Die gefallene Welt - Joshua Palmatier - E-Book

Die gefallene Welt E-Book

Joshua Palmatier

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Beschreibung

In den Ruinen der Stadt Erenthrall gilt nur ein Gesetz: Töten oder getötet werden. Vom einstigen Prunk ist nichts mehr übrig, seitdem das Kraftnetz zusammengebrochen ist, das die Stadt mit magischer Ley-Energie versorgt hat. Besonders die Lumagier leben in diesen Zeiten gefährlich. Trotzdem machen sich die Magierin Kara und ihr Gefährte Allan auf den Weg in die einstige Stadt des Lichts, um den Wiederaufbau voranzutreiben. Doch dann wird Kara von den mächtigen Weißmänteln gefangen genommen, die ihre ganz eigenen Pläne mit der Stadt haben ... und dafür brauchen sie Karas Magie.


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EPUB

Seitenzahl: 909

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumWidmungTEIL I: ERENTHRALLEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnTEIL II: DIE NADELVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnNeunzehnZwanzigEinundzwanzigZweiundzwanzigDreiundzwanzigVierundzwanzigFünfundzwanzigSechsundzwanzig

Über dieses Buch

In den Ruinen der Stadt Erenthrall gilt nur ein Gesetz: Töten oder getötet werden. Vom einstigen Prunk ist nichts mehr übrig, seitdem das Kraftnetz zusammengebrochen ist, das die Stadt mit magischer Ley-Energie versorgt hat. Besonders die Lumagier leben in diesen Zeiten gefährlich. Trotzdem machen sich die Magierin Kara und ihr Gefährte Allan auf den Weg in die einstige Stadt des Lichts, um den Wiederaufbau voranzutreiben. Doch dann wird Kara von den mächtigen Weißmänteln gefangen genommen, die ihre ganz eigenen Pläne mit der Stadt haben … und dafür brauchen sie Karas Magie.

Über den Autor

Joshua Palmatier wurde in Couderspot, Pennsylvania, geboren und lebte als Jugendlicher in diversen Staaten der USA, da sein Vater beim Militär war. Er ist promovierter Mathematiker und unterrichtet an einer Universität in New York. Palmatier schreibt seit seiner Jugend und hat bereits viele Fantasy-Romane veröffentlicht.

Joshua Palmatier

DIEGEFALLENE

WELT

Roman

Aus dem Amerikanischen vonMichael Krug

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2016 by Joshua Palmatier

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Threading the Needle«

Originalverlag: By arrangement with DAW Books, New York

Dieses Werk wurde vermittelt durch Interpill Media Ingo Stein e.K., Hamburg

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Dr. Frank Weinreich, Bochum

Titelillustration: © Maciej Drabik

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-7368-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Dieses Buch ist meiner Autorenkollegin, Mitredakteurin und treuen Freundin Patricia Bray gewidmet. Sie hat all meine wilden Träume ausgehalten, von den Anflügen der Fantasie, aus denen die Bücher geworden sind, die du gerade liest, bis hin zum Kleinverlag Zombies Need Brains.

TEIL I: ERENTHRALL

Eins

Kara Tremain kniete auf den Steinen am Ufer. Sie streckte die Hände mit dem Hemd aus ins eiskalte Wasser und schrubbte kräftig. Böschungen aus Stein und Sand erhoben sich zu beiden Seiten des Baches. Vor ihr erstreckte sich ein großer Tümpel, in dem das Wasser langsamer floss und tiefer war. Ein paar der jüngeren Kinder von Muld plantschten darin, beobachtet von ihren Müttern oder Vätern, die am Ufer an ihrer eigenen Wäsche arbeiteten.

Kara zog das Hemd aus der Strömung, wrang es aus und warf es in den Korb zu ihrer Linken, bevor sie nach dem nächsten griff. Es handelte sich um eines von Cory, das nach seinem Schweiß roch. Sie atmete seinen Duft ein, ehe sie es in Wasser tränkte und kurz innehielt, um es in der Mitte mit etwas getrockneter Seife zu besprenkeln, bevor sie wieder zu schrubben begann.

Nach dem ersten Waschtag hatten ihre Schultern anschließend eine Woche lang geschmerzt. Mittlerweile hatten ihre Arme sowohl Sonnenbräune angenommen als auch Muskeln entwickelt. In Erenthrall vor der Zersplitterung hatte sich immer jemand anders ihrer Wäsche angenommen – ihre Mutter, als sie jünger gewesen war, und nachdem ihre Eltern durch die Kormanley gestorben waren, hatte sich stets einer der Diener der Lumagierschule darum gekümmert. Dasselbe galt für all die Ley-Knoten, in denen sie danach gearbeitet hatte. Damals war es ihr nicht einmal aufgefallen, wenn jemand gekommen war, um die Wäschekörbe zu leeren oder die saubere Kleidung zurückzubringen, waren die Bediensteten doch nahezu unsichtbar gewesen.

Natürlich hatte man bei der Wäsche in Erenthrall auf die Hilfe der Ley zurückgreifen können, und die Arbeit war sehr viel leichter gefallen.

Instinktiv streckte Kara die Sinne danach aus. Doch anders als in Erenthrall wartete die Ley hier in Muld nicht, stand nicht bereit, um durch einen bloßen Gedanken benutzt zu werden. Es gab weder einen Nexus noch irgendwelche Knoten zur Verstärkung ihrer Macht. Vorhanden war die Ley aber dennoch.

Kara war es – mithilfe der anderen Lumagier in ihrer Gruppe – gelungen, sie in einem eigenen Netzwerk zu stabilisieren, womit sie den Wünschen einiger Bewohner von Muld zuwidergehandelt hatte. Die Ley floss stark genug, um die Flüchtlinge der Zersplitterung während der härtesten Wintermonate mit Heizsteinen für ihre Zelte zu versorgen. Kara vermutete, dass viele sonst nicht überlebt hätten, vor allem während der unnatürlich bitteren Kältewelle, die zum Ende des Jahres fast zwei Wochen lang angehalten hatte. Sie hatten trotzdem zwei Menschen verloren, und ein Dutzend andere hatten Erfrierungen erlitten.

Mit einem Schütteln löste sich Kara aus der Ley. Eines der Kinder spritzte sie nass, und sie schnippte voll gespielter Verärgerung mit dem Hemd nach dem Mädchen. Die Kleine ergriff quiekend durch das Wasser die Flucht. Lächelnd ließ Kara das Hemd in den nassen Korb fallen, griff nach dem nächsten Kleidungsstück und stellte fest, dass sie fertig war.

Die anderen Bewohner von Muld riefen ihr zu, als sie sich den Korb an die Hüfte klemmte und den steilen Hang erklomm, der hinauf zur Hauptgruppe der Gebäude führte. Sie wischte sich Schweiß von der Stirn, während sie sich unter den Ästen der Bäume ringsum hindurch duckte. Als sie oben ins Sonnenlicht gelangte, bog sie nach links zwischen zwei Hütten ab, wo Frauen und Kinder in den kleinen Kräutergärten arbeiteten. Einige Hunde bellten ihr zu und trabten ein Weilchen neben der jungen Frau einher, bevor sie zurückblieben. Das kleine Dorf lag nahezu verwaist da, denn die einheimischen Bewohner befanden sich zusammen mit den Menschen, die nach der Zersplitterung hier Zuflucht gesucht hatten, bereits draußen auf den Feldern, um den Rest der Frühjahrsernte zu säen.

Kara konnte nicht nachvollziehen, warum sie sich die Mühe machten. Sie hatte vor, die Verkrümmung zu beseitigen, die Erenthrall derzeit umhüllte, und anschließend zurückzukehren, um zumindest einen Anschein der Stadt wiederherzustellen, in der sie aufgewachsen war. Verlassen hatte sie ihre Heimat nur, weil es dort zu gefährlich geworden war. Gewalttätige Gruppen von Überlebenden hatten begonnen, wahllos zu töten, während gleichzeitig Rudel wilder Halbwölfe durch die Straßen streiften. Und die Beben, die unberechenbaren Ausbrüche der Ley sowie die willkürlich auftretenden Himmelslichtstürme vergrößerten die Gefahren nur zusätzlich.

Es war sicherer gewesen, sich nach Muld zurückzuziehen.

Als ihre Wagen damals auf dem schmalen Feldweg angehalten hatten, der einzigen Straße von Muld, hatten die Dorfältesten – Paul und Sophia – sie bereits erwartet. Sophia, über ein halbes Jahrhundert alt, was ihr dünnes, weißes Haar, ihre Runzeln und die Altersflecken bewiesen, war damals sofort auf Allan zugegangen, um ihn mit einer Umarmung und einem Kuss auf die Wange zu begrüßen. Gleichzeitig hatte sie dabei eine Hand ausgestreckt und auch Allans Tochter Morrell in die Umarmung gezogen. Morrell war in Tränen ausgebrochen und hatte sich an Sophia festgeklammert. Die hatte ihr zuerst übers Haar gestreichelt, bevor sie den Blick stechender, intelligenter Augen auf den Rest der Ankömmlinge gerichtet hatte.

»Und wen haben wir da, Allan? Gäste?«

»Ich fürchte nein. Das sind alles Flüchtlinge aus Erenthrall.«

Sophia schleuderte ihm einen harten Blick entgegen. »Erenthrall?«

Allans Schultern sackten herab. »Der Ort ist Geschichte. Zerstört.«

»Geschieht ihnen allen recht«, fauchte Paul. »Das hat die Nutzung der Ley über sie gebracht. Wir sollten sie nicht nach Muld hereinlassen. Sollen sie doch alleine mit den Folgen ihres Tuns zurechtkommen.«

»Still, Paul.« Sophias Stimme klang sanft, doch in ihrem Kern schwang Eisen mit, und Kara erkannte auf Anhieb, dass man hier bereits über Erenthrall Bescheid wusste. Sie mussten die Zersplitterung sogar hier in den Hügeln, mehrere Wochen beschwerlicher Reise nordwestlich, gespürt oder gehört haben.

