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Suza wird von ihrem Mann betrogen. Sie ist verletzt und verliert den Glauben an die Liebe. Meike verliert ihre Liebe durch ein Unglück. Für sie geht der Sinn des Lebens verloren. Der Zufall führt beide Frauen zusammen und es entsteht eine Verbindung, die beiden dabei hilft, ihr Schicksal zu verarbeiten. Das Bedürfnis nach Nähe und Berührung trennt sie jedoch wieder. Was beide nicht ahnen: Es ist die Liebe, die sie erneut in dieselbe Richtung führt. Werden sie sich noch einmal finden? Eine Geschichte, die uns daran erinnert, wie schön es ist, zu lieben und jemandem nahe zu sein, die uns aber auch zeigt, wie verletzlich wir dadurch werden. Sie lässt uns wissen, dass wir Menschen sind mit unserer eigenen Persönlichkeit, schillernd wie die Farben eines Regenbogens vor dunklen Wolken im hellen Sonnenlicht.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
Teil 1
Betrogen
Ohnmacht
Schreck
Wehr
Entenweiher
Gemischte Gefühle
Am Fluss
Kym
Bunte Farben vor grauen Wolken
Hoffnung
Ernüchterung
Fisch in Orange-Blau
Erkenntnisse
Träume
Künstler
Freude
Frust
Erinnerungen
Kanufahrt
In einem Boot
Mut
Freier Fall
Veränderung
Beste Freundin
GoHo
Klassische Klänge
Unsicherheit
Verzweiflung
Sehnsucht
Offenbarung
Teil 2
Neubeginn
Blitz und Donner
Rückblick
Lian
Abkehr
Ein Tag wie kein anderer
Die Schöne und das Biest
Ungewohnt
Kletterparcours
Eine überraschende Einladung
Peloponnes
Überraschung mit Folgen
Geständnis
Mitten durch die Nacht
Tosende Brandung
Vergebliche Hoffnung
Das Fest
Zwischen den Gefühlen
Ein Gedanke und doch weitaus mehr
Ungewisse Zukunft
Regenbogen
Jahreszeiten
Impressum
Suza,Sonnenstrahlen durchdringen die dünnen Schleierwolken und bringen die Farben der Natur zum Leuchten. Es ist Mai, der Monat, den sie für gewöhnlich am meisten liebt. Bereits als Kind empfand sie den Frühling als schönste Jahreszeit und konnte es kaum erwarten, dass die Natur aus ihrem Winterschlaf erwachte und die Frühblüher dem Grau des Winters ein Ende setzten. Es gab Jahre, da beobachtete sie die Pflanzen im Garten ihrer Eltern, jeden Tag, und wenn sie die ersten Blumen entdeckte, die mit ihren Köpfen zart aus der Erde spitzten, rannte sie zu ihrer Mutter, um ihr vom Frühlingserwachen zu erzählen. Auch als sie erwachsen geworden war, war diese Faszination noch immer lebendig. Wie ein Wunder kommt es ihr vor, wenn im Frühjahr alles zu wachsen und zu blühen beginnt, als würde die Sonne die Natur wachküssen. Die Bäume faszinieren sie am meisten. Am Ende des Winters strecken sie sich kahl in den Himmel und sobald das Licht heller und die Tage wärmer werden, drängen sich Knospen an Zweigen, nur um darauf zu warten, dass die Sonne genügend Kraft besitzt, ihre Winterhülle zu durchbrechen. Wenn es dann soweit ist, dass die zarten Blätter und Blüten aus ihrem Versteck hervorkriechen und sich dem Licht entgegenstrecken, dann erwacht normalerweise auch etwas in Suza, als fühle sie neues Leben in sich. In diesem Jahr ist es jedoch anders. Sie empfindet nicht die Freude, die sie in anderen Jahren im Frühjahr zu verspüren vermochte. Zu sehr wurde sie