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Eine Frau, die als Junge geboren wurde, sucht das Glück. Auch wenn sie nach einem langen Leidensweg im richtigen Körper angekommen ist bleibt sie unglücklich, denn Selbstliebe bedeutet nicht zugleich, glücklich zu sein. Außerdem stellt sie fest, dass das Leben einer Frau um einiges komplizierter ist als sie angenommen hat. Männer haben es im Leben in vielerlei Hinsicht leichter, obgleich sie das im Körper eines Mannes völlig anders wahrgenommen hat. Durch die weiblichen Hormone verändert sich nicht nur ihr Körper, sondern auch ihr Empfinden und ihre Gedanken. Auf der Suche nach dem Glück hat sie Erlebnisse, die sie nicht erwartet hätte. Sie lernt Menschen kennen und erlebt Enttäuschungen, doch sie ändern ihren Blickwinkel und Ihre Erwartungshaltung. Sie lernt im Hier und Jetzt zu leben.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Prolog
Teil 1
Erwachen
Unerfüllte Wünsche
Frühling
Verzweiflung
Ungeahnte Gefühle
Der Beginn glücklicher Tage
Teil 2
Sommer
Ein neues Lebensgefühl
Ereignisreiche Tage
Hamburg
Zwischen den Reisen
Mallorca
Ein halbes schwarzes Jahr
Teil 3
Frühling im Winter
Männer
Mykonos
Schritte
Mutterliebe
Ein besonderer Sommer
Genügsame Tage
Gedanken
Schlusswort
Impressum
„Der Mensch möchte derjenige sein, wie er vom Wesen her ist, denn es ist ein Grundbedürfnis unserer Psyche. Bleibt dies unerfüllt, fühlen wir uns fremd im eigenen Geist. Im richtigen Körper zu leben ist für die allermeisten Menschen von Geburt an eine Selbstverständlichkeit. Dieses Buch darf gerne dazu anregen, darüber nachzudenken.“ DaNa
Stellen Sie sich auch ab und zu die Frage, was glücklich macht und wie wir es schaffen können, dieses Glück erleben zu dürfen. Ich finde, die Gegenfrage ist einfacher zu beantworten. Denn es gibt zahlreiche Gründe, die uns unglücklich machen. Ob es Wünsche und Träume sind, die unerfüllt bleiben. Die Sorgen, die uns täglich im Alltag begleiten. Die Ängste, die wir während unseres Lebens früher oder später entwickeln und unterschiedlichst ausfallen können. Oder ist es vielleicht nur die eigene Unzufriedenheit, die unserem Glück im Wege steht, weil wir zu große Ansprüche an uns und unseren Mitmenschen haben und die nur schwer erfüllbar sind. Über die Gründe, was tatsächlich glücklich macht, wird viel geforscht. Sehr häufig wird darüber berichtet und über den Sinn des Lebens philosophiert. Es ist also naheliegend, dass Sie sich fragen werden, was ich Ihnen erzählen könnte, dass Sie vielleicht noch nicht wissen. Zumindest erlebte ich zwei Seiten. Wenn ein Mensch wie ich im falschen Körper geboren wurde und die Seele vor Leiden schreit, ist es unmöglich sich zufrieden fühlen zu können. Ich war der Meinung, sobald ich im richtigen Körper lebe, bin ich glücklich, denn dann kann ich endlich so leben, wie ich es mir ersehne und meinem Glück steht nichts mehr im Wege. Schließlich, entschied ich mich, den nicht einfachen Weg einer Geschlechtsangleichung vom Mann zur Frau zu gehen und unterzog mich einer Hormontherapie und medizinischen Eingriffen. Durch die Hormonveränderung änderte sich jedoch nicht nur mein Aussehen. Es änderte sich auch das Empfinden und außerdem mein Denkverhalten. Dabei habe ich das Gefühl, dass ich nun als Frau um einiges mehr leiste, insbesondere im Kopf, weil ich mir nun wesentlich mehr Gedanken bereite als früher. Manchmal zerbreche ich mir den Kopf über etwas, das mir als Mann nicht einmal wichtig erschien. Als Frau berühren mich Dinge, denen ich zu früheren Zeiten keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Das Leben wurde für mich um einiges komplexer und auch komplizierter, als hätte sich meine Sichtweise verändert und als betrachte ich jetzt das Leben aus einer völlig neuen Perspektive. Durch meine Veränderung verlor ich meine geliebte Frau, die für mich das Wichtigste war. Auf der Suche nach einem neuen Partner erlebte ich Enttäuschungen und weitere schmerzhafte Momente. Durch meine Geschlechts-angleichung durfte ich mich zwar im Körper wohler fühlen, jedoch musste ich feststellen, dass meine neue Identität nicht ausreichte, um glücklich zu sein. War es die Sehnsucht nach Nähe, die mich unablässig quälte? Die Bestätigung, die ich mir wünschte, die mir jedoch oft verwehrt geblieben war? Waren es meine Gedanken oder vielleicht sogar die Suche nach dem Glück selbst, die mir im Wege standen? Je intensiver ich nach einem Partner suchte, umso größer waren die Enttäuschungen. Es kam der Moment, in dem ich mir die Frage stellte, ob mein Glück von einem einzigen Menschen abhängig sei und ob ich das Glück nicht besser bei mir selbst suchen sollte. Auf der Suche nach dem Glück, lernte ich nicht wenige Menschen kennen und durch meine neuen Bekanntschaften, erfuhr ich von vielerlei Sorgen. Nicht nur die unerfüllte Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe, scheint uns unglücklich zu machen. Auch andere Gründe können die Ursache unserer Unzufriedenheit sein. Aber was führt schließlich dazu, dass wir unglücklich sind? Ist es das Bedürfnis nach Materiellem? Vielleicht unsere Erwartungshaltung? Oder sind es die Ansprüche, die wir uns selbst auferlegen? Vielleicht ist es der Neid oder das Misstrauen, die wir gegenüber anderen Menschen nicht selten an den Tag legen? Gründe gibt es zahlreiche. Könnte es sein, dass wir unserem Glück oftmals selbst im Wege stehen? Haben Sie sich auch schon gefragt, weshalb Menschen in ärmeren Ländern, die kaum etwas zu essen haben, so glücklich wirken können? Die lächeln und fröhlich sind, obwohl sie kaum etwas am Leibe tragen. Diese Menschen besitzen kaum etwas und dennoch scheinen sie glücklich zu sein. Bei uns dagegen, kennen nur noch die wenigsten wirklichen Hunger. Und doch könnten wir manchmal meinen, dass ärmere Menschen glücklicher sind. Was ist also der Schlüssel zum wahren Glück? Während meiner Selbstfindung fing ich an mich zu reflektieren. Nur zögerlich erkannte ich, dass ich etwas ändern musste, weil ich anfänglich ständig in das gleiche Muster verfiel. Nur langsam änderte sich meine Denkweise und meine Erwartungshaltung. Ich fing an, Kleinigkeiten zu schätzen, die für mich in der Vergangenheit selbstverständlich waren. Vielleicht hatte mein Tief den Ausschlag dazu gegeben, dass ich mich dazu bewegte, Augenblicke zu schätzen, die ich zu früheren Zeiten nicht beachtet oder als selbstverständlich wahrgenommen hätte. Vielleicht ist etwas an der These dran, dass wir zuerst entbehren müssen, um das Gute in kleinen Ereignissen schätzen zu lernen. Nachdem ich es schaffte, mein Glück nicht von einem einzigen Menschen abhängig zu machen, eröffnete sich für mich eine neue Perspektive. Ich fing an, Augenblicke zu schätzen, die mir täglich begegneten. Augenblicke, die mir in der Vergangenheit nichts besonderes bedeutet hätten, doch jetzt einen Teil meines Glücks ausmachen. Ich genieße lange Spaziergänge in der Natur, während der Duft nach einem Sommerregen meine Sinne erfüllt und kann mich über das Lächeln von fremden Menschen freuen, selbst dann, wenn das Lächeln für jemanden anderes bestimmt ist. Es erfüllt mich mit Glück, jemandem zu helfen oder zu beschenken, denn dessen Freude kommt zurück. Kleine Freuden bleiben nicht klein. Meine frühere Unzufriedenheit ist einem neuen Gefühl gewichen, meine Gedanken veränderten sich und mit ihnen stellte sich eine Zufriedenheit ein, ohne auf große Ereignisse warten zu müssen. Wie ich zu meinem Glück gefunden habe, davon möchte ich Ihnen erzählen. Ich lade Sie hiermit ein, mich auf meiner großen Reise zu begleiten. Sie werden erfahren, wie sich meine Denkweise verändert hat und erhalten Zugang zu meinen Gedanken, wie ich früher als Mann gedacht hatte und wie es nun als Frau ist. Sie werden erfahren, dass wir dem Glück nicht hinterherjagen müssen, unabhängig, welches Geschlecht wir besitzen und dass wir mit kleinen Dingen zufrieden sein können, die kostbarer sind, als wir manchmal glauben. Der Weg vom Mann zur Frau war allerdings weniger schwer als der Weg zum Glück.