Paul verstummte, behielt jedoch ablehnend die Arme vor der Brust verschränkt.

»Wir haben nicht vor zu bleiben«, meldete sich Kara zu Wort.

Die ältere Frau musterte Karas zerfledderte, von der Reise fleckige purpurne Lumagierjacke, dann begegnete sie ihrem Blick. »Ich denke, wir können noch Platz für einige weitere Menschen schaffen.«

Der Anflug von Erleichterung, der von der Wagenkolonne hinter ihr ausging, war geradezu mit Händen greifbar. Als Kara damals in Dankbarkeit ihren Kopf geneigt hatte, standen brennende Tränen in ihren Augen. Dann hatte Cory den Arm um ihre Mitte geschlungen, und sie hatte sich an ihn, an seine Stärke angelehnt. Sie hatte ein Schluchzen vernommen, als Sophia, Paul und eine Handvoll weiterer Dorfbewohner, die das Geschehen aus der Ferne beobachtet hatten, herbeikamen und die Neuankömmlinge zu einer weitläufigen Wiese im Westen führten, die nur einen kurzen Fußmarsch abseits des Dorfes lag.

Nun ging Kara zwischen Hütten hindurch, deren Bewohner sie mittlerweile alle namentlich kannte. Schließlich gelangte sie zu dem Grünstreifen, der Muld von jener Wiese trennte. Wenig später trat sie zwischen den Bäumen hervor.

Über die gesamte Länge der Grasfläche waren Zelte aufgeschlagen. Im hinteren Bereich errichtete eine Gruppe von Karas Flüchtlingsgefährten gerade eine Reihe von Hütten, kleiner als jene in Muld selbst, dennoch wesentlich solider als die Zelte. Zwei waren bereits fertiggestellt, eine dritte stand kurz davor, und von zwei weiteren standen zumindest schon die Gerüste aus Stützbalken und Trägern. Sie hielten keinen Vergleich mit den Gebäuden von Erenthrall aus, wirkten aber dennoch dauerhafter, verwurzelter, als es Kara lieb war.

Mit einem Schulterzucken verdrängte sie den Gedanken und steuerte auf das Zelt zu, das Cory und sie für sich beanspruchten. Kara schob den Korb mit der nassen Kleidung durch die Klappe, bevor sie selbst hinterherkroch. Dann stellte sie den Korb zur Seite, berührte den breiten, abgerundeten Heizstein und entsandte ihre Sinne nach der Ley. Der Stein begann, sich unter ihren Fingern zu erwärmen. Sie summte bei sich, als sie die Kleidungsstücke nacheinander auf Wäscheleinen hängte, die sich über dem Stein durch das Zelt spannten.

Als sie das letzte der Hemden aufgehängt hatte, bemerkte sie aus dem Augenwinkel durch die Zeltklappe eine Bewegung. Sie kniff die Augen zusammen und schirmte sie mit einer Hand ab.

Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie Cory erkannte. »Warum hilfst du nicht auf den Feldern, Cory?« Er bewegte sich zwar schnell, rannte aber nicht ganz. Max, das Hündchen, das Kara nicht mehr von der Seite wich, seit sie es aus einer Verkrümmung gerettet hatte, preschte hinter Cory her. Beide hielten geradewegs auf sie zu.

Sie entsandte erneut die Sinne in die Ley, doch die verriet ihr nichts, und wenn es einen Unfall gegeben hätte, würde Cory nicht sie aufsuchen, sondern Logan oder Morrell.

Womit nur eine andere Möglichkeit blieb.

Kara warf die unbenutzten Wäscheklammern in den Korb und verstaute ihn im Zelt. Dann griff sie sich ihre purpurne Lumagierjacke, schlüpfte rasch hinein und schnappte sich einen Wasserschlauch.

Cory sah sie warten und winkte. Max bellte und raste ihm voraus. Kara kniete sich hin, als ihr der kleine Hund in die Arme sprang und ihr das Gesicht zu lecken versuchte. Sie wehrte ihn mit einer Hand ab. Sein Schwanz wedelte so wild, dass er sich nur verschwommen abzeichnete.

»Es geht um die nach Erenthrall entsandte Gruppe, nicht wahr?«, fragte sie, als sich Cory nah genug befand, um sie zu hören. »Allan, Bryce und die anderen sind zurück.«

»Die Wachposten melden, dass sie in Kürze hier sein werden. Sophia fand, du solltest dabei sein, um sie zu begrüßen, wenn sie Muld erreichen.«

Kara reichte ihm den Trinkschlauch. »Bist du den ganzen Weg von den Feldern gerannt?«

Cory trank ausgiebig, dann wischte er sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Natürlich.«

Kopfschüttelnd ergriff Kara seinen Arm. »Du kommst besser mit mir. Ich bin sicher, man hat Paul, Hernande und Sovaan bereits rufen lassen.«

Sie bahnten sich zwischen den Zelten hindurch den Weg nach Muld und gelangten auf den Pfad, der knapp außerhalb des Dorfes durch die Felder führte. Sophia wartete bereits mit Sovaan und Hernande an der Seite. Die ältere Frau hob die Hand, um sich ein paar verirrte Strähnen hinter ein Ohr zu klemmen, als sich Kara und Cory näherten.

»Schön, dich zu sehen«, sagte sie. »Ich dachte, du wärst auf den Feldern, aber ich bin froh, dass Cory dich gefunden hat.«

»Heute ist Waschtag.«

»Das Wäschewaschen endet nie.«

Sie blieben neben Hernande stehen, Corys Mentor, der zum Gruß nickte. Sovaan, ein weiterer Mentor von der Universität, legte nur die Stirn in Falten. Kara hatte nie herausgefunden, woher die Abneigung zwischen Sovaan und Hernande rührte. Die beiden Männer hatten sich schon vor der Zersplitterung nicht verstanden, und Hernande hatte Karas Frage nach dem Grund damit abgetan, dass es sich um einen alten, unbedeutenden und dummen Groll handelte.

»Wie geht die Arbeit an den neuen Hütten voran?«, erkundigte sich Sophia.

»Zwei sind fertig, eine wird es bald sein. Zwei weitere entstehen gerade. Es wird den größten Teil des restlichen Frühjahrs und des Sommers dauern, bis sie alle stehen.«

»Solange sie nur vor dem Winter bewohnbar sind«, warf Sovaan ein. »In diesen Zelten wäre ich beinah erfroren.«

Kara dachte an die beiden Menschen, die erfroren waren, verkniff sich jedoch eine Erwiderung.

Plötzlich fing Max zu bellen an und erschreckte sie damit, bevor er von der Gruppe weg losstürmte, die zerfurchte Straße entlanglief und zwischen den Bäumen verschwand. »Max!« Kara stieß einen leisen Fluch aus, als ihr der Hund keine Beachtung schenkte. Er geriet außer Sicht, sein Kläffen konnte Kara jedoch weiterhin hören. Der mit einem Knurren unterlegte Laut klang zunächst beschützerisch und zornig, schlug dann aber plötzlich in Aufregung um, und alle in der Gruppe entspannten sich.

Gleich darauf konnten alle das Knarren eines Wagens und die Rufe und Flüche derer hören, die nach Erenthrall aufgebrochen waren, um in den Überresten der Stadt Vorräte zu plündern. Eine Gestalt kam zwischen den Bäumen hervor und rannte auf sie zu. Dringlichkeit stand dem Mann ins Gesicht geschrieben.

»Das ist Jasom«, stellte Sovaan fest.

Sobald der sie erblickte, brüllte er: »Holt Logan! Wir haben Verwundete!«

Sophia wirbelte herum, aber Cory war bereits losgestürmt. »Er ist auf den Feldern!«, rief ihm die betagte Frau hinterher.

Der Rest des Trupps lief mit dem Wagen in der Mitte die Straße hinunter auf Jasom zu. Der Rüde Bryce hielt mit grimmiger, harter Miene die Zügel, hinter ihm auf der Ladefläche hielten sich zwei andere Leute fest. Sobald Bryce sie erblickte, zog er an den Zügeln, befahl den Pferden mit einem Ruf anzuhalten und sprang vom Wagen, noch bevor das Gefährt vollständig zum Stehen gekommen war.

»Wer?« Die Gruppe hatte mindestens fünfzehn Mitglieder umfasst, allerdings konnte Kara außer Jasom nur drei andere sehen. »Wer ist verletzt?«

»Claye. Ein paar andere auch, aber nicht schwer. Terrim ist tot.«

Bryce führte sie zum Heck des offenen Wagens. Zwei Männer mit blutigen Händen und blutdurchtränkter Kleidung beugten sich über Claye und pressten auf eine Wunde an seiner Seite, um die Blutung zu stillen. Knapp unterhalb des Brustkorbs ragte ein Pfeil aus seinem Körper.

Sophia fluchte, als ihnen der durchdringende Geruch von Blut in die Nasen stieg, dann hievte sie sich auf den Wagen. »Haltet ihn weiter fest. Haltet den Druck aufrecht.«

»Was ist passiert?«, fragte Sovaan.

