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"Ich bin nicht die einzige! Es gibt noch mehr Menschen wie mich." Ein Bankangestellter aus Irland entrinnt in letzter Sekunde einem Mordanschlag. Er zerquetscht dem Attentäter mit bloßen Händen den Brustkorb. Eine Hausfrau aus Venezuela wird Zeugin eines Überfalls. Die Täter sind maskiert. Sie beschreibt ihre Gesichter bis ins letzte Detail. Eine Managerin aus Japan wird auf ihrem Heimweg verfolgt. Kurz bevor der Fremde in ihrem Rücken sie einholt, verschwindet sie spurlos. Gewöhnliche Menschen entwickeln außergewöhnliche Fähigkeiten und geraten dadurch nicht nur in die größte Versuchung ihres Lebens, sondern auch ins Visier eines globalen Verbrechersyndikats. Was ist es, das sie verbindet? Leiden sie unter einer neuartigen Krankheit? Oder besitzen sie eine Gabe?
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Veröffentlichungsjahr: 2018
– Erster Teil –
Der Ausbruch
Cork, Irland
Holz zerbarst krachend auf Stein. Ein abgebrochenes Stuhlbein rutschte klirrend über den Betonfußboden, während der Rest des Stuhls mit blinder Brutalität gegen die Wand geschmettert wurde. Glas klirrte und zerbrach, Fleisch und Knochen prallten aufeinander, dumpfes Stöhnen erfüllte den Raum. Die Luft schmeckte nach frischem Blut.
Ted Quinn kauerte unter einem Tisch, dessen Decke beinahe bis zum Boden reichte, presste die Augenlider zusammen und betete, dass niemand ihn bemerkte. Todesangst ließ ihn am ganzen Leib zittern, so sehr, dass er glaubte, man müsse es noch in mehreren Metern Entfernung hören können.
Er fragte sich, wo Steve war. Hatte er es geschafft, sich in Sicherheit zu bringen? Womöglich, flüsterte eine böse, kleine Stimme in seinem Hinterkopf, war Steve schon tot und er der Nächste.
Dann war ganz plötzlich alles still. Kein Krachen, Klatschen und Schreien mehr. Nur noch sein eigener, flacher Atem, der stoßweise und flatternd ging, sein rasendes Herzpochen, und seine ohrenbetäubend laut klappernden Zähne. Und Schuhe, die schwer über Beton schlurften.
Es klickte mehrmals: ein Feuerzeug. Jemand zündete sich eine Zigarette an. Der Rauchgeruch war so nah, dass er Ted umgehend in die Nase stieg. Irgendjemand stand noch, und er war ganz in der Nähe.
Ted öffnete die Augen. Unter dem verrutschten Tischtuch schien flackerndes, künstliches Licht hindurch. Offenbar war der Ausbruch jäher Gewalt an der Beleuchtung nicht spurlos vorübergegangen. Er glaubte, einen Schatten zu erkennen, der auf sein Versteck fiel, doch er konnte nicht sicher sein.
Nichts regte sich. Kein Laut, nur das kaum wahrnehmbare, stumme Inhalieren des Rauchers und das leise Scharren seiner sandigen Sohlen. Bitte, dachte Ted, bitte geh einfach weg! Er drängte sich fest mit dem Rücken an die Steinwand und umschlang die Knie mit den Armen.
Sekundenlang blieb es ruhig. Dann fiel ein Zigarettenstummel zu Boden und wurde achtlos ausgetreten. Und dann Schritte. Schritte, die sich entfernten. Der Mann ging!
„Danke“, murmelte Ted unhörbar, „danke Gott…!“
Und die Schritte verstummten. Er hielt den Atem an. War der Mann schon fort? War er in Sicherheit?
Nein: Die Schritte ertönten erneut, und diesmal kamen sie näher. Schnell näher.
Jeder Muskel in Teds Körper verkrampfte sich. Als der Tisch über seinem Kopf weggerissen und so heftig davongeschleudert wurde, dass die Tischplatte beim Aufprall in zwei Teile brach, rannen Tränen der Furcht aus seinen Augen.
Eine eiserne Faust packte ihn am Kragen und riss ihn empor, und ehe Ted wusste, wie ihm geschah, strampelten seine Füße wehrlos in der Luft, und er wurde mit dem Rücken an die Wand gerammt, dass es ihm den Atem aus den Lungen trieb.
„Bitte!“, platzte er panisch heraus. „Bitte tun Sie mir nichts! Ich bin nur… Ich weiß nicht, was…“
Der kahlköpfige Koloss vor ihm verzog keine Miene. „Ihr habt versucht, den Glenn zu verarschen.“ Er sprach mit osteuropäischem, vermutlich kaukasischem Akzent. „Niemand verarscht den Glenn!“
„Ich kenne keinen Glenn!“, versicherte Ted schnell, holprig und nicht sehr glaubwürdig. „Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen! Ich habe nicht…“
Eine Faust donnerte in die Wand neben Teds Kopf und ließ ihn verstummen. Putz bröckelte. Mühelos hielt der sicher zwei Meter hohe Riese Ted mit einer Hand in der Luft, während er sich von der anderen das Blut an der weit fallenden, grauen Arbeitshose abwischte. Blut, das nicht bloß vom Schlag gegen die Mauer stammte; größtenteils stammte es nicht einmal von ihm selbst.
„Lügen!“, sagte der Mann mit beängstigender Kälte.
Ted schluckte. „Hören Sie, warum sprechen wir nicht in Ruhe darüber? Sicher finden wir eine Lösung, die für beide Seiten akzeptabel ist…“
„Niemand“, schrie ihm der Kaukasier ohne Vorwarnung ins Gesicht, „verarscht den Glenn!“ Sein pockennarbiges Gesicht verzog sich zu einer Fratze von einem Grinsen. „Und lebt, um davon zu berichten.“
Ohne jegliche Wirkung wand sich Ted im Griff des Mannes, der ausschließlich aus Muskelmasse zu bestehen schien. Teds Finger krallten in die Hand, die ihn am Kragen festhielt, doch der Hüne schien es nicht einmal zu bemerken.
Mit jäh hereinbrechender Klarheit erkannte Ted seine Lage: Er war diesem Mann hilflos ausgeliefert. Er würde sterben, hier und jetzt. Vermutlich würde der Kerl ihm einfach den Schädel einschlagen und fortgehen, und wer wusste, ob man seine Leiche jemals finden würde? Was würden Elaine und die Kinder denken, wenn er einfach verschwand?
Sein Leben hing an einem seidenen Faden, und das einzige, woran er denken konnte, war nicht die Suche nach einem Ausweg, sondern daran, was er seiner Familie angetan hatte.
Die Zeit schien für einen Moment innezuhalten, damit er sich der Tragweite seines Handelns bewusst werden konnte. Zum ersten Mal nahm er die Verwüstung wahr, der der Kellerraum anheimgefallen war. Zerschlagene Möbel; Lampen, einfach aus der Decke gerissen; Trümmer aus Holz und Kunststoff; Spielkarten und Pokerchips, achtlos hingeworfen und begraben unter Schutt und Körpern; Blutflecken an den Wänden und auf dem Boden; und mindestens vier oder fünf regungslose Menschen, deren Gliedmaße in unnatürlichen Winkeln abstanden. Aus der Ferne glaubte er zu erkennen, dass einem von ihnen der Kopf fehlte.
Ein Hieb traf ihn hart in die Seite. Er keuchte und krümmte sich instinktiv, wollte um Hilfe rufen, bekam jedoch nicht mehr als ein Röcheln heraus.
Es hätte ihn ohnehin niemand gehört.
Tränen und Speichel tropften aus Teds schlaff herabhängendem Gesicht zu Boden. Auf einmal fühlte er sich unsagbar kraftlos, schaffte es nicht einmal mehr, dem anderen in die Augen zu sehen, starrte nur hinab auf den bulligen, nackten Oberkörper, steinharte Brustmuskeln über einem steinharten Herzen.
Elaine. Tu doch irgendwas!, sagte er sich. Für Elaine. Du kannst es ihr nicht antun, so zu sterben.
Und er versuchte es. Er biss die Zähne zusammen, hob die Arme und stemmte die Hände gegen den Brustkorb des Giganten. Versuchte, ihn wegzuschieben, legte all seine kümmerliche Kraft in diesen letzten, nutzlosen Versuch, und alles, was er damit erreichte, war ein trockenes, herablassendes Lachen. Der Riese lachte ihn aus für den lächerlichen Widerstand, den er ihm entgegenzusetzen vermochte, was Ted zugleich erzürnte und beschämte.
Heiße Tränen aus Wut und Verzweiflung krochen ihm aus den Augen, und er mahlte mit den Zähnen so sehr, dass sie knirschten, und mit letzter Willensstärke sah er auf in die Augen seines Mörders und versuchte noch einmal mit aller Macht, ihn von sich zu stoßen.
Der Mann lächelte nur kühl und schien sich zu amüsieren über die fruchtlosen Bemühungen seines Opfers.
Doch plötzlich, aus heiterem Himmel, gefror sein Lächeln zu Eis, und Ted fühlte den massiven Brustkorb nachgeben unter seinen Handflächen.
Der Riese sog scharf und rasselnd die Luft ein, und beide stürzten zu Boden.
Ted knickte bei der Landung mit dem Knöchel um. Ein stechender Schmerz schoss durch sein Bein, doch er achtete nicht darauf, stützte sich mit einer Hand an der Mauer ab und hastete voran, dem Ausgang entgegen. Neue Hoffnung flammte in ihm auf: Vielleicht schaffte er es, die Tür zu erreichen, ehe der Kaukasier sich aufrappelte und ihn einholte.
