Die Gabe 2 - Sebastian Thomas - E-Book

Die Gabe 2 E-Book

Sebastian Thomas

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Beschreibung

»Es hat angefangen! Sie agieren nicht länger im Verborgenen.« Ein Mann überwindet meterhohe Zäune wie ein Schatten, schleudert ganze Container ins Meer und verschwindet vor den Augen der Polizei. Eine heimliche Heldin verfolgt einen Attentäter durch ein belebtes Einkaufszentrum in Osaka. Eine Mutter verbirgt ihren Sohn im australischen Hinterland, um ihn vor der Welt zu beschützen – und die Welt vor ihm. Man nennt sie „anomal“. Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, verstreut über eine Welt, die sich langsam und leise, aber unumkehrbar verändert. Als sie ins Fadenkreuz von Mächten geraten, die alles daran setzen, sie entweder zu kontrollieren oder auszulöschen, steht nicht nur ihr Leben auf dem Spiel, sondern auch die Zukunft der Menschheit. Und die Begabten kämpfen nicht nur gegen die, die sie jagen, sondern auch gegen die Schatten ihrer eigenen Vergangenheit – und gegen andere, die sind wie sie. Wenn menschliche Waffen unerkannt unter uns leben, und der Staat die Sicherheit vieler gegen die Freiheit einzelner abwägt… wer bestimmt dann, wer ein Terrorist ist und wer ein Held?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zur Orientierung

Die Ereignisse dieses Romans beginnen am 23. Ok­tober, etwa drei Jahre und vier Monate nach dem Ende von „Die Gabe 1“. Vorkenntnisse aus dem ers­ten Band sind nicht zwingend erforderlich, um dieser Geschichte folgen zu können – auch wenn sich die (nochmalige) Lektüre natürlich un­abhängig davon lohnt!

Obwohl sich die Handlung über verschiedene Kon­tinente und unterschiedliche Personen­gruppen er­streckt, wird sie weitestgehend chrono­logisch erzählt. Sollten Sie also während des Lesens Zeitsprünge wahrnehmen, so muss das an der guten Unterhaltung liegen.

– Vierter Teil –

Die Flucht

Thessaloniki, Griechenland

Zerfaserte, weitgefächerte Wolken zogen wie Nebelfinger über den schwarzen Himmel und besprenkelten den Asphalt mit feinem Sprühregen, der sich kalt auf der Haut anfühlte. Links und rechts, jenseits der Leitplanken, war der Boden schlammig und aufge­weicht, und der Wind peitschte das hier und da wuchernde, braun­grüne Unkraut landeinwärts. Der Thermaische Golf war so nah, dass man das Rauschen der Wellen über die Böen hinweg hörte.

Ein verschleierter Halbmond spiegelte sich verschwommen in ei­ner Pfütze, bis ein schwerer Stiefel spritzend hineintrat und sich wieder entfernte. Hastige Schritte überquerten die Hafenzufahrt, ein Schatten touchierte den Lichtkegel einer Laterne und schmiegte sich im nächsten Moment an die Silhouette eines verrosteten, vor langer Zeit abgestellten Sattelanhängers.

Ted Quinn lehnte den Kopf gegen das von Alter und Wetter ge­zeichnete Metall und versuchte, seine Atmung zu beruhigen. Ob­wohl die Luft mit Einbruch der Dunkelheit auf maximal sieben oder acht Grad abgekühlt war, schwitzte er so stark, dass sein schwarzer Pullover feucht an seinen Armen und seinem Rücken klebte. Seine Finger glühten in den dünnen Lederhandschuhen, und die Strumpfmaske kratzte fürchterlich auf seinem Gesicht.

Es war nicht sein erster Auftrag dieser Art. Trotzdem raste sein Herz jedes Mal vor Nervosität und Anspannung in seiner Brust, und seine Muskeln zitterten wie nach einem Marathonlauf. Langsam atmen, langsam und tief, eins und zwei und drei…

Ted spähte die Zufahrt hinunter. Der Kontrollposten war nur noch dreißig Meter entfernt. Dahinter lag das umzäunte Hafen­gebiet mit den hoch aufragenden Kränen und Unmengen von Frachtcontainern, die wie Bauklötze aufgestapelt waren.

Rein, den Auftrag erfüllen, wieder raus. Möglichst, ohne gesehen zu werden. Vor allem aber: sich nicht schnappen lassen. Heil und ge­sund zurückkehren. Denn nur, solange er lebte und sich auf freiem Fuß befand und seine Missionen zur Zufriedenheit seines Auftrag­gebers erfüllte, bestand die Hoffnung, seine Familie eines Tages wiederzusehen.

An diese Hoffnung klammerte er sich verzweifelt. Mit all seiner Macht.

Weil ihm sonst nichts blieb.

Er klammerte sich daran und hielt durch, und litt und erduldete und grübelte und plante und wütete und hasste und weinte und hoffte, hoffte, hoffte… seit mehr als drei Jahren schon.

Ein schwerer Lkw dröhnte durch die Nacht heran, der rechte Frontscheinwerfer deutlich schwächer als der linke. Als er zischend langsamer wurde und ein gelangweilter, unterbezahlter Kontrolleur aus seinem Wachhäuschen schlurfte, sprintete Ted los. Abseits der ausgeleuchteten Wege, wo er mit der Finsternis verschmolz, schmatzten seine Stiefel auf Matsch und Gras, klatschten sie in Pfützen, blieben sie an Steinen hängen und brachten ihn beinahe ins Stolpern. Er keuchte, ächzte und rannte weiter und war sicher, dass die Wachleute ihn hören mussten, auf ihn aufmerksam werden mussten, Taschenlampen auf ihn richten und Warnungen brüllen und die Hunde auf ihn hetzen mussten.

Aber die Wahrheit war, dass es keine Hunde gab, und wahr­scheinlich nicht einmal Taschenlampen. Dass es den Kontrolleuren herzlich egal war, wer da draußen herumstreunte, solange er nur nicht versuchte, ihr Tor zu durchqueren, und sie sich darauf verlie­ßen, dass der hohe, mit Stacheldraht gekrönte Zaun das Betreten des Hafengeländes auf jedem anderen Weg unmöglich machte.

In diesem Punkt irrten sie natürlich.

Ted rannte, lauschte dem Rauschen des Blutes in seinen Ohren, spürte ganz bewusst, wie seine Oberschenkelmuskeln arbeiteten, seine Arme schwangen. Schweiß lief ihm ins Auge; er lief weiter. Bloß nicht anhalten, denn dann hätten die Gedanken ihn eingeholt, Gedanken wie: Was tue ich hier eigentlich? Bin ich zu einem Verbrecher geworden, zu einem willen- und gewissenlosen Handlanger? Was würde Elaine denken, wenn sie mich so sähe?

Auf Dauer konnte er ihnen nicht entkommen. Doch heute Nacht musste er sie zurückdrängen, abstreifen, denn nur so vermochte er zu tun, was getan werden musste.

Kniehohe Pflanzen zerrten an seiner Hose. Mehrmals rutschte er mit einem Fuß weg und hielt nur mit Mühe Gleichgewicht und Tempo. Ohne sich den Luxus eines Zögerns zu erlauben, jagte er auf den Zaun zu, an einer Stelle, die einer Laterne gerade noch nah genug war, um die Konturen der Metallstreben erkennen zu kön­nen, ohne dass er selbst allzu deutlich sichtbar wurde. Einen Meter vor dem Zaun sprang er ab, schnellte in die Höhe, packte mit den Händen zwei der senkrecht verlaufenden Stahlleisten fast am obe­ren Ende, katapultierte sein Körpergewicht herum und vollführte einen Salto über den Stacheldraht hinweg. Es war eine artistische Glanzleistung, wenn auch die Landung weniger elegant ausfiel. Er rollte sich über die Schulter ab, rappelte sich hoch und hastete leicht wankend in die Deckung eines verlassenen Trucks.

Dort erst gönnte er sich zehn Sekunden, um wieder zu Atem zu kommen. So weit, so gut. Ich bin drin. Er verharrte eine Weile unbe­weglich und lauschte, ob ihn jemand bemerkt hatte. Alles blieb still. Keine Alarmsirenen, keine herbeieilende Security, keine sich plötz­lich öffnenden Türen oder aufflackernden Lichter in den Lager­hallen oder Verwaltungsgebäuden. Auch drüben beim Kontroll­posten herrschte, sofern es Ted aus der Entfernung erkennen konnte, keine hektische Aktivität. Der Lkw mit dem defekten Scheinwerfer rollte in der Ferne vorbei und hielt auf die Anlege­stellen am östlichen Ende des Hafens zu.

Bis hierher war alles gut gegangen: Er war auf das Gelände ge­langt, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, und beinahe, ohne eine Spur zu hinterlassen. Lediglich die massiven Stahlstreben des Zauns waren an den Stellen, an denen Ted sie angefasst hatte, völlig verbogen.

Das Hafengelände war so weitläufig, dass Ted eine Viertelstunde brauchte, um die gesuchten Frachtcontainer ausfindig zu machen. Sie standen zwanzig Meter von einer Anlegestelle entfernt, drei nagel­neu aussehende, orangefarbene Metallbehälter, um die zwei­einhalb Meter hoch und breit und über zwölf Meter lang.

Teds Auftrag war im Grunde einfach: Zerstören Sie alles, was drin ist.

Möglicherweise befanden sie sich im Besitz eines von Gregor Kramers „Konkurrenten“, wobei das von einem Investmentfonds über eine Computerspielefirma bis hin zu einem Mafiaboss so ziemlich jeder sein konnte. Kramer war in einer Vielzahl Branchen unternehmerisch tätig, die meisten davon illegal oder zumindest in gesetzlichen Grauzonen angesiedelt.