Bryce wischte sich mit einer Hand über das zernarbte Gesicht. »Wir sind an den Ausläufern der Ebenen angegriffen worden, kurz bevor wir die Hügel erreicht haben.«

»Von wem?«

Bryce zuckte mit den Schultern. »Sie sind auf Pferden aus nordöstlicher Richtung gekommen, haben uns schwer getroffen und versucht, den Wagen zu erbeuten. Terrim war tot, bevor wir überhaupt wussten, wie uns geschah. Er hat den Wagen gelenkt. Eh ich mich versah, musste ich mich gegen zwei von ihnen zur Wehr setzen, während ein dritter auf die Pferde einpeitschte und versuchte, den Wagen wegzuziehen. Claye und Allan haben von der Seite angegriffen und es geschafft, hinten drauf zu klettern, während der Rest von uns die anderen abgewehrt hat. Kaum haben sie gesehen, dass Claye und Allan ihren Mann getötet und den Wagen zum Stehen gebracht hatten, haben sie den Angriff abgebrochen, die Flucht ergriffen und auf dem Rückzug Pfeile abgefeuert. Dabei haben sie Claye getroffen. Er war ein leichtes Ziel, weil er auf dem Wagen gestanden hat.«

Alle beobachteten, wie Sophia behutsam die Haut um den Pfeil herum abtastete. Claye stöhnte und krümmte sich unter ihrer Berührung, und Sophias Kiefermuskulatur verhärtete sich. Sie setzte sich zurück.

»Ich kann nichts tun. Wir brauchen Logan.«

»Wo ist er?«, verlangte Bryce zu erfahren.

»Cory ist losgerannt, um ihn von den Feldern zu holen. Aber wir können Claye zu Logans Hütte bringen und ihn auf dem Tisch dort vorbereiten.« Sophia kletterte vom Wagen. »Hernande, hol frisches Wasser vom Bach. Sovaan, mach ein Feuer an. Und Kara …«

»Sauberes Leinen.«

Sophia nickte. »Los. Ihr anderen, schafft den Wagen so nah wie möglich zu Logans Hütte und helft mir dann, Claye hineinzutragen.«

Sophia erteilte weiter Anordnungen, doch Kara rannte bereits hinter Sovaan her Richtung Logans Hütte. Sie stürmten durch die Eingangstür in den Innenraum, wo die überwältigenden Gerüche von zerstoßenen Kräutern und Arzneien vorherrschten. Sovaan ging um den Tisch in der Mitte des Raums herum zum Kamin und brummte dabei leise vor sich hin. Kara bog nach links und schwang die Haupttüren des großen, an einer Wand stehenden Schranks auf. An einer Seite stapelte sich das Leinen. Sie zog die ersten paar gefalteten Tücher heraus, schüttelte sie auseinander und begann, den Stoff in Streifen zu reißen. Flüchtig spürte sie ein von Sovaan ausgehendes Ziehen im Geflecht, dann breitete sich vom Kamin der Schein von Feuer aus.

Kara hatte einen ansehnlichen Haufen Verbände beisammen, als sich die Tür öffnete und Sophia in den Raum geeilt kam. Sie hielt die Tür auf, während Bryce und die beiden anderen Männer Clayes erschlaffte Gestalt hereintrugen und auf den Tisch legten. Der Rüde stöhnte, doch Kara merkte ihm an, dass er beinah bewusstlos war. Sophia scheuchte Bryce beiseite und befahl den anderen, weiterhin Druck auf die Wunde auszuüben. Kara reichte ihr sofort die zerrissenen Streifen, bevor sie damit weitermachte, aus dem Stoff noch mehr Verbände anzufertigen. Nach der Menge an Blut zu urteilen, die sie hier sah, würde Logan sie brauchen. Sowohl Sovaan als auch Bryce waren zurückgewichen, standen mit den Rücken an der Wand und schienen nicht recht zu wissen, was sie tun konnten, um zu helfen.

»Wo sind die anderen?«, fragte Kara.

Bryces Blick blieb auf Claye geheftet. »Welche anderen?«

»Allan, Glenn, der Rest der Leute, die mit euch aufgebrochen sind.«

Bryce starrte Kara einen Herzschlag lang an, als hätte er sie immer noch nicht verstanden, dann blinzelte er und schüttelte sich. »Wir haben ihnen einen Teil der Vorräte zu tragen gegeben, um auf dem Wagen Platz für Claye zu schaffen, bevor wir in aller Eile vorausfuhren. Sie sollten bald in Muld eintreffen.«

»Sind euch die Angreifer gefolgt?«

»Das habe ich Allan und den anderen Rüden überlassen. Frag ihn.« Er wandte sich der Tür zu.

»Wohin gehst du?«, fragte Kara. Am Eingang hielt der Rüde inne und drehte sich halb zurück. »Jemand muss Terrims Frau sagen, dass er tot ist.«

Damit verschwand er, und der helle Sonnenschein der Mittagszeit drang ungehindert in die Hütte.

Kara stand stocksteif und regungslos da, während ihr ein heißer Stich durch die Brust fuhr. In ihrer Eile, Claye zu helfen, hatte sie Terrim völlig vergessen.

Hernande erschien an der Tür. Er hievte zwei Eimer mit Wasser auf einen kleineren Tisch neben dem Eingang, wobei ein Teil auf den Boden schwappte. Er keuchte schwer, und seine ohnehin dunklen Züge hatten sich zu einem tieferen Rotton verfärbt.

»Geht gleich wieder«, brachte er mühsam hervor. »Ich hätte die Eimer einzeln herbringen sollen.«

Kara blieb keine Gelegenheit, etwas zu erwidern, da gleich darauf Logan eintrat. Mit einem schnellen Blick erfasste er die Lage.

»Alle hinaus«, befahl er mit tiefer, dröhnender Stimme. Gefolgt von zwei Leuten trat er an den Tisch. Eine war Morrell, Allans Tochter. »Du auch, Sophia. Von hier an übernehme ich. Du würdest nur im Weg stehen.«

Sophia schleuderte Logan einen eindringlichen, harten Blick zu, dem er jedoch keine Beachtung schenkte, da seine Aufmerksamkeit bereits dem Patienten galt. Schnaubend zog sie sich zurück und überließ Logan und Morrell ihren Platz. »Wir warten in der Versammlungshalle.« Damit scheuchte sie die anderen hinaus und schnappte sich unterwegs eines der von Kara nicht benutzten Tücher, um sich die Hände abzuwischen. Morrell nahm mit besorgt gerunzelter Stirn Karas Platz ein.

Kara ergriff ihre Hand und drückte sie. »Bryce hat gesagt, deinem Vater geht es gut.«

Morrell schenkte ihr ein flüchtiges, erleichtertes Lächeln, bevor sie begann, den Stoff in weitere Verbände zu reißen.

Kara trat hinaus ins Freie und stieß einen rauen Atemzug aus, als die Anspannung von ihren Schultern abfiel. Sovaan, Hernande und Sophia standen bei Cory und warteten auf sie. Ein paar andere Bewohner von Muld hatten sich eingefunden, um zu sehen, worum es bei dem Tumult ging.

»Wird er wieder gesund?«, fragte Hernande leise und strich sich mit einer Hand über den zottigen Bart, während er nachdenklich die kleine Hütte betrachtete. Durch die offene Tür drang ein abgehackter Schrei heraus, und Kara zuckte zusammen.

»Schwer zu sagen. Der Pfeil ist nicht sehr tief eingedrungen. Zum Glück hat er ihn nahe seiner Flanke getroffen. Da war zwar eine Menge Blut, aber er hat noch nicht das Bewusstsein verloren, und das ist ein gutes Zeichen. Es wird davon abhängen, ob Logan den Pfeil entfernen und die Blutung stillen kann.«

»Wo ist Bryce hin?«

»Er ist los, um Sara zu sagen, dass ihr Mann tot ist.«

»Und die anderen?«

»Zurückgelassen. Sie kommen zu Fuß nach.«

Hernande nickte. »Dann können wir nichts weiter tun, als zu warten.«

»So ist es.« Sophia hielt inne und ließ den Blick über die beobachtenden Bewohner von Muld wandern, bevor sie verkündete: »Die Expedition nach Erenthrall wurde auf dem Rückweg angegriffen, und Claye ist verwundet worden. Logan kümmert sich gerade um ihn. Falls ihr euch nützlich machen wollt: Ich bin sicher, Jasom könnte Hilfe beim Abladen der neuen Vorräte vom Wagen gebrauchen.« Bedeutungsvoll zog sie eine Augenbraue hoch. Die Versammelten zuckten leicht zusammen, einige sichtlich vor Schuldgefühlen. Dann löste sich die Menge auf.

Sophia schüttelte den Kopf und murmelte bei sich: »Allesamt Gaffer und Klatschmäuler.« Sie setzte sich in Richtung des langen Steingebäudes in Bewegung, das als Versammlungshalle des Dorfes diente. Kara und die anderen folgten ihr. »Mir gefällt die Neuigkeit nicht, dass sich eine Gruppe so nah beim Hügelvorland herumtreibt, die anscheinend mit Pfeil und Bogen umzugehen versteht.«

»Das kennzeichnet eine Änderung der Taktik«, pflichtete Hernande ihr bei.

»Und eine Verlagerung weg von der Stadt.«

»Wie meinst du das?«, fragte Sovaan, als sie die Versammlungshalle betraten. Sonnenlicht strömte in Bahnen durch die Fenster herein und offenbarte in der Mitte des Raums verteilte Sitzreihen, an die Wände geschobene Tische und eine erhöhte Plattform am gegenüberliegenden Ende. Von den mehrere Monate zurückliegenden Erntefeierlichkeiten war noch etwas Schmuck zurückgeblieben – Getreidegarben mit Bändern, ein paar Kürbisse, Maisstängel, einige getrocknete Blumen. Die Holzdielen knarrten unter ihren Füßen, als sie sich durch die Mitte des großen Raums in Richtung der Plattform bewegten.