München im Advent, ich öffne die Augen und sehe verschwommen die Uhr an der kahlen, weißen Wand, die nur wenige Meter von mir entfernt liegt. Nur langsam wird mein Blick klarer. Es ist kurz vor halb zwei. Was ist seit dem Morgen geschehen, frage ich mich? Ich kann mich an nichts erinnern. Haben die vergangenen Stunden überhaupt existiert? Kein Traum, nichts, das ich wüsste. Ich muss hierher gesprungen sein oder habe ich die Zeit verloren? Mit einemmal erinnere ich mich, weshalb ich hier liege und dass seit gestern Abend eine Menge Schnee vom Himmel fiel. Der Wetterbericht hatte für Südbayern eine große Menge Neuschnee vorhergesagt und wie prognostiziert, hat es am Vorabend begonnen heftig zu schneien. Am Morgen duschte ich und wusch mir die Haare, als würde sich dieser Tag von keinem anderen unterscheiden. Doch das täuschte. Es ist der Tag, der mich verändern soll, zum einem körperlich, jedoch hoffentlich auch mein Leben. Eine Veränderung, nach der ich mich sehne, vor der ich jedoch auch lange Zeit zurückschreckte. An diesem Morgen begleitete mich ein seltsames Gefühl. Zum einen war ich innerlich angespannt und doch zeigte ich eine Ruhe, die mich selbst überraschte, vor allem wenn ich an den Vortag dachte, wo die Angst noch dafür sorgte, dass es mir übel war. Angst, die mich seit Jahren begleitete, denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der heutige Tag mit erheblichen Schmerzen verbunden ist. Dennoch, habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen, in der Hoffnung, dass ich nicht die falsche Entscheidung getroffen habe. Als am Morgen die Zeit gekommen war, lief ich vom dritten Stock zum Untergeschoß. Vom Treppenhaus aus konnte ich durch die großen Fenster das dicke Schneetreiben beobachten. Das zaghafte Blau der Morgendämmerung vermischte sich mit dem Schnee und erzeugte ein ungewöhnliches blau-weißes Licht. Ich bereitete mir Sorgen, dass der geplante Eingriff wegen den extremen Schneemassen nicht stattfinden konnte, obwohl ich so kurz vor dem Ziel stand. Plötzlich überkommen mich Zweifel. Ich fühle überhaupt keinen Schmerz, wie ich befürchtet habe. Nicht einmal geringste Beschwerden habe ich. Nur kalt ist mir, sehr kalt sogar. Ich habe das Gefühl, dass die Kälte zunimmt, umso länger ich hier liege. Wie es scheint, kann mein Körper sich nicht warm halten, obwohl ich zugedeckt bin. Ich bekomme Angst, dass etwas schiefgegangen sei und dass der Verlauf in eine Richtung führt, die eine folgenschwere Auswirkung auf mein Leben haben kann. Gar bin ich bereits im Jenseits und nur mein Geist existiert noch? Aber würde ich dann frieren? Mit der Hand berühre ich meine Körpermitte, die Stelle, an der das Geschlecht sitzen müsste, das trotz meines Alters mir immer noch fremd erscheint. Das Geschlecht, das ich seit meiner Geburt besitze und das doch nicht zu mir zu gehören scheint. Zwischen den Fingern fühle ich eine Kunststofffolie, die um meine Körpermitte gewickelt wurde, wie eine Windel. Unter dem Verband fühle ich nichts, nur eine seltsame Fläche, die mir fremd erscheint. Es fühlt sich ungewohnt an, das Nichts, und doch ist es alles, was ich mir erhofft habe. Keine Unebenheit, nur eine leichte Rundung, so wie ich es mir immer gewünscht habe. Die Schneemassen konnten offensichtlich das Tor zu meinem neues Leben nicht schließen. „Wie fühlen Sie sich?“ Eine Schwester steht an meinem Bett und lächelt mich an. „Mir ist kalt.“ Meine Stimme klingt heiser. „Jetzt haben Sie es geschafft. Sie liegen im Aufwachraum. Ich bringe Ihnen eine zweite Decke. Dann wird es Ihnen gleich wärmer.“ Etwas später werde ich von einer anderen Schwester zu meinem Zimmer geschoben. Als uns der Aufzug zum dritten Stock befördert, kann ich es kaum glauben, dass ich diesen Schritt gewagt habe und dass der Eingriff hinter mir liegt, obwohl ich diesen so gefürchtet hatte. Jahrelang trug ich einen Kampf mit mir aus und schreckte davor zurück. Umso weiter die Zeit voranschritt und umso mehr ich mich durch die Hormone veränderte, desto unglücklicher fand ich das Anhängsel in meiner Mitte. Schließlich war der Zeitpunkt gekommen, wo es mir bewusst wurde, dass ich mich dem Eingriff nicht entziehen konnte. Zu groß waren der Wunsch und der damit verbundene Druck, als Frau leben zu wollen, ohne das Glied, das mir fehl am Platz erschien, umso mehr, umso weiblicher ich wurde. Den Druck, den ich mir selbst auferlegte, war größer als die Angst vor den Risiken einer Geschlechtsangleichung. In meinem restlichen Leben, wollte ich nicht etwas Besonderes darstellen. Die jahrelange Hormontherapie hat zwar erheblich dazu beigetragen, dass ich meinen Mitmenschen als Frau erschien, doch ich fühlte mich ohne Operation nicht als Ganzes, obwohl schon seit längeren niemand meine Geschlechtsidentität angezweifelt hatte. Sogar Komplimente bekam ich, die mir schmeichelten. Dennoch war mein Körper nicht stimmig mit dem, was ich fühlte. Und dann existierte ständig die Angst entdeckt zu werden, dass jemand erkennen könnte, dass ich anders sei. Es gab Situationen, die ich gemieden habe. Wie gerne hätte ich in den Wintermonaten eine Sauna genossen. Sobald ich mich jedoch nackt zeigen musste, schämte ich mich. Ich hätte als Frau mit dem Anhängsel zu viele Blicke auf mich gezogen. Auch in Umkleidekabinen fürchtete ich, entdeckt zu werden. Selbst bei Ärzten fühlte ich mich unwohl. Und sexuell war ich unglücklich. Zwischen den Geschlechtern zu stehen, war für mich keine Erfüllung und bedurfte Kompromisse, begleitet von einer unerfüllten Sehnsucht. Schlussendlich habe ich mich dazu entschieden, diesen Schritt zu wagen. Durch den heutigen Eingriff habe ich es geschafft. Hoffentlich! Nun bin körperlich diejenige, die ich sein wollte. Aus meinem männlichen Glied wurde eine weibliche Vagina gebildet. Ein zurück gibt es nicht. Als ich in mein Zimmer geschoben werde, sehe ich Anna am Fenster stehen, mit der ich bereits einige Jahre befreundet bin. Es schneit weiter, jedoch hat die Intensität abgenommen. Sie beobachtet die leichten Schneeflocken, wie sie langsam zu Boden sinken. Als sie mich bemerkt, kommt sie zu mir ans Bett gelaufen. „Hallo Liebes, wie geht es dir?“ Ich versuche zu lächeln. „Danke, ich bin nur müde. Schmerzen habe ich nicht.“ „Jetzt bist du sozusagen ein ganzes Weib“, sagt Anna und grinst. Sie scheint sich sehr darüber zu freuen mich zu sehen. Vor Jahren, ließ sie mich bereits wissen, dass sie am Tag der Operation bei mir sein werde, obwohl ich ihr damals erzählt hatte, dass ich mich nicht operieren lassen möchte, weil ich zu viel Angst davor hätte. Nun macht es mich glücklich, dass sie hier ist. „Anna, könntest du Micha und meine Mama anrufen und den beiden mitteilen, dass es mir gutgeht?“, frage ich. Meine Stimmer klingt heiser. Vermutlich liegt es am Schlauch, der während der Narkose in meinem Hals steckte. Micha und ich, wir sind ein Paar. Seit gut acht Wochen sind wir zusammen. Amors Pfeil hatte mich gleich bei der ersten Begegnung mitten ins Herz getroffen. Ich wollte nicht, dass eine der beiden heute bei mir ist. Ich habe ihnen jedoch versprochen, dass Anna sie informiert, wie es mir geht. „Na klar mache ich das“, antwortet Anna und streichelt meine Wange. „Dir fallen die Augen zu. Ich werde deshalb zum telefonieren hinausgehen, damit du etwas schlafen kannst.“ Kurz darauf verlässt sie das Zimmer. Als ich sie erneut an meinem Bett bemerke, sind bereits weitere zwei Stunden verstrichen, die ich schlafend verbrachte. Jegliches Zeitgefühl ging verloren. „Hast du sie angerufen?“ Anna nickt. „Sie sind beide überglücklich, dass es dir gutgeht. Ich soll dich auch ganz lieb Grüßen. Dein Schatz war ganz aufgeregt und hat ganz wirres Zeug geredet.“ Anna sieht mich liebevoll an. „Es scheint, dass sie dich sehr liebt.“ Micha hat mir das Gefühl zurückgegeben, das ich lange Zeit vermisst habe. Nachdem sich meine Frau nach vierundzwanzig Jahren von mir getrennt hatte, fühlte ich mich sehr einsam. Ich vermisste sie sehr. Mein Versuch, wieder eine Partnerin zu finden, die mir eine ähnliche Liebe und Nähe schenkt, wie ich es von ihr gewohnt gewesen war, scheiterte kläglich. Erst Micha hat mir den Glauben an die Liebe zurückgegeben. Wenn ich an sie denke, bemerke ich Schmetterlinge im Bauch. Ein tolles Gefühl, das ich lange Zeit nicht empfunden hatte. Ich hatte schon beinahe vergessen, wie schön dieses Gefühl sein kann. Ich sehe Anna glücklich an. „Ich liebe sie auch.“ Mein Bärchen, wie ich sie liebevoll nenne, hat geplant, am Freitagmorgen anzureisen und bis Sonntagabend zu bleiben. Ich habe versucht, ihr das auszureden, weil ich Bedenken habe, dass ihr drei Tage Aufenthalt an meinem Krankenbett zu viel werden könnten. Sie ließ sich jedoch nicht davon abbringen. Die Pension, in der sie übernachten wird, hat sie bereits vor Wochen gebucht. „Anna, stell dir vor, ich musste heute Morgen aus Platzgründen zum OP-Saal laufen“, sage ich. „Na, da kannst du aber froh sein, dass du nun liegen bleiben darfst“, erwidert Anna trocken. Sie bringt mich zum Lachen und gleichzeitig zum Husten. Als mein Bauch vibriert, habe ich zum ersten Mal im Unterleib große Schmerzen. Ich verziehe das Gesicht. „Könntest du bitte aufhören, mich zum Lachen zu bringen“, jammere ich. Meine Freundin grinst über das ganze Gesicht. „Liebes, da musst du jetzt durch. Du kennst mich und du weißt, dass ich nicht stillhalten kann.“ Nur mit großer Anstrengung vermeide ich, erneut loszuprusten. Anna ist für mich etwas ganz Besonderes. Kein anderer Mensch versteht es besser, mich aufzuheitern. Wenn es mir schlecht geht, benötige ich keinen Psychologen. Es reicht, wenn ich mich mit Anna treffe. Sobald ich mit ihr zusammen bin fühle ich mich besser. Sie ist für mein Gemüt das Beste, das es gibt. Bislang hat sie es immer geschafft, dass es mir hinterher besser ging. Zumeist betrachtete ich das Problem aus einer anderen Sicht. Dafür liebe ich sie. „Ich werde jetzt gehen, denn ich muss morgen wieder arbeiten“, sagt Anna. „Danke, dass du für mich da bist“, sage ich dankbar. Sie drückt mir kurze Küsschen auf die Wangen. „Das ist doch klar. Du bist meine Freundin.“ Nachdem Anna gegangen ist, mein Unterleib nicht mehr von Vibrationen erschüttert wird und mein Magen etwas Nahrung bekommen hat, schlafe ich ein. Diesmal verliere ich nicht das Gedächtnis. In diesem Schlaf begleiten mich Träume von Ereignissen aus vergangenen Zeiten.
