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Die Welt liegt in Trümmern, und verheerende Naturkatastrophen fordern viele Opfer, seitdem das Ley-Netz zusammengebrochen ist. Die Lumagierin Kara versucht alles, um das Kraftnetz zu heilen und so das Gleichgewicht der Welt wiederherzustellen. Doch der Schaden ist groß, und Kara braucht die Macht aller auffindbaren Lumagier - inklusive derer, die sich ihren Feinden, den radikalen Weißmänteln, angeschlossen haben. Kann sie ihnen vertrauen oder werden sie die Welt noch tiefer ins Chaos stürzen?
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Seitenzahl: 901
Veröffentlichungsjahr: 2019
Joshua Palmatier wurde in Couderspot, Pennsylvania, geboren und lebte als Jugendlicher in diversen Staaten der USA, da sein Vater beim Militär war. Er ist promovierter Mathematiker und unterrichtet an einer Universität in New York. Palmatier schreibt seit seiner Jugend und hat bereits viele Fantasy-Romane veröffentlicht.
Joshua Palmatier
STURMDER
MAGIE
Roman
Aus dem Amerikanischen vonMichael Krug
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2017 by Joshua Palmatier
Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Reaping the Aurora«
Originalverlag: DAW Books, Inc.
By arrangement with DAW Books, New York
Dieses Werk wurde vermittelt durch
Interpill Media Ingo Stein e. K., Hamburg
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Dr. Frank Weinreich, Bochum
Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de
Unter Verwendung eines Motivs von © Maciej Drabik
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7325-7833-7
www.luebbe.de
www.lesejury.de
Dieses Buch ist meinem Agenten Joshua Bilmes gewidmet, der mich mitten in der Serie übernommen hat. Mögen all unsere Hoffnungen und Träume für meine Karriere wahr werden.
»Kara hatte recht. Erenthrall hat sich völlig verändert.«
Allan reagierte nicht auf Bryces Worte. Sie standen am Rand eines Abgrunds und blickten hinab in die Stadt, die sie einst als ihre Heimat bezeichnet hatten. Nur war der Großteil eben dieser Stadt mittlerweile dreihundert Schrittlängen tief in die Ebenen gesunken.
Allan machte Teile aus, die noch zu erkennen waren: die Stummel der eingestürzten Türme von Grass in der Mitte der Stadt, die umliegenden Bezirke – darunter Hegga, wo er einst mit Moira und Morrell gelebt hatte – und das glitzernde Wasser der Flüsse, die sich durch die Verwüstung schlängelten. Wenn er die Augen abschirmte, konnte er die zwei Wasserfälle sehen, die sich, verschwommen durch die Entfernung, hinunter in die neu entstandene Senke ergossen. Demnach waren die Flüsse unten größtenteils zu ihren natürlichen Verläufen zurückgekehrt, wenngleich er nicht wusste, welchen Pfaden sie folgten, nachdem sie zusammenflossen und diese Seite der Stadt erreichten. Da südlich von der Stelle, an der sie standen, kein Wasser durch das ursprüngliche Flussbett strömte, vermutete er, dass es irgendeinen unterirdischen Auslass gefunden hatte. Vielleicht floss es auch durch die Tiefen der gewaltigen Risse, die sich von dort, wo sich Erenthrall einmal befunden hatte, in alle Richtungen erstreckten.
Aber er war nicht hier, um zu bestimmen, was aus dem Fluss geworden war.
»Was seht ihr?«, fragte er die anderen und unterbrach damit die leisen Unterhaltungen, die sich in seinem Rücken entwickelt hatten. Er drehte sich dem Rest der von Kara, Marcus und Befehlshaber Ty aus der Nadel entsandten Aufklärungstruppe zu. Insgesamt waren sie zwanzig Personen, darunter Bryce, der Rudelführer der Halbwölfe namens Grant, drei von Grants Halbwölfen, neun Kämpfer – eine Mischung aus Bryces Rüden aus Muld und Tys Vollstreckern, wenngleich mittlerweile alle Vollstrecker-Uniformen trugen. Dazu noch der Lumagus Dylan und vier Bürgerliche aus der Nadel, angeführt von Gaven. Die vier Wagen, die sie mitgebracht hatten, standen auf einer Straße, die einst geradewegs hinein ins Herz der Stadt geführt hatte, jetzt umgeben von den Überresten der eingestürzten Gebäude eines der äußersten Bezirke.
»Ich sehe eine riesige Grube in der Erde, da, wo früher Erenthrall war«, antwortete Grant knurrend. Er stand ein paar Schritte hinter Allan, hatte die Arme vor der breiten Brust verschränkt und die halb verwandelte Wolfsfratze zu einem verkniffenen Blick angespannt. Seine Nasenflügel blähten sich, als er die Luft schnupperte. Eines seiner Ohren zuckte. »Das hat die Ley angerichtet?«
»Laut Kara, ja«, antwortete Dylan. »Die Unbeständigkeit der Ley hat die Erdbeben ausgelöst. Und dann, als die Verkrümmung über Erenthrall in sich zusammengefallen ist, hat sie einen beträchtlichen Teil der Erde zerstört. Man kann es auch sehen.« Dylan kletterte von seinem Sitz auf dem Wagen neben Gaven und trat vor. Er hinkte noch leicht von der Knieverletzung, die er bei seinem letzten Besuch in Erenthrall erlitten hatte. Auch ein paar der anderen, die um den Bruchrand verteilt standen, rückten weiter vor. »Seht ihr den Ring, der die Stadt umgibt? Da, wo die Gebäude und die Straßen aufgewühlt zu sein scheinen? Dort lag der Rand der Verkrümmung. Sie hat alles auf ihrem Weg in Stücke gerissen, als sie sich schloss. Der gesamte mittlere Bereich der Stadt bestünde wie dieser Ring nur noch aus Geröll, wenn es Kara nicht gelungen wäre, die Verkrümmung zu reparieren.«
»Das erklärt nicht, warum die Stadt dreihundert Schrittlängen unter die Höhe der Ebenen gesunken ist«, merkte Bryce an.
»Kara sagt, dass sich unter der Stadt riesige Höhlen befanden. Das Land war bis zu den Beben stabil, dann wurde es geschwächt, als die Verkrümmung begann, sich zu schließen. Danach war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Höhlen eingestürzt sind und die Stadt in die Tiefe gerissen haben.«
»Ich würde sagen, alles in allem hat die Stadt den Einsturz ziemlich gut überstanden«, fügte Gaven hinzu.
»Es hat schon einige Schäden gegeben – von den Beben und vom Einsturz.« Allan deutete mit einer Hand hinunter. »Sieht so aus, als hätte der südliche Teil der Stadt am schlimmsten gelitten. Dort sehe ich kaum noch unversehrte Gebäude. Und die westlichen Abschnitte waren bereits von den Bränden unmittelbar nach der Zersplitterung verwüstet. Aber die nördlichen und östlichen Bezirke scheinen größtenteils unbeeinträchtigt geblieben zu sein.«
Bryce stieß einen Fluch aus.
»Was ist?«, fragte einer der Vollstrecker. »Was bedeutet das?«
»Es bedeutet, dass die Flussratten, die Tunnler und die Temeriten den Einsturz vielleicht größtenteils unversehrt überlebt haben. Sie könnten immer noch da draußen sein, auch wenn ich von hier aus keine offenkundigen Bewegungen erkenne.«
»Das ginge auch gar nicht«, warf Allan ein. »Die Türme in Grass versperren uns die Sicht auf diese Bezirke. Und sie wären ohnehin zu weit entfernt. Sogar die Türme zeichnen sich von hier nur verschwommen ab.«
»Ich sehe nicht einmal Bewegung auf den nächstgelegenen Straßen unten.«
Allan schwenkte den Blick von den entfernten Türmen in Grass zu den Bezirken unmittelbar unter ihnen. Er trat einen weiteren Schritt vor. Durch die Bewegung löste sich ein Pflasterstein vom abgebrochenen Rand der Straße und stürzte in die Stadt hinab. Es war, als blickte man auf eine unheimlich detaillierte Karte. Die Straßen bildeten ein Raster, dessen Abstände von Geröll ausgefüllt waren. Nur wenige überwiegend unversehrte Bauwerke waren verblieben – da ein Wohnhaus mit fehlender Fassade, dort ein Steinbogen, der sich über eine Straße spannte, dahinter eine umgekippte Statue in einem Park und ein Springbrunnen aus Stein in der Mitte eines Platzes. Die Sonne stand beinahe direkt über ihnen, weshalb es kaum Schatten gab. Falls sich jemand dort draußen herumtrieb, würden sie denjenigen sehen.
Dass dem nicht so war, hatte jedoch wenig zu bedeuten. Es gab immer noch reichlich Plätze in den Gebäuden, wo sich Überlebende der zweiten Katastrophe von Erenthrall versteckt halten konnten.
»Ich traue dem Frieden nicht«, sagte Allan. »Nicht nach dem, was passiert ist, als wir letztes Mal nach Erenthrall gekommen sind. Ich will, dass alle auf der Hut bleiben. Wir kamen her, um herauszufinden, wer überlebt hat und in welcher Verfassung diejenigen sind, das ist alles. Am besten wäre aber, wenn wir erst mal vermeiden könnten, irgendjemandem zu begegnen.«
»Wer hat vor dem Einsturz der Verkrümmung in diesem Abschnitt gelebt?«, erkundigte sich Gaven.
