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Um kaum einen Geheimbund ranken sich mehr Verschwörungstheorien als um die Freimaurer. Aus den Dombauhütten des Mittelalters entstanden, wurden sie zur Wiege von Humanismus und Toleranz. Freimaurer spielten eine wichtige Rolle in der Französischen Revolution, wurden Wegbereiter der amerikanischen Verfassung und im Dritten Reich brutal verfolgt. Viele berühmte wie einflussreiche Männer der Welt zieren die Ahnentafeln.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Michael Kraus (Hg.)
DIE FREIMAURER
Michael Kraus (Hg.)
DIEFREIMAURER
Komplett überarbeitete Neuauflage
Michael Kraus (Hg.)
Die Freimaurer
Umschlagidee und -gestaltung: kratkys.net
Komplett überarbeitete Neuauflage
© 2011 Ecowin Verlag, Salzburg
Lektorat: Dr. Arnold Klaffenböck
Coverfoto: Ivan Wojnikow
Bildteil: Martin Vukovits
Gesamtherstellung: www.theiss.at/
Gesetzt aus der Sabon
Printed in Austria
ISBN 978-3-7110-5006-9
www.ecowin.at
Grußwort
Vorwort
Statt einer Einführung Öffentlichkeitsarbeit – wozu?
1. Kapitel Ein ideales Modell
Kulturelle Evolution und ideale Gesellschaft
Bedingungen für den Erfolg von Gemeinschaften
Die Freimaurerei und die Gesetze der kulturellen Evolution
2. Kapitel Wesen und Werte
Humanismus als Grundprinzip
Aufklärung als Menschenbild
Toleranz als Grundwert
Verschwiegenheit als Verpflichtung
3. Kapitel Freimaurer und Loge
Die Pflichten des Freimaurers
Der Weg in die Loge
Rituale und Symbole
Die mittelalterlichen Bauhütten
Das freimaurerische Ritual
Das Baustück
4. Kapitel Positionen
Freimaurerei und Religion
Freimaurerei und Politik
Globalisierung und Neoliberalismus
Fundamentalismus und Aufklärung
5. Kapitel Fakten
Die Entwicklung der Freimaurerei in Österreich
Die österreichische Freimaurerei heute
Die Johannisfreimaurerei
Hochgrade in Österreich
Missverständnisse und Missbrauch – Die populären Irrtümer
Die freimaurerische Weltverschwörung
Schwindler, Gaukler und Skandale
Geschäftsmaurerei
6. Kapitel
Die Weltfreimaurerei – Ein Überblick
Die Internationalität der Freimaurerei
Institutionen und Reichweite
Strukturen und Inhalte
Anerkennung und Regularität
Internationale Zusammenarbeit
Stärken und Schwächen der Weltfreimaurerei
Freimaurerei und Frauen
Ausblick
Stichwortverzeichnis
Grußwort
Spricht es nicht für unsere Gesellschaft, dass von einem ernsthaften und um solide Vermittlung der Innenseite der Freimaurerei bemühten Buch, also von einem Sachbuch, schon 15.000 Stück verkauft werden konnten? Wahrscheinlich ist es so.
Aus dem Verkauf der ersten Auflage und der wachsenden internationalen Nachfrage ergibt sich folgerichtig eine vom Autorenkollektiv gewissenhaft durchgesehene zweite Auflage.
Diese Auflage, die nach Dan Browns Buch „Das verlorene Symbol“ erscheint, könnte dem Bemühen gute Dienste leisten, zwischen einer romanhaften Bearbeitung des Themas Freimaurerei und der Vermittlung seriöser Kenntnis zu einer am Entstehen abendländischer Kultur verdienstvoll beteiligten Bewegung des Denkens und der Achtung vor unverzichtbaren Werten zu unterscheiden.