Sophia begann, Holzstühle zu einem groben Kreis zu ziehen. »Nach der Zersplitterung sind die meisten Menschen, die in Erenthrall gelebt hatten, trotz aller Gefahren in die Stadt zurückgekehrt. Oder sie sind in die umliegenden Ortschaften geflohen, die an die Ley-Linien in der Nähe der Stadt angeschlossen waren. Fast alle von euch sind von der Universität gekommen oder waren früher Lumagier. Ihr seid ursprünglich aus eurem Zuhause, von euren Familien und den vertrauten Umgebungen weggeholt und zum Lernen in die Lumagierschule oder in die Universität gebracht worden, wo ihr ständig neuen Dingen, neuen Ideen ausgesetzt wart. Die meisten Bewohner von Erenthrall jedoch sind in nur wenigen Bezirken aufgewachsen und haben ihr ganzes Leben dort verbracht. Für sie muss es furchterregend gewesen sein, dass sie gezwungen waren, alles aufzugeben und ihre vertraute Umgebung zu verlassen.«

»Ja, ja.« Sovaan schwenkte ungeduldig eine Hand. »Sie sind also nach Erenthrall zurückgekehrt. Oder zumindest so nah, wie sie konnten. Worauf willst du hinaus?«

Sophias Mund bildete eine verärgerte, schmale Linie. »Ich will darauf hinaus, dass sie jetzt offenbar wieder von der Stadt wegziehen. Warum tun sie das?«

»Es gibt nicht genug zu essen.«

Alle drehten sich den immer noch offenen Türen zu, wo sich Bryce als Umriss abzeichnete, bevor er eintrat. Seine gesamte Körpersprache strahlte Anspannung und Gefahr aus. Er erinnerte sie an die Rüden, die vor der Zersplitterung die Straßen von Erenthrall durchkämmt hatten und den Lumagiern, unter anderem auch Kara, gefolgt waren.

»Die gesamte Stadt hat sich verändert. Sie ist in Abschnitte unterteilt, die jeweils von eigenen Gruppen beherrscht werden – die Temeriten-Enklave im Nordosten, die Gorrani im Südwesten und andere. Die Halbwölfe sind in neue Gebiete vorgedrungen. Gegen Ende unserer Reise haben wir sie gehört. Allan wurde gejagt und konnte nur entkommen, indem er in die Verkrümmung gegangen und sich dort drin versteckt hat.«

»Geht es ihm gut?«, fragte Kara.

»Ein paar Kratzer und blaue Flecke, nichts Ernstes.«

»Und wie ist die Expedition gelaufen?«, erkundigte sich Sophia.

»Es wird immer schwieriger, irgendetwas von Wert zu finden, vor allem Lebensmittel. In den Teilen der Stadt, auf die noch niemand Anspruch erhoben hat, gibt es kaum etwas, das nicht längst verdorben ist.«

»Was der Grund ist, warum die Menschen aus Erenthrall abreisen«, warf Hernande ein. »Wenn sie nicht einer der Hauptgruppen angehören, gehen ihnen allmählich die Vorräte aus. Sie sind gezwungen zu gehen. Genau wie wir damals.«

»Und der Angriff auf unseren Wagen in der Nähe des Hügelvorlands beweist, dass es nicht nur in der Stadt gefährlich ist. Die Bedrohungen breiten sich auf die Ebenen aus.« Bryce ließ sich auf einen Stuhl sinken und beugte sich vor. »In den Ortschaften rings um die Stadt beginnen die Leute, größere, besser organisierte Gruppen zu bilden. Unsere sichere kleine Zuflucht hier in Muld ist nicht mehr so sicher, wie sie einmal war. Wir müssen uns Verteidigungsmaßnahmen einfallen lassen. Wir müssen uns schützen.«

»Wir haben Wachleute …«, setzte Sophia an.

»Vier!«, fiel ihr Bryce frustriert ins Wort. »Vier Mann, die bloß die offensichtlichen Wege ins Tal beobachten! Das wird nicht reichen. Wir müssen uns etwas Besseres überlegen – Späher, Patrouillen, eine Erweiterung der Kämpfer über die wenigen Rüden meiner Gruppe hinaus. Wir müssen uns schützen, bevor uns eine dieser Banden findet und hier auf dem eigenen Gebiet angreift!«

Niemand rührte sich. Alle sahen sich gegenseitig über den Kreis der Stühle hinweg an.

Dann verlagerte Sophia das Gewicht betreten von einem Bein aufs andere. »Das wird den ursprünglichen Muldern nicht gefallen. Und wir haben uns hier niedergelassen, um der Gewalt und dem Missbrauch von Macht zu entgehen.«

»Wäre dir lieber, dass uns die Diebe und Räuber überrennen?«

»Wir befinden uns tief genug im Vorgebirge, dass ich denke, wir müssen uns nicht sofort den Kopf darüber zerbrechen«, meldete sich Hernande zu Wort, als sich Sophia sichtlich versteifte. »Aber es ist schon etwas, worüber wir nachdenken müssen, da die Menschen zunehmend verzweifelter werden. Bryce hat recht: Dieses Tal lässt sich nicht leicht verteidigen.«

Sophias gesamte Körperhaltung blieb angespannt, doch sie sagte kein weiteres Wort. Für Kara stand fest, dass es Widerstand von den ursprünglichen Muldern geben würde.

»Was ist mit der Verkrümmung?«, fragte Kara.

»Was soll damit sein?«

Kara schleuderte Bryce einen stockfinsteren Blick zu. »Hat sich die Verkrümmung in Erenthrall irgendwie verändert? Lassen sich Anzeichen dafür erkennen, dass sie schwächer wird? Wir können nicht zurückkehren und die Stadt wiederaufbauen, wenn die Verkrümmung in sich zusammenfällt und alles in ihr vernichtet, bevor wir eine Möglichkeit finden, sie zu reparieren.«

»Woher bei den Höllen soll ich das wissen? Ich bin kein verdammter Lumagus.«

Draußen vor der Versammlungshalle erhob sich Geschrei.

»Klingt ganz, als wäre der Rest der Expedition zurückgekehrt«, brummte Bryce.

Beinah hätte Kara wegen ihrer Fragen über die Verkrümmung nachgehakt, dann jedoch entschied sie kopfschüttelnd, es gut sein zu lassen. Stattdessen erhob sie sich und ging zusammen mit Hernande und Cory zur Tür. Draußen schleppte sich der Rest der Teilnehmer der Expedition nach Erenthrall ins Dorf. Einige trugen die Vorräte, die Bryce vom Wagen geworfen hatte, um Platz für Claye zu schaffen, andere halfen Verwundeten. Die Leute von Muld eilten vorwärts, nahmen ihnen die Vorräte ab und legten sie beiseite oder boten den Eintreffenden Trinkschläuche mit Wasser an. Ein paar Teilnehmer der Expedition brachen auf der zerfurchten Straße zusammen. Die Erschöpfung zeichnete sich deutlich in tiefen Linien in ihren Gesichtern ab.

Die Letzten wankten gefolgt von Allan und zwei anderen Rüden herbei. Kara entspannte sich vor Erleichterung.

»Ich hole Allan.«

Hernande hielt sie am Arm zurück. »Nicht nötig. Er ist schon unterwegs hierher.«

Der ehemalige Rüde hatte sie an der Tür stehen gesehen. Nachdem er etwas zu den zwei anderen Rüden gesagt hatte, steuerte er auf die Versammlungshalle zu. Unterwegs ließ er sich von einem der Jungen einen Trinkschlauch reichen.

»Claye?«, fragte Allan, sobald er in Hörweite gelangte.

Hernande nickte in Richtung der Hütte des Heilers. »Logan versorgt ihn gerade. Bryce hat Sara bereits wegen Terrim Bescheid gesagt.«

Allans Schultern sackten herab. Er sah erschöpft aus, hatte dunkle Ringe unter den Augen. Kara fielen einige neue Verletzungen in seinem Gesicht auf, die meisten schon verheilt. Hinzu kamen die gelblichen Überreste verblasster Blutergüsse.

»Ist euch irgendjemand gefolgt?«

»Nicht, soweit ich es beurteilen konnte. Die Angreifer haben sich auf die Ebenen im Osten zurückgezogen.« Sein Blick schwenkte über Karas Kopf hinweg zu den anderen, die drinnen warteten. Er streckte das Kinn vor. »Wir sollten zu ihnen gehen.«

Sie kehrten zurück in den Raum.

»Haben sie noch einmal angegriffen?«, fragte Sophia sofort.

»Nein, und es ist uns auch niemand ins Vorgebirge gefolgt.« Er schaute zu Bryce. »Hast du ihnen schon von der Stadt erzählt?«

»Von den Halbwölfen, ja. Ich hab versucht, sie davon zu überzeugen, dass wir unsere Verteidigung verstärken müssen, aber sie sind stur.«

Sophia schäumte sichtlich vor Zorn.

Allan griff sich einen Stuhl und ließ sich bei den anderen nieder. Die Tasche, die er über einer Schulter trug, stellte er auf dem Boden ab. »Was ist mit den Beben?«

Hernande und Cory sahen sich gegenseitig an.

