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Elisabeth Schlosser fühlt sich falsch - falsch in ihrer Wohnung, falsch in ihrer Stadt, ja falsch in ihrem Leben sogar, so als müsste sie eine andere sein, aber wer? Während Berlin tiefer und tiefer im Schnee versinkt, sitzt sie in ihrer Wohnung in einem grünlichen, bröckelnden Haus am Hackeschen Markt und vertraut ihren Kummer einer hundertjährigen Brieffreundin an: Der erwachsene Sohn in der Küche will nicht essen und auch nicht mit ihr reden, sein Vater taucht nur kurz auf und geht ohne viele Worte wieder, und das Drama, das Elisabeth Schlosser ihr Leben lang schreiben wollte, ist ihr nicht gelungen. Wie soll das weitergehen? Schließlich reißt sie sich los und macht sich auf den Weg nach Polen. Dort, wo ihre Familie einst lebte, glaubt sie eine Antwort auf die Frage zu finden, wer sie ist und wer nicht. In einer dichten, musikalischen Prosa erzählt Die freien Frauen von der Sehnsucht nach dem, was verschüttet ist, verschüttet unter Neuanfängen, unter Geschichte, unter dem Scheitern anderer vor uns. Und wieder erzählt Irina Liebmann auch von ihrer Stadt, von Berlin und seinen Frauen.
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhalt
[Cover]
Titel
Widmung
Am 28. Februar 2000 schneit …
Autorenporträt
Kurzbeschreibung
Impressum
Dieser Roman antwortet auf Jiri Kratochvils Roman: Unsterbliche Geschichte oder Das Leben der Sonja Trotzkij-Sammler.Hauptfigur des Buches von Jiri Kratochvil ist die hundertjährige Sonja Trotzkij-Sammler, die darin in annähernd märchenhafter Weise ihr eigenes Leben erzählt.
Alle Orte, von denen der Leser auf den folgenden Seiten erfahren wird, sind wirklich und können heute, im Frühjahr 2004, immer noch aufgesucht werden. Alle Personen und ihre Handlungen dagegen sind Gebilde der Fantasie.
Am 28. Februar 2000 schneit es über Berlin. Der Wind treibt den Schnee hoch und runter über den Hackeschen Markt und die S-Bahn-Gleise am Bahnhof. Unter den Gleisen ist ein Durchgang zur schöneren Seite Berlins, darin stehen Leute aneinandergedrängt, weil es so zieht und der Schnee bis hier reinweht, wo ohnehin schon alles nass ist. In der Straßenzeile gegenüber fällt ein altes, grünliches Haus auf, darin ist ein Fenster erleuchtet, dahinter ein Schreibtisch, daran eine Frau.
Diese Frau heißt Elisabeth Schlosser, und sie schreibt einen Brief.
Draußen schneit es und schneit. Die Menschen, die in dem S-Bahnhof stehen, zögern, das Pflaster zu betreten, sie halten sich eine Minute vielleicht oder zwei noch im Durchgang auf, sie warten, aber sie warten vergeblich, es schneit in Berlin, und es wird weiterschneien. Dunkel und wolkenverhangen wird Berlin sein in diesen Tagen, und die Frau oben schreibt und wird weiterschreiben, so wichtig ist ihr dieser Brief.
*
Liebe Sonja Trotzkij-Sammler!
Gestern in einer Buchhandlung konnte ich nicht anders, als ein gewisses, mir gänzlich unbekanntes Buch aufzuschlagen, von dem ich noch niemals gehört hatte, und wie sich herausstellte, enthält es den Roman Ihres Lebens.
Seit gestern mache ich nichts anderes, als dieses Buch zu lesen, und es versetzt mich in solche Aufregung, dass ich mir keinen anderen Weg weiß, als Ihnen mit einem Brief zu antworten, und dieser Brief wird, so fürchte ich, lang werden.
Denn es gibt einiges, was uns verbindet, und das sind nicht nur die grausigen Zeiten, die hinter uns liegen, die russischen Steppen und mährischen Wälder, nicht nur die Städte Prag, Wien oder Brünn, nein, es ist tatsächlich Familie und noch etwas anderes, wofür es gar keine Worte gibt, wie ich bisher glaubte, und wovon zu reden mir aus diesem Grunde bisher nicht möglich war, bis ich Ihren Bericht las, und der hat meine Zunge in einem Maße gelöst, wie ich es in diesem Augenblick noch nicht überschaue.