Würzburg im Frühling, ohne Vorankündigung stellt sich ein Gefühl ein, das Aufbruchstimmung und zugleich Freude bedeutet. Keine andere Jahreszeit versetzt mich derart in diese besondere Stimmung, die bei mir zu Aktionismus führt. Wenn die Tage länger werden und die ersten warmen Sonnenstrahlen meine Haut berühren, erwacht nicht nur die Natur. Auch ich werde aktiv und meine Hormone scheinen verrückt zu spielen, als befände ich mich noch in der Pubertät. Dabei bin ich bereit, meine Komfortzone zu verlassen, um mich auf neue Herausforderungen einzulassen. Als Doris, Lina und ich am Main spazieren gehen, duftet es nach Frühling und auf den saftig grünen Wiesen sprießen Gänseblumen und der Löwenzahn. Lina kann dem Wasser nicht widerstehen. Mit einem Satz springt sie heraus und schüttelt sich direkt vor unseren Füßen. „Lina, hörst du auf, dich zu schütteln“, schimpfe ich. „Ich trage eine weiße Sweatjacke.“ Ich liebe diesen Golden Retriever, aber ihre Vorliebe fürs Wasser kann ganz schön anstrengend sein. Doris grinst mal wieder provozierend. „Was gibt es da zu grinsen?“, entgegne ich. „Ich hatte den ganzen langen Winter dunkle Farben getragen. Jetzt möchte ich mich etwas freundlicher kleiden“, versuche ich mich zu rechtfertigen. „Wenn du mit Lina unterwegs bist, solltest du nicht unbedingt weiße Klamotten anziehen“, antwortet Doris. „Ihr ist es egal, was du trägst. Sie mag dich, ob mit heller oder dunkler Kleidung. Ob du sauber oder schmutzig bist. Selbst wenn du nackt herumlaufen würdest, hätte Lina dich gern.“ „Höre ich in deinem Unterton, dass Lina nicht die Einzige ist, die mich auch nackt mag?“, frage ich verschmitzt. „Das kannst du deuten, wie du willst.“ Wie schon des Öfteren hätte ich gerne von Doris etwas anderes gehört. Durch eine Kontaktanzeige haben wir uns vor einem halben Jahr kenngelernt. Zuerst glaubte ich, dass ich über die Trennung von meiner Frau hinweggekommen bin. Es stellte sich als Irrtum heraus. Fast ein Viertel Jahrhundert zu lieben und geliebt zu werden, hinterlässt eine jede Menge Erinnerungen, die nachhaltig wirken und weder vergessen noch verdrängt werden können. Als sich meine Frau von mir getrennt hat, weil sie erleben musste, wie ihr Mann immer mehr zur Frau wurde, entstand in mir diese tiefe Sehnsucht nach Nähe und Zuneigung. Ihre Liebe vermisse ich weiterhin. Als ich Doris kennenlernte, konnte ich mich anfangs nicht auf sie einlassen. Es dauerte eine Weile bis ich intime Gefühle für sie entwickelt habe, die anfänglich so zart waren, wie Schneeglöckchen, wenn sie aus dem Schnee hervorspitzen. Welche Gefühle Doris für mich empfindet, weiß ich nicht. Sie gibt mir zwar ihre Absicht zu einer gemeinsamen Beziehung zu verstehen, allerdings hinterlässt ihr Verhalten bei mir auch Zweifel. Nicht nur, dass sie kaum Zeit für mich hat. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mir etwas verschweigt. Wenn ich sie nach ihren Gefühlen frage, erhalte ich keine eindeutige Antwort. Meine Zweifel bedeuten für sie Schwäche. Doch auch wenn ich mich bei Doris unsicher fühle, bin ich dennoch froh, dass es sie gibt und dass sie mich spüren lässt, das ich ihr gefalle. Der heutige Frühlingstag mit seinem hellen Licht sorgt dafür, das ich mich gut fühle. Wie ein Morgennebel, der sich rasch in der Sonne auflöst, werden meine Zweifel vertrieben. Hand in Hand setzen wir unseren Spaziergang fort, begleitet vom fröhlichen Gesang der Vögel.