»Beben?«

»Sie haben nicht aufgehört. Hier habt ihr sie vielleicht nicht wahrgenommen, aber in und um Erenthrall setzen sie sich fort. Auf dem Weg aus der Stadt haben wir eines erlebt, das stark genug war, um ein paar Gebäude einstürzen zu lassen.«

»Wir dachten, die Erde würde sich setzen, sich stabilisieren.«

»Das glaube ich nicht.«

Hernande beugte sich vor. »Wir werden uns noch einmal die Sande ansehen und überprüfen müssen, ob die Ley aufgewühlt worden ist.«

»Spielt das eine Rolle?«, fragte Sovaan. »Wenn es in der Stadt keine Vorräte mehr gibt, warum sollten wir dann dorthin zurückkehren wollen?«

Und damit kam der Punkt zur Sprache, den Kara seit Beginn dieser Unterhaltung gefürchtet hatte.

»Wir müssen zurück.«

»Warum?«

»Weil wir die Verkrümmung reparieren müssen. Es ist unsere Pflicht, den Schaden zu beheben, den wir verursacht haben.«

Sovaan straffte beleidigt die Schultern. »Wir haben diesen Schaden nicht verursacht. Der Nexus ist wegen des Barons, seiner Ober-Lumagier und der verfluchten Kormanley explodiert. Wir leiden lediglich unter den Folgen. Ich sage, wir überlassen die Stadt den Halbwölfen und den Plünderern – sollen sie sich doch gegenseitig zerfleischen. Wir können hier von vorn anfangen. In Muld gibt es alles, was wir brauchen.«

Sophia kam Karas Erwiderung zuvor. »In Muld hatten wir im vergangenen Winter kaum genug zu essen, um diejenigen zu versorgen, die schon ursprünglich hier gelebt haben. Jedenfalls hatten wir nicht genug für diejenigen von euch, die wir aufgenommen haben. Überlebt haben wir nur durch das, was in Erenthrall geplündert wurde.«

»Ich dachte, dafür sind die neuen Felder angelegt worden«, konterte Sovaan. »Um genug Nahrung für uns alle anzubauen.«

Sophias Augen verengten sich zu Schlitzen. »Die Erträge der Ernten sind alles andere als sicher. Das Wetter, eine Seuche, eine Dürre – irgendetwas in der Art könnte alles vernichten. Wir brauchen die Vorräte aus der Stadt. Außerdem kann ich mich nicht erinnern, dass wir überhaupt zugestimmt haben, euch langfristig hierbleiben zu lassen.«

Allan griff nach seiner Tasche. »Die Stadt bietet mehr als nur Lebensmittel. Das hier habe ich in einer Apotheke gefunden.« Er holte einige kleine Fläschchen hervor und reichte sie herum.

Sophia sog scharf die Luft ein, als sie bei ihr ankamen. »Logan würde allein für dieses Fläschchen Seranin töten. Und mir war die Trampelklette schon vor der Zersplitterung ausgegangen.« Sie drückte sich die kleine Ampulle an die Brust. »Sie hilft gegen die Arthritis in meinen Händen.«

»Das verstehe ich nicht«, ergriff Kara das Wort. »Ich dachte, ihr hättet bereits alle Apotheken in den nicht kontrollierten Bereichen der Stadt geplündert. Woher habt ihr das hier dann?«

»Aus einer der Scherben.«

Es dauerte einen Herzschlag lang, bis Kara die Bedeutung von Allans Antwort ins Bewusstsein sickerte, doch dann weiteten sich ihre Augen. »Du hast sie aus der Verkrümmung geholt?«

»Die Halbwölfe hatten mich in der Nähe der Verkrümmung in der Falle. Die einzige Möglichkeit, ihnen zu entkommen, bestand darin hineinzugehen. Aber der Anführer des Rudels – ein halb verwandelter Mann, so wie Hagger – hat die Halbwölfe um die Scherbe herum Wache halten lassen. Sie haben darauf gewartet, dass ich wieder herauskam. Ich war gezwungen, tiefer in die Verkrümmung einzudringen, um die Wölfe zu umgehen. Dabei bin ich auf die Apotheke gestoßen.« Er holte ein Glas mit Pfirsichen aus der Tasche. »Und auf das hier. In dieser einen Scherbe waren genug Lebensmittel, um uns ein paar Tage zu versorgen, vielleicht sogar eine ganze Woche. Und in Erenthrall kann niemand außer mir sie erreichen.«

Hernande kaute mittlerweile auf dem Ende seines Bartes und hatte den Kopf nachdenklich zur Seite geneigt. »Gibt es irgendeinen anderen Weg, Zugang zu diesen Vorräten zu erlangen?«

»Ich kann jemand anderen mit in die Verkrümmung nehmen, nur wäre der Eintritt und Austritt für denjenigen sehr unangenehm.«

»Das habe ich nicht gemeint. Wir haben schon darüber gesprochen, wie man die Verkrümmung reparieren könnte. Wir sind uns alle einig, dass wir nicht genug Lumagier oder Mentoren haben, um alles auf einmal zu beseitigen. Aber was wäre, wenn man immer nur eine einzelne Scherbe auf einmal in Angriff nimmt?«

Kara holte Luft, um sich dagegen auszusprechen, dann jedoch bremste sie sich. Darüber, die Verkrümmung Stück für Stück zu reparieren, hatten sie tatsächlich noch nie nachgedacht.

Sie schaute zu den anderen auf. Alle wirkten erwartungsvoll, als sie sagte: »Das könnte klappen. Nur wären wir nie in der Lage, auf diese Weise die gesamte Verkrümmung zu reparieren. Es sind Hunderte Scherben, wenn nicht gar Tausende. Das würde zu lange dauern.«

»Was könnte schiefgehen?«

»Verkrümmungen sind heikel. Jede Veränderung in ihrer Zusammensetzung könnte ein Ungleichgewicht verursachen. Schon das Entfernen einer Scherbe mag dafür ausreichen. Wir würden vielleicht unwissentlich ihre Schließung auslösen. Und dann könnte alles und jeder, die zu der Zeit darin gefangen sind, getötet oder ausgelöscht werden. Wir wären nie in der Lage, den mittleren Teil von Erenthrall wiederherzustellen.«

Die Stimmung der Gruppe wurde bedrückt.

»Spielt keine Rolle«, meinte Bryce schließlich abrupt. »Wir dürfen nicht unsere gesamte Hoffnung auf die Felderträge setzen. Und wir können uns auch nicht darauf verlassen, dass wir hier im Vorgebirge versteckt bleiben – nicht, wenn sich diese Gruppen bewaffnen und hinaus auf die Ebenen wagen. Wir brauchen die in der Verkrümmung steckenden Vorräte, und wir müssen damit anfangen, hier in Muld an Verteidigungseinrichtungen zu arbeiten.«

»Was schlägst du vor?«, fragte Sophia.

Bryce stand auf und streckte die Hand nach der Tasche aus, die Allan immer noch hielt. Der ehemalige Rüde reichte sie ihm.

»Wir müssen einige der Lumagier mit Begleitern für ihren Schutz nach Erenthrall schicken, um herauszufinden, ob sie an die Vorräte in den Scherben gelangen können. Was Muld angeht, habe ich nicht genug Rüden hier, um den Ort vollständig zu schützen. Wir müssen damit beginnen, einige der anderen zum Kampf auszubilden. Mit Schwertern, Bogen, allem, was wir finden können. Die Felderträge sind wertlos, wenn wir überfallen und ausgeplündert werden.«

Er schlang sich die Tasche mit Arzneimitteln und Essen über die Schulter und steuerte auf die Tür zu. »Ich übergebe das Logan, dann gehe ich in mein Zelt. Es sind ein paar lange, bittere Tage gewesen.«

Die anderen beobachteten, wie er ins Freie trat, nach links abbog und verschwand.

»Er hat recht«, räumte Allan widerwillig ein. »Der Angriff auf den Wagen betont nur, was wir in der Stadt gesehen haben. Wir brauchen bessere Verteidigungseinrichtungen.«

»Das wird Paul nicht gefallen«, meinte Sophia. »Ebenso wenig wie einigen der anderen. Sie werden behaupten, dass wir allein deshalb in Gefahr schweben, weil wir euch aufgenommen haben. Sie werden fordern, dass wir euch sofort verstoßen.«

»Diese Räuber wären so oder so gekommen, unabhängig davon, ob wir hier sind oder nicht. Wollen Paul und die anderen lieber darauf warten, bis ihnen eines Nachts, wenn diese Plünderer Muld finden, im Schlaf die Kehlen aufgeschlitzt werden? Denn das wird letztlich passieren.«

Bei dem schauerlichen Bild verzog Sophia unwillkürlich die Lippen. »Nein, ich denke nicht.«

»Dann schlage ich vor, ihr fangt an, den Leuten beizubringen, wie man ein Schwert führt und mit einem Bogen umgeht.«

Die ältere Frau wirkte immer noch widerwillig. »Ich lasse unsere Fährtensucher beginnen, diejenigen auszubilden, die sich fürs Bogenschießen interessieren. Zur Not können wir sie später auch immer noch als zusätzliche Hilfe bei der Jagd gebrauchen. Und den anderen sage ich, sie sollen sich an die Rüden wenden, um sich im Schwertkampf ausbilden zu lassen. Wenn sie das wollen.«

»Gut.« Allan wandte sich an Kara. »Du musst mit den Lumagiern reden. Ihr müsst euch überlegen, wie man einzelne Scherben reparieren kann. Ich will nicht zu lange mit der Rückkehr in die Stadt warten.«

Kara drängte einen Anflug von Erregung zurück. Ihrer Ansicht nach waren sie hier in Muld zu selbstzufrieden geworden. Sie mussten mit der Arbeit an der Rückgewinnung Erenthralls beginnen, bevor sich diese Selbstzufriedenheit weiter ausbreitete und zu tiefe Wurzeln schlug. »Ich setze mich sofort mit ihnen zusammen. Daran zu arbeiten, ein paar einzelne Scherben zu heilen, könnte uns auf eine Idee bringen, wie man die gesamte Verkrümmung reparieren kann – irgendetwas, woran wir bisher noch nicht gedacht haben. An Freiwilligen wird es nicht mangeln, auch wenn es in Erenthrall immer noch gefährlich ist.«

»Es ist immer noch gefährlich. Vielleicht sogar gefährlicher als vor der Zersplitterung.«

Zwei

Kara lag in der Dunkelheit des Zeltes, das sie sich mit Cory teilte, und lauschte Corys tiefer Atmung und der völligen Stille der Nacht. Das Morgengrauen stand kurz bevor. Sie konnte den Tau in der frostigen Luft schmecken. Zuvor hatte sie gehört, wie Leute aufgestanden waren, um die von Bryce aufgestellten Patrouillen abzulösen. Er hatte je einen seiner Rüden mit einem der Fährtensucher aus Muld und einem unausgebildeten Mann oder einer unausgebildeten Frau zusammengespannt.

