Die Frau Bürgemeisterin (Historischer Roman) - Georg Ebers - E-Book

Die Frau Bürgemeisterin (Historischer Roman) E-Book

Georg Ebers

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Beschreibung

In "Die Frau Bürgemeisterin" entführt Georg Ebers die Leser in das facettenreiche Leben einer starken und charismatischen Frau im 16. Jahrhundert. Dieser historische Roman verbindet sorgfältig recherchierte historische Details mit lebendigen Charakterisierungen und einem packenden Erzählstil. Ebers, ein Meister der Darstellung historischer Kontexte, schildert die Herausforderungen, denen sich die Protagonistin als Bürgermeisterin einer Stadt gegenübersieht, sowie die gesellschaftlichen und politischen Intrigen, die ihr Handeln beeinflussen. Die Mischung aus persönlichen Spannungen und dem größeren historischen Rahmen verleiht der Erzählung sowohl Tiefe als auch Dramatik. Georg Ebers, ein renommierter deutscher Schriftsteller und Ägyptologe des 19. Jahrhunderts, war bekannt für seine Leidenschaft für Geschichte und seine Fähigkeit, diese in fesselnden Erzählungen zum Leben zu erwecken. Seine umfangreiche Bildung und sein Interesse an historischen Themen und Figuren haben ihn inspiriert, eine Geschichte zu schaffen, die sowohl die Herausforderungen von Frauen in patriarchalen Gesellschaften als auch die Komplexität politischer Machtverhältnisse beleuchtet. Ebers' eigene Reisen und Studien im alten Ägypten spiegeln sich in seiner detaillierten und poetischen Schreibweise wider. "Die Frau Bürgemeisterin" ist ein unverzichtbares Werk für alle, die sich für Frauenrollen in der Geschichte, für historische Fiktion oder für die kreative Erzählkunst Georg Ebers interessieren. Das Buch bietet nicht nur spannende Unterhaltung, sondern regt auch zum Nachdenken über die fortdauernde Relevanz von Geschlechterfragen in der heutigen Zeit an. Lassen Sie sich von Ebers' meisterlicher Darstellung in eine vergangene Epoche entführen und erleben Sie die Stärke und Entschlossenheit einer Frau, die sich den Herausforderungen ihrer Zeit widersetzt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Georg Ebers

Die Frau Bürgemeisterin (Historischer Roman)

Bereicherte Ausgabe. Mittelalter-Roman
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547805014

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Die Frau Bürgemeisterin (Historischer Roman)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Im Brennpunkt von öffentlicher Pflicht und privater Loyalität entfaltet sich die Geschichte einer Frau, die in Zeiten der Belagerung zwischen Gewissen, Gemeinschaft und den unsichtbaren Fäden der Macht vermittelt, während das Schicksal einer ganzen Stadt an Entscheidungen hängt, die im Verborgenen reifen, im Lärm der Gassen geprüft werden und schließlich jenen Mut verlangen, der nicht im Pathos, sondern in der täglicher Sorge, in standhafter Fürsorge und in der Fähigkeit liegt, das Richtige zu tun, wenn die Möglichkeiten schwinden, die Gerüchte wachsen und jede Geste zur Frage wird, ob Menschlichkeit Widerstand leisten kann.

Die Frau Bürgermeisterin ist ein historischer Roman von Georg Ebers, einem deutschen Schriftsteller und Altertumsforscher, der für detailreiche, quellenbewusste Erzählkunst bekannt ist. Das Werk führt in die Niederlande, in eine von Krieg und Entbehrung gezeichnete Stadt, deren bürgerliche Ordnung unter der Last einer Belagerung auf die Probe gestellt wird. Entstanden und erstmals veröffentlicht im späten 19. Jahrhundert, verbindet der Roman das Interesse seiner Zeit an Vergangenheit und Bürgerethos mit einer lebendigen, erzählerischen Gestaltung. Statt gelehrter Abhandlung erhält man ein packendes Zeitbild, das soziale, religiöse und politische Spannungen bündelt, ohne die Menschen hinter den Ereignissen aus dem Blick zu verlieren.

Zu Beginn begegnen wir einer Gemeinschaft, die ihren Alltag unter außergewöhnlichen Bedingungen organisiert: Vorräte werden knapp, Entscheidungen des Rates betreffen jede Küche, und die Grenzen zwischen privatem Haushalt und öffentlicher Verantwortung verwischen. Im Zentrum steht die Perspektive einer Frau an der Seite eines städtischen Amtsträgers, deren Handlungsraum größer ist, als Konventionen vermuten lassen, und die Spuren im Gefüge der Stadt hinterlässt. Der Erzählton bleibt ruhig und zugänglich, die Stimme allwissend, doch nie belehrend; Ebers schichtet Details, Dialoge und Szenenfolgen so, dass Spannung aus Beobachtung erwächst und Atmosphäre aus genauer, unaufdringlicher Beschreibung.

Zentrale Themen durchziehen das Buch wie Strömungen unter einer scheinbar glatten Oberfläche: Bürgertugend und Gemeinsinn, Loyalität und Verrat, religiöse Bindungen und politische Pragmatik, die Frage nach Führung in der Krise und danach, was Opfer bedeutet, wenn niemand sicher sein kann, ob Hilfe rechtzeitig kommt. Ebenso wichtig ist die Geschlechterordnung jener Epoche, die zwar Grenzen setzt, aber Handlungsintelligenz, Fürsorge und Entschlusskraft von Frauen keineswegs ausschließt. Das Private zeigt sich dabei als politischer Raum im Kleinen: Küche, Werkstatt und Markt werden zu Schauplätzen, an denen sich die großen Konflikte der Zeit konkret verdichten.

Ebers’ Stil entfaltet historische Genauigkeit ohne Trockenheit: dichte Schauplätze, plastische Requisiten, Bewegungen der Menge und intime Innenräume wechseln in ausgewogenem Rhythmus. Szenen beginnen oft in alltäglichen Verrichtungen und öffnen sich auf größere Zusammenhänge; Figuren sprechen in einer Sprache, die zeitkoloritgetreu wirkt, aber lesbar bleibt. Statt effekthascherischer Wendungen setzt die Erzählung auf stete Steigerung, auf das Ineinandergreifen von Handlungsfäden und auf moralische Spannungen, die aus nachvollziehbaren Bedürfnissen entstehen. So ergibt sich ein Leseerlebnis zwischen epischem Panorama und Nähe zum einzelnen Schicksal, getragen von Empathie und einer zuverlässigen, ruhig lenkenden Erzählhaltung, die Vertrauen schafft.

Für heutige Leserinnen und Leser ist der Roman mehr als ein Blick in eine vergangene Stadt: Er fragt nach Verantwortlichkeit in Ausnahmesituationen, nach der Kraft von Nachbarschaft, nach der Rolle von Information und Gerücht und nach Formen weiblicher Einflussnahme jenseits offizieller Ämter. In Zeiten politischer Polarisierung und wiederkehrender Krisen wirken seine Fragen erstaunlich gegenwärtig: Wie hält eine Gemeinschaft zusammen, wenn Mangel, Angst und Druck von außen wachsen. Was schuldet Führung dem Gemeinwohl, und wie kann Fürsorge zur politischen Tugend werden. Die Antworten bleiben vielstimmig, offen und an den Figuren erfahrbar.

Die Frau Bürgermeisterin empfiehlt sich somit als historischer Roman, der Wissen, Stimmung und Handlung überzeugend vereint und der Vergangenheit ohne Nostalgie nachspürt. Wer sich auf die leise Spannung seiner Szenen und die sorgfältige Komposition einlässt, findet eine Erzählung über Mut, Maß und das alltägliche Ethos, das Städte und Gemeinschaften trägt. Zugänglich geschrieben, aber reich an Kontext, eröffnet das Buch Perspektiven auf Geschichte, die in Gegenwartsfragen fortwirken. Es ist eine Einladung, der inneren Logik einer belagerten Stadt zu folgen, ohne Gewissheiten zu erzwingen, und in einer einzelnen Biografie die Bewegung eines Gemeinwesens zu erkennen.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Georg Ebers erzählt in diesem historischen Roman eine Episode aus den Niederlanden während des Aufstands gegen die spanische Herrschaft. Im Mittelpunkt steht das Leben in einer belagerten Handelsstadt, deren Bürgerschaft zwischen Loyalität, religiöser Überzeugung und nacktem Überleben abwägt. Aus der Perspektive des städtischen Führungskreises und, besonders, des Haushalts des Bürgermeisters entfaltet Ebers ein Panorama von Markt, Werkstatt und Ratshaus. Die Eröffnung zeichnet das fragile Gleichgewicht zwischen Alltag und drohender Gewalt: Es gibt Mangelzeichen, zögerliches Vertrauen in Verbündete und Zweifel an der Dauer der eigenen Kräfte. Der Ton bleibt sachlich, doch die Spannung steigt mit jedem verlorenen Handlungsspielraum.