Nun also, wir kennen uns nicht und werden uns wohl auch so schnell nicht kennenlernen. Denn obwohl man heutzutage nur wenige Minuten braucht, um sich von einer beliebigen Stelle der Welt zu einer anderen hinüberwuchten zu lassen – was würde es uns helfen, einander gegenüberzustehen? Sie, eine Hundertjährige, und ich, nur halb so alt, also eigentlich noch jung, aber steif und festgefahren in meinen Gewohnheiten.
Wenn Sie wüssten, wie glücklich ich war, von Ihnen zu hören! Wenn Sie wüssten!
Ich las Ihren Bericht im »Café am Steinplatz« in Westberlin, und noch beim Lesen – ich war bereits an der Stelle, wo Sie sich mit Ihrem niemals sterbenden ewigen Geliebten Bruno Mlock in Gestalt eines Panthers in der Brünner Oper befinden und dazu hinreißen lassen, in den Gefangenenchor von Nabucco einzustimmen, und zwar auf Italienisch – da ließ ich das Buch sinken und sah in die Runde.
Es war nicht das erste Mal, dass ich in diesem trüben Café saß, das ja eine Attrappe ist, man sitzt in Wirklichkeit auf der Straße, denn es sind nur ein paar Glasscheiben um einen herum aufgestellt und eingerahmt – da sah ich also in die Runde, ich sah die Kellner an der Bar sich langweilen wie immer, und Buster Keaton auf dem riesigen Foto über dem Tresen sah mich noch genauso an wie bei meinem ersten Besuch hier im Westen, als ich meinen Reisepass alle paar Minuten erfühlte im Brustbeutel unter dem Pullover, ganz genauso sah er mich an, aber ich, mit Ihrem Bericht auf dem Schoß, konnte auf einmal mein ganzes Leben überblicken, alle Wege, die mich dorthin geführt hatten, dorthin, auf diesen Holzstuhl neben einer Glasscheibe, und dieser, mein neu gewonnener Rundumblick, kam wie eine Übelkeit tief aus dem Bauch, er hebelte mich regelrecht heraus aus diesem Etablissement – und nun sitze ich an der Schreibmaschine und wende mich an Sie.
Sonitschka! Ihr Sohn hat sich der Spionage ergeben. Weit weg von uns, in Tibet, mäht er das Gras und ruft Sie nicht an. Mein Sohn aber, Sonitschka, spricht nicht mehr mit mir. Er spricht mit den Kümmelkörnern auf den Brotkrusten, er krümelt sie ab, vertauscht sie und klebt sie in geheimnisvoller Reihenfolge mit Spucke wieder an.
Was kann man tun?
Wir beide, Sonitschka, unterscheiden uns in vielem, aber einiges verbindet uns, unter anderem das: Wir haben nicht viel Zeit. Von Kümmel allein kann kein Mensch leben, aber mein Sohn isst nicht einmal diesen. Und Sie, die Hundertjährige, befinden sich auf der Reise nach Zürich, wie ich gelesen habe?
Sonja, reicht Ihre Zeit dafür aus? Wie lange soll die Abwesenheit denn dauern, von Ihrer Vaterstadt Brünn? Sie wird Ihnen nicht hinterherkommen, fürchte ich.
Alles können Sie mir erzählen, und ich nehme Ihnen alles ab, alles, Bruno vor allem, den unsterblichen Liebhaber, den unsichtbaren, aber dass Sie Brünn verlassen wollen, das nehme ich Ihnen nicht ab.
Denn sehen Sie, sogar ich, so alt oder jung, wie ich bin, weiß doch genau, dass mein Großvater mit meinem Vater gleich hier um die Ecke in der Uhlandstraße so die Straßenseite wechselte, eines Sommertages, untergehakt liefen sie beide, mit Hüten auf den Köpfen, und sie hatten große Köpfe, die beiden, sehr große, ich habe sie beerbt und mir passt kein Hut auf Anhieb, und selbst wenn ich lange suche, passt mir doch immer noch keiner, so überquerten sie langsam die Uhlandstraße, wo ja sowieso kaum ein Automobil entlangfuhr, im Jahr 1930, und sprachen über mich, eine Tochter, und wie ich heißen sollte, und es war von Olga die Rede, Olga, jedoch geboren wurde ich erst viel später, vierzehn Jahre später!, und dreitausend Kilometer entfernt von der Uhlandstraße, und mein Name wurde Elisaweta. Aber glauben Sie bitte, auch zu diesem Zeitpunkt habe ich mich immer noch nach der Uhlandstraße gesehnt. Leider: ich wusste es nicht. Übrigens habe ich auch einen Eisenbahner in der Familie, so wie Sie.