Es dämmert, als wir das italienische Restaurant betreten, dass Doris für uns ausgesucht hat. Wir finden einen Tisch im hinteren Teil, der für Lina genügend Platz bietet, damit sie sich hinlegen kann. Hungrig vom langen Spaziergang widme ich mich der Speisekarte. „Ich kann dir Lasagne empfehlen“, sagt Doris. „Sie schmeckt ausgesprochen lecker.“ Sie war bereits des Öfteren in diesem Lokal und findet die Küche gut. Da ich sowieso eine Vorliebe für Lasagne habe, entscheide ich mich dafür. Doris lebt in Würzburg und somit eine gute Autostunde von mir entfernt. Mit jedem Besuch lerne ich die Stadt am Main etwas näher kennen und mittlerweile könnte ich mir sogar vorstellen, hier zu leben. Besonders gefallen mir die zahlreichen Grünflächen, insbesondere entlang des Mains. Jedoch auch die historische Altstadt mit den einladenden Gasthäusern und den zahlreichen Sehenswürdigkeiten finde ich sehr schön. Die Stadt, die von Weinbergen umgeben ist, lässt mich kaum etwas vermissen. Während Doris auf die Speisekarte guckt, beobachte ich sie. Ihre Haut zeigt sich von der Sonne bereits gebräunt, obwohl der Frühling erst vor kurzem Einzug hielt. Ihren dunklen Teint verdankt sie ihrem Großvater, der Italiener war. Anfänglich fand ich sie nicht besonders anziehend. Sie war mir zu herb und es fehlten mir die zarten Gesichtszüge, der zierliche Körper und die weiche Art, die ich bei Frauen liebe. Mittlerweile stört mich ihr herber Typ nicht weiter. Im Gegenteil, umso länger ich sie kenne, umso ansprechender finde ich sie und ihre dominante Seite findet bei mir zunehmend Gefallen. „Wie gefällt dir Würzburg?“, fragt Doris, ohne von der Speisekarte aufzusehen. „Gut“, antworte ich. „Insbesondere den Main mit seinem Flussufer finde ich toll.“ Doris legt die Karte zur Seite und entscheidet sich für eine Pizza. „Für Lina ist es wichtig, dass genügend Wasser vorhanden ist. Sie braucht das, um sich wohlzufühlen.“ Meine Freundin bringt mich zum schmunzeln. Es rührt mich, wie sie sich um ihre Hündin kümmert. Ich habe Lina von Beginn an liebgewonnen. Mittlerweile vermisse ich Lina, wenn ich mich nicht in Würzburg befinde, was zu meinen Bedauern die meiste Zeit betrifft. „Erzähle mir von deinem früheren Leben. Es interessiert mich, wie du als Mann gelebt hast.“ Doris Interesse erzeugt in mir einen Gefühlswechsel. Ich denke zurück und ich benötige einige Zeit bis ich antworten kann. „Ich hatte alles, um glücklich zu sein. Und doch war ich unzufrieden.“ „Hast du dich schon immer fremd in deinem Körper gefühlt?“ Ich ziehe die Brauen nach oben. „Es ist nicht einfach das zu beantworten.“ Ich denke an meine Kindheit. „Ich glaube, ich war schon immer anders. Dies war mir jedoch lange Zeit nicht bewusst.“ Ich erinnere mich, wie lange ich dazu gebraucht hatte, bis ich dahinter kam. Wie bei einem Puzzle fügte ich die Erinnerungen an vergangenen Zeiten zusammen, Stück für Stück. Irgendwann erkannte ich Konturen und es wurde mir bewusst, was herauskommt. „Erst vor Jahren, als ich mich intensiv damit beschäftigte, wurde mir klar, dass ich im falschen Körper lebe“, sage ich. „Als ich es herausfand, glaubte ich durchzudrehen und fragte mich, ob ich den Verstand verliere.“ Ich lache etwas verbittert. „Ich schämte mich, weil ich mir wünschte, eine Frau zu sein. Deshalb habe ich mich auch lange Zeit nur heimlich in Frauenkleidung gezeigt.“ Ich presse die Lippen zusammen, halte jedoch den Augenkontakt aufrecht. „Weshalb?“, fragt Doris. „Na hör mal. Als Mann in Frauenklamotten herumzulaufen erzeugt etwas Aufsehen.“ „Wir sollten dazu stehen, wie wir sind“, sagt Doris. Ich nicke. „Ja, da hast du Recht. Jedoch ist es manchmal nicht so einfach.“ Ich denke daran, dass ich Angst hatte, alles zu verlieren. Meine Frau, meine Eltern, meine Freunde, Alle, die mir wichtig waren. Ich hatte Angst meinen Job zu verlieren, ja sogar regelrecht Angst sozial abzustürzen. Der innerliche Druck war jedoch enorm, sodass ich mit der Zeit meine Ängste verdrängte. Ich wollte mich nicht mehr verstellen und endlich so leben, wie ich wirklich bin. Dass ich nichts dafür kann und die Ursache vermutlich im Mutterleib zu finden sei, erfuhr ich erst vor wenigen Jahren. „Und wie hast du es geschafft, diesen Schritt zu wagen?“, möchte Doris wissen. Ich zucke mit den Schultern. „Ich konnte nicht mehr anders. Den Druck, den ich verspürte, war zu groß.“ Ich erinnere mich, dass ich mir eingeredet hatte, das alles gut werden würde, wenn ich mich moderat zeige und versuche natürlich zu wirken. Deshalb trug ich keine Kleider und Röcke und kaufte mir erst Mal Unisex-Kleidung. Wieder wird mir bewusst, wie wichtig es mir ist, das ich von meinen Mitmenschen akzeptiert werde. „Bist du mit deiner Frau glücklich gewesen und hast du sie geliebt?“, fragt Doris. Ihre Stimme erscheint mir tiefer als gewöhnlich. Meine Augen werden feucht. Ich denke daran, wie ich mich durch die Hormontherapie veränderte, die dazu beitrug, dass ich sie verloren habe. Aufgrund meiner Verweiblichung wurde ich mit meinem Aussehen zwar zufriedener, doch wegen den Verlust meiner Frau war ich dennoch unglücklich. „Ich liebte sie und sie hat mir alles bedeutet.“ „Ich habe das Gefühl, dass du noch immer an ihr hängst.“ Es hört sich für mich wie eine Feststellung an und weniger als eine Frage. „Ich kann dich beruhigen“, antworte ich. „Die Trennung habe ich schon vor längerer Zeit akzeptiert und losgelassen habe ich auch. In meinem Herzen hat sie jedoch einen Platz eingenommen, der für immer bestehen bleibt.“
Als wir das Lokal verlassen, ist schräg am Nachthimmel ein Vollmond zu sehen, der an diesem Abend besonders groß erscheint. Sein schattig-weißes Licht erhellt die Umgebung, als wolle er das Erwachen der Natur selbst nachts noch zeigen. Wir wollen den hellen Mondschein nutzen und entscheiden uns für einem Weg abseits der Straßen, der an einem Bach entlang in Richtung Doris Wohnung führt. Wir passieren Wiesen und Felder und ich kann noch immer den Duft des Frühlings wahrnehmen, als läge der letzte Nachtfrost schon lange zurück. Ich genieße die schöne Stimmung, die das helle Mondlicht begünstigt, während ich hinter Doris laufe. Der unbefestigte Weg ist an manchen Abschnitten ziemlich schmal, sodass zwei Personen kaum nebeneinander laufen können. „Bist du nervös?“ Doris Frage kommt ohne Vorankündigung und für mich überraschend. Als sie dabei stehen bleibt, reagiere ich zu spät und werfe sie beinahe um. Alles geschieht in einem Augenblick, als die Leichtigkeit verfliegt und bei mir Bedenken einkehren, weil ich abrupt aus meiner schönen Stimmung gerissen werde. Wir hatten uns zwar schon des Öfteren geküsst, aber nackt hat sie mich bislang noch nicht gesehen. Vom Teilen eines Bettes ganz zu schweigen. Dass ich nicht operiert bin, darüber haben wir schon mehrmals gesprochen und bei jedem Gespräch hat mir Doris versichert, mein Geschlecht sei für sie kein Hindernis. Aber kann sie tatsächlich mit meinem Anhängsel klarkommen, das mir selbst fremd erscheint und nicht zu mir gehören sollte? Diese Frage beschäftigt mich, seit dem Tag, als ich sie zum ersten Mal getroffen hatte. „Ich habe schon Bedenken“, antworte ich nur zögerlich, weil ich mir unsicher bin, ob ich dass nun zugeben sollte. „Das brauchst du nicht“, sagt Doris. „Darüber haben wir doch bereits gesprochen. Wie dir bekannt ist, war ich anfänglich mit Männern zusammen, bis mir klar geworden ist, dass ich auf Frauen stehe. Dich nehme ich als Frau wahr, auch wenn du nicht operiert bist.“ Doris Worte beruhigen mich etwas, vollständig beseitigen können sie meine Bedenken jedoch nicht. Als wir ihre Wohnung betreten, legt sich Lina auf ihre Schmusedecke. Der warme Tag und das stundenlange Herumtollen haben sie offensichtlich müde gemacht. Ich dagegen fühle mich hellwach. Es liegt wohl daran, dass ich angespannt bin. „Ich habe Eiswein im Kühlschrank. Möchtest du welchen?“, ruft Doris aus der Küche. „Ja, gerne.“Vielleicht hilft Alkohol, dass ich mich etwas entspanne.Nachdem jeder von uns ein Glas getrunken hat, kommt Doris mir näher und knabbert an meinem Ohr. Ich bekomme Gänsehaut. „Komm, legen wir uns ins Bett. Dort ist es bequemer“, flüstert Doris an meinem Ohr. Es liegt bereits Jahre zurück, dass ich sexuell berührt wurde. Damals, zeigte ich mich noch als Mann, obwohl ich nie einer sein wollte. Die heutige Nacht wird vermutlich anders werden, weil ich mich geben darf, wie ich bin. In dieser Nacht werde ich hoffentlich als Frau begehrt, wie ich es mir schon lange wünsche. Auch, wenn ich weiter angespannt bin, sehne ich mich danach von Doris berührt zu werden.
Das Sonnenlicht, das durch die schmalen Schlitze der Jalousien in das Schlafzimmer gelangt, reicht aus, damit ich aufwache, obwohl ich nur wenige Stunden geschlafen habe. Auch wenn Doris Schlafzimmer im halbdunkeln liegt, sehe ich ihren nackten Körper, der nur halb bedeckt neben mir liegt. Sie scheint noch zu schlafen. Ich denke an die vergangenen Stunden, die für mich sehr aufregend waren. Ihre Berührungen waren für mich neu und erregend zugleich, als hätte ich in der vergangenen Nacht meine Unschuld verloren. Lange hatte ich davon geträumt, als Frau begehrt zu werden. Nun ist dieser Wunsch wahr geworden. Doris hatte mit meinem Anhängsel kein Problem, als hätte es überhaupt nicht existiert. Die Anspannung, die ich am Vorabend noch hatte, ist verflogen und ich fühle mich erleichtert. Es ist, als hätte ich eine Prüfung bestanden und als lieferte ich mir zum ersten Mal den Beweis, dass ich als Frau begehrenswert sein kann. Dennoch, das Gefühl des Glücks, will sich nicht so recht einstellen. Vermutlich liegt es daran, wie sie mich berührt hat, ohne Feingefühl und ohne das sie zärtlich war. Sie berührte mich zwar, jedoch nur an der Oberfläche, ohne tiefer zu gelangen. Als Doris aufwacht und ich ihre gute Laune bemerke, verdränge ich den Gedanken daran, das mir etwas Wesentliches gefehlt hat. Sie scheint allerdings durchaus zufrieden zu sein und das ist für mich ausreichend, um mich ebenfalls zufrieden zu stimmen. Die Sonne lacht erneut von einem tiefblauen Himmel, ohne dass eine einzige Wolke zu sehen ist. Wie es scheint, steht uns erneut ein warmer und sonniger Frühlingstag bevor. Nachdem Doris mit Lina kurz vor dem Haus war, frühstücken wir auf dem Balkon. Das helle Sonnenlicht berührt mich angenehm und ich bin in Frühlingslaune. Dabei frage ich mich, was wohl noch alles auf mich zukommt?
