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Eine machtvolle Energiequelle, die Wunder erschaffen oder Welten zerstören kann ... Türme aus gleißendem Licht, schwebende Wagen und taghelle Laternen — Erenthrall ist die Stadt des Lichts und hat ihren Fortschritt der Ley-Energie zu verdanken. Sie verläuft in einem feinen Netz unter der Erde und kann nur durch die Lumagier genutzt werden. Doch die Bewegung der Kormanley kritisiert die Nutzung dieser natürlichen Quelle und verübt zunehmend Anschläge auf die Lumagier und die Bevölkerung, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.
Als sich bei der jungen Kara die Begabung zur Lumagierin besonders früh und stark manifestiert, gerät sie zwischen die Fronten in diesem Konflikt, der die ganze Stadt in den Abgrund zu reißen droht ...
"Ein sehr innovativer, moderner Fantasy-Roman ... eine exzellente Wahl für Leser, die anspruchsvolle Unterhaltung zu schätzen wissen!" SFRevu
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Seitenzahl: 997
Veröffentlichungsjahr: 2018
Türme aus gleißendem Licht, schwebende Wagen und taghelle Laternen — Erenthrall ist die Stadt des Lichts und hat ihren Fortschritt der Ley-Energie zu verdanken. Sie verläuft in einem feinen Netz unter der Erde und kann nur durch die Lumagier genutzt werden. Doch die Bewegung der Kormanley kritisiert die Nutzung dieser natürlichen Quelle und verübt zunehmend Anschläge auf die Lumagier und die Bevölkerung, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Als sich bei der jungen Kara die Begabung zur Lumagierin besonders früh und stark manifestiert, gerät sie zwischen die Fronten in diesem Konflikt, der die ganze Stadt in den Abgrund zu reißen droht ... »Ein sehr innovativer, moderner Fantasy-Roman ... eine exzellente Wahl für Leser, die anspruchsvolle Unterhaltung zu schätzen wissen!« SFREVU
Joshua Palmatier hat einen Doktorgrad in Mathematik. Er wurde in Pennsylvania geboren, aber hat in verschiedenen Teil der USA gelebt. Heute hat er seinen Hauptwohnsitz in New York und lehrt Mathematik an einer Universität in Pensylvania. »Die Regentin« ist nach »Die Assassine« sein zweiter Roman und zugleich der zweite Band der Geisterthron-Trilogie.
Joshua Palmatier
STADT des LICHTS
Roma
Aus dem amerikanischen Englisch vonMichael Krug
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2014 by Joshua Palmatier
Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Shattering the Ley«
Originalverlag: By arrangement with DAW Books, New York
Dieses Werk wurde vermittelt durch Interpill Media Ingo Stein e. K., Hamburg
Für diese Ausgabe:
Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Dr. Frank Weinreich, Bochum
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de
Titelillustration: © Maciej Drabik
eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7325-6121-6
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Dieses Buch widme ichmeinen zwei Brüdern,Jason und Jacob;Science-Fiction- und Fantasy-Fansund beide Schriftsteller.
»Ich sollte nicht hier sein«, murmelte Kara Tremain für sich, als sie um die letzte Straßenecke bog und in Sichtweite der Steinmauern des Halliel-Parks geriet. Sie blieb stehen und biss sich auf die Unterlippe. Eine seltsame Mischung aus Beklommenheit, Gefahr und Erregung brachte ihren Körper zum Zittern. Der Ledergurt, der die Schulbücher zusammenhielt, hing schwer über ihrer Schulter, und sie verdrehte den Riemen unter der Hand. Sie schaute die Straße in beide Richtungen entlang und erhaschte durch den vorbeiziehenden Strom der Menschen und Wagen der betriebsamen Stadt Erenthrall flüchtige Blicke auf das offene Tor des Parks.
Einer der mit Ley betriebenen Schwebewagen flog vorbei, und die Ley-Energie brachte Karas Haut zum Kribbeln. Stirnrunzelnd und zerstreut blickte sie dem Gefährt nach – normalerweise bekam man diese Wagen im Bezirk Eld nicht zu sehen, denn niemand hier konnte sie sich leisten. Ihre Aufmerksamkeit ließ sich davon jedoch nicht lange in Bann halten. Ein Anschwellen der Energie von einer der Leuchtkugeln über dem Eingang des Parks ließ ihren Blick zurück zum Tor schwenken.
Es war Nachmittag. Ihr Vormittagsunterricht hatte vor knapp einer Stunde geendet. Ihr Vater wollte, dass sie auf kürzestem Weg nach Hause kam, um ihm bei einem seiner Aufträge zu helfen. Aber der Park …
Die Steinmauern riefen sie mit einem leisen, hartnäckigen Summen. Sie lockten Kara, zogen förmlich an ihr, als wäre sie Treibgut in der Strömung eines der Flüsse. Kara verstand nicht, worum es sich dabei handelte. Aber sie spürte, dass es sie zu etwas anderem machte – zu etwas, das sie von ihren Klassenkameraden unterschied, von ihren Freunden. Ja, selbst von Cory. Sie wollte nicht anders sein … aber gleichzeitig erregte sie dieses Summen, ließ sie jäh die Luft einsaugen und sich lebendig fühlen.
Mit einem schnaubenden Seufzer rückte sie die Straße entlang vor, bis sie sich gegenüber den Toren befand. Dort blieb sie wieder stehen. Die über dem rauen Steinbogen schwebenden Kugeln wurden heller, als Kara sich näherte. Der Bogen war vor einer Ewigkeit gemeißelt worden, als Erenthrall lediglich aus der Festung eines Barons am Ort der Vereinigung zweier Flüsse und aus ein paar verstreuten Behausungen bestanden hatte. Aber Kara wusste, dass der Bereich schon lange davor als besonders gegolten hatte. Ohne so viele Fragen zu stellen, dass sie Aufmerksamkeit erregt hätte, hatte sie versucht, von ihren Lehrern in der Schule und ihren Eltern so viel wie möglich über den Park in Erfahrung zu bringen. Soweit alle wussten, bei denen sie sich erkundigt hatte, war der Park schon immer hier gewesen, schon bevor die Barone die Kontrolle über die umliegenden Gebiete übernommen hatten. Er war nicht immer ummauert, nicht einmal ein richtiger Park gewesen, aber man hatte ihn anscheinend von jeher als heilige Stätte betrachtet.
Innerhalb der schweren, schmiedeeisernen Tore befanden sich dieselben Wege und Steinskulpturen, die Kara schon bei den letzten hundert Malen gesehen hatte, da sie im Eingang gestanden hatte. Einer der Gärtner – ein Mann mit kurz gestutztem braunen Bart, so grau meliert wie die Haare auf seinem Kopf – kniete in grauen, reichlich mit Erde beschmierten Gewändern auf dem Boden. Auf allen Seiten um ihn herum türmten sich Steine. Kara wich zurück, bis sie gegen die Mauer des Gebäudes hinter ihr stieß und sich die Bücher in ihre Seite bohrten. Sie beobachtete, wie der Mann die Steine vor sich anordnete. Dann richtete er sich auf und starrte sein Werk stirnrunzelnd an, bevor er den Kopf schüttelte, sie wieder auseinanderklaubte und zu einem anderen Muster stapelte.
Beim vierten Anlauf, als er sich gerade umdrehte und nach einem faustgroßen Stein in seinem Rücken griff, bemerkte er Kara.
Sie erstarrte, und ihr Herz tat einen heftigen Schlag in der Brust, als der Blick des Mannes dem ihren begegnete. Falten erschienen auf seiner Stirn, als er sich mit dem Stein in der Hand zurücklehnte und Kara eingehend musterte. Seine Lippen pressten sich fest aufeinander. Er setzte dazu an, eine Hand zu heben, und Karas Körper durchlief ein Schauder von Beklommenheit. Sie wankte zur Seite, und ihr Rücken schabte über den Granit des Gebäudes, als sie sich davon abstieß und rasch in den Fußgängerverkehr auf der Straße reihte. Sie wusste nicht, was der Mann vorgehabt hatte, aber sie wusste, dass sie jetzt nach Hause gehen sollte. Ihr Vater würde ohnehin schon überrascht, vielleicht sogar wütend sein, weil sie so spät kam.
Als sie zur nächsten Ecke eilte, ließ der Sog des Parks mit jedem Schritt nach. Bevor sie abbog, schaute sie noch einmal zurück und rechnete damit, dass ihr der Gärtner folgte oder zumindest im Tor stand und ihr nachschaute.
Tat er aber nicht. Er stand zwar in der Nähe des Eingangs, allerdings hatte er den Blick auf die weißen Ley-Kugeln geheftet, die über dem steinernen Torbogen schwebten.
Sie waren wieder trüber geworden.