Er sah die Tür näher kommen, streckte den Arm der erlösenden Klinke entgegen, und noch immer hörte er niemanden hinter sich, spürte er keinen ihn hetzenden Atem im Nacken. Er stürzte die letzten Meter nach vorn, drückte die Klinke herunter und stieß die Tür auf, und als er hindurchrannte, warf er einen schnellen Blick zurück.
Schon halb aus dem Raum, hielt er inne.
Drehte sich um, schaute zurück. Der Mann, der ihn umbringen wollte, lag noch immer an Ort und Stelle und bewegte sich nicht. Vielleicht war er unglücklich mit dem Kopf angeschlagen und hatte das Bewusstsein verloren?
Aus irgendeinem absurden, angeborenen Instinkt heraus, der mit dem Selbsterhaltungstrieb beim besten Willen nichts zu tun haben konnte, ließ Ted die Türklinke los und trat zurück in den Keller. Ganz langsam und vorsichtig schritt er über das Schlachtfeld und ließ den Koloss dabei nicht aus den Augen, der auf der gegenüberliegenden Seite des Raums auf dem Rücken lag.
Es blieb dabei, er rührte sich nicht. Sprang nicht blitzartig auf, um ihn anzufallen. Schnellte nicht vor, um ihm zu packen und zu sich herabzuzerren. Selbst dann nicht, als Ted ein abgebrochenes Tischbein aufhob und ihm aus sicherer Entfernung in die Seite stach.
Im flackernden Licht der demolierten Lampen ging Ted um den Mann herum.
Als der Schreck ihm durch die Glieder jagte, fiel das Tischbein, das er als Waffe bei sich behalten hatte, klirrend zu Boden.
Der Riese war tot. In seinem Brustkorb klaffte deutlich sichtbar eine Kuhle: Die Rippen waren ihm mit stumpfer Gewaltanwendung eingedrückt worden.
Mit offenem Mund und leerem Verstand starrte Ted auf seine zitternden Hände. Erst nach einer Weile bemerkte er, dass er hysterisch kicherte.
Sydney, Australien
Drei Tage waren seit dem Ausbruch vergangen, und ebenso viele, seit Dr. Adam Maxwell zum letzten Mal geschlafen hatte. Auch heute Nacht war er der einzige, der im Labor des Royal Prince Alfred Hospitals arbeitete. Das grelle Licht der Neonröhren brannte in seinen geröteten Augen, bis sie tränten und er vom Okular des Mikroskops ablassen musste; er blinzelte, kniff die Lider zusammen, kniff sich in den Nasenrücken und unterdrückte ein Gähnen. Dann nahm er mit dem gleichen routinierten Griff, mit dem er mit seinen Untersuchungsinstrumenten hantierte, eine Dose Red Bull von einem metallenen Beistelltischchen, setzte sie an die Lippen und warf den Kopf in den Nacken.
Die Dose war leer. Er warf sie achtlos zu dem letzten Dutzend in Richtung des Papierkorbs. Getroffen hatte er schon seit gestern nicht mehr.
Als er gerade den nächsten Träger unter dem Mikroskop platzierte, wurde die Labortür mit solcher Wucht aufgestoßen, dass sie mit einem markerschütternden Knall gegen die Wand prallte. Ben, der Wachmann, mit seinen fünfunddreißig Jahren ungefähr genauso alt wie der Doktor, aber dabei drei- bis viermal so schwer, wuchtete sich herein, schwenkte seine Dienstwaffe quer durch den Raum und sondierte schwer atmend die Lage.
Adam sah nicht einmal auf. „Alles in Ordnung, Ben“, sagte er gelassen.
„Ich habe ein verdächtiges Geräusch gehört“, erklärte der Wachmann.
Wortlos, das juckende Auge noch am Okular, deutete Dr. Maxwell auf die halb zerdrückten Red-Bull-Dosen, die weiträumig den Kachelboden neben der Tür bedeckten. „Waren nur die Dosen.“
Davon allein ließ sich Ben nicht beruhigen. Erst, nachdem er einen forschenden Blick in alle Winkel und unter alle Tische geworfen hatte, steckte er die Pistole weg. „Ich dachte“, sagte er in einem Tonfall, der allzu offensichtlich versuchte, nicht wie eine Rechtfertigung zu klingen, „es wären vielleicht Einbrecher…“
„Ja“, murmelte Adam, „zum Glück haben sie sich dadurch verraten, dass sie ihre Getränkedosen nicht ordnungsgemäß entsorgt haben.“ Er sah nur auf, um eine Notiz auf einem Klemmbrett zu machen. Ohne den Wachmann anzuschauen, deutete er vage auf den Gang hinaus. „Sie sind da lang.“
Ben blinzelte und verharrte einige Sekunden lang im Versuch, den Witz zu begreifen. „Wollen Sie mich verarschen?“, lag ihm auf der Zunge, aber das war keine angemessene Frage für einen Wachmann (jedenfalls nicht für einen, der seinen Job behalten wollte), und so verzog er sich grußlos wieder hinaus auf den Korridor.
Adam bemerkte sein Verschwinden erst nach einigen Minuten, und nur deshalb, weil er ihn beauftragten wollte, ihm einen Kaffee zu holen.
Zwanzig Stunden später, die sich aus einer weiteren Nacht fruchtloser Forschungsarbeit und einem bedeutungslosen Arbeitstag zusammensetzten, befand sich Adam in seinem Mercedes und fluchte leidenschaftlich über den Berufsverkehr. Die Sonne stand bereits tief über den Dächern Sydneys, und es wehte ein frischer, böiger Wind über die langen Hauptstraßen. Adam trug auch im Auto einen Schal um den Hals und Lederhandschuhe an den Händen, was teilweise seinem Stilbewusstsein und teilweise dem sich ankündigenden Winter geschuldet war.
Im Radio liefen die Nachrichten: eine bunte Mischung aus Lokalem, Flugzeugunglücken, Terrorwarnungen und Rugby, alles gleichermaßen belanglos. Adam hörte sowieso nicht richtig hin. In Gedanken war er immer noch im Labor und brütete über Nicks Testergebnissen.
Eine Hand am Lenkrad, steuerte und hupte er sich durch den Feierabendverkehr in Richtung Westen, kratzte sich fahrig am ungepflegten Wangenbart, den abzurasieren er seit Tagen keine Zeit mehr gefunden hatte, und lutschte koffeinhaltige Bonbons mit dem Geschmack von gezuckertem Teer. Einmal wich er kurzerhand über die Gegenfahrbahn aus, um eine Lastwagenkolonne zu überholen, was ihm eine Zeitersparnis von mindestens fünf Minuten und ein halbes Dutzend aufrechte Mittelfinger einbrachte.
Als er Sydney verlassen hatte, wurden die Straßen leerer und seine Geschwindigkeit höher. Ohne auf Landschaft oder Tempolimits zu achten, nahm er Kurs auf die Blue Mountains und erreichte in einer neuen Rekordzeit das Örtchen Katoomba. Am Stadtrand lag eine Straße einfacher Steinbauten, die sich größtenteils noch im Bau befanden. Das war der Grund dafür, dass sie sich diese Gegend ausgesucht hatten.
Adam parkte den Wagen am Straßenrand und schloss die Tür zu seinem Haus auf. Auch jetzt behielt er Schal und Handschuhe an, denn die Heizung war noch nicht installiert.
„Hallo, Schatz“, begrüßte ihn Sarah mit leichtem Erstaunen im Gesicht. „Du bist daheim?“ Sie wischte die Hände an der Schürze ab und kam ihm entgegen, um ihn zu küssen.
Er ließ es geschehen, durchsuchte zerstreut seine Manteltaschen und fand schließlich einen durchsichtigen Plastikbeutel mit einzeln verschweißten Spritzen. „Ich brauche neue Proben“, erklärte er.
„Das Essen ist gleich fertig“, rief Sarah ihm nach, während er bereits an ihr vorbeieilte. „Ich habe nicht mit dir gerechnet, aber wenn du willst, könnte ich…“
Er hörte nicht mehr, was sie könnte, da er die Tür des Kinderzimmers hinter sich zuschlug. Es war ein provisorisches, kaltes Zimmer, das sie in aller Eile hergerichtet hatten. Das Gitterbett stand mitten im Raum, an dessen frisch verputzten Wänden die Farbe noch fehlte. In einer Ecke türmten sich mehrere Packungen Windeln, gegenüber von der Tür befanden sich eine Wickelkommode und ein nagelneuer Kinderwagen; aber es gab keine Regale für Puder, Fläschchen oder Rasseln, die deshalb in einer Reisetasche auf dem nackten Boden lagerten.
Der Umzug letzte Woche war zu spontan gekommen, um auf Annehmlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Andere Kriterien waren für die Wahl ihres neuen Heims ausschlaggebend gewesen. Abgeschiedenheit gehörte zu den wichtigsten.
Nick lag auf dem Rücken und lachte, als sein Vater hereinkam. Adam trat ans Bettchen heran und betrachtete das Baby aus müden Augen. Unter seinem Bart zeichnete sich ein erschöpftes Lächeln ab. „Hallo, kleiner Mann“, sagte er leise.
Zur Begrüßung kitzelte er seinen Sohn mit dem Zeigefinger am Bauch, worauf dieser sich kringelte und noch breiter strahlte. Heute schien er einen guten Tag zu haben. Wie um diese Vermutung zu überprüfen, ließ Adam von dem Kind ab und betrachtete die LED-Glühbirne, die schirmlos von der Decke baumelte, mit dem gleichen kritischen Blick, mit dem er sonst Röntgenbilder oder Laborberichte ansah. Der Finger, der eben noch einen Bauch gekitzelt hatte, tippte nun prüfend gegen die matt leuchtende Lampe.