Die Frau Bürgermeisterin tritt als ordnende, zugleich empfindsame Figur hervor. Zwischen Pflichten im Haus, Fürsorge für Bedürftige und der repräsentativen Rolle an der Seite ihres Mannes vermittelt sie zwischen Klassen, Konfessionen und Geschlechtern. Ebers nutzt ihren Blick, um private Wünsche und politische Notwendigkeiten zu kontrastieren: Rückzug ins Private erscheint verlockend, doch der Ruf der Stadt verlangt Präsenz. Bereits zu Beginn verschärfen Denunziationen und Misstrauen die Gräben, während Flüchtlinge, Kaufleute und Handwerker um knappe Mittel ringen. Die Frage, ob Standhaftigkeit oder Einlenken das geringere Übel sei, beginnt das familiäre Zusammenleben ebenso zu prägen wie die Sitzungen des Rats.

Mit der Zuspitzung der äußeren Bedrohung wird die Versorgungslage kritisch. Blockierte Zufahrten, ausbleibende Züge und geschlossene Märkte zwingen die Stadt, Vorräte zu rationieren und strenge Regeln durchzusetzen. Ebers beschreibt Ratsdebatten, Patrouillen und Predigten, die Haltung und Hoffnung stützen sollen. Gerüchte über Spione und geheime Verhandlungen kursieren, wodurch Nachbarschaften in Lager zerfallen. Die Frau Bürgermeisterin organisiert Hilfen, beruhigt aufgebrachte Gruppen und wird Zeugin, wie Worte plötzlich so wirksam sind wie Waffen. Der Roman zeigt das tägliche Aushandeln zwischen Recht und Notrecht: Wer bekommt Brot, wer Schutz, wer Gehör? Die Antwort bleibt umkämpft, je härter der Ring um die Mauern schließt.

Ein zentraler Wendepunkt setzt ein, als Hunger und Krankheit den inneren Zusammenhalt bedrohen. Die Versuchung, Bedingungen des Gegners zu akzeptieren, gewinnt Anhänger; andere drängen auf konsequente Gegenwehr. Der Rat ringt um Entscheidungen, die kaum noch Rückwege lassen, und die Frau Bürgermeisterin wird zur Vermittlerin zwischen Härte und Barmherzigkeit. Verdächtige Treffen, verschwundene Vorräte und ein vereitelter Anschlag verstärken das Gefühl, dass der Konflikt auch im Inneren ausgetragen wird. Zugleich wachsen Erwartungen an Hilfe von außen, während Überlegungen zu riskanten Maßnahmen Gestalt annehmen. Der Roman verdichtet hier Moralfragen: Welche Opfer sind legitim, wenn das Gemeinwesen auf dem Spiel steht?

Parallel zur politischen Zuspitzung entfaltet Ebers ein Netz persönlicher Bindungen, das Loyalitäten testet. Freundschaften werden zu Bündnissen, alte Kränkungen kehren wieder, und Liebesversprechen müssen sich bewähren, wenn Prioritäten neu geordnet werden. Die Frau Bürgermeisterin erlebt, wie private Entscheidungen öffentliche Resonanz erzeugen: eine Fürbitte oder Zurückweisung kann Versorgungslinien öffnen oder schließen, Vertrauen stärken oder zerstören. Szenen aus Werkstätten, Hospitälern und Küchen zeigen die stille Tapferkeit der Namenlosen. Zugleich zeichnet der Roman den Blick über die Mauern: Im Lager des Gegners gibt es Zweifel, Ehrgeiz und Furcht. Der Feind bleibt nicht monolithisch, was die moralische Lage komplexer macht.

Als Nachrichten von möglichen Entsatzversuchen die Runde machen, flammt Hoffnung auf, doch sie bleibt brüchig. Von Wetter, Wasser und Wegen hängt ab, ob Hilfe rechtzeitig eintrifft, und jede Verzögerung kostet Leben. Der Roman führt die Handlung auf einen Kulminationspunkt zu, an dem Vorsicht nicht mehr genügt und entschlossene Schritte verlangt sind. Die Frau Bürgermeisterin trifft Entscheidungen, die persönliche Sicherheit zugunsten des Gemeinwohls relativieren, und ruft zu Zusammenhalt auf. Öffentliche Rituale, geteiltes Brot und symbolische Gesten stiften Identität. Was danach kommt, deutet Ebers an, ohne die Spannung der letzten Konsequenzen vorwegzunehmen.

Die Frau Bürgermeisterin wirkt über die Einzelschicksale hinaus als Studie bürgerlicher Tugenden im Ausnahmezustand. Ebers betont die Spannweite zwischen Glaube und Pragmatismus, Pflicht und Mitgefühl, männlicher Amtsgewalt und weiblicher Handlungskraft. Der Roman verdichtet historische Forschung und erzählerische Anschaulichkeit zu einem Bild, das weniger triumphale Heldentaten feiert, als die zähe Kultur des Gemeinsinns. Seine nachhaltige Wirkung liegt darin, Widerstand als soziale Praxis zu zeigen, die am Küchentisch ebenso entsteht wie im Ratssaal. Ohne die abschließenden Entwicklungen preiszugeben, bleibt die Botschaft bestehen: Freiheit verlangt Opfer, doch sie gründet auf verlässlicher Nachbarschaft, nüchterner Einsicht und beharrlicher Solidarität.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Der Roman ist in den Niederlanden der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts situiert, als die Habsburger unter Philipp II. die Siebzehn Provinzen regierten. Prägende Institutionen waren die städtischen Magistrate mit Bürgermeistern, Schöffen und Räten, die Zünfte als wirtschaftliche Körperschaften, sowie die Schützenkompanien, die für Ordnung und Verteidigung zuständig waren. Auf Provinzebene wirkten die Staaten von Holland und andere Ständeversammlungen; in Brüssel standen der Geheime Rat und der Finanzrat der Krone vor. Religionspolitisch prägten die römisch-katholische Kirche und die sich etablierenden reformierten Gemeinden das Leben. Handelsplätze, Stapelrechte und Seewege strukturierten den Alltag in Städten wie Leiden, Haarlem und Antwerpen.

Voraus ging die Verdichtung habsburgischer Herrschaft: Unter Karl V. waren die Provinzen durch die Burgundererbschaft zusammengeführt worden; die Pragmatische Sanktion von 1549 definierte sie als eine dynastische Einheit. Nach Karls Abdankung 1555/56 übernahm Philipp II. und setzte auf Zentralisierung, Steuererhöhungen und die Durchsetzung antireformatorischer Mandate gegen „Ketzerei“. Seine Regentin Margarethe von Parma regierte in Brüssel. Der Unmut über die „Ketzerplakate“ und inquisitorische Verfahren wuchs, ebenso gegen neue Bistümer. 1566 formierte sich der Adelskompromiss, gefolgt vom Bildersturm (Beeldenstorm), als reformatorische Gruppen in zahlreichen Städten Heiligenbilder aus Kirchen entfernten und kirchliches Inventar zerstörten.

Zur Niederschlagung schickte Philipp II. 1567 den Herzog von Alba. Dessen „Blutrat“ (Rat der Unruhen) verurteilte Tausende; 1568 wurden die Grafen Egmont und Horne hingerichtet. Albas „Zehnte Pfennig“-Steuer verschärfte den Konflikt. Wilhelm von Oranien trat als Führungsfigur der Aufständischen hervor. 1572 eroberten die Wassergeusen überraschend Den Briel; zahlreiche Städte schlossen sich dem Aufstand an, andere blieben loyal oder wurden militärisch zurückerobert. Es folgten verlustreiche Belagerungen, darunter Haarlem (1572/73). Die wirtschaftlichen Folgen – Handelsstörungen, Flüchtlingsbewegungen und Konfiskationen – trafen städtische Eliten und Handwerker gleichermaßen und verschoben Machtverhältnisse innerhalb der Stadtgemeinden. Propaganda in Flugschriften und Liedern begleitete die Kriegsereignisse.