Die Strecke nach Würzburg ist mir mittlerweile so gut bekannt, dass ich schon beinahe die Ortsnamen an den Autobahnausfahrten auswendig kenne, obwohl ich nach meinem Empfinden viel zu selten zu Doris fahre. Es sind bereits sechs Wochen vergangen, seit wir uns zum ersten Mal geliebt haben. Dass mich diesmal der Weg nach Würzburg führt, liegt jedoch nicht an ihr, sondern an der Einladung, die ich von einer Selbsthilfegruppe für transidente Menschen erhalten habe. Es handelt sich um Menschen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Die Gruppenleitung fragte mich, ob ich zu ihnen kommen wolle, um aus dem Buch zu lesen, das ich geschrieben habe. Es geht um Gefühle, die offenbaren, wie ich denke und wie ich bin, seit ich mich erinnern kann. Das Buch schrieb ich, um unserer Gesellschaft zu zeigen: Schaut her, das bin ich. Ich bin eine von Euch, nur ein wenig anders. Ich möchte den Lesern zeigen, dass Menschen, die in einem falschen Körper geboren wurden, nicht abnormal sind, dass sie jedoch einen schweren Leidensweg haben können. Außerdem möchte ich mit dem Buch Betroffenen helfen. Ich möchte ihnen Mut bereiten, dass der Weg, den ich gehe, zwar beschwerlich ist, doch dass es möglich sei, diesen Berg zu besteigen. Dass ich mit dem Schreiben eine Selbsttherapie betrieb, wurde mir erst später bewusst. Durch die Niederschrift meiner Gedanken, hielt ich auch den Schmerz fest, den ich durch den Verlust meiner Frau empfunden habe. Auf den heutigen Tag freue ich mich. Ich darf eine Lesung vor Menschen halten, die ähnlich fühlen wie ich. Ich werde sie wissen lassen, dass sie sich wegen ihrem Empfinden nicht zu schämen brauchen und dass es möglich sei, diesen nicht einfachen Schritt zu gehen.
Vor Jahren hatte Doris den Gedanken, sich mit dem Thema Coachen zu beschäftigen. Sie hat an einem Informationsabend teilgenommen und meldete sich anschließend zu einem Kurs an, um selbst ein Coach zu werden. Im vergangenen Jahr legte sie eine Prüfung ab und nun ist sie auf der Suche nach Kunden. Wie ich erfahren darf, scheint dies jedoch nicht so einfach zu sein. Obwohl sie sehr bemüht ist, erhält sie kaum Aufträge und ist gezwungen, ihre Tätigkeit als Angestellte im Versicherungswesen weiter auszuüben. Als ich zur Lesung eingeladen werde, habe ich den Gedanken, Doris mit einzubeziehen, vorausgesetzt, dass die Leiterin der Selbsthilfegruppe damit einverstanden ist. Im Anschluss der Lesung kann sie einen Vortrag über ihre Tätigkeit als Coach halten und mit ihrem Wissen für die Gruppe eine Hilfe sein. Sie könnte zu mehr Selbstsicherheit verhelfen, die benötigt wird, um den Weg einer Geschlechtsangleichung zu gehen. Ich würde mich freuen, wenn die Gruppe von ihrer Tätigkeit profitieren könnte und dass sie im Gegenzug zu Aufträgen kommt. Doris findet meine Idee gut und auch die Gruppenleiterin hat nichts dagegen einzuwenden. Schade finde ich allerdings, dass ich sie nur während der Veranstaltung sehen werde. Sie hat einer Freundin ihre Hilfe zugesagt und möchte sie an diesem Wochenende coachen. Sie hätte ihre Balance verloren, lässt Doris mich wissen. Nun will sie dazu beitragen, dass sie sich wieder fangen kann und da dies das ganze Wochenende in Anspruch nimmt, bleibt für mich leider keine Zeit. Nach ihrem Vortrag wird sie die Gruppe verlassen. Ich finde es sehr schade, dass es wieder ein Wochenende ist, das wir nicht zusammen verbringen werden, obwohl mich der Weg nach Würzburg führt. Zu meinen Bedauern, möchte Doris mich nicht mal vor der Lesung sehen. Sie müsse sich vorbereiten und ich würde nur stören. Ich fahre somit direkt zur Lesung. Außer, dass ich etwas darüber traurig bin, bereite ich mir keine Gedanken.
Als ich die Selbsthilfegruppe erreiche sind bereits beinahe alle Stühle belegt. Es ist ein relativ kleiner Raum, der jedoch für eine Lesung im kleinen Kreis gut geeignet ist. Ich fühle mich ziemlich verschwitzt, das ich dem warmen Wetter und der defekten Klimaanlage meines Wagens zu verdanken habe. Weil der Verkehr zudem zähflüssig bis stockend war, treffe ich gerade noch rechtzeitig ein. Doris sehe ich neben einem Fenster stehen. Sie lehnt lässig an der Wand und grinst, als sie mich sieht. „Hi, ich hatte schon die Befürchtung, dass du die Lesung vergessen hast“, sagt Doris. Die Gruppenleiterin der Selbsthilfegruppe begrüßt mich und ich werde den Anwesenden vorgestellt. Bereits vor einem Jahr befand ich mich am gleichen Ort. Damals hatte ein Transmann eine Lesung gehalten, aus einer Autobiografie, die er selbst geschrieben hatte. Es interessierte mich zu erfahren, wie es Betroffenen ergeht, die als Mädchen geboren wurden und sich als Männer fühlen. Ich wollte wissen, ob diese Richtung ähnliche Probleme aufwirft wie die von Frauen, die im Körper eines Jungen geboren wurden. Unter den Besuchern kann ich jedoch niemanden entdecken, an den ich mich erinnern kann. Bevor ich mit der Lesung beginne, berichte ich aus meiner Kindheit und wie ich die Pubertät erlebt hatte. Außerdem lasse ich die Anwesenden wissen, wie ich mich später als Mann fühlte. Ich erzähle von meinem Neid Mädchen und später Frauen gegenüber. Ich erwähne die Sehnsucht, die mich stets begleitete, und von meiner Entscheidung, endlich so zu leben, wie ich mich fühle. Ich erzähle von den Gründen, weshalb ich dieses Buch geschrieben habe und wie ich mich heute fühle. Im Anschluss meiner Rede halte ich die Lesung aus dem Buch, das ich in zahlreichen Stunden geschrieben habe, während ich emotional litt, weil ich aufgrund meiner Geschlechtsangleichung meine Frau verlieren musste. Nach der Lesung werden zahlreiche Fragen gestellt, wie es bei meinen anderen Lesungen auch der Fall war. Nachdem ich sämtliche Fragen beantwortet habe, hält Doris ihren Vortrag und erklärt ihre Tätigkeit als Coach und zu was sie im Stande sei zu Leisten. Sie liest ihren Vortrag von Blättern ab, den sie im Anschluss verteilt. Dabei erwähnt sie mehrmals die Worte Selbstvertrauen, Ziele und Selbstfindung. Nachdem sie ihre Rede beendet hat und keine weiteren Fragen gestellt werden, verlassen Doris und ich den Raum, um uns zu verabschieden. „Es tut mir leid, dass ich mich um meine Bekannte kümmern muss“, sagt Doris. „Hätte ich es ihr nicht versprochen, würde ich das Wochenende selbstverständlich mit dir verbringen.“ „Ich habe dafür Verständnis“, antworte ich. „Ich finde es toll, dass du ihr hilfst.“ „Das nächste Mal habe ich mehr Zeit für dich“, sagt Doris und küsst mich. Kurz nachdem sie gegangen ist, begleite ich die Gruppe zu einem nahegelegenen Biergarten. Das Wetter ist freundlich und die Luft bereits frühsommerlich warm. Ich genieße den Abend mit der Gruppe und erhalte Lob für meine Lesung. Das Schönste ist allerdings, dass ich wegen meiner Ausstrahlung bewundert werde, weil ich sehr authentisch sei. Als ich den Rückweg antrete, fühle ich mich des Lobes wegen beschwingt, obwohl ich wieder ein Wochenende ohne meine Freundin verbringen werde. Es freut mich, dass meine Lesung gut angekommen ist. Es würde mich noch mehr freuen, wenn ich aufgrund meiner Erfahrung so manchen Betroffenen helfen konnte. Über Doris Vortrag wurde am Abend nicht geredet.
