Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Fontäne ? ein interessanter Name für eine spannende Zeitschrift. Die Fontäne steht nicht nur mit ihrem Namen für eine mannigfaltige Quelle, sie ist auch in ihrem Themenspektrum vielseitig und vielfältig. Aus ihr entspringen geistes-, kultur- und naturwissenschaftliche Themen und werden von Experten einer großen und anspruchsvollen Leserschaft dargeboten. Im Mittelpunkt steht dabei immer der Mensch, der es schafft, die Synthese zwischen emotionaler und rationaler Welt ? den Einklang von Herz und Verstand ? zu vollbringen.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
www.diefontaene.de
Liebe Freundinnen und Freunde der Fontäne,
durch die atemberaubenden Entwicklungen im Bereich der Kommunikations- und Transportmittel rücken Raum und Zeit immer näher zusammen, die Erde ist heute runder denn je. Morgen und Abend verschmelzen ebenso miteinander wie Morgenland und Abendland. Eine unangenehme Begleiter-scheinung dieses Prozesses ist jedoch, dass Menschen oft Angst vor Veränderung haben und dass diese Angst manchmal überhandnimmt. Sie ist auf unterschiedlichen Ebenen und in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen spürbar.
Angst an sich ist nichts Negatives. Sie dient dem Schutz unseres Lebens, dafür wurde sie uns eingepflanzt. Aber es besteht die Gefahr, dass sie unser friedfertiges Leben vergiftet; dass man sie beispielsweise missbraucht, um unter ihrem Denkmantel Grundrechte und Freiheiten unserer demokratisch freiheitli-chen Rechtsordnung zu beschneiden. Angst zeigt Wirkung. Sie führt nicht selten zu verbalen Aussetzern und sogar zu Gewalt. Allerdings lässt sie sich nicht so leicht fotografieren und wird daher zu selten enttarnt, wenn es um die Frage der Ursachen oder Auslöser von Fehlentwicklungen geht.
Und doch können wir etwas dagegen tun, zu einer Angstgesell-schaft zu werden, wenn wir nämlich beharrlich an den Stütz-pfeilern der unbegründeten Angst sägen. Wissen und Ken-nenlernen sind durchaus erprobte und heilsame Mittel gegen Angst. Daher möchten wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, in diesem Heft Wissen präsentieren, das Vergleiche zwischen Abendländischem und Morgenländischem ermöglicht und ei-nen Weg zu einer Synthese ebnet. Beispiele hierfür sind unser Leitartikel ‚Der Niedergang des Denkens‘, ‚Welcome to the USA‘ oder auch ‚Marco Polo und Ibn Battuta‘.
Immer aufs Neue faszinierend ist ja auch, dass man für eine nähere Beschäftigung mit Dingen, von denen man vorher viel-leicht gar nichts oder nur wenig wusste, oft sehr reich belohnt wird. Interessante Einblicke in andere Welten bieten zum ‚Die Hobbys der Osmanischen Sultane‘ und ‚Heilung durch Hören‘.
Fruchtbare Stunden mit der Fontäne 72 wünscht Ihnen
Ihr Fontäne Team
EDITORIAL
www.diefontaene.de
Kultur & Gesellschaft
10
6
20
35
39
Hügel des HerzensFena fillah (Aulösung in Gott)Fethullah Gülen
GeschichteWaren alle Sultane klein & dick?Die Hobbys der Osmanischen Sultane Meryem Akgün
ReisenMarco Polo und Ibn Battuta - Die Weltenbummler des MittelaltersZafer Dogan
Marco Polo und Ibn Battuta - Die Weltenbummler des MittelaltersZafer Dogan
54
Welcome to the USA - Integration und Migration in den USASamet Er
20
Der Niedergang des DenkensFethullah Gülen
6
54
Leitartikel Philosophie
Der Niedergang des Denkens
Fethullah Gülen
PsychologieDas Gebet - eine Hotline zu Gott?Metin Aysel
GesellschaftWelcome to the USA - Integration und Migration in den USA - Ein ErfahrungsberichtSamet Er
Nr.72/ April - Juni 2016
INHALT
Dialog
BildungEin großes L für LebenFelix Stein
Musik
Heilung durch Hören - Die Kraft der SufimusikVolkan Efe
Buchrezension Aus der Wissenwelt eines IntellektuellenFelix Stein
Fragen und Antworten
Die Entfaltung der SpiritualitätHikmet Isik
43
59
48
28
Die Welt der KatzenIbrahim Ugurlu
43
Heilung durch Hören - Die Kraft der Sufimusik Volkan Efe
48
18
15
25
64