In meinem Fall ist es der Großvater mütterlicherseits, der sein Leben lang nichts anderes machte, als mit der Eisenbahn zu fahren, und nicht mit irgendeiner, sondern mit der Transsibirischen Eisenbahn, er fuhr von Omsk bis Wladiwostok und von Petersburg bis Mandschukuo, allerdings nicht als Lokomotivführer wie Ihr Vater, sondern als Sicherheitsinspektor, aber davon später.
Aus mir selber ist kein Sicherheitsinspektor geworden, sondern eine Dramatikerin. Die Theater lassen sich meine Stücke geben und stopfen sie in die Ritzen ihrer undichten Heizungsleitungen, sie benutzen die Rückseiten meiner Texte als Schmierpapier und Unterlagen für ihre Plastikkaffeebecher, die sonst überall feuchte Ringe hinterlassen würden, aber kann das ein Grund sein, nichts mehr zu essen?
Gestern im »Café am Steinplatz« dachte ich: Ja. Alles ist ein Grund.
Denn alle Wege liefen da zusammen in einem Bündel von Wegen, und nun?
Sie ordnen sich von selber, sie begradigen sich von selber, wenn ich nicht aufpasse, fließen sie zusammen zu einem Strom, einer Schneise, einem lang gezogenen leeren Fleck!
Das ist es, was mich drängt und beflügelt zugleich – sie verschwinden! Wo ich sie gerade erst sah, Sonitschka, mit Ihrer Hilfe, und deswegen, bitte, seien Sie mein Zuhörer, denn nur Sie werden verstehen, was ich erzählen will.
*
So weit Elisabeth Schlosser in ihrem Zwiegespräch mit Sonja Trotzkij-Sammler, aber schon an diesem Punkt wurde Frau Schlosser unsicher und schrieb erst einmal gar nichts mehr.
Sie hatte ja das »Café am Steinplatz« längst verlassen und saß in ihrer eigenen Wohnung am Hackeschen Markt, in einem alten, grünen Mietshaus, das allen Veränderungen ringsherum zum Trotz sich gar nicht verändert hatte, seit der Krieg zu Ende gegangen war. Das grüne Haus war eines der wenigen hier, die nach wie vor nur gleichmäßig und grauenhaft verfielen.
Aus ihrer dritten Etage hatte sie einen Blick auf die S-Bahn-Gleise und alle die Züge, die in den S-Bahnhof Hackescher Markt einfuhren oder herausfuhren, und weil ihr das in der Regel genügte, um zu träumen, genügte es diesmal auch, und von ihrem Schreibtisch aus verfolgte sie die Züge und die Menschen auch, wie sie allein oder in Gruppen aus dem Durchgang unter den S-Bahn-Bögen rannten, schlurften oder hüpften, denn es war kalt draußen.
Was sollten solche Briefe? Sie konnte Frau Trotzkij-Sammler auch ganz einfach gratulieren zu ihrem Buch. Ein schönes, gelungenes Buch.
Der Schutzumschlag zeigte einen Mann neben einem Kinderwagen. Es war ein niedriger, rundlicher Kinderwagen mit kleinen dicken Rädern, wie sie in den vierziger Jahren modern waren.
Elisabeth Schlosser schlug das Buch an der Stelle auf, wo erzählt wird, wie ein gewisser Bruno aus der Wiener Leopoldstadt im Januar 1900 unter das Eis der Donau gerät und ertrinkt, ohne die Erzählerin kennengelernt zu haben, die zu diesem Zeitpunkt in Brünn gerade das Licht der Welt erblickt, aber als sie die Seite umblätterte und über den Rand des Buches sah, schlenderte unten eine Figur aus dem Bahnhof, die sie an jemanden erinnerte. Es war ein Mann.
Er blieb einen Augenblick stehen und schien sogar hochzusehen zu ihrem verkommenen grünlichen Haus, er schien auch zu frieren und zu überlegen, wohin, denn er schlug den Kragen hoch und strich sich sichtlich fröstelnd über den Kopf, aber dann sah man ein leichtes Zittern durch das Körperchen gehen, denn groß und stark war er nicht gerade, dieser Mann, er gab sich einen Ruck sozusagen, drehte sich um und verschwand wieder unter dem S-Bahn-Bogen.
Ob er nun zu der schöneren Seite der Innenstadt laufen wollte, zum Schloss und zur Spree also, oder die Treppen hoch zur Bahn und dann raus aus der Mitte nach Ost- oder Westberlin, wir wissen es nicht, auf jeden Fall – er hatte sich gezeigt, und Elisabeth Schlosser oben, in ihrer Wohnung, hatte es gesehen. Sie schüttelte auf einmal ihren Kopf wie ein wildes Pferd und hieb in die Tasten ihrer Schreibmaschine, ohne alle weiteren Bedenken.