enttäuscht und dadurch verletzt. Nicht mal die Birnbäume vermögen es, obwohl diese gerade in Blüte stehen und die sie besonders liebt, denn die Blüten wirken auf sie rein und unschuldig und so weiß wie frisch gefallener Schnee. Sie fragt sich, weshalb es so kommen musste und ob sie eine Mitschuld trägt, dass ihr Glück zersprungen ist, wie eine zarte Porzellanschale, die aus großer Höhe auf harten Boden knallt. Sie hatte geglaubt, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben, in dem Mann, mit dem sie ihr Leben teilen und mit dem sie eine Familie gründen wollte. Neun Jahre hatte sie geglaubt, von ihm geliebt zu werden. Jetzt fragt sie sich, welche Liebe das gewesen sein sollte. In der Silvesternacht war noch alles, wie es sein sollte. Sie und Andreas, ihr Mann, feierten den Jahreswechsel gemeinsam mit Freunden, wie in den Jahren zuvor. Es waren Feste, die ihr stets Freude bereiteten. Doch kaum hatte das neue Jahr begonnen, ist ihre Welt zusammengebrochen, wie ein Kartenhaus, obwohl sie dachte, ihr Haus sei aus Beton gemauert. Heute, mehr als vier Monate später, ist sie immer noch verletzt, auch wenn der Schmerz inzwischen erträglicher geworden ist. Ihre Verbitterung, hat etwas abgenommen, als hätte die Zeit sie etwas erleichtert. Doch die Enttäuschung ist geblieben. Wird sie je wieder einen Mann finden, dem sie vertrauen und den sie lieben kann? Anfänglich konnte sie aufgrund ihrer Verletztheit kaum einen klaren Gedanken fassen. Die langen Spaziergänge in der Natur, die sie regelmäßig unternimmt, tragen jedoch dazu bei, dass sich ihre Gefühle etwas beruhigen und ihre Gedanken freier werden können. Auch wenn dieses Frühjahr ihr nicht das gleiche Gefühl vermitteln kann, das sie seit ihrer Kindheit zu dieser Jahreszeit fühlen konnte, die Bewegung an der frischen Luft umschmeichelt ihre Seele. Jedoch kehren ihre Gedanken wieder einmal zum Jahreswechsel zurück, wie so oft, obwohl ihre Gedanken das Geschehene nicht rückgängig machen können, doch zumindest kann sie sich jetzt damit konfrontieren, ohne das Gefühl zu haben, innerlich zerrissen zu werden. Sie kann sich genau an jede Einzelheit erinnern. Zuerst verbrachten sie den Abend mit ihren Freunden in ihrem italienischen Lieblingsrestaurant, um das Jahr in netter Gesellschaft und mit einem leckeren Essen ausklingen zu lassen. Zu siebt saßen sie an einem großen runden Tisch und wie üblich gelang es Andreas, die anderen zum Lachen zu bringen. Anscheinend war der Humor ihrem Mann in die Wiege gelegt, denn sobald sie in Gesellschaft waren, konnte sich kaum jemand seiner humorvollen Art entziehen. Auch sie brachte er bereits nach wenigen Minuten zum Lachen, als sie sich vor neun Jahren kennenlernten, und seitdem begleitete sie ihr Lachen in zahlreichen Augenblicken, bis zu jener Silvesternacht. Eine Stunde vor Mitternacht sind sie zusammen mit ihren Freunden vom Lokal aufgebrochen, um im Haus ihrer besten Freundin weiter zu feiern. Die Stimmung war heiter, es wurde nicht wenig getrunken und dabei weiter viel gelacht. Sobald sie mit ihren Freunden zusammen waren und etwas zu feiern hatten, was nicht selten vorkam, ging es zumeist bis in die frühen Morgenstunden, auch in dieser Neujahrsnacht. Die Uhr zeigte bereits halbsechs, als ein Taxi sie und ihren Mann nach Hause brachte. Als sie am Vormittag auf ihrem Mobiltelefon angerufen wurde, lagen sie noch schlafend in ihren Betten. Sie erwachte aus ihrem leichten, unruhigen Schlaf und als sie den Anruf entgegennahm, hörte sie die Stimme ihrer Freundin Bea, die ziemlich aufgeregt klang. „Andreas hat sein Smartphone vergessen.