Im Grunde wollte Ted auch so wenig wie möglich darüber wis­sen, welche Art von Unheil er anzurichten gezwungen war. Es ge­nügte vollkommen, sich daran zu erinnern, dass Kramer Teds Fa­milie in seiner Gewalt hatte. Der Haken war, dass er nie wusste, mit welchem Ausmaß und welcher Form von Gegenwehr er zu rech­nen hatte. Deshalb kauerte er eine ganze Weile neben der Vorder­achse eines Sattelschleppers und beobachtete das schlecht ausge­leuchtete Gelände, doch abgesehen von einer Möwe, die auf einem der Container landete, sich kurz umsah und wieder davonflog, wa­ren keine plötzlichen Bewegungen auszumachen. Der Wind heulte zischend zwischen den Transportvehikeln und flachen Gebäuden hindurch und brachte irgendwo im Dunkeln Ketten zum Klirren und Flaggen zum Flattern. Etwas Rostiges bewegte sich bei jedem Windstoß knarzend hin und her.

Ted erhob sich bedächtig und sah sich ein letztes Mal um. Dann machte er einige schnelle Schritte, um die Distanz zu dem nächst­gelegenen Container zu überbrücken, und kam in einer sicher zwei Quadratmeter großen Pfütze zum Stehen, die sich unmittelbar vor dessen Türen gebildet hatte. Die Registrierungsnummer auf Augen­höhe mochte zwar weltweit eindeutig sein, war aber – wohl kaum zufällig – durch weiße Sprühfarbe nahezu unkenntlich ge­macht worden. Zusätzlich zu der im internationalen Schiffsverkehr üblichen Versiegelung durch einen farbigen Bolzen, der vor allem dem Nachweis diente, dass die Fracht nicht heimlich zwischen­durch geöffnet worden war, war die Zugangsklappe mit einem pro­fanen Vorhängeschloss gesichert.

Beides stellte für Ted keinerlei Hindernis dar: Er brach die Tür mit bloßen Händen auf. Aber noch bevor er sie öffnen und in Augen­schein nehmen konnte, was er zu zerstören ausgesandt wor­den war, blitzte hinter ihm ein Licht auf, hell und zielgerichtet ge­nug, dass auf einmal sein eigener Schatten bedrohlich auf den orange­farbenen Lack fiel, und jemand rief: „Polizei! Treten Sie zurück und nehmen Sie die Hände über den Kopf!“

Shit! Ted verzog das Gesicht. Doch er zwang sich, stillzustehen. Keine zu plötzlichen Bewegungen. Immer mit der Ruhe. Das gehört nicht zum Plan, aber du wirst damit fertig. Er war schon mit ganz ande­ren Hindernissen fertig geworden. Jetzt nur nicht die Nerven ver­lieren.

„Hände hoch, habe ich gesagt! Ich weiẞ, dass Sie mich verstehen!“

Das stimmte, und es war merkwürdig genug. Der Mann hinter ihm sprach Englisch und nicht etwa Griechisch. Woher wusste er, welche Sprache Ted beherrschte?

Ganz langsam hob Ted die Arme, um zu zeigen, dass er keinen Widerstand leistete.

Ha. Als ob es Ted sich hätte erlauben können, keinen Widerstand zu leisten. Wenn er geschnappt und in irgendein Gefängnis ge­steckt wurde, verlor seine Familie für Kramer jeglichen Wert. Ihr Überleben hing davon ab, dass er aus dieser Situation entkam, also würde er entkommen. Er hatte gar keine andere Wahl.

„Umdrehen!“

Gehorsam wandte Ted dem Sprecher das Gesicht zu. Er blinzelte gegen den Schein einer, nein: zweier Stablampen an, senkte das Kinn gerade so weit, dass seine Stirn seine Augen ein wenig abschirmte. Zwei Lampen, gehalten von zwei Polizisten in den blauen Uni­formen der hiesigen Ordnungskräfte, jeder mit seiner Dienstpistole ausgestattet – nicht gerade ein schwer bewaffnetes SWAT-Einsatz­kommando. Er hatte noch eine Chance, einer Verhaftung zu ent­gehen und den Auftrag zu erledigen. Allerdings musste er sich be­eilen, denn Verstärkung war zweifellos schon unterwegs.

„Ich bin unbewaffnet!“, rief er über das Toben des Win­des hinweg und zeigte demonstrativ seine leeren Handflächen.

Sein kooperatives Verhalten veranlasste die Polizisten, näher zu rücken. Wiege sie in Sicherheit. Sie wissen nicht, mit wem sie es zu tun haben. Bereitwillig ließ er zu, dass einer der beiden wortlos hinter ihn trat, eine Hand nach der anderen aus der Luft pflückte und die Gelenke mit Handschellen aneinanderfesselte. Die konnten ihn ohnehin nicht aufhalten. Die Maske wurde ihm unsanft heruntergerissen und achtlos auf den Boden geworfen.

Nachdem sie ihn derart in Gewahrsam genommen hatten, schie­nen sich die Polizisten ein Stück weit zu entspannen. Gut so. Wäh­rend sein Partner weiterhin Waffe und Lampe auf ihn gerichtet hielt, packte der Zweite Ted am Oberarm, um ihn abzuführen. „Du schuldest mir einen Zehner!“, sagte er im Näherkommen zu dem mit der Pistole. „Ich hab dir gesagt, der Erpresserbrief war nicht einfach eine leere Drohung. Die schicken wirklich jemanden!“

Jetzt! Ted nutzte den Moment, in dem bei den Polizisten Adrena­linpegel und Aufmerksamkeit sanken, um mit einem Ruck die Kette zwischen den Handschellen zu sprengen, in einer fließenden Bewegung zur Seite auszubrechen, den verdutzten Wettsieger als einen Schild vor sich zu zerren, dessen Pistole aus dem Halfter zu ziehen und mit einem einzigen Schuss den zweiten Mann so präzise in den Unterarm zu treffen, dass der seine eigene Waffe fallenließ und dennoch keine wichtigen Arterien verletzt wurden. Auch, als er anschließend beide innerhalb von höchstens drei Sekunden mit jeweils einem Fausthieb k.o. schlug, achtete er darauf, keine blei­benden Schäden zu verursachen. Schließlich hatten beide nur ihren Job gemacht.

Als Ted über den regungslosen, aber lebendigen Körpern stand, die Anspannung nachließ und die Kontrolle über seine Handlun­gen allmählich von seinen Instinkten an seinen Verstand zurück­übertragen wurde, raunte er ihnen zu: „Tut mir leid, Jungs. Mir macht das auch keine Freude, glaubt mir.“ Der Seewind trug seine Worte fort.

Es nieselte immer noch.

Ich sollte besser hier verschwinden! Die beiden Polizisten hatten sicher Meldung gemacht. Er konnte nicht noch mehr Konfrontationen gebrauchen.

Ted legte den Kopf in den Nacken und sah die Wolken wie im Zeitraffer am Mond vorbeiziehen. Er spürte die kalten Tropfen auf seinem entblößten Gesicht. Oben auf dem Container saß die Möwe und schaute aus schwarzen Augen zu ihm herab, als sei sie hier, um sein Handeln zu beobachten und ein Urteil zu fällen.

Alles in ihm drängte danach, die Flucht zu ergreifen, aber er blieb noch, um zwei Dinge zu erledigen.

Zunächst hob er den Mann, den er angeschossen hatte, aus der Pfütze, in die er gesunken war, lehnte ihn an den Reifen des Trucks, hinter dem er selbst noch vor wenigen Minuten gekniet hatte, und verband die Wunde am Arm notdürftig mit einem Streifen Stoff, den er von der Uniformjacke abriss.

Danach ging er zu den Containern und warf einen flüchtigen Blick ins Innere. Kistenweise Kleinelektrogeräte. Zumindest in dem Punkt hatte er Glück – deren Vernichtung dauerte wenigstens nicht lange. Mühelos stemmte Ted einen Container nach dem an­deren in die Höhe, trug sie bis zum Ende der Anlegestelle und warf sie ins Wasser.

Auftrag ausgeführt.

Als er in der Nacht verschwand, trug er noch immer die Ringe der Handschellen, wie als eine mahnende Erinnerung daran, dass er schon sehr lange ein Gefangener war.

Makeni, Sierra Leone

„Okaaaay“, rief Marie über das Schrillen der Klingel hinweg, die das Ende des Unterrichts markierte, „bis zur nächsten Stunde lernt ihr bitte die Vokabeln für Lektion 8. Mr. Margai wird euch abfra­gen! Dass ihr mir keine Schande macht!“

Die meisten Schüler waren zu sehr damit beschäftigt, ihre Hefte zusammenzuraffen, ihre Rucksäcke zu schnappen und nach Hause zu kommen, um auf ihre Mahnung zu reagieren. Nur Joseph, der sich in den letzten vier Wochen als ihr Musterschüler etabliert hatte, kam kurz nach vorn an die Tafel, reichte Marie feierlich die Hand und sagte auf Englisch: „Vielen Dank für Ihr Lernen an mich, Mrs. Youngham.“ Er tat das mit einem breiten Grinsen und so überschwänglich und stolz, dass Marie es nicht übers Herz brachte, seine Satzstruktur zu verbessern oder auch bloß anzumer­ken, dass sie a) Junghans hieß und b) beileibe keine Mrs. war.

„Gern geschehen“, antwortete sie stattdessen. „Mach’s gut, Jo­seph!“ Mit ein wenig Wehmut sah sie ihm nach: Sie hatte ihn und die anderen Schüler in ihrer kurzen Zeit als Aushilfslehrkraft an der St. Francis Secondary School bereits ziemlich liebgewonnen.

Während sie die Tafel mit einem trockenen Putztuch abwischte, kam der Schuldirektor vorbei, um sie zu verabschieden. Er war ein kräftiger, forscher Mann, dessen ergraute Haare einen scharfen Kontrast zu seiner nutellafarbenen Haut bildeten. Auch er ließ es sich nicht nehmen, Marie die Hand zu schütteln, und ihr – in, ver­glichen mit Joseph, nur geringfügig besserem Englisch – für ihre Arbeit zu danken. „Kann ich nicht Sie wirklich überreden, zu blei­ben länger? Ist so schwer, zu finden Europäer, die wollen kommen helfen Afrika hier bei uns.“

„Tut mir leid“, entgegnete Marie. „Ich muss allmählich weiter­ziehen. Ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahr Menschen überall auf der Welt zu helfen, die es schwerer haben als ich.“

Der Direktor lächelte freundlich. „Sie sind so guter Mensch, Ms. Younghans.“

Maries Gesichtsausdruck verrutschte nur für den Bruchteil einer Sekunde. Ein guter Mensch? Oh nein, das bist du nun wirklich nicht! Dann lächelte sie zurück und sagte artig: „Aber nicht doch. Ich versuche nur, im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.“ Und selbst dabei fühlte sie sich irgendwie schuldig, als sei sie eine Betrügerin.