Ein Schlüsselereignis war die Belagerung von Leiden 1573–1574. Die Stadt litt schwer unter Hunger und Seuchen. Bürgermeister Pieter Adriaansz. van der Werff wurde zur Symbolfigur bürgerlicher Standhaftigkeit. Die Entsatzstrategie der Aufständischen bestand darin, Deiche zu öffnen, das Umland zu fluten und so den Geusen unter Louis de Boisot den Weg freizumachen. Am 3. Oktober 1574 erreichte der Entsatz die Stadt; dieser Tag wird als Leidens Ontzet bis heute gefeiert, traditionell mit Hering und Weißbrot. 1575 verlieh Wilhelm von Oranien Leiden die Universität als Anerkennung – ein bedeutendes Bildungszentrum der jungen Republik.

Die Ereignisse in Leiden standen im größeren Rahmen der Staatsbildung. Nach der „Spanischen Furie“ in Antwerpen (November 1576) vereinbarten die Provinzen die Pazifikation von Gent (1576): gemeinsamer Widerstand und Abzug spanischer Truppen. Doch Spaltungen folgten: 1579 schlossen sich Teile des Südens zur Union von Arras Spanien an, während die nördlichen Provinzen die Union von Utrecht bildeten. 1581 erklärten sie im Plakkaat van Verlatinghe (Act of Abjuration) den Abfall von Philipp II. Der Krieg dauerte an; Antwerpen fiel 1585. Städte blieben politische Träger und Kriegsziele zugleich, ihre Räte organisierten Finanzen, Versorgung und Milizwesen.

Der städtische Alltag, den der Roman ausleuchtet, war von Handwerk, Handel und Haushalten geprägt. Leiden war ein Zentrum der Tuchproduktion; Haarlem besaß bedeutende Bleicherfelder; Antwerpen fungierte als Drehscheibe des europäischen Fernhandels. Druckereien und Flugschriften prägten die Meinungsbildung. In bürgerlichen Haushalten trugen Frauen Verantwortung für Finanzen, Personal und Ladenführung, besonders bei Abwesenheit der Männer. Armenfürsorge in Hospitälern und Hofjes lag oft in städtischer und kirchlicher Hand. Überlieferungen berichten von weiblicher Beteiligung an der Verteidigung, etwa um Kenau Simonsdochter Hasselaer in Haarlem; die historische Bewertung ihrer Rolle ist umstritten, der symbolische Gehalt jedoch einflussreich.

Konfessionell verband die Revolte religiöse und politische Fragen. Der Calvinismus verbreitete sich in Städten; 1571 schuf die Synode von Emden eine Struktur für die niederländisch-reformierten Gemeinden. Konsistorien übten Disziplin, während weiterhin viele Bewohner katholisch blieben. Die Union von Utrecht garantierte 1579 Gewissensfreiheit, auch wenn der öffentliche Gottesdienst je nach Stadtpolitik reguliert wurde. Erinnerungen an den Bildersturm, katholische Prozessionen und reformierte Predigten prägten das Alltagsleben. Flugblätter und Lieder popularisierten Argumente Wilhelms von Oranien für Toleranz und städtische Loyalität. Solche Spannungsfelder zwischen Glaube, Krone und Gemeinwesen rahmen die Konflikte, die der Roman in persönlichen Beziehungen spiegelt.

Georg Ebers veröffentlichte Die Frau Bürgermeisterin im 19. Jahrhundert; auf Englisch ist der Titel als The Burgomaster’s Wife belegt. Der Roman ordnet sich in die Tradition des europäischen historischen Romans ein, der bekannte Episoden – wie Leiden 1574 und die Universitätsgründung 1575 – mit Figuren des Stadtlebens verbindet. Er verdichtet belegte Prozesse der Epoche: Belagerungskrieg, städtische Selbstverwaltung, konfessionelle Umbrüche und Handelsnetzwerke. Dadurch fungiert das Buch als erzählerischer Kommentar zur Entstehung der Niederländischen Republik und zur Rolle bürgerlicher Institutionen, ohne über die dokumentierten politischen Rahmenbedingungen hinauszugehen oder anachronistische Strukturen zu behaupten.

Die Frau Bürgemeisterin (Historischer Roman)

Hauptinhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebenzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel

Erstes Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Im Jahre 1574 nach der Geburt Jesu Christi hatte der Lenz frühzeitig seinen fröhlichen Einzug in die Niederlande gehalten[1q].

Der Himmel war blau, Mücken spielten im Sonnenlicht, weiße Falter hefteten sich an neuerblühte goldgelbe Blumen, und neben einem der vielen die weite Ebene durchschneidenden Wassergraben stand ein Storch und schnappte nach einem stattlichen Frosch; da zappelte der arme Gesell in dem rothen Schnabel des Feindes. Ein Schluck: – der muntere Springer war verschwunden und sein Mörder regte die Flügel und schwang sich hoch auf. Ueber Gärten und Gärtchen mit blühenden Obstbäumen, zierlich abgezirkelten Beeten und bunt bemalten Lauben, über den unfreundlichen Kranz der die Stadt umgürtenden Festungsmauern und Thürme, über schmale Häuser mit hohen zackigen Giebeln, über saubere Straßen, an deren Seiten Ulmen, Pappeln, Linden und Weiden im frischen Schmuck des Frühlings grünten, flog der Vogel dahin. Endlich ließ er sich auf einem Ziegeldache nieder. Hier stand auf dem First sein wohlbefestigtes Nest. Nachdem er seinen Fang großmüthig dem brütenden Weibchen überlassen, stellte er sich auf das rechte Bein und schaute nachdenklich auf die Stadt hernieder, die dort unter ihm auf dem grünen Sammetteppich der Wiesen in leuchtendem Ziegelroth blink und blank aufgebaut stand. Er kannte sein schönes Leyden, die Zierde Hollands, seit manchem Jahre. Mit all' den Armen und Aermchen des Rheins, die den stattlichen Ort in zahlreiche Eilande zerlegten und über die sich so viele steinerne Brücken schwangen, als fünf Monate des Jahres Tage zählen, war er vertraut, aber freilich, seit seinem letzten Aufbruch nach Süden hatte sich hier doch gar Manches verändert.

Wo waren die bunten Lusthäuser und Obsthaine der Bürger, wo die hölzernen Rahmen geblieben, auf denen sonst die Weber ihre dunklen und farbigen Tuche auszuspannen pflegten?

Welches Menschenwerk, welches Gewächs auch immer die Einförmigkeit der Ebene unterbrechend sich außerhalb der Stadtmauern und Festungsthürme bis zur Brusthöhe eines Mannes erhoben hatte, Alles war von der Erde verschwunden, und weiterhin, auf den besten Jagdplätzen des Vogels, zeigten sich im Grün der Wiesen bräunliche, von schwarzen Kreisen besäte Stellen.

Am letzten Oktober des vergangenen Jahres, kurz nachdem die Störche das Land verlassen, hatte hier ein spanisches Heer sein Lager aufgeschlagen, und wenige Stunden vor der Heimkehr der geflügelten Wanderer, am Tage des Frühlingsanfangs, waren die Belagerer unverrichteter Sache von dannen gezogen.

Mißwachs inmitten des üppigen Wuchses bezeichnete ihre Lagerstätten, das Schwarz der erloschenen Kohlen ihre Feuerplätze.

Die schwer bedrohten Bürger der erretteten Stadt athmeten dankbar auf. Das fleißige, leichtlebige Volk hatte schnell die erduldeten Leiden vergessen, denn der frühe Lenz ist so schön, und niemals will das gerettete Dasein so kostbar erscheinen, als wenn uns die Wonnen des Frühlings umgeben.