Das nun in zweiter Auflage erscheinende Buch, das in erster Auflage schon wochenlang auf der Bestsellerliste zu finden war, nennt als seinen Herausgeber meinen Amtsvorgänger Dr. Michael Kraus. Dr. Kraus hat mit mehreren öffentlichen Interviews und letztlich mit diesem Buch einen Weg beschritten, den ich ausdrücklich gut- und willkommen heiße. Freimaurer werden zu wollen, bedeutet die Bereitschaft zu einem Aufbruch auf einen nicht ganz einfachen Weg, ist so etwas wie eine Holschuld – es wird keine Freimaurerei ins Haus geliefert. Aber vielleicht hat die Freimaurerei ihrerseits auch eine Bringschuld. Die Freimaurerei ist eine eher zurückgezogene Gesellschaft (in Logen rechtlich als Vereine nach dem Vereinsgesetz organisiert), deren Bild in der Öffentlichkeit durch Irrtümer und manchmal auch bewusste Irreführungen verzerrt ist. Hätte sie nicht auch irgendwie die Pflicht, zur Aufklärung schlicht unredlicher und unsachlicher Anfeindungen beizutragen? Ich bin sehr glücklich darüber, dass mein Vorgänger im Amte (mit einem aus der Tradition kommenden Wort: als deren Großmeister) diesen Weg solider und Vorurteile abbauender Information beschritten hat.
Ich wünsche dem Buch auch weiterhin den großen Erfolg, den es verdient, und den Lesern die Freude daran, nun ein Werk in Händen zu haben, das von Freimaurern selbst geschrieben, also von wirklich Wissenden über den Inhalt und den Zweck des Bundes, dem sie angehören, authentisch berichtet.
Nikolaus Schwärzler
Großmeister
Wien, im März 2011
Vorwort
Der Schriftsteller und Politiker Jörg Mauthe, der sich im Angesicht des Todes offen zur Freimaurerei bekannte, ermahnte uns eindringlich, dass „… die Loge eine Organisationsform darstellt, die von vornherein nicht auf Zwecke der Öffentlichkeitsarbeit hin konstruiert, denn auch das denkbar ungeeignetste Instrument für eine solche ist.“ Wer die österreichische Freimaurerei von innen kennt, weiß, dass diese ernste Erinnerung mehr den Freimaurer-Organisationen in anderen Ländern gelten mag, denn die österreichischen Logen üben ihren Auftritt nach außen seit Jahrhunderten in besonders zurückhaltender Weise. Selbst unsere Präsenz im World Wide Web fällt mehr als bescheiden aus.
Dafür gibt es eine Reihe von guten Gründen: Die Loge wirkt auf den Einzelnen, und was er dann in der Welt bewirkt, ist seine persönliche Leistung und nicht die der Organisation. „Deren unersetzliche Leistung besteht einzig darin, aus Suchenden Freimaurer zu machen.“
Diese Zitate stammen aus einem sogenannten „Baustück“ – das sind die Vorträge, die die Brüder in der Loge halten – von Jörg Mauthe aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für die Loge Libertas, der er damals angehörte. Er beschäftigte sich mit der grundsätzlichen Frage des Verhältnisses der Freimaurerei zur Öffentlichkeit und der Öffentlichkeitsarbeit und mit einigen sehr wesentlichen Facetten unseres Bundes, weswegen ich mich entschlossen habe, diesen Text im Original anstelle einer Einleitung den nachfolgenden Kapiteln voranzustellen. Denn Mauthe verstand es meisterlich, schwierig erscheinende Dinge verständlich auf den Punkt zu bringen und sie plastisch darzustellen.
Die Freimaurerei ist kein Geheimbund, und das, was und wie sie es beim Einzelnen zustande bringt, ist außerordentlich privat, aber nicht geheim. Dennoch hat sie viele willkürlich gewählte Geheimnisse, die aber vor allem den Zweck haben, die innere Zusammengehörigkeit zu fördern. Mit dem ich ein Geheimnis habe, der ist mir besonders nahe und vertraut. Und dieses nicht definierbare, geheimnisvolle Etwas ist einer von vielen Gründen, warum die Freimaurerei für viele Kandidaten ausreichend interessant erscheint.