Bevor der Gärtner sich umdrehen und Kara dabei ertappen konnte, wie sie ihn beobachtete, huschte sie um die Ecke und steuerte auf den Marktplatz zu. Menschen rempelten sie von allen Seiten an. Die Straßen des Bezirks Eld waren schmaler als in den meisten anderen Stadtteilen Erenthralls, abgesehen von Ost-Gablung, Smero, West-Gablung auf der anderen Seite der Flüsse und Konflux, wo die beiden Flüsse aufeinandertrafen. Kara streifte eine der braunhäutigen Frauen aus den Lehensgebieten im Westen, und die Quasten ihres fein bestickten Kopftuchs verfingen sich im Vorbeigehen in Karas Haar. Die Frau schleuderte ihr einen finsteren Blick zu und zog das Kopftuch zurück, doch ihr Ausdruck wurde milder, als ihr klar wurde, dass es sich bei dem Mädchen nicht um eine Diebin handelte. Dann verlor sich die Frau in der Menschenmenge, als Kara einer Gruppe von schwarz gewandeten Männern aus Temerite auswich. Der Geruch ihres Duftwassers schlug wie ein Ziegelstein ein, und sie vergrößerte den Abstand naserümpfend.
Dann erreichte sie den Markt.
Höker brüllten in der nachmittäglichen Sonne und hielten Perlenhalsketten, Stoffballen oder Spieße mit Fleisch hoch, als die Gebäude einem offenen Platz wichen. Kunden berührten die Waren mit zweifelnden Mienen und hinterfragten demonstrativ die Güte des Stoffs oder die Herkunft der Töpferwaren, bevor sie zu feilschen begannen. Der größte Teil der Menschen kam aus Erenthrall und den Baronien. Aber auch Bewohner der westlichen Lehensgebiete sowie die schnurrbärtigen Gorranis aus dem Süden und Temeriter aus dem Osten waren zu sehen. Die Händler, die ihre Waren aus Zelten oder von Karren verkauften, galten gemeinhin als anständig, weshalb nur wenige Rüden – die Gardisten des Barons – über den Platz patrouillierten.
Nahe der Mitte wetterte eine einsame Gestalt in den weißen Gewändern eines Anhängers der Kormanley gegen die anhaltende Entweihung des Leys durch den Baron, die vor über fünfzig Jahren mit der Erschaffung des Nexus begonnen hatte. Jeder beschrieb einen großen Bogen um ihn, sodass er wie abgekapselt allein in der Nähe der Überreste des alten Steinspringbrunnens blieb. Als Kara ihn passierte, ohne auf seine Hetzrede zu achten, erblickte sie drei Rüden, die auf den Mann zuhielten. Ihre dunklen, braun-schwarzen Uniformen hoben sich deutlich von der Menge ab. Sie zog den Kopf ein, als sich einer an ihr vorbeidrängte, das narbige Gesicht zu einer finsteren Miene verkniffen. Kara schaute nicht zurück, als die Rufe des Kormanley-Priesters erst anschwollen und dann jäh verstummten. Jeder in der Umgebung wandte den Blick ab, während die grässlichen Geräusche der prügelnden Rüden über den Platz hallten.
Eine alte Frau, die Lippen zu einer missbilligenden Linie zusammengepresst, murmelte verbittert bei sich: »Die Priester wissen doch, dass die Rüden sie finden. Warum hören sie nicht auf, sich gegen den Baron aufzulehnen?« Sie schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge, kehrte jedoch dem Geschehen weiterhin den Rücken zu. Mittlerweile hatten die Rüden den Priester auf die Füße gezerrt und schleiften ihn davon.
»Liegt an der Aussaat des neuen Turms heute Abend«, brummte der Lebensmittelhändler vor ihr. »Das hat sie herausgelockt. Sie sind schon seit Wochen wie aufgestachelt.«
»Der Baron wird sich das nicht bieten lassen«, meinte die alte Frau. »Er würde sie alle töten, wenn er sie finden könnte.«
Kara hielt inne. Die gemurmelten Worte sickerten ihr mit kaltem Unbehagen ins Bewusstsein. Sie schaute zurück zu dem Mann in Weiß, der schlaff zwischen den Armen von zwei Gardisten hing, die seinen Körper durch das Gedränge schleiften. Schwarzes Haar verhüllte sein Gesicht, aber sie konnte einen Faden aus Speichel und Blut erkennen, der ihm vom Mund hing. Weiteres Blut befleckte seine weiße Robe in seltsamen Mustern, die sich im Sonnenlicht deutlich abzeichneten. Die Rüden zerrten den Priester fort und verschwanden mit ihm in einer Nebenstraße.
Alle auf dem Platz wandten sich wieder dem Feilschen zu, Münzen und Waren wechselten die Hände.
Als sich Kara umdrehte, stellte sie fest, dass die alte Frau sie mit zusammengekniffenen Augen beobachtete. »Oh, zerbrich dir nicht den Kopf darüber, Püppchen. Ich bin sicher, ihm passiert nichts.«
Doch Kara konnte die Lüge in ihrer Stimme hören. Als die Frau die Hand ausstreckte, als wolle sie ihr übers Haar streicheln, duckte sie sich und drängte sich an einem Gorrani vorbei. Das Heft seines Zeremonienschwertes bohrte sich in ihre Seite. Zornig und barsch brüllte er sie in seiner kehligen Sprache an. Kara verstand nur wenige Wörter davon, doch sie blieb nicht stehen. Ihre Brust schmerzte, und sie wusste nicht, weshalb. Sie hatte sich nie groß Gedanken darüber gemacht, wohin die Rüden die Menschen brachten, die sie mitnahmen. Ihr Vater hatte ihr erzählt, sie würden in den Bernsteinturm gesperrt, zum Hof des Barons, wo über sie geurteilt wurde und wo man sie für ihre Verbrechen zur Rechenschaft zog. Aber das entsprach nicht dem, was Kara in der Stimme der alten Frau gehört hatte. Sie hatte vielmehr so geklungen, als wäre der Priester bereits tot.
Kara flüchtete von dem Platz und verlangsamte ihre Schritte erst, als der dröhnende Lärm des Feilschens verblasste und sie die Straßen in der Nähe ihres Zuhauses erreichte. Die Menschenmassen lichteten sich, als die Ladenfronten des Marktbereichs nach und nach Wohngebäuden wichen und die Granitfassaden der Geschäfte von den kleineren Ziegelsteinhäusern der in Eld lebenden Arbeiter und Diener abgelöst wurden. Kara bog um die Ecke und lief ihre Straße hinab. Von hier aus konnte sie die unzähligen Gebäude der Universität oben auf dem Hügel in Konflux sehen, umgeben von hohen Steinmauern. Die breiten, schiefergrauen Bänder der Flüsse Tiana und Urate verliefen von Nordwesten und Nordosten darauf zu. Dahinter bildeten Ost-Gablung und Smero ein dunkleres Gewirr von Docks und dicht gedrängten Gebäuden, über denen ein feiner grauer Dunstschleier hing. Noch weiter südlich zeichnete sich der Rauch des Fleischerblocks ab. In West-Gablung und Gerberzeil herrschte ein ähnlicher Dunst, doch diese Bezirke lagen hinter dem Rauch und den Erhebungen in der Landschaft verborgen. Nur einige Turmspitzen und die Ley-Türme an den Knotenpunkten des Ley-Netzwerks ragten aus den Schichten hervor.
Auf den Stufen ihres Wohngebäudes zögerte Kara und ließ den Blick über die unteren Gefilde von Erenthrall wandern. Sie wusste, dass ihr Vater sie erwartete, doch noch immer spürte sie den leichten Sog des Parks. Ein bloßes Flüstern. Auch spukten ihr immer noch der verstörende Anblick des Priesters, aus dessen Mund Blut gelaufen war, und die Worte der alten Frau im Kopf herum.
Was geschah wirklich mit den Priestern, wenn die Rüden sie gefangen nahmen?
Seufzend hievte Kara ihre Schulbücher von der Schulter, stieg zum Eingang des Gebäudes hinauf. Sie schob die Tür auf und schleppte sich vorbei an dem kleinen Vorraum im Inneren die Stufen zum dritten Stockwerk hoch, wobei sie kurz im zweiten Stock innehielt, wo Cory wohnte. Die Tür zu ihrer eigenen Wohnung stand offen, und sie konnte ihren Vater vor sich hin summen hören, während er arbeitete. Mit zwei kleinen über ihm schwebenden Ley-Kugeln – mehr konnten sie sich nicht leisten – saß er an seinem Schreibtisch. Eine der Kugeln flackerte unregelmäßig, doch er schien es nicht zu bemerken. Seine Aufmerksamkeit galt allein der ausgeweideten Uhr vor ihm auf dem Tisch, deren Rädchen und komplizierte Mechanismen aus Metall ausgebreitet auf dem schwarzen Tuch lagen, das seinen Arbeitsbereich bedeckte. Das Hauptgehäuse der Uhr – ein dunkel gemasertes Stück aus Kirschholz mit weißem Zifferblatt und Goldfassung – befand sich auf einer Seite. Die Zeiger waren entfernt worden, wodurch das Zifferblatt trotz seiner Verzierungen in Form silbriger Wolken kahl wirkte.
Tische und Stühle füllten den Rest des Hauptraums der Wohnung aus. Ein offener Bogendurchgang führte zum Küchenbereich, eine weitere Tür auf einer Seite zu dem Zimmer, in dem Kara und ihre Eltern schliefen. Ein paar abgenutzte und misshandelte Uhren lagen auf den Tischen oder hingen an der Wand, wenngleich keine an die Güteklasse des Stücks heranreichte, an dem ihr Vater gerade arbeitete. Kara lauschte einen Augenblick, doch im Rest der Wohnung herrschte Stille. Ihre Mutter war noch nicht von ihrer Stelle als Bedienstete auf dem persönlichen Anwesen des Barons in Grass zurück. Ihr Vater musste bereits mit dem Kochen begonnen haben, denn das vollmundige Aroma von bratendem Fleisch wehte aus der Küche zu ihr herüber.