“ Es war nicht die Tatsache, dass ihr Mann sein Mobiltelefon vergessen hat, die sie aufhorchen ließ, denn dies hatte ihr Mann bereits bemerkt, als sie zuhause angekommen waren und es wäre auch nicht tragisch gewesen. Es war die Art, wie ihre Freundin es ihr mitteilte, mit der sie bereits viele Jahre befreundet ist. Sie kennt ihre Freundin zu gut, um nicht zu bemerken, dass etwas nicht stimmen konnte. „Andreas hat es bereits bemerkt“, antwortete sie damals. Sie sagte auch noch, wenn es ihr und ihrem Mann recht wäre, würden sie es am Spätnachmittag abholen. „Nein, das ist keine gute Idee. Wir müssen uns sofort treffen. Nur wir beide“, sagte Bea, in schnellen Sätzen, als wäre sie getrieben. Etwas musste passiert sein, dachte sie sich. Aber was sollte schon geschehen sein, fragte sie sich gleichzeitig. Andreas hat doch nur sein Smartphone vergessen. Als ihre Freundin noch erwähnt hatte, dass sie ihrem Mann nichts von diesem Anruf erzählen darf, war sie beunruhigt. Ihr Mann hatte für gewöhnlich einen festen Schlaf und auch an diesem Neujahrsvormittag schien er nichts vom Anruf ihrer Freundin mitbekommen zu haben. Sie weckte ihn und sagte, sie würde jetzt gleich zu ihrer Mutter fahren, da sie ihretwegen besorgt sei. Dies beunruhigte ihren Mann nicht, denn sie bereitet sich oftmals Sorgen um ihre Mutter, seit ihr Vater vor zwei Jahren an Krebs verstorben ist. Eine Stunde nach dem Telefonat hatte sie sich mit ihrer Freundin getroffen. Es war ein Treffen, das ihr Leben auf dem Kopf stellen sollte.
Meike,auf einem Stein sitzend, blickt starr zum Fluss, wie das Wasser, ohne Unterbrechung, in Richtung Norden strömt. Die Sonne erzeugt Lichtreflexe, als würden sich auf dem Wasser glitzernde Sterne befinden. Das Funkeln blendet Meike, doch sie reagiert nicht. Auch Bäume und Pflanzen sieht Meike nicht. Sie kann nicht mehr klar denken, sie kann nicht mehr lächeln. Ihr Leben ist sinnlos geworden. Langsam entweichen Tränen, wie so oft, seit der Mensch von ihr gegangen ist, den sie liebt und der ihr alles bedeutet hat. Von einigen Menschen wurde sie ihrer Liebe wegen belächelt, weil sie ihre Zuneigung nicht verstehen konnten. Sie ließ sich jedoch von den Ansichten anderer nicht beeinflussen. Sie liebte diesen Menschen, nicht nur mit ihrem Herzen, sondern mit ihrer Seele. Als sie sich kennenlernten, war sie gerade siebzehn und sie hatte kaum Erfahrung in der Liebe. Bereits nach wenigen Begegnungen verliebte sie sich und obwohl ihre eigene Zuneigung sie anfänglich irritierte, dauerte es nicht lange, bis sich alles normal anfühlte. Je weiter die Zeit voranschritt, desto tiefer wurde ihre Zuneigung und sie war sich noch nie so sicher, wie bei