Wachstum und Größe sind aber kein wichtiger Maßstab für den Erfolg einer Organisation wie der unseren. Im Jahr 2006 haben maßgebliche Medienstimmen in den Niederlanden anlässlich des 250-jährigen Bestehens der Freimaurerei in diesem Land mit Erstaunen und nicht ganz ohne Bewunderung festgestellt, dass ihnen keine Organisation bekannt ist, die so klein, aber so wirkungsvoll und von so zählebigem Bestand ist. Es hat wohl etwas mit dem Feuer zu tun: Ein einziges Streichholz kann einen Flächenbrand entfachen, aber das, was wirklich Bestand hat und das Potenzial des jederzeitigen Feuers in sich birgt, ist die Glut, die ewig währt. Und es ist eben dieses Bild, das den Anspruch erfüllt, dem wir stets versuchen, gerecht zu werden.
Das ist es auch, was den seinerzeitigen Großmeister der österreichischen Freimaurer im Jahr 2007 veranlasst hat, mit einem Buch an eine interessierte Öffentlichkeit heranzutreten. Also nicht, um ein uns sehr wertvolles Prinzip zu durchbrechen und die Freimaurerei zu Markte zu tragen, sondern um wieder einmal die Glut zum Feuer zu entfachen, und zwar dort, wo das Feuer Nahrung finden kann, bei interessierten und engagierten Lesern von Büchern. Denn der freimaurerische Gedanke hat höchste Aktualität. Aber er ist gleichzeitig fordernd und unbequem und entzieht sich somit einer oberflächlichen Behandlung auf einer barrierefreien Kommunikationsschiene. Fast jeder muss sich diesen Zugang erst erarbeiten.
Viele, ja vielleicht die meisten von uns haben eine besondere Disposition zur Verantwortung, die dann stark wird, wenn sie sich mit Sorge paart. Es gibt heute erheblichen Anlass zur Sorge, aber aus unserer Perspektive nicht zum Pessimismus. Denn sich für Menschen verantwortlich zu fühlen, ist von der Liebe zum Mitmenschen getragen. Diese Liebe ist die Quintessenz des Hoffens und des Wollens. Aus ihr speist sich unser Optimismus. Sorge haben wir, weil wir spüren, dass die vielen neuen Herausforderungen in der Gesellschaft – die mit der Finanzkrise einhergehende neue Armut, die vielen schwelenden Bürgerkriege, die Angst vor der Globalisierung, die Zaghaftigkeit, ein Europa der Herzen zu bilden, die Unfähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen, die Klimakatastrophe – von denen, die von uns durch Wahl dazu berufen wurden, nicht bewältigt werden; weil sie nicht können, weil sie nicht wissen, weil sie nicht wollen oder weil sie vielleicht gar nicht sollen. Von jedem etwas. Und wir können uns entweder damit abfinden, geistig emigrieren, fundamentalistisch und aggressiv reagieren oder eben versuchen, positive Alternativen zu entwickeln. Unser – der freimaurerische – Weg bedeutet, uns auf die wenigen, allgemein gültigen Werte der Menschheit zurückzubesinnen wie Toleranz, Humanität, menschliche Weisheit und eben das, was wir mit Bruderliebe, will heißen Menschenliebe, umschreiben.
Immer, wenn es solch große Probleme in der Gesellschaft gab, ist die Freimaurerei an die gesellschaftspolitische Oberfläche gekommen, manchmal auch an die Öffentlichkeit. Im 18. Jahrhundert war es die Aufklärung, die die Menschheit vom Joch der geistlichen und weltlichen Bevormundung befreite, dann die Französische Revolution, die Staatenbildung in Nord- und Südamerika, schließlich die Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie Freimaurer oder freimaurerische Gedanken die Menschheit ein Stück weiter gebracht haben. Dieses Wissen und unser Gefühl der Verantwortung geben uns den Mut, angesichts des sich verschlechternden Zustands der Welt einen Weg aufzuzeigen, wie der Einzelne, nicht die Organisation, katalytisch wirken kann.