Jede Dreierformation schritt in vorgegebenen Zeitabständen den Rand des Tals ab. Es patrouillierten ständig mindestens drei solche Mannschaften – und zwar zusätzlich zu den zwei Wachposten zur Beobachtung der Pässe, an denen der Bach in das Tal eindrang und es verließ. Kara wusste, in einer Stunde würde sie das Klirren der Männer und Frauen hören, die sich am anderen Ende der Wiese im Schwertkampf übten. Um die dumpfen Einschläge von Pfeilen bei den Schießübungen wahrnehmen zu können, lag ihr Zelt zu weit entfernt.

»Kannst du nicht schlafen?« Corys Atem hauchte warm auf ihre Wange.

»Nein. Ich liege schon seit Stunden wach.«

Er küsste sie in den Nacken, dann rollte er sich mit einem Seufzen weg. Sie drehte sich ihm zu.

»Machst du dir Sorgen wegen der Reise nach Erenthrall?«

»Ja. Ich mache mir Sorgen wegen der Verkrümmung und unserer Versuche, sie zu reparieren. Was, wenn wir dadurch auslösen, dass sie in sich zusammenfällt? Ich weiß, wir können Erenthrall nicht vollständig wiederherstellen, nicht nach allem, was passiert ist. Aber wir könnten zumindest eine Zuflucht daraus machen, einen sicheren Ort für die Überlebenden. Denk nur an all die Menschen, die derzeit darin gefangen sind. Ein paar haben wir gerettet, aber wenn die Verkrümmung einstürzt …«

»Diese Leute würden wollen, dass ihr versucht, sie zu befreien. Hast du nicht auch gesagt, selbst wenn ihr keine einzelne Scherbe reparieren könnt, würde euch schon der Versuch weitere Erkenntnisse darüber liefern, wie die Verkrümmung insgesamt aufgebaut ist?«

»So ist es auch. Und mir ist bewusst, dass wir es versuchen müssen. Trotzdem … die Verkrümmungen sind so instabil.«

»Die ganze Welt ist instabil. Nach dem Angriff auf den Wagen glaube ich auch nicht, dass es hier in Muld noch lange sicher sein wird.«

Kara hörte ein Rascheln aus einem nahen Zelt, gefolgt vom klatschenden Laut einer Zeltklappe, die geöffnet wurde, dann setzte wieder Stille ein. Cory verharrte regungslos, und beide lauschten. Jemand gähnte und schüttelte sich, bevor das Klirren von Metall auf Metall ertönte und sich die Geräusche entfernten.

»Schwertübungen«, murmelte Cory leise.

Von draußen drangen weitere raschelnde Laute herein, als weitere Leute aufstanden und den Weg zum Übungsplatz antraten.

»Ich bin seit der Zersplitterung nicht mehr in Erenthrall gewesen«, sagte Kara. »So, wie Allan und die anderen es beschreiben, dürfte es ja nicht einmal mehr annähernd so sein wie früher. Konflux, Eld, Stān, sogar Grass und Kupfar. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Stadt so erleben will. Ich will den Schaden gar nicht sehen, den die Lumagier angerichtet haben.«

Cory setzte sich auf. »Nicht die Lumagier haben die Zersplitterung verursacht. Das waren der Baron und die Kormanley.«

»Ist das wirklich so? Ich weiß, dass Marcus irgendwas gemacht hat, um den Ausfall der Ley unmittelbar vor der Zersplitterung herbeizuführen. Was, wenn er im Nexus etwas durcheinandergebracht hat? Was, wenn das die Ursache der Explosion war?«

»Du weißt doch gar nicht, ob es Marcus war, der den Ausfall herbeigeführt hat. Du weißt nur, dass es jemand in Eld war, weil du es in den Sanden gesehen hast, bevor die Rüden dich mitgenommen haben.«

»Es war Marcus. Ich weiß es.«

Cory ließ ein erschöpftes Stöhnen vernehmen – dieses Gespräch hatten sie schon viele Male geführt. »Das spielt doch jetzt keine Rolle mehr, oder?« Kara konnte hören, wie er im Zelt herumkramte und sich anzog. »Der Nexus ist zerstört. Wahrscheinlich werden wir nie genau erfahren, was die Ursache war oder wer sie herbeigeführt hat – Marcus, die Kormanley oder der Baron. Wir müssen uns mit dem auseinandersetzen, was jetzt passiert.«

Kara spannte den Körper an, wappnete sich dafür, das Streitgespräch fortzuführen, dann jedoch sah sie davon ab. Marcus, der Baron – sie alle waren mittlerweile tot. »Wohin gehst du?«, fragte sie stattdessen, als sie sah, dass Cory Anstalten machte aufzustehen.

»Zum Übungsplatz.«

Jäh setzte sich Kara auf. »Zum Übungsplatz?«

»Ich muss lernen, wie man ein Schwert benutzt. Zumindest die Grundlagen.«

»Natürlich.« Sie war nicht einmal sicher, was genau sie beunruhigte. Abgesehen davon, dass es, wie die entstehenden Hütten, ein weiteres Zeichen dafür war, wie sich ihr Leben weiter und weiter von Erenthrall entfernte.

Sie streckte die Hand aus und ergriff in der Dunkelheit Corys Arm. »Geh heute nicht.«

»Wieso nicht?«

»Weil …« Krampfhaft suchte sie nach einem Grund. »Weil du mir noch einmal mithilfe der Sande das Ley-System in Erenthrall zeigen musst.«

»Das wird nichts bringen. Die Ley verändert sich zu schnell. Bis ihr die Stadt erreicht, wird sie nicht mal mehr annähernd gleich aussehen.«

»Ich weiß.«

Cory schwieg, bevor er schließlich seufzte. »Dann zieh dich an.«

Kara warf die Decke beiseite und schlüpfte rasch in ihre Kleidung. Dabei berührte sie den Heizstein, um ihn auszuschalten.

Als sie hinaus in die Düsternis vor dem Morgengrauen traten, verschlug die frostige Luft Kara den Atem. Sie rieb sich die Arme, während Cory die Zeltklappe wieder zuzog und sicherte. Dann traten sie den Weg zum Dorf an, wo bereits viele Bewohner auf den Beinen waren und ihrer Arbeit nachgingen.

Sie erreichten die Scheunen, wo aus dem letzten der von Stein gesäumten Ställe Licht schimmerte. Als Kara und Cory um die Ecke bogen, fanden sie Hernande und Artras über die Sandgrube gebeugt vor, in der sie eingehend die sich bewegenden Sande beobachteten. Beide schauten auf.

»Kara!« Artras erhob sich steif aus ihrer gebückten Haltung. Die ältere Lumaga zog Kara in eine innige Umarmung, dann sah sie ihr in die Augen und hielt sie auf Armeslänge vor sich. »Bist du bereit, nach Erenthrall zurückzukehren?«

»Nein. Aber ich möchte unbedingt herausfinden, ob wir nicht doch endlich etwas gegen die Verkrümmung unternehmen können.«

»Ich auch. Nicht alle von uns wollen wie Sovaan dauerhaft hier in Muld bleiben.« Sie deutete auf die Sandgrube. »Ich habe Hernande gebeten, mir vor unserem Aufbruch den Zustand der Ley zu zeigen. Du hattest wohl dieselbe Idee, vermute ich.«

»Deshalb sind wir hier.«

»Dann wirf mal einen Blick darauf.« Artras kauerte sich an den Rand der Grube. Cory gesellte sich zu ihr. Kara ging mit Hernande zur anderen Seite herum.

»Das Chaos der Ley-Linien ist ziemlich interessant.« Hernandes Tonfall klang ganz nach dem eines Mentors der Universität. »Ich bin überzeugt davon, dass sich darin ein Muster verbirgt. Die Natur neigt in der Regel nicht zu völliger Unordnung. Die Ley-Linien werden versuchen, ein neues Netzwerk auszubilden.«

Kara sank mit den Knien auf den Steinsims, den sie benutzt hatten, um den Boden von der Grube abzugrenzen. Die Sande darin waren bereits auf Erenthrall eingestellt und bewegten sich in Wirbeln und Strudeln, einige langsam, andere schneller. Linien verschmolzen miteinander und flossen bald hierhin, bald dorthin. Gelegentlich schoss ein Strahl Sand wie ein kleiner Geysir nach oben. Die Bewegung der Sande ließ ein beständiges leises Rieseln ertönen, das Kara meistens beruhigend fand. An diesem Tag jedoch zehrte es an ihren Nerven.