Doris hat keine Zeit für mich. Die wenigen Stunden an denen wir uns sehen, sind mir eindeutig zu wenig. Das Gefühl geliebt zu werden, will sich nicht einstellen. Sie sei zu beschäftigt, lässt sie mich wissen, zum einem wegen ihrem Coaching und zum anderen hätte sie zahlreiche Freunde und Bekannte, die sie sehen wollen, obwohl ich noch keinem Einzigen begegnet bin. Außerdem wird sie von ihrer Mutter zu sehr in Anspruch genommen, beklagt sie sich. Obwohl ich bereits erwähnt habe, dass ich mich freuen würde ihre Mutter kennenzulernen, wurde ich noch nicht vorgestellt. Die Zeit, die ich gerne mit meiner Freundin verbringen würde, in den zahlreichen Stunden und Tagen, an denen meine Sehnsucht nach Nähe schreit, verbringe ich ohne sie. In den neun Monaten, seit wir uns kennen, haben wir uns gerade an zehn Wochenenden gesehen und an manchen davon nur an einzelnen Tagen. In den Tagen ohne sie, fühle ich mich einsam. Das Gefühl von Einsamkeit hält mich umklammert, fest und unbarmherzig und erstickt meine Lebensfreude. Je länger ich die Einsamkeit spüre, umso bedrückender empfinde ich die Klammer. Auch meine Freunde, die mich auf meinem Weg begleiten und für mich da sind, sobald ich sie brauche, können meine Sehnsucht nach Nähe nicht stillen. Wenn der Schmerz mich quält, bekomme ich manchmal Zweifel, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe und frage mich, ob der Weg, den ich gewählt habe, der Richtige sei? Ein Weg, dessen Ausgang noch nicht absehbar ist. Habe ich das Glück der Liebe leichtfertig verspielt? Fragen, die ich mir stelle, auf die ich jedoch keine Antwort habe. Vielleicht verdiene ich es nicht, noch einmal so geliebt zu werden, wie von meiner Frau. Und alles nur, um weiblich zu sein? Die Zweifel sind da und sie lassen sich nicht verwerfen. Mit Ausnahme des richtigen Körpers hatte ich alles, um glücklich zu sein. Bei meiner Frau fühlte ich mich stets geborgen und ich durfte all ihre Liebe erfahren, die ich seit unserer Trennung schmerzlichst vermisse. Sie schenkte mir die Nähe und Zuneigung, die ich brauche und die ich von Doris nicht bekomme. Wenn die Einsamkeit mich zu ersticken droht, sind meine Zweifel groß und es gibt Momente, in denen ich mir wünsche, es möge so sein wie früher.
Seit meine Autobiografie erschienen ist, erhalte ich Zuschriften von Menschen, die ähnlich fühlen. Sie lassen mich wissen, dass sie sich ebenfalls im falschen Körper befinden und dass sie sich in so manchen Passagen meines Buches wiederfinden. Zumeist kann der Ehepartner sie nicht akzeptieren, sobald sie sich entschieden haben, ihr gefühltes Geschlecht zu leben. Die Zuschriften, die ich per E-Mail erhalte, beinhalten Sätze, die lauten: „Ich danke dir, dass du dieses Buch geschrieben hast, denn ich fühle ähnlich.“ Außerdem: „Meine Frau kann mich ebenfalls nicht lieben, sobald ich der Mensch bin, der ich bin.“ Eine Zuschrift erhalte ich von Nina, die in der Schweiz lebt. Wir schreiben uns mehrmals und telefonieren sogar. Als ich von ihr gefragt werde, ob ich mit Doris über Pfingsten zu ihr kommen wolle, denn sie habe ein Ferienhaus, sage ich zu, nachdem ich mit Doris darüber geredet habe und sie sich einverstanden zeigte. Das Haus von Nina liegt in Kanton St. Gallen etwas erhöht in den Bergen und es ermöglicht eine weite Fernsicht, lässt mich Nina wissen. Als ich Nina's Freude bei unserer Zusage bemerke, freue ich mich auf unseren Besuch, denn es ermöglicht mir einige Tage mit Doris zusammen zu sein. Drei Wochen sind vergangen, seit ich sie zum letzten Mal gesehen habe, für mich eine sehr lange Zeit, in denen wir kaum telefoniert haben, denn selbst dazu fehle ihr die Zeit. Obwohl ich eine Freundin habe, fühlte ich mich einsam. Umso mehr freue ich mich auf die Tage in der Schweiz. Außerdem bin ich gespannt auf Ninas Ferienhaus, das in einer schönen Gegend zu liegen scheint.
Als das Navigationssystem nur noch wenige Kilometer anzeigt, führt die Straße relativ steil bergauf und schon bald können wir erkennen, dass Ninas Ferienhaus in einer wunderschönen Gegend liegt. Je höher wir gelangen, umso weitläufiger ist der Blick über das Rheintal hinweg, bis zu den hohen Gipfeln der Alpen. Als wir Ninas Grundstück erreichen, sehen wir eine Frau auf einer Bank sitzen. Es handelt sich um ein Holzhaus, dass nicht einmal klein erscheint und sich mit einigen anderen Häusern auf einer kleinen Ebene befindet. Als ich das Auto zum Stehen bringe, erhebt sich diese Frau, die mit ihrer Größe imposant erscheint, und kommt uns entgegengelaufen. Wie immer kann es Lina nicht erwarten aus dem Auto zu springen. „Das ist schön, dass ihr gekommen seid“, begrüßt uns Nina mit einem sympathischen Lächeln. Sie ist um einiges größer als ich und ich muss mich strecken, um sie umarmen zu können. In diesem Moment springt Lina an Nina hoch. „Lina, möchte immer als Erste begrüßt werden“, sagt Doris. Ich schmunzle, als Nina sich herunterbeugt, um Lina ihre Aufmerksamkeit zu erteilen. „Bitte entschuldige, Lady, dass ich dich nicht als Erstes begrüßt habe“, sagt Nina mit ihrer tiefen Stimme und krault Lina hinterm Ohr. Nachdem Lina sichtlich zufrieden ist, läuft sie zu der Wiese, die auf der Vorderseite vom Haus liegt und zum Grundstück von Nina gehört. Während Nina und Doris miteinander reden, blicke ich fasziniert in die Ferne. Der Ausblick ist atemberaubend schön, denn mein Blick reicht über das Rheintal bis nach Liechtenstein und endet erst auf den schneeweißen Gipfeln der hohen Berge, die im Sonnenlicht hell leuchten. „Wow, hast du es schön hier“, sage ich. „Ja, schon“, antwortet Nina hinter mir. „Aber es ist auch sehr einsam hier oben.“ Ich meine wahrzunehmen, dass sie darüber traurig ist. Sie hatte mir bereits aus ihrem Leben erzählt und ließ nicht unerwähnt, dass sich ihre Frau von ihr getrennt habe, nachdem sie sich entschieden hat, selbst als Frau zu leben. Als sie mir davon erzählte, ist mir einiges bekannt vorgekommen. Die meisten Ehen zerbrechen, wenn ein Partner transsexuell ist und sich entscheidet, so zu leben, wie er oder sie sich fühlt. Das Versprechen, dass sich Paare bei der Trauung geben, wird nicht eingehalten. „Kommt rein, ich habe Kaffee aufgesetzt“, sagt Nina. Als sie das Haus betritt folgen wir ihr. Die Zimmer sind relativ klein und wirken wie aus einer anderen Zeit. Dennoch bieten sie alles, um sich wohlfühlen zu können. Die Küche und das Bad sind modern ausgestattet. Das größte Zimmer ist das Wohnzimmer und besitzt einen offenen Kaminofen. Wir trinken Kaffee und essen leckeren Kuchen, den Nina extra für uns besorgt hat, wie sie uns erzählt. Im Anschluss beschließen wir, eine kleine Wanderung zu unternehmen. Als wir auf einem Weg laufen, der steil nach oben führt, muss ich heftig atmen, als würde ich einen Marathonlauf unternehmen. Doris bereitet der Aufstieg noch mehr Schwierigkeiten. Vermutlich liegt es daran, dass sie raucht. Nur Nina scheint es leichtzufallen, als würden wir auf einer Ebene spazieren gehen. Uns begegnen keine Menschen, nur auf Vierbeiner mit dicken Eutern und auf einige Ziegen treffen wir. Obwohl es mir Mühe bereitet, dem zügigen Schritt von Nina zu folgen, genieße ich die Landschaft und die Stille, die uns die Natur bietet. Nach zwei Stunden kehren wir zum Ferienhaus zurück. Ich fühle mich müde, jedoch ausgeglichen, als habe die Anstrengung mir gutgetan und als hätte ich etwas geschafft, das mich zufrieden stimmt. Am Abend zündet Nina den Kaminoffen an, obwohl es nicht kalt erscheint. Sie ist der Meinung, so sei es gemütlicher. Wir essen Raclette mit leckerem Schweizer Käse und Gemüse, das Nina liebevoll für uns vorbereitet hat. Während des Essens und auch später, als wir vor dem Kamin sitzen und die lodernden Flammen beobachten, erzählen wir aus unserem Leben. Ich genieße die Unterhaltung und die gemütliche Atmosphäre. Erst, als es weit nach Mitternacht ist, verabschieden wir uns zum Schlafen. Ich fühle mich müde, jedoch glücklich und zufrieden. Ein Gefühl, das ich lange Zeit nicht hatte.