Wissenschaft
BiologieRecycling im ErdreichH. Arif Ustaoglu
PhysikDas fein getunte UniversumBetül Gül
Umwelt
Volle Energie voraus!Die Unwägbarkeiten der Energieversorgung
Ö. Said Gönüllü
MedizinBrücken, Kronen, PlombenKann Zahnersatz Zähne gleichwertig ersetzen? Mehmet Yildiz
BiologieDie Welt der KatzenIbrahim Ugurlu
WissenschaftNeues aus Wissenschaft und Forschung
32
62
Inhaltsverzeichnis
Seit Jahren schon ist das Denken in unserer Gesellschaft1im Niedergang begriffen, und mit jedem Tag schwächt das immer deutlichere Versagen unseres Habitus, der unsere Haltung und unseren Stil kennzeichnet, unsere Gefühle und Gedanke ein Stück mehr. Symptome dieser Entwicklung sind hemmungslose Verlautbarungen, extrem aggressive Formulierungen, an Grobschlächtigkeit kaum zu überbietende Verhaltensweisen und ein Mangel an jeglichen Umgangsformen. Was die Gefühle und Denkweisen betrifft, auf deren Grundlage sich diese Ausschweifungen entwickeln können, so sind sie so finster wie die Absichten eines Skorpions.
Leitartikel
DerNiedergang
des
Denkens
6
die Fontäne / April - Juni 2016
Inhaltsverzeichnis
von Fethullah Gülen
Wem soll man zuhören, wem kann man ver-trauen, auf wel-che Gedanken, Ideen und Meinungen ist Verlass? In der Arena von streitsüchtigen Geis-tern, die einzig auf abfällige Kritik und Zerstörung aus sind, werden selbst die unschuldigsten Gedan-ken und die stimmigsten Pläne und Projekte zwischen den erbarmungs-losen Zähnen von Widerstand, Kon-flikt und Verfolgung zermalmt und anschließend verworfen, werden selbst die unantastbarsten Werte im-mer wieder mit Füßen getreten und zertrampelt.
Ich frage mich, was die Men-schen in unserer Gesellschaft dazu treibt, menschliche Wer-te so geringzuschätzen. Was treibt uns dazu, einander zu Wölfen zu werden? Wer dar-auf hofft, dass uns ein solcher Umgang miteinander, ein sol-ches Gebaren voranbringt, der irrt sich. Zu glauben, dass sich auf diese Weise hohe Ideale verwirk-lichen lassen, wäre wahrhaft ein Trugschluss. Aber leider haben wir uns über Jahre hinweg immer wieder getäuscht und unbegreifliche Feh-ler begangen. Und was noch hinzu-kommt: Wir begehen diese großen Fehler nicht nur, sondern präsentie-ren sie der Welt anschließend auch noch als große Erfolge. Zu den am weitesten verbreiteten Hirngespins-ten dieser Zeit gehört das törichte Ge-rede davon, ein Vorbild für die Welt zu sein, das Antlitz der Welt zu ver-ändern oder zumindest den Zustand im eigenen Land in Ordnung zu brin-gen. Auf der einen Seite brüstet man sich von oben herab mit solch hohen Töne, auf der anderen Seite winden sich dieses Land und seine unter-drückten Bewohner in den Klauen von Unruhe und Aufruhr.
In dieser chaotischen Situation wird es weder möglich sein, die Landkar-te des Denkens der Welt zu prägen, noch die Not unserer eigenen Ge-sellschaft in Wohlergehen zu ver-wandeln oder ihr neue Horizonte zu eröffnen. Wenn aus den Ideen dieser Zirkel der Verzweiflung - von denen jede einzelne als wahnhaft und krampfhaft zu betrachten ist - überhaupt irgendetwas entstehen kann, dann meiner Meinung nach allerhöchstens Chaos, mit Sicherheit aber keine Erneuerung. Und wenn man davon ausgeht, dass alles bis-her Geschehene heute bereits an-deutet, was in Zukunft noch gesche-hen könnte, dann erübrigt es sich wohl, noch mehr Worte zu diesem Thema zu verlieren.
Keineswegs möchte ich behaupten, hier ein Thema zu behandeln, das besonders originell ist. In Gesprä-chen auf unterschiedlichsten Ebe-nen wurde es immer wieder disku-tiert, und ich weiß nicht, wie oft es schon durch das Sieb von Diagnose und Befund gepresst wurde. Es hat bereits die klügsten Köpfe und die einflussreichsten Autoren beschäf-tigt, und eine Reihe von repräsen-tativen Umfragen gab es dazu auch. Auf mehreren Plattformen wurden Gutachten zu dem Thema erstellt, aber keines dieser Unterfangen lie-ferte Ergebnisse, die die Erwartun-gen erfüllen konnten.