dieser Liebe. Als sie ihrer Mutter von ihren Gefühlen erzählte, stellte ihre Mutter nur die eine Frage, ob sie sich sicher sei, dass sie das möchte. „Ja, ich bin mir absolut sicher“, antwortet sie damals. Sie kann sich noch genau erinnern, als ihre Mutter sie in die Arme nahm und zu ihr sagte: „Mein liebes Kind, die Liebe können wir weder bestimmen, noch uns suchen. Sie findet uns. Wenn sie uns ergreift, besitzt sie mehr Kraft als alles andere auf dieser Welt. Es gibt nichts Schöneres als zu lieben und geliebt zu werden. Für mich ist es wichtig, dass du glücklich bist.“ Bei den Worten ihrer Mutter sind ihr vor Erleichterung Tränen gekommen. Ihr Vater hatte dafür weniger Verständnis. Aber auch er liebte seine Tochter und mit der Zeit konnte er den Menschen akzeptieren, der seine Tochter offensichtlich so glücklich machte. Elf Jahre lang waren sie ein Paar. Ein glückliches Paar, das unzertrennlich gewesen ist. Solange bis dieser Autofahrer ihr das Liebste nahm. Weshalb musste dieser Unfall geschehen? Weshalb musste der Fahrer des PKWs das Motorrad von rechts übersehen und die Vorfahrt missachten? Es gibt Fragen, auf die Meike keine Antwort weiß. Als der Mensch, den sie liebt, auf der Fahrt ins Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlag, ist auch ein Teil von ihr gegangen. Der Teil, der dafür gesorgt hatte, dass sie Freude am Leben hatte und sie glücklich machte. Sie teilte mit diesem Menschen ihr Leben, jetzt ist die andere Hälfte weggebrochen und nichts kann diese ersetzen. Sie möchte ihrem anderen Teil folgen, zu dem Ort, der sie wieder zusammenführt, um ein Ganzes zu sein.Das Sterben verursacht bestimmt keinen Schmerz, denkt sie sich, während sie immer noch zum Fluss blickt. Schon des Öfteren hat sie davon gehört, dass Menschen mit einem Lächeln eingeschlafen sind.Der Tod kann nur eine Erlösung sein. Ja so ist es, ist sie überzeugt. Der Tod erlöst uns von jeglichem Leid und lässt uns in eine Welt vordringen, die hell und farbenfroh ist. Wir dürfen glücklich sein, ohne Ängste durchstehen zu müssen und ohne zu leiden. In der neuen Welt, im Jenseits, brauche ich nichts zu fürchten. Nichts kann mich aus dem Leben reißen, denn ich kann nichts verlieren, ich darf für immer mit meiner Liebe zusammen sein.Dieser Gedanke beruhigt Meike, während sie den Flussverlauf in Richtung Norden verfolgt.Der Fluss ist so stark und dennoch friedlich.Sein Wasser fließt, ohne zu unterbrechen und ohne sich zu beklagen. Und all die Sterne an seiner Oberfläche, wie sie glitzern, wie sie in der Sonne funkeln und mir zuwinken. Ich glaube, den Fluss rufen zu hören. Ruft er nicht meinen Namen? Ich muss keine Angst haben, denn der Fluss meint es nur gut mit mir. Ich kann ihm vertrauen, ich muss nur zu ihm kommen. Flussaufwärts habe ich ein Wehr gesehen, nicht weit entfernt. Ich brauche nur hinzugehen, mich auf die Mauer zu stellen und mich dem Fluss hinzugeben. Es wird ganz schnell gehen. Das Sterben macht mir nichts aus. Ich brauche nicht weiter zu leiden, denn dann ist alles gut. Ich werde an dem Ort sein, an dem ich glücklich bin. An dem Ort, an dem meine Liebe bereits auf mich wartet.