Jacky wartete draußen auf sie, den dreckigen, löchrigen Rucksack über der Schulter, der sie schon die ganze Reise über begleitete. Unter dem Eastpak-Logo prangte eine Vielzahl von Buttons mit Logos von Fluggesellschaften, Sehenswürdigkeiten aus jeder Stadt, in der sie übernachtet hatten, und einfach nur dummen Sprüchen. Sogar ein fettes Einhorn mit einem Huf in einer Keksdose war da­bei. Jackys Kurzhaarfrisur hatte sich in den letzten Monaten unge­hindert bis auf Schulterlänge ausgebreitet, aber die neonblauen Strähnen färbte sie so häufig nach, dass sie sich noch immer bis fast an den Haaransatz erstreckten. Als sie Marie kommen sah, hörte sie damit auf, mit der Spitze ihres Regenschirms Muster in den Dreck zu zeichnen, und winkte ihr lässig zu.

„Das wurde aber auch Zeit!“, grummelte sie.

„Sorry! Ich musste mich noch rasch von allen verabschieden. Meinen Spind ausräumen und so.“ Sie tippte auf die altmodische braune Aktentasche, die sie unter den Arm geklemmt hatte.

Ehe Jacky sie damit aufziehen konnte, ertönte von oben das in­zwischen wohlbekannte Grollen, das ein weiteres Unwetter ankün­digte. Die Kronen der Bäume, die vor dem Schulgebäude standen, begannen sich zu bewegen, und Jacky klappte schicksalsergeben den Schirm auf. „Warum mussten wir eigentlich auch noch ausge­rechnet zur Regenzeit herkommen, hm?“

Marie lächelte nur entschuldigend und schlüpfte rasch mit unter den Schirm. Sie lauschte dem nassen Rauschen um sie herum und dem harten Pladdern aus dem Plastik, während sie den Weg hinun­tergingen bis zum Lunsar-Makeni Highway.

„Hoffentlich“, sorgte sich Jacky, „kommen wir überhaupt durch bis zum Flughafen bei Freetown. Nicht, dass die Straßen über­schwemmt oder einfach komplett weggespült wurden…“

„Ach was!“, meinte Marie. „Da, wo wir lang fahren, ist es doch durchgehend asphaltiert.“ Was in Sierra Leona beileibe keine Selbstverständlichkeit war.

Sie erreichten ihren Mietwagen und schafften es irgendwie, in dem kurzen Moment zwischen dem Zusammenklappen des Regen­schirms und dem Schließen der Autotür klatschnass zu wer­den. Jacky warf Rucksack und Schirm auf den Rücksitz und schnallte sich mit einer resoluten, fast grimmigen Bewegung an. „Lass uns doch ein Jahr zusammen Work & Travel machen, hat sie gesagt. Da sehen wir richtig was von der Welt, hat sie gesagt. Ferne Länder, exotische Sitten… Nur dass man Buschratten essen muss und es kein fließendes Wasser gibt, das hast du irgendwie vergessen zu erwähnen.“

Marie legte ebenfalls den Gurt an und deutete auf die Sturzbäche, die über die Windschutzscheibe liefen. „Kein fließendes Wasser?“, witzelte sie mau. „Und was ist das da, bitte schön?“

„Haha“, brummte Jacky, ließ den Motor an und schaltete die Scheibenwischer auf die höchstmögliche Frequenz. „Und was ge­nau war nochmal der Grund dafür, dass wir unser Work & Travel nicht an irgendwelchen karibischen Stränden machen können?“

Die Frage war scherzhaft gemeint, trotzdem wurde Marie schlag­artig ernst und erwiderte in festem Tonfall: „Weil die Menschen, die meine Hilfe brauchen, nun mal leider nicht an karibischen Stränden leben.“

Osaka, Japan

„Professor T an Spectre. Spectre, kannst du mich hören?“

Yuki bereute es nicht zum ersten Mal, dass sie der Verwendung von Superheldennamen zugestimmt hatte. „Ja, Tayo-kun, die Frei­sprechfunktion deines Handys funktioniert ausgezeichnet.“

Tayo seufzte theatralisch. „Bitte, Spectre, wie oft muss ich dich noch daran erinnern, im Einsatz unsere geheimen Decknamen zu verwenden?“

„Tayo—“

„Professor T, bitte!“

„Tayo! Ich glaube, ich hab hier was. Erster Stock, auf der Prome­nade, zwischen den Aufzügen und den Rolltreppen, in der Nähe des Wegweisers mit diesen… orange-roten Bögen oben drauf.“

Tayo schwieg kurz, als er sich die lokalen Gegebenheiten vor Au­gen führte. „Du meinst, da beim Starbucks.“

„Äh.“ Auf Ladenfronten hatte Yuki nicht geachtet, obwohl oder gerade weil es davon hier so viele gab. „Ja, genau. Ein Mann um die dreißig. Japaner. Anzug und Aktenkoffer.“

„Weißt du, wie viele Leute hier rumlaufen, auf die diese Beschrei­bung zutrifft?!“

„Ich geh runter! Behalt mich im Auge!“

Ohne Tayos Bestätigung abzuwarten, verließ Yuki ihren Beobachtungsposten an den großen, gewölbten Glasfronten, von denen man die Promenade fast vollständig überblicken konnte, eilte zur Rolltreppe hinüber und lief sie hinunter, vorbei an ord­nungsgemäß auf einer Seite aufgereihten Angestellten, Paaren und Familien, die nicht ahnten, in welcher Gefahr sie schwebten.

„Ich bin draußen!“, raunte sie in das kleine Mikrofon, das an den Kabeln der Ohrhörer baumelte. Trotz ihres Zwischenspurts war sie kaum außer Atem. Das regelmäßige Jogging zahlte sich aus.

„Hab dich!“, erwiderte Tayos Stimme. Instinktiv wanderte Yukis Blick nach oben, als hätte sie die Stachelfrisur des Teenagers aus dieser Entfernung sehen können. Tayo befand sich, ausgestattet mit einem Fernglas, seinem Mobiltelefon und wahrscheinlich einer Packung Donuts, weil sie die im Fernsehen anscheinend bei Ob­servierungen immer dabeihatten, irgendwo in den Dachgärten, wel­che die neunte Etage krönten.

Yuki zwang sich zu einem langsameren Gehtempo, als sie sich in die Richtung bewegte, in der sie die verdächtige Person bemerkt hatte. Mühelos glitt sie durch den Strom von Menschen, die aus dem Büro nach Hause gingen, durch die Geschäfte bummelten, ins Kino gehen oder in einem der zahlreichen Restaurants einkehren wollten. Es war ein früher Mittwochnachmittag, beileibe nicht die Zeit des Tages, zu der hier Hochbetrieb herrschte, und trotzdem standen immer noch mehrere tausend Menschenleben auf dem Spiel, wenn man neben den Besuchern des großen Einkaufszen­trums auch die Belegschaft der ebenfalls zu dem Komplex gehö­renden Bürogebäude einbezog.

Ein Bombenanschlag auf Namba Parks – was für eine beängsti­gende Vorstellung!

„Du vertraust deiner Quelle, Professor?“, fragte sie leise, wäh­rend sie die Entgegenkommenden scannte, ihre Körpersprache analysierte, nach Anzeichen von Anspannung und finsteren Ab­sichten suchte.

„Hundert pro“, erwiderte Tayo ohne Zögern. „Daisuke hat einen Funkspruch der Bösewichte mitgehört.“

Yuki verzichtete für den Moment darauf, ihn zu belehren, dass „Bösewichte“ eine denkbar unzureichende Beschreibung für mut­maßliche Terroristen war, und fragte stattdessen: „Mitgehört? Ar­beitet er für einen Geheimdienst?“

„Nein, er fängt einfach unkontrolliert Radiowellen auf. Mit sei­nem Kopf.“

Noch vor wenigen Jahren hätte Yuki eine solche Aussage als Spinnerei abgetan. Doch mittlerweile hatte sie zu viele bemerkens­werte Gaben mit eigenen Augen gesehen. „Verstehe. Da bekommt er sicher so einiges mit.“

„Na ja“, antwortete Tayo. „Die meiste Zeit nur verrauschte Radio­sender. Vor allem J-Pop, sagt er… Was ist los?“ Von seiner er­höhten Position aus hatte er mitbekommen, dass Yuki stehenge­blieben war.

„Da drüben auf der Sitzbank vor dem Beet mit den Grün­pflanzen. Neben dem Durchgang zum Parks Cinema.“

„Vor dem Baby One?“

„Ja, genau. Der Typ mit der gelockerten Krawatte. Das ist er, ganz sicher. Seine ganze Haltung schreit es förmlich heraus.“ Das wiederum war ihre Gabe: in den unbewussten Muskelbewegungen anderer Menschen zu lesen wie in einem offenen Buch. „In dem Aktenkoffer muss die Bombe sein. Er hat ihn auf dem Boden ab­gestellt und traut sich jetzt kaum noch, auch nur in seine Richtung zu gucken. Der Inhalt flößt ihm eindeutig Angst ein.“

„Wir müssen ihn festhalten und den Koffer sicherstellen!“, sagte Tayo.

Natürlich hatte niemand ihnen die Autorität verliehen, so etwas zu tun. Sie waren schließlich nicht die Polizei, worauf ganz beson­ders die Polizei sie auch schon mehrmals hingewiesen hatte. Trotz­dem widersprach Yuki nicht. Es war nicht das erste Mal, dass eine Bedrohung so immanent war, dass sie auf das Erscheinen der zu­ständigen Behörden nicht warten konnten.

„Du hast die Polizei aber schon informiert, oder?“, fragte Yuki in einem kurzen Anflug von Misstrauen.