„Tut mir leid, Kleiner“, wandte sich Adam dann wieder an den Jungen. „Ich brauche noch etwas Blut von dir.“ Mit einer geübten Handbewegung zog er eine der Spritzen aus ihrer Verpackung. „Wird fast gar nicht weh tun.“
Normalerweise ließ Nick die Blutabnahme stoisch über sich ergehen, doch an diesem Tag nicht. Sein Lächeln verwandelte sich in einen anklagenden Blick, kaum dass er die Nadel sah, und als Adam sie ansetzte, fing er zu schreien an, zu weinen und zu treten.
Die Glühbirne flackerte.
Adam hatte die Prozedur oft genug an anderen Kindern durchgeführt, um die Vene dennoch zu treffen, aber den eigenen Sohn festzuhalten, wenn der wie am Spieß schrie, war schwierig.
„Sarah!“, rief er, während die erste Spritze sich füllte. „Ich brauche mehr Licht!“
Seine Frau erschien in der Tür und brachte die alte Öllampe, die das Kinderzimmer in flackerndes, unstetes Licht tauchte.
„Halt ihn fest!“, wies Adam sie an, und sie trat näher und tat es. Aber als der Doktor die zweite Spritze herausholte, sah sie nicht hin und kniff die Lippen aufeinander.
„Alles gut, kleiner Mann“, sagte Adam über die Schreie hinweg, ohne die Stimme zu erheben. „Bin gleich fertig.“
Die Glühbirne erlosch, sprang wieder an und wurde erneut dunkel. „Die Lampe, Sarah!“, drängte Adam.
Seine Frau hielt die Öllampe näher an das Bettchen, aber der Lichtschein blieb unzureichend; Dr. Maxwell benötigte zwei Versuche, bis die Nadel traf. Der kleine Nick wand sich im festen Griff seiner Mutter. Tränen liefen ihm über die Wangen, und über Sarahs gleichermaßen. „Shhhh“, machte sie schluchzend, doch es beruhigte den Jungen nicht. Noch einmal stemmte er sich gegen ihre Hände und stieß einen spitzen Schrei aus.
Die Glühbirne knallte und wurde endgültig schwarz.
Ratekau, Deutschland
Endlich war sie mit Julian allein. Wie lange hatte sie diesen Abend herbeigesehnt: nur sie beide, der glitzernde Nachthimmel über und das rauschende, pechschwarz wirkende Meer vor ihnen. Sie saßen beieinander auf einem alten Badetuch und blickten aufs Wasser. Der Strand war menschenleer. Nur ein paar Möwen zogen kreischend ihre Bahnen oder pickten Eiswaffeln auf, die vom Tag geblieben waren. Sie waren allein.
Marie warf Julian unter ihren langen, mascarabetonten Wimpern einen selbstbewussten Blick zu und legte ihre Hand auf seine. Seine Haut fühlte sich rau an von der harten Arbeit bei seinem Ferienjob in der Gärtnerei, die Hand war sehnig und stark wie sein ganzer Körper, allzu gut zu erahnen unter seinem T-Shirt, das im Wind flatterte. Es war Sommer und trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit nicht kalt. Im Gegenteil.
Mit der anderen Hand nahm Marie eine Weintraube aus dem Picknickkorb und hielt sie einen Moment lang zwischen den vollen Lippen, ehe sie kaute. Wortlos hielt sie auch Julian eine Traube hin. Er aß sie aus ihrer Hand; sein Mund berührte flüchtig ihre Finger.
Julian lehnte sich zurück und stützte sich mit den Ellbogen im Sand ab. Marie sank ihm nach, lag nun halb auf ihm. Langsam ließ sie seine Hand los und strich über seine muskulösen Arme, ließ die andere Hand unter sein T-Shirt gleiten. Ihre blonde Mähne flatterte im Wind, als sie eines ihrer langen Beine über ihn schwang. Sie wusste, dass er ihren Oberkörper unter dem bauchfreien Top betrachtete, und sie konnte spüren, dass ihm gefiel, was er sah. Sie beugte sich zu ihm vor, und…
…und der verdammte Wecker klingelte so plötzlich und schrill, dass sie aus dem Bett fiel und sich den Kopf am Nachttisch stieß.
„Argh“, stöhnte Marie, „du verfluchtes Scheißteil!“ Sie hieb wüst nach dem Wecker, bis der scheppernd zu Boden stürzte und sein entnervendes Klingeln einstellte.
„Na, na, na!“, rügte sie ihr Vater, der von ihr unbemerkt die Tür geöffnet hatte. „Hüte deine Zunge, junge Dame!“ Er wackelte in einer albernen Geste mit dem Zeigefinger. „Und jetzt ab ins Bad mit dir!“
Marie brummte etwas Unverständliches, wartete, bis ihr Vater verschwunden war, und rammte den Wecker dann zurück auf den Nachttisch. Anschließend huschte sie ins Bad und unter die Dusche und versuchte, den Traum abzuwaschen.
Julian, der gut aussehende Typ aus ihrer Jahrgangsstufe… Sie hatte ihn ab und an aus der Ferne angeschmachtet, besuchte regelmäßig sein Facebook-Profil und hatte einmal bei einem Schulausflug im Bus neben ihm gesessen, weil er zu spät gekommen und kein anderer Platz mehr frei gewesen war (sie hatten die ganze Fahrt über kein Wort gewechselt). Näher waren sie sich nie gekommen. Umso überwältigter war Marie von ihrem Traum, und aus irgendeinem Grund auch umso beschämter. Sie lief rot an, wenn sie daran zurückdachte, obwohl das natürlich albern war – als ob irgendjemand ihren Traum hätte beobachten können!
Sie stieg aus der Dusche, trocknete sich ab und verharrte in der Bewegung, das Handtuch quer hinter dem Rücken gespannt. Der Badezimmerspiegel zeigte nur zu deutlich, warum der Traum immer ein Traum bleiben musste: die platte Nase, die schmalen Lippen, den viel zu großen Bauchumfang, die dicken Oberschenkel und die viel zu kleinen Brüste. Und ihre Haare waren zwar lang und blond, aber so dünn und strohig, dass niemand auf die Idee kommen konnte, sie als „Mähne“ zu bezeichnen.
„Scheißtraum!“, fluchte Marie, weil dieser ihr einmal mehr vor Augen geführt hatte, dass sie einfach nur eine fette, hässliche Kuh war, die nie einen Kerl wie Julian abbekommen würde.
In Wahrheit fand sie den Traum gar nicht scheiße. Was scheiße war, das war die Realität.
„In einem Traum“, philosophierte Marie, „ist immer alles perfekt. Der Sternenhimmel klar, keine Regenwolke weit und breit, der Strand verlassen…“
„Also ich hab heute Nacht von der Klassenarbeit bei Herrn Henschel geträumt. Da war wenig perfekt dran!“ Laura schüttelte sich demonstrativ. „Und von wem hast du geträumt, unter dem Sternenhimmel am Strand?“ Sie zwinkerte Marie schelmisch zu.
„Weiß nicht mehr“, antwortete Marie schnell und ließ sich hinter ihre Freundin zurückfallen, um ein Auto überholen zu lassen.
Danach trat sie in die Pedale, um wieder neben sie zu gelangen. Zum Glück hatte Laura ihre Frage bis dahin bereits vergessen, oder zumindest ersparte sie ihr weiteres Nachhaken. „Und hast du gelernt?“, fragte sie stattdessen.
Marie zuckte mit den Schultern. „Schon, ja. Du nicht?“
„Ich hatte es mir für gestern Nachmittag vorgenommen“, erwiderte Laura, „aber dann kam Bastian vorbei.“
Marie fragte nicht nach Details. Bastian und Laura waren seit ein paar Wochen wieder ein Paar. Marie hatte aufgehört, zu zählen, das wievielte Mal das inzwischen war. Meistens gerieten die beiden nach spätestens anderthalb Monaten in einen heftigen Streit, warfen sich Verwünschungen und Beleidigungen an den Kopf, sprachen tagelang nicht miteinander und kamen über kurz oder lang doch wieder zusammen. Wie zwei Magnete, dachte Marie manchmal, die sich über ihre Polung noch nicht ganz im Klaren waren.
Sie hielten an einer Ampel und stiegen von ihren Fahrrädern. Die Ampelschaltung war dorfweit berüchtigt dafür, dass man hier immer einige Minuten Wartezeit einplanen musste, und zwar egal, aus welcher Richtung man kam. Laura nutzte die Gelegenheit, um sich mit einem Haargummi ihren Pferdeschwanz neu zu binden, während Marie gedankenverloren an ihrer Klingel herumdrehte.
„Am Freitag steigt übrigens eine Party bei Bastian“, sagte Laura nach einer halben Minute (die Ampel war immer noch rot). „Nur eine kleine Feier unter Freunden. Du kannst auch kommen, wenn du magst.“
Marie wusste, dass Laura es gut meinte, aber diese „kleinen Feiern unter Freunden“ waren ihr schon immer ein Graus gewesen. Denn die Freunde von Laura und Bastian waren für sie weitgehend Fremde; sie teilte weder ihre Gesprächsthemen noch ihren Humor; und früher oder später übertrieb es irgendwer mit dem Alkohol und erbrach sich ins Gästeklo (oder, noch schlimmer, auf dem Weg dorthin). „Ach nein, danke“, antwortete sie deshalb. „Ich will Freitag an den Strand.“
„Okay“, machte Laura. Sie hatte mit nichts anderem als einer Absage gerechnet.
Endlich wurde es grün, und die Mädchen konnten ihren Schulweg fortsetzen.
Marie war, so weit sie sich zurückerinnern konnte, immer mit Laura zur Schule gefahren. Schon zu Grundschulzeiten war das so gewesen. Nun radelten sie täglich zweimal quer durch den Viertausend-Seelen-Ort zur César-Klein-Gesamtschule, wo sie seit diesem Schuljahr die gymnasiale Oberstufe besuchten: Laura mit dem Profilfach Erdkunde, Marie mit Schwerpunkt Musik. Sie spielte schon seit ihrem fünften Lebensjahr Flöte und hatte mal im Kirchenchor gesungen, bis sie ihren eigenen Musikgeschmack entwickelt und wenig Übereinstimmung mit dem kirchlichen Kanon gefunden hatte.