Eine neue, bessere Zeit schien nicht nur für die Natur, sondern auch für die Menschen begonnen zu haben. Das Kriegsvolk, welches in der belagerten Stadt gelegen und mancherlei Unerfreuliches verübt hatte, war vorgestern mit Sang und Klang verabschiedet worden. Die Axt des Zimmermanns blitzte vor den rothen Mauern, Thürmen und Thoren in der Frühlingsonne und biß schneidig in die Balken, aus denen neue Gerüste und Rahmen zusammengefügt werden sollten; stattliche Rinder weideten friedlich und unbeängstigt rings um die Stadt her, in den verwüsteten Gärtchen ward fleißig umgegraben, gesät und gepflanzt. Auf den Straßen und in den Häusern regten sich tausend Hände, die noch jüngst auf den Wällen und Thürmen Arkebusen und Spieße geführt hatten, zu nützlicher Arbeit, und alte Leute saßen ruhig vor den Thüren und ließen sich den Rücken von der Sonne des warmen Lenztages bescheinen.

An diesem 18. April sah man in Leyden nur wenig unzufriedene Gesichter. An ungeduldigen fehlte es freilich nicht, und wer sie aufsuchen wollte, der brauchte nur in die Hauptschule zu gehen, wo jetzt der Mittag sich nahte und viele Buben weit eifriger durch die geöffneten Fenster des Schulzimmers, als auf den Mund des Lehrers schauten.

Nur an derjenigen Stelle des weiten Saales, an der die größeren Knaben Unterricht empfingen, machte sich keine Unruhe geltend. Auch auf ihre Bücher und Hefte schien die Frühlingssonne, auch sie rief der Lenz in's Freie, aber mächtiger noch als seine berückende Stimme schien das, was sie jetzt vernahmen, auf die jungen Gemüther zu wirken.

Vierzig leuchtende Augen waren gespannt auf den bärtigen Mann gerichtet, welcher mit tiefer Stimme zu ihnen sprach.

Selbst der wilde Jan Mulder hatte das Messer, mit dem er das wohlgetroffene Bild eines Schinkens in den Schultisch zu schneiden begonnen, sinken lassen und hörte aufmerksam zu.

Jetzt ließ sich das Mittagsgeläut von der nahen Peterskirche und bald darauf auch vom Rathhausthurme hören, die kleinen Buben verließen lärmend den Saal, aber – wunderbar – die Geduld der größeren hielt immer noch Stand; sie mußten doch wohl Dinge zu hören bekommen, welche nicht eigentlich in den Unterricht gehören. Der Mann, welcher da vor ihnen stand, war kein Lehrer der Schule, sondern der Stadtsekretarius van Hout, welcher seinen erkrankten Freund, den Magister und Prediger Verstroot, heute an dieser Stelle vertrat. Während des Geläutes hatte er das Buch zugeschlagen und sagte nun:

»Suspendo lectionem. He, Jan Mulder, wie würdest Du mein »suspendere« übersetzen?«

»Hängen,« entgegnete der Knabe.

»Hängen!« lachte van Hout. »Dich vielleicht an den Haken, aber wohin hängt man eine Lektion? Adrian van der Werff–«

Der Aufgerufene erhob sich schnell und sagte:

»Suspendere lectionem« heißt die Stunde abbrechen.«

»Gut; und wenn wir den Jan Mulder aufhängen wollten, so würde es heißen?«

»Patibulare, – ad patibulum[2]!« riefen die Schüler durcheinander.

Die Züge des Stadtsekretarius, welche eben noch gelächelt hatten, wurden ernst. Er holte tief Athem und sagte dann:

»Patibulo ist ein schlechtes lateinisches Wort, und eure Väter, welche hier saßen, verstanden weniger gut als ihr seine Bedeutung. Jetzt kennt es ein jedes Kind in den Niederlanden, denn Alba[1] hat es uns eingeschärft. Mehr als achtzehntausend brave Bürger sind durch sein »ad patibulum« an den Galgen gekommen.«

Bei diesen Worten zog er das kurze schwarze Wamms durch den Gürtel, trat dem vordersten Tische näher, neigte den stämmigen Oberkörper weit vor und sagte mit stetig zunehmender innerer Erregung:

»Für heute soll es genug sein, ihr Buben. Es wird nicht viel schaden, wenn ihr die Namen später vergeßt, die wir hier lernten. Aber das Eine behaltet im Sinne: Das Vaterland über Alles! Leonidas und seine dreihundert Spartaner sind nicht vergebens gestorben, so lange es Männer gibt, die ihrem Beispiel zu folgen bereit sind. Auch an euch kommt die Reihe. Prahlen ist nicht meine Sache, aber was wahr ist, bleibt wahr. Wir Holländer haben fünfzigmal dreihundert Märtyrer für die Freiheit des heimischen Bodens gestellt. In solcher Sturmzeit gibt's feste Männer; auch Knaben haben sich tüchtig bewährt. Der Ulrich dort an eurer Spitze darf seinen Spitznamen Löwing mit Ehren tragen. ›Hie Perser – hie Griechen!‹ hieß es vor Zeiten, – wir aber rufen: ›Hie Niederland und hie Spanien!‹ Und wahrlich, der stolze Darius hat in Hellas nie so gewüthet wie König Philipp in Holland. Ja, ihr Buben. Viele Blumen blühen in des Menschen Brust. Unter ihnen ist der Haß der giftige Schierling. Spanien hat ihn in unseren Garten gesät. Ich fühl' ihn hier drinnen wachsen, und ihr empfindet ihn auch und sollt ihn empfinden. Aber versteht mich nicht falsch! ›Hie Spanien – hie Niederland!‹ heißt das Geschrei und nicht: ›Hie römisch und hie reformirt!‹ Dem Herrn mag wohl jeder Glaube recht sein, wenn der Mensch nur ernstlich bestrebt ist, auf Christi Wegen zu wandeln. Am Himmelsthrone wird nicht gefragt: Papistisch, kalvinisch oder lutherisch? sondern: Wie warst du gesinnt, und wie hast du gehandelt? Achtet Jedermanns Glauben; aber den, der gegen die Freiheit des Vaterlandes mit dem Zwingherrn gemeinsame Sache macht, den mögt ihr verachten. Nun betet still. So. Und nun gehet nach Hause!«

Die Schüler erhoben sich; van Hout wischte den Schweiß von der hohen Stirn und sagte dann, während die Knaben die Bücher, Stifte und Federn zusammennahmen, zögernd und als habe er sich wegen des Gesagten vor sich selbst zu entschuldigen:

»Was ich euch da mit auf den Weg gab, das gehört vielleicht nicht in die Schule; aber, ihr Buben, dieser Kampf ist noch lange nicht am Ende, und ihr habt die Schulbank zwar noch ein Weilchen zu drücken, aber ihr seid doch auch künftige Kämpfer. Löwing, bleib' zurück, ich möchte Dir etwas sagen.«

Der Magister wandte den Buben langsam den Rücken und diese stürzten in's Freie.

In einem Winkel des Petrikirchplatzes, der hinter dem Gotteshause lag und von wenigen Vorübergehenden berührt ward, blieben sie stehen, und aus ihrem wilden Durcheinanderrufen entstand eine Art von Berathung, zu welcher sich der aus der Kirche dringende Orgelton gar sonderbar ausnahm.

Es galt, sich über das am Nachmittag vorzunehmende gemeinsame Spiel zu verständigen.

Daß es nach der Rede des Stadtsekretärs eine Schlacht geben mußte, verstand sich von selbst, das war auch von Keinem vorgeschlagen worden, sondern die Voraussetzung, von der die nun folgende Verhandlung ausging.

Bald hatte sich's entschieden, daß nicht Griechen und Perser, sondern Patrioten und Spanier gegeneinander in die Schranken treten sollten; als aber der vierzehnjährige Bürgemeisterssohn Adrian van der Werff vorschlug, schon jetzt die Parteien zu bilden, und mit der ihm eigenen gebieterischen Art Paul van Swieten und Klaus Dirkson zu Spaniern zu machen versuchte, stieß er auf heftigen Widerspruch, und es ergab sich der bedenkliche Umstand, daß sich Niemand entschließen wollte, einen wälschen Soldaten vorzustellen.

Jeder Knabe wollte den andern zum Kastilianer machen und selbst unter Niederlands Fahnen kämpfen. Aber Freund und Feind gehören nun einmal zum Kriege, und Hollands Heldenmuth brauchte Spanier, um sich bethätigen zu können. Die jungen Geister erhitzten sich, die Wangen der Streitenden begannen zu glühen, hie und da erhoben sich schon geballte Fäuste und Alles deutete darauf hin, daß der dem Landesfeinde zu liefernden Schlacht ein gräßlicher Bürgerkrieg vorangehen werde.