Noch immer verschwenden viele Menschen ihre wertvollen Ideen und ihre Intelligenz, indem sie sie für diese kümmerliche Haltung opfern.
Sie messen Gefühlen eine größere Bedeutung als Wissenschaft, Kultur, Mut und Logik zu und vergeuden ihr Leben damit, menschliche Wer-te zu bekämpfen. Diese Leute sind intellektuell inkompetent, sie sind auf der Herzensebene als absolut leer zu bezeichnen, ihr Urteilsver-mögen ist voller Widersprüche, und es mangelt ihnen an Weisheit und Wissen; und wenn sie dann noch zu Unaufrichtigkeit, Kleinlichkeit und Geltungssucht neigen und stets auf ihre Position, ihren Status und ihren Vorteil bedacht sind, können sie wahrscheinlich gar nicht anders handeln. Da sollte man sich keine Il-lusionen machen. Das Unterfangen, den Punkt, auf den sich ihr Blick fo-kussiert, und das Ziel, das sie sich gesetzt haben, zu erreichen, verfol-gen sie mit einem unstillbaren Verlangen, das sie permanent zu befriedigen suchen. Ab und zu sind sie zufrieden mit dem, was sie geschafft haben, viel öfter aber trauern sie verpass-ten Möglichkeiten hinterher. Sie ersticken nach und nach die erhabenen Gefühle ihres Geistes, von denen jedes ein-zelne als ein Geschenk für den Menschen betrachtet werden kann, was dazu führt, dass sie durch die Täler des Egoismus und der Aus-schweifung geschleift werden.
Es kann absolut nicht die Rede da-von sein, dass diese Menschen, de-ren Herz und Verstand verkümmert sind und die auch einen Großteil ih-rer menschlichen Vernunft und Ur-teilsgabe, ihres Gewissens und an-derer mit dem Gewissen verknüpften Gaben Gottes verloren haben, einen Beitrag zur Verbesserung der Welt und zum Wohlergehen der Mensch-heit leisten, ihrer Gesellschaft einen Dienst erweisen oder ihre Mitmen-schen zu neuen Horizonten führen. Und zwar deshalb nicht, weil sie nie den Kontakt zu ihren inneren Tiefen gesucht und nicht begriffen haben, worin der Sinn ihres Seins besteht. Abgesehen davon haben sie verges-
Was treibt uns dazu, einander zu Wölfen zu werden?
7
April - Juni 2016 / die Fontäne
Inhaltsverzeichnis
sen, wie man liebt. Sie haben jeden Respekt vermissen lassen, Tugend als Hirngespinst abgetan und im-mer nur darüber nachgedacht, auf welche Weise und mit welchen Mit-teln sie sich am besten bereichern können. Sie haben davon geträumt wie sie den Zenit des Wohlstandes erreichen können und wen sie da-für in den Ruin treiben müssen. Und selbst wenn sie Positives hätten be-wirken wollen, wäre wahrscheinlich nichts Gutes dabei herausgekom-men; denn noch nie oder zumindest nur extrem selten haben tugendlose und verderbte Naturen Dinge her-vorgebracht, die untadelig gewesen wären.
Natürlich ist die Menschheit schon häufig genug Zeuge von Anomali-en im Denken und Abweichungen im Geist geworden. Neu ist jedoch dieses Ausmaß an Beklemmung in der Gesellschaft. Es resultiert dar-aus, dass der Mensch von heute die ganze Kraft seiner Intelligenz und seine ganze Urteilsgabe seinem Ego und seinen Gelüsten unterordnet und mit aller Entschlossenheit ei-nen Krieg gegen Recht und Wahrheit führt; und dies auch noch mit der festen Überzeugung, dass seine In-telligenz und die Wissenschaft alles ist, was er braucht.