»Die Gorrani.«
Fast alle erstarrten. Erst vor einem Monat hatten die Gorrani, die in der Nähe von Tumbor gelebt hatten, die Nadel angegriffen und wären von Ober-Lumagus Lecrucius’ weißer Wand aus Ley beinahe vollständig ausgelöscht worden. Viertausend waren fast sofort umgekommen, nur tausend hatten flüchten können. Die Überlebenden hatten sich nach Süden in Richtung des Heimatlands der Gorrani zurückgezogen, doch es bestand durchaus die Möglichkeit, dass diejenigen, die in Erenthrall geblieben waren, über die Niederlage Bescheid wussten. Falls ja, würden sie niemanden willkommen heißen, der kein Gorrani war, vor allem nicht Menschen aus der Nadel.
Bryce trat an Allans Seite. »Wir haben ein dringenderes Problem als die Gorrani.«
»Und das wäre?«
Der ehemalige Rüde deutete auf die Stelle, wo die Straße endete, der sie durch die Außenbezirke von Erenthrall gefolgt waren, nur wenige Schritte von der Stelle entfernt, an der sie standen. »Wie bei allen Höllen sollen wir da runtergelangen?«
***
Es dauerte den Rest des Tages, so weit durch die oben verbliebenen Überreste von Erenthrall zurückzukehren, bis sie einen Riss im Erdreich entdeckten, der breit genug schien, um die Wagen durchzulassen, und dabei nicht allzu steil hinabführte.
Sie lagerten am Rand des Sprungs auf den Ebenen, während Grant seine Halbwölfe hinunter in die Tiefe entsandte, um einen sicheren Weg für die Wagen auszukundschaften. Denn wenn sie den Weg nach unten erst angetreten hatten, würden sie nicht mehr sehen können, ob sie auf Erenthrall oder eine Sackgasse zusteuerten.
Am nächsten Tag, eine Stunde nach Sonnenaufgang, brachen sie in die Schatten auf. Die Wände der Spalte ragten zu beiden Seiten höher und höher auf, als Gaven die Pferde vorsichtig über das unebene Geröll lenkte.
Allan konnte nicht verhindern, dass sich auf dem Weg nach unten Kälte zwischen seinen Schulterblättern einnistete, als die Schatten sie umfingen und das Band des blauen Himmels über ihnen stetig schmaler wurde, je tiefer sie gelangten. Fackeln wurden angezündet und den kleinen Tross entlanggereicht.
Die Halbwölfe führten sie weiter, umgingen größere Klüfte und Ableger des Labyrinths der aufgebrochenen Erde. Ohne sie hätte sich Allan innerhalb einer Stunde hoffnungslos verlaufen. Gelegentlich fielen Erdklumpen und Staub als kiesiger Schauer von oben herab. Selbst nach einem Monat hatte die Erde noch nicht aufgehört, sich zu setzen. Einmal gerieten sie an eine Stelle, an der die Seitenwand der Spalte eingestürzt war, und mussten warten, während die Halbwölfe nach einem anderen Weg suchten.
Als sich die Spalte schließlich weitete und sie endlich auf einen holprigen Hang aus Fels und Erdreich hinausgelangten, kribbelte Allans Haut vor Beklommenheit, ausgelöst von der erstickenden Enge. Er atmete tief durch, als er hinaus in offenes Gelände trat, und rollte die Schultern, um die Anspannung darin zu lockern, die sich den ganzen Tag lang gesteigert hatte.
Die Sonne schwebte über dem westlichen Rand der versunkenen Stadt, und der ehemalige Rüde blickte auf eine mit Geröll gefüllte Straße, die zwischen beiderseits eingestürzten Gebäuden hindurchführte. Obwohl sie erst in ein paar Stunden wirklich untergehen würde, warf sie bereits einen langen Schatten auf die Überreste von Erenthrall. Über die Hälfte der Stadt lag in einem verfrühten Zwielicht. Nur die zerklüfteten Spitzen der Türme in Grass und die östlichsten Felsen und Bezirke wurden noch vom Sonnenlicht erhellt. Der Rand der Spalte lag hoch genug, dass sie über die Dächer der nächsten Gebäude sehen konnten, die in diesem Bezirk höchstens zwei bis drei Geschosse besaßen.
Das Erste, was Allan auffiel, war …
»Feuer!«, rief Dylan. Dann zuckte er zusammen, als seine Stimme über die nächstgelegenen Gebäude und durch die Spalte hinter ihnen hallte. Bryce schleuderte ihm einen finsteren Blick zu, genau wie mindestens fünf der anderen Rüden und Vollstrecker, die gerade aus der Kluft traten.
»So viel dazu, Vorsicht walten zu lassen«, murmelte jemand.
Allan schenkte der Äußerung keine Beachtung. »Sieht nach Signalfeuern aus, die sich in einem Bereich nordwestlich von Grass bündeln. Könnten die Temeriten sein, ist aber schwer abzuschätzen. Zu weit weg, um sich jetzt den Kopf darüber zu zerbrechen. In der Nähe sehe ich nichts.«
»Die Halbwölfe melden niemanden in der unmittelbaren Umgebung«, bestätigte Grant.
»Dann sollten wir hier das Lager für die Nacht aufschlagen. Bryce, lass überprüfen, ob die Gebäude sicher genug sind, um uns Unterschlupf zu bieten. Findet nach Möglichkeit eines, das einfach zu verteidigen ist. Gaven …«
»Ich kenne den Ablauf«, brummte der ältere Muld-Bewohner und griff bereits hinter sich zu den Vorräten, die sie mitgebracht hatten. »Brauchen wir ein Feuer oder haben wir Zugang zur Ley?«
Dylan schloss die Augen und legte vor Konzentration die Stirn in Falten, während der Rest der Truppe in emsiges Treiben ausbrach. Bryce entsandte die Vollstrecker und Rüden bereits in den umliegenden Bereich. Diejenigen, die Gaven halfen, machten sich ebenfalls bei den Vorräten an die Arbeit, noch bevor Dylan die Augen öffnete und antwortete.
»Da die Knoten, die in Erenthrall eingeschlossen waren, jetzt offen sind, hat sich die Ley in der unmittelbaren Umgebung größtenteils gefestigt, ganz wie Kara es vorhergesagt hat. Ich kann sie anzapfen und uns ohne Probleme einen Heizstein erschaffen.«
»Also droht keine Gefahr von Beben oder Ley-Geysiren?«, fragte Allan.
Dylan zuckte mit den Schultern. »Das System ist nicht völlig im Gleichgewicht, und ein paar Knoten wurden beim Einsturz der Verkrümmung zerstört. Aber ich glaube nicht, dass wir Beben befürchten müssen. Kara ist es von der Nadel aus gelungen, die meisten der Ley-Linien zu sichern, bevor wir aufgebrochen sind. Wir werden höchstens kleinere Anpassungen der örtlichen Linien wahrnehmen. Sorgen müssen wir uns eher um die Verkrümmung über Tumbor machen. Wenn sich die Ley dort verschiebt, könnten wir das hier als Nachbeben zu spüren bekommen.«
»Also ist es wie üblich ungewiss«, brummelte Gaven für sich, als er an Allan vorbeiging. Dann sagte er lauter: »Dylan, komm hier rüber. Ich will diesen Heizstein einsetzen.«
Der ehemalige Rüde warf einen letzten Blick zu der Ansammlung von Feuern im Norden, bevor er die mit Geröll übersäte Straße hinabstieg. Die Beben hatten nachgelassen, seit Kara die Verkrümmung über Erenthrall geheilt und einige der Ley-Linien wiederhergestellt hatte, um das Absinken der Stadt auszugleichen. Dadurch waren nahezu alle Knoten in die Tiefe gerutscht. Allan verstand zwar nicht, wie das Ley-Gefüge funktionierte, aber Kara hatte offensichtlich einen beträchtlichen Teil davon in Ordnung gebracht. Trotzdem blieb die Sorge wegen der Verkrümmung über Tumbor, die wesentlich größer war als jene, die Erenthrall umschlossen hatte.
Kara und die anderen Lumagier in der Nadel überlegten jedoch längst, wie man sie heilen könnte. Wenn sie erst Tumbor mit dem in der Nadel erschaffenen Nexus befreit hatten, konnten sie über dem Rest der größeren Städte all die Verkrümmungen beseitigen, die sich noch nicht entfaltet hatten. Danach wären sie hoffentlich in der Lage, das gesamte System wieder in Ordnung zu bringen.
Aber das war Sache der Lumagier. Allan beschäftigten eher die Gefahren, die von den verschiedenen Gruppierungen für die Nadel und – in geringerem Ausmaß – für Muld ausgingen. Die meisten dieser Gruppen hielten sich hier in Erenthrall auf – zumindest bevor die Stadt in den Ebenen versunken war. Allerdings gab es zusätzlich noch die Gorrani und jene Bande von Plünderern aus Anfurt, die Muld vor wenigen Monaten angegriffen hatte. Baron Aurek, der Anführer von Anfurt, war zwar bei der Nadel umgekommen, aber man wusste nichts über den Verbleib seines Stellvertreters Devin. Allan lag zwar hauptsächlich daran, herauszufinden, wer inzwischen über Erenthrall herrschte und ob diejenigen eine Bedrohung für die Nadel darstellten, aber was aus Anfurt geworden war, wäre auch wichtig zu erfahren.
Mitten auf der Straße blieb er stehen und ließ den Blick über das Treiben wandern. Bryces Männer riefen einander zu, als sie sich den Weg durch die Straße bahnten. Ihre Aufmerksamkeit galt überwiegend dem höchsten Gebäude – einem dreigeschossigen Wohnhaus mit nur geringen Schäden an einer Mauer und einer eingestürzten Ecke des Daches. Gaven errichtete davor bereits eine Feuergrube, während sich Dylan dem flachen Stein in deren Mitte widmete, auf den er mit gespreizten Fingern eine Hand gelegt hatte.