Freilich waren diese munteren Burschen wenig geschickt, die Rolle der finsteren, steifnackigen Krieger des Königs Philipp zu spielen. Unter lauter Blondköpfen sah man nur wenig Knaben mit braunem und einen einzigen mit schwarzem Haar und dunklen Augen. Das war Adam Baersdorp, dessen Vater wie der van der Werff's zu den Führern der Bürgerschaft gehörte. Als auch er sich weigerte, einen Spanier zu spielen, rief einer der Knaben:

»Du willst nicht? Und mein Vater sagt doch, Deiner wäre auch so ein halber Glipper und dabei ein ganzer Papist.«

Der junge Baersdorp warf bei diesen Worten die Bücher zur Erde und drang mit erhobenen Fäusten auf seinen Gegner ein, – Adrian van der Werff trat aber schnell zwischen die Streitenden und rief:

»Schäme Dich, Cornelius . . . Wer hier noch einmal so schimpft, dem stopf' ich das Maul. Katholiken sind Christen wie wir. Ihr habt's von dem Stadtsekretarius gehört, und mein Vater sagt's auch! Willst Du Spanier sein, Adam, ja oder nein?«

»Nein!« rief dieser entschieden. »Und wenn Jemand noch einmal...«

»Nachher mögt ihr raufen,« unterbrach Adrian van der Werff den erregten Genossen und fuhr dann, indem er die Bücher, welche Baersdorp zu Boden geworfen, gutmüthig aufhob und sie ihm reichte, entschieden fort: »Ich bin heute Spanier. Wer noch?«

»Ich, ich, meinetwegen ich auch,« riefen mehrere Schüler und die Bildung der Parteien würde in bester Ordnung zu Ende geführt worden sein, wenn nicht die Aufmerksamkeit der Knaben durch etwas Neues von ihrem Vorhaben abgelenkt worden wäre.

Ein junger Herr, dem ein schwarzer Diener folgte, kam die Straße herauf und gerade auf sie zu. Er war auch ein Niederländer, aber er hatte wenig mehr mit den Schülern gemein als das Alter, ein weiß und rothes Gesicht, blondes Haar und blaue, hell und übermüthig in's Leben schauende Augen. – Jeder seiner Schritte gab Zeugniß, daß er sich als etwas Besonderes fühlte, und der Mohrenjunge in bunter Tracht, welcher ihm einige neu eingekaufte Gegenstände nachtrug, ahmte in komischer Weise seine Haltung nach. Der Kopf des Negers war noch tiefer nach rückwärts geneigt, als der des Junkers, den eine steife spanische Halskrause hinderte, sein hübsches Haupt so frei wie andere Menschenkinder zu tragen.

»Der Aff', der Wibisma,« sagte einer der Schüler und zeigte mit dem Finger auf den immer näher herankommenden Junker.

Die Augen aller Knaben wandten sich diesem zu und musterten höhnisch seinen kleinen mit einer Feder geschmückten Sammethut, sein rothes gestepptes und an Brust und Aermeln aufgepolstertes Atlaßgewand, die weiten Puffen seiner kurzen bräunlichen Hosen und den leuchtenden Scharlach des seidenen Strumpfwerks, das sich eng an das wohlgebaute Bein schmiegte.

»Der Aff',« wiederholte Paul van Swieten. »Er ist kardinal'sch, drum geht er so roth.«

»Und so spanisch, als käme er geradewegs aus Madrid,« rief ein anderer Knabe, und ein dritter fügte hinzu:

»Hier gewesen sind die Wibisma wenigstens nicht, so lange das Brod bei uns knapp war.«

»Die Wibisma sind allesammt Glipper.«

»Und das stolzirt hier am Alltag in Sammet und Seide herum,« sagte Adrian. »Seht nur den schwarzen Buben, den der rothbeinige Storch mit nach Leyden gebracht hat.«

Die Schüler erhoben ein lautes Gelächter, und sobald der Junker sie völlig erreicht hatte, schnarrte Paul van Swieten ihm mit näselnder Stimme zu:

»Wie ist euch das Ausreißen bekommen? Wie geht es in Spanien, Herr Glipper?«

Der Junker warf den Kopf weiter zurück, der Neger hinter ihm that das Gleiche, und Beide gingen ruhig weiter, auch noch als Adrian ihm in's Ohr rief:

»Glipperchen! Sage mir doch, um wie viel Silberlinge hat Judas den Heiland verschachert?«

Der junge Matenesse van Wibisma machte eine unwillige Bewegung, hielt aber immer noch an sich, bis ihm Jan Mulder in den Weg trat, ihm sein kleines Baret von Tuch, an dem eine Hahnenfeder steckte, wie ein Bettler unter das Kinn hielt und demüthig bat:

»Schenkt mir einen Ablaßgroschen für unsern Kater, Herr Grande; er hat gestern dem Metzger ein Kalbsbein gestohlen.«

»Aus dem Weg!« sagte nun der Junker stolz und entschieden und versuchte es, Mulder mit der Rückseite der Hand bei Seite zu drängen.

»Nicht anfassen, Glipper!« rief jetzt der Schüler und erhob drohend die Faust.

»So laßt mich in Ruh',« entgegnete Wibisma. »Ich suche keine Händel und am letzten mit euch.«

»Warum denn nicht mit uns?« fragte Adrian van der Werff, den der kühl-hochmüthige Ton der letzten Worte verdroß.

Der Junker zuckte wegwerfend die Achseln. Adrian aber rief: »Weil Dein spanisch Gewand Dir besser gefällt als unsere Wämmser von Leydener Tuch.«

Hier schwieg Adrian, denn Jan Mulder schlich sich hinter den Junker, schlug ihm mit einem Buch auf den Hut und rief, während Nicolas van Wibisma die Augen von der sie beschattenden Kopfbedeckung zu befreien suchte: »So, Herr Grande, nun sitzt das Hütlein fest. Du darfst es ja aufbehalten, auch vor dem König.«

Der Neger konnte seinem Herrn nicht beispringen, denn auf seinen beiden Armen ruhten Pakete und Düten. Der junge Edelmann rief ihn auch nicht, denn er wußte, wie feig sein schwarzer Diener war, und er fühlte sich stark genug, um sich selbst zu helfen.

An seinem Hute hielt eine kostbare Agraffe, die er erst neulich an seinem siebenzehnten Geburtstage zum Geschenk erhalten hatte, eine stolze Straußenfeder fest; aber er dachte nicht an sie, warf den Hut von sich, streckte die Arme wie zum Ringkampfe aus und fragte mit glühenden Wangen laut und entschieden: »Wer hat das gethan?«

Jan Mulder war rasch in den Kreis seiner Genossen zurückgewichen, und statt hervorzutreten und seinen Namen zu nennen, rief er lachend:

»Suche den Hutwalker, Glipper! Wir wollen Blindekuh spielen.«

Der Junker wiederholte nun dringender und außer sich vor Zorn seine Frage.

Als statt jeder andern Antwort die Schüler auf Jan Mulder's Scherz eingingen und munter durcheinander schrieen: »Blindekuh spielen! Den Hutwalker suchen! Glipperchen, mach' Du den Anfang!« da hielt sich Nicolas nicht länger und rief wüthend in die lachende Schaar hinein: »Feiges Lumpengesindel!«

Kaum war dieß Wort verklungen, als Paul van Swieten seine in Schweinsleder gebundene kleine Grammatik erhob und sie Wibisma vor die Brust warf. Unter lautem Geschrei folgten dem Donatus andere Bücher nach und schlugen dem Edelknaben an die Schultern und Beine. Verwirrt und sein Antlitz mit den Händen schützend, zog er sich an die Mauer der Kirche zurück. Dort blieb er stehen und schickte sich an, sich auf seine Feinde zu stürzen.

Die steife und modisch hohe spanische Krause beengte nun nicht mehr seinen schönen, von goldenen Locken umwallten Kopf. Frei und kühn schaute er seinen Gegnern in's Antlitz, streckte die durch manche ritterliche Uebung gestählten sechzehnjährigen Glieder und stürzte sich dann mit einem echt niederländischen Fluche auf den ihm am nächsten stehenden Adrian van der Werff.