Denn was die Freimaurerei in der gesamten Zeit ihrer Existenz versucht, ist nicht weniger, als der Menschenwürde und der Menschenliebe in der Welt den Platz zu schaffen, der ihnen nach unserer humanistischen Überzeugung zusteht. Das zu wollen heißt, sich gegen Bevormundung, Engstirnigkeit, Diktatur, Egoismus, Intoleranz und viele andere Unmenschlichkeiten zu wehren. Manchmal bedeutet es Aufklärung, immer aber ist es die Arbeit des Sisyphos, die wir deswegen positiv erleben, weil wir erkannt haben, dass es sich lohnt, den Weg zum Ziel zu machen. Die immer neue Anstrengung, die immer neue Herausforderung macht den Menschen zum Freimaurer.
Dieses Buch will also kein Lexikon der Freimaurerei sein, kein weiteres der zahlreichen Bücher, die sich mit dem Wesen und der Vergangenheit dieses besonderen Bundes auseinandersetzen.
Wir wollen uns auch nicht der Illusion hingeben, dass ein Buch wie dieses es schaffen könnte, die Freimaurerei – diesmal vielleicht etwas authentischer, als das sonst der Fall ist – zu erklären. Sie entzieht sich per definitionem einem rationalen Ein- und Durchblick. Es mag auch manches von dem, was hier im Idealbild erscheint, nicht recht glaubwürdig sein, denn wir müssen ja zugeben, dass es in der Tat für jeden von uns verdammt schwer ist, draußen den Beweis zu erbringen, dass das, was wir als Freimaurer in der Loge lernen und üben, auch wirklich und nachhaltig umgesetzt wird.
Und doch gibt es nur ganz wenige, die dem Bund beitreten und sich dann wieder enttäuscht abwenden, weil sie zwangsläufig die Erfahrung machen, dass es zwar regelmäßig eine Lücke zwischen Anspruch und Erfüllung gibt, dass es sich aber lohnt, nicht müde zu werden, am Schließen dieser Lücke zu arbeiten. Wir bleiben engagierte und begeisterte Mitglieder, weil die Quintessenz der Bruderschaft das gemeinsame Erleben und Bemühen ist, und weil der Qualität der Beziehung, die wir zueinander haben, nicht nur ein sehr hoher Stellenwert beigemessen wird, sondern weil diese auch in der Realität ständig stattfindet. Nirgendwo außer in der Familie und in den jugendlichen Schuljahren schließt man so enge und herzliche Freundschaftsbeziehungen wie in diesem Bund – und das über Partei-, Religions- und Ideologiegrenzen hinweg. Das ist nicht erklärbar, das ist nur erlebbar, und deswegen verfolgt diese Schrift auch gar nicht das Ziel, dass die Freimaurerei endlich verstanden wird.
Der Umstand, dass die hier dargestellten Werte und die hier beschriebene Haltung zu elementaren Fragen des Lebens zumindest uns Freimaurern erreichbar erscheinen, rechtfertigt den Versuch, ein wenig Propaganda für Optimismus und positive Einstellung zum Mitmenschen zu machen, egal ob das unter der Fahne des freimaurerischen Weltenbundes geschieht oder sonst wie.
Was einer breiten Leserschicht durchaus weiterhin verborgen bleiben kann, ist aber auch ein internes Anliegen der Bruderschaft und damit dieses Buches, nämlich eine Botschaft der österreichischen Freimaurerei an die Millionen mit uns im Bund Verbundenen außerhalb unserer Landesgrenzen.