Ich glaube nicht, dass die Menschen heute intelligenter und vernünftiger sind als früher. Im Gegenteil, ich denke, dass die Geistesgrößen und Meinungsführer von heute in man-cher Hinsicht unvernünftiger und oberflächlicher sind als die Men-schen in der entfernten und jünge-ren Vergangenheit. Diesen standen zwar nicht einmal ein Zehntel jener Möglichkeiten zur Verfügung, die Technologie und Wissenschaft heu-te verheißen, und doch waren sie kompetenter, stärker und konse-quenter. Allem Anschein nach war Kain ein effizienterer Mörder als die Mörder von heute, Nimrod ein eh-renhafterer Despot, Karun ein muti-gerer und umsichtigerer Kapitalist,
Pharao ein besonnenerer Tyrann, Sokrates ein disziplinierterer Den-ker, Leonardo ein feinsinnigerer und visionärerer Künstler, Shakespea-re ein verführerischerer Literat mit größeren Träumen, Goethe ein noch talentierterer Erzähler, Nietzsche ein unnachgiebigerer Rebell und Sartre ein sorgfältigerer und kompromiss-loserer Analytiker des Egos. Ja, un-abhängig davon, ob sein Ansatz gut oder schlecht war, verfolgte jeder dieser Männer seine ureigene philo-sophische Linie mit größerer Kühn-heit und Umsicht als seine Pendants heute.
Weder die Intellektuellen von heu-te, die von sich behaupten, frei von Aberglauben zu sein, noch die spi-rituellen Autoritäten von heute, die meinen, die Religion und die Meta-physik in ihrer ganzen Tiefe verstan-den zu haben, können ihren Vorgän-gern das Wasser reichen, obwohl sie doch so viele neue Möglichkeiten der Moderne besitzen. Hinzu kommt, dass die Materialisten, denen der Verstand auf die Augen gesunken ist und die nur noch im Materiellen nach Antworten suchen, und die Spiritualisten, die sich dazu berufen fühlen, alles und jedes auf seine spi-rituelle Essenz zurückzuführen, ex-trem oberflächlich in ihren Urteilen und hinsichtlich ihrer Willenskraft erstaunlich unentschlossen sind.
Im Hinblick auf den Respekt ge-genüber den menschlichen Werten liegen sie hinter ihren Vorgängern zurück, und in ihren Wünschen und Anliegen sind sie äußert wankel-mütig. Jeden Morgen lassen sie sich von einer anderen Strömung mitrei-ßen, und jeden Abend sind sie von einem anderen Konzept fasziniert, ganz als wären sie Ebbe und Flut hilflos ausgeliefert. Manchmal Athe-ist und Nihilist, dann wieder Kapita-list und Liberalist. Zuweilen gefügig und voller Ehrerbietung gegenüber Mächten, die für sie unüberwindbar erscheinen, dann wieder vagabun-dierend und rebellisch. Aber stets
unausgeglichen und schwankend. Diese Menschen laufen jederzeit Ge-fahr, von einer beliebigen Strömung ergriffen und in unbekannte Gefilde gespült zu werden oder in der Kelter irgendeines Fehlers zerquetscht zu werden. Und wenn die Winde des Schicksals es nicht gut mit ihnen meinen, werden diese Armseligen wie Herbstlaub hinfort geweht, ohne dass irgendjemand in der Lage wäre, sie zu retten.
Ich nehme an, dass diejenigen, die diese soziale Schieflage - vielleicht wäre es auch angemessener, sie so-ziale Paranoia zu nennen - erkennen und ahnen, was für eine Gefahr sie für die Zukunft in sich birgt, längst zu schaudern und zu zittern begon-nen haben. Doch so sehr es sie auch schaudert, fußen ihre Lösungskon-zepte doch stets nur auf Doktrinen wie Sozialismus, Kapitalismus und Liberalismus. Solange der eigentli-che Grund für den Niedergang und die wahren Ursachen der Proble-me nicht identifiziert sind, werden wir diesem Teufelskreis wohl nicht entfliehen können, wird die Gesell-schaft keinen Ausweg aus ihren Kri-sen finden.