Suzaist bereits viele Male auf diesem Weg gelaufen, denn dieser existierte schon in ihrer Kindheit, seit sie sich erinnern kann. Es hat sich seit damals kaum etwas verändert, als Kind ist ihr jedoch alles größer und weitläufiger vorgekommen, die Planzen, die Wiesen und auch die Bäume, obwohl diese in all den Jahren gewachsen sind und deren Äste zahlreicher wurden. Noch immer wird der schmale, unbefestigte Weg nur von wenigen Spaziergängern aufgesucht. Immer noch ist es hier möglich, unter sich zu bleiben, obwohl der Weg sehr idyllisch in Flussnähe verläuft. Suza kann es recht sein. Sie ist gerne unter Menschen, aber sie liebt auch die Stille. Wenn diese sie bei Spaziergängen begleitet und nur Geräusche von der Natur zu hören sind. Wenn Blätter im Wind rauschen, die Vögel in ihren Dialekten singen und das Klopfen eines Spechts von Weitem zu hören ist. Bereits als Kind hat sie die klaren Geräusche der Natur geliebt und noch immer genießt sie es, daran teilzunehmen. Etwas flussabwärts befindet sich ein Wehr. Sie hält sich dort gerne auf und beobachtet das Wasser, wenn es kraftvoll nach unten rauscht. Wenn der Fluss etwas mit sich führt, ob Äste oder andere Gegenstände, die an seiner Oberfläche treiben, kann sie erkennen, welche Kraft das Wasser voranbewegt. Dann sitzt sie manchmal lange am Wehr, mit Blick auf den tosenden Fluss, um das Treibgut zu beobachten, das der starke Sog wie von Geisterhand nach unten zieht und einige Meter weiter, flussabwärts, wieder ausspuckt. Dabei stößt es mit Wucht an die Oberfläche, als würde es mit Gewalt nach oben gedrückt. Doch statt weiter flussabwärts zu treiben, bewirkt eine starke Rückströmung, sodass die Gegenstände zurück zum Wehr getrieben werden, bis der Sog sie erneut erfasst und der Kreislauf von Neuem beginnt. Dies fasziniert Suza und sie fragt sich, wie es zu schaffen ist, diesem Teufelskreislauf zu entrinnen. Als Suza an diesem Nachmittag in Richtung Wehr spazieren geht, sieht sie nach einer Wegbiegung eine Frau am Wehr stehen und dass ihr Blick auf den Fluss gerichtet ist. Das laute Rufen eines großen Vogels lenkt jedoch ihre Aufmerksamkeit zu einer der hohen Pappeln, die sich in der Nähe des Flusses befinden. Sie kann zwei große schwarze Vögel sehen, wie diese mit kräftigen Flügelschlägen in die Höhe steigen, um die hohen Baumspitzen zu überfliegen. Sie bleibt stehen, um die großen Vögel zu beobachten, bis sie sich mit ihren schwarzen Flügelschlägen aus ihrem Sichtfeld entfernen. Als Suza ihren Weg fortsetzt, kann sie die Frau immer noch sehen, die sich nun auf der Mauer befindet. Sie steht darauf und blickt auf das herabstürzende Wasser.Weshalb steht die Frau auf der Mauer?, fragt sie sich. Als die Frau einige Augenblicke später zum Himmel schaut verliert sie das Gleichgewicht. „Vorsicht!“, schreit Suza und vor Schreck bleibt sie stehen, da sie befürchtet, die Frau könnte in den Fluss fallen. Als sie erkennt, dass sie sich im letzten Moment noch mit den Händen abfangen kann, atmet sie erleichtert auf. Sie ist noch gut dreißig Meter von ihr entfernt, als sie ihre Schritte beschleunigt. Ihr Schrei scheint aufgrund der Entfernung ungehört geblieben zu sein, denn die Frau nimmt von ihr keine Notiz. Das Rauschen des Wehres ist von Weitem zu hören und in unmittelbarer Nähe kann es so manche Geräusche verschlucken. Wenn es stark regnet, wie vor wenigen Tagen, schwillt der Fluss rasch an und seine Wassermassen, die am Wehr mit Wucht nach unten stürzen, können beängstigend wirken. Suza sieht, wie sich die fremde Frau aufrichtet und dass ihr Blick weiter auf das Wehr gerichtet bleibt.Was kann diese Frau im Fluss nur sehen? Während sie sich das fragt, bekommt sie es mit der Angst zu tun, denn ihr kommt der Gedanke, die Frau könnte die Absicht haben, in den Fluss zu springen. Während diese Frau in ihrer Position verharrt, nähert sie sich weiter. Als sie nur noch wenige Meter von ihr entfernt ist, bemerkt sie ihre zuckenden Schultern. Sie bleibt sicherheitshalber einige Meter entfernt schräg hinter ihr stehen, denn sie befürchtet, dass sie die Frau erschrecken könnte, wenn sie ihr zu nahe kommt. „Hallo, kommen Sie bitte von der Mauer herunter!