Ein Spieß wurde aufgestellt, während sich andere mit Töpfen in den Händen an den Lebensmittelvorräten zu schaffen machten. Die Halbwölfe liefen rastlos um ihren Anführer herum auf und ab. Grant selbst stand etwas abseits und beobachtete das Geschehen mit der ihm eigenen Eindringlichkeit. Seit dem Angriff der Gorrani auf die Mauern der Nadel hatte sich Allan an die drückende Gegenwart des Rudelführers gewöhnt. Der Mann sprach zwar wenig, doch ihm entging nichts.
Allan steuerte auf ihn zu, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass alle beschäftigt waren. Unterwegs hob er eine Hand, rief »Bryce!«, und winkte den Rüden für eine Unterredung zu sich.
Die Halbwölfe beäugten die beiden Männer misstrauisch, die sich ihrem Rudelführer näherten, und eines der Geschöpfe ließ sich an Grants Seite nieder. Die anderen liefen weiter hinter ihm auf und ab.
»Berichte.«
»Wie es aussieht, könnte das dreigeschossige Gebäude vorerst für unsere Zwecke genügen«, sagte Bryce. »Die Vollstrecker durchsuchen es gerade und halten Ausschau nach Anzeichen von Bewohnern in jüngster Zeit. Die Rüden lasse ich ungefähr einen Block von hier entfernt patrouillieren. Sie überprüfen für alle Fälle die umliegenden Gebäude.«
Grant brummte, ein ungeduldig klingender Laut, der tief aus seiner Brust grollte. »Was braucht ihr von den Halbwölfen?«
»Ich weiß, dass du hier bist, um etwaige weitere Halbwölfe in der Stadt zu finden und zu rekrutieren«, sagte Allan. »Und um deine Frau zu finden. Aber ich mache mir Sorgen wegen der Gorrani, die sich in den südlichen Bezirken niedergelassen hatten. Seit unserer Ankunft haben wir keinerlei Anzeichen von ihnen gesehen. Ich würde gern wissen, wo sie sich verstecken.«
»Falls sie die Beben überlebt haben«, fügte Bryce hinzu.
»Ich kann mit meinem Rudel heute Nacht den südlichen Teil der Stadt durchsuchen. Wir halten sowohl nach unseren Brüdern Ausschau als auch nach Gorrani. Und wenn uns der Rest von euch nicht aufhält, können wir ein größeres Gebiet abdecken.« Grant zögerte, bevor er hinzufügte: »Du hast doch die von Kara erwähnten Halbwölfe, die noch in der Scherbe festsitzen, nicht vergessen, oder?«
»Nein, ich habe sie nicht vergessen. Sobald wir wissen, dass die Umgebung sicher ist, lassen wir Dylan versuchen, die Halbwölfe und die Menschen zu befreien, die noch in der Scherbe gefangen sind.«
»Dann sind wir vor Sonnenaufgang zurück.«
Grant wirbelte auf dem Absatz herum und stimmte ein tiefes Grollen an. Die drei Halbwölfe hielten inne und lauschten aufmerksam, bevor sie lossprangen, ihm vorausliefen und lautlos in den Schatten der bröckelnden Stadt verschwanden. Allan und Bryce sahen Grants Rücken nach, bis er um eine Ecke bog.
»Glaubst du, er wird weitere Halbwölfe finden?«, fragte Bryce.
»Ja. Wir wissen ja, dass einige in der Verkrümmung gefangen waren – zum Beispiel jene, die Hagger um sich geschart hatte. Und ich bin überzeugt davon, dass die Himmelslichter seit der Zersplitterung weitere Menschen verwandelt haben.«
»Mich überrascht, dass er sich nicht von Morrell in einen vollwertigen Menschen zurückverwandeln lassen hat, als sie in der Nadel eingetroffen ist.«
Allans Körper versteifte sich. Er hatte sich immer noch nicht mit der Vorstellung angefreundet, dass seine Tochter andere durch bloße Berührung zu heilen vermochte. Mit anzusehen, wie sie Drayden vom Halbwolf zurück in einen Menschen verwandelt hatte, war verstörend gewesen, doch er hatte es verdrängen können, indem er sich darauf konzentrierte, Kara und die anderen aus der Nadel zu retten. Morrell war erst wenige Tage in der Nadel gewesen, bevor Kara an ihn herangetreten war und ihn ersucht hatte, mit dieser Gruppe nach Erenthrall zurückzukehren. Womit sie ihm auch eine weitere Ablenkung geboten hatte.
»Es dürfte einfacher für ihn sein, weitere Halbwölfe für sein Rudel zu rekrutieren, wenn er selbst noch halb verwandelt ist«, meinte Allan etwas schroff, bevor er sich Bryce zudrehte und das Thema wechselte. »Was hat Kara dir gesagt, bevor wir aufgebrochen sind?«
»Dass wir Erenthrall auskundschaften, die Lage erkunden und dann zurückkommen sollen. Falls wir dabei auf Lebensmittel oder sonstige Vorräte stoßen, sollen wir sie mitbringen, aber das ist nicht das Hauptziel.«
»Das ist der Kern der Sache. Aber da ist noch etwas. Wir sollen außerdem diese Familie aus der verbliebenen Scherbe retten und nachsehen, welche Gruppen überlebt und wie sie sich verändert haben, seit die Verkrümmung die Stadtmitte nicht mehr blockiert. Und wir sollen versuchen, Verbündete zu finden.«
»Verbündete? Hier? Alle haben versucht, uns entweder zu töten oder gegen Lebensmittel einzutauschen.«
»Nicht alle. Die Temeriten haben unsere Gruppen beim Plündern in Ruhe gelassen.«
»Das hat nur daran gelegen, dass wir uns von ihrer Enklave ferngehalten haben, als wir hier waren. Du weißt, dass sie Zusammenstöße mit den Flussratten und einigen der anderen Gruppen im Osten hatten.«
»Kara hat sich in den Kopf gesetzt, dass wir versuchen sollten, mit den Gruppen hier in Erenthrall zusammenzuarbeiten, statt mit ihnen um die Ressourcen zu kämpfen, die jetzt aus der Verkrümmung befreit sind. Bevor wir die Nadel verließen, hat sie mir gesagt, ich solle versuchen, Verbindung mit den Temeriten aufzunehmen und herauszufinden, ob sie an einer Vereinbarung interessiert wären.«
»Was für einer Vereinbarung?«
»Wechselseitiger Handel zwischen der Nadel und Erenthrall. Das könnte helfen, Erenthrall in einen solideren Stützpunkt auszubauen. Ein Bündnis gegen die weniger wünschenswerten Gruppen in der Stadt, etwa die Flussratten.« Allan zuckte mit den Schultern. »Was immer ich aushandeln kann.«
»Und du hältst das für möglich?«
Allan wollte nicht zugeben, dass er selbst Kara die Idee in den Kopf gesetzt hatte, während sie bei den Tunnlern gefangen waren, deshalb zog er nur die Augenbrauen hoch. »Wieso nicht? Wie du sagtest: Wir haben uns von den Temeriten ferngehalten, als wir früher hier waren. Jetzt, da wir über die Ressourcen der Nadel verfügen, können wir sie vielleicht einsetzen, um etwas Kontrolle über das Chaos in der Stadt zurückzuerlangen.«
Bryce ließ gemurmelte Verwünschungen vernehmen, bevor er resignierend die Hände in die Hüften stemmte. Aus Allans Schultern floss ein wenig Anspannung ab. Er hatte sich nicht darauf gefreut, mit Bryce darüber zu streiten, falls sich der Mann entschieden gegen die Idee ausgesprochen hätte. »Wie willst du an die Temeriten herantreten? Einfach zu ihrem Wall marschieren – sofern sie ihn noch haben – und an die Tür klopfen?«
»Wenn es nötig ist. Aber falls sich eine andere Gelegenheit bietet, würde ich die beim Schopf packen. Ich wollte, dass du darüber Bescheid weißt, damit die Rüden und die Vollstrecker gewappnet sind.« Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, setzte er sich dorthin in Bewegung, wo Gaven und die anderen mittlerweile den Inhalt eines auf dem Heizstein stehenden Topfs umrührten. An einem Spieß daneben drehten sich zwei Hasen. Bryce verharrte noch einen Moment, bevor er ihm folgte. Der Geruch von bratendem Fleisch erreichte Allan und ließ ihn die Nasenflügel blähen, als er tief die Luft einsog. Er beschleunigte seine Schritte, obwohl er wusste, dass die Mahlzeit noch nicht fertig sein konnte.
Bryce holte ihn ein und fragte: »Wie also sieht der Plan für morgen aus?«
»Sofern Grant nach seiner Erkundung heute Nacht nichts Ungewöhnliches berichtet, brechen wir durch Erenthrall auf. Wir durchqueren einige der Bezirke, die in der Verkrümmung gefangen waren, und versuchen, die Halbwölfe und jene Familie aus der Scherbe zu befreien. Danach … sehen wir weiter.«
***
»Was habt ihr gefunden?«
Grant war noch kaum aus den grauen Schatten der Morgendämmerung herausgetreten, doch Allan hatte nach ihm Ausschau gehalten. Der große Mann schnaubte, als er näher kam, und eine besorgte Miene zerknitterte seine pelzigen Züge. Allan zog die Augenbrauen hoch, als sich aus der Dunkelheit hinter dem Rudelführer fünf Halbwölfe lösten. »Zwei weitere unserer Brüder. Da waren noch andere, aber sie sind wie Beutetiere weggerannt.« Verächtlich verzog Grant die Lippen. »Wir werden sie finden.«
»Was ist mit den Gorrani?«
»Wir haben ihr früheres Gebiet durchstreift. Sie waren nicht dort. Allerdings ist ihr Geruch in dem Bereich und in dem Teil der alten Stadt stark, der früher in der Verkrümmung gefangen war.« Sein Blick verlagerte sich zu den anderen, die sich im Lager nach und nach erhoben. Gaven kochte bereits mit dem Heizstein, Bryces Männer legten ihre Schwerter an, während sie aßen. »Ziehen wir weiter?«
»Irgendeine Ahnung, wohin die Gorrani gegangen sind?«, gab Allan zurück.