Sie stellten ihre Fahrräder ab und betraten das Backsteingebäude mit der bräunlichen Fassade durch den Haupteingang. Ausgetretene Zigarettenkippen zeugten davon, dass in der Nacht wieder heimlich auf dem Hof geraucht worden war.
„Achtung!“, schrie irgendwer. „Eine Stampeeeeeeede!“
Marie wusste auch ohne hinzusehen, wer „irgendwer“ war, und dass die Warnung vor einer in panischer Flucht alles niedertrampelnden Tierherde eine extrem subtile Anspielung auf Maries Körpergewicht darstellen sollte.
Das war das übliche Niveau von Katharina Sturm, für ihre Freunde auch Katja – wobei sie sehr deutlich zu machen pflegte, wen sie zu ihren Freunden zählte und wen nicht, und dass Marie todsicher nicht dazu gehörte. Katharina war eine mittelmäßige Schülerin, die aus unerfindlichen Gründen eine vollkommen wahnwitzige Popularität genoss. Sie trug immer die neuesten Markenklamotten, besaß immer das aktuellste iPad und bildete sich deshalb ein, eine Trendsetterin zu sein. Komischerweise schienen viele diesen Eindruck auch noch zu teilen. Wer mit ihr abhing, war per Definition cool. Jeden Samstag ging sie feiern in irgendwelche Dorfdiskotheken, und jeden Montagmorgen wusste bereits die ganze Schule, wen sie dort getroffen hatte, mit wem sie gesehen worden war, wie viel sie getrunken hatte und wann sie nach Hause gekommen war, und ob überhaupt, und mit wem. Sie gehörte zu den ersten, die mit dem Rauchen angefangen hatten, zu den ersten, die einen Push-up-BH trugen, und zu den ersten, die einen Tampon benutzten; und dass diese intimen Details öffentlich bekannt waren, wäre zwar bei jeder anderen unsagbar peinlich gewesen, bei Katharina hingegen offensichtlich Anlass für Bewunderung. Katharina war frech, teilweise unverschämt, sogar Lehrern gegenüber, störte den Unterricht, machte sich einen Spaß daraus, sexuelle Anspielungen quer durch das Klassenzimmer zu brüllen, und jeder Eintrag ins Klassenbuch, jede Rüge und jede Eskapade schien sie bloß noch beliebter zu machen.
Für jede Schülerin, die hart arbeitete und die Regeln befolgte und nur die Schulzeit irgendwie zu überstehen versuchte, bot Katharina somit mehr als genug Gründe, sie zu hassen.
Aber Marie war nicht „jede Schülerin“. Marie war ihr Lieblingsopfer.
„He, Marie!“, rief sie von der Treppe zum Obergeschoss aus, wo sie umringt von ihrem Hofstaat auf dem Handlauf saß, was der Hausmeister gerade erst gestern wieder unter Androhung drastischster Strafen verboten hatte. „Zum Porzellanladen geht’s da lang!“ Sie lachte ihr dreckiges, zu lautes Lachen, das Marie immer an das Grunzen eines Schweins im Schlachthaus erinnerte.
„Achte nicht auf sie!“, raunte ihr Laura beruhigend zu.
Der Tipp war denkbar unnötig, schließlich hatte Marie kaum eine Alternative, als Katharinas dumme Sprüche wie immer geflissentlich zu überhören, sie mit Missachtung zu strafen und so zu tun, als fechte sie das alles gar nicht an.
Die Wege der Freundinnen trennten sich mit einem flüchtigen Zuwinken, und Marie steuerte einen Klassenraum im erst vor einigen Jahren errichteten Neubau an, der zum Glück in der entgegengesetzten Richtung von dem durch das Schul-Lästermaul besetzten Aufgang lag.
Marie schluckte ihren Ärger hinunter, wie sie es immer tat, ballte die Fäuste und blendete das Gelächter in ihrem Rücken und die abfälligen Kommentare über ihren Hintern aus, so gut es eben ging.
Stattdessen versuchte sie, sich auf den bevorstehenden Unterricht zu konzentrieren. Die Doppelstunde Mathe gleich zu Tagesbeginn wurde von den meisten als bewusste Quälerei der Stundenplanmacher angesehen; Marie fand sie hingegen gar nicht mal so schlimm, weil sie mit Frau Grant, ihrer Lehrerin, gut zurechtkam und der Stoff ihr leicht genug fiel, um auch ohne größere Anstrengung eine solide Drei zu sichern. Außerdem, aber das war nur ein Randaspekt, besuchte Julian denselben Kurs.
Die Veränderung in Julians Verhalten fiel Marie erstmals während der zweiten Stunde auf.
Frau Grant war eine Verfechterin des guten, alten Frontalunterrichts, weshalb die Tische in Reihen aufgestellt und auf die Tafel ausgerichtet waren, die die Lehrerin im Akkord vollschrieb, wischte und von vorne begann. Übungsaufgaben waren eine beinahe erholsame Pause, in der man das vom Mitschreiben schmerzende Handgelenk schonte und den Verstand für ein paar Minuten herunterfuhr, bevor die nächsten Heftseiten mit übertragenem Tafelwerk gefüllt wurden. Julian saß schräg vor Marie, eine Reihe weiter vorn, neben seinem Kumpel Dennis, der Attitüde, Lebenseinstellung und Mundwerk eines Klassenclowns besaß, aber leider nicht den notwendigen Humor.
Neben dem etwas zu klein geratenen Dennis wirkte Julian noch größer und stattlicher. Wobei Marie, zugegebenermaßen, auch sein Äußeres im Traum idealisiert hatte. Er war eher sehnig als muskulös, die Schultern schmal, seine Statur insgesamt ein wenig schlaksig. Trotzdem ließ allein der Anblick des dunklen Wuschelkopfs das Blut in ihre Wangen schießen, und sie war zum ersten Mal ganz froh darüber, dass während Frau Grants Phasen manischer Schreibwut keine Zeit blieb, um mit den Gedanken abzudriften.
Aber irgendwann, während alle einzig und allein damit beschäftigt waren, sich von Frau Grant nicht abhängen zu lassen und mit dem Abschreiben fertig zu sein, ehe alles weggewischt wurde, bemerkte Marie, wie Julian ihr über die Schulter einen Blick zuwarf.
Sie war so verblüfft, dass sie ihn erstaunt erwiderte.
Julian sah sofort weg.
Es war kein charmanter, flirtender Blick gewesen, mit dem er sie bedacht hatte (natürlich nicht!), sondern vielmehr ein nervöser, angespannter, fast ängstlicher. Als fürchtete Julian, sie könnte ihn jeden Moment von hinten mit irgendetwas bewerfen.
Als es am Ende der Doppelstunde zur großen Pause klingelte, packte Julian eilig seine Sachen und stürmte als erster aus dem Klassenraum. Marie bemerkte sehr wohl, dass er sich an der Tür noch einmal umsah und sie anschaute. Wieder: nervös, wie auf der Flucht.
Laura hatte einmal gesagt, man könnte einem Menschen den ersten Sex ansehen. Konnte Julian womöglich Marie ansehen, was letzte Nacht in ihrem Kopf geschehen war? War es Abscheu, die ihn forttrieb und davonrennen ließ? Die Sorge vor einer (un-)heimlichen Verehrerin, einer Stalkerin, die er auf keinen Fall ermutigen wollte?
Doch woher hätte er von ihrem Traum wissen sollen? Schließlich hatte sie keiner Menschenseele davon erzählt.
Wahrscheinlich bildete sie sich das alles nur ein oder maß Julians Reaktionen zu viel Gewicht bei. Wahrscheinlich hatte sein Verhalten gar nichts mit ihr zu tun, und wahrscheinlich war sie nach der vergangenen Nacht bloß übertrieben sensibilisiert für alles, was er tat.
Auf dem Weg zum Chemieunterricht wiederholte sie diese Beteuerungen in Gedanken immer wieder. Denn er konnte schließlich nichts wissen von ihrem Traum. Das war völlig unmöglich.
Cork, Irland
Ted wusste nicht, wie viel Zeit verstrich, während er wie gelähmt herumstand, unfähig, irgendetwas von dem zu begreifen, was ihm widerfahren war. Er kam sich vor wie in einem Traum, einem furchtbaren Albtraum, und eine Ewigkeit lang wartete er einfach nur darauf, dass er endlich aufwachte.
Er wachte nicht auf. Würde nie wieder aufwachen können.
Wie um alles in der Welt war ausgerechnet er nur in diese Lage geraten?
Plastikchips knirschten unter Teds Schuhen, als er unruhig seine Position veränderte. Vor wenigen Augenblicken war hier noch illegales Glücksspiel betrieben worden. Poker, Black Jack und Craps; und Teds Monatsgehalt als Angestellter im telefonischen Kundenservice einer lokalen Bank hätte nicht einmal für den Mindesteinsatz gereicht. Aber Steve hatte irgendwelche Connections aufgetan, die ihm den Zutritt zu dieser privaten Spielhölle ermöglichten, und irgendwie genügend Geld aufgetrieben, um mitzuspielen.
Jetzt waren von den Spieltischen nur noch hölzerne Überreste geblieben. Scherben von Trinkgläsern und den bauchigen Flaschen von Spirituosen lagen wie Granatsplitter überall verteilt. Der Geruch von Blut war allgegenwärtig, obgleich nur hier und da rote Flecken auf dem kalten Beton zu sehen waren.
Und von Steve… o Gott, was war überhaupt von Steve übriggeblieben?