Das im Herbst 2009 herausgekommene Buch des Millionen-Bestseller-Autors Dan Brown „The lost Symbol“ („Das verlorene Symbol“) beschäftigt sich intensiv mit der Freimaurerei in den Vereinigten Staaten, wo der Freimaurerbund jahrhundertelang geradezu staatstragende Bedeutung hatte und wo heute eine Situation eingetreten ist, die an den Fundamenten des Bundes zu rütteln scheint. Die Probleme in der Welt draußen verlangen deutlich mehr an Engagement der einzelnen Logen, als nach Ansicht vieler die heutige Struktur des Bundes zu leisten vermag. Mitgliederschwund und Überalterung in den USA und manchen anderen Kernländern des Bundes haben die Frage aufgeworfen, ob an unserem Bund etwas Grundlegendes nicht oder nicht mehr stimmt. Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns eines wichtigen Phänomens des Freimaurerbundes erinnern: Es ist eine bemerkenswerte Erfahrung für den Freimaurer, gleichgültig wo er Mitglied ist, dass eine weltumspannende Organisation so dezentral und ineffizient strukturiert sein kann und es sie in ihrer inhaltlichen Quintessenz trotzdem überall gibt. Das hat damit zu tun, dass wir die Probleme in der Welt eben nicht als Bund, als Organisation, also im Sinne der uns oft angedichteten Weltverschwörung lösen wollen; wir könnten das auch gar nicht. Was aber dennoch gelingen sollte, ist, daraus die richtigen Schlüsse für Arbeitsinhalte, Arbeitsweise und Strukturen zu ziehen. Und das schließt durchaus auch die weibliche oder die gemischte Freimaurerei mit ein – denn auch die gibt es schon fast seit Anbeginn an –, auch wenn sie von uns in Österreich und von der englandtreuen Weltenfreimaurerei als irregulär bezeichnet wird.
Wir sollten uns gegenseitig öfter daran erinnern – und darüber reden wir leider viel zu selten, weil wir eben nicht supranational organisiert sind –, dass es da und dort tradierte Mechanismen gibt, die auch heute noch sehr gut funktionieren.
Sie fußen auf hoher innerer Qualität und jahrhundertealten Prinzipien. Wenn diese beachtet und gepflegt werden, kann die Freimaurerei auch die nächsten 300 Jahre gut überleben und den so wichtigen Beitrag für den Frieden auf der Welt leisten. Es kann schon sein, dass es mancherorts notwendig ist, bestehende Strukturen und Gebräuche zu verändern, um den Blick auf das Wesentliche wieder frei zu machen.
Der österreichische Weg ist innerhalb der Weltenkette ein besonderer und, wie ich glaube, ein sehr guter. Von wo immer man ihn auch betrachten mag, von außen und von innen. Während die Freimaurerei in Nordamerika und teilweise auch in Europa mit der Frage konfrontiert ist, wie die große Tradition der vergangenen Jahrhunderte auch heute noch wirksam gemacht werden kann, um Mitgliederschwund und Überalterung zu bremsen, befinden wir uns hier in Österreich in einer ganz anderen Situation: Unsere Mitgliederzahl steigt ständig und wir sind auch für junge Kandidaten attraktiv.
Deshalb kann die österreichische Freimaurerei, die offenbar wegen ihrer spezifischen Ausprägung weder an Mitgliederschwund noch an Überalterung leidet, ein Beispiel und eine Anleitung sein und denen helfen, die der Versuchung nicht widerstehen können, statt sich an die bewährten tradierten Formen der Freimaurerei zu halten, dem Zeitgeistigen, den Modernismen Tür und Tor zu öffnen.
Die hier abgedruckten Beiträge wurden von achtzehn meiner Mitbrüder geschrieben, und wir sind übereingekommen, dass wir in Wahrung der Tradition unseres Bundes diese Autoren nicht nennen, weil damit auch zum Ausdruck kommen soll, dass wir uns alle als Teil eines Ganzen verstehen.
Nicht zuletzt deswegen bin ich ihnen zu besonderem Dank verpflichtet, denn sie stellen den gemeinsamen vor den Einzelnutzen und beweisen damit die Bedeutung einer unserer Grundprinzipien: Freimaurerei ist nicht nur Mittel zum Zweck, sie ist auch Zweck selber in dem, wie sie es tut.
Michael Kraus
Alt- und Ehrengroßmeister
Wien, im März 2011
Statt einer Einführung
Öffentlichkeitsarbeit – wozu? Baustück von Jörg Mauthe
Gewisse Themen tauchen in den Logen-Diskussionen so regelmäßig, hartnäckig und unwiderstehlich auf wie Schnupfen – zum Beispiel die allseits bekannte Kritik an der Ballotage oder Überlegungen hinsichtlich der Handhabung von Aufnahmegesuchen. Und natürlich die Frage, ob man Öffentlichkeitsarbeit treiben soll, und wenn ja, welche.