*
Sonitschka!
Auch die Schwächsten kommen durch, daran ist nichts Besonderes. Aber was halten Sie davon, dass es neuerdings wieder schneit?
Den Schnee hatte ich abgeschrieben, ich hatte ihn ganz und gar meiner Kindheit zugeschlagen, den Zugverspätungen im Sozialismus, den vollen Wartesälen damals, und es gab zu dieser Zeit Wartesäle in unseren Bahnhöfen, sie standen jedem offen und sie waren warm, und der Schnee brachte mir meine Geliebten, wenn ich darauf einmal anspielen darf, auf Ihre ganz schwache Seite, mir brachte der Schnee die Geliebten.
Gestern aber, als ich im »Café am Steinplatz« saß, begann es zu schneien, und nun, wo ich mich daran erinnere und es immer noch schneit, da steht er wieder unten, Sonja.
Mit großem Erbarmen, Sonja, sehe ich ihn wieder die Nase in den Wind stecken. Ja, eine Nase haben sie, wenn sie nichts haben, eine Nase haben sie, sie riechen alles, diese unsterblichen Geliebten.
So stand schon mein Vater da, in Berlin, und wartete, dass ich nun käme. Und wissen Sie, wie ich kam, über die dreitausend Kilometer?
Durch die Luft, Sonja, kam ich, in einer Propellermaschine der Serie RAI, einer Kriegspropellermaschine, und darin etliche russische Offiziere und eine Frau, wunderschön, runde Schultern und Hüften und Taille 50, lag auf dem Boden, denn Sitze, die gab es da nicht, nur Kisten und Seesäcke und eine Decke. Da lag sie und spuckte Papiertüten voll, Zeitungspapiertüten, ja, dieser Engel hat Spitztüten vollgekotzt, denn es fiel ja das Flugzeug andauernd in Löcher, und darum bin ich dem Engel dort auch aus den Händen gefallen, als Kind, und als Kind, da krabbelt man lustig im Flugzeug herum, das keine Sitze hat und keine Gänge, nur vollgehauen ist mit Kisten und Männern, das waren die Offiziere, und die hielten mich dann an das Bullauge ran?
Nein, Sonitschka, in der RAI gab es kein Bullauge, da vorn der Pilot, der saß beinahe im Freien, und Wolken und Nebel sah er ganz alleine, und Luftlöcher, Luftlöcher, es war zu dem Zeitpunkt ja alles zerlöchert, dort unter uns, nichts mehr als Löcher, und der große, der weibliche Engel begann jetzt zu sterben, er raste ja nun aus der Heimat heraus, denn das Irdische an ihm war weiblich und russisch, und er hatte, als er so einfach das Flugzeug bestieg, ja immer noch eine Heimat – gehabt vor Minuten, jetzt nicht mehr, jetzt riss dieses Blechding ihn raus in der Luft, herausgerissen wie bei einer Geburt hat das Flugzeug den Engel, der meine Mutter sein sollte, was unten lag, Polen, das war nicht mehr Polen, was unten lag, Deutschland, das war nicht mehr Deutschland, was unten lag, Grenzen, das warn keine Grenzen, was unten lag, Städte, das warn keine Städte, was unten lag, Brücken, das warn keine Brücken, zuletzt, dieses Trümmerfeld, riesige Trümmerfeld, das war nicht Berlin.
Da war die Stadt flach wie eine Flunder, es fehlte die Höhe, die Größe, die dritte Dimension, die klaren Kanten, die schönen Portale, alles war zerschlagen, zerschossen, der Würfel des Krieges, des Feuers, der Kraft, letzter Kraft, hatte plattgemacht und zusammengeschoben, und wenn auch paar Wände stehen geblieben, paar Fliesen in Hausfluren kleben geblieben waren, paar blaue, paar grüne, paar bunte, als mein Engel aus dem Flugzeug stieg und sein Kind wieder auf dem Arm trug, mich, Sonitschka, da war er nicht mehr derselbe, da hatte er alle Kräfte eingebüßt, den Zauber verloren, alles verloren, und wenn auch die Männer ihm Platz machten in Bewunderung, wenn auch seine Schönheit geblieben war, seine Locken und runden Schultern und Hüften und die Taille von 50 Zentimetern, die Augen, die Augen sahen die Trümmer, die Steine, das Grau ringsherum und begriffen die Stille nicht, dabei war das der Frieden, an einem Tag im Dezember im Jahr ’45, und der Mann im Anzug mit Hut, der im Flughafen von diesem Stadtteil mit dem Namen Tempelhof herumstand, das war auch ein unsterblicher Geliebter, Sonitschka, aber der gehörte dem Engel.