Kara warf ihre Bücher auf den Tisch gleich neben der Tür und schlüpfte aus den Schuhen. Als sie sich umdrehte, stellte sie fest, dass ihr Vater sie mit strenger Miene beobachtete. Das Summen war verstummt.
»Ich dachte, ich hätte dir gesagt, du sollst heute nach dem Unterricht sofort nach Hause kommen. Dein Freund Cory ist schon seit fast einer Stunde daheim.«
Kara trat unruhig von einem Bein aufs andere. »Ich bin über den Marktplatz gegangen.«
Die Züge ihres Vaters verfinsterten sich. Falten erschienen auf der Stirn unter dem Schopf der in den letzten Jahren ergrauten Haare. Seine haselnussbraunen Augen blickten einen Atemzug lang suchend in die ihren, bevor er brummte.
Kara seufzte vor Erleichterung. Er war nicht wirklich wütend.
»Nun gut«, sagte er und drehte sich halb zurück zum Tisch. »Ich wollte, dass du mir bei dieser Uhr zur Hand gehst. Ein paar der Teile sind so klein, dass ich mir dachte, deine geschickten Finger könnten sehr hilfreich sein. Und danach hatte ich vor, einen besonderen Ausflug mit dir zu unternehmen, aber jetzt …«
Unwillkürlich trat Kara einen Schritt auf ihren Vater zu, dann jedoch bremste sie sich. »Wohin?«, wollte sie wissen und bemühte sich, beiläufig zu klingen, obwohl sie spürte, wie das Blut in ihren Armen in Wallung geriet und sich ein Kribbeln in ihren Fingern ausbreitete. Beinah hätte sie gefragt, ob er mit ihr zum Halliel-Park wollte. Sie wusste, dass man ihn besuchen konnte, deshalb standen die Tore schließlich offen, aber allein hatte sie sich noch nie getraut, ihn zu betreten, zumal dort ständig Gärtner über das Gelände wachten. Wenn ihr Vater sie begleitete, könnte sie vielleicht endlich sehen, was sich im Inneren befand und immerzu nach ihr rief.
Aber ihr Vater schüttelte den Kopf. »Ich glaube, jetzt wird dafür keine Zeit mehr bleiben. Ich muss diese Uhr fertigbekommen.« Er drehte sich zurück zu ihr, setzte seine schmale Arbeitsbrille auf und sah sie über das dünne Metallgestell hinweg an.
»Ich helfe dir«, verkündete Kara und holte sich einen der Stühle vom Tisch in der Küche. Ihr Vater schaffte für sie Platz neben ihm und brummelte: »Obacht!«, als sie gegen den Tisch stieß.
Dann beugte sie sich vor und starrte auf gefühlte hunderte von Teilen hinab, von denen die meisten im Ley-Licht schimmerten. Sie waren nach einem klar erkennbaren Muster angeordnet und bereits poliert worden, Rädchen und Hebel verschiedenster Größen und Formen. In der Mitte lag eine Werkplatte aus Metall, die man von hinten in das Holzgehäuse einsetzte. Etliche Zahnräder waren bereits auf der auf dem Rücken liegenden Platte montiert, und mit einem Blick auf die verbliebenen Teile erkannte Kara, was als Nächstes folgen musste. Es handelte sich um ein recht schlichtes, rein mechanisches Uhrwerk, das in keiner Weise die Verwendung von Ley vorsah.
Sie streckte eine Hand aus und gab bekannt: »Das hier kommt als Nächstes.«
Es war keine Frage gewesen, trotzdem nickte ihr Vater. »Wenn du diese paar Rädchen und den Hebel in das Federhaus bekommst, kann ich es festschrauben.«
Kara ergriff eine der unterschiedlich großen Pinzetten, die auf einer Seite bereitlagen, hob damit vorsichtig eines der winzigen Zahnräder von der glatten schwarzen Seide und setzte es auf die Werkplatte. Ihre Hände zitterten zwar leicht, aber als sie die Pinzette öffnete, glitt das Rädchen auf den dafür vorgesehenen kleinen Metallstift. Sie musste es ein wenig stupsen, damit die Zähne richtig einrasteten, bevor es sich setzte. Ihr Atem beschlug das funkelnde Metall der bereits eingesetzten Teile der Uhr, als sie nach dem nächsten Rädchen griff und feststellte, dass sie die Luft unbewusst angehalten gehabt hatte. Hinter ihr brummte ihr Vater anerkennend, bevor er in die Küche davonschlenderte. Kara hörte Töpfe klappern, und der Duft von gebratenem Fleisch und gekochtem Gemüse wurde durchdringender, sodass ihr Magen knurrte, ehe sie sich völlig im Innenleben der Uhr verlor. Ihr Vater kam gelegentlich, um nach ihr zu sehen, doch sie bemerkte es kaum.
Am Rande nahm Kara wahr, dass ihre Mutter nach Hause kam und sich hinter sie stellte, während sie arbeitete. Dann küsste Mutter sie auf die Schläfe und gesellte sich in der Küche zum Vater. Kara lauschte dem leisen Hintergrundgemurmel ihrer Unterhaltung, ohne wirklich zuzuhören. Die Ley-Kugel über ihr flackerte abermals. Sie runzelte genervt die Stirn, streckte die Hand aus und berührte sie. Das fahle Licht wurde stärker und leuchtete stet. Kara beugte sich wieder über ihre Arbeit und begann, eine Schraube festzuziehen, als ihr unverhofft klar wurde, dass ihre Eltern abrupt verstummt waren.
Als sie aufschaute, stellte sie fest, dass die beiden an der Tür zur Küche standen und sie eindringlich beobachteten. Der Mund ihrer Mutter stand leicht offen, und ihre Augen hatten sich geweitet, doch es war der besorgte Ausdruck im Gesicht ihres Vaters, der Kara einen leichten Schauder der Angst über den Rücken jagte.
»Was habe ich falsch gemacht?«
Sie blickte auf das Werk der fast fertiggestellten Uhr hinab, dann schaute sie zurück zu ihren Eltern. Falls sie das Stück kaputtgemacht hätte, würde der Kunde, der seinen Vater damit beauftragt hatte, sie zu reparieren, ihn dafür bezahlen lassen, und das konnten sie sich nicht leisten.
Ihr Vater ergriff die Hand der Mutter und drückte sie beruhigend, bevor er mit einem Lächeln vortrat. »Nichts, Kara, nichts. Alles in bester Ordnung. Du bist ja schon fast fertig.«
Kara schaute zurück zu ihrer Mutter – die den Mund mittlerweile geschlossen hatte, aber immer noch prangten Sorgenfalten um ihre hellgrauen Augen. Dann legte ihr Vater eine Hand auf Karas Kopf und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Uhr.
»Nur noch wenige Teile übrig, wie ich sehe«, sagte er. »Sieht ganz so aus, als könnten wir unseren kleinen Ausflug doch noch unternehmen. Lass uns das beenden, danach können wir alle zusammen zu Abend essen.«
Beim Gedanken an den geheimnisvollen Ausflug vergaß Kara die besorgte Miene ihrer Mutter – sie kam immer erschöpft von der Arbeit nach Hause –, und mit der Hilfe ihres Vaters brachte sie die letzten Teile der Uhr auf der Platte an. Zusammen schoben sie die Werkplatte in das Holzgehäuse, befestigten die Zeiger und drehten sie in die richtige Position, dann setzten sie die Uhr in Gang und schraubten zuletzt die flache Metallplatte an der Rückseite fest. Ihr Vater zerzauste ihr das Haar, bevor er mit ihrer Mutter in die Küche zurückkehrte. Zum Abschied ließ er ihr zurück: »Wir können erst los, wenn deine Hausaufgaben erledigt sind.«
Kara verdrehte die Augen, blieb noch eine Weile sitzen und lauschte dem Ticken der Uhr. Sie stellte sich vor, wie die verborgenen Zahnrädchen im Inneren in präzisen, rhythmischen Bewegungen klickten. Schließlich seufzte sie jedoch, erhob sich vom Stuhl und griff sich die Bücher.
Den Großteil hatte sie geschafft – alles außer der öden Mathematik –, als ihre Mutter sie zum Abendessen rief. Die Eltern plauderten, während Kara das Essen hinunterschlang und es kaum schmeckte. Sie beobachtete, wie die Anspannung in den Schultern ihrer Mutter nachließ, bis ihr Vater etwas Albernes über den Hof des Barons sagte und die Arme am Tisch sitzend wie bei einer Verbeugung übertrieben durch die Luft schwenkte. Da brach Mutter in schallendes Gelächter aus und schüttelte den Kopf. Vater sah ihr in die Augen, und Kara beugte sich zu ihm, um ihm einen Schmatz auf die Wange zu drücken, bevor sie aufstand, um ihren Teller und ihr Besteck zum späteren Waschen am öffentlichen Brunnen in einen Eimer zu verfrachten.
»Kommst du mit uns?«, fragte ihr Vater sie.