Nach kurzem Ringen lag der seinem Gegner an Alter und Kraft nachstehende Bürgemeisterssohn am Boden; aber nun legten die anderen Schüler, welche dabei nicht aufhörten, »Glipper« und wieder »Glipper« zu schreien, Hand an den Junker, welcher auf dem Ueberwundenen kniete.

Nicolas wehrte sich tapfer, aber die Uebermacht seiner Gegner war zu groß. Außer sich, seiner selbst vor Ingrimm und Scham nicht mehr mächtig, riß er den Dolch aus dem Gürtel.

Jetzt erhoben die Knaben ein furchtbares Gezeter, und zwei von ihnen warfen sich auf Nicolas, um ihm die Waffe zu entwinden. Dies gelang ihnen schnell; der Dolch flog auf das Pflaster, aber Paul van Swieten sprang klagend zurück, denn die scharfe Klinge hatte seinen Arm getroffen, und helles Blut floß auf den Boden.

Minutenlang übertönte das Geschrei der Knaben und das Jammergeheul des Schwarzen das schöne Orgelspiel, welches aus den Fenstern der Kirche drang. Plötzlich verstummte die Musik: statt der kunstvoll vorgetragenen Weise ließ sich nur noch der langsam ausklingende Klageton einer einzelnen Pfeife vernehmen, und ein junger Mann stürzte aus der Sakristeipforte des Gotteshauses hervor. Schnell überblickte er die Ursache des wilden Getöses, welches ihn in seiner Uebung gestört hatte. Sein hübsches, von einem kurzen Vollbart umrahmtes Gesicht, welches eben noch erschreckt genug dreingeschaut hatte, begann zu lächeln, aber die Scheltworte und Handbewegungen, mit denen er die ergrimmten Burschen auseinandertrieb, waren doch ernstlich genug und verfehlten keineswegs ihre Wirkung.

Die Schüler kannten den Musiker Wilhelm Corneliussohn und setzten ihm keinen Widerstand entgegen, denn sie mochten ihn leiden, und das Dutzend Jahre, welches er vor ihnen voraus hatte, verlieh ihm ihnen gegenüber ein unbestrittenes Ansehen. Keine Hand rührte sich mehr gegen den Junker, aber die Buben umringten nun den Orgelspieler, um durcheinander redend und schreiend Nicolas anzuklagen und sich selbst zu vertheidigen.

Paul van Swieten's Wunde war leicht. Er stand außerhalb des Kreises seiner Kameraden und stützte den verletzten linken Arm mit der rechten Hand. Manchmal blies er auf die mit einem Tüchlein umwickelte brennende Stelle im Fleische, aber die Neugier auf den Ausgang dieses unterhaltenden Streites war stärker als der Wunsch, sich verbinden und heilen zu lassen.

Als das Werk des Friedensstifters sich bereits dem Abschluß näherte, rief der Verwundete plötzlich, indem er mit der gesunden Hand nach der Richtung der Schule hinwies, seinen Kameraden warnend zu:

»Da kommt der Herr von Nordwyk! Laßt den Glipper, sonst wird's etwas setzen!«

Paul van Swieten nahm seinen wunden Arm wieder in die Rechte, und lief schnell um die Kirche herum. Mehrere andere Knaben folgten ihm, aber der neue Ankömmling, vor dem ihnen bangte, hatte junge, kaum dreißigjährige Beine von beträchtlicher Höhe und wußte sie wacker zu brauchen.

»Halt, ihr Buben!« rief er mit weithin tönender Kommandostimme. »Halt! Was hat's da gegeben?«

Jedermann in Leyden zollte dem hochgelehrten und tapfern jungen Edelmanne große Achtung, und so blieben denn sämmtliche Knaben, welche den Warnruf des Verwundeten nicht sogleich beachtet hatten, stehen, bis der Herr von Nordwyk sie erreicht hatte.

Ein sonderbar lebhaftes Leuchten flackerte aus den klugen Augen, und ein feines Lächeln umspielte den schnurrbärtigen Mund dieses Mannes, als er dem Musiker zurief:

»Was hat's hier gegeben, Meister Wilhelm? Ist das Geschrei der Jünger Minerva's mit Eurem Orgelspiel nicht in Harmonie zu bringen gewesen, oder hat – aber bei allen Farben der Iris, das ist ja Nico Matenesse, der junge Wibisma! Und wie sieht der Junker aus! Rauferei im Schatten der Kirche, und Du dabei, Adrian, und Ihr dabei, Meister Wilhelm?«

»Ich brachte sie auseinander,« entgegnete der Angeredete gelassen und strich die verschobenen Manschetten zurecht.

»Mit aller Ruhe, aber mit Nachdruck, wie beim Orgelspiele,« lachte der Kommandant. »Wer hat den Streit begonnen? Ihr, Junker? Oder die Anderen?«

Nicolas fand vor Erregung, Scham und Ingrimm keine zusammenhängenden Worte. Adrian aber trat vor und sagte: »Wir haben mit einander gerungen. Haltet es uns zugute, Herr Janus!«

Nicolas warf seinem Gegner einen freundlichen Blick zu.

Der Herr von Nordwyk, Jan van der Does, oder, wie er sich als Gelehrter selbst zu nennen liebte, Janus Dousa, war aber keineswegs mit dieser Auskunft zufrieden, sondern rief: »Geduld, Geduld! Du siehst verdächtig genug aus, Meister Adrian; tritt einmal hieher und erzähle mir, »atrekos«, der Wahrheit gemäß, was hier vorging.«

Der Schüler folgte diesem Geheiß und that es ehrlich, ohne etwas von dem Geschehenen zu verschweigen oder zu beschönigen.

»Hm,« machte Dousa, nachdem der Knabe seinen Bericht geschlossen. »Ein schwerer Fall. Freizusprechen ist Keiner. Eure Sache wäre die bessere ohne das Messer, mein feiner Herr Junker, aber Du, Adrian, und ihr, ihr pausbäckigen Lümmel, die eure ... Da hinten kommt der Herr Rektor ... Wenn er euch einfängt, so bekommt ihr an diesem schönen Tage gewiß nicht mehr als vier Wände zu sehen. Das sollte mir leid thun.«

Die pausbäckigen Lümmel und Adrian mit ihnen verstanden diesen Wink und jagten ohne Abschied wie eine vom Habicht verfolgte Taubenschaar um die Kirche herum.

Sobald sie verschwunden waren, näherte sich der Kommandant dem jungen Nicolas und sagte:

»Aergerliche Geschichten! Was Denen da recht war, ist Euch billig. Macht, daß Ihr nach Haus kommt! Seid Ihr bei Eurer Base zu Gast?«

»Ja, Herr,« entgegnete der Junker.

»Ist Euer Vater auch in der Stadt?«

Der Junker schwieg.

»Er will nicht gesehen sein?«

Nicolas nickte bejahend, und Dousa fuhr fort:

»Leyden steht jedem Holländer offen, auch Euch. Wenn Ihr freilich wie der Page des Königs Philipp einhergeht und denen, die Euresgleichen sind, Mißachtung erweist, so habt Ihr die Folgen selbst zu tragen. Da liegt Euer Dolch, junger Freund, und da Euer Hut. Hebt beide auf und laßt Euch bedeuten, daß solche Waffe kein Spielzeug ist. Manchem hat ein Augenblick, in dem er sie unbesonnen brauchte, ein ganzes Leben verdorben. Die Uebermacht, die Euch bedrängte, mag Euch entschuldigen. Aber wie kommt Ihr mit diesem zerfetzten Wamms ohne Schande bis zum Haus Eurer Base?«

»Mein Mantel ist in der Kirche,« sagte der Musiker, »ich geb' ihn dem Junker.«

»Brav, Meister Wilhelm!« entgegnete Dousa. »Wartet hier, Herrlein, und geht dann nach Hause. Ich wollte, die Zeit käme wieder, in der Euer Vater sich aus meinem Gruß etwas machte. Wißt Ihr auch, weßwegen er ihm nicht mehr genehm ist?«

»Nein, Herr.«

»So will ich es Euch sagen. Weil er gern Spanisch hört und ich beim Niederländischen bleibe.«

»Wir sind Holländer wie Ihr,« entgegnete Nicolas mit erglühenden Wangen.