Und jetzt, Sonja, muss ich Ihnen etwas Wichtiges sagen: Dieser Mann auf dem Umschlag von Ihrem Buch könnte mein Vater sein, damals, im Jahr ’45, mit Hut und im Mantel.
Immer wieder betrachte ich dieses Foto, und wenn ich es so anschaue, bin ich ganz nahe an einer Auflösung, denn irgendwas war falsch die ganzen Jahre, ich spürte es selber, an meinen Geliebten spürte ich es, es waren die falschen und wiederum auch nicht, und genauso ist es mit diesem Foto.
Wo zum Beispiel ist meine Mutter? Warum sieht der Mann, der mein Vater sein könnte, so hoch in die Luft, und warum bitte sagt mein Gefühl mir, dass dort in dem Wagen das Kind nur einen Namen haben kann: Olga!
Wie gesagt, ich bin auf den Namen Elisaweta getauft, aber Ihnen muss ich es nicht erklären, was russisches Erbe bedeuten kann in der Welt, in der deutschen zumal, ich habe also, seit ich selber etwas für mich tun konnte, nichts unversucht gelassen, diesen Namen ins deutsche Elisabeth umzuwandeln, alle meine Zeugnisse seit der fünften Klasse tragen bereits diesen Namen. Mit der gleichen Kraft aber, mit der ich das über Jahrzehnte betrieben habe, zieht es mich neuerdings nun auch zurück, aber eben nicht zu Elisaweta, was ja auch wirklich eine Krücke von Namen ist, wie Sie zugeben müssen, sondern eben zu Olga. Auch das Gespräch, von dem ich Ihnen erzählte, diese Überquerung der Uhlandstraße in Erwägung des Namens Olga für mich, eine noch ungeborene Tochter, macht mir seit einiger Zeit zu schaffen.
Hat es diese Olga vielleicht doch gegeben, frage ich mich. Sind es ihre Liebhaber, die mich verfolgen?
Ihrem Buch entnehme ich, dass Ihr Bruno sich gerade wieder in neuer Gestalt angekündigt hat und Sie deswegen auf dem Wege nach Zürich sind. Das heißt, ob wir dreißig sind, sechzig oder hundert, wir haben nur einen Geliebten, und er kommt immer wieder. Sie haben es erlebt, und ich glaube Ihnen. Nun aber – würde er mir wieder erscheinen, die ich ja bald sechzig Jahre alt bin – ich möchte ihm jetzt nicht begegnen.
Denn wenn ich das Foto sehe auf Ihrem Buch und spüre, mit allen Fasern meines Herzens spüre, dass ich es bin, dort in dem Kinderwagen, und wiederum auch nicht, sondern Olga, eine Verwechslung im Grunde, im Grunde der Seele natürlich, im tiefsten Grunde, und für niemanden äußerlich sichtbar, dann verstehe ich, dass wir uns niemals erreichten, mein Geliebter und ich, egal, in welchen Gestalten er es immer versucht hat, und ich kann ihm die Türe nicht öffnen, nicht jetzt, nicht, bevor ich begreife, was geschehen ist und wer ich bin.
Und glauben Sie mir, ich würde ihn gerne erkennen.
*
Als Elisabeth Schlosser so weit geschrieben hatte, sah sie aus dem Fenster. Der Mann blieb verschwunden. Elisabeth Schlosser konnte ihn jedenfalls nicht mehr ausmachen zwischen den Menschen dort unten im Schneefall, ja Schneesturm beinahe, denn das ganze, große Panorama der Stadt war aufgelöst im Weiß, sie sah nichts als Schneeflocken, Schneeflocken, Schnee.
Nach einer Weile hatte sie genug, betrat ihren langen Flur, ging seufzend vorbei an der Küchentür, von wo ein seltsamer, regelmäßiger Klang zu hören war, und das waren die Kümmelkörner, wie sie auf Porzellan fielen, und das war wohl ein Teller auf ihrem Küchentisch, nahm leise, als ob sie den Sohn nicht stören wollte, dort in der Küche, eine Jacke und verließ die Wohnung.
Zog der frische Schnee sie hinaus? Wollte sie auf unberührtem Weiß entlanglaufen, Fußspuren hinterlassen im Park Monbijou, die Erste sein, die über Wege läuft, auf denen sie ja ihr Leben lang herumgetrampelt war, mit Mann, mit Sohn oder alleine, oder war es, um sich ihrer selbst zu versichern, dessen, dass sie noch da war und fest auf der Erde stand, Elisabeth Schlosser? Wir wissen es nicht.