Grant richtete die Aufmerksamkeit wieder auf den ehemaligen Rüden. »Zu den Felshängen im Süden. Wir konnten ihre Feuer sehen.«
»Werden sie ein Problem für uns darstellen?«
»Nicht, wenn wir ihr Gebiet umgehen. Sie hamstern wie Eichhörnchen.«
»Dann lautet die Antwort: Ja, wir ziehen weiter.« Allan drehte sich zurück zum Lager und gab Bryce ein Zeichen. Prompt rief der Rüde Befehle. Das Treiben beschleunigte sich, und alle schlangen hinunter, so viel sie konnten, während Gaven eilig begann, alles einzusammeln und die Wagen zu beladen.
»Wir bleiben nicht hier?«, fragte Grant.
»Ich weiß nicht, ob wir es hierher zurückschaffen, deshalb nehmen wir alles mit. Ich vertraue Erenthrall nicht mehr.«
Zwanzig Minuten später ließen sie das dreigeschossige Gebäude hinter sich, während das Licht des Sonnenaufgangs die Ruinen von Erenthrall aus den Schatten löste. Grants Halbwölfe verschwanden, ihr Rudelführer jedoch blieb bei Allan. Bryce entsandte Kundschafter. Sie hielten geradewegs auf das Gebiet zu, in dem Kara die Scherbe hatte zurücklassen müssen, die sie nicht öffnen konnte. Der Weg würde sie durch einen Teil des befreiten Abschnitts der Stadt führen.
Gegen Mittag erreichten sie den aufgewühlten Rand des Kreises, wo sich die Verkrümmung befunden hatte, ohne irgendjemandem begegnet zu sein. Die Grenze zwischen der von den Beben gesprungenen Straße und der vom Einsturz der Verkrümmung verursachten Verwüstung zeichnete sich in dramatischer Deutlichkeit ab: Die Straße endete wie abgeschnitten.
Der Boden innerhalb des Einsturzes war gesplittert und aufgebrochen, Granit in unregelmäßigen Brocken geborsten und zu einem chaotischen Haufen aufgetürmt. Das Geröll war zur Mitte der Verkrümmung – Richtung Grass – geschlittert und hatte eine hundert Fuß breite Erhebung gebildet, bevor es Kara gelungen war, die Verkrümmung von innen heraus zu heilen. Gaven stöhnte, als er den Steinhaufen sichtete, und ein rascher Blick zu beiden Seiten ergab, dass sich die Trümmer nicht umgehen lassen würden. Die Geröllrückstände erstreckten sich in nahezu unveränderter Höhe in beide Richtungen weiter. Die einzige Möglichkeit weiterzukommen bestand darin, die Erhebung zu überwinden.
Also räumten sie die schlimmsten Steinbrocken beiseite und schufen einen schmalen Pfad für die Pferde und Wagen. Dann setzten sie den Weg fort, doch eine Stunde hatten sie verloren.
Sobald sie sich jedoch innerhalb des Rings befanden, besserte sich die allgemeine Stimmung. Dieser Teil von Erenthrall war in der Verkrümmung gefangen gewesen und daher nicht von den Beben beeinträchtigt. Die Gebäude wiesen einen besseren Zustand auf, weil sich die Schäden auf das beschränkten, was die ursprüngliche Zersplitterung verursacht hatte. Bryce entsandte unterwegs seine Vollstrecker und ließ sie die nächstgelegenen Gebäude durchforsten. Die meisten meldeten, dass viele der Wohnhäuser und Geschäfte noch nicht geplündert worden waren.
Dann überquerten sie eine Schwelle, und die Anmutung der Gebäude veränderte sich. Allan dachte zuerst, sie wären in einen neuen Bezirk gelangt, da sowohl die Kopfsteine als auch die umliegenden Bauten auf einmal antik wirkten und seine Haut vor dem Gefühl von Alter kribbelte. Unbehaglich atmete er tief ein. Staub und Verfall lagen in der Luft; ein Geruch, der sich verdichtete.
»Was ist hier passiert?«, fragte Bryce und lenkte die Schritte unterwegs näher zu Allan.
Sie passierten ein rötlich-braunes Haus mit diagonal über zwei Stockwerke geteilter Steinfassade. Der Stein unterhalb der Trennlinie besaß einen kräftigen Farbton, der darüber wirkte wie von langer, langer Sonneneinstrahlung ausgebleicht.
Allan brummte, als er plötzlich begriff. »Dieser Abschnitt muss in einer der Scherben gesteckt haben, in denen die Zeit schneller verstrich. Deshalb fühlt sich der ausgebleichte Stein älter an.«
Bryce schauderte und beschleunigte unterbewusst die Schritte.
Bald gelangten sie von dem verfallenden Stein in einen neuen Abschnitt.
Einige Stunden später näherten sie sich einem Bereich, in dem eine dünne Schicht Spinnenseide sämtliche Gebäude verhüllte. Die Vollstrecker scharten sich eng um die Wagen, als sich der Tross daran vorbeibewegte. Die Pferde schnaubten und stampften mit den Füßen, die Augen vor Angst geweitet. In der übereinandergeschichteten Seide klafften Löcher über Türen und Fenstern, hinter denen Dunkelheit lag. Als Allan in die Tiefen der Finsternis starrte, bekam er Gänsehaut, und seine Handflächen wurden plötzlich klamm. Mit einem Geräusch von trippelnden Füßen regte sich etwas in der Düsternis, und ein Teil des Netzes erzitterte, wenngleich Allan nichts sehen konnte.
Neben ihm bleckte Grant die Zähne und knurrte, ein Laut, der tief und gefährlich durch seine Brust grollte. »Nicht näher rangehen«, warnte er mit leiser Stimme. »Es beobachtet uns.«
Langsam rückten sie weiter vor. Allan entspannte sich erst, als sie um eine Ecke gebogen waren und die schaurigen Wohnhäuser hinter sich gelassen hatten. »Was war es?«
»Nach der Zersplitterung wurden Menschen nicht nur in Halbwölfe verwandelt.«
Grass betraten sie nicht. Stattdessen passierten sie die gestutzten Türme in ein paar Bezirken Entfernung. Aber die Dämmerung brach an, bevor sie sich dem Ring der Zerstörung auf der anderen Seite von Erenthrall näherten. Allan ließ den Tross anhalten, und sie lagerten hinter den Mauern der Gärten eines einstigen Herrschaftsanwesens. Wieder konnten sie im Nordosten den flackernden Schimmer von Flammen sehen, diesmal näher. Im Süden säumten Feuer die Felswände um die Stadt. Allan prägte sie sich als den Standort der Gorrani ein.
Im Verlauf der Nacht durchbrach Geheul die Stille. Grant und die anderen Halbwölfe horchten auf. Die zwei neuesten Mitglieder des Rudels liefen in der Nähe der schmiedeeisernen Tore der Mauer winselnd auf und ab. Auch Ley-Lichter drangen vereinzelt durch die Finsternis. In einigen Bereichen in der Nähe von Grass zeichneten sie sich als stetes Pulsieren ab, während andere über die Stadt verteilt unregelmäßig flackerten. Die meisten nahmen sich wie stecknadelkopfgroße Sterne aus.
»Von diesen Ley-Lichtern haben wir gestern Nacht nichts gesehen«, merkte Allan an.
Dylan deutete in die Richtung des steten Pulsierens. »Da hat uns wahrscheinlich Grass die Sicht versperrt.«
»Sie sind in der Nähe der Gegend, wo die Temeriten gelagert haben, bevor die Verkrümmung geheilt wurde.«
»Die Temeriten könnten Lumagier haben. Vielleicht gelang es ihnen, die Ley zu festigen, nachdem die Knoten befreit waren. Gut möglich, dass sie sie wieder nutzen können.«
»Was ist mit den anderen Lichtern?«
»Ley-Linien, die bei der Zersplitterung offen geblieben sind, dürften jetzt wieder fließen, weil ihre Verbindungen zu den inneren Knoten wiederhergestellt wurden. Die Ley verläuft, wo immer sie durchkommt. Wenn Ley-Kugeln an ihren Strom angeschlossen waren und eingeschaltet geblieben sind, leuchten sie wieder auf, sofern sie die Energiespitze überlebt haben. Allerdings leuchten sie jetzt nicht so kräftig, weil es keinen Nexus zum Verstärken der Ley mehr gibt.«
Allan dachte an all die Lichter, die einst die Stadt erhellt hatten, und rief sich das Geflecht der Ley-Linien ins Gedächtnis, das er vor einem Jahr von den Hügeln aus gesehen hatte. Damals hatte die Stadt mit einer seltsamen, strahlenden Schönheit in der Dunkelheit der Ebenen geleuchtet.
Der Schimmer der Ley, der sich ihm nun präsentierte, war im Vergleich dazu gar nichts.
Am nächsten Morgen folgten sie dem Verlauf des Flusses und überquerten ihn letztlich auf einer zwar gesprungenen, aber noch vollständigen Steinbrücke. Das Wasser strömte dunkel unter ihnen hindurch.