“ Suza muss fast schreien, um das Rauschen des Wehrs zu übertönen. Als sich die Unbekannte mit langsamen Bewegungen in ihre Richtung wendet, kann Suza ihre feuchten Wangen erkennen. Dabei blicken ihre Augen seltsam, als würde diese Frau sie nicht sehen können. „Kommen Sie bitte von der Mauer herunter!“, wiederholt sie und fuchtelt dabei mit den Händen. Die anscheinend verwirrte Fremde dreht sich zurück zum Wasser. „Verdammt, ich möchte Ihnen nicht hinterher springen müssen!“ Beinahe überschlägt sich ihre Stimme. Sie hat Bedenken, dass sie ungehört bleiben könnte. Dabei erschrickt sie über ihre eigene Stimme, die hart und fremd auf sie wirkt. Die Frau wendet erneut ihren Kopf, langsam, wie in Zeitlupe, während sich neue Tränen in ihren Augen bilden. Suza macht einen Schritt auf sie zu und hält dabei die Arme weit ausgebreitet, als wolle sie die Frau auffangen, falls sie von der Mauer fiele. „Kommen Sie bitte zu mir herunter!“ Suzas Stimme ist eindringlich. Sie hat zuerst den Eindruck, die Frau ignoriere ihre Bitte, da ihr Blick wieder zum Wasser wandert. Es dauert jedoch nur wenige Augenblicke, bis sie beginnt, von der Mauer zu steigen. Für Suza erscheint diese Zeitspanne wie eine Ewigkeit. Als sie am Boden angekommen ist, schließt sie diese Fremde in ihre Arme. Dabei atmet Suza tief ein, damit ihre Lungen wieder ausreichend Sauerstoff bekommen, weil sie vergessen hatte, regelmäßig zu atmen, während diese unbekannte Frau vor ihr auf der Mauer stand.
Meikefiel es leicht, auf die Mauer zu steigen. Sie beobachtet den Fluss, wie er am Wehr mit Wucht nach unten rauscht. Als Kind sah sie sich in ihren Träumen wie ein Vogel am Himmel fliegen. Auch heute noch träumt sie gelegentlich davon, wenn auch die Träume seltener werden, und wenn sie auf einer Brücke steht, streckt sie die Arme gerne aus und stellt sich vor, durch die Luft zu gleiten. Dabei fragt sie sich, wie es ist und was sie dabei fühlen könnte, wenn sie vorbei an Bäumen, über Wiesen, hinauf in den Himmel, durch die Wolken fliegt. Könnte ich die Wolken fühlen, nach ihnen greifen? Fühlen sie sich feucht an oder sind sie trocken? Kann ich sie riechen, sind sie kalt oder angenehm weich wie Watte? Spüre ich die Wolken auf meiner Haut, an meinem Gesicht und an den Händen? Ist es windig in ihnen oder windstill, bin ich eingehüllt in dichtem Nebel oder kann ich hindurchsehen? Während sie auf das Wasser blickt, erscheinen ihr diese Gedanken und sie fragt sich, was wohl mit uns passiert, wenn wir sterben und wenn jegliches Leben aus uns gewichen ist. Lebt unsere Seele weiter und gibt es noch eine andere Welt, die im Himmel liegt? Ist es uns möglich, im Jenseits fliegen zu können, wie ein Engel am Himmel und können wir dabei die Erde sehen? Sehen wir Tiere und Menschen, die wir lieben, sehen wir die Natur von oben, die schönen Planzen und Blumen, wie sie sich mit ihren bunten Farben am Erdboden abzeichnen? Für Meike war es schon immer eine schöne Vorstellung, fliegen zu können und dabei wie ein Engel die Erde zu sehen. Fliegt mein anderer Teil hoch oben am Himmel und kann er mich hier stehen sehen?