Zwischen den Passanten am Hackeschen Markt war sie schwer zu ermitteln, aber bald durchquerte ihre kleine mollige Figur die Gruppe der Wartenden an der Straßenbahnhaltestelle hinter dem S-Bahnhof Hackescher Markt, man sah sie der Spree zustreben, den Uferweg betreten und sich hin und wieder umwenden, um die Abdrücke ihrer Schuhsohlen im frischen Schnee zu betrachten.
Es war Nachmittag, die Autos fuhren vorsichtig auf weißer Fahrbahn, alles schien stiller geworden zu sein, langsamer, und dort, wo vor langer Zeit unbekannte Verehrer dem Dichter Chamisso eine Büste gestiftet hatten, verließ Elisabeth Schlosser den Park Monbijou.
Chamisso mit Schnee auf der Nase ragte an diesem Tage heraus aus dem Gestrüpp, das ihn manchmal auch überwucherte, Elisabeth Schlosser bog in die Krausnickstraße ein und verschwand im Hof eines Mietshauses, ging zielstrebig auf eine Mauer zu, die aus alter Zeit immer noch ein Türchen zu dem großen Krankenhaushof dahinter besaß.
Dort angekommen, huschte sie über den Hof und die Treppen zum Haus 3 hinauf, klopfte an eine Tür, öffnete sie, ein Mann im Bett hob den Kopf, stieß einen Krächzer aus und winkte, dass sie näher kommen sollte.
»Papa«, sagte Elisabeth Schlosser, als sie auf seinem Bettrand saß, »Papa, bist du einmal in Brünn gewesen?«
Der Alte im Bett sah furchtbar aus, weil er kein Gebiss trug. Er lachte und zischelte dann, dass er es ihr sowieso nicht sagen würde, denn sonst würde man ihn verhaften, nicht wahr, das wüsste sie doch.
»Aber Papa«, sagte Elisabeth Schlosser wieder, »du hast es mir doch erzählt, dass du da warst, und mährische Buchteln hast du gegessen, das war doch so, stimmt es, das hast du gesagt«, und so redete sie weiter auf ihn ein, der Alte aber schloss die Augen nur halb, wie ein alter Vogel, er lag auf mehreren Kissen und so beinahe im Sitzen hatte er den Kopf nach hinten gekippt, während Elisabeth Schlosser ihn daran erinnerte, dass er einmal vom Bergsteigen in der hohen Tatra erzählt hatte und vom guten Theater, das er in Brünn gesehen haben wollte, vor dem Krieg. »Brünn«, rief sie, »Papa, erinnerst du dich?«
»Ach«, sagte er, und man sah das Gelbe im Weiß seiner Augäpfel und das Helle im Braun seiner Iris, »ach, Elisaweta.«
Dann sollte sie ihm etwas zu trinken bringen. Die Lippen klebten zusammen beim Reden.
»Wann schreibst du über mich?« Elisabeth Schlosser schüttelte den Kopf. »Schreib!«, rief er, »verflucht nochmal, oder hast du dich schon vollkommen verkauft, ja?«
»Papa«, sagte Elisabeth Schlosser, »du warst doch mal in Brünn?«
Der Vater hob eine Augenbraue, die linke Augenbraue, und Elisabeth Schlosser wusste, dass so was nichts Gutes verhieß.
»Dort lebte eine Familie Trotzkij! Aber er hatte mit der kommunistischen Bewegung gar nichts zu tun, Papa, er war ein einfacher Mann, Papa, er war Lokomotivführer – na?«
Der Alte war tatsächlich zusammengefahren, sogar die Augenbraue rutschte ihm runter vor Schreck.
»Aber nein, ein einfacher Mann, nur eben auch ein Trotzkij, Papa, er liebte die Oper!«
»Einen habe ich getroffen«, wisperte er nun, »der war anständig geblieben, und als sie meinen Freund Ludwig erschossen haben, da wollte er den Sohn zu sich nehmen, aber der Junge hat sich aufgehängt.«
»Aber bitte«, sagte Elisabeth Schlosser, »das ist doch die Prager Geschichte«, und der Alte nickte, wollte aber noch sagen, dass er seinen Freund Ludwig besucht hätte vor dem Prozess und den Sohn dabei gerade erst kennengelernt.