„Klar, über den Notruf und sogar über meinen direkten Kanal zu Honma-san!“ Honma war eine hiesige Polizeibeamtin, und der „di­rekte Kanal“ war Tayos Mutter, mit der Honma nämlich sowas wie eine virtuelle Brieffreundschaft pflegte. „Und die haben meinen Hinweis auch pflichtschuldig aufgenommen und mir versichert, man werde dem nachgehen und die Kontrollen verstärken.“

„Na dann.“ Sieht so aus, als wären wir mal wieder auf uns allein gestellt.

„Ich wähle nochmal den Notruf und komme dann zu dir. Halt du so lange die Stellung und pass auf, dass unser Mann nicht das Weite sucht.“

Yuki lehnte sich scheinbar lässig an eine Steinsäule. „Verstanden. Aber beeil dich besser. Die Bombe könnte jederzeit hochgehen.“ Sie flüsterte, damit keiner der Passanten es zufällig mitbekam und eine Panik ausbrach. Oder, noch schlimmer, der Attentäter selbst.

„Bis gleich, Spectre. Pass auf dich auf!“ Damit trennte er die Ver­bindung, und merkwürdigerweise kam sich Yuki daraufhin tatsäch­lich einsamer vor – alleingelassen im Angesicht einer tödlichen Ge­fahr.

Aber mittlerweile war Yuki die Gefahr ziemlich vertraut.

Tayos Observierungsposition in der Nähe des Restaurants „Rooftop BBQ“ war ideal, um mit Hilfe eines Fernglases die ganze Umgebung im Auge zu behalten. Wenn nötig, bis hinüber zur Bahnstation Namba. Nicht so ideal war der lange Weg zurück nach unten.

Tayo rief mehrmals „Aus dem Weg!“ und noch häufiger „Ent­schuldigung!“, während er die Treppen hinunterstürmte, mitunter zwei Stufen auf einmal nehmend, und brauchte trotzdem mehrere Minuten bis zur Promenade, und anschließend noch eine halbe, um seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Da Spectre ihn in der Zwischenzeit nicht kontaktiert hatte, ging er davon aus, dass sich an der Situation nichts geändert hatte und der Schurke weiterhin an Ort und Stelle ausharrte. Also machte er sich auf den Weg, in einer Geschwindigkeit, die sich gerade so noch nicht als Rennen bezeichnen ließ.

Das Besondere an Namba Parks war die geschwungene Gestal­tung der Gebäudefronten, die sich links und rechts erhoben und den Eindruck vermittelten, man laufe durch einen Canyon. Sie wa­ren deshalb ein beliebtes Fotomotiv, und teilweise waren geeignete „Fotospots“ sogar explizit ausgeschildert. Diesen Umstand machte sich Spectre zunutze, indem sie so tat, als sehe sie sich aufmerksam um und halte die Fassaden aus jedem nur erdenklichen Blickwinkel bildlich fest. Anscheinend war es ihr auf diese Weise gelungen, dass sich der Verdächtige immer noch unbeobachtet fühlte. Jedenfalls waren beide noch da, wo Tayo sie aus der Vogelperspektive gese­hen hatte.

Bemüht gelassen schlenderte er zu Spectre hinüber und stellte sich neben sie. Obwohl er inzwischen schon auf die siebzehn zu­ging, war sie immer noch ein paar Zentimeter größer als er, auch wenn man das wegen seiner haargelintensiven Igelfrisur auf den ersten Blick nicht wahrnahm. Bald merkt man uns die zwanzig Jahre Altersunterschied auch äußerlich nicht mehr an, dachte er zufrieden. Bei ihren Operationen waren sie ohnehin von Anfang an gleichwertige Partner.

„Alles klar?“, fragte er leise.

Sie nickte knapp. „Du kommst gerade noch rechtzeitig. Er wird gleich weggehen und den Koffer stehen lassen.“

Tayo fragte nicht, woher sie das wusste. Spectre vermochte zu sehen, was andere zu tun vorhatten, bevor sie es taten. Manchmal glaube Tayo sogar: bevor sie selbst wussten, dass sie es zu tun vor­hatten.

Und tatsächlich: Wenige Sekunden später erhob sich der Mann in seinem schlechtsitzenden, verknitterten Jackett, steckte die Hände tief in die Hosentaschen und ging schnurstracks in Richtung des Bahnhofs davon. Wenn man ihn genau beobachtete, dann lief er ein klein wenig zu zügig, als fliehe er vor irgendetwas.

„Los!“, sagte Tayo überflüssigerweise, denn Spectre war bereits zwischen den in aller Seelenruhe umherflanierenden Menschen hindurchgeschlüpft, hatte mit wenigen, schnellen Schritten den Abstand zwischen ihr und dem Terroristen auf eine Armeslänge reduziert und tippte ihm von hinten auf die Schulter, just als die Schrittgeräusche hinter ihm ihn veranlassten, sich umzudrehen.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte Spectre liebenswürdig. „Sie ha­ben Ihren Koffer vergessen!“

Selbst Tayo, der keine besondere Begabung dafür besaß, konnte sehen, wie es hinter dem Gesicht des Mannes arbeitete. Sein Blick war fahrig, die Augen zischten nervös hin und her, und eine Haar­strähne klebte auf seiner schweißnassen Stirn fest. Er befeuchtete die Lippen mit der Zunge und antwortete: „Ähm, oh, vielen Dank, das ist wirklich aufmerksam von Ihnen. Ich werde, ähm…“ Er machte einen unsicheren Schritt auf die Bank zu, auf der er bis eben gesessen hatte, blieb dann abrupt stehen und starrte in die Ferne.

Tayo wandte den Kopf, um zu erkennen, was er da ansah, und bemerkte die rotierenden roten Lichter von Polizeiwagen vor dem Eingang am anderen Ende der Ladenzeile. Oh Mann, ausgerechnet jetzt!

Der Mann zögerte kurz, dann drehte er sich um und rannte in die entgegengesetzte Richtung davon. Spectre ließ sich davon selbst­redend nicht überraschen, war sofort bei ihm und packte ihn an den Armen, hielt jedoch im nächsten Moment bloß sein Sakko in den Händen. „Verdammt!“ Über die Schulter rief sie Tayo zu: „Stell du den Koffer sicher! Ich hol mir den Kerl!“ Damit nahm sie die Verfolgung auf und verschwand zwischen den Passanten.

Tayo sah Spectre nach und musste, unangemessen oder nicht, wahrhaftig schmunzeln. Sie kann sich gegen die Bezeichnung wehren, wie sie will – sie ist eine Superheldin!

Dann wandte er sich dem Koffer zu und erschrak bis ins Mark: Ein Junge, höchstens im Grundschulalter, hatte ihn neugierig her­vorgezogen und war gerade im Begriff, ihn auf die Bank zu hieven.

„BIST DU WAHNSINNIG?“, fuhr Tayo ihn an. „STELL DAS SOFORT WIEDER HIN!“

Das Kind erschrak derart, dass es den Koffer fallenließ.

Der Aktenkoffer knallte auf den Boden, und der Verschluss sprang auf.

Ach du Schei— „SCHNELL, WEG DA!“

Outback, Australien

Sarah Maxwell saß an einem Klapptisch, der zwar im Schatten ihres Zeltes stand, dessen weiße Kunststoffoberfläche aber dennoch be­reits spürbar aufgeheizt war. Man fühlte den Sommer nahen, der die Temperaturen schon jetzt in der Spitze auf 28 Grad Celsius trieb und schon in einem oder zwei Monaten wieder 35 Grad und mehr mit sich bringen würde.

Sarah trug zum Schutz eine Sonnenbrille und ein Kopftuch, beugte sich über einen eng bedruckten Bogen Papier und schrieb mit Bleistift Korrekturen und Nachfragen an den Rand. Ein Stapel von mehreren hundert Seiten lag schon fertig redigiert zu ihrer Lin­ken, ein noch höherer, noch unbearbeiteter zu ihrer Rechten, je­weils beschwert durch einen großen Stein, damit sie nicht davon­wehten.

Jemand zupfte an ihrem Hosenbein. „Was machst du da, Mama?“

Ihr Sohn Nick schaute aus großen blauen Augen zu ihr herauf. Unter dem beigefarbenen Mützchen mit der Aufschrift „Bush Ranger“ lugte blondes, von der Sonne zusätzlich ausgebleichtes Haar hervor. In den Armen hielt er ein etwas plumpes, zotteliges Plüschtier, das auf den ersten Blick wie eine zu groß geratene Ratte aussah, nur ohne Schwanz und mit plattgedrückter Nase.

„Ich lese ein Buch über eine Krankheit namens Diabetes“, er­klärte sie ihm.

Nick runzelte die Stirn. Da er mit dem Begriff Diabetes nichts anfangen konnte, konzentrierte er sich auf die Dinge, mit denen er sich auskannte: „Das ist doch kein Buch!“

„Noch nicht!“, sagte Sarah und zwinkerte ihm zu. „Es soll mal eins werden. Jemand – ein Arzt aus Melbourne – hat es geschrie­ben, und ich gucke jetzt, ob er auch alles richtig gemacht hat.“ Die Arbeit als Lektorin für medizinische und chemische Fachbücher war nicht wahnsinnig gut bezahlt, hatte aber den unbestreitbaren Vorteil, dass sie sie sogar im abgelegensten Home-Office der Welt ausführen konnte und keine elektrischen Geräte dafür benötigte.

„Wenn er was falsch gemacht hat“, verkündete Nick, „muss er es so lange versuchen, bis es richtig ist!“ Das war eine von vielen Lebensweisheiten, die er von Kamballa aufgeschnappt hatte, sozu­sagen ihrer Nachbarin – der Aborigine, die in dem Tipi fünf Meter weiter lebte und sich vor mehr als drei Jahren der beiden weißen Großstädter angenommen hatte.

„Und was machst du?“, drehte Sarah den Spieß um.

„Ich gehe mit Willy auf eine Expedition!“ Hinter dem ziemlich dreckigen Stofftier zog er einen uralten Feldstecher hervor, der an einem Band um seinen Hals baumelte, und aus der Hosentasche fummelte er einen Kompass, um ihn Sarah direkt vor die Nase zu halten.