Mit dem Schnupfen haben diese periodisch auftretenden Themen auch gemein, dass sie nach einer Phase der Virulenz wieder verschwinden, ohne weiter Folgen zu hinterlassen.
Vermutlich werden wir uns die zeitraubenden und, wie die Erfahrung lehrt, unfruchtbaren Diskussionen über diese und ähnliche Themen niemals ersparen können, so wenig wie den alljährlichen Schnupfen. Aber vielleicht ist es möglich, durch eine kräftige Dosis von Gegenargumenten die jeweiligen Virulenz-Phasen wenigstens auf ein erträgliches Maß abzukürzen. Und das will ich, wenigstens in Hinsicht „Öffentlichkeitsarbeit“, versuchen.
Welche Gründe sprechen denn eigentlich dafür, dass die Loge oder die Großloge Öffentlichkeitsarbeit treiben soll?
Und was ist überhaupt Öffentlichkeitsarbeit?
Wenn ich’s richtig begreife, wird unter diesem Schlagwort einerseits eine Art von Imagepflege verstanden, derart etwa, dass man die Öffentlichkeit über die „wahren Ziele“ der Freimaurerei aufklären und ihr begreiflich machen müsse, was für eine bedeutende Angelegenheit Maurerei denn eigentlich sei. Andrerseits wird verlangt, dass sich die Logen mit dieser oder jener Aktion der Öffentlichkeit als vorhanden oder sogar als aktive Gemeinschaft vorstellen. Wenn man dieser Forderung mit der Frage nachgeht, wie sie das anstellen sollten, erhält man zumeist die Antwort, sie müssten halt „irgendwas“ tun; dieser Aussage folgt gewöhnlich eine Phase des Nachdenkens, woraus denn das „irgendwas“ bestehen könnte, und dann ein Augenblick der Erhellung, in dem mitgeteilt wird, dass es sich ja um irgendwas Karitatives handeln könne oder auch um irgendwas Politisches, aber natürlich nicht Parteipolitisches, sondern mehr Allgemeines, etwa um eine Stellungnahme zu Fragen der Menschenrechte oder dergleichen.
Womit der Schnupfen gewöhnlich sein Ende gefunden hat und das Kapitel „Öffentlichkeitsarbeit“ bis zur nächsten Saison vergessen wird.
Die Brüder, die – gelegentlich oder dauernd – Öffentlichkeitsarbeit fordern, mögen mir meine Ironie vergeben: Sie richtet sich mehr gegen den Begriff als gegen Personen und ist insofern legitim, als sie den Erfahrungen eines Mannes entspringt, der zeit seines Berufslebens in der Öffentlichkeit und für sie gearbeitet und in die Effektivität solcher Arbeit etliche Einsichten gewonnen hat. Ich will aber ernsthaft versuchen, nun ohne Ironie auszukommen.
Die nächste Arbeitsperiode ist gekommen, und schon steht ein verschnupfter Bruder da und fordert, das Image der Freimaurerei in der Öffentlichkeit zu pflegen.
Nun: Was für ein Image, das man pflegen könnte, hat denn die österreichische Freimaurerei in der Öffentlichkeit?
Meines Wissens hat sie fast keines, weder ein böses noch ein gutes. Es mag vorkommen, dass in einem entfernten Gebirgstal ein alter Dorfpfarrer noch ein Kreuz schlägt, wenn er von der Freimaurerei spricht. Da und dort taucht in der Presse eine auf uns bezügliche Meldung auf – meistens eine neutrale („der Freimaurer Allende“) oder eine falsche („Kardinal König soll Meister vom Stuhl im 27. Grade sein“), vergleichsweise häufig sogar gute Nachrede („eine Gesellschaft, die sich im 18. Jahrhundert Verdienste um die Demokratie erworben hat“ oder dergleichen). In Wochenzeitungen oder Magazinen erscheint gelegentlich einmal als Produkt eines Journalisten, der was Pikantes bringen möchte, ein größerer Artikel – meist ein recht nichtssagender. Dies ist alles und weder der Rede noch der Pflege wert.