“, fragt sie sich. Kann er fühlen, dass ich mich nach meiner anderen Hälfte sehne und ist ihm bewusst, dass ich ohne ihn nicht leben kann? Sie richtet ihren Blick nach oben in den Himmel und als die Sonne sie blendet, verliert sie das Gleichgewicht. Sie erschrickt und setzt automatisch einen Fuß seitwärts, dabei geht sie in die Hocke und stützt sich mit den Händen ab. Vor ihr weißgelber Schaum und die Wassermassen, die gewaltvoll und tosend nach unten stürzen. Ihr Herz rast, während ihr Puls in ihren Adern pocht. Sie ist starr vor Entsetzen, ohne sich bewegen zu können. In ihrem Kopf dröhnt es, sodass sie glaubt, er würde gleich in zwei Hälfen brechen. Nur mit Mühe gelingt es ihr, sich aufzurichten. Ihre Beine zittern und sie hat das Gefühl, sie bestünden aus Kautschuk. Ihr ist bewusst, hätte sie sich im letzten Moment nicht abfangen können, würde sie der Fluss jetzt in die Tiefe ziehen. Sie würde nach Luft ringen und statt Sauerstoff würde Wasser in ihre Lungen vordringen, sie würden sich vollsaugen, bis jegliches Leben aus ihr gewichen ist. Sie denkt an ihre Mutter, die sie über alles liebt. Sie könnte ihr das niemals antun, denn sie würde ihr weh tun, wenn sie im Fluss ertrinkt. Mit einem Mal fühlt sie sich hilflos wie ein Kind. Erneut fließen Tränen und ihre Schultern zucken vor Kummer. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht. „Hallo, kommen Sie bitte von der Mauer herunter!“ Wie durch einen Filter hört sie die Stimme und als sie sich langsam wendet, kann sie schräg hinter sich eine Frau mit halblangen dunklen Haaren stehen sehen. Sie hätte die Frau nicht bemerkt, hätte diese nicht laut zu ihr gesprochen. Sie wiederholt ihre Bitte und dabei fuchtelt sie mit den Händen.Weshalb muss sie hier sein, weshalb kann ich nicht allein bleiben?, fragt sich Meike und ihr Blick wandert zurück zum Fluss. „Verdammt, ich möchte Ihnen nicht hinterherspringen müssen!“ Wieder hört sie diese Stimme, jetzt lauter und deutlicher. Lassen Sie mich einfach in Ruhe, möchte sie dieser Frau zurufen. Sie bleibt jedoch stumm und ihre Gedanken beginnen, sich damit zu beschäftigen. Diese Fremde sagte, sie möchte mir nicht hinterher springen müssen? Das braucht sie auch nicht und das möchte ich nicht. Es kommen ihr neue Tränen, als sie daran denkt, dass diese Frau ihretwegen sterben könnte und deswegen ein anderer Mensch unglücklich werden könnte, so wie sie selbst, weil ein Autofahrer nur einen winzigen Augenblick unachtsam gewesen ist. Meike möchte nicht, dass sie ihretwegen sterben muss. Sie möchte nicht, dass sie aus ihrem Leben gerissen wird, wie es bei ihrer Liebe der Fall gewesen ist. Nur langsam gelingt es ihr, den Kopf zu wenden, denn sie fühlt sich kraftlos. Sie kann sehen, wie die Frau einen Schritt auf sie zugeht und dabei ihre Arme weit ausbreitet, während sie ihre Bitte wiederholt. Meike denkt an den Menschen, den sie verlieren musste. Dieser war an ihrer Seite und wenn sie das Bedürfnis verspürte, hat ihre andere Hälfte die Arme für sie ausgebreitet und sie fühlte sich darin geborgen. Erneut denkt sie an ihre Mutter. Auch bei ihr fühlt sie sich geborgen, selbst jetzt noch, obwohl ihre Kindheit längst hinter ihr liegt. Vielleicht hat ihre zweite Hälfte vom Jenseits aus diese Fremde geschickt, da diese nicht möchte, dass sie in den Fluss springt und ihr zu früh in den Himmel folgt. Sie blickt noch einmal zurück zum Wasser, um wenige Augenblicke später von der Mauer zu steigen. Als sie den Boden erreicht, kommt diese fremde Frau auf sie zu und schließt sie in ihre Arme. Meike fließen erneut Tränen, doch ihre Gedanken sind jetzt leer.