»Als ich ging«, krächzte der Alte, »da lag er schon im Bett und ich sollte noch einmal zu ihm kommen und mich verabschieden, ja, das tat ich dann auch, ich gab ihm die Hand.«
»Aber das war in Prag«, wiederholte Elisabeth Schlosser. »Das war 1948, das stimmt doch, nicht wahr? Und Brünn? Ein Trotzkij, Papa, Trotzkij, fällt dir nichts ein?«
»Kellner«, murmelte der Vater, »Kellner gibt es überall.«
Elisabeth Schlosser am Bettende starrte auf den Alten in den dicken Kissen und das Schild an der Wand über seinem Kopfende. »Weißenfeld, Heinz, 1900« stand da mit Filzstift geschrieben, in einer runden schleifigen Mädchenschrift.
Aber dann ging sie zum Fenster, fasziniert von dem Schnee, der immer noch fiel. Es wurde dunkel. Jetzt erst kam diese Stunde, derentwegen sie ihre Wohnung verlassen hatte, diese halbe, diese Viertelstunde, wo alles, was weiß ist, sich blau färbt, bevor es schwarz wird. Blau waren die inzwischen verschneiten Rasenstücke draußen im Hof des Krankenhauses, blau das Dach von Haus 2 gegenüber, und alle Küchenbalkone des Mietshauses, durch dessen Hof sie sich gerade den Weg abgekürzt hatte – blau.
»Papa«, fragte sie, »kanntest du mal eine Olga?«
»Nö.« Das kam ganz ruhig und ohne Augenbrauenverziehen.
»Aber du wolltest mich doch so nennen?«
»Nö.«
»Aber ihr seid zusammen über die Uhlandstraße gegangen, dein Vater und du, und da habt ihr darüber gesprochen!«
»Ääh«, ließ der Alte so rauslaufen aus seinem Munde, einfach nur diesen Ton: Ääh!
Draußen war nun das blaueste Blau erreicht.
»Kannst du es sehen, Papa, es schneit.«
Da nickte er, er sah es die ganze Zeit, unter seinen halb geschlossenen Augenlidern sah er es schneien, draußen, er lächelte und nickte, und die ganze Tatra zog wohl darunter vorbei, unter diesen Lidern, Freund Ludwig wahrscheinlich auf Skiausflügen und noch jemand, eine Skifahrerin, eine sportliche, junge und heftige, ach, der Alte schloss die Augen, warum wohl.
»War schön«, sagte er, »schön, dass du da warst, mein Kind.«
Auf dem Rückweg war es schon dunkel, Schnee fiel immer noch und sah nun schwarz aus im Licht der Laternen. Verschneit ragte Chamissos Kopf aus dem weißen Gebüsch, jetzt standen Nutten davor, breitbeinig zwischen den parkenden Autos standen sie da, in hautengen Hosen.
Bis vorne zur Friedrichstraße sah man sie warten, im Schnee, und alle hatten sich Gürtel eng um die Taillen geschnallt, auf Taille 40, dachte Elisabeth Schlosser, darin wusste sie Bescheid, und blieb auch nicht stehen, als sie wieder den Mann sah, der ohne Hut oder Mütze oder dergleichen am Vormittag aus dem Bahnhof herausgekommen war für eine Minute und hochgesehen hatte in ihre Richtung. Er stand ganz nahe an dem Chamissokopf und fixierte ein Mädchen, das sichtlich fror, in weißen Strumpfhosen, und Elisabeth Schlosser bemerkte es und blieb nicht stehen, lief vorsichtig in dem dicht fallenden Schnee, sie wollte nicht ausrutschen.
Die wenigen Autos, die noch fuhren, taten das langsam, als ob der Schnee ihnen Mühe machte, vorwärts zu kommen. Die Straßenbahnen dagegen zerschnitten die Flocken mühelos, und überhaupt den ganzen dicken Schnee zerschnitten sie, zerstrahlten und zerlöcherten alles mit ihren Scheinwerfern und Lichtern, mit denen sie oben und unten und an allen Seiten vollgeschraubt waren, und mit ihrem Kreischen auch.
Nass erschien Elisabeth Schlosser wieder im Portal ihres Hauses, wo rosa gestrichene Herkulesfiguren die Decke hielten.
So genannte Karyatiden stützten hier eine kompliziert gebaute Kassettendecke, die von der volkseigenen Hausverwaltung irgendwann einmal hellgrün gestrichen worden war, wohl um einen Gegensatz zu der rosa Ölfarbe der stattlichen halb nackten Kerle abzugeben, unter denen Elisabeth Schlosser nun hindurchging und sich den Schnee von der Jacke schüttelte. Die Luft in diesem Treppenhaus war feucht wie immer im Winter, denn ganz oben an der Decke, direkt in der Mitte eines spiralförmig gebauten Treppenhauses, prangte seit zwanzig Jahren ein nasser Fleck, und bei einem Wetter wie diesem tropfte das Wasser von oben herunter.