Eine Erinnerung schoss Ted durch den Kopf: Steve und er, wie sie die lange, wenig einladende Kellertreppe hinabgingen, die von einem unscheinbaren Nachtclub zu dem geheimen, privaten Casino hinabführte. „Das wird ein Kinderspiel“, hatte sein Cousin behauptet. „Wir haben das lange genug geübt. Du bist gut.“ Und er hatte ihm gegen den Oberarm geboxt und gegrinst: „Wird schon schiefgehen.“
Ted atmete tief ein und hatte das Gefühl, als setze sich ein metallischer Belag auf seinen Lungen ab. Alles in ihm sträubte sich dagegen, sich mit der Verwüstung um ihn herum auseinanderzusetzen und damit einzugestehen, dass sie real war, ein Bestandteil seines eben noch heilen, vernünftigen, gewöhnlichen Lebens – doch er hatte keine Wahl. Er musste doch zumindest herausfinden, ob Steve noch am Leben war!
Es kostete Ted unendlich viel Überwindung, sich den Leichen auch nur zuzuwenden. Es waren geschundene, brutal zertrümmerte Körper, die aussahen, als hätte man sie mit schwerem Werkzeug bearbeitet, sie mit einem Vorschlaghammer traktiert. Doch es war kein Hammer gewesen, sondern die Faust des Riesen, der nun ebenfalls tot am Boden lag, sein Leib mit der gleichen brachialen Gewalt zerschlagen wie die anderen.
Teds Gedanken rasten, während er von einer Leiche zur nächsten schritt und sich zwang, ihnen ins Gesicht zu sehen.
Steve war nicht unter ihnen, das war die gute Nachricht. Trotzdem fühlte Ted sich kaum erleichtert, zu beklemmend war der Brechreiz erregende Anblick, und zu ernst seine eigene Lage. Immerhin hatte auch er einen Menschen ermordet! In Notwehr zwar, doch wer würde ihm das glauben?
Ted ahnte, wie das hier aussehen musste: sechs Leichen, alle auf dieselbe, barbarische Art zugerichtet. Mit einem schweren, stumpfen Gegenstand, würde man vermuten. Dass eines der Opfer in Wahrheit der Täter war, würde niemandem in den Sinn kommen. Sechs Tote, und Teds Fingerabdrücke an Stühlen, Tischen, Karten, Chips… und auf dem eingedrückten Brustkorb des Hünen. Wie sollte er das der Polizei erklären? Wie sollte er irgendjemandem erklären, dass er in Notwehr einem Mann, der zwei Köpfe größer war als er und nur aus Muskeln zu bestehen schien, mit bloßen Händen den Brustkorb zerquetscht hatte? Er konnte sich ja nicht einmal selbst erklären, wie das möglich war.
Vor seinem geistigen Auge sah er sich in Handschellen, verhaftet und abgeführt aus seinem eigenen Haus. Allzu leicht würden sie die Wahrheit aus ihm herauspressen: dass er hergekommen war, um zu betrügen, um Karten zu zählen und das Haus und andere Spieler um ihr Geld zu bringen. Das würden sie ihm glauben, bloß den Rest der Wahrheit nicht. Wie viel wahrscheinlicher musste es ihnen erscheinen, dass er erwischt worden war, dass vielleicht irgendjemand handgreiflich geworden war, und dass er daraufhin einfach alle umgebracht hatte. Vielleicht war das für Ted sogar von vornherein Plan B gewesen für den Fall, dass er mit seinen Betrügereien nicht durchkam.
Ted bemerkte, dass er schon wieder am ganzen Körper zitterte. Er musste irgendetwas tun, musste die Beweise vernichten, die alles bewiesen außer der Wahrheit. Kurzentschlossen trat er auf die Leiche des Riesen zu, schob seine Arme unter die Achseln des Toten und zog ihn quer durch den Raum. Es fiel ihm erstaunlich leicht, als wöge der Koloss überhaupt nichts. Es klirrte und knackte, während er ihn durch Splitter und Schutt schleifte, erst einmal nur fort von der Stelle, wo ihn jeder finden musste, um ihn irgendwo zu verstecken; da ertönte plötzlich ein weiteres Geräusch: ein schrilles Zwitschern, das sich monoton wiederholte.
Ein Handy!
Ted ließ den Osteuropäer los und tastete dessen Hosentaschen ab, bis er das Mobiltelefon fand, ein uraltes, verschrammtes Nokia zum Aufklappen. Es klingelte noch immer, und auf dem Display stand: „Eingehender Anruf: Glenn“.
„Ihr habt versucht“, hatte der Mann gesagt, „den Glenn zu verarschen.“ Wie gebannt starrte Ted auf das Handy, bis es endlich verstummte und einen verpassten Anruf anzeigte. Wer auch immer Glenn war: Er hatte diesen Killer geschickt, und er war noch da draußen!
Das Telefon glitt aus seinen bebenden Finger und zerschellte auf dem Betonboden.
Einen Moment lang gab sich Ted dem Gefühl grenzenloser Überforderung hin, ließ sich von der Verzweiflung übermannen und davonspülen. „Scheiße!“, keuchte er und fuhr sich mit der Hand durch das schütter werdende Haar. „Scheiße!“ Und er trat mit solcher Wucht gegen die Wand, dass ein Stück herausbrach.
Erschrocken hielt Ted inne und sah seinen Fuß an, als entdecke er diesen Körperteil zum ersten Mal. Er zögerte, griff dann nach dem dreckigen Klotz aus Stein, Mörtel und Erde, der eben noch Teil der Wand gewesen war, hob ihn mit Leichtigkeit auf und rammte ihn gegen die Mauer. Stein bröselte und spritzte, und die Mauer gab nach.
Ted hatte keine Ahnung, was hier passierte. Irgendetwas hatte Kräfte in ihm geweckt, die verblüffend und beängstigend zugleich waren. Er konnte sich ihren Ursprung nicht erklären, doch hier und jetzt waren sie vielleicht seine Rettung.
Mit prüfenden Blicken maß er Wände und Decke und versuchte abzuschätzen, wie viel Gewalt notwendig war, um den Kellerraum einstürzen zu lassen.
Maracaibo, Venezuela
In den Fünf-Uhr-Nachrichten brachten sie es erneut. „In der irischen Stadt Cork“, las der Sprecher gelangweilt vor, „kam es heute zum Einsturz eines Nachtclubs. Die Unglücksursache ist noch unklar. Die Anzahl der Todesopfer wird derzeit auf fünf beziffert. Die Suche nach Überlebenden dauert zur Stunde noch an.“
„Corcaigh“, murmelte Isabel und vollendete die Rohzeichnung der Sonnenblume. „Immer sagen sie es falsch. Corcaigh.“ Sie hielt inne, legte den Kopf schief, schaute mehrmals von der Bleistiftzeichnung zur Zierpflanze und zurück und fuhr schließlich großflächig mit einem Radiergummi über das Papier.
„Mama?“, sagte jemand. Die Wohnungstür fiel ins Schloss, ein Schlüssel klirrte, als er achtlos auf die Garderobe geworfen wurde, und Luis umarmte sie flüchtig von hinten. „Ich bin zu Hause“, erklärte er überflüssigerweise.
Isabel radierte weiter. Es waren noch falsche Striche übrig.
„Warum radierst du das weg?“, fragte Luis. „Sieht doch gut aus.“
Isabel ließ sich von seinem Einwurf nicht beirren. Sie radierte, wischte die Radiergummikrümel beiseite, strich das Papier glatt und radierte erneut. „Nein“, widersprach sie beiläufig. „Nein, es ist…“ Sie verzog den Mund und konzentrierte sich aufs Radieren.
„Soll ich dir ein neues Blatt holen?“, bot Luis an. Er stand auf und reichte ihr eines, ohne auf eine Antwort zu warten.
Isabel zögerte, warf noch einen letzten, zweifelnden Blick auf die vier Linien, die von ihrem letzten Zeichenversuch geblieben waren, und griff dann nach dem leeren Papier, das ihr Sohn ihr entgegenhielt. Luis legte die fast fertige und dann fast vollständig ausgelöschte Zeichnung auf den Stapel zu den anderen.
Die Nachrichten endeten mit dem Wetterbericht für morgen (trocken und über dreißig Grad, wie eigentlich an jedem Tag), und Luis schaltete das Radio aus. In der minimalistischen Kochnische der Wohnung bereitete er auf zwei elektrischen Kochplatten Nudeln mit Soße zu. Meistens schaffte es seine Mutter, zu kochen, aber er wusste, sie konnte ihre derzeitige Tätigkeit nicht einfach unterbrechen, sondern musste so lange weitermachen, bis die Zeichnung fertig war und, was ein noch größeres Problem darstellte, ihren hohen Ansprüchen genügte.
„Gibt es was Neues aus der Welt, Mama?“, fragte Luis, während er das Wasser aufstellte.
„Aus Corcaigh“, erwiderte Isabel. Sie bewegte den Bleistift mit größter Präzision, sah alle paar Millimeter auf und betrachtete ausgiebig das Originalmotiv auf der Fensterbank. „Eine Stadt in der irischen Provinz Munster, 120.000 Einwohner, 40 Quadratkilometer, europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2005, Europasitz der Firma Apple, Geburtsstadt von…“
„Was“, unterbrach Luis sie sanft, „sagen sie denn in den Nachrichten über Corcaigh?“ Anders als seine Mutter tat er sich mit der Aussprache des Stadtnamens schwer. Zum Glück ließ sie es ihm durchgehen und verzichtete darauf, ihn zu korrigieren.