„Ah. Wohin denn?“

Nick zeigte mit ausgestrecktem Arm irgendwo nach links. „Da­hin!“, antwortete er aus voller Überzeugung und so bitterernst, dass sich Sarah ein Lachen kaum verkneifen konnte. „Wir suchen nach Willys Familie! Vielleicht finden wir frische Spuren!“

„Na dann viel Erfolg!“, sagte Sarah und strich ihrem kleinen For­scher über den Kopf. „Aber bitte die frischen Spuren nicht auf­essen, ja?“

„Natürlich nicht!“, empörte sich Nick. „Das sind doch Beweise!“ Damit rannte er hinüber zu einem Flecken des trockenen Bodens, der mit bräunlichem Stachelkopfgras bewachsen war, und schleifte Willy durch den Sand hinter sich her.

Willy sollte ein Wombat sein, auch wenn wahrscheinlich jeder Zoologe darüber nur den Kopf geschüttelt hätte. Tante Valeryhatte die Kreatur auf irgendeinem Flohmarkt aufgetan, und Nick liebte sie heiß und innig. Sowieso war er seit mehreren Monaten von den Beuteltieren völlig fasziniert, nachdem er beim Spielen ihre Ausscheidungen gefunden und verblüfft festgestellt hatte, dass sie die Form kleiner Würfel besaßen. Stolz hatte er sie aufgesammelt und zu Hause vorgezeigt, was Kamballa zum deftigen Ausruf „Ha! Kubikkacke!“ veranlasst hatte und Sarah dazu, ihren Sohn eine halbe Stunde in einer Plastikwanne zu schrubben und die Klamot­ten, die er an dem Tag angehabt hatte, direkt wegzuschmeißen.

Sie beugte sich wieder über das Manuskript, beobachtete jedoch aus dem Augenwinkel noch eine ganze Weile ihren Jungen: wie er von hier nach dort lief, Staubwolken hinter sich herziehend. Sich hinwarf, um konzentriert auf den Boden zu starren. Wieder auf­sprang und durch den Feldstecher in die Ferne guckte, als gäbe es da irgendetwas zu sehen außer der öden Leere des Outbacks. Sich hinter die vereinzelten Grasbüschel kauerte und sich vorstellte, es wäre ein Tropenwald.

Wenn er so spielte, hätte man ihn beinahe für ein ganz normales Kind halten können.

An diesem Tag war Kamballa mit dem Kochen an der Reihe. Die ungleiche, ja, Familie hatte es sich angewöhnt, die warme Haupt­mahlzeit abends zu sich zu nehmen, weil es mittags sowieso viel zu heiß dafür war, und die beiden Frauen wechselten sich mit der Zu­bereitung ab. Kamballa besaß einen winzigen Gasherd mit zwei Kochplatten und riesige gusseiserne Pfannen und Töpfe, die kaum darauf passten. Bekleidet mit einem ihrer traditionellen, bunten Wickel­röcke, Körperbemalung und nicht sehr viel mehr, saß sie im Lotussitz vor ihrem Luxus-Campingkocher und rührte mit einem Holzlöffel in den Kochtöpfen, würzte kräftig mit allerlei vielfarbi­gen Gewürzen nach, die sie in Tupperdosen aufbewahrte, und schmeckte so oft schmatzend ab, dass Nick sie irgendwann ernst ansah und sagte: „Nicht alles alleine aufessen!“

Er liebte den Duft der getrockneten Kräuter und angebratener Zwiebeln und sprang während des Kochens stets kreuz und quer durch Kamballas Zelt.

Damit waren beide so beschäftigt, dass sie das Dröhnen des Mo­tors und das Knirschen der Reifen gar nicht bemerkten. Sarah hin­gegen hatte die nahenden Geräusche mit dem Beschützerinstinkt einer Mutter sofort gehört und schlüpfte durch das Tierfellimitat, das als Eingangstür diente, nach draußen.

In einer Staubwolke kam ein schwerer Truck auf sie zu. Ein ame­rikanisches Modell aus den Siebzigern, fünfzehn Meter lang, klapp­rig und rostig und röchelnd und so umweltschonend wie ein Braun­kohlekraftwerk auf Rädern. Aber dafür mit einem Minimum an Elektronik ausgestattet und mit genügend Stauraum, um ausrei­chend viele Ersatzteile mitzuführen, sollte sich diese Elektronik doch einmal verabschieden, beispielsweise in Folge eines elektro­magnetischen Pulses.

Sarah entspannte sich und realisierte erst da, dass sie sich instink­tiv flucht- oder vielleicht auch kampfbereit gemacht hatte.

Stotternd und spuckend kam das Gefährt zum Stehen. Als der Motor abgeschaltet wurde, klang es wie die letzten Atemzüge eines verendenden Büffels. Dann flog die Fahrertür auf und Valery Sey­mour kletterte heraus. Ihre Hautfarbe zeugte von ihrer Abstam­mung von den australischen Ureinwohnern, die Tätowierungen an ihren Armen, ihrem Nacken und wahrscheinlich auch dem Rest ih­res von Jeans und schlabbrigem T-Shirt bedeckten Körpers von einer Vorliebe für Rockmusik und ihre tiefe, kehlige Stimme von fünfzehn Jahren Kettenrauchen. „Hi Sarah“, grüßte sie brummig, während sie sich eine Zigarette anzündete. Nach zwei tiefen Zügen hatte sich ihre Laune aber schon wieder gebessert. „Was gibt’s Neues hier draußen im Niemandsland? Sind neue Grashalme ge­wachsen? Ist ein Vogel vorbeigeflogen? Habt ihr neue Sand­vorkommen entdeckt oder gar noch mehr Wombatschei—"

„Tante Valery!“, rief Nick strahlend, schoss aus dem Zelt und hing im nächsten Moment an Valerys Beinen.

„NICKY!“, rief Valery theatralisch zurück, konnte ein versonne­nes Lächeln jedoch nicht verbergen, als sie ihm den Kopf tätschelte (gleichzeitig mit der anderen Hand allerdings weiterrauchend, um nichts von dem guten Nikotin zu vergeuden).

„Hast du mir was mitgebracht?“, fragte Nick mit dem kindlichen Fokus auf das Wesentliche.

„Nick!“, maßregelte ihn Sarah. „Das ist unhöflich.“

„Aber wenigstens ehrlich“, wandte Valery ein. Dann schaute sie nach unten in Nicks erwartungsvolles Gesicht. „Ich schau mal nach, was ich heute für euch in meinem Truck habe. Ho, ho, ho!“

„Schreib noch ‚Coca Cola‘ auf die Seiten“, schlug Sarah vor, „dann hält man dich für den Weihnachtsmann.“

„Das ist sehr traurig“, erwiderte Valery mit schlecht gespielter Entrüstung, während sie zur Ladeluke hinüberging, „dass du her­einfällst auf die Kommerzialisierung dieses alteinher gebrachten, christlichen Festes, an dem es doch um Liebe und Besinnlichkeit… Okay, Spaß beiseite, wer will Geschenke?“ Sie hob einen großen Umzugskarton von der Ladefläche.

„ICH, ICH!“, quietschte Nick.

„ICH, ICH!“, quietschte Kamballa mit, die wie aufs Stichwort ebenfalls nach draußen gekommen war.

Valery grinste. „Hallo Oma!“

Kamballa umarmte sie fest, lächelte ihr zu und sagte dann: „Jetzt aber genug mit der Gefühlsduselei. Ich hab gehört, hier gibt’s was umsonst?“

Valery stellte den Karton ab, und keine drei Sekunden später hing Nick kopfüber hinein. „Bücher!“, stellte er fest. „Das sind Bücher!“ Er landete wieder auf den Füßen. „Sind da auch welche über Wom­bats dabei?“

„Ich glaube, leider nicht“, gab Valery zu. „Aber zumindest einige Bildbände. Viele Fotos, wenig Text.“

„Cool!“

„Hast du eine Bücherei überfallen?“, fragte Kamballa.

„Diesmal nicht!“, antwortete Valery. „Das meiste davon gehört Charles. Als er damals überstürzt nach Amerika übergesiedelt ist, hat er alles, was er nicht dringend mitnehmen musste, in meinem Keller untergebracht. Aber den brauche ich für ein eigenes Projekt, das immer mehr Platz einnimmt, also dachte ich…“

„…du lädst den Müll stattdessen bei mir ab“, vollendete Kam­balla den Satz.

Valery zuckte mit den Schultern und widersprach nicht. „Genug freie Fläche hast du hier ja wohl.“ Nick hatte derweil bereits ein­zelne Bücher aus der Kiste gefischt, um sie wahllos auf irgendeiner Seite aufzuschlagen, dann doch desinteressiert zur Seite zu legen und zum nächsten zu greifen. „Charles“, sagte Valery, „lässt übri­gens schön grüßen.“

„Wie ergeht es deinem Bruder in den Staaten?“, fragte Sarah.

Erneutes Schulterzucken. „Gut, denk ich mal. Solange er einmal im Monat anruft, können wir davon ausgehen, dass er noch nicht wegen seiner Hautfarbe bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurde.“ Dann wandte sie sich wieder Kamballa zu: „Ach so, ich hab neben den Büchern natürlich auch frische Vorräte dabei. Ich weiß ja, das Sortiment eurer Supermärkte hier draußen…“

„Die könnt ihr später ausladen“, entschied Kamballa, womit sie zugleich klarstellte, dass sie a) nicht vorhatte, dabei zu helfen, und b) es auch nicht für nötig hielt, sich zu bedanken. Das waren die Privilegien des Alters. „Jetzt deckt erst einmal den Tisch. Du bleibst doch zum Essen, Val?“

Valery trat ihre Zigarette aus, von der nicht viel mehr als der Filter übrig war. „Kommt drauf an. Hast du wieder so ein seit Jahr­hunderten von Generation zu Generation weitergegebenes Stammes­gericht gekocht, das auch genau so schmeckt, als sei es seit Jahrhunderten herumgereicht worden? So ein traditionelles Ur­einwohner-Essen?“

Kamballa rümpfte pikiert die Nase. „In der Tat. Ein traditionelles Essen der Ureinwohner, bloß nicht der von diesem Konti­nent.“

„Es gibt Nudeln mit Tomatensoße!“, verkündete Nick mit brei­tem Grinsen. Über dem Auftauchen des Besuchs hatte er das Abendessen glatt vergessen, aber jetzt sprintete an allen vorbei als Erster ins Zelt und rief: „Ich hol schon mal die Teller!“

Valery sah ihm mit hochgezogenen Augenbrauen nach. „Ein quietschfideles Bürschchen, was?“

„Ja“, schmunzelte Sarah. „Zum Glück.“

„Und seine… Ausbrüche?“

Sarah seufzte. „Sind sehr viel seltener geworden. Nur ab und zu, wenn er sich wehtut oder einen Wutanfall bekommt oder Angst hat…“

„…kann ich mir ein neues Radio kaufen“, grummelte Kamballa, auf halbem Wege zu ihrem Tipi.