Ihre Mutter überlegte einen Atemzug lang und schaute zu Kara, sah ihre Tochter an, dann lächelte sie und schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Ich bin zu müde. Der Verwalter des Barons hat uns heute schuften lassen wie die Ackergäule, um alles für den Ball am Abend vorzubereiten. Die meisten Lehnsherren und Lehnsherrinnen der Randgebiete nehmen daran teil, außerdem einige andere Barone, was bedeutet, dass wir den Turm und das umliegende Gelände blitzsauber bekommen mussten.«
»Mich überrascht, dass man dich nicht für die Veranstaltung heute Abend braucht.«
»Ha! Ich bin froh, dass ich dabei den Kürzeren gezogen habe. Ich habe die Vorbereitungen mitgemacht, schlafe während der Feierlichkeiten und räume danach auf.« Sie schnitt eine Grimasse und seufzte dramatisch. »Nein, geht nur, ihr zwei. Kara kann mir nachher alles darüber erzählen.«
»Na gut«, erwiderte ihr Vater, bevor er mit hochgezogenen Augenbrauen und strenger Miene Kara anschaute. »Alle Hausaufgaben erledigt?«
Kara zögerte, doch sie wusste, dass sie mit Mathematik spielend zurechtkäme, sollte sie am nächsten Tag aufgerufen werden, um die Antworten zu geben. Also grinste sie aufgeregt. »Alles erledigt.«
»Dann lass uns gehen.«
Kara sprang vom Stuhl und hopste auf die Tür zu. Ihr Vater folgte ihr mit gemessenen Schritten.
»Nimm eine Jacke mit!«, rief ihre Mutter aus der Küche. »Heute Nacht wird es kalt!«
»Du hast deine Mutter gehört«, ergänzte ihr Vater in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, und scheuchte Kara ins Schlafzimmer.
Kara riss den Deckel ihrer Kleidertruhe auf, kramte sich durch die Schichten, zog ihre graue Jacke hervor und schlüpfte hinein, während sie zur offenen Tür zurückrannte. Ihr Vater führte sie hinaus. Unten auf der Straße schlug er den Weg den Hügel hinauf ein, weg von der Universität und Konflux, nach Norden in Richtung des neuen Herzens von Erenthrall und des Bezirks Stān. Weg vom Halliel-Park. Kara verbarg ihre Enttäuschung und runzelte die Stirn, während sie zu erraten versuchte, wo sie hingehen mochten. Andere Menschen befanden sich auf der Straße und steuerten in dieselbe allgemeine Richtung – viele Eltern mit ihren Kindern, die einander schreiend hin und her jagten. Ihr Vater nickte einigen anderen Erwachsenen zu, die leise miteinander plauderten. Die Rüden des Barons standen an jeder Ecke und beäugten die Menge zwar aufmerksam, hielten sich aber zurück. Kara dachte an den Priester auf dem Marktplatz zurück und schauderte. Unwillkürlich zog sie die lange Jacke enger um sich, doch sie sah nirgendwo die bezeichnenden weißen Gewänder der Kormanley.
Gleich darauf erspähte sie Corys kleine Gestalt und schmutzig blondes Haar neben seinem eigenen Vater ein Stück vor ihnen. »Cory!«, rief sie und schloss zu ihm auf, als er sich umdrehte.
Der Ausdruck der Verwirrung in seinem Gesicht löste sich in ein Lächeln auf, als er sie erblickte. Während sich ihre Väter die Hände schüttelten, flüsterte er eindringlich: »Hast du irgendeine Ahnung, wohin wir gehen?«
»Überhaupt keine. Aber es muss draußen sein, weil meine Mutter verlangt hat, dass ich eine Jacke anziehe.«
Cory schnaubte und zupfte an seinem eigenen kurzen Wams. »Ich glaube, es hat etwas mit der Aussaat des Turms zu tun. Meine Eltern reden schon seit Tagen darüber. Es ist seit zwanzig Jahren kein neuer Turm mehr gesät worden.«
Kara klatschte sich gegen die Stirn. Natürlich, der Turm! Auch wenn ihre Eltern nicht viel darüber geredet hatten. »Darauf hätte ich selbst kommen müssen! Meine Mutter hat sich im Bernsteinturm die Finger wund geschuftet. Wenn es der Turm ist, erklärt das, warum wir in Richtung Stān marschieren. Von Grüen oder Ledes aus könnten wir nicht nach Grass hineinsehen.«
Und natürlich würden sie nicht nach Grass hineingehen können, um das Spektakel aus der Nähe zu sehen, nicht heute, wo all die Lehnsherren und Lehnsherrinnen von überall aus den Ebenen in die Stadt kamen, um das Ereignis zu bezeugen. Kara spürte, wie sich ihre Aufregung steigerte, verstärkt von jener Corys und dem allgemeinen Gefühl, das die Menschenmenge um sie herum vermittelte. Es war ein bisschen wie die Energie, die vor einem Unwetter in der Luft liegt. Kara hopste praktisch auf Zehenspitzen vor sich hin.
Alle hielten auf den Spielmannspark auf der Kuppe des höchsten Hügels von Eld zu, an der Grenze zum Stān-Bezirk. Ihr Vater schlängelte sich durch die Massen und versuchte, die höchstmögliche Stelle zu erreichen, obwohl bereits ein dichtes Gedränge herrschte und Decken auf dem Boden ausgebreitet lagen. Einige Leute hatten sogar Picknickkörbe und Klappstühle oder Schemel aus Holz mitgebracht. Bäume sprenkelten den Park. Ein paar der Kinder in Corys Alter hatten die Äste erklommen und hockten nun darauf, ließen die Beine von oben herabbaumeln. Niedrige Steinmauern unterteilten den Park in Abschnitte. An verschiedenen Stellen ragten Obelisken wie mahnende Zeigefinger in den zunehmend dunkleren Himmel empor. Es ging auf Sonnenuntergang zu. Die nach Osten treibenden Wolken hatten mittlerweile einen dunklen Gelbton angenommen.
Ihr Vater blieb in der Nähe eines der Obelisken stehen, und Kara und Cory stiegen auf die Mauer, damit sie über alle anderen hinwegschauen konnten. Die Aufregung steigerte sich, als die Sonne hinter den Horizont sank und die Nacht Einzug hielt, durchbrochen von den über die Stadt verteilten Ley-Linien. Von ihrem Platz auf der Mauer konnte Kara die weißen Lichtbänder sehen, die sich wie ein Spinnennetz in alle Richtungen verzweigten. Ihr Zentrum befand sich in Grass unter dem hohen Bernsteinturm und den unzähligen anderen Türmen, die seit seiner ursprünglichen Errichtung rings um ihn ausgesät worden waren. Den Nexus selbst konnte man zwar nicht sehen, dafür aber das reflektierte weiße Licht von den Türmen. Selbst aus dieser Entfernung schmerzte es, direkt in die Quelle zu schauen. Das Licht war schlicht zu grell. Jenes Licht strahlte nach außen, von Ley-Turm zu Ley-Turm durch die gesamte Stadt und noch darüber hinaus bis nach Tumbor und Farrade und zu all den anderen Städten auf dem Kontinent.
Als die Sonne im Westen erlosch, verstärkte sich das Licht der Ley-Linien nochmals. Es flammte einmal kurz auf, bevor es sich bei gewöhnlicher Stärke einpendelte. Für einen Atemzug folgte Karas Blick den Strömen des Lichts, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die gerade noch sichtbaren Türme in Grass. »Was meinst du, wo wird der neue Turm gesät?«
»Ich weiß es nicht.« Cory verrenkte sich den Hals und schaute mit angespannter Miene bald hierhin, bald dorthin in die Ferne. Er war mindestens einen halben Kopf kleiner als Kara und mit zehn auch das eine oder andere Jahr jünger. »Siehst du schon etwas? Haben sie angefangen?«
»Beruhige dich, Cory«, brummte sein Vater. »Du wirst merken, wenn es anfängt, glaub mir.«
Und dann, auf einmal, wurde das Licht des Nexus noch stärker und zwang Kara, die Augen mit einer Hand abzuschirmen. Ein kollektives Japsen erhob sich von der Menschenmenge, als die Ley-Linien in allen Bezirken der Stadt flackerten und trüber wurden, als söge der Nexus die Energie zu sich. Cory streckte die Hand aus, packte Kara am Oberarm und drückte ihn fest, doch ihr eigenes Adrenalin dämpfte den Schmerz. Das Herz pochte ihr bis in die Kehle und in die Arme, ihre Haut kribbelte, und sämtliche feinen Härchen in ihrem Genick richteten sich auf. Ein Prickeln ging von Kopf bis Fuß durch ihren Körper, als ströme Energie durch sie und würde in den Boden gesogen. Kara schauderte, atmete scharf ein und schmeckte in der Luft etwas Dichtes, Metallisches, das ihre Zunge beschichtete wie Sirup oder Blut. Während die Energie weiter anschwoll, tiefer und tiefer in die Erde strömte, kämpfte Kara gegen den Drang an, auszuspucken …
Weit draußen in Grass gleißte das Licht des Nexus auf. Ein Springbrunnen weißer Helligkeit stieg himmelwärts und prasselte zurück zu Boden, wobei es die Umrisse all der unzähligen Türme in ihren verschiedenen Formen und Größen deutlich hervorhob. Fenster, Balkone und Terrassen nahmen sich an ihren schmalen, bunten Flanken wie schwarze Öffnungen aus. Kara sah Menschen – Lehnsherren und Lehnsherrinnen der oberen Gesellschaftsschichten von Erenthrall – auf einigen der Balkone; winzige Gestalten, die vor den Geysiren gleichenden Lichtschäften zurückwichen.