„Cork“, antwortete sie stattdessen. „Sie sagen Cork. Immer wieder. Dabei lautet der korrekte irische Name Corcaigh.“
„Okay“, erwiderte Luis, „aber was ist denn jetzt passiert in diesem Ort, wie auch immer man ihn nennt?“
Isabel hörte auf zu zeichnen, sah ihn über die Schulter an und blinzelte mehrmals. Für Außenstehende musste es wirken, als habe sie dem Nachrichtensprecher nicht richtig zugehört und versuche nun mühsam, sich an Einzelheiten zu erinnern. Luis hingegen stellte sich in Momenten wie diesem einen Kassettenrekorder vor, der das Band zurückspulte.
„In der irischen Stadt Cork“, sagte Isabel schließlich, „kam es heute zum Einsturz eines Nachtclubs. Die Unglücksursache ist noch unklar. Die Anzahl der Todesopfer wird derzeit auf fünf beziffert. Die Suche nach Überlebenden dauert zur Stunde noch an.“ Sie zögerte, überlegte kurz, ob sie alles zutreffend wiedergegeben hatte, nickte dann zufrieden und fuhr mit der Zeichnung fort.
Als die Nudeln kochten, setzte sich Luis zu ihr an den alten Esstisch aus Massivholz, den sie von Oma geerbt hatten, begann mit seinen Hausaufgaben und beobachtete seine Mutter immer wieder aus dem Augenwinkel heraus. Sie hatte den Radiergummi schon wieder zur Hand genommen.
„Soll ich nach dem Essen noch mit dir zur Therapie fahren?“, fragte Luis.
Isabel sah nicht von ihrer Arbeit auf. Sie betrachtete ihr Werk von links und rechts und verglich es mit dem Original. „Nein, nein“, sagte sie in geistesabwesendem Tonfall. „Danke, das ist… nicht nötig.“ Ihre Stimme verlor sich zu einem Flüstern. Sie starrte das Blatt an und hob drohend den Radiergummi.
Sanft nahm Luis ihr beides weg und stellte einen Teller dampfender Spagetti vor ihr ab. „Bitte schön.“
Beim Essen versuchte Luis, von der Schule zu berichten, merkte jedoch schnell, dass Isabel ihm nicht zuhörte. Sie guckte die Sonnenblume an, drehte ihre Nudeln und aß wortlos, und als ein Spritzer Soße auf der Tischplatte landete, stieß sie einen spitzen Schrei aus, griff panisch nach dem erstbesten, was sie fand, und wischte die Soße gründlich mit einer ihrer Zeichnungen weg.
Der Bus hatte aufgrund des Feierabendverkehrs sieben Minuten und dreizehn Sekunden Verspätung. Dennoch kam Isabel einige Minuten zu früh. Geduldig wartete sie vor der Praxistür, ihre jeden Morgen exakt gestellte Taschenuhr stets im Blick, und trat erst Punkt sieben Uhr ein.
„Señora Suarez“, grüßte die Sprechstundenhilfe halbherzig. Sie schaute kaum von ihrer Illustrierten auf. „Gehen Sie ruhig gleich rein.“
„Danke“, erwiderte Isabel, durchschritt das winzige Vorzimmer und gelangte in den Behandlungsraum, einen zehn Quadratmeter kleinen, fensterlosen Raum mit Wänden und Möbeln aus dunklem Holz, das wie kostbares Edelholz aussehen sollte, tatsächlich aber bloß dunkel angemalt war. Neben einem Bücherregal mit gebundener Fachliteratur standen zwei abgenutzte Ledersessel. Im einen saß Dr. Perron, im anderen nahm Isabel Platz, nachdem sie sorgsam die Tür hinter sich geschlossen hatte.
„Guten Abend, Isabel“, sagte Dr. Perron mit seiner tiefen, sonoren Stimme. Er trug das ergrauende Haar schulterlang, und die schmalen, schwarz umrandeten Brillengläser auf der spitzen Nase verliehen ihm den akademischen Ausdruck, den man von einem Psychotherapeuten erwartete. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und ein Notizbüchlein in seinen Schoß gelegt. „Nun“, fragte er höflich, „wie geht es Ihnen?“
Isabel dachte darüber nach. „Gut, denke ich“, antwortete sie langsam und nickte sich selbst zu. „Ja, ich denke gut.“ Sie zögerte. „Ich glaube, das kann man sagen.“
„Schön“, sagte Dr. Perron. Mit dem Füllfederhalter in seiner Hand deutete er auf die Stofftasche, die Isabel in der Hand trug. „Sie haben etwas mitgebracht, wie ich sehe.“
„Die, ähm, die Wochenaufgabe, Doktor.“ Etwas beschämt reichte Isabel ihm die Tasche.
Dr. Perron hob die dichten Augenbrauen. Anstatt in die Tasche sah er in Isabels Gesicht. „Sie meinen die Zeichnung, zu der ich Ihnen geraten habe, um sich zu entspannen?“
Isabel hob unbestimmt die Schultern.
Perron warf ihr einen weiteren, langen Blick zu und zog dann einen Stapel von gut hundert Blatt Papier aus der Stofftasche. Er schaute die ersten Seiten durch, betrachtete die vielen halb ausradierten Bilder einer Sonnenblume und ließ nach den ersten zehn Blättern die restlichen nur noch grob durch die Finger gleiten.
„Es… es wollte mir nicht gelingen“, rechtfertigte sich Isabel. „Es war nie gut genug.“
„Es geht nicht darum, ob es gut ist“, erwiderte Perron nüchtern. „Es ist eine Entspannungsübung.“ Er hob erneut die Brauen, wedelte mit dem Stapel Papier und fragte: „Und, haben Sie sich entspannt?“
Isabel druckste herum und wand sich im Sessel, ehe sie, die Hände in die Lehnen verkrallt, zugab: „Nein. Nein.“ Sie starrte zur Seite wie durch ein Fenster, obwohl da keines war. „Manchmal habe ich nachts wach gelegen und überlegt, was ich falsch mache.“
„Isabel!“, sagte der Doktor mahnend. „Das war aber nicht Sinn der Sache.“
Isabel kniff die Lippen zusammen und sagte nichts. In Momenten wie diesem war ihr zum Heulen zumute; sie wollte sich entschuldigen und rechtfertigen und um Verzeihung bitten, und gleichzeitig wusste sie nicht, wofür genau.
Mir irritiertem Gesichtsausdruck zog Dr. Perron eine der Zeichnungen heraus, die einen großen roten Fleck aufwies. „Was ist das?“
„Tomatensoße“, erwiderte Isabel kleinlaut. „Sie ist auf den Tisch gespritzt, und ich habe mir nicht anders zu helfen gewusst, als sie mit dem Erstbesten wegzuwischen, was ich in die Finger bekam.“
Der Arzt seufzte. „Sie sind ein schwieriger Fall, Isabel.“
Isabel schluckte schwer, sagte aber nichts.
Perron wartete noch einige Sekunden auf eine Reaktion, und als die ausblieb, legte er die Zeichnungen beiseite, schrieb etwas in sein Notizbuch und fragte professionell: „Auf einer Skala von 1 bis 10, wenn 5 Ihr Gemütszustand vor einer Woche ist, wie fühlen Sie sich heute?“
Isabel befeuchtete die Lippen und blinzelte. Sie dachte so sorgfältig über die Frage nach, als könne sie ihre Gefühle damals und heute auf eine Waage legen und ihre Gewichte miteinander vergleichen. „Nun“, sagte sie langsam, „ich denke, eine Sech… also, vielleicht… Nein. Nein, eine Fünf. Es ist eine Fünf.“ Niedergeschlagen von der eigenen Stagnation ließ Isabel den Kopf auf die Brust sinken.
Vorsichtig beugte Dr. Perron sich vor und legte ihr die Hand aufs Knie. „Keine Sorge, Isabel“, sagte er ruhig und mit der Monotonie einstudierter Fürsorge, „wir bekommen das schon hin.“ Aber Isabel wusste, dass ihm nach über einem Jahr genauso wenig Zuversicht geblieben war wie ihr.
Als Isabel die Praxis verließ, war es noch taghell, die Innenstadt von Maracaibo bevölkert von fremdländischen Geschäftsleuten mit Sonnenbrillen und Hüten, die Hitze und Sonnenlicht abhalten sollten, alten, klapprigen Autos und vermeintlich herrenlosen Hunden. Die Luft hatte sich von fast vierzig auf gut dreißig Grad abgekühlt, doch der Asphalt glühte noch nach. Maracaibo machte seinem Ruf als heißeste Stadt Venezuelas alle Ehre.
Ganz von selbst trugen Isabels Füße sie zu einem kleinen Gemüseladen zwei Blocks entfernt. Eigentlich hatte sie genügend Vorräte daheim, doch der wöchentliche Einkauf gehörte zum Ritual, dem sie sich nicht widersetzen konnte. Außerdem mochte sie die Besitzerin, eine rüstige Grauhaarige um die siebzig, mit faltiger, sonnengedörrter Haut und einem festen, resoluten Händedruck, der zu ihrem Auftreten passte. Isabel gefiel die Selbstsicherheit, mit der sie Waren und Kunden behandelte, das Gottvertrauen, mit dem sie ihr Leben bestritt, und dass sie kein Wort mehr sagte als nötig.
Der Einkauf dauerte länger als sonst, weil nur noch vier Tomaten da waren. Isabel kaufte immer sechs Tomaten. Zum Glück ließ sich die Verkäuferin überreden, ihr zwei Stück zu verkaufen, die eigentlich durch die strenge Qualitätskontrolle gefallen und aussortiert worden waren. An einigen Stellen waren sie schwarz angelaufen; dennoch wehrte Isabel jeden Versuch der Verkäuferin ab, ihr das Gemüse günstiger zu überlassen. Sie hatte das Geld schließlich passend, hatte es am Morgen extra abgezählt.