»Kaum,« gab Dousa gelassen zurück, legte die Hand an das hagere Kinn und gedachte zu dem scharfen ein freundlicheres Wort zu fügen, als der Junker heftig ausrief:

»Herr von Nordwyk, dies »Kaum« nehmt Ihr zurück!«

Dousa schaute erstaunt dem kühnen Knaben in's Antlitz, und wieder zuckte es heiter um seinen Mund. Dann sagte er freundlich:

»Mein Herr Nicolas, Ihr gefallt mir; und wenn Ihr ein rechter Holländer werden wollt, so soll es mich freuen. Da kommt Meister Wilhelm mit seinem Mantel. Gebt mir die Hand. Nein, nicht diese, die andere!«

Nicolas zögerte; Janus aber erfaßte mit beiden Händen des Knaben Rechte, beugte die hohe Gestalt zu dem Ohre desselben hernieder und sagte so leise, daß der Musiker ihn nicht verstehen konnte: »Bevor wir scheiden, nehmt von Einem, der es gut meint, dies Wort mit auf den Weg: Ketten, auch goldene, ziehen herab, aber die Freiheit gibt Flügel. Ihr spiegelt Euch in dem gleißenden Prunk, wir aber schlagen mit dem Schwert auf die spanischen Fesseln, und ich lobe mir unsere Arbeit. – Denkt an dies Wort, und wenn's Euch beliebt, so kündet es auch Eurem Vater.«

Janus Dousa wandte dem Knaben den Rücken, winkte dem Musiker grüßend zu und ging von dannen.

Zweites Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Der junge Adrian eilte den Werffsteg hinab, welcher seinem Geschlecht den Namen gegeben. Er beachtete weder die Linden zu beiden Seiten, in deren Kronen die ersten grünen Blättchen sich aus den spitzen Knospenhüllen hervordrängten, noch die Vögel, welche Nester bauend und zwitschernd in den gastlichen Zweigen der stattlichen Bäume hin und her flogen, denn er hatte nichts im Sinne, als möglichst schnell nach Hause zu kommen.

Jenseits der die Achtergracht überspannenden Brücke blieb er unschlüssig vor einem großen Gebäude stehen.

An der Mittelthür desselben hing der Klopfer, aber er wagte nicht sogleich ihn zu heben und ihn auf die glänzende Platte unter dem Schlosse fallen zu lassen, denn er hatte bei den Seinen keinen frohen Empfang zu erwarten.

Sein Wämmschen war beim Ringen mit dem stärkeren Gegner übel zugerichtet worden. Die zerrissene Halskrause hatte ihren rechtmäßigen Platz eingebüßt und sich's gefallen lassen müssen, in eine Tasche zu wandern, und das neue violette Strumpfwerk an seinem rechten Beine, dies unglückselige Strumpfwerk, war auf dem Pflaster völlig durchgerieben worden, und die große klaffende Wunde in demselben zeigte weit mehr von Adrian's weißem Knie, als ihm lieb war.

Die Pfauenfeder an dem sammetnen Mützlein ließ sich leicht ersetzen, aber das Wamms war nicht an der Naht, sondern im Tuche zerrissen und das Strumpfwerk kaum mehr zu stopfen.

Das that dem Knaben aufrichtig leid, denn der Vater hatte befohlen, das Zeug gut zu halten, um die Pfennige zu sparen; ging es doch in dieser Zeit knapp her in dem großen Hause, das mit drei Thüren, ebenso vielen mit schön geschwungenen Voluten geschmückten Giebeln und sechs Fenstern im untern und obern Stock gar stolz und stattlich dem Werffsteg zugewandt war.

Die Bürgemeisterei trug nicht viel ein, und das großväterliche Gewerbe der Sämischlederbereitung[3], sowie der Handel mit Fellen gingen rückwärts, denn dem Vater lagen andere Dinge im Sinne, Dinge, die nicht nur seinen Geist, seine Kraft und Zeit, sondern auch jeden überflüssigen Heller in Anspruch nahmen.

Adrian hatte zu Hause nichts Gutes zu erwarten, – gewiß nicht vom Vater und noch weniger von Frau Barbara, seiner Base.

Aber der Knabe fürchtete sich doch noch weniger vor dem Zorne dieser beiden, als vor einem unzufriedenen Blicke aus den Augen der jungen Frau, welche er seit kaum zwölf Monaten »Mutter« nannte und die nur sechs Jahre mehr als er selber zählte.

Sie sagte ihm niemals ein unfreundliches Wort, aber vor ihrer Schönheit, ihrem stillen, vornehmen Wesen zerschmolzen sein Trotz und seine Wildheit. Ob er sie lieb hatte, wußte er selbst nicht recht, aber sie kam ihm vor wie die gute Fee, von der die Märchen erzählten, und es wollte ihm oft scheinen, als ob sie viel zu zart und fein und holdselig für ihr einfach bürgerlich Haus wäre. Sie lächeln zu sehen machte ihn glücklich, und wenn sie traurig dreinschaute – und das kam nicht eben selten vor – so that ihm das Herz weh. Gütiger Himmel! Freundlich konnte sie ihn gewiß nicht empfangen, wenn sie dies Wamms anschaute und die Krause da in der Tasche und das unglückselige Strumpfwerk!

Und dann!

Da läutete es wieder!

Die Essenszeit war längst vorbei, und der Vater wartete auf Keinen. Wer zu spät kam, der hatte das Nachsehen, wenn sich seiner nicht Base Barbara in der Küche erbarmte.

Aber was half das Bedenken und Zaudern?

Adrian raffte sich auf, biß die Zähne zusammen, preßte die Linke fester um die zerrissene Halskrause in der Tasche und ließ den Klopfer kräftig auf die Stahlplatte schlagen.

Trautchen, die alte Magd, öffnete die Thür und bemerkte in der weiten, halbdunklen Hausflur, in welcher dicht aneinandergereiht die Lederballen lagerten, nichts von der Verwahrlosung seines äußern Menschen.

Schnell eilte er die Stiege hinauf.

Das Speisezimmer stand offen, und – oWunder! – der gedeckte Tisch war noch unberührt – der Vater mußte länger als sonst auf dem Rathhause geblieben sein.

In großen Sätzen sprang Adrian auf sein Giebelstübchen, kleidete sich säuberlich um und trat, bevor der Hausherr den Segen gesprochen, zu den Seinen. In einer gelegenen Stunde konnten Wamms und Strumpfwerk den bessernden Händen der Base Barbara oder Trautchen's übergeben werden.

Adrian griff wacker in die dampfende Schüssel; aber bald ward ihm schwül um's Herz, denn der Vater sprach kein Wort und blickte so ernst und besorgt vor sich hin wie damals, als die Noth in der belagerten Stadt stieg.

Des Knaben junge Stiefmutter saß ihrem Gatten gegenüber und blickte oft in das ernste Antlitz Peter's van der Werff, um einem freundlichen Blick von ihm zu begegnen.

Jedesmal, wenn sie das vergeblich gethan, strich sie das feine, goldblonde Haar von der Stirn, warf den schönen kleinen Kopf zurück oder biß sich leicht in die Lippe und schaute still auf ihren Teller.

Auf der Base Barbara Fragen: »Was gab es im Rath? Kommt das Geld zu der neuen Glocke zusammen? Gebt ihr Jakob van Sloten die Wiese in Pacht?« gab er kurze, halb ablehnende Antworten.

Der feste Mann, der da so schweigsam und mit zusammengezogenen Brauen unter den Seinen saß und einigemal hastig, dann aber gar nicht wieder in die Schüssel griff, sah nicht aus wie Einer, der sich müßigen Launen hingibt.

Noch sprachen alle Anwesenden, nun auch Magd und Knecht, den Speisen zu, als der Hausherr sich plötzlich erhob und, indem er die zusammengefalteten Hände an den stark vorspringenden Hinterkopf preßte, stöhnend ausrief: »Ich kann nicht mehr. Sprich Du das Dankgebet, Maria. Geh' auf's Rathhaus, Janche, und frag', ob noch kein Bote herein ist.«

Der Knecht wischte sich den Mund und gehorchte sogleich. Es war ein großer, breitschultriger Friese, aber er reichte seinem Herrn nur bis an die Stirn.