In der Mitte der Grube rührte sich fast nichts. Die aktiven Ley-Linien wurden von der Verkrümmung in einem perfekten Kreis abgeschnitten. Innerhalb des Kreises, wo die Realität zersplittert war, gab es nur wenige, kleine Bereiche, in denen sich die Sande verlagerten. Das waren Anzeichen für Scherben, in denen sich die Zeit noch vorwärtsbewegte, so dass die darin gefangene Ley versuchte, sich neu auszurichten. Kara, Hernande und die anderen waren sich alle darin einig, dass die Ley in jenen Scherben ein eigenes Netzwerk bilden wollte, doch in den meisten reichte die Menge nicht aus, um sich zu organisieren. Ein paar der Scherben waren vollständig gefüllt und wiesen deutlich abgegrenzte Kanten auf, als wäre etwas gerissen und hätte den Bereich geflutet.

Hernande zeigte auf die Verkrümmung. »Aufgrund der Beschreibungen, die uns Allan liefern konnte, glaube ich, dass dies hier der Abschnitt ist, in dem er von den Halbwölfen in die Verkrümmung gezwungen wurde.«

»Die Scherben dort scheinen nicht viel Ley zu enthalten.«

»Nein«, pflichtete ihm Artras bei. »Und das ist gut so. Ich vermute nämlich, dass eine Scherbe, die aktive Ley enthält, schwieriger zu reparieren sein dürfte als eine ohne. Zum Beispiel würden wir nicht die Wände einer mit Ley gefluteten Scherbe einreißen wollen, weil sie sonst ungehindert in einen Abschnitt der Stadt fließen könnte, der unter Umständen besetzt ist.«

Kara schauderte bei der Vorstellung. In ihrem natürlichen Zustand war die Ley harmlos, aber in geballter Konzentration konnte sie tödlich sein. Sie erinnerte sich an die Geschichten über die Aussaat der Türme in Grass vor der Zersplitterung. Damals waren einige der Lehnsherren und Lehnsherrinnen der Stadt und der umliegenden Gebiete das Risiko eingegangen, der Ley ausgesetzt zu werden, um das Schauspiel von ungeschützten Balkonen aus zu verfolgen. Sie waren dabei umgekommen – die Ley hatte ihre Körper förmlich verschlungen.

Und dann war da noch die Zersplitterung selbst. Als der Nexus explodiert war, hatte die Ley alles Organische, das nicht in irgendeiner Weise geschützt war, innerhalb eines bestimmten Radius vollkommen ausradiert. Kara und die meisten anderen Lumagier in Muld hatten nur deshalb überlebt, weil sie zu dem Zeitpunkt in Zellen unter dem Bernsteinturm eingesperrt gewesen waren. Dasselbe galt für Allan, Morrell und die Rüden in ihrer Gruppe. Hätte sich Kara draußen auf den Straßen befunden und ihre Runden als Lumaga gedreht, wäre auch sie getötet worden. Die meisten anderen Überlebenden, die sich erst zur Universität und dann nach Muld durchgeschlagen hatten, waren ebenfalls in irgendeiner Weise geschützt gewesen.

Kara verdrängte den schaurigen Gedanken daran, was geschehen wäre, wenn die Rüden sie nicht verhaftet hätten, und verlagerte ihre Aufmerksamkeit auf den Rest der Ley. »Sieht so aus, als hätten sich die zwei Flüsse in neue Verläufe gefügt.«

»Sie fließen jetzt durch ehemalige Straßen. Gebäude und das Geröll, das sich um ihre Ränder angesammelt hat, bilden die Ufer. Aber achte mal auf die beiden Bereiche hier und hier.« Hernande zeigte auf zwei Stellen außerhalb der Verkrümmung. »Es scheint sich um stabile Punkte im allgemeinen Chaos der Ley zu handeln.«

»Woher weißt du das?« Sie schienen sich nicht vom Rest der Ley zu unterscheiden.

Die Antwort lieferte Cory. »Wir beobachten sie seit mehreren Monaten. Alles andere ist in Bewegung, ordnet sich neu an, aber diese zwei Stellen rühren sich nicht.«

»Also versucht die Ley, um die Verkrümmung herum ein neues System zu bilden. Genau, wie wir dachten«, stellte Artras in schroffem Ton fest.

»Warum hat sie sich dann noch nicht stabilisiert?«

Artras zuckte mit den Schultern. »Wer weiß schon, wie lange es dauern wird? Wir haben ja keine Anhaltswerte. Das Ley-System, das wir benutzt haben, war schon immer da. Wir Menschen sind ja erst unlängst so hochmütig geworden, es zu manipulieren und zu verändern. Und seht, wohin uns das gebracht hat.«

Kara musterte den strengen Gesichtsausdruck der älteren Frau. Einen Herzschlag lang hatte sie wie Ischua geklungen, der Hüter, der Karas Talent entdeckt und sich nach dem Tod ihrer Eltern um sie gekümmert hatte.

Kara deutete in Richtung der Karte. »Ich sehe rings um den Bereich, den Allan entdeckt hat, nichts, was uns Probleme bereiten könnte. Dort scheint die Ley vergleichsweise stabil zu sein.«

»Ja«, pflichtete ihr Hernande bei. »Aber denk daran, dass sie sich trotzdem ständig verändert. Bis eure Gruppe dort eintrifft, könnte sie unbeständiger sein. Vor allem, wenn sich diese Erdbeben weiter fortsetzen. Natürlich behalten wir die Lage hier im Auge, aber wir können euch nicht benachrichtigen, falls sich etwas tut.«

»Ich weiß.« Kara richtete sich auf. »Allan und die anderen sind inzwischen wahrscheinlich bereit. Wir sollten besser unsere Sachen holen.«

Nun, da sie das Ley-System gesehen hatte, waren die Ängste und Sorgen, die Kara zuvor geplagt hatten, zurückgewichen und von Entschlossenheit abgelöst worden. Es war dieselbe Entschlossenheit, die sie verspürt hatte, nachdem sie von Allan aus der Verkrümmung geholt worden war, auf jenem Gebäude gestanden und die gleißenden weißen Lichter der noch nicht entfalteten Verkrümmungen über Tumbor, Farrade und anderen Städten in der Ferne gesehen hatte. Während der letzten Monate hatte Kara die Gedanken daran beiseitegeschoben, gezwungen, das Augenmerk auf das nackte Überleben zu richten, nun jedoch wurde sie wieder davon erfasst.

Bei dem betroffenen Ausdruck in Corys Gesicht biss sie sich auf die Unterlippe, doch sie wandte sich ab und ging mit Artras. Die ältere Hüterin ergriff ihren Arm, sobald sie sich außer Sicht befanden. »Er kommt schon zurecht. Ihr seid bloß die letzten Monate nie weiter als ein paar Minuten Fußmarsch voneinander getrennt gewesen. Er wird sich daran gewöhnen.«

Kara traute ihrer Stimme nicht ausreichend, um etwas darauf zu erwidern.

Artras und Kara eilten zur Wiese der Flüchtlinge. Die ältere Frau löste sich von Kara und steuerte ihr eigenes Zelt an, das sie sich mit Dylan teilte. Kara schlug die eigene Zeltklappe zurück und fasste hinein, um das bereits auf sie wartende Bündel zu ergreifen. Sie zog es zu sich und wollte schon zurück hinaus in die tauschwere Luft treten, hielt jedoch inne. Im Inneren des vom Heizstein noch warmen Zeltes roch es nach Cory. Sein Duft, der an eine erdige Mischung aus Lehm mit leichter Gewürznote erinnerte, stieg ihr kitzelnd in die Nase. Kara atmete ihn ein, prägte ihn sich ein, dann blies sie den Atem aus und schloss die Zeltklappe wieder. Schließlich wirbelte sie auf den Fußballen herum, schob die Arme durch die Riemen ihres Bündels und rückte es auf ihrem Rücken zurecht, während sie sich zwischen den Zelten hindurch den Weg zurück zum Dorf bahnte.

Kaum war sie um Logans Hütte gebogen, erblickte sie Cory, Hernande, Artras, Allan und den Rest der Gruppe, die um den einzigen Wagen standen, den sie in die Stadt mitnehmen würden. Man hatte ihn bereits mit den wenigen Vorräten beladen, die sie nicht in ihren jeweiligen Bündeln bei sich trugen. Zwei vor den Wagen gespannte Pferde scharrten mit den Hufen, als könnten sie es kaum erwarten, sich in Bewegung zu setzen.

Kara bemerkte vier Rüden, die eine Gruppe um Allan bildeten. Abgesehen von Artras begleiteten sie noch zwei weitere Lumagier: Dylan und ein jüngerer Bursche namens Carter. Zwei Männer aus den Rängen der Flüchtlinge und zwei weitere ursprüngliche Bewohner von Muld – die Kara beide nicht gut kannte – würden ihnen beim Einsammeln der erbeuteten Vorräte helfen, sobald sie aus der Scherbe geborgen wären.

Ihr fiel auf, dass Morrell dicht bei ihrem Vater stand. Sie beobachtete, wie das Mädchen – die junge Frau, wie Kara plötzlich klar wurde – die Hände ausstreckte und den Vater innig umarmte. Schließlich löste sie sich wieder von ihm. Allan streichelte ihr langes, goldenes Haar und hielt sie an den Schultern fest, als sie sich zurückziehen wollte. Mit ernster Miene sagte er etwas zu ihr, das Kara nicht hören konnte. Morrell nickte, und Allan tätschelte ihr den Kopf, bevor er sich bremste.