Danach erklommen sie den Geröllring, den die Verkrümmung hinterlassen hatte, und betraten das Gebiet nahe der Stelle, wo Allan, Kara und ihre frühere Gruppe den Tunnlern und den Flussratten über den Weg gelaufen waren. Bryce trat vor, übernahm die Spitze, und Allan ließ es zu, da er wusste, dass der Rüde seine Männer anzuführen verstand. Mit Dylans Hilfe bahnten sie sich den Weg dorthin, wo die Scherbe die Halbwölfe und die von ihnen gejagte Familie gefangen hielt. Der Tross bewegte sich langsam voran, und alle wirkten angespannt. Aber sie begegneten niemandem und hörten auch nichts Verdächtiges.
Schließlich betraten sie den Platz, auf dem die Scherbe sogar im Sonnenschein mit einem schwachen, orange-rosa Licht schimmerte. Bryce erteilte zackig Befehle, und die Vollstrecker schwärmten über den Platz aus, während Allan, Grant, Dylan und die Wagen eine Linie entlang der Scherbe bildeten. Als Allan an ihren Rand trat, erblickte er den darin gefangenen Wagen. Der Mann, der ihn lenkte, war in grimmiger Entschlossenheit erstarrt, die Flanken der Pferde mit ihren panisch geweiteten Augen glänzten vor Schweiß. Ein weiterer Mann, eine Frau und zwei Kinder kauerten hinter ihm im Wagen. Drei Halbwölfe hetzten mit gebleckten Lefzen hinter dem Gefährt her. Als sie zuletzt hier gewesen waren, hatten Kara, Dylan, Artras und Carter die Scherben um diesen Bereich herum repariert. Allerdings hatten sie damals die hier eingeschlossenen Menschen nicht befreien können, weil sie dadurch auch die Halbwölfe entfesselt hätten.
Und weil die Scherbe in Wirklichkeit aus etlichen Teilen bestand, die teilweise mitten durch die Frau und durch den kleinen Jungen verliefen, den sie sich an die Brust drückte, außerdem durch die Beine des Fahrers und durch die Pferde.
»Kannst du sie herausholen?«, fragte Allan, als er spürte, wie sich Dylan neben ihn stellte.
Der Lumagus atmete tief ein. »Ich muss zuerst die Bruchlinien in der Scherbe beseitigen, sonst werden die armen Leute entzweigeschnitten. Danach befreie ich sie aus der Scherbe. Was bedeutet, dass die Halbwölfe gleichzeitig befreit werden.«
Von hinten meldete sich Grant zu Wort. »Um die Halbwölfe kümmere ich mich.« Er stieß einen durchdringenden Pfiff aus, und alle fünf Halbwölfe seines Rudels kamen aus den Schatten der umliegenden Gebäude gesprungen und trotteten auf sie zu. Allan war nicht einmal bewusst gewesen, dass sie sich in solcher Nähe aufgehalten hatten.
Grant wandte sich wieder an Allan. »Sag uns Bescheid, wenn ihr soweit seid.«
Allan gab Bryce ein Zeichen. Die Vollstrecker zogen den Ring um die Scherbe enger. Auch Gaven und seine Leute kletterten von den Wagen. Bryces Männer richteten das Augenmerk nach außen, während sich Gaven und sein kleines Rudel auf die gefangenen Menschen und Halbwölfe konzentrierten.
»Wann immer du bereit bist, Dylan.«
Der Lumagus leckte sich über die Lippen, dann schloss er die Augen. Allan trat zurück, vergrößerte den Abstand. Er wusste, dass seine unmittelbare Nähe die Ley auf merkwürdige Weise beeinträchtigte, und er wollte auf keinen Fall die Heilung der Scherbe stören. Aber er verharrte mit angespanntem Körper, bereit vorzupreschen, sobald sich die Scherbe auflöste.
Zunächst tat sich nichts, bis Allan bemerkte, dass die Bruchlinien im Inneren allmählich verblassten. Die Fläche, die durch die Menschen und die Pferde verlief, verschwand nach und nach, schrumpfte auf einen Punkt rechts des Wagens. Schweiß brach auf Dylans Stirn aus, während er arbeitete. Ein Tropfen löste sich, lief ihm über die Nase und tropfte von der Spitze. Er hob eine zitternde Hand …
Und plötzlich fiel die gesamte Scherbe in sich zusammen. Geschrei, Knurren und die verzweifelten Rufe des Fahrers zerrissen jäh die Stille auf dem Platz, als der Wagen schlagartig losraste. Die dem Gefährt nachjagenden Halbwölfe holten auf, als dessen Räder mit einem knisternden Splittern nachgaben. Der Wagen kippte zur Seite. Die Frau und der Junge, den sie umklammerte, purzelten über das Kopfsteinpflaster, und ihr Schrei verstummte wie abgeschnitten. Der Mann auf der Ladefläche hakte sich mit einem Arm an der Stirnwand ein und brüllte trotzig, als er sich nach dem Mädchen streckte, es jedoch verfehlte. Die Kleine kullerte einen Atemzug nach ihrer Mutter hinaus, als die Ecke der Ladefläche auf Stein prallte und zur Seite rutschte. Die Pferde wieherten kreischend, als sie mit dem plötzlich sperrigen Gewicht zu kämpfen hatten. Die gesamte hintere Achse brach, und das zweite Rad rollte davon.
Allan preschte los und steuerte auf das Mädchen zu. Aus dem Augenwinkel bekam er mit, dass Gaven und die anderen seinem Beispiel folgten. Schon bevor die Räder nachgegeben hatten, war ihnen bewusst gewesen, dass nur Sekunden blieben, bevor die Halbwölfe die Menschen erreichten.
Aber selbst diese wenigen Sekunden hätten nicht gereicht, wenn Grant und seine eigenen Halbwölfe nicht gewesen wären.
Bevor Allan auch nur den halben Weg zu dem Mädchen schaffte, raste ein Gewirr aus grauem Fell an ihm vorbei und stürzte sich auf die knurrenden Verfolger. Mit auf das Mädchen geheftetem Blick hörte Allan, wie zwei schwere Körper aufeinanderprallten. Ein wildes Knurren wurde von einem jähen, erschrockenen Jaulen abgeschnitten, das danach nahtlos in das grollende Chaos eines Kampfes überging. Allan schnappte sich das höchstens sechs Jahre alte Mädchen von der Straße, zog die Kleine schützend an seine Brust und rief: »Ich hab sie!« Dann rannte er über den Platz zu Bryces Vollstreckern, die auf der gegenüberliegenden Seite warteten. Kaum hatte er ihre Linie passiert, wirbelte er schweratmend herum.
Hinter ihm schleifte Bryce die Frau und ihren Sohn, der jünger als das Mädchen war, vom Rand der knurrenden Masse aus Zähnen und Klauen der Halbwölfe weg. Grants Rudel hatte die drei in einen Kampf verwickelt, die den Wagen verfolgt hatten, und mittlerweile war das Kopfsteinpflaster von Blut überzogen. Grant selbst hatte sich bislang zurückgehalten, doch sobald sich Bryce, die Frau und das Kind sowie der Rest ihrer Gruppe von dem Gefecht zurückgezogen hatten, trat er vor.
Ein tiefes Knurren brodelte aus seiner Brust und schwoll an, bis es überquoll und als gebieterischer Schrei aus ihm hervorbrach: »Genug!«
Grants Rudel löste sich aus dem Getümmel, riss sich von den Gegnern los, rollte von ihnen weg und zog sich zu einer groben Kreisformation zurück. Einige bluteten, hatten Bisse und Kratzer von Krallen an den Flanken davongetragen. Einer hinkte leicht. Alle hatten die Zähne gebleckt und knurrten.
Die drei verbliebenen Halbwölfe rollten sich mit zurückgezogenen Lefzen und an den Schultern gesträubtem Fell in Verteidigungshaltung. Ihre wilden Augen funkelten die anderen Halbwölfe an, bevor sie den Blick auf Grant hefteten.
Einer von ihnen trat mit gesenktem Kopf vor, den Körper sprungbereit angespannt.
Grant stieß einen größtenteils geknurrten Befehl hervor, und die zwei Halbwölfe hinter dem anderen Anführer zuckten zusammen. Der Leitwolf selbst aber nicht.
Das Mädchen in Allans Armen begann zu zappeln. Er lockerte den Griff um die Kleine und warf einen Blick in die Fahrtrichtung des Wagens. Erleichtert stellte er fest, dass Gaven und ein paar der anderen die panischen Pferde gebändigt hatten, aber Abstand zum Geschehen wahrten. Die zwei Männer bei ihnen schauten verwirrt drein, doch er vertraute darauf, dass Gaven sich darum kümmern würde, und drehte sich wieder den Halbwölfen zu.
Grant setzte sich in Bewegung, näherte sich dem Anführer der Halbwölfe auf Armeslänge und kniete sich hin. Das Knurren des fremden Leitwolfs wurde tiefer, und er schob eine Pfote nach vorn.
Ohne Vorwarnung schnellte Grants Hand vor und schlug den Halbwolf so heftig, dass er zur Seite taumelte.
Die Umstehenden schnappten nach Luft. Der Kopf des Halbwolfs fuhr zurück herum, und seine Zähne schnappten zu. Aber Grants Hand war nicht mehr da. Die Kiefer des Halbwolfs schlossen sich um Luft, und Grant schlug ihn von der anderen Seite erneut. Diesmal jaulte der Getroffene, bevor er abermals auf Grant vorrückte. Die zwei starrten sich gegenseitig an, bis das trotzige, kehlige Grollen des Anführers der fremden Halbwölfe verstummte, und ihr Anführer den Kopf mit einem kläglichen Winseln senkte und Grants Hand zu lecken versuchte.