Und was sollte sonst auch gesagt werden, als eben Nichtssagendes, selbst wenn eine freimaurerische Public-Relations-Arbeit es sagte? Namen dürfen nicht veröffentlicht werden. Das Ritual und die Symbolik des Bundes sind trotz aller Gelöbnisse schon tausendmal veröffentlicht worden – und sagen dem Nichtfreimaurer ja doch nichts. Der Hinweis des Rezeptionsrituals, dass Freimaurerei nicht mitgeteilt werden kann, sondern als Geheimnis erfahren werden muss, hat schon seine Richtigkeit, eine oft erprobte Richtigkeit sogar.
Wie aber soll man mit einem Geheimnis Öffentlichkeitsarbeit treiben? Und wozu soll man das tun?
Man könnte aber, so die zaghaft beharrliche Antwort, doch wenigstens auf die großen Leistungen der Freimaurerei hinweisen. Gewiss, das könnte man – sofern man dabei im Historischen bliebe, denn vom Gegenwärtigen ist aus Gründen der gelobten Diskretion nicht zu sprechen.
Aber Öffentlichkeitsarbeit und Imagepflege, indem man Goethe, Mozart, Lessing, die Französische Revolution und allenfalls noch Hanusch zitierte, das Zeitgenössische aber verschweigt – was soll’s? Wem ist mit einer solchen Hinterdrein-Selbstberühmung schon gedient? Uns? Höchstens doch wohl unserer Eitelkeit.
Ein anderer Bruder meldet sich zu Wort und vertritt wie schon im Herbst auch im Frühling die Meinung, es wäre doch auch eine Art Öffentlichkeitsarbeit – und Imagepflege zugleich –, wenn sich die Freimaurerei wenigstens gelegentlich zu einer Aktion oder Aktivität im politischen Raum entschlösse. Man könnte ja gegen irgendetwas protestieren oder für etwas demonstrieren – für oder gegen Vietnam, Amerikaner, Israel, Araber, Sowjets oder dieses oder jenes, was halt gerade aktuell ist.
Geduldig sei diesem schätzenswerten Bruder erklärt, dass eine Loge oder Großloge kein politischer Klub, keine Vereinigung von Tätern, ja nicht einmal eine Gesinnungsgemeinschaft ist, sondern ein Begegnungsort, an dem sich Brüder treffen, die aneinander das Verwandte im Menschlichen erkennen, einander aber gestatten, verschiedener Meinung zu sein.
Die Meister der Logen sollten sich, so meine ich, nicht um deutliche Antworten herumdrücken. Sie sollten, auch auf die Gefahr hin, engagementbegierige Brüder zu frustrieren oder im einzelnen Fall sogar zu verlieren, klipp und klar erklären, dass die Loge eine Organisationsform darstellt, die von vornherein nicht auf Zwecke der Öffentlichkeit hin konstruiert, denn auch das denkbar ungeeignetste Instrument für eine solche ist.
Die Loge wirkt auf den Einzelnen. Und Sache des Einzelnen, nicht der Loge, ist es, auf die Öffentlichkeit zu wirken – nach eigenem Ermessen, eigenem Willen und Können und eigenem Risiko, das Unbedanktheit auch durch die eigene Loge einschließt. Es gibt genug Hinweise im Ritual, die diese These ausdrücklich bestätigen. Und so sind denn auch die viel zitierten großen Leistungen der Freimaurerei Leistungen dieses oder jenes Freimaurers, nicht aber Leistungen der Logen. Deren – unersetzliche – Leistung besteht einzig darin, aus Suchenden Freimaurer zu machen.
Es erhebt sich dennoch die Frage, ob die Loge eine nicht nur esoterische, sondern auch im allgemein Gesellschaftlichen wirkende Bedeutung besitze.
Diese Frage ist zu bejahen, und zwar mit dem genauen Gegenteil der Forderung nach Öffentlichkeit, nämlich der Feststellung, dass unsere Welt nichts so bitter nötig hat als Räume, aus denen die Öffentlichkeit ausgeschlossen ist.