8
die Fontäne / April - Juni 2016
Inhaltsverzeichnis
Nachdem sie ihre politischen Krisen bewältigt hat, wird sie von ökono-mischen Krisen heimgesucht wer-den, und wenn sie ihre militärische Schwäche überwunden hat, wird ihre Verwaltung ins Chaos stürzen, und diese tödlichen Teufelskreise werden uns Zug um Zug ruinieren. Wenn wir unser Handeln in der nä-heren Zukunft an dieser Logik - oder richtiger: an dieser Unlogik - aus-richten, werden wir keinen Zoll vor-ankommen. Öffentliche Diskussio-nen und Konferenzen werden sich lediglich im Kreis drehen und immer wieder auf das Dilemma zurück-geworfen werden, dass man sich zwischen individueller Freiheit und staatlicher Macht entscheiden muss. Man wird nie über Fragen hinaus-kommen wie: Freiheitliche Ordnung oder autoritäre Ordnung? Kapitalis-tisches System oder sozialistischer Staat? Dann werden wir noch über eine Reihe von weiteren Dialektiken und logischen Kniffen diskutieren, bis sich irgendwann herausstellt, dass wir all die Jahre und Chancen verschwendet und uns immer nur um unsere Selbstsucht gedreht ha-ben. Aus diesem Grunde möchte ich hier einige Maßnahmen präsentie-ren, die unsere Gesellschaft schon
vor einigen Jahrhunderten hätte er-greifen sollen, die aber aus unerfind-lichen Gründen nicht verwirklicht werden konnten:
In den vergangenen Jahrhunderten waren wir als Gesellschaft trotz dut-zender Reformversuche nicht in der Lage, ein eigenes moralisches Sys-tem auf der Grundlage unserer eige-nen Kultur zu etablieren. Es ist uns nicht gelungen, unsere eigenen me-taphysischen Vorstellungen zu ent-wickeln und zu systematisieren. Wir haben kein künstlerisches Konzept hervorgebracht, das unsere eigene Haltung gegenüber den Realitäten von Gott, Universum und Mensch widerspiegeln würde, und wir ha-ben es nicht geschafft, ein System für Bildung und Erziehung zu entwi-ckeln, das auf unseren spirituellen Grundanschauungen basiert.
Den Kern fast jeden moralischen Sys-tems in der Welt bilden ein gefestig-ter Glaube, ein verinnerlichtes Frei-heitsgefühl sowie ein umfassendes Verantwortungsbewusstsein. Und alle diese Punkte sind mehr oder we-niger mit der Metaphysik verknüpft. In einer Gesellschaft, in der keine Glaubens- und Gewissenfreiheit herrscht, in der das Freiheitsgefühl der Menschen ausgelöscht wurde und in der kein Verantwortungs-bewusstsein mehr in den Herzen existiert, kann von Metaphysik und Moralität keine Rede sein. Gesell-schaften, die es versäumt haben, ihr eigenes Denksystem zu etablieren, und Individuen, die es versäumt ha-ben, sich ihrer Identität auf der Basis solcher metaphysischer Betrachtun-gen zu vergewissern, büßen mit der Zeit zwangsläufig ihren Geist und ih-ren Glauben ein und sind langfristig kaum in der Lage, sich ihre Wurzeln zu bewahren.
Als Gesellschaft haben wir unsere reichlich sprudelnden, Leben spen-denden Quellen, die uns im Laufe der Geschichte stets genährt haben, eigenhändig trockengelegt. Stattdes-sen haben wir uns darauf versteift,
Dinge von außen zu importieren; so zum Beispiel jenes absonderliche Verständnis von Nation, das der Be-völkerung aufzuzwingen versucht wurde. Mit einer seltsamen Lebens-philosophie und einem seltsamen Kunstverständnis, das unseren Geist verletzt hat, haben wir das Gedächt-nis der ganzen Gesellschaft zerrüt-tet. Wir haben unsere Fackel, die tausende von Jahren hell gebrannt hat, ausgelöscht und uns der Dun-kelheit ergeben, als wären wir Fle-dermäuse.
Anstelle von dieser oder jener Philo-sophie brauchen wir ein wirksames Rezept, das uns den Geist, der uns abhanden gekommen ist, wieder zu-rückbringt, das uns aus dem Strudel der Ungewissheit reißt und uns eine neue Liebe zur Wahrheit beschert; ein neues Konzept des Wissens und der gedanklichen Tiefe, das unse-rem eigenen Verständnis von Moral Rechnung trägt. Bestandteile dieses Rezepts sind unsere eigenen, in Jahr-hunderten des gesellschaftlichen Zusammenlebens herausgefilterten metaphysischen Betrachtungswei-sen, unsere eigene auf das jensei-tige Leben ausgerichtete Philoso-phie und unsere eigenen Stimmen und Atemzüge, die über die Achse der Propheten mit der Gott-Univer-sum-Mensch-Wahrheit verknüpft sind. Vermutlich werden wir erst dann, wenn wir unsere abhanden gekommenen Werte zurückgewon-nen haben, unseren eigenen au-thentischen Stil und unsere eigene authentische Haltung finden, unse-re eigene Position selbst bestimmen und uns vom Niedergang des Den-kens befreien können.
Anmerkungen
1. Dieser Beitrag bezieht sich auf bestimmte ge-sellschaftliche Entwicklungen in der Türkei in den