Die Anspannung floss von dem Platz ab, als sich Grant aufrichtete und Allan knapp zunickte. Der seufzte, dann blickte er auf das Mädchen in seinen Armen hinab.
Mit vor Neugier großen, stechend-grünen Augen schaute die Kleine zu ihm auf. Ihr seidiges Haar war gelblich wie Maisstroh. Blut perlte entlang einer Schramme an einer Wange, wo sie beim Sturz vom Wagen auf dem Kopfsteinpflaster aufgeschlagen war. Ein weiterer, tieferer Kratzer verlief den Unterarm entlang, doch sie schien keine der beiden Verletzungen zu bemerken.
»Seid ihr hier, um uns vor der Ley zu retten?«, fragte sie.
Allan schritt auf die Mutter des Mädchens zu, die mit vor Entsetzen starren Zügen neben Bryce stand. Das änderte sich, sobald sie Allan und ihre Tochter erblickte.
»Ellie!«
Stolpernd eilte sie los, schnappte sich die Kleine aus Allans Armen und bückte sich, um sowohl den Jungen als auch das Mädchen auf den Boden zu stellen, wo sie ihnen die Stirnen küsste und begann, sie auf Verletzungen zu untersuchen.
Bryce war hinter sie getreten. »Sieht so aus, als hätten wir das geschafft. Was jetzt?«
»Jetzt formieren wir uns neu und suchen uns einen Platz zum Übernachten.«
Misstrauisch spähte er zu den Halbwölfen. Grant und die anderen umzingelten immer noch die drei neuen Ergänzungen, allerdings knurrten sie einander nicht mehr gegenseitig streitlustig an. »Vielleicht sollten sie vorerst getrennt von uns bleiben, meinst du nicht auch? Bis wir wissen, ob sich die Neuen wirklich Grants Führung unterwerfen.«
»Keine schlechte Idee.«
Er hob die Finger an die Lippen. Ein durchdringender Pfiff und ein Handzeichen riefen Gaven und die zwei aus der Scherbe befreiten Männer zu ihnen. Einer der beiden kauerte sich neben die Frau, anscheinend seine Gemahlin, wie Allan vermutete. Der Mann zog sie und die zwei Kinder fest an sich und brach in Tränen aus.
Der andere Mann – der Fahrer des verunglückten Wagens – stand mit vor der Brust verschränkten Armen über der Familie und beäugte Bryce, Gaven und die anderen, die zu ihren eigenen Wagen zurückkehrten.
Schließlich richtete sich sein Blick auf Allan. Seine Mundwinkel wiesen unbehaglich nach unten, aus den Gesichtszügen sprach Argwohn. »Wer seid ihr?«
»Überlebende der Zersplitterung … und der Heilung der Verkrümmung.« Allan merkte dem Fremden an, dass ihm die Worte wenig sagten.
»Dieser Mann, Gaven, hat gesagt, wir wären in der Verkrümmung gefangen gewesen. Und dass ihr uns befreit habt.«
»Ja. Wir hätten euch ja schon eher befreit, aber das konnten wir nicht, sonst wären die Halbwölfe über euch hergefallen. Sie steckten mit euch in der Verkrümmung fest. Wir haben ein paar Monate gebraucht, um es zurück hierher zu schaffen.«
»Monate …« Verunsichert trat der Mann von einem Bein aufs andere, betrachtete die umliegenden Gebäude, die Felswände und den nicht weit entfernten, von der Verkrümmung verursachten Schuttring, der nur von dem Abschnitt unterbrochen wurde, in dem Kara und die anderen einige Scherben repariert hatten, bevor alles begonnen hatte, in sich zusammenzufallen. »Er hat gesagt, wir waren über ein Jahr in der Verkrümmung gefangen.«
»Ja. Es hat sich viel ereignet, seit sich die Verkrümmung entfaltete.«
»Scheint so.«
Der zweite Mann ließ letztlich seine Frau los, sie jedoch drückte sich weiterhin die Kinder an die Seiten.
»Verzeih meinem Bruder«, sagte der Mann und streckte die Hand aus. Allan zögerte kurz, bevor er sie ergriff und schüttelte. »Er ist schon immer ein misstrauischer Zeitgenosse gewesen. Ich möchte euch allen dafür danken, dass ihr uns vor den Halbwölfen gerettet habt.« Er lachte, allerdings klang es zittrig, als hätte er Mühe, klaren Verstand zu bewahren. »Aus unserer Sicht seid ihr aus dem Nichts aufgetaucht. Im einen Moment waren wir allein und sind um unser Leben geflüchtet – im nächsten wart ihr da!«
»Charles, nicht doch«, meldete sich die Frau zu Wort und packte ihn am Arm, um ihn zu beruhigen. Dann wandte sie sich mit einem schmalen Lächeln an Allan. »Wir sind dankbar, was immer passiert sein mag.«
Plötzlich versteifte Charles’ Bruder den Körper. Er nickte in Richtung einer Seite des Platzes und verkündete: »Ihr habt Gesellschaft.«
Bevor sich Allan umdrehen konnte, schrie einer der Vollstrecker erschrocken auf. Bryces Leute formierten sich um die Wagen, als ein Dutzend Männer aus einer der Straßen am gegenüberliegenden Ende des Platzes hervortrat und einen kurzen Wall zwischen den Gebäuden zu beiden Seiten bildete. Bogenschützen legten Pfeile auf sie an, aber niemand schoss. Drei Männer traten zwischen den Rängen der Bogenschützen hindurch und stellten sich vor sie. Auf die Entfernung konnte Allan nicht erkennen, um wen es sich handelte. Die Tunnler? Temeriten? Eine andere Gruppe?
Der Umstand, dass sie noch nicht angegriffen hatten, verriet ihm allerdings: Flussratten waren dies nicht.
»Schafft eure Familie zu den Wagen«, sagte Allan. Er sah nicht nach, ob Charles und die anderen seiner Aufforderung nachkamen, sondern setzte sich in Bewegung und ging zu Bryce und den Vollstreckern. Grant und seine Halbwölfe blieben etwas abseits beisammen, die Aufmerksamkeit auf die Neuankömmlinge geheftet.
»Das hat ja nicht lange gedauert«, meinte Bryce, als sich Allan näherte.
»Kannst du sehen, wer die sind?«
»Nicht auf diese Entfernung.«
»Bleib hier. Sieht so aus, als wollten sie reden.«
Bryce holte Luft, um zu widersprechen, doch Allan überquerte den Platz bereits. Mit einer Hand gab er Grant Anweisungen, die der Rudelführer mit einem Nicken bestätigte.
Dann richtete Allan das Augenmerk auf die Gruppe vor ihm. Als er näher kam, entspannte er sich ein wenig. Beim Anführer handelte es sich offensichtlich um einen Temeriten. Das schmale Gesicht und der ordentlich gestutzte Bart ließen keinen Zweifel. Die meisten anderen trugen ähnliche Bärte. Sie waren in Rüstungen gekleidet, wie Allan sie von den Gardisten der Temeriten-Adeligen kannte, wenn die früher Erenthrall besuchten. Allerdings hatten deren Rüstungen damals gefunkelt. Die hier wirkten stumpf und abgewetzt. Diese Männer hatten offenbar einige Einsätze hinter sich. Teile ihrer Rüstungen wirkten wie notdürftig ausgetauscht und dabei war anscheinend als Ersatz benutzt worden, was immer sich hatte finden lassen. Sogar die Uniform des Anführers – die etwas mehr Zierwerk aufwies, aber immer noch praktisch war – ließ Anzeichen von Verschleiß erkennen.
Allan blieb zehn Schritte von dem Mann entfernt stehen. Nur allzu deutlich nahm er wahr, dass mindestens vier Pfeile auf ihn gerichtet waren.
Einen angespannten Moment lang musterten sich der Temeriten-Anführer und Allan gegenseitig. Dann schwenkte der Blick des anderen Mannes über den Rest von Allans Gruppe. »Das war beeindruckend. Wir haben monatelang nach einer Möglichkeit gesucht, diese Familie zu befreien.« Seine Aufmerksamkeit kehrte zu Allan zurück, sein Blick verhärtete sich. »Zu was für einer Gruppe gehört ihr, und was wollt ihr hier in unserem Bezirk?«
Allan zögerte und löste den Blick nicht von dem des Temeriten. Er wusste, was immer er als Nächstes sagte, würde über die Reaktion des Mannes entscheiden. Allerdings war ihm auch klar, dass die Temeriten zumindest eine Ahnung haben mussten, wer sie waren und woher sie kamen, wenngleich ihr Anführer etwas verwirrt schien.
Schließlich räusperte Allan sich und antwortete vorsichtig: »Wir kommen von der Nadel.«
»Weißmäntel«, zischte einer der Betas hinter dem Anführer. Seine Hand schnellte hoch, und die Bogenschützen hinter ihm spannten mit dem leisen Ächzen von Holz die Sehnen ihrer Waffen.
Der Anführer jedoch brüllte: »Halt! Nicht schießen!«
Der Beta starrte ihm finster in den Rücken und senkte den Arm nicht. Die Bogenschützen blieben in Bereitschaft.
Der Anführer hob das Kinn. Allan fiel eine kleine Narbe an der Wange auf, die der Verlauf seines Bartes beinah überdeckte. Außerdem sprenkelte Grau sein Haar, weshalb Allan die Schätzung seines Alters höherschraubte, näher zu den Vierzigern. »Du behauptest, ihr kommt von der Nadel, aber ich sehe keine Weißmäntel bei euch, wenngleich ihr offensichtlich einen Lumagus habt.«
»Es hat einen Machtwechsel in der Nadel gegeben.«
»Einen Machtwechsel?«, wiederholte der Temeriten-Anführer. »Der Vater und seine Weißmäntel haben nicht länger das Sagen? Wer ist ihnen nachgefolgt?«
»Vater Dalton führt die Menschen immer noch an. Er dient aber lediglich als Galionsfigur. Die Lumagier haben den Knoten unter der Leitung von Kara Tremain übernommen. Sie war es, die hier die Verkrümmung geheilt und die Beben beendet hat. Sie und Befehlshaber Ty leiten die Nadel jetzt.«
Bei den Worten ging ein Raunen durch einige der Bogenschützen.