Dann brüllte Cory: »Schau!« Mit einem Ruck bewegte er sich vorwärts, zog Kara mit sich und bohrte die Finger noch tiefer in ihren Arm. Alle um sie herum erstarrten, sogen vereint die Luft ein und hielten sie an.
Aus den Tiefen des Ley-Lichts schraubten sich Tausende Ranken empor, wanden sich wie Kletterpflanzen, als sie sich der Dunkelheit der Nacht entgegenstreckten. Während sie aufstiegen, verwoben sie sich ineinander, wodurch der Sockel, dem sie entsprangen, immer fester und fester wurde. Blätter sprossen von den Ranken, schwollen dicht und groß an, und als die rasende Geschwindigkeit ihres Wachstums nachließ, falteten sie sich nach innen und schmiegten sich wie eine Haut an die Außenseite des entstehenden Turmes. Höher und höher stieg er an, weiter hinauf als die meisten Türme um ihn herum, doch nicht so hoch wie der Bernsteinturm des Barons. Die sich unablässig ineinander verflechtenden Ranken formten einen ausladenden oberen Bereich, dessen Form an eine riesige Samenschote mit Löchern in der Mitte erinnerte. Weitere Blätter umhüllten die Schote, ließen die Löcher jedoch frei. Als das Wachstum endete und der obere Teil des Turmes sich zu einer dünnen Spitze verfestigte, vermeinte Kara, einen bläulichen Schimmer aus den Löchern dringen zu sehen. Das Blau pulsierte wie die Glut von Kohlen auf einem Aschebett.
Und dann begannen die Schwalle weißen Feuers um die Türme von Grass abzuflauen, sanken zurück in die Tiefen der Innenstadt. Das Netzwerk der Ley-Linien, die sich durch die Bezirke erstreckten, wurde im gleichen Zug wieder heller, bis es seinen gewöhnlichen Schimmer zurückerlangt hatte.
Aus der Ferne wirkte das neue Gebäude glatt, tatsächlich jedoch war es geädert wie ein Blatt, was man schließlich auch erst richtig erkannte, wenn man es gegen die Sonne hielt. Die Menschenmenge im Spielmannspark schwieg noch eine lange Weile, während der frisch gesäte Turm in hellem Waldgrün erstrahlte. Dann, wie auf ein unausgesprochenes Zeichen hin, brachen die Menschen in Beifall aus, jubelten und klopften einander auf die Rücken. Überall entflammten Unterhaltungen, immer wieder durchbrochen von Gelächter.
Karas Vater drehte sich ihr breit lächelnd zu, dann fragte er mit gedämpfter Stimme, als spräche er durch mehrere Schichten Stoff: »Na, was meinst du? So etwas werden wir zu meinen Lebzeiten wohl nicht noch einmal zu sehen bekommen.«
Kara öffnete den Mund, um ihm zu sagen, dass sie ihn kaum hören konnte, doch plötzlich erfasste sie ein Anflug von Schwäche. Das Prickeln auf ihrer Haut hatte aufgehört, aber sie fühlte sich ausgelaugt, als hätten der Stein und die Erde unter ihren Füßen das Leben aus ihr gesaugt. Sie spürte, wie ihre Knie einknickten, hörte ihren Vater vor Schreck japsen und Cory aufschreien. Ihr Arm wurde verdreht, als sie von Corys Hand rutschte.
Ihre Sicht verdunkelte sich zu einem schmalen Tunnel zerklüfteten, gelblichen Lichts, und die Welt wich zurück. Doch bevor sie zusammenbrechen konnte, fingen die Hände ihres Vaters sie auf und zogen sie an seine Brust.
Allan Garrett blickte finster vom Balkon des Bernsteinturms hinab. Hinter ihm ertönten die Klänge des Balls, den der Baron an diesem Abend gab. In den kunstvollen Verzierungen des soliden Bernsteingeländers, über das er sich beugte, schimmerte das Licht. Tief unten standen die Haupttore des Anwesens des Barons weit offen, und die Ley-Karossen der Reichen schwebten auf den riesigen Hof und in die weitläufigen Gärten. Sie umkreisten den steinernen Springbrunnen, der unbeirrt vom Treiben rundherum Wasserstrahlen himmelwärts spie, und drängten sich am Fuß der breiten Stufen, die sich vom Sockel des Turmes nach außen erstreckten wie Wellen in einem Teich aus Stein. Aus dieser Entfernung, fast auf halber Höhe des Bernsteinturmes, konnte Allan zwar nicht die einzelnen Wappen an den Wagen ausmachen, aber die anderen Rüden, die sich in der Nähe der Tore aneinanderreihten und draußen auf den Straßen und dem großflächigen Platz Dienst taten, hatte er im Blick. Sie überprüften die eintreffenden Fahrzeuge und behielten die Menschenmassen auf dem Platz unter Kontrolle. Jeder in der Stadt wollte sich während der Aussaat eines neuen Turmes in der Nähe des Nexus aufhalten. Und wer auch nur einen Hauch von Einfluss zu haben meinte, fand, er verdiene es, hier im Bernsteinturm zu sein, ob er nun eine Einladung von Baron Arent Pallentor besaß oder nicht.
Kraftvoll stieß Allan sich vom Geländer ab. Er verdiente es, dort unten zu sein, die Massen zu bändigen und sich der Aufrührer und Demonstranten wie der Kormanley anzunehmen. Stattdessen war er im Ballsaal eingesperrt und spielte als nutzloser Ehrengardist den Aufpasser für die Reichen und den niederen Adel. Dies hier waren nicht einmal die Hauptfeierlichkeiten, bei denen der Baron selbst mit seinen einflussreichsten Gästen weilte. Allan war ein Rüde, verdammt noch mal, kein von den Göttern verfluchter Stadtwächter!
»Da bist du ja, Welpe«, brummte eine Stimme.
Allan wirbelte herum und schaute finster in das narbige Gesicht seines neuesten Anführers. Erst an diesem Nachmittag war er Haggers Rudel zugeteilt worden. »Ich bin kein Welpe«, gab er knurrend zurück.
Jäh schossen Haggers Augenbrauen in die Höhe. »Ach, wirklich? Wie alt bist du? Ganze siebzehn vielleicht?«
Allan verengte die Augen zu Schlitzen. »Sechzehn.«
»Und ein Rüde bist du seit …«
»Frühling.«
»Und an deinem Akzent höre ich, dass du nicht aus der Stadt stammst. Deine S-Laute klingen ein wenig verwaschen, was bezeichnend für eine der westlichen Ortschaften wäre. Bandoley?«
Allan trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. »Canter.«
Hagger stieß einen Pfiff aus. »So weit aus dem Westen? Lass mich raten. Du hast an den alljährlichen Schwertwettkämpfen teilgenommen und gedacht, du wärst gut genug, um in die Stadt zu ziehen und ein Rüde zu werden.«
Allan reagierte gereizt. »Na und?«
Hagger, der an den Glastüren des Balkons lehnte, schnaubte, richtete sich zu voller Größe auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Gesicht lag im Schatten – das Licht der Tausenden von Ley-Kugeln in dem offenen Saal, in dem es von minderen Gästen des Barons wimmelte, erstrahlte in seinem Rücken –, trotzdem konnte Allan die Zickzackmuster der Narben auf seinen Wangen und dem Hals ausmachen. Nicht alle stammten von Klingen. Einige rührten von Schlägereien her, andere vom Übungsring, wieder andere hatte er sich in Geplänkeln zwischen den Armeen der Barone auf dem Schlachtfeld eingefangen. Die Narben bildeten einen eigenartigen Kontrast zu den förmlichen Schwarz-, Rot- und Brauntönen der Galauniform des Rüden.
»Hör mal gut zu«, spie Hagger hervor. »Ich diene schon mehr als deine sechzehn Lebensjahre als Rüde. Sogar mehr als zwanzig. Mehr, als du wahrscheinlich überleben wirst. Für mich wirst du immer ein Welpe sein, Welpe. Jetzt streich deine Uniform glatt und komm rein. Die Lehnsherren und Lehnsherrinnen müssen beaufsichtigt werden. Die Aussaat fängt gleich an.«
»Woher weißt du das?«
»Ich kann es fühlen. Und jetzt Bewegung!«
Allan selbst spürte nichts, aber er zupfte am Kragen seiner Uniform und folgte Hagger in den Hauptsaal.
Der Raum strahlte vor weißem Licht, da Ley-Kugeln jeder Form und Größe in der Nähe der Decke schwebten. Die halb durchscheinenden Bernsteinwände und der Boden warfen das Licht gleißend zurück, während die Gäste von einem Ende des großen Rundsaals zum anderen strömten. In jeden erdenklichen Stil gekleidet drängten sie sich, tanzten und mischten sich untereinander. Das Rumoren ihrer Unterhaltungen pulsierte durch die stickige Luft und übertönte den Großteil der Musik, den ein Streichquartett in der Mitte des Saals spielte. Als Allan eintrat, drehten sich die dem Balkon nächsten Gäste um, erblickten seine Uniform und wandten sich rasch ab. Nicht jedoch, bevor Allan sah, wie ihr Lächeln verwelkte und sich das Leuchten in ihren Augen trübte. Die meisten versuchten, diese Reaktion zu verbergen, indem sie an ihrem Wein nippten oder sich ein gezwungenes Lachen abrangen. Nur ein Mann – ein älterer Herr mit steifem Rücken, dessen schwarze Weste und Hose einen deutlichen Kontrast zu seinem hellblauen Hemd und dem schillernd gelben, in eine Tasche gesteckten Tuch bildeten – wagte es, Allan in die Augen zu sehen. Er nickte feierlich, das Glas erhoben, als proste er ihm zu.