Sarah verzog das Gesicht. „Das kommt inzwischen höchstens alle paar Monate vor…“

„Na ja“, meinte Valery, „das ist doch schon mal ein Fortschritt. Und hier draußen richtet ein gelegentlicher EMP ja auch nicht sooo großen Schaden an.“ Was ja auch genau der Hintergedanke bei ih­rer ungewöhnlichen Wohnsituation war.

„Mag sein“, sagte Sarah unsicher. „Trotzdem. Wir können ja nicht ewig hier bleiben. Nick kann doch nicht ewig hier bleiben. Wie soll er denn so jemals ein normales Leben führen können…?“

Sie sah Valery an, und die schaute zurück, wusste jedoch offen­sichtlich nicht, was sie darauf Aufbauendes hätte entgegnen sollen. Also schwiegen sie sich einige Sekunden an, bis Sarah sich räus­perte und mit einer Hand über die Augen wischte, um aufsteigende Tränen im Keim zu ersticken. „Wie dem auch sei.“ Sie lächelte tap­fer. „Du hast also mit Charles telefoniert, ja? Hat er zufällig was von Adam erzählt?“

Valery schnaubte abfällig. Sie hatte eine klare Meinung über den Mann, mit dem Sarah immer noch verheiratet war, wenn auch im Grunde nur noch auf dem Papier. Sie hatten seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. „Nö“, sagte sie lapidar. „Kein Wort. Ich schätze mal, bei dem feinen Herrn Doktor, der seine Familie in die Wüste schickt und irgendwo am anderen Ende der Welt rumhängt, anstatt ihr beizustehen, ist alles wie gehabt.“

Sarah nickte nur und sagte nichts. Aber insgeheim dachte sie: Re­dest du jetzt von meinem Mann oder von deinem Bruder?

Washington D.C., USA

Das I&A, sozusagen die Geheimdiensttochter von Homeland Security, hatte Wort gehalten – was bei einer amerikanischen Regierungsorganisation nach allem, was man so hörte, nicht selbst­verständlich war. Seit Adam Maxwell in seinen Diensten stand, hatte man ihm ein Forschungslabor auf dem neuesten Stand der Technik zur Verfügung gestellt, das sich in einem eher unschein­baren Bürogebäude im Regierungsbezirk, an der 2nd Street nahe der Union Station, verbarg. Im Aufzug wurde sein Reich profan als „Scientific Medical Facility“ ausgewiesen, aber wer die entspre­chende Etage betreten wollte, musste zunächst eine gründliche Überprüfung durch zwei Wachmänner, einen Metalldetektor und eine Phalanx von Überwachungskameras über sich ergehen lassen; auch wenn de facto die Mitarbeiter des I&A und die Putzkolonne die einzigen waren, die sich je hierher verirrten.

Adams Team umfasste neben ihm selbst vier Leute, alles junge, hochmotivierte Wissenschaftler, die besser bezahlte Angebote aus der freien Wirtschaft ausgeschlagen und sich stattdessen für eine Behördenlaufbahn entschieden hatten, was Adam gleichermaßen patriotisch wie dämlich fand. Nur zwei der vier waren im Übrigen gebürtige Amerikaner. Die Taiwanesin Tsai und der Israeli Hazan – Adam hatte sich nie die Mühe gemacht, sich zu merken, ob es sich dabei um ihre Vor- oder ihre Nachnamen handelte – waren schon in frühester Kindheit in die Staaten immigriert und umso entschlossener, ihrem neuen Vaterland etwas zurückzugeben und sich seiner würdig zu erweisen. Sie kamen stets als erste und gingen als letzte, abgesehen von Adam, der manchmal wochenlang über­haupt nicht kam oder ging, sondern auf einer Luftmatratze in sei­nem Büro schlief. Mangelnden Einsatz konnte man also keinem seiner Mitarbeiter vorwerfen; trotzdem kam ihre Arbeit bestenfalls schleppend voran. Jeder Tag war ein langwieriges, aufwändiges Stochern im Nebel, ein Fischen im Trüben.

Denn auch wenn das menschliche Genom schon seit Anfang des Jahrtausends theoretisch „entschlüsselt“ war, wie das Human­genomprojekt und die Medien es nannten, bedeutete das in der Praxis nur, dass man die zwanzig- oder fünfundzwanzigtausend menschlichen Gene identifiziert und kartografiert hatte. Mit ande­ren Worten, man wusste zwar, welche Gene es gab und wo sie sich befanden, aber in den allermeisten Fällen hatte immer noch nie­mand eine Ahnung, wozu sie im Einzelnen eigentlich gut waren.

Die Suche nach den Genen, die aus normalen Menschen tickende Zeitbomben mit unnatürlichen, gefährlichen Fähigkeiten machten, glich deshalb der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heu­haufen. Versuch und Irrtum. Die meisten großen wissenschaftlichen Entdeckungen mochten auf diese Weise zustande gekommen sein, aber das machte es nicht weniger frustrierend.

Adam schliff sozusagen gerade seine Genschere, als Tsai den Kopf zur Tür hereinsteckte. Ursprünglich war das Labor als gro­ßer, offener Bereich angelegt gewesen, „um den Ideenaustausch und die Kommunikation im Team zu fördern“, doch Adam hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen eine Wand einziehen lassen, um für sich selbst einen Raum abzutrennen, in dem er in Ruhe ar­beiten konnte. Theoretisch zumindest, denn Störungen wie diese waren an der Tagesordnung. „Gehen Sie ruhig ohne mich essen“, sagte er, ohne aufzublicken.

„Sie wissen schon, dass wir vier Uhr nachmittags haben, Dr. Max­well?“, erwiderte Tsai, nach nunmehr zweieinhalb Jahren Zusam­menarbeit nur noch mild irritiert. „Ah, Sie verfolgen weiterhin den CRISPR/Cas-Ansatz, um die DNS der Anomalen umzuschreiben und dabei gezielt Gene zu deaktivieren? Konnten Sie schon Fort­schritte erzielen?“

„In der Petri-Schale funktioniert das Verfahren bereits einwand­frei“, entgegnete Adam beiläufig. „Jetzt müsste es nur noch gelin­gen, dass das Subjekt nicht innerhalb kürzester Zeit stirbt.“ Er warf ihr aus dem Augenwinkel einen Blick zu und fuhr parallel damit fort, farblose Flüssigkeiten in Pipetten aufzuziehen und auf Schäl­chen zu verteilen. „Aber die Befriedigung Ihrer Neugier können wir sicherlich auf das wöchentliche Jour Fixe vertagen.“

„Das war gestern. Sie waren nicht da.“

Adam verharrte nur kurz in seinem Tun. Sah zu ihr auf und sie ausnahmsweise direkt an. Ihr Gesicht und ihr Tonfall waren aus­druckslos, sie erlaubte sich nicht den Hauch eines Vorwurfs und auch keine Sorge oder Verärgerung. Wie ein Roboter, schoss es Adam durch den Kopf. Made in Taiwan, haha. Er war definitiv übermüdet. Vielleicht sollte er nächste Nacht doch mal wieder mehr als vier Stunden schlafen. Wenn ihm denn rechtzeitig auffiel, dass es Nacht geworden war.

„Dr. Maxwell?“

Er blinzelte. Seine Lider glitten über seine Augäpfel wie Schmir­gelpapier. „Wie bitte?“

„Ich sagte, ich bin nicht aus Neugier gekommen, sondern weil Mr. McAllister in Ihrem Büro auf Sie wartet.“

Adam richtete sich auf und legte die Pipette zur Seite. „Was denn, habe ich heute einen Termin mit ihm?“

„Sie wissen schon, dass ich nicht Ihre Sekretärin bin, Doktor?“, erinnerte ihn Tsai, erneut in vollkommen neutralem Tonfall. Und damit ging sie auch schon wieder zurück an ihre Arbeit. Was auch immer das gerade konkret sein mochte.

Adam räumte seine Proben beiseite, wusch sich an dem kleinen Waschbecken die Hände, spritzte sich großzügig kaltes Wasser ins Gesicht, um ein klein wenig wacher auszusehen, und ging dann mit weiten, dynamischen Schritten zu seinem Büro hinüber.

Auf den wenigen Metern rauschte er an Peter Hoffman vorbei, einem rothaarigen, sommersprossigen Endzwanziger mit dicken Brillengläsern und einem gelblichen Soßenfleck auf seinem weißen Kittel. Zumindest wusste man bei seinem Namen, wo vorne und wo hinten war. „Ähm“, setzte er an und deutete mit dem Daumen über die Schulter Richtung Bürotür, „da sind—“

„Ja“, unterbrach ihn Adam, „ich weiß, hab’s schon gehört!“

Er hatte die Tür forsch aufgerissen und war hindurchgestürmt, ehe ihm bewusst wurde, dass Hoffman im Plural gesprochen hatte.

„Da sind Sie ja endlich!“, brummte Gregory McAllister. Der ehe­malige Marine-Offizier mit dem ergrauten Bürstenhaarschnitt und der umfangreichen Kollektion zu klein geratener, billiger Anzüge hatte sein Jackett abgelegt, die Hemdsärmel hochgekrempelt und stützte sich mit seinen gepflegten, aber grobschlächtigen Pranken auf eine der wenigen freien Stellen von Adams größtenteils mit Bü­chern, Ausdrucken und Papierkram bedeckten Schreibtisch.