Der Bus, mit dem sie heimfuhr, war zunächst gut gefüllt mit Pendlern, Haushälterinnen und Jugendlichen auf dem Weg nach Hause sowie einigen Touristen, leerte sich allerdings rasch, je weiter sie sich vom Stadtzentrum und dem Hafen entfernten. Isabel lebte mit Luis am Stadtrand, in einer durchaus respektablen Zweizimmerwohnung, die sie von ihren Eltern geerbt hatte. Im Vergleich zu vielen anderen Menschen hatten sie es nicht schlecht, aber natürlich konnte sie ihrem Sohn nicht die teure Ausbildung bieten, die er verdient gehabt hätte.
Derart in Gedanken versunken, sah Isabel aus dem Fenster, wo die Sonne bereits golden hinter den Hochhäusern stand, kratzte sich mit dem rechten Daumennagel in der linken Handfläche, wie sie es oftmals tat, wenn etwas sie bedrückte, an dem sie doch nichts ändern konnte, und bemerkte den auffällig unauffälligen schwarzen Van auf der Fahrspur neben ihnen erst, als er abrupt zur Seite zog und den Bus rammte.
Es knallte, Isabel wurde nach vorn geschleudert und prallte mit der Stirn auf die Kopfstütze des Sitzplatzes vor ihr. Instinktiv versuchte sie, sich irgendwo festzuhalten, stieß dabei jedoch nur die Papiertüte mit ihren Einkäufen um. Halb auf dem Sitz, halb auf dem Fußboden hängend, beobachtete sie, wie eine Tomate quer über den Gang kullerte, bis schwere Stiefel sie achtlos zerquetschten. Isabel war schwindelig, alles in ihrem Gesichtsfeld verschwommen, und etwas Feuchtes und Warmes quoll aus ihrer Stirn. Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, sah sie nach oben, über die Stiefel und den schwarzen Overall hinweg in ein Gesicht, das von einer ebenfalls schwarzen Strumpfmaske bedeckt war. Durch zwei hineingeschnittene Löcher blickten eisblaue Augen im Bus umher auf der Suche nach Widerstand.
„Du!“, schrie der Mann, hob eine Maschinenpistole und stürmte auf jemanden zu, der sich irgendwo weiter hinten im Bus gerade aufzurappeln versuchte. „Liegen bleiben! Gesicht zum Boden!“
Isabels Verstand weigerte sich, zu begreifen, was gerade geschah. Alles drehte sich, und rote Flüssigkeit tropfte von ihrer Stirn auf ihren Ärmel. Ihr Kopf tat weh.
„Liegen bleiben, habe ich gesagt!“, donnerte irgendwer.
Als die Welt um sie herum schwarz wurde und sie in die Bewusstlosigkeit sank, glaubte sie, ganz in ihrer Nähe Schüsse zu hören.
Sydney, Australien
Die meisten Laborangestellten befanden sich gerade in ihrer Mittagspause. Janet Levine, frisch von der Universität und noch der Illusion verfallen, irgendjemand würde es merken, wenn sie Überstunden schob, analysierte Blutproben potenzieller Organspender und notierte die Ergebnisse eifrig auf Karteikärtchen. Sie war der einzige Störfaktor in ansonsten perfekten Forschungsbedingungen.
Das hieß, bis Charles Seymour hereinpolterte. „Adam!“, rief er quer durch den Raum, kaum dass er die Tür passiert hatte.
Adam Maxwell entnahm ein Reagenzglas aus der Zentrifuge, hielt es gegen das Licht und betrachtete den Inhalt eingehend. Mit der freien Hand kritzelte er etwas Kryptisches auf einen Block, das beim besten Willen nicht als Notiz durchgehen konnte, danach zog er die von einem Gummiband gehaltene Schutzbrille von seiner Stirn über die Augen, prüfte den Sitz und wandte sich dem Mikroskop zu.
Charles war daran gewöhnt, dass Adam seine Anwesenheit ignorierte, solange es irgend möglich war. Er hätte es ihm gewiss übel nehmen können, tat es aber nicht, weil er wusste, dass sein Kollege mit jedem so umging.
Dr. Charles Seymour war groß gewachsen und das, was gemeinhin als gutaussehend bezeichnet wurde. Seine karamellfarbene Haut, braun halb von Abstammung und halb vom Sonnenstudio, bildete einen auffälligen Kontrast zum klinisch weißen Arztkittel und den makellosen Zähnen. Mit seinen fast zwei Metern Körpergröße überragte er Adam um beinahe zwanzig Zentimeter, selbst wenn dieser aufrecht stand und sich gerade nicht über eine Petrischale beugte (was selten genug vorkam).
„Adam!“, versuchte er noch einmal, wenigstens einen Teil der Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Ich muss mit dir reden. Können wir kurz nach nebenan gehen?“ Mit einer Bewegung des kahl rasierten Kopfes deutete er in Richtung des Nebenraums, in dem Drucker, Aktenschränke und die Kaffeemaschine untergebracht waren.
Noch immer sah sich Adam nicht genötigt, seine Arbeit zu unterbrechen. Immerhin bemerkte er beiläufig: „Ich wüsste nicht, inwieweit deine Fähigkeit, mit mir zu reden, von unserem Aufenthaltsort abhängig sein sollte. Es sei denn, es hat etwas mit deinem Interesse an Ms. Levine zu tun?“ Er sagte es gerade laut genug, dass die junge Ärztin es mitbekam, rötlich anlief, nervös den Kugelschreiber fallen ließ und sich auf die Damentoilette verdrückte.
Einige Sekunden sah Charles ihr nach. Als er sicher war, dass sie ihre Unterhaltung nicht mehr mithören konnte, wandte er sich erneut an Adam: „Es ist mir ernst, Adam. So kann es nicht weiter gehen mit dir!“
„Machst du Schluss mit mir?“, fragte Adam in einem seiner sporadischen Anflüge von etwas, das er für trockenen Humor hielt.
„Du arbeitest seit fast einer Woche die Nächte durch“, fuhr Charles unbeirrt fort. „Du rasierst dich nicht, du wäschst dich nicht, du isst kaum und schläfst fast nie.“
„Okay“, machte Adam.
Charles stockte. „Okay?“
„Okay, du hast deine Sorge um meine Person geäußert.“ Noch immer war Adam viel zu sehr mit seinen Untersuchungen beschäftigt, um Charles auch nur anzusehen. „Ich gewähre dir Absolution, du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, du hast alles versucht, danke und bis morgen.“
Es klatschte: ein jähes, lautes Geräusch wie von einer Ohrfeige. Tatsächlich traf keine Hand auf eine Wange, sondern lediglich eine Akte auf einen Tisch, doch die Unbeherrschtheit, mit der der sonst sehr ausgeglichene Charles Seymour ihm das Dokument hingeworfen hatte, ließ sogar Adam leicht zusammenzucken.
„Es geht nicht darum, dass ich mein schlechtes Gewissen beruhige!“, herrschte Charles ihn an. Dann besann er sich, dass nicht jeder ihr Gespräch mitbekommen sollte, und fügte leiser hinzu: „Es geht darum, dass du Fehler machst!“
Endlich unterbrach Adam seine Arbeit, richtete sich auf und schob die Schutzbrille nach oben. Mit geröteten Augen blinzelte er mehrmals irritiert, als suche er nach einer angemessenen Reaktion auf diese unverfrorene Beleidigung. „Nun“, erwiderte er schließlich und schaute dabei irgendwohin und niemand Bestimmtes an, „ich habe Sarah natürlich gesagt, dass ich unmöglich ein rotes Hemd zum weißen Kittel tragen kann; man assoziiert unweigerlich Blut und Krankheit; aber mit Frauen über Mode zu diskutieren ist nun wirklich ein aussichtsloses Unterfangen, und du weißt ja, wie Sarah…“
„Nicht das Hemd!“, unterbrach ihn Charles in ruhigem, aber ernstem Tonfall. „Obwohl das wirklich schlimm aussieht.“ Er tippte mit dem Zeigefinger auf die Akte. „Hier, schau dir das an!“
Adam warf ihm einen taxierenden Blick zu, zögerte einen Moment und griff dann zu. Die Akte war dünn, bloß zwei Blätter Papier zwischen zwei abgegriffenen Pappdeckeln. Den Laborbericht kannte er gut, denn er hatte ihn verfasst und unterschrieben. Trotzdem überflog er ihn noch einmal, ehe er rekapitulierte: „Leukozytose, CRP und PSA erhöht… klarer Fall von Prostatitis.“ Er zuckte mit den Schultern und legte die Akte beiseite. „Nicht ungewöhnlich in dem Alter.“
„Aber bei dem Geschlecht schon“, gab Charles zu bedenken.
Adam blinzelte, betrachtete erstmals den Namen des Patienten und begriff, dass es sich um eine Frau handelte. Einige Sekunden lang brachte er vor Verwunderung und auch vor Scham keinen Ton heraus. Niemand war gefeit vor Fehlern, schon gar nicht in einem komplexen Feld wie der Medizin, doch dies war ein Versehen weit unter seinem Niveau. Verlegen räusperte er sich. „Da… muss wohl jemand die Proben falsch beschriftet haben. Oder die Patientenakten verwechselt.“
„Mhm“, machte Charles. „Möglicherweise aus Übermüdung.“
Adam sah weg, kratzte sich am Hinterkopf, bekam das Gummiband der Schutzbrille zu fassen, riss sie sich in einem Anfall plötzlich aufflammender Wut vom Kopf und schleuderte sie von sich. Verbissen starrte er auf die Tischplatte, während seine Zähne aufeinander mahlten und er versuchte, den Ärger über sich selbst zurückzudrängen.
„Was ist los mit dir?“, fragte Charles behutsam.