Sowohl Sophia als auch Paul standen ein Stück daneben, Paul wie üblich mit mürrischem Gesichtsausdruck.

Allan sah sich um. »Wir sind alle hier. Lasst uns jetzt aufbrechen, damit wir die Ebenen noch vor Einbruch der Nacht erreichen.«

»Geh keine Wagnisse ein.« Sophia ergriff Karas Hände. »Wir brauchen dich hier dringender als die Verkrümmungen, die du reparieren willst.«

Hinter ihr ließ Paul ein verächtliches Brummen vernehmen.

Hernande entfernte sich auf taktvollen Abstand, als sich Kara zu Cory umdrehte.

»Ich werde vorsichtig sein.« Sie schlang die Arme um seine Mitte und zog ihn an sich. »Und mir wird nichts passieren.« Kara küsste ihn, dann löste sie sich rasch von ihm, bevor ihre Fassade der Zuversicht Risse bekommen konnte.

Ein Rüde und ein Mulder hatten bereits auf dem Kutschbock Platz genommen und lenkten die Pferde zum Rand des Waldes. Die anderen trotteten hinterdrein oder marschierten vorneweg. Artras wartete, bis Kara zu ihr aufschloss. Sie verlor kein Wort, als sich Kara mit den Ärmeln über das Gesicht rieb.

Dann geriet die Gruppe in die Schatten der Bäume und ließ Muld hinter sich zurück.

***

»Sollen wir das Lager innerhalb der Baumgrenze aufschlagen? Wir haben nur noch ungefähr eine Stunde bis zur Abenddämmerung.«

Allan starrte hinaus zum leicht hügeligen Rand der Ebenen. »Wir werden tagelang über die Wiesen reisen. Wenn da draußen jemand ist, der nach uns Ausschau hält, wird man uns so oder so sichten, ob wir nun jetzt weiterziehen oder später.« Er begegnete dem Blick des anderen Rüden. »Sei auf der Hut.«

Glenn nickte, eine knappe Geste, mit der ein Rüde eine Anweisung von seinem Vorgesetzten bestätigte. Dann zog er sich in den Wald zurück, um den Wagen und die anderen zu holen. Allan hatte befürchtet, die anderen Rüden könnten Bryces Geringschätzung für ihn übernehmen und sich ungehorsam gebärden. Da Bryce aber nicht hier war, um sie anzustacheln, hatten sie sich in die vertraute Ordnung gefügt, die innerhalb der Rudel vor der Zersplitterung bestanden hatte. Es war wie früher im Hort mit Hagger. Damals war Allans ehemaliger Partner der Anstifter gewesen und hatte diejenigen um sich geschart, die sich ihm bereitwillig unterordneten. Aber Bryce war nicht halb so schlimm, wie Hagger es gewesen war.

Allan ließ den Blick weiter suchend über den Horizont wandern, bis er hörte, wie der Wagen von hinten angerumpelt kam. Glenn und Adder tauchten am Rand seines Sichtfelds auf, und er winkte sie hinaus auf die Ebenen, einer auf jeder Seite. Sie trotteten die nächstgelegene Erhebung hinauf und schirmten mit den Händen die Augen gegen die Sonne ab, bevor sie das Zeichen gaben, dass alles in Ordnung war.

Allan richtete den Blick auf Gaven, der den Wagen lenkte. »Alle bleiben dicht beim Wagen. Wir sehen zwar keinen Menschen, aber das bedeutet nicht, dass niemand da ist. Tim und Kent, ihr bildet die Nachhut. Glenn, Adder und ich übernehmen die Spitze.«

Gaven schnalzte mit den Zügeln, und die Pferde zogen den Wagen aus dem Schutz der Bäume. Allan wartete, bis sich Tim und Kent ein Stück hinter der Hauptgruppe eingereiht hatten, dann setzte er sich in Bewegung, um zu Glenn und Adder aufzuschließen, die bereits in die Ferne davonzogen.

Als die Sonne eine Stunde später auf den Horizont zu sank, ließ er den Tross in einer kleinen Senke anhalten, die ein wenig Deckung bieten würde. Mit spürbarer Erleichterung schritt die Gruppe zur Tat. Die Mulder und die Rüden begannen sofort, das Lager aufzuschlagen, luden die spärlichen Vorräte ab, die sie dabeihatten, und errichteten einen Schutzkreis von Wachposten. Gaven machte die Pferde los und führte sie davon, damit sie grasen konnten. Die Lumagier wirkten ratlos.

Als Allan zum Wagen zurückkehrte, trat Kara vor. Die anderen Lumagier reihten sich hinter ihr auf.

»Was können wir tun?«

Allan überlegte. Ihm fiel auf, dass die Mulder bereits einen Platz für das Feuer geräumt hatten. »Könnt ihr hier draußen einen Heizstein erschaffen? Man kann das Lager zwar von den Ebenen aus nicht direkt sehen, trotzdem wäre ein Feuer riskant.«

»Wir können es versuchen.«

»Tut das. Sonst helft ihr beim Kochen. Die Zelte verwenden wir heute Nacht nicht, nur Pritschen.« Er deutete in den klaren Himmel.

Kara wandte sich den anderen zu, gab ihnen bereits Anweisungen. Sie teilten sich auf. Zwei steuerten dorthin, wo die Mulder das Gras in einem groben Kreis niedertrampelten, Kara und Artras hielten auf die Stelle zu, an der man das Gras beseitigt und eine Grube für das Feuer ausgehoben hatte. Beide kauerten sich hin und schlossen die Augen, nachdem sie einem der jüngeren Mulder aufgetragen hatten, nach einem großen Stein zu suchen.

Als eine lange Weile nichts geschah, außer dass sich ihre Gesichtsausdrücke kaum merklich veränderten, schüttelte Allan den Kopf, drehte Runden durch das Lager und sah nach den Rüden.

Als die Sonne blutrot schillernd untergegangen war und am Himmel die Sterne funkelnd den Halbmond säumten, hielten Kara und Artras mit einem selbstgefälligen Grinsen in den Gesichtern die Hände über den leuchtenden Heizstein. Die Lumagier und Mulder stellten bereits ein Dreibein mit einem Haken darüber auf. Getreidespelzen wurden angefeuchtet und auf den Stein gelegt. Darüber wurde Wildbret verteilt, und schon bald erfüllte der Duft von bratendem Fleisch die Senke.

Allan wahrte Abstand zum Heizstein, da er wusste, dass seine Nähe dessen Wirkung nur stören würde. Er begab sich zum Rand des Lagers und kam in der Dunkelheit an Glenn vorbei. Schließlich ließ sich Allan im knöchelhohen Gras auf einer Erhebung nieder und starrte in die Ferne zu der grellen Kuppel der Verkrümmung in Erenthrall.

Die vielschichtigen Lichter der Scherben schienen hell wie der Mond zu pulsieren, dabei strahlten sie in Farbtönen zwischen Rosa und Orange, gesprenkelt mit Schlieren hellerer Grün- und Purpurtöne. Weiter rechts und tief am Horizont konnte er einen schwächeren, sternähnlichen Lichtpunkt ausmachen: die über Farrade schwebende Verkrümmung. Weiter im Westen sah er das wesentlich hellere, weiße Licht der Verkrümmung über Tumbor. Der Ort lag nur geringfügig näher als Farrade. Dass die Verkrümmung dort dennoch so viel heller leuchtete, konnte nur bedeuten, dass sie erheblich stärker als jene in ihrer Schwesterstadt sein musste. Wenn sie sich entfaltete …

Allan streckte die Hand aus, um am Gras vor ihm zu zupfen. Er pflückte einen Halm und steckte ihn sich in den Mund, kaute auf dem zarten Ende. Wenig später hörte er, wie sich ihm jemand von hinten näherte. Füße bewegten sich raschelnd durch das Gras, dann ließ Kara sich mit untergeschlagenen Beinen neben ihm nieder. Der Mond und die ferne Verkrümmung spendeten gerade genug Licht, um ihre schattigen Züge auszumachen.

»Wunderschön, nicht wahr?«, meinte Kara.

»Und tödlich.«

»Das weiß ich besser als die meisten. Trotzdem ist es ein wunderschöner Anblick. Ich erinnere mich noch, wie ich zum ersten Mal in Erenthrall eine Verkrümmung gesehen habe, als ich jünger war. Sie ist in der Luft erblüht, vor mir und Cory und …« Ihre Stimme stockte. Schließlich fuhr sie fort: »Sie ist einfach mitten auf der Straße erschienen, nicht größer als meine Faust. Ich wollte die Hand ausstrecken, um sie zu berühren, sie zu reparieren, rein instinktiv. Damals war ich noch keine Lumaga. Aber die Erwachsenen in der Nähe haben mich davon abgehalten.« Ein schiefes Lächeln krümmte ihre Lippen. »Zu dem Zeitpunkt sind wir gerade vor Rüden weggerannt.«

Allan sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, und sie brach kopfschüttelnd in Gelächter aus.

»Nicht, was du denkst. Wir haben auf einem Platz Distelschnappen gespielt, als die Rüden gekommen sind, um eine Wohnung in der Nähe zu stürmen. Wir haben die Flucht ergriffen, obwohl sie nicht hinter uns her waren. Wir waren Kinder.«

Allan wollte sie wegen des Namens fragen, den sie zuvor hinuntergeschluckt und nicht ausgesprochen hatte, entschied sich jedoch dagegen. »Wenn die Lumagier schon so früh von den Verkrümmungen wussten, warum haben sie dann nichts unternommen, um sie aufzuhalten?«