„Dr. Maxwell! Wie schön, dass Sie Zeit für uns gefunden haben.“ Victoria Jordan nutzte freundlicher klingende Worte, ihre Stimme allerdings klang dabei kein bisschen freundlicher. Anders als McAllister, der alle paar Wochen für ein Statusupdate vorbeikam, auch wenn der Status in Wahrheit seit Jahren kein Update mehr erfahren hatte, hatte Adam Dr. Jordan erst drei oder vier Male ge­sehen. Wie bei jeder dieser Gelegenheiten war sie auch heute in ein klaustrophobisch eng anliegendes Businesskostüm gehüllt, das ebenso streng und zugeknöpft wirkte wie sie selbst, aber deutlich faltenfreier war. McAllisters Vorgesetzter sah man am Gesicht an, dass sie kurz vor der Pensionierung stand; wobei sie der Typ Mensch zu sein schien, der trotzdem weiterarbeiten würde, bis je­mand den Sargdeckel über ihr zunagelte.

Dass Jordan hier war, bedeutete jedenfalls, dass dies keine der üblichen Stippvisiten war.

„Was ist passiert?“, fragte Adam direktheraus.

Jordan, die zuvor staatsmännisch aus dem Fenster geschaut hatte, drehte sich nun mit dem Anflug eines spöttischen Lächelns zu ihm um. „Sie haben sich nicht verändert, Dr. Maxwell.“

Dann nickte sie McAllister zu, der den Wink sogleich aufnahm und eine altmodische, abgegriffene Pappmappe aus seinem Akten­koffer holte und sie Adam entgegenstreckte.

Die beiden schwiegen und gaben Adam Zeit, die Mappe aufzu­klappen und die verschwommenen, mit niedriger Auflösung bei schlechten Lichtverhältnissen aufgenommenen Fotos zu sichten, die sich darin befanden. Sie zeigten der Reihe nach: einen Schatten, der gerade über einen mehrere Meter hohen Sicherheitszaun sprang; drei Schemen, die in konfrontativer Pose beieinander­standen, und einen Lichtfleck, der mutmaßlich von einer abge­feuerten Schusswaffe herrührte; und eine Gestalt, die einen ton­nenschweren Frachtcontainer in die Höhe stemmte.

„Ein Anomaler?“ Die Qualität der Bilder war miserabel, praktisch aus der Kategorie „UFO-Sichtung“, aber wenn McAllister sie extra persönlich vorbeibrachte, musste er von ihrer Authentizität über­zeugt sein. „Woher stammen diese Aufnahmen?“

„Von Überwachungskameras an einem Hafen in Griechenland“, antwortete McAllister. „Die Bilder sind noch keine vierundzwanzig Stunden alt. Und den Großteil dieser Zeit haben unsere Grafik-Forensiker gebraucht, damit man überhaupt was darauf erkennen kann. Es ist viel Interpolation dabei, aber es reicht, um zu sehen, worauf es ankommt.“ Er kam um den Schreibtisch herum und stand Adam nun direkt gegenüber. „Es hat angefangen, Maxwell!“, sagte er ernst, die buschigen, fast verschmelzenden Augenbrauen tief herabgezogen. „Sie agieren nicht länger im Verborgenen. Dies ist der erste dokumentierte Fall, in dem sie ihre Fähigkeiten genutzt haben, um Menschen anzugreifen und zu verletzen, von der offen­bar geplanten, systematisch durchgeführten Sachbeschädigung ganz zu schweigen.“

Adam gab die Mappe zurück. „Was wissen Sie über diese Per­son?“

McAllister schnaubte. „So gut wie nichts. Die Aufnahmen sind immer noch zu unscharf, um viel mehr auszumachen als seine Kör­pergröße und dass es sich um einen Mann handelt. Aber wenn wir berücksichtigen, mit welcher Zielstrebigkeit vorgegangen wurde, müssen wir davon ausgehen, dass dies weder der erste noch der letzte seiner Übergriffe war.“ Er klatschte die Mappe schwungvoll auf den Schreibtisch. „Wir müssen diesen Mann aufspüren und aufhalten. Er ist unser erstes und oberstes Ziel. Zielperson T0.“

„Zielperson?“, wiederholte Adam. „Das hier ist eine Forschungs­einrichtung—“

„Ab sofort nicht mehr!“, widersprach ihm McAllister. „Wir sind die erste Verteidigungslinie gegen einen unsichtbaren Feind!“ Er atmete geräuschvoll aus, öffnete die Hände, die er instinktiv zu Fäusten geballt hatte, und fuhr in geschäftsmäßigerem Ton fort: „Die entsprechenden Mittel sind bereits genehmigt. Wir bauen Ihr kleines Projekt aus zu einer Task Force. Sie werden den wissen­schaftlichen Zweig leiten und ich den operativen. Ich schütze die Menschen vor weiteren Vorkommnissen wie diesem, ich finde T0 und jeden anderen Anomalen, der mit seinen Fähigkeiten unsere Gemeinschaft attackiert, zu unterminieren oder zu zersetzen ver­sucht. Und Sie finden einen Weg, die gefährlichen Elemente, die ich festnehme, unschädlich zu machen.“

Adam lachte humorlos auf. „Was glauben Sie denn, was ich hier seit dreieinhalb Jahren versuche? Aber es ist nun einmal schwierig, einerseits die Wirksamkeit und andererseits die gesundheitliche Unbedenklichkeit einer Therapie zu überprüfen, wenn man sie nur an Gewebe- und Blutproben und Laborratten testen kann, die im Übrigen auch in den seltensten Fällen übernatürliche Begabungen aufweisen!“

„Keine Sorge“, sagte McAllister. Seine tief in den Höhlen liegen­den, blauen Augen brannten vor wilder Entschlossenheit. „Wir or­ganisieren ihnen geeignete Probanden. Schon seit einiger Zeit hal­ten wir ein paar uns bekannte Anomale unter ständiger Beobach­tung. Die meisten von ihnen werden nur zu gerne kooperieren, um ihre vermeintliche ‚Gabe‘ loszuwerden.“

„Ach!“, brauste Adam auf. „Und warum haben Sie die nicht schon früher mal kontaktiert? Mit einem Betroffenen direkt zusam­menzuarbeiten, hätte unsere Forschung um ein Vielfaches be­schleunigt!“

McAllisters Gesichtszüge verhärteten sich noch weiter. Für Wi­derspruch und Schuldzuweisungen war er nicht sehr empfänglich. Doch ehe er eine Breitseite zurückfeuern konnte, entgegnete Jor­dan für ihn: „Weil das Risiko zu hoch war. Die meisten Anomalen wissen nicht, dass es noch mehr von ihresgleichen gibt. Wenn wir sie ansprechen und um Ihre Mithilfe bitten, offenbaren wir gleich­zeitig, dass es sich bei ihrer Anomalie um ein weltweites Phänomen handelt, und heizen damit womöglich die Spaltung der Menschheit an, die wir eigentlich zu verhindern versuchen.“

„Aber jetzt“, setzte McAllister grimmig hinzu, „da uns T0 die Pis­tole auf die Brust gesetzt hat, haben wir keine Wahl mehr. Den Luxus absoluter Geheimhaltung können wir uns nicht länger leis­ten. Wir müssen aktiv werden, solange wir es noch können.“

Unerwartet trat McAllister vor und rammte Adam seine Tatze auf die Schulter. „Ein Krieg zieht auf, Maxwell! Das spüre ich in mei­nen Knochen. Und wir zwei sind die einzigen, die diesen Funken noch im Keim ersticken können, bevor er die ganze Welt in Brand steckt.“

Okeechobee, USA

Isabel streckte den Rücken durch, bis er leise knackte, wischte die Hände an der Arbeitshose ab und griff aus Gewohnheit in ihren Nacken, um den Pferdeschwanz zu richten, bis sie sich erinnerte, dass sie seit einigen Tagen eine bedingt modische, aber zumindest praktische Kurzhaarfrisur besaß. Sie zog die dünne Kette mit dem goldfarbenen Kruzifix daran gerade, lüpfte ihren Strohhut und tupfte sich mit einem schneeweißen Tuch den Schweiß von der Stirn.

Ihre Arme und Schultern brannten, doch es fühlte sich gut an. Die monotone körperliche Arbeit, die mit dem Pflücken der Oran­gen verbunden war, hielt ihre Muskeln auf Trab, vor allem aber ihren Verstand und ihr fotografisches Gedächtnis im Zaum.

„Die sind ja noch ganz grün!“, stellte Kathy fest, ein fröhliches Mädchen von neun Jahren (und drei Monaten und siebzehn Ta­gen), das aus Kanada stammte und mit ihrem Vater erst vor einem knappen halben Jahr auf das weitläufige Anwesen von Alex John­son gezogen war.

„In Regionen mit tropisch-warmen Nächten und hoher Luft­feuchtigkeit bleiben die Früchte während der Reifung grün“, er­klärte ihr Isabel aus dem Stegreif und bemerkte erst hinterher, dass sie Wikipedia zitiert hatte.

„Cool!“, staunte Kathy. „Darf ich eine probieren?“ Isabel hatte noch gar nicht fertig genickt, da durchwühlte das Mädchen schon die Schubkarre auf der Suche nach dem grünsten aller Exemplare.

„Kathy!“, kam da ihr Vater die Baumreihe entlanggehetzt. „Du sollst doch nicht immer alle von der Arbeit abhalten! Verzeihen Sie, Mrs. – Entschuldigung, ich meine, verzeih… Ähm!“ Er starrte Isabel ins Gesicht, als könne er dort ihren Namen irgendwo ablesen.

„Isabel“, half sie ihm auf die Sprünge.

„Richtig, Isabel, pardon!“ Er lächelte hilflos. „Es sind so viele Namen, und mein Gedächtnis war noch nie das beste…“

Noch vor ein paar Jahren hätte Isabel ihn darum beneidet. Da­mals hatte sie ihre Begabung als eine Belastung empfunden. Doch mittlerweile hatte sie sozusagen Frieden mit ihr geschlossen. Oder zumindest einen Waffenstillstand, der nur sporadisch durch verein­zelte Scharmützel gebrochen wurde.