Adam sagte nichts, zwei, drei Sekunden lang, starrte nur geradeaus und hasste sich selbst für seine Inkompetenz. Dann zog er geräuschvoll die Nase hoch, presste die Handrücken auf die strapazierten Augen und stieß eine Mischung aus einem Seufzen und einem Keuchen aus. Mit einiger Überwindung brachte er hervor: „Es ist etwas mit Nick.“ Er nahm die Hände von den Augen und wagte es, seinen langjährigen Kollegen anzusehen. „Ich glaube, er ist krank.“
Charles schaute ihm forschend ins Gesicht. „Krank? Warum bringst du ihn nicht her und wir schauen ihn uns mal gründlich an?“
Adam verzog den Mundwinkel zu einem humorlosen Lächeln. „Ins Krankenhaus? Das halte ich für keine so gute Idee.“
Charles verstand diesen Einwand nicht – wie er hätte er das auch gekonnt? –, hakte allerdings nicht nach, sondern bot stattdessen an, auf einen Hausbesuch vorbeizukommen.
Adam zögerte. „Na gut“, willigte er schließlich ein. „Wie wär’s mit übermorgen nach der Spätschicht?“
„Wie wär’s mit sofort?“
Adam war nicht begeistert von der Aussicht, einen Kollegen in seine Privatangelegenheiten hereinzuziehen. „Du willst das Krankenhaus einfach frühzeitig verlassen? Hast du keine Leben zu retten?“
„Leben“, erwiderte Charles bissig, „rette ich, indem ich dich aus diesem Labor hole.“
Auch am frühen Nachmittag waren die Hauptverkehrsstraßen Sydneys weit davon entfernt, leer zu sein, aber immerhin vermieden sie die Rush Hour und erreichten Katoomba in knapp unter anderthalb Stunden. Es war ein diesiger Tag, an dem die Wolken tief über dem Land hingen, die Blue Mountains im Nebel verschwanden und die Morgendämmerung praktisch unmittelbar in die Abenddämmerung überging.
Charles stieg aus (auf der Fahrerseite, denn als verantwortungsvoller Autofahrer, dem sein eigenes Leben lieb war, hatte er darauf bestanden, dass sich Adam nicht übermüdet hinters Steuer setzte), sah sich um und brummte etwas enttäuscht: „Hmm. Als ich gehört hab, du ziehst ein Stück raus aus der Stadt, hatte ich mir eher eine hübsche kleine Villa mit großem Garten vorgestellt.“
„Wir haben unsere Gründe“, erklärte Adam lediglich und wedelte ungeduldig mit den Fingern, bis Charles ihm den Schlüsselbund aushändigte. „Komm, ich führ dich rum.“
Dass auf der Straße viel Betrieb herrschte, lag einzig und allein daran, dass Bauarbeiter Leitungen verlegten, Mauern hochzogen und Dächer deckten. Lieferwagen, schwere Baumaschinen und Betonmischer standen an den Bordsteinen, und auf den Grundstücken Rohbauten von etwas, das später mit etwas Phantasie Häuser werden mochten, neben großen Containern voll mit Schutt und provisorischen Toilettenhäuschen aus Plastik. Niemand, der eine andere Wahl hatte, wäre hier zu diesem Zeitpunkt eingezogen.
Adam führte seinen Kollegen bis beinahe ans Ende der Straße zu einem zweistöckigen Bau, der als einziger bereits über Dach, Fenster und Türen verfügte, womit die ausgefallensten Komfortmerkmale bereits erschöpfend beschrieben waren. „Trautes Heim, Glück allein“, murmelte Adam und schritt hinauf, was später einmal die Auffahrt werden sollte. Momentan handelte es sich um einen schlammbedeckten Abstellplatz für Gerüstteile, Holzpaletten und alte Kartonagen. Das bunte Willkommensschild neben der Eingangstür wirkte seltsam deplatziert.
Bis Adam den Schlüssel im Schloss drehte und die Tür aufzog, rechnete Charles noch damit, dass er auf den Arm genommen wurde. Aber dann traten sie ein, und Charles fühlte sich auf einmal betroffen wie beim Besuch eines heruntergekommenen Waisenhauses. „Habt ihr… finanzielle Probleme?“, fragte er unbeholfen. Es fröstelte ihn, was auch daran lag, dass die Heizkörper noch nicht installiert waren. Im Schlaf- und im Kinderzimmer standen Wärmestrahler, wie sie in der Außengastronomie verwendet wurden, und ansonsten behalf man sich mit Decken und dem Gasherd in der Küche.
„Uns geht’s bestens, danke“, entgegnete Adam barsch, während er den Schlüssel in der Tasche seines Mantels verstaute, den er aus gutem Grund nicht ablegte. Die Temperatur im Haus betrug bestenfalls fünfzehn Grad.
„Schatz?“ Sarah steckte überrascht den Kopf aus dem Wohnzimmer, in der Hand eine Zeitung, die sie gerade las oder sich womöglich nur damit zudeckte. „Nanu, du hast Besuch mitgebracht?“
„Charles Seymour“, stellte der sich vor und drückte der zierlichen Blondine die Hand.
„Ich erinnere mich“, sagte Sarah. Sie trug einen dicken Wollpullover und einen gestrickten Schal. „Wir haben uns im Krankenhaus getroffen, als ich mit Nick zur Impfung da war.“ Als sie merkte, dass Charles sich nicht an sie erinnerte, fügte sie hinzu: „Sarah.“
„Sarah, natürlich“, sagte Charles und lächelte höflich.
„Du hast mir gar nicht gesagt, dass du einen Kollegen mit nach Hause bringst“, wandte sich Sarah an ihren Mann. Sie klang nicht verärgert, möglicherweise jedoch auch nur deshalb, weil sie vor dem unerwarteten Gast nicht verärgert klingen wollte. „Du hättest ruhig anrufen können, dann hätte ich wenigstens einen Kaffee gekocht.“
„Er ist rein dienstlich hier“, lehnte Adam ab, ohne Charles die Gelegenheit zu lassen, das Angebot anzunehmen. „Komm, Nick ist hier hinten.“
„Er schläft gerade“, wandte Sarah ein, doch Adam ignorierte sie.
Das Kinderzimmer sah keinen Deut einladender aus als der Rest des Hauses: ein kleiner, unfertiger Raum mit blanken Wänden und nur dem allernotwendigsten Mobiliar. In der Mitte stand ein Kinderbett unter einem Wärmestrahler, den Adam im Hereinkommen ausschaltete, indem er den Stecker zog. Danach griff er ins Bettchen und holte das schlummernde Baby heraus. Es trug zwei Strampelanzüge übereinander und ein Mützchen mit einem Bommel. Es hätte süß aussehen können, hätte es sich nicht um dringend notwendigen Schutz vor der Kälte gehandelt.
„Tu mir einen Gefallen“, sagte Adam ruhig, „und nimm das auf.“
Charles wusste nicht, was genau er aufnehmen sollte, aber die Umstände, unter denen das arme Kind hier lebte, hinterließen ihn vorübergehend betäubt für alles andere. Ohne den Blick von dem Säugling abwenden zu können, holte er sein Smartphone aus der Tasche, aktivierte die Kamera und begann zu filmen, wie Adam seinen Sohn auf dem Arm wippte.
Nick schlug träge die Augen auf, blinzelte schwer und schien für einige Sekunden zu überlegen, wie er es fand, aus dem Schlaf gerissen und mittelkräftig durchgeschüttelt zu werden. Nicht so gut, entschied er.
Als Nick zu schreien begann, stürmte Sarah zur Tür herein. „Adam!“, zischte sie, eine mühsam beherrschte Mutter, die weiß, dass es ihr Kind nur noch mehr aufgeregt hätte, hätte sie ebenfalls die Stimme erhoben. „Was tust du denn da?“
„Nur eine kleine Demonstration“, antwortete ihr Mann, der Doktor.
Nick klagte immer lauter und heftiger. „Was soll das?“, fragte Charles verwirrt, fast bestürzt. Trotzdem hielt er die Handykamera perplex auf das Geschehen gerichtet.
Sarah trat an ihm vorbei, baute sich vor Adam auf und sagte entschlossen: „Schluss jetzt! Das reicht!“
Unbeirrt machte Maxwell weiter, ertrug stoisch das Geschrei seines Sohnes, das er geradezu provozierte. „Was macht unser kleiner Film, Charles?“
„Adam!“ Sarah griff nach seinen Oberarmen, damit er aufhörte, den Kleinen zu schütteln, aber er entwand sich ihr.
„Charles?“
Charles blinzelte, löste seine Augen vom Geschehen und sah stattdessen aufs Display. Es war schwarz. „Oh!“, machte er unbestimmt, tippte und wischte über den Touchscreen, ohne dass irgendetwas passierte. „Muss ausgegangen sein…“ Er hielt die Powertaste gedrückt und wartete, doch immer noch geschah nichts. „Vielleicht der Akku?“
„Nein“, erwiderte Adam, „dein Handy ist kaputt.“
Charles sah auf und stellte mit einem gewissen Erstaunen fest, dass Adam den kleinen Nick nun sehr viel zärtlicher im Arm wiegte und ihn mit Erfolg wieder zu beruhigen versuchte. „Sorry, kleiner Mann“, flüsterte er dem Baby ins Ohr.
Nick grummelte irgendetwas, schien seinem Vater jedoch nicht lange böse zu sein, denn die Lider wurden schon wieder schwerer. Sacht legte Adam ihn zurück ins Bett und deckte ihn zu.
Charles starrte hin und begriff nicht. Erst mit einigen Sekunden Verzögerung erreichten die Worte seinen Verstand. „Was meinst du damit, mein Handy ist kaputt? Was war das gerade?“
„Ein elektromagnetischer Puls“, erklärte Adam. „Zerstört ziemlich zuverlässig elektronische Bauteile in der näheren Umgebung.“
Charles blickte von seinem defekten Mobiltelefon hinüber zu dem gerade wieder einschlafenden Säugling und wieder zurück.
„Mein Sohn“, sagte Adam, „ist eine EMP-Waffe.“