»Er lügt«, murmelte der Beta hinter dem Anführer. »Niemand könnte die Verkrümmung geheilt haben, geschweige denn, die Beben beendet.«
»Sie hat es nicht allein vollbracht«, erklärte Allan. »Sie hatte die Hilfe der anderen Lumagier. Und des Knotens.«
»Warum seid ihr dann hier in Erenthrall in unserem Gebiet?«
»Es war noch nicht euer Gebiet, als wir das letzte Mal hier waren, sondern das der Tunnler. Was ist aus denen geworden?«
»Du meinst die Unterweltler? Nach den Beben ist die Ley in die meisten der Ley-Linien zurückgekehrt. Dadurch wurden die Unterweltler an die Oberfläche gedrängt. Sie haben die Universität übernommen. Die Überlebenden von ihnen.«
»Und die Flussratten?«
Der Beta grinste, ein entschieden unangenehmer Gesichtsausdruck. »Wir haben sie vertrieben.«
»Du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet«, merkte der Anführer an. Dann fügte er mit Nachdruck hinzu: »Warum seid ihr hier?«
Allan seufzte. »Wir sind hergekommen, um diese Familie aus der Scherbe zu befreien und herauszufinden, wie sich Erenthrall seit der Heilung der Verkrümmung verändert hat. Außerdem wollten wir sehen, ob wir in der Stadt Verbündete finden können.«
Alle Temeriten erstarrten, sogar der Beta.
»Verbündete?« Die Stimme des Anführers klang zurückhaltend.
Allan breitete die Arme mit den Handflächen nach oben aus. »Warum sollen wir kämpfen? Wir beobachten euch schon seit der Zersplitterung. Wir haben dieselben Feinde und dieselben Ziele. Wir alle brauchen Nahrung und sonstige Vorräte. Beides ist schwieriger zu finden, wenn man ständig auf der Hut sein muss.« Allan verlagerte die Aufmerksamkeit auf den Beta. »Meine Vermutung ist ja, dass ihr die Flussratten zwar vertrieben habt, sie aber nicht weg sind. Die stecken hier noch irgendwo und verursachen Schwierigkeiten. Und dann wären da noch die Gorrani, die sich zu den südlichen Felsen zurückgezogen haben. Die plündern nach wie vor in der Stadt, nicht wahr? Und stellen immer noch eine Gefahr dar. Außerdem muss es weitere Gruppen im Osten und im Norden geben.«
Allan beobachtete den Anführer aufmerksam und sah, wie der Mann bei der Erwähnung des Nordens sein Gewicht verlagerte. Damit bestätigte er Allans Vermutung, dass Anfurt als Bedrohung nicht weggefallen war. Er verbarg seine Enttäuschung, obwohl ihn die Erkenntnis nicht überraschte, und kehrte zu seiner ursprünglichen Frage zurück. »Warum also sollen wir uns gegenseitig bekämpfen? Warum legen wir nicht stattdessen unsere Mittel zusammen und helfen uns gegenseitig, zu überleben?«
Der Temeriten-Anführer hob den Kopf, während er überlegte. Hinter ihm meldete sich sein Beta zu Wort. »Wir brauchen die nicht, Hauptmann. Wir sind bisher gut ohne sie zurechtgekommen.«
»Das haben nicht wir zu entscheiden, Leutnant.«
Der Anführer fixierte Allan. In der Nähe der Narbe des Mannes zuckte ein Muskel. »Ihr habt gute Absichten gezeigt, indem ihr die Familie aus der Scherbe befreit habt. Dafür gewähre ich euch eine Audienz bei unserer Matriarchin. Sie wird entscheiden, ob wir das Wagnis eines Bündnisses mit der Nadel eingehen. Ich geleite dich mit deinen Männern zu ihr. Aber eure Halbwölfe« – sein Blick schwenkte zu Grant und dessen Rudel – »müssen zurückbleiben. Die lassen wir nicht hinter unsere Mauern.«
»Verstanden.«
»Leutnant Boskell, wenn ich bitten darf …«
Langsam senkte der Beta den Arm. Die Bogenschützen ließen ihre Waffen gleichzeitig sinken. Er rief einen Befehl auf Temerisch, und die Bogenschützen entspannten sich. Sie traten nach links und rechts beiseite, als eine weitere Gruppe der Temeriten aus den Gebäuden hinter ihnen kam, diesmal Männer mit Schwertern. Sie verteilten sich vor den Häusern, dem Platz und Allans Gruppe zugewandt, bildeten geordnete Ränge. Zusammen mit den Bogenschützen mussten es mindestens vierzig Fußsoldaten sein. Zwar ließen sie keine bedrohlichen Bewegungen gegenüber Allans Gruppe erkennen, aber sie beäugten sowohl sie als auch die Halbwölfe mit argwöhnischen Blicken.
Der Hauptmann trat vor, den rechten Arm auf Schulterhöhe ausgestreckt – eine traditionelle Temeriten-Begrüßung, bei der Männer gleichen Ranges einander die Hand auf die Schulter legten, statt sich die Hände zu schütteln. Allan hatte das bei Veranstaltungen des Barons zwar schon gesehen, sich jedoch nie daran beteiligt.
Ihm war bewusst, dass ihn Leutnant Boskell und die Männer des Hauptmanns – sowie seine eigenen Leute – aufmerksam beobachteten, als er die Hand ausstreckte und auf die Schulter des Hauptmanns legte. Es gelang ihm, die Geste nur geringfügig unbeholfen wirken zu lassen.
Der Mann lächelte verhalten. »Hauptmann Lienta mit Stellvertreter Leutnant Boskell von der hier in Erenthrall verbliebenen Temeriten-Enklave.«
»Allan Garrett.«
Lienta drückte Allans Schulter, bevor er die Hand sinken ließ. Allan tat es ihm gleich. »Was hältst du davon, mich deiner Gruppe vorzustellen?« Über die Schulter sagte er: »Leutnant, schick jemanden los, der die Enklave und die Matriarchin vorwarnt. Du bleibst hier bei der Einheit.«
»Zu Befehl, Hauptmann.«
Lienta winkte Allan vorwärts und reihte sich neben ihm ein. Zusammen überquerten sie den Platz zu Bryce und den anderen. Der Rüde beobachtete, wie sie sich näherten. Die Vollstrecker hinter ihm spannten verunsichert die Körper an. Alle anderen kauerten bei den vier Wagen, abgesehen von den Halbwölfen, die bei Grant blieben und nach wie vor Abstand wahrten.
Unterwegs meinte Lienta leise: »Du hast eine interessante Sammlung von Leuten dabei, Allan Garrett. Halbwölfe, Lumagier, Vollstrecker und Rüden. Ich freue mich schon darauf zu erfahren, wie eine so bunte Truppe zusammengefunden hat. Vorausgesetzt, unsere Matriarchin ordnet nicht eure Hinrichtung an.«
Die Beiläufigkeit der letzten Äußerung jagte Allan einen Schauder über die Schultern. Doch ihm blieb keine Gelegenheit, etwas zu erwidern, denn Bryce trat vor und fragte: »Was geht hier vor?« Seine Stimme klang misstrauisch.
»Bryce, das ist Hauptmann Lienta. Er geleitet uns zum Wall der Temeriten, damit wir mit der Matriarchin sprechen können.«
Lienta hatte bei der Vorstellung steife Haltung angenommen und nickte knapp. »Wir werden von euch nicht verlangen, dass ihr etwaige Waffen ablegt, aber wir werden die meisten von euch auf dem äußeren Hof behalten. Nur drei von euch dürfen zur Matriarchin.«
Bryce fragte Allan: »Bist du sicher, dass du das tun willst?«
»Es ist Karas Wunsch.«
Bryces verärgerter Blick sprach Bände, dennoch befahl er den Vollstreckern und dem Rest seiner Leute, um die anderen in Position zu gehen. Allan winkte Grant näher.
»Wir gehen zur Enklave der Temeriten, aber sie wollen die Halbwölfe nicht dabeihaben.«
»Ist nichts Persönliches«, warf Lienta ein. Sein Unbehagen über die Nähe des halbverwandelten Mannes ließ sich nicht übersehen. Sein Blick löste sich keinen Herzschlag lang von Grants Gesicht, sein gesamter Körper blieb steif vor Anspannung.
Grant zog die Lippen zurück und entblößte dabei zu viele Zähne. Seine Nasenflügel blähten sich. »Wir gehen in Grass jagen und suchen nach den Halbwölfen, die euch vor der Entfaltung angegriffen haben. Wir stoßen später zu euch, nachdem euch die Temeriten entlassen haben. Und falls sie das nicht tun« – in seinen Augen flammte ein wilder gelber Funke auf – »dann jagen wir als Nächstes in der Enklave der Temeriten.«
Damit wandte sich der breitschultrige Rudelführer ab und ließ ein tiefes Knurren in Richtung seiner Halbwölfe vernehmen. Alle sprangen in die Seitengassen des Platzes davon und verschwanden in den einziehenden Schatten der Abenddämmerung.
Lienta beobachtete sie schweigend, bevor er zum sich verfinsternden Himmel aufschaute. »Wir müssen uns beeilen, wenn wir die Mauern vor Einbruch der Nacht erreichen wollen.«
»Wir sind bereit«, gab Bryce zurück.