„Kein Problem, Jerome“, versicherte sie ihm in fließendem Eng­lisch. Die ihr fremde Sprache zu lernen, war gar nicht so schwierig gewesen, denn das Auswendiglernen von Vokabeln war nun wirk­lich ihre leichteste Übung. Und was sie einmal wusste, vergaß sie nie wieder. „Im Übrigen“, fuhr sie fort, weil sie es hasste, wenn Konversationen (oder überhaupt irgendetwas) unvollendet blieben, „hat mich Kathy nicht von der Arbeit abgehalten. Ich wollte so­wieso gerade die Schubkarre ausleeren gehen.“

„Oh, dann lassen Sie mich das wenigstens für Sie machen! Ich meine, für dich. Entschuldigung, an den vertraulichen Umgangston muss ich mich auch noch gewöhnen.“ Er drängelte sich an ihr vor­bei zur Schubkarre und hob sie an, bugsierte sie in Richtung des Vorratsschuppens. Isabel bedankte sich und ging neben ihm her, während sie die letzten zwei Schlucke Wasser aus ihrer Trinkflasche nahm. Die Sonne stand immer noch hoch am Himmel, und nun, da sie die Schatten der Orangenbäume verließen, musste die Tem­peratur an die dreißig Grad betragen. Sicher, früher in Maracaibo, ihrer venezolanischen Heimatstadt, hatten die Thermometer im Sommer noch ganz andere Gradzahlen angezeigt, aber da hatte sie den Großteil des Tages in ihrer klimatisierten Wohnung gesessen und nicht draußen auf dem Feld gearbeitet…

„Hm, lecker!“, befand Kathy, die unbeschwert neben ihnen hüpfte und ihre grüne Orange verzehrte. „Wie viele hast du heute schon gepflückt, Isabel?“

Isabel musste nicht überlegen. „221.“

„Ist das eine Primzahl?“, fragte Kathy listig.

„Leider nicht“, antwortete Isabel, erneut ohne jegliche Denk­pause. „Aber zumindest die Quersumme ist eine Primzahl. Das ge­nügt, um zumindest eine Pause machen zu können.“ Hatte es auch nicht immer, musste Isabel im Stillen einräumen. Sie war ihre Ticks vielleicht nicht vollständig losgeworden, aber sie kontrollierten sie nicht mehr in dem Maße wie früher. Manchmal stand sie sogar morgens auf, obwohl der Minutenzeiger ihres Weckers noch auf einer ungeraden Zahl stand.

„Puh“, schnaufte Jerome, der körperliche Anstrengung ganz of­fenbar genauso wenig gewohnt war wie Isabel früher. „Ganz schön weit bis zu dem Lagerraum!“

„423 Meter“, sagte Isabel und gratulierte sich selbst dazu, dass es ihr gelang, auf eine genauere Angabe zu verzichten.

„Alex‘ Grundstück ist wirklich riiiiesig!“, warf Kathy schmatzend ein, die Hände feucht vom Saft ihrer Frucht, die beim Schälen er­bitterten Widerstand leistete. Isabel machte einen unauffälligen Schlenker und wechselte so auf die andere Seite der Schubkarre, sodass diese als Schild zwischen ihr und den klebrigen Kinder­händen dienen konnte.

Wenn Jerome es bemerkt hatte, sagte er nichts dazu. Stattdessen keuchte er: „Ich frage mich, wie er so ein riesiges Stück Land be­zahlt hat. Von den Sicherungsmaßnahmen ganz zu schweigen.“ Er bezog sich auf den hohen Zaun, der das ganze Gelände von der Außenwelt abschirmte, und die bewaffneten Wachposten am Tor.

„Das Grundstück hat er von seinem Vater geerbt, und der von seinem“, klärte Isabel ihn auf. „Seine Familie versucht seit drei Ge­nerationen, Begabten ein Zuhause zu geben und bei ihrer Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft zu unterstützen.“

„Hm“, machte Jerome nachdenklich. „Erbschaft schön und gut, aber allein die Grundsteuer für solch ein Areal wird monatlich si­cherlich einen vierstelligen Betrag ausmachen. Mr. Johns—Alexan­der muss ein ziemlich wohlhabender Mann sein.“

Darüber hatte Isabel nie nachgedacht, und es schien ihr auch jetzt belanglos. Reichtum machte einen nicht per se zu einem guten oder schlechten Menschen. Es kam wie bei jedem anderen einzig und allein auf die Taten an.

„Verzeihung“, lachte Jerome beschämt, als Isabel nicht auf seine Theorie einging. „Ich bin, das heißt, ich war, bis zu unserem Umzug hierher, Steuerprüfer in Toronto. Ich schätze, alte Gewohnheiten lassen sich nur schwer ablegen.“

„Nun, da hast du sicherlich Recht“, räumte Isabel ein. „Aber aus eigener Erfahrung kann ich dir versichern, dass dies hier genau der richtige Ort ist, um es zu schaffen.“

Jauchzend trat Luis das Gaspedal durch und bretterte ungebremst über die Unebenheiten der mit sonnenverbrannten Grasstoppeln übersäten Wiese. Ein Schlagloch ließ den Wagen zur Seite absacken und warf beide Insassen in ihren Gurt.

„Dies ist kein Geländewagen“, mahnte Luis‘ Nebensitzer.

„Ist mir schon aufgefallen“, erwiderte Luis, ohne langsamer zu werden. „Was ist das überhaupt, ein aufgemotztes Golfkart?“ Das hätte zumindest erklärt, warum selbst mit Vollgas kaum mehr als fünfzig oder sechzig Stundenkilometer zu erreichen waren.

„Ein elektrisch betriebener Kleinstwagen“, antwortete Theo sachlich. „Den man mit Solarenergie aufladen kann, sodass wir nicht auf Brennstoffe von außerhalb angewiesen sind. Im Übrigen war er schweineteuer.“

„Schon gut, schon gut, verstanden!“ Luis reduzierte das Tempo so weit, dass aus dem wilden Ruckeln des Gefährts ein sanftes Schwanken wurde.

„Halt da vorne an!“, befahl ihm Theo. Und ja, es klang in der Tat wie ein Befehl, auch wenn er weder schrie noch unhöflich wurde. Er brachte schlicht und ergreifend eine Anweisung vor und ging fest davon aus, dass sie auch prompt und ohne Diskussion umgesetzt wurde. Luis vermutete schon lange, dass Theo früher mal beim Mi­litär gewesen war. Aber auch wenn er nun schon seit ein paar Wo­chen mit ihm zusammenarbeitete, waren sie einander nicht so nahe, dass sie sich gegenseitig über ihre Vergangenheit ausgequetscht hätten.

Luis brachte das Golfkart, Verzeihung, den elektrisch betriebenen Kleinstwagen neben einem hohen Baum zum Stehen, der sich etwa zehn Meter diesseits des Sicherheitszauns befand. Theo stieg aus, markierte die Rinde mit roter Farbe und notierte etwas auf einem altmodischen Klemmbrett. „Den müssen wir fällen oder zumin­dest stutzen. Wenn er so weiterwächst, könnte man ihn sonst be­nutzen, um den Zaun von außen zu überwinden.“

„Okay…“, machte Luis unbestimmt, ohne wirklich zu verstehen, wie jemand mit Hilfe eines auf der Innenseite stehenden Baums über die Absperrung kommen sollte. Er zögerte, die nächste Frage zu stellen, weil er nicht einschätzen konnte, wie Theo reagierte, wenn man den Sinn seines tadellos organisierten, strikt durchgeplanten Tuns grundsätzlich in Frage stellte. „Sag mal“, siegte schließlich doch die Neugier über den Respekt, „hat das überhaupt schon mal jemand versucht? Hier einzudringen, meine ich?“

„Natürlich nicht“, entgegnete Theo gelassen. „Meine Sicherheits­maßnahmen schrecken jeden ab, der darüber nachdenkt.“ Er klet­terte zurück auf den Beifahrersitz. „Fahr weiter!“

Während sie langsam am Zaun entlangfuhren und ihn auf Be­schädigungen, Löcher und Gott weiß was prüften, musterte Luis Theo unauffällig von der Seite. Formal mochte er ein Weißer sein, doch die tägliche Arbeit in Floridas tropischem Klima hatte seine Haut so stark gebräunt, dass sie Luis‘ Latino-Teint beinahe Kon­kurrenz machte. Er war vielleicht Mitte vierzig, sportlich, hatte das immer dünner und grauer werdende Kopfhaar abrasiert, sich dafür aber einen etwas albern aussehenden Oberlippenbart zugelegt. Wann immer Luis ihn sah, trug er eine Camouflage-Uniform und eine schwere Maschinenpistole mit sich herum; selbst jetzt lag sie hinten im Kofferraum.

„Was ist?“, fragte Theo unvermittelt, dem Luis‘ Blicke wohl nicht entgangen waren.

„Nichts!“, sagte Luis zunächst instinktiv und schaute schnell wie­der nach vorne. Setzte dann allerdings doch an: „Du weißt, ich bin sehr dankbar dafür, dass ich nach meinem 21. Geburtstag zum Sicherheitsdienst eingeteilt wurde und nicht länger Küchenjunge Schrägstrich Lastenschlepper Schrägstrich Erntehelfer Schräg­strich Mädchen für alles sein muss.“

„…aber?“

„Na ja… Immer wieder überprüfen wir den Zaun, halten Wache am Tor, teilen Nachtschichten und Patrouillen ein, führen Notfall­übungen durch – aber glaubst du denn wirklich daran, dass so ein Notfall jemals eintreten wird? Dass irgendwer hier eindringen oder uns angreifen will?“

„Diese Einrichtung hat Feinde“, sagte Theo bloß im Brustton der Überzeugung.

Luis nickte stumm. Ja, ich weiß, dachte er kummervoll. Ich arbeite für sie.

Dhaka, Bangladesch

„Rayer Bazar“, erklärte Marie hingebungsvoll, „war früher für seine Töpfereiwaren berühmt. Inzwischen leben die Menschen hier im Schatten der Wolkenkratzer der ambitioniert wachsenden Mega­metropole größtenteils in Armut.“

„Puh“, kommentierte Jacky, „und in Gestank.“ Sie wedelte mit der Hand vor ihrer Nase herum, als ließe sich der beißende Geruch des bei mehr als dreißig Grad allerorts herumliegenden Abfalls auf diese Weise vertreiben. „Arbeitest du an einem Reiseführer über die Slums dieser Welt?“