Beunruhigt von dem unverwandten Blick zog Allan die förmliche Weste seiner Uniform nach unten, um die Falten zu glätten, dann bemerkte er eine Handbewegung von Hagger, der ihm bedeutete, sich nach links zum schwarzen Glas der Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Turmes zu begeben. Allan begann, dicht an der Wand, wo hohe Pflanzen in Urnen und einige unter riesigen Behängen angeordnete Stühle den Strom der Menge unterbrachen, den Saal zu durchqueren. Nahezu alle Anwesenden gingen ihm unauffällig aus dem Weg, wenn er sich näherte. Allan war nicht sicher, was Hagger von ihm wollte, außer dass er Runden drehte. Die Rüden waren anwesend, um für Ordnung zu sorgen, sollten die Gäste ungehobelt werden, und um zu verhindern, dass sie hinaus auf den zum Nexus weisenden Balkon wanderten, sobald die Aussaat begann. Doch das war lediglich eine Formalität – niemand wollte Aufmerksamkeit solcher Art auf sich lenken, schon gar nicht die des Barons. Allan ließ den Blick prüfend über die Gäste wandern, während er sich weiterbewegte. Ihm fielen etliche kleinadelige Lehnsherren aus allen Gebieten der unteren Ebenen auf, auch einige aus der hohen Steppe, wenn man nach dem Schnitt ihrer Kleidung ging.
Ein ausgelassenes Lachen lenkte seine Aufmerksamkeit jäh auf Baron Leethe aus Tumbor, Erenthralls schärfsten Rivalen. Mit gerunzelter Stirn beobachtete Allan den Baron eine Weile – diese Feier war für die geringeren Würdenträger arrangiert worden; Leethe hätte an sich mit Arent und den anderen Baronen der Hauptveranstaltung beiwohnen sollen. Dann jedoch sichtete Allan die dunkle Haut, den dichten Schnurrbart und den gestutzten Kinn- und Backenbart eines Gorrani. Ein rascher Blick zur Schwertscheide des Mannes zeigte ihm, dass die Klinge darin fehlte. Allan seufzte, dann schalt er sich stumm einen Narren – die Rüden an den Toren hätten niemals einen Gorrani mit seinem Säbel in den Turm gelassen.
Er setzte den Weg zu den Fenstern fort. Eine weitere Runde von Bediensteten schlängelte sich zwischen den Gästen hindurch, Tabletts mit Getränken und kleingeschnittenen, belegten Brotstückchen vor sich ausgestreckt. Die Aufregung im Raum steigerte sich stetig, während immer weitere einflussreiche Bewohner von Erenthrall eintrafen. Bei der Wärme, die so viele dicht gedrängte Körper abstrahlten, lief Allan der Schweiß den Rücken hinunter. Er wischte sich übers Gesicht, dann drehte er sich um …
Und stieß mit einer Bediensteten zusammen, die eine große Holzkiste trug.
Die aus ihrem Griff geprellte Kiste fiel hin, und die Frau würgte einen Fluch ab, als sie vergeblich versuchte, sie aufzufangen. Mit einem lauten Krachen und unter splitterndem Holz knallte die Kiste auf den Bernsteinboden. Eine Seite brach auf, und es ergossen sich ein paar lange, weiße, konische Kerzen daraus, die unter die Füße der Gäste rollten.
»Tollpatschiger Trampel!«, schimpfte ein Lehnsherr, als eine Kerze an seinem Fuß zum Liegen kam. »Dafür sollte dich der Baron auf der Stelle entlassen!«
»Ich entschuldige mich«, sagte die Frau und ließ das Haupt sinken, bevor sie sich hinkniete und hastig die losen Kerzen einsammelte.
Der Lehnsherr schnaubte abfällig, dann bemerkte er Allans dunkle, düstere Miene. Ein Ausdruck von blankem Grauen huschte über seine Züge, und er schlich von dannen. Ohne zurückzuschauen, verlor er sich im Nu in der Menge.
Allan kniete sich ebenfalls hin, hob eine der entflohenen Kerzen auf und reichte sie der Bediensteten. Den Rest hatte sie bereits geborgen und zurück in die Kiste gestopft. »Ich habe dich nicht gesehen«, sagte er, als sie die Kerze entgegennahm. »Ich hoffe, dieser Lehnsherr hat dich nicht aufgebracht.«
»Oh, bestimmt nicht«, erwiderte sie mit sarkastischer Stimme und schwenkte eine Hand. »Das erlebe ich jeden Tag.« Allan fiel auf, dass sie zitterte, als sie aufstand und die halbzerstörte Kiste mühsam so in den Armen balancierte, dass keine der Kerzen herausfallen konnte. Auch er richtete sich wieder auf.
Mit einem verhaltenen Blick meinte sie: »Du bist neu bei den Rüden, nicht wahr?«
Allan versteifte den Körper. »Seit dem Frühling.«
Sie lächelte ihn an, während sie mit einer Hand die schwarzen Haare zurückwischte, die ihr ins Gesicht gefallen waren. »Dachte ich mir. Wenn es anders wäre, hättest du nicht angehalten, um mir zu helfen. Und wärst bestimmt nicht besorgt darüber gewesen, ich könnte aufgebracht sein.« Ihre blasse Haut schimmerte im bernsteinfarbenen Licht, und Allan entdeckte eine kleine Narbe in der Nähe eines Augenwinkels. An einem Ohr baumelte ein goldener Ring. Ihr Kittel war wie der gesamte Rest hier bernsteingelb, schlicht, aber elegant und so gestaltet, dass er sich in den Hintergrund des Turmes fügte. Allan jedoch konnte den Blick nicht von den fein geschnittenen Zügen ihres Gesichts lösen.
Als sich der Moment zu lange hinzog und leichte Falten der Verwirrung auf ihrer Stirn erschienen, schaute er stattdessen auf die Kiste hinab und betrachtete mit fragender Miene den Inhalt. »Warum schleppst du Kerzen herum?«
Sie lachte, und die Falten auf ihrer Stirn verschwanden. »Die sind für die Gäste. Ich muss sie austeilen, bevor die Aussaat beginnt.« Sie deutete auf den Rest des Saals, und Allan sah, dass sich weitere Bedienstete unter die Menge gemischt hatten. Nahezu alle Gäste nahmen die Kerzen mit einem leisen Kichern oder Japsen entgegen.
»Wie reizend!«, rief eine Frau in der Nähe. »Der Baron muss etwas Besonderes geplant haben.«
Der Mann neben ihr schnaubte und ergriff seine Kerze widerwillig, beinahe, als wäre sie eine besonders bösartige Schlange. »Ich hoffe, er erwartet nicht, dass wir sie wirklich benutzen. Ich habe keine Kerze mehr gehalten, seit ich ein Kind war.«
Allan wandte sich wieder um, um die schwarzhaarige Bedienstete zu fragen, wofür die Kerzen dienen sollten – bei Haggers kurzer Unterweisung waren sie nicht erwähnt worden –, doch er sah nur noch kurz ihr Haar aufblitzen, als sie in die wachsende Menschenmenge eintauchte. Mit einem leisen Fluch drängte er hinter ihr her, doch er holte sie nicht mehr ein, bevor sie zwischen den Leuten verschwand.
Bevor Allan eine ernsthaftere Suche nach ihr beginnen konnte, senkte sich respektvolles Schweigen über den Raum, als die Musik jäh verstummte. Er drehte sich zu der Dunkelheit vor den Fenstern um und rechnete damit, den ersten Teil der Aussaat zu sehen. Schade – er hatte den Rand der Menge erreichen wollen, wo er die beste Aussicht haben würde. Sein Herz schlug schneller in der Brust, aber draußen vor den Fenstern war es weiterhin dunkel. Es schien sich noch nichts zu ereignen.
Dann bemerkte er, dass sich die Aufmerksamkeit aller nach innen gerichtet hatte, der Mitte des Saals zu.
Er bewegte sich durch die stille Menge nach vorn, bis er sah, dass sich die Ränge der Gäste teilten, um drei Oberlumagier durchzulassen. Die Männer schenkten niemandem Beachtung – weder Lehnsherren noch Lehnsherrinnen oder Bediensteten – und schritten zielstrebig auf die geschlossenen Türen gegenüber dem Eingang zu, die zu den höheren Gefilden des Turmes führten und für die eine Zutrittsbeschränkung galt. Ihre schwarzen Gewänder raschelten um ihre Füße, die Hände hielten sie in den vorderen Falten der Roben verborgen. Sie waren unterschiedlichen Alters, obwohl selbst der Jüngste mindestens vierzig sein musste, wie sein von Grau durchzogenes Haar verkündete.
