, hatte er in all den Jahrzehnten nie einen Beweis gefunden. Er liebte das Haus, so verwinkelt, unpraktisch und schwer zu beheizen es auch war, er wollte hier sterben, nirgendwo sonst. Und Eilis wollte das ebenfalls, so hatten sie es einander versprochen.