Die Tage, die wir in der Schweiz verbringen, könnten kaum schöner sein. Nina ist sehr bemüht, dass wir uns wohl fühlen. Das Wetter zeigt sich überwiegend heiter, die Temperaturen sind angenehm warm und nicht zu heiß, und das Licht der Sonne strahlt zumeist von einem weiß-blauen Himmel, ohne das wir uns geblendet fühlen. Nur einmal schickt der Himmel Regen, jedoch nicht mal eine Stunde, die kaum der Rede wert ist. Wir besuchen Orte wie Appenzell und das kleine Land Liechtenstein und spazieren am jungen Rhein entlang. Die Tage, die wir bei Nina verbringen sind Balsam für meine Seele und ich fühle mich wohl, wie lange nicht. Innerlich komme ich zur Ruhe und fühle mich glücklich und zufrieden, ohne auf etwas warten zu müssen. Vor allem bekomme ich die Aufmerksamkeit, die ich zu Hause vergeblich gesucht habe. Die Tage bei Nina lassen nichts vermissen und ich wünschte mir, wir würden länger bleiben.
Am letzten Abend, nachdem wir uns von Nina zum Schlafen verabschiedet haben, zieht es mich und Doris noch einmal ins Freie, zur weitläufigen Wiese vor dem Haus, die während des Tages saftig grün erscheint und von wo aus wir nun in der Ferne das beleuchtete Liechtenstein sehen können. Wir setzen uns auf die Holzbank, die geschliffen und bemalt wurde von Ninas Händen und sich direkt an der Hauswand befindet, um vom Wind und Regen geschützt zu stehen. In dieser klaren Frühsommernacht ist kein Windhauch zu bemerken und keine Wolke verdeckt die Sterne, die klar am Himmel zu erkennen sind. In dieser Nacht ist der Mond von der Erde aus nur halb zu sehen, doch er zeigt Konturen, die in Städten kaum zu sehen sind. „Schau dir den tollen Sternenhimmel an“, sage ich. „So ein Funkeln bekommen wir bei uns zu Hause nicht geboten.“ Vom Anblick des Nachthimmels kann ich nicht genug bekommen. „Ich habe noch keinen Menschen erlebt, der so romantisch ist wie du“, sagt Doris. Ich schmunzle. „Das habe ich bereits des Öfteren gehört.“ Ich denke zwangsläufig an die Zeit, als ich mich noch als Mann gezeigt habe. Ich hatte schon immer eine romantische Ader. Zumeist, bin ich damit bei Frauen gut angekommen. „Ich war schon immer so“, antworte ich. „Früher wurde zu mir des Öfteren gesagt, dass ich ein außergewöhnlicher Mann sei.“ Mir entweicht ein lachendes Geräusch. „Das war ich ja. Keiner hatte geahnt, dass sich hinter meinem Äußerem eine Frau verbirgt.“ Ich blicke Doris wieder an. „Ich bin traurig, weil wir morgen abreisen. Die Tage hier sind so schön. Weshalb kann es nicht immer so sein?“ „Weil es einen Alltag gibt und wir Geld verdienen müssen“, erwidert Doris trocken. Ich schüttle den Kopf. „Das meine ich nicht. Ich bin nur der Meinung, dass wir uns zu wenig sehen. Ich erwarte ja nicht, dass wir jedes Wochenende zusammensein müssen. Aber nur einmal im Monat für ein oder zwei Tage sind mir einfach zu wenig.“ An Doris Blick bemerke ich, dass ihr das missfällt. „Du weißt doch, das ich viel um die Ohren habe“, antwortet sie ziemlich barsch. „Ich habe zwei Jobs, noch dazu kommt gerade die Gestaltung meiner Homepage. Was erwartest du von mir?“ „Dass du mit deinen Jobs sehr beschäftigt bist, das höre ich nicht zum ersten Mal“, sage ich enttäuscht. „Unabhängig davon, dass du wenig Zeit für mich hast, gibst du mir auch noch das Gefühl, dass du mir etwas verschweigst. Ich bin nicht glücklich.“ Erneut bin ich traurig. „Selbst an Weihnachten und Silvester hattest du keine Zeit für mich“, füge ich hinzu und starre in die Ferne auf die Lichter von Lichtenstein. Den Vorwurf in meiner Stimme kann und will ich nicht unterdrücken. „Letztes Weihnachten war mein Bruder bei mir“, erwidert Doris gereizt. „Aufgrund der Entfernung sehen wir uns nur selten. Und Silvester feierte ich mit einigen Leuten vom Coaching-Kurs.“ Doris ist mittlerweile ziemlich genervt. „Du hast ein echtes Problem und du brauchst Hilfe. Ich kann dich coachen.“ Doris Worte zerschneiden die Stille der Nacht. „Wie meinst du das, ich habe ein Problem?“ Ich starre sie an, weil ich nicht glauben kann, was sie soeben erwähnt hat. Ich bin nicht nur enttäuscht, ich fühle mich auch verletzt. Wie kann sie mich nur coachen wollen? Sie ist tatsächlich überzeugt, das Problem liege bei mir. „Du vertraust mir nicht!“, sagt Doris. „Ich brauche deine Nähe und nicht dein Coachen“, entgegne ich ziemlich angesäuert. „Ich brauche eine Freundin, die mir das Gefühl gibt, dass sie mich liebt. Du zeigst es mir nicht. Ich weiß nicht einmal, was du für mich empfindest.“ „Du weißt es ganz genau. Es muss nicht immer ausgesprochen werden.“ Doris ist lauter geworden. Außerdem klingt ihre Stimme kalt, als würde ich ihr nicht allzu viel bedeuten. Mich beschleicht ein bedrückendes Gefühl. Die hellen Tage bei Nina sind mit einemmal vergessen und ein Nebel betrübt meine Sinne, der so dicht ist, als könne er sich nicht mehr auflösen. Im Bett liege ich noch lange wach, als Doris längst schläft. Erst gegen Morgen falle ich in einen unruhigen Schlaf mit seltsamen Bildern, mitten hinein in diesem Nebel, der mich auch noch im Traum begleitet. Als wir am Morgen mit Nina ein letztes Mal frühstücken, fühle ich mich erschöpft und niedergeschlagen. Beim Verabschieden bin ich traurig, nicht nur wegen Nina, sondern vor allem, weil ich nur kurzzeitig glücklich sein durfte. Die hellen Tage liegen hinter mir und das bedrückende Gefühl, das ich bereits kenne, ist zurückgekehrt, jedoch erscheint es stärker als je zuvor.
Zu Beginn meiner Geschlechtsangleichung, als ich mit der Hormontherapie begann, glaubte ich fest daran, dass ich als Frau leben kann, ohne mich operieren zu lassen. Ich war davon überzeugt, dass ich mein Anhängsel behalten könne, auch wenn alles andere weiblich sei. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass Hormone weitaus mehr verändern können als das Aussehen. Sie bewirken auch eine weitreichende Veränderung meiner Gefühle und ebenfalls haben sie Auswirkung auf meine Gedanken, meine Wahrnehmung und meine Ängste. Nicht sofort habe ich eine Veränderung bemerkt. Selbst nach Monaten hatte ich noch keine Ahnung, was auf mich zukommt. Die psychische Veränderung schlich sich ein, gemächlich und auf leisen Sohlen. Ich kann den Tag nicht bestimmen, doch irgendwann habe ich mich über mein Empfinden gewundert. Je länger ich Hormone zu mir nehme, umso stärker bemerke ich eine Veränderung meiner Denkweise und auch bei meinem Verhalten. Das Bedürfnis, körperlich ganz eine Frau zu sein, wird zunehmend stärker. Nun reicht es mir nicht mehr aus, auf den ersten Blick weiblich zu erscheinen. Ich möchte so sein wie Frauen eben sind, mit einem Körper, der von unserer Gesellschaft als normal betrachtet wird. Wenn ich mich nackt vor den Spiegel stelle und meinen Blick zur Körpermitte richte, möchte ich nicht das Geschlecht sehen müssen, das zwischen meinen Beinen wackelt, als hätte es sich verirrt und als wäre es nur versehentlich dort angewachsen. Umso weiblicher ich werde, umso mehr stört mich dieses Anhängsel, das hin und her pendelt, als wüsste es nicht, wohin es gehört. Ich stelle mir die Frage, was will ich eigentlich? Bin ich bereit, den Rest meines Lebens etwas Besonderes darzustellen? Je weiter ich mich verändere, umso größer werden meine Zweifel. Wären nicht meine Bedenken und die damit verbundene Angst, die mich von einem Eingriff zurückschrecken lassen, hätte ich mich längst einer Operation unterzogen. Manchmal denke ich, dass meine Bedenken auch etwas Gutes an sich haben müssen. Sind es nicht die Ängste und Zweifel, die uns von etwas zurückhalten und uns daran hindern, einen Schritt zu leichtfertig zu wagen? Meine Bedenken verstärken sich, wenn ich daran denke, dass es Menschen gibt, die operiert sind und ständig an Schmerzen leiden. Es gibt sogar Fälle, bei denen die geschaffene Vagina aussieht wie eine Vagina und doch keinen Zweck erfüllt. Selbst das Risiko, für den Rest meines Lebens an Inkontinenz zu leiden, ist bei diesem Eingriff nicht ausgeschlossen. Meine Bedenken sind somit begründet und mein Bedürfnis kann mir diese Angst nicht nehmen. Dass ich nun in Erwägung ziehe, mich operieren zu lassen, wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen. Die beiden Ärzte, die ich für eine Beratung in Erwägung ziehe, können langjährige Erfahrungen aufweisen und sind bekannt für ihre guten Ergebnisse. Beide haben fortgeschrittene Operationsmethoden, die nur wenige Stunden benötigen, und die Ergebnisse sollen sich kaum vom Geschlecht von biologischen Frauen unterscheiden. Es gibt Betroffene, die bereits operiert sind und mir ihr Ergebnis zeigen. Als ich es mit eigenen Augen sehen kann, bin ich ziemlich überrascht. Ich hätte nicht erwartet, dass es so gut ausfallen kann. Dies ermutigt mich, den nächsten Schritt zu wagen. Ich vereinbare mit beiden Ärzten einen Termin, um mich weiter über den Eingriff zu informieren. Als ich mit Doris darüber rede, zeigt sie allerdings kein Verständnis. Ich solle zu mir stehen, sagt sie und so bleiben, wie ich bin und mich nicht durch unsere Gesellschaft zu etwas zwingen lassen, um so zu werden, wie andere glauben sein zu müssen. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich alles nur für mich mache und nicht für andere, doch ich ändere nicht ihre Meinung. Es verletzt mich, dass sie mich nicht verstehen will, weshalb ich diese Veränderung brauche.