Ohne ein Wort durchquerten sie den Saal. Nur der Jüngste sah flüchtig zur Seite und streifte Allans Blick, den Mund fest zusammengepresst, die Züge zerfurcht vor intensiver Konzentration.
Als sie die Türen auf der anderen Seite erreichten, öffneten und durchschritten, trat einer der Gäste mit Hass in den Augen vor, als wolle er ihnen folgen, doch dann hielt er unvermittelt inne, als hätte er sich gerade eines Besseren besonnen. Der Mann – bekleidet mit einem weiten grünen Hemd mit weißen Rüschen am Hals und an den Ärmeln – spähte gehetzt in alle Richtungen, um zu überprüfen, ob es irgendjemand bemerkt hatte. Die Stille zerbrach. Das Quartett stürzte sich in eine neue Arie, Unterhaltungen wurden mit leisem Gemurmel wiederaufgenommen, das stetig zur vorherigen Lautstärke anschwoll, und so gut wie alle Anwesenden beäugten die Türen, hinter denen die Oberlumagier verschwunden waren. Der Mann in dem grünen Rüschenhemd sah sich ein letztes Mal um, dann lächelte er und begann ein Gespräch mit einer Frau in einem weißen Abendkleid, die einen Bambusfächer hielt.
Allans Hand wanderte in Richtung seines Schwertgriffs, bis ihm einfiel, dass er zu seiner Zeremonienuniform gar kein Schwert trug, nur ein Messer. Er hielt sich zurück, bewegte sich zwischen den hin und her strömenden Gästen und behielt den Mann im grünen Hemd im Blickfeld, während er verschiedenen Unterhaltungen lauschte. Aber der Mann schien doch lediglich ein weiterer Gast zu sein, der mit zahlreichen Höflingen plauderte, mit den Frauen schäkerte, mit anderen Männern scherzte. Dennoch wurde Allan das Gefühl nicht los, dass er sich mit einer bestimmten Absicht im Hinterkopf voranbewegte, sich für irgendetwas in Stellung brachte.
Der Mann hatte in der Nähe der Mitte der breiten Fensterfront Position bezogen. Allan befand sich in unauffälligem Abstand links von ihm, als eine Frau neben Allan plötzlich scharf die Luft einsog und ihren linken Arm ausstreckte. »Seht nur! Es beginnt! Die Lumagier haben mit der Aussaat angefangen!«
Allan betrachtete stirnrunzelnd den von einer Gänsehaut überzogenen Arm der Frau. Eine andere Frau neben ihr schauderte.
»Ich fühle es auch!«
»Ich spüre nur ein Kribbeln im Genick«, meldete sich ein Mann mit beunruhigter Miene zu Wort.
Die erste Frau lächelte und meinte selbstgefällig: »Manche von uns sind eben empfänglicher für die Ley als andere.«
Überall im Saal wurde gejapst und leise gequiekt, bis die Gäste nach und nach verstummten. Die meisten rückten in Allans Richtung vor. Allan schnaubte abfällig und blickte wiederholt auf die eigenen Arme hinab. Er hatte gar nichts gespürt und konnte sich weder die Gänsehaut am Arm der Frau noch die Reaktionen der anderen Gäste erklären.
Und dann spielte es keine Rolle mehr, denn die weißen, über allem schwebenden Ley-Kugeln wurden plötzlich trüber. Männer fluchten und schauten hoch, und jemand schrie mit Angst in der Stimme auf.
»Was geschieht da?«, fragte jemand.
Ein Mann, der zu Allans rechter Hand stand, antwortete mit ruhiger Stimme, als die Ley-Kugeln erneut flackerten. »Die Oberlumagier. Sie benutzen die Energie des Nexus, um den Turm zu säen. Das unterbricht den allgemeinen Strom des Netzwerks, das die Stadt versorgt.« Er hielt seine Kerze hoch. »Deshalb haben sie die hier ausgeteilt.«
Als er das letzte Wort aussprach, erloschen die Ley-Kugeln vollständig, und der gesamte Saal war in Dunkelheit getaucht. Mehr als nur ein paar der versammelten Vertreter der Oberschicht stießen Rufe des Entsetzens aus, fluchten oder murmelten bei sich. Aber noch während sich Allans Augen an die plötzliche Düsternis anpassten, nahm er das Flackern von Flämmchen wahr, das sich durch den Saal ausbreitete. Bedienstete erschienen mit entzündeten Wachsstöcken, die sie schützend hinter hohlen Händen hielten und denjenigen anboten, die sich Kerzen genommen hatten. Die von drohender Panik herbeigeführte Anspannung legte sich. Frauen kicherten zittrig, als sie mit ihren Kerzen andere anzündeten. Einige der Männer schauten verlegen drein, als das flackernde orangefarbene Licht – so völlig anders als das stete Weiß der Ley-Kugeln – den Saal nach und nach erhellte. Die Flammen erweckten den Anschein, als würde der Bernstein der Wände und der Decke von innen erhellt und pulsiere wie ein Herz. Lehnsherren und Lehnsherrinnen staunten mit gedämpften Stimmen über die Verwandlung des Raums, während sie ihre Kerzen hochhielten, die Gesichter von kindlicher Verwunderung erfüllt.
Draußen in der Dunkelheit jenseits des Turmes strömte der erste Strahl des Ley-Lichts himmelwärts. Ein weiteres kollektives Japsen ging durch den Saal. Diesmal klang es feierlich, und alle, auch Allan, bewegten sich auf die Glasfenster zu. Unten erstrahlte das Gelände zwischen den unzähligen Türmen, aus denen der Bezirk Grass bestand, von überweltlichem Ley-Licht, das sich unter dem facettenreichen Glasgebilde des Nexus bündelte. Nur erwies sich das Licht der Ley als zu gleißend, zu grell, und es verhüllte den Nexus selbst, als wäre es irgendwie ausgebrochen und hätte sich über das umliegende Land ergossen. Die Rüden hatten schon vorher an diesem Tag die Wege und Straßen unten geräumt und ein Sperrgebiet rund um den Nexus eingerichtet. Allan vergewisserte sich, dass die auf den Balkon hinausführenden Türen geschlossen und verriegelt waren. Als er sich näher zu den Scheiben drängte, bemerkte er andere Menschen draußen auf den Balkonen der Türme gegenüber dem Nexus und schüttelte den Kopf. Idioten. Hatte man sie nicht gewarnt? Sie befanden sich der Ley viel zu nah!
Dann schoss vom Nexus ein Lichtschwall hoch wie Gischt an einer Felswand oder wie die Wasserstrahlen des Springbrunnens am Fuß des Turmes. Dann folgten weitere, jeder höher als der letzte, bis sie über die Höhe hinaus aufstiegen, in der sich die Fenster des Prunksaals befanden. In der Ferne gerieten die Gestalten draußen auf den Balkonen in Panik. Die meisten flüchteten in ihren Turm, allerdings nicht rechtzeitig, bevor einer der Schwalle herabstürzte und zwei Menschen mit seinem Licht erfasste. Es strömte wie Wasser vom Balkon in die Tiefe und ließ zwei verschrumpelte Körper hinter sich zurück.
Das Wirken des Lichts verlagerte sich, und die Energie konzentrierte sich auf jenen Bereich von Grass, der für den neuen Turm geräumt und vorbereitet worden war.
Als die ersten dicken Stränge vom Boden emporschossen, wichen die Zuschauer, die sich den Fenstern am nächsten befanden, ruckartig zurück und stolperten gegen diejenigen hinter ihnen. Die Ranken wuchsen unnatürlich schnell, streckten sich dem Himmel entgegen und verflochten sich miteinander, während sie aufstiegen. Blätter sprossen aus Knötchen und entfalteten sich innerhalb eines Herzschlags; Blätter so groß, dass sie den gesamten Saal mitsamt all den Lehnsherren und Lehnsherrinnen darin zu umhüllen vermocht hätten. Das Blätterwerk begann den Turm zu umschließen, dessen Wände zu bilden, während der obere Teil in den nächtlichen Himmel emporstieg wie die Knospe einer Blume. Allan beobachtete das Geschehen ehrfürchtig, sprachlos angesichts des schieren Ausmaßes der geballten Urgewalt, die er sehen, aber nicht fühlen konnte. Nichts dergleichen hatte sich je in Canter ereignet, und nichts dergleichen würde sich dort je ereignen. Deshalb hatte er den Ort verlassen, dies war der Grund gewesen, in die Stadt zu reisen, erfüllt vom inbrünstigen Verlangen, den Rüden beizutreten. In Canter hatte er bestenfalls auf ein Leben als Wachmann für einen örtlichen Händler hoffen können. In Erenthrall hingegen …
In Erenthrall konnte er alles werden, was er wollte.
»Sakrileg!«
Allan wirbelte herum, als der Ruf die ehrfürchtige Stille zerriss, die sich der Gruppe an den Fenstern bemächtigt hatte. Er ließ den finsteren Blick über die Leute um ihn herum wandern. Die meisten beobachteten immer noch wie gebannt die Aussaat des Turmes, die Gesichter in das weiße Licht des Nexus unten getüncht. Doch nahe der Mitte der Fenster wichen die Menschen mit vor Schreck geweiteten Augen zurück.