»Dann folgt mir.«
Sie setzten sich über den Platz in Bewegung, und die Temeriten umringten sie in einer geordneten Formation, die einer schnellen Flucht vorbeugte. Als die Schatten länger wurden und die Nacht sich herabsenkte, gingen in der Stadt überall um sie herum flackernd Lichter an – sowohl von Flammen als auch von der Ley gespeiste. Am deutlichsten zeichneten sie sich auf den Mauern der Temeriten ab, wohin sie unterwegs waren, aber auch über den Mauern der alten Universität schimmerten Ley-Lichter. Eine Kugel leuchtete stet, die anderen flackerten oder waren völlig erloschen. Vereinzelte weitere Lichter sprenkelten die Landschaft in allen Richtungen, nur wenige jedoch zu Ansammlungen geballt. Geräusche drangen aus der Dunkelheit. Im Süden brach ein Geheul aus, das alle erschreckte, und Allan fragte sich, ob es von Grant und dessen Rudel oder von anderen Halbwölfen stammte. Kurz, bevor sie die Mauern der Temeriten erreichten, setzte aus Nordwesten ein an- und abschwellendes Geschrei ein. Das entstammte offensichtlich menschlichen Kehlen, obwohl es wild und animalisch klang. Nach einem fragenden Blick von Allan erklärte Lienta knapp: »Flussratten.«
Dann erreichten sie die Mauern. Mehrere Feuer brannten auf den Dächern darüber. Von der breiten Straße vor den Gebäuden, deren Türen und Fenster die Temeriten mit Brettern vernagelt hatten, sodass sie die Hauptstruktur des Walls bildeten, war jeglicher Schutt geräumt worden. Wer sich den Temeriten zu nähern versuchte, würde völlig ungeschützt und in Reichweite der auf den Dächern postierten Bogenschützen geraten.
Männer riefen eine Frage herunter, als sie ankamen. Boskell brüllte etwas zurück, und kurz darauf schwangen ächzend die Flügel des schweren Holztors nach außen auf, das man quer über eine schmale Gasse errichtet und an den Häusern zu beiden Seiten befestigt hatte. Offensichtlich hatte man sie vom Eingang eines Handelshauses hergeholt und eigens so umgebaut, dass sie zusammen das Tor bildeten. Das Holz war dafür mit vereinzelten Lagen Metall verstärkt worden. Einige der freiliegenden Holzbereiche waren verkohlt. Es schien, dass jemand versucht hatte, sich einen Weg durch die Torflügel zu brennen, und erst da fiel Allan auf, dass die Gebäude, die sich die Temeriten für ihren Wall ausgesucht hatten, allesamt aus Stein bestanden.
Sie gelangten auf einen von Menschen bevölkerten Hof. Bei fast allen handelte es sich um Temeriten, wenngleich sich auch einige andere unter ihnen befanden. Auf einer Seite trainierte eine große Gruppe – Männer und Frauen, die im Umgang mit dem Schwert unterwiesen wurden, manche übten zusätzlich mit Schilden. Die scharfen Befehle dazu kamen von einer Reihe Soldaten der Temeriten, alle in denselben Uniformen und mit demselben Auftreten wie Lienta und seine Einheit. Allan war nicht bewusst gewesen, dass es in Erenthrall so viele Temeriten von militärischem Rang gegeben hatte. Andererseits hatte er vor der Zersplitterung auch nicht besonders aufmerksam darauf geachtet. Als er früher hergekommen war, hatten die Temeriten nie eine Rolle bei seinen Zielen gespielt.
Der Rest der Menschen auf dem Hof war mit alltäglicheren Aufgaben beschäftigt, beispielsweise mit dem Reparieren von kaputtem Geschirr für Zugtiere und gebrochenen Wagenrädern, dem Flicken von Kleidung oder dem Gerben von Häuten. Gegenüber dem zusammengebastelten Tor, auf der anderen Seite der einstigen Marktplätze von Erenthrall, holperten zwei mit Steintrümmern beladene Wagen die Querstraße hinab in Richtung Süden. Die gesamte offene Fläche des Platzes und die Straße dahinter wurden von Fackeln und Feuern erhellt. Allan sah weder Ley-Kugeln noch irgendwelche sonstigen Anzeichen der Ley.
»Eure Wagen und der Rest eurer Gruppe können hier warten«, verkündete Lienta und deutete in einen Winkel des Platzes gegenüber dem Übungsbereich, aber noch in der Nähe des vorderen Tors. Boskell und die Männer der Einheit hatte er bereits entlassen. Alle trabten zum Übungsgelände und zu den Gebäuden dahinter davon. »Du und zwei andere können mich zur Matriarchin begleiten.«
»Bryce und Dylan, kommt mit«, sagte Allan. Die beiden traten vor, während er sich an Gaven und Bryces Beta wandte. »Ihr zwei haltet Wache und sorgt dafür, dass alle hier zusammenbleiben und sich aus Ärger heraushalten. Ich will, dass niemand diesen Platz verlässt.«
»Wir kommen zurecht«, erwiderte Gaven, der die verschiedenen Arbeiten der Temeriten beobachtete.
Das Augenmerk von Bryces Beta hingegen galt den Übenden. »Wir werden hier sein«, versprach der Beta mit einem kalten Blick zu Lienta, »wenn ihr zurückkommt.«
Der Hauptmann schenkte der unterschwelligen Drohung keine Beachtung. »Dann hier entlang.«
Als sie den Platz überquerten, rollte ein weiterer mit Steinen beladender Wagen vor ihnen vorbei. Allans Blick folgte ihm, doch er verlor kein Wort darüber, als Lienta sie eine Seitenstraße hinabführte. Es ging vorbei an einem alten Lagerhaus, einer prächtigen, Bastion gewidmeten, von Erdbebenschäden gezeichneten Kirche und einem ummauerten Park, bevor sie durch einen Bereich mit Wohnhäusern zu einem anderen Platz gelangten. Er beherbergte einen Springbrunnen, dessen Becken vier Obelisken säumten, einer davon gesprungen auf dem Boden liegend. Aus der Mitte des Brunnens ragte eine Statue aus Stein, die eine Hand emporstreckte, in der sie eine riesige Ley-Kugel hielt. Mondlicht tünchte den gesamten Platz in einen silbrigen Schein.
Als sie die offene Fläche überquerten, hob Dylan eine Hand, als wolle er im Vorbeigehen mit den Fingern über die Oberfläche der Ley-Kugel streichen. »Warum leuchtet sie nicht?«, fragte er und ließ die Hand sinken, als sie auf eine Reihe dreigeschossiger Häuser zusteuerten, die den Block auf einer Seite füllten. Hinter ihren Fenstern schimmerte Kerzenlicht. Allan verbarg ein Aufflackern von Überraschung. Er hatte gedacht, dass die Matriarchin sich in dem wesentlich größeren und prunkvolleren Handelshaus eingenistet hätte, das dunkel und unheilverkündend hinter dem Springbrunnen aufragte. Es besaß eine palastartige Anmutung und übertraf bei Weitem die weniger verzierte Architektur der anderen Häuser.
»Nach der Zersplitterung hat die Ley in diesem Abschnitt der Stadt nicht mehr funktioniert. Das ist einer der Gründe, warum die Matriarchin wollte, dass wir uns dieses Gebiet aneignen. Es war hilfreich, dass sich hier bereits unsere Botschaft befand und die Gegend als strategischer Standort galt, der sich mit ein paar Anpassungen leicht verteidigen lässt.«
»Anpassungen wie die Verwendung der Gebäude als Mauer und das Abriegeln der Straßen mit Toren?«, fragte Allan.
»Ja. Außerdem war da noch die Verkrümmung. Wir haben sie im Süden als Teil unseres Walls benutzt. Sie hat sich als ausgesprochen wirkungsvoll erwiesen … bis sie in sich zusammengefallen ist.«
»Gebäude ergeben keine besonders robusten Mauerkonstruktionen«, warf Bryce ein. »Sie neigen dazu, leicht einzustürzen.«
»Nicht, wenn sie mit Stein aufgefüllt werden.«
Mittlerweile hatten sie die Häuserzeile erreicht. Die zu dem Stadthaus in der Nähe der Mitte führenden Stufen wurden von vier Soldaten bewacht. Sie gaben kein Wort von sich, als Lienta hinaufstieg. Einer streckte die Hand aus, um ihnen die Tür zu öffnen. Warmes Licht fiel heraus auf die Stufen.
Drei Schritte vor dem Betreten der weitläufigen Eingangshalle blieb Allan abrupt stehen, und Dylan japste. Der Raum nahm die gesamte vordere Hälfte des Stadthauses ein. An einer Seite verlief eine prunkvolle gewundene Treppe hinauf in den ersten Stock. Links und rechts sowie geradeaus befanden sich Türen, jeweils mit Wächtern zu beiden Seiten, doch es war offensichtlich, dass es sich bei den von der Straße aus zu sehenden Häusern um eine Illusion handelte. Der gesamte Block bestand in Wirklichkeit aus einem riesigen Bauwerk. Die Türen zu beiden Seiten bildeten Eingänge zu dem, was von außen betrachtet die Häuser links und rechts wären. Allan vermutete, dass dieses Gebäude außerdem tiefer war, als man vermuten würde. Womöglich erstreckte es sich sogar bis zur nächsten Straße.
»Was ist das für ein Ort?«, fragte Bryce in scharfem Ton, wobei er eine pulsierende Anspannung ausstrahlte.
»Willkommen in der ehemaligen Botschaft der Temeriten in Erenthrall«, antwortete Lienta.