*
Liebe Sonja!
Meine Eltern sprachen Russisch miteinander, so wie Ihre Eltern auch, und das, obwohl Sie in Brünn lebten und wir in Berlin. Bei uns kam es daher, dass die beiden sich in Sibirien kennengelernt hatten, wo mein Vater als Emigrant deutsche Zeitungen redigierte und meine Mutter eine Lehrerin war, und zwar für das Fach Deutsch. Die Zeitungen waren natürlich kommunistisch, wie mein Vater ja selbst ganz und gar Kommunist gewesen war, so sehr, dass er gar nicht mitbekam, dass meine Mutter es niemals gewesen war, und schon gar nicht zum Zeitpunkt ihrer Begegnung, sondern ein politisch recht gleichgültiges Mädchen, welches man in die allergrößte Unruhe versetzen konnte mit der Bemerkung, ob sie sich ihren Pony nicht zu kurz abgeschnitten hätte oder dass man aus Crêpe de Chine keinen Plisseerock schneidern kann. Was die deutsche Sprache betrifft, so war es auch kein kommunistisches Deutsch, das meine Mutter unterrichtete, sondern das allgemein übliche Deutsch der Herren Goethe und Schiller. Bekanntlich fuhren die Russen ja auch während der blutigsten Angriffe der deutschen Armee fort, ihren Kindern die deutsche Sprache beizubringen, und daher hat meine Mutter immer Arbeit gehabt, mein Vater dagegen weniger.
Sonitschka, es war also die Sprache, die ich hörte von der ersten Minute meines Lebens an, Russisch, und das wogte in so hellen und dunklen Tönen um mich herum, wie die deutsche Sprache sie gar nicht kennt, die sanften Töne möchte ich besonders hervorheben, ich habe für mein ganzes Leben eine Furcht vor harten Anlauten zurückbehalten.
Gehen Sie davon aus, dass meine Eltern mich liebevoll behandelten. Was sollten sie auch tun – sie hatten nur mich. Die Großeltern mütterlicherseits waren in Sibirien zurückgeblieben und von den Eltern meines Vaters hatte sich die Spur in Theresienstadt verloren, woraus Sie mühelos schließen können, dass er jüdisch war, was in unserem Leben keinerlei Rolle spielte. Schließlich waren alle in Berlin ausgebombt oder tuberkulosekrank oder ohne Verwandte oder Umsiedler oder der Vater war gefallen. Als Kind erklärte man damals in der Schule diese Familienverhältnisse mit der größten Selbstverständlichkeit, falls man neu in der Klasse war.
Wenn alle neu waren, dann hatten alle den Tod zu erzählen, jeder eben anders. Wenn ich dran war und sagte: »Alle tot«, dann verstand das jeder.
Mit der russischen Sprache war es schon schwieriger, und als unter den Kindern bekannt wurde, dass ich fließend Russisch spreche, wie sie es nannten, musste ich das immer wieder neu beweisen, indem ich im Kreise von Klassenkameraden russische Soldaten oder Offiziere anquatschen und für die anderen dolmetschen sollte, denen in solchen Momenten gar keine Fragen einfielen. Dann fragten die Russen uns aus – also mich, und die anderen Kinder hörten zu, sie prüften mein fließendes Russisch sozusagen, was jedes Mal damit endete, dass die Russen mir Namen von Dörfern, Städten oder Landschaften in ihrem riesigen Russenreich nannten, der Sowjetunion, wo ich sie besuchen sollte und am besten auch heiraten, wenn ich nur etwas älter wäre. Diese Teile der Unterhaltung übersetzte ich dann nicht mehr, was Misstrauen auslöste und dazu führte, dass wir uns boxten oder in die Arme kniffen, ja, es tobte ein wahrer Krieg um das Russische, weil sie die Sieger waren, nur die Kinder führten diesen Krieg immer noch, wo doch FRIEDEN an allen Hauswänden stand, so ähnlich wie heute NAZISRAUS. Offensichtlich schrieb jeder Schmierant, wenn er sich irgendwo verewigen wollte, schnell mal FRIEDEN an die Häuserwände, damals in Berlin.
Ja, es macht einen großen Unterschied, wer wann und wo Russisch spricht, zumal fließend. Für Ihre Eltern, am Anfang des Jahrhunderts, wird es ein reines Vergnügen gewesen sein, ohne alle grausigen Konnotationen, sei es nun der Krieg, der Kommunismus oder der erzwungene Russischunterricht.
Fünfzig Jahre später sah die Sache anders aus, meine liebe Sonja.