»Das ist eine Entweihung!«, brüllte die Stimme eines Mannes und hallte über die Versammelten hinweg. »Das ist Blasphemie! Wir hantieren mit einer Macht, die wir nicht beherrschen, und das ist nicht natürlich!«
Allan drängte sich durch das Gewimmel der Gäste, schob Lehnsherren und Lehnsherrinnen beiseite, während sich eine Übelkeit erregende Vorahnung stechend wie Dolche in seinen Eingeweiden einnistete. Männer stolperten ihm fluchend aus dem Weg, verschütteten dabei geschmolzenes Wachs von ihren Kerzen, Frauen schleuderten ihm unfreundliche Blicke zu. Aber er hielt weiter unbeirrt auf die Fenster zu, wo sich im Gedränge der Menschen ein offener Kreis aufgetan hatte. Allan konnte den Mann zwar nicht sehen, aber er konnte ihn hören, während sich die Schimpfkanonade fortsetzte, und noch bevor er das grüne Hemd erblickte, wusste er, um wen es sich handelte.
»Die Ley war nie dafür gedacht, erschlossen zu werden!«, rief der Mann mit anschwellender Stimme. »Sie war nie dafür gedacht, in Ketten gelegt zu werden. Wir unterwandern eine natürliche, mit der Erde verbundene Kraft. Sogar unsere Ahnen wussten es besser als wir! Das können wir in den Steinen sehen, in den heiligen Stätten, denen sie gehuldigt haben! Sie haben diese Macht mit dem Respekt verehrt, den sie verdient, wir aber missbrauchen sie!«
Allan erreichte den Rand des Kreises, wo die Ränge der Körper zu dicht wurden, um sich hindurchzudrängen. »Rüde!«, rief er barsch. »Aus dem Weg!« Und damit versuchte er, weiter vorzustoßen, aber die Lehnsherren und Lehnsherrinnen rührten sich nicht. Mittlerweile konnte er den Mann im grünen Hemd sehen, machte ihn als sichtlich verwirrte Gestalt aus, die vor dem Fenster auf und ab lief, während das weiße Gleißen der Ley hinter ihm höher aufstieg und die sich windenden Ranken des Turmes weiter himmelwärts kletterten. Der Mann breitete die Arme weit aus, und dabei erhaschte Allan einen flüchtigen Blick auf etwas Eigenartiges unter dem weiten Hemd. Aber der Dolch, den der Mann hervorholte, lenkte ihn ab, erfüllte ihn mit einem Gefühl von Beklommenheit. Ihm blieb keine Zeit, sich zu fragen, wie es ihm gelungen sein mochte, die Klinge an den Wachen vorbeizuschmuggeln. Ihm blieb überhaupt keine Zeit, irgendwie zu reagieren. Selbstgerechter Zorn sprach aus den angespannten Zügen des Mannes, und seine Augen loderten vor Raserei, als er mit der Klinge in der Hand in Richtung der Aussaat deutete.
»Das ist die letzte Entweihung, die letzte Torheit unseres Barons! Die Lumagier vergewaltigen die Natur für unsere Bedürfnisse. Sie unterjochen die Ley ihren eigenen Zwecken, unterdrücken das Land und dessen natürliche Gesetze, um diese Stadt aufzubauen, für etwas Bequemlichkeit. Es ist an der Zeit, das zu beenden! Es ist an der Zeit, dem Sakrileg einen Riegel vorzuschieben! Es ist an der Zeit, die Ley zu ihrem natürlichen Lauf zurückzuführen!«
Allan hörte über die Ereiferung des Mannes, wie jemand seinen Namen brüllte, und er sichtete Hagger und zwei weitere Rüden auf der gegenüberliegenden Seite des Saals, weiter entfernt als Allan und gefangen im Gedränge der Leiber. Haggers Gesicht war bleich vor unverfälschtem Zorn. Der ältere Rüde vollführte mit den Händen eine knappe, Endgültigkeit vermittelnde Geste, deren Botschaft außer Frage stand: Beende das! Beende es sofort!
Allan wirbelte gerade noch rechtzeitig zurück zu dem Mann im grünen Hemd, um zu sehen, wie er mit dem Dolch über die eigene Brust schlitzte.
Frauen kreischten, zwei fielen in Ohnmacht, und Männer schrien auf, als eine Flüssigkeit auf den Boden spritzte und die Vorderseite des Körpers des Mannes durchtränkte. Die Menschenmenge wogte zurück und von ihm fort, der Abstand zwischen ihm und den versammelten Gästen nahm jäh zu. Allan wurde zurückgestoßen, und jemandes Ellbogen traf ihn hart in die Seite, doch mit einem tiefen Knurren brüllte er abermals: »Aus dem Weg, verdammt noch mal!«
Damit packte er den Mann vor ihm an den Schultern und zerrte ihn zurück und zur Seite. Mit einem rauen, panischen Aufschrei ging der Mann zu Boden und riss zwei weitere Gäste mit, öffnete damit jedoch endlich eine Lücke in dem Kreis. Allan sprang über den gefallenen Lehnsherrn hinweg, als der Mann im grünen Hemd den Kopf und die Arme himmelwärts hob. Allan stieg mit Brechreiz erzeugender Wucht der durchdringende Geruch von Öl in die Nase. Die Flüssigkeit auf der Vorderseite des Mannes war kein Blut!
»Für die Ley! Für die Kormanley!«
Allan stürmte durch den kleinen Bereich, der die Gäste und den Priester der Kormanley in seinem grünen Hemd voneinander trennte. Der jedoch schenkte ihm keinerlei Beachtung, ging völlig in der Verzückung des Augenblicks auf. Er fiel auf die Knie, streckte die freie Hand aus, griff sich eine der weißen, zuvor von den Bediensteten verteilten Kerzen und führte die tänzelnde Flamme über seine Brust.
Allan hörte das Wusch des Feuers, als es das Öl entzündete, und spürte die Hitze, die ihm das Gesicht versengte, als der Mann innerhalb eines Atemzugs von Flammen verhüllt wurde und gellend aufschrie. Das orange-rötliche Feuer des Öls bildete einen harschen Kontrast zum immer noch blendend weißen Gleißen der Ley draußen vor den Fenstern des Turmes. Allan zählte erst einen Herzschlag, dann zwei, und spürte, wie ihm von der Feuersbrunst die Luft aus der Lunge gesogen wurde. Am Rande nahm er wahr, dass sich der frisch gesäte Turm der Vervollständigung näherte. Der knollige obere Teil verlangsamte seinen Aufstieg, die Blätter hefteten sich auf die Seiten des Bauwerks …
Und dann hechtete Allan zu der Feuersäule, in die sich der Priester verwandelt hatte.
Flammen versengten ihm das Gesicht und die Hände, als sie beide auf den Bernsteinboden knallten und darüber rollten. Allan schmeckte Rauch und Asche, spürte die Hitze durch die Schichten seiner Uniform, roch verbranntes Fleisch und grunzte beim Einsetzen der Schmerzen. Da stellte er den Versuch zu atmen ein, presste die Augen zu, spannte die Brust an und hielt den Körper des Priesters fest, während er sich auf dem Boden hin und her wälzte, um das Feuer zu ersticken. Gebrüll und Schreie drangen durch das Knistern und Zischen der Flammen zu ihm. Die Knöpfe seiner Uniform erhitzten sich und verbrannten die darunterliegende Haut. Seine Lunge fing an, gequält nach Luft zu verlangen, und er ertappte sich dabei, dass er wimmern wollte, als ihm Tränen aus den Augen sickerten.
Dann hieb jemand mit schwerem Stoff auf ihn ein. Er hörte Hagger rufen: »Lass los! Er ist fast gelöscht!«
Damit löste sich Allan von dem Priester, rollte sich von ihm weg und sog scharf und geräuschvoll die durchdringend nach Holzkohle und Öl riechende Luft ein. Hagger hüllte ihn in den schweren Stoff – der sich als einer der Wandbehänge erwies –, wandte sich jedoch sogleich dem Priester zu und überließ es Allan, selbst die letzte Glut zu löschen. Der hatte sich noch kaum gerührt, als sich die Bedienstete von vorhin an seine Seite kniete, den Wandbehang mit beiden Händen packte und damit dort auf seinen Körper schlug, wo seine Kleidung noch glomm.
»Hör auf«, murmelte Allan. Als sie mit wilden Bewegungen und zu weit aufgerissenen Augen weitermachte, packte er einen ihrer fuchtelnden Arme und wiederholte lauter: »Hör auf!«
Erst versuchte sie, sich seinem Griff zu entwinden, dann fing sie sich, als die Panik in ihrem Blick ein wenig nachließ.
»Ich glaube, ich bin gelöscht«, sagte Allan. Er versuchte, zu lächeln, zuckte jedoch stattdessen zusammen und stöhnte. An mehreren Stellen fühlte sich seine Haut wächsern und heiß an, und sein gesamter Körper schien zu pochen.
Mit einem Schnauben ließ die Bedienstete den Wandteppich fallen.
»Der hier ist auch ausgelöscht«, knurrte Hagger. »Dauerhaft.«
Er stand über dem Leichnam des Priesters und starrte mit finsterer Miene angewidert auf das Hemd des Mannes hinab. Dann kniete er sich hin und zog die verkohlten Überreste der Kleidung zurück. Ein Teil der Haut schälte sich dabei ebenfalls vom Körper. Hagger verzog das Gesicht.