Als ich bei der ersten Beratung dem Arzt in München gegenübersitze, erläutert er mir seine Operationsmethode und verweist auf seine langjährige Erfahrung. Er redet über den Verlauf, der zumeist üblich ist, weist jedoch auch darauf hin, dass Risiken bei einem Eingriff immer bestehen. Ich erfahre, mit welcher Krankenhausaufenthaltsdauer ich mindestens zu rechnen hätte und wie lange ich vermutlich arbeitsunfähig sein werde. Er lässt mich wissen, dass er seine Methode im lauf der Zeit weiter verbessert habe und das große Komplikationen schon lange nicht mehr aufgetreten sind. Er wirbt für seine guten Ergebnisse, doch er gibt mir auch zu verstehen, dass kleinere Probleme nichts außergewöhnliches seien. Probleme bei der Wundheilung treten nicht selten auf, und auch wenn das Risiko für größere Komplikationen gering ist, ganz auszuschließen sind diese nicht. Als ich die Arztpraxis verlasse, begleiten mich die unterschiedlichsten Gefühle. Zum einen fand ich das Vertrauen zu diesem Arzt, doch meine Angst vor der Operation konnte er mir nicht nehmen. Als ich mein Mobiltelefon aktiviere, erhalte ich Meldungen von mehreren Eingängen. Freunde und Bekannte erkundigen sich, wie das Gespräch verlaufen sei. Auf eine Nachricht von Doris warte ich vergeblich.
Die weiteren Tage kommen und gehen, ohne das ich Doris sehe. Die wenigen Telefonate, die wir führen, sind ohne Inhalt. Weiterhin habe ich das Gefühl, dass sie mich nicht vermisst. Außerdem fragt sie nicht einmal nach, wie das Gespräch in München verlaufen ist. Sie möchte nicht einmal wissen, ob ich bereits eine Entscheidung getroffen habe, ob ich so bleiben werde wie ich bin oder ob ich meinem eigenen Druck nachgebe und mich dem Eingriff unterziehe. Meine Gedanken, die ich so liebend gerne mit ihr teilen würde, bleiben ohne Worte. Es macht mich nicht nur traurig, ich leide auch und fühle mich unglücklich. Ich habe eine Liebe gesucht und fand einen Menschen der mir keine Nähe gibt, und der nicht einmal Verständnis für meine Probleme hat.
An einem Samstagabend, als Doris den Weg zu mir findet, um mit mir und Anna tanzen zu gehen, bewege ich mich ohne Freude. Es ist ungewöhnlich, denn ich tanze leidenschaftlich gerne. Nur meine Freundin Anna verhindert, dass ich den Kopf hängen lasse und frühzeitig nach Hause gehe. Am nächsten Morgen spreche ich das an, dass ich nicht weiter zurückhalten kann. Meine Stimme erreicht zwar ihre Ohren, doch sie scheint wie an einer Mauer abzuprallen. Doris gibt mir zu verstehen, ich müsse es akzeptieren, wie es ist und wie es auch zukünftig sein werde. Sie lässt mich außerdem wissen, dass es für sie unmöglich sei, daran etwas ändern zu können. Dabei wirft sie mir vor, dass ich sie ändern wolle, wo es nichts zu ändern gäbe. Ihre Stimme lässt weder Mittgefühl noch Verständnis erkennen. Sie zeigt nicht einmal Interesse für meine Bedürfnisse. An diesem Sonntag reist Doris früher ab, als dass die Zeit uns drängt. Wo sonst Traurigkeit herrschte, sobald ich mich von ihr verabschieden musste, empfinde ich nun Erleichterung. Dabei stelle ich mir die Frage, weshalb Doris so ist, wie sie ist. Hat sie Bindungsängste oder ist sie gar ein Mensch ohne Gefühle? Vielleicht gehört sie zu den Menschen die keine Nähe ertragen? Wie es auch sei, ich finde weder eine Antwort noch die Möglichkeit, etwas ändern zu können. So vergehen Tage, ohne dass wir uns sehen oder miteinander reden. Während ich tiefer falle, fasse ich den Entschluss, das zu beenden, das niemals begonnen hat.
Es sind heiße Tage in diesem Hochsommers und die Hitze ist kaum zu ertragen, als ich vor meinem Schreibtisch sitze, mit einem Stift in der Hand und einen Blatt Papier vor mir liegend. Meine Handschrift soll verdeutlichen, dass es mir nicht leichtfällt, diesen Brief zu schreiben, ohne Stimme, jedoch mit emotionsgeladenen Gedanken und all den Gefühlen, die ich empfinde. Als ich am Tag darauf angerufen werde, ahne ich wer an der anderen Leitung ist, ohne auf das Display gucken zu müssen. Ich ahne ebenfalls, was auf mich zukommen könne und nehme dennoch das Gespräch entgegen. Ich höre ihre Stimme, die mir etwas zu sagen hat, jedoch nichts bedauert und schon gar nicht traurig wirkt. Sie spricht weder leise noch langsam und ohne Bemühung, mich umstimmen zu wollen. Sie beschimpft mich und macht deutlich, dass ich mit meinem Problem Hilfe benötige. Dabei erteilt sie mir den Ratschlag, etwas dagegen zu unternehmen. Seltsamerweise erwähnt sie beiläufig, dass sie mich liebe und ich keinen Grund hätte, mich zu trennen. Seltsamerweise ist dies das erste Mal, das sie mich das wissen lässt. Lange habe ich darauf gewartet, dass sie mir genau das zeigt. Seltsamerweise verfehlen diese Worte ihre Wirkung, denn was sind schon Worte.
Jahre später, es ist Anfang Mai. Ich spaziere gemächlich über einen Wiesengrund in Flussnähe, den ich von Zuhause aus zu Fuß erreichen kann. Die Wiesen zeigen sich im Sonnenlicht saftig grün und es sind zahlreiche Blumen zu sehen. Frühling, für die meisten Menschen wohl die schönste Jahreszeit. Außer dem lichtarmen Winter liebe ich alle Jahreszeiten, doch keine ist von den Gerüchen so präsent wie der Lenz. Ich liebe den Duft der Natur, vor allem den von Gras, wenn es gemäht wurde. Es wird gesagt, das unser Geruchsinn mehr Erinnerungen in uns hervorrufen kann als unser Sehsinn. Als ich den Duft des Frühlings wahrnehme, erinnere ich mich an meine Kindheit. Oftmals rannte ich barfuß über Wiesen, unbekümmert und unbedarft, wie Kinder eben sind. Wenn ich das Gras zwischen den Zehen spürte, dass mich manchmal kitzelte, dann stimmte es mich glücklich. Als ich daran denke, verspüre ich regelrecht Lust, meine Schuhe und Strümpfe auszuziehen und wie damals über diese Wiese zu rennen, um mich wieder kitzeln zu lassen und um unbedarft das Hier und Jetzt zu erleben, so wie Kinder es halten. Auf meinem weiteren Spaziergang komme ich an zahlreichen Gärten vorbei, in denen gerade Sträucher und Obstbäume in Blüte stehen. Ich durchlaufe ein kleines Waldstück mit singenden Vögeln und gelange erneut auf ein freies Feld mit wildem Gras. Einige Schritte davon entfernt liegt ein Acker mit Gerste. Die Sonne ist zwar bereits versunken, dennoch zeigt sie sich noch am Himmel. Einige Schleierwolken zeigen sich bläulich, andere Gelb, weitere rötlich, je nachdem wie das weichende Tageslicht darauf fällt. Ich bleibe stehen und beobachte das schöne Farbenspiel. Dabei kann ich schnatternde und quäkende Wildgänse in Formation über mich hinwegfliegen sehen. Meine Augen bleiben weiter zum Himmel gerichtet, auch dann noch, als die Gänse schon längst nicht mehr zu sehen sind. Zu schön ist der Anblick des Abendhimmels. Dabei ändern sich die Farben. Das Gelb wird zu einem Orange, an anderer Stelle ein leuchtendes Rot, als würde der Himmel brennen. Während ich fasziniert nach oben sehe, atme ich tief ein und kann das Leben regelrecht fühlen. Am liebsten würde ich zu Tanzen beginnen und mit leichten Schritten über die Wiese gleiten.