Ohne die Seinen zu grüßen, wandte Peter van der Werff den Rücken, öffnete die zu seinem Arbeitszimmer führende Thür, zog sie, nachdem er die Schwelle überschritten, scharf in's Schloß und trat dann an den großen, aus Eichenholz festgefügten Schreibtisch, auf dem Papiere und Briefe in hohen, mit rohen Bleiplatten beschwerten Stößen geordnet lagen, und begann in den neu angekommenen Akten zu blättern. Eine Viertelstunde lang suchte er vergebens zu der nöthigen Aufmerksamkeit zu gelangen. Dann ergriff er den Arbeitsstuhl, um die gekreuzten Arme auf seine hohe, durchbrochene Rückenlehne von einfachem Schnitzwerk zu stützen. Dabei schaute er nachdenklich zu dem Holzgetäfel der Zimmerdecke hinauf. Nach einigen Minuten schob er mit dem Fuß den Sessel bei Seite, hob die Hand zum Munde, trennte den Schnurrbart von dem starken braunen Kinnbart und trat an's Fenster. Die kleinen, kreisrunden, mit Bleirahmen verbundenen Scheiben gestatteten, so spiegelblank sie auch geputzt sein mochten, doch nur einen engbegrenzten Theil der Straße zu überblicken, aber der Bürgemeister schien das, wonach er ausschaute, gefunden zu haben; denn er stieß das Fenster hastig auf und rief dem Knechte, welcher sich eilends dem Hause näherte, entgegen:

»Aufgeschaut, Janche; ist er herein?«

Der Friese schüttelte verneinend den Kopf, das Fenster flog wieder zu, und wenige Augenblicke später griff der Bürgemeister nach dem Hute, welcher zwischen einigen Reiterpistolen und einem einfachen derben Degen unter dem Bilde einer jungen Frau an der einzigen nicht völlig nackten Wand seines Zimmers hing.

Die marternde Unruhe, welche ihn erfüllte, duldete ihn nicht länger im Hause.

Er wollte das Pferd satteln lassen und dem erwarteten Boten entgegenreiten.

Ehe er das Zimmer verließ, blieb er sinnend stehen und trat dann noch einmal vor den Schreibtisch, um einige Papiere zu unterschreiben, die für das Rathhaus bestimmt waren; denn es konnte bis zu seiner Heimkehr Nacht werden.

Stehend überflog er die beiden Blätter, welche er vor sich ausgebreitet hatte, und griff nach der Feder. Da öffnete sich leise die Thür des Gemaches, und der frische Sand, mit dem die weißen Dielen bestreut waren, knisterte unter einem zierlichen Fuße. Er hörte es wohl, ließ sich aber nicht stören.

Jetzt stand sein Weib dicht hinter ihm. Vierundzwanzig Jahre jünger als er, glich sie ganz einem schüchternen Mädchen, als sie nun ihren Arm erhob und es doch nicht wagte, die Aufmerksamkeit ihres Gatten von den Geschäften abzulenken.

Ruhig wartete sie, bis er das erste Papier unterzeichnet hatte, dann wandte sie den lieblichen Kopf zur Seite und rief mit gesenkten Augen und leicht erröthend:

»Ich bin es, Peter!«

»Gut, mein Kind,« entgegnete er kurz und näherte die zweite Schrift den Augen.

»Peter!« rief sie zum andern Male, dringender als vorher, aber immer noch schüchtern. »Ich habe Dir etwas zu sagen.«

Van der Werff wandte das Haupt zu ihr hin, warf ihr einen kurzen, freundlichen Blick zu und sagte:

»Jetzt, Kind? Du stehst, ich habe zu thun, und da liegt schon mein Hut.«

»Aber Peter!« entgegnete sie; und es blitzte etwas wie Unwillen aus ihren Augen, während sie mit kaum merklich klagender Stimme fortfuhr: »Wir haben heute noch gar nicht mit einander geredet. Mir ist das Herz so voll, und was ich Dir sagen möchte, das ist, das muß ja...«

»Wenn ich heimkomme, Maria, jetzt nicht,« gab er sie unterbrechend zurück und seine tiefe Stimme klang dabei halb ungeduldig, halb bittend. »Erst die Stadt und das Land, – dann die Minne.«

Maria warf bei diesen Worten das Haupt zurück und sagte mit zuckenden Lippen:

»Das ist Deine Rede seit dem ersten Tag unserer Ehe.«

»Und leider, – leider – sie muß es bleiben, bis wir am Ziel sind,« entgegnete er fest.

Da stieg ihr das Blut in die zarten Wangen und rascher athmend rief sie schnell und entschieden:

»Ja wohl, dies Wort kenne ich seit Deiner Werbung, und ich bin meines Vaters Tochter und war ihm niemals entgegen, aber nun paßt es nicht mehr auf uns Beide und es sollte lauten: »Alles für's Land, und dem Weibe gar nichts«.«

Van der Werff legte die Feder aus der Hand und wandte sich voll seiner jungen Gattin zu.

Ihre schlanke Gestalt schien gewachsen zu sein und ihre in Thränen schwimmenden blauen Augen leuchteten stolz. Wie von Gott für ihn, und eigens für ihn geschaffen war diese Gefährtin. Das Herz ging ihm auf. Freimüthig streckte er dem geliebten Wesen beide Hände entgegen und sagte innig:

»Du weißt, was es gilt! Dies Herz ist unwandelbar, und es kommen andere Zeiten.«

»Wann werden sie kommen?« fragte Maria so dumpf, als glaubte sie nicht an eine bessere Zukunft.

»Bald!« entgegnete ihr Gatte fest. »Bald, wenn jetzt nur ein Jeder willig gibt, was das Vaterland fordert.«

Das junge Weib löste bei diesen Worten die Hände aus denen des Gatten; denn die Thür hatte sich geöffnet, und Frau Barbara rief von der Schwelle her ihrem Bruder entgegen:

»Herr Matenesse van Wibisma, der Glipper, steht in der Hausflur und will Dich sprechen.«

»Führ' ihn herauf,« sagte der Bürgemeister verdrossen.

Als er mit seiner Gattin wieder allein war, fragte er schnell:

»Willst Du Nachsicht üben, und willst Du mir helfen?«

Sie nickte bejahend und versuchte dabei zu lächeln.

Er merkte, daß sie nicht froh war, und weil ihm das wehe that, streckte er ihr nochmals die Hand entgegen und sagte:

»Es kommen bessere Tage, in denen ich Dir mehr sein darf als heute. Was wolltest Du mir vorhin sagen?«

»Ob Du es weißt oder nicht weißt, – für den Staat hat es nichts zu bedeuten.«

»Aber für Dich. So hebe nur wieder den Kopf und schaue mich an. Mach' schnell, Liebe, denn da sind sie schon auf der Treppe.«

»Es ist der Rede nicht werth. – Heute vor einem Jahre, – heute könnten wir unsern Hochzeitstag feiern.«

»Unsern Hochzeitstag!« rief er und schlug laut in die Hände. »Ja, richtig, wir schreiben den siebenzehnten Aprilis, und das, das hab' ich vergessen!« Liebreich zog er sie an sich, da ging schon die Thür, und Adrian führte den Baron in das Zimmer.

Van der Werff verneigte sich höflich vor dem seltenen Gast, dann rief er seiner Gattin, die sich erröthend entfernte, herzlich nach:

»Meinen Glückwunsch also! Ich komme nachher. Adrian, wir feiern heut ein schönes Fest, unsern Hochzeitstag, daß Du's weißt.«

Der Knabe schlüpfte schnell aus der Thür, die er noch in der Hand hielt; denn ihm ahnte, daß der vornehme Besuch auch für ihn nichts Gutes bedeute.

In der Hausflur blieb er sinnend stehen. Dann eilte er schnell die Treppe hinauf, holte sein federloses Mützlein und eilte hinaus vor das Thor.

Draußen sah er seine Kameraden, die sich mit Stöcken und Stangen in Schlachtordnung stellten.

Wohl hätte er sich gern an dem Kriegsspiel betheiligt; aber eben deswegen wollte er in diesem Augenblick das Rufen der Streiter lieber gar nicht hören und lief dem Zylhofe zu, bis er aus dem Bereich ihrer Stimmen war.

Nun hemmte er den Schritt und folgte in gebückter Haltung, manchmal auf den Knieen, einem kleinen, in den alten Rhein mündenden Graben.

Sobald seine Mütze von den weißen, blauen und gelben Frühlingsblumen, die er gepflückt hatte, übervoll war, setzte er sich auf einen Grenzstein, vereinte jene mit leuchtenden Augen zu einem schönen bunten Strauß und lief mit ihm nach Hause.