Suzasitzt mit dieser Frau auf einer Parkbank vor einem kleinen Weiher, nicht weit vom Fluss entfernt. Auf dem Wasser können sie einige Enten schwimmen sehen. Zahlreiche Wasserrosen gedeihen in diesem Weiher. Die Sonne steht bereits tiefer am Himmel und an den dunklen Stellen, die frei von Seerosenblättern sind, spiegelt sich das Sonnenlicht. Nach dem Erlebnis am Wehr wollte sie die scheinbar verwirrte Frau nicht allein lassen, denn sie hatte die Befürchtung, dass sie zum Wehr zurücklaufen und doch noch in den Fluss springen könnte. Als sie vorschlug, gemeinsam zu diesem Weiher zu laufen, weil sich dort eine Parkbank befindet, auf der sie nett sitzen und dabei ein wenig reden könnten, nickte diese Frau wortlos. „Ich sitze gerne hier am Weiher. Ich mag die friedliche Stimmung“, sagt Suza, während sie eine Ente beobachtet, wie diese mit dem Kopf in das Wasser eintaucht. Die Frau blickt ebenfalls auf den Weiher und als sie nichts erwidert, wendet sich Suza ihr zu und fragt, ob sie ihren Namen erfahren dürfe. „Meike“, antwortet sie knapp und ohne Betonung, ohne ihren Blick vom Wasser abzuwenden. „Es ist ein schöner Name“, antwortet sie. Als sie Meike ihren Namen nennt, bekommt sie abermals nur ein Nicken zurück. „Ich hatte große Angst, als ich dich auf der Mauer stehen sah.“ Meike wendet ihren Kopf. „Weshalb?“ Zum ersten Mal kann sie Meike direkt in die Augen sehen, die äußerlich hellblau schimmern und zur Pupille hin leicht grünlich werden. Ihr fällt auf, wie schön Meikes Augen sind. „Na ja, ich bin froh, dass ich dir nicht nachspringen musste.“ „Wären Sie mir tatsächlich nachgesprungen?“, fragt Meike. Dabei hebt sich ihre Stimme etwas. Suza blickt erneut zum Weiher. „Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte“, antwortet sie wahrheitsgemäß und bevor sie weiterredet, verstreicht etwas Zeit, weil sie erst selbst darüber nachdenken muss. „Ich schwimme leidenschaftlich gerne und in der Schule war ich die schnellste Schwimmerin“, sagt Suza. „Mein Sportlehrer hatte mich damals gefragt, ob ich an Wettkämpfen teilnehmen möchte. Er war der Meinung, dass ich außerordentlich gut schwimme und dass ich gute Voraussetzungen mitbringe, um etwas im Schwimmsport erreichen zu können. Ich habe abgelehnt.“ „Was war der Grund?“, fragt Meike. „Zu Schwimmen, bereitet mir sehr viel Spaß“, antwortet Suza. „Aber ich wollte keine Wettkämpfe bestreiten, um unter Druck die Bahnen auf und ab schwimmen zu müssen.“ Sie lächelt. „Mir war es nicht wichtig, schneller als andere zu sein und ich hatte kein Interesse daran, vielleicht eines Tages mit einer Plakette an der Brust und einer Kette um den Hals auf einem Podest stehen zu können. Ich wollte einfach nur der Freude wegen schwimmen.“ Mit dem Fuss schiebt sie einen kleinen Stein zur Seite. „Auch wenn ich gut schwimme, hätte ich bei dieser starken Strömung vermutlich nicht die geringste Chance gehabt zu überleben, geschweige denn, dich retten zu können.“ Sie blickt Meike in die Augen. „Möchtest du mir erzählen, was geschehen ist?“ Meike hält ihrem Blick nicht stand. Sie senkt ihren Kopf und starrt auf den Boden. Suza beißt sich währenddessen auf die Unterlippe. Eine Angewohnheit, wenn sie unter Anspannung steht. „Ein Autofahrer hat die Vorfahrt nicht beachtet“, antwortet Meike, nachdem etwas Zeit verstrichen ist. „Sie hatte keine Chance.“ Suza hat das Gefühl, dass ein Kloß in ihrem Hals steckt. Als Meike ihren Kopf hebt, kann sie Tränen auf ihren Wangen erkennen. „Es war Anfang März“, sagt Meike. „Es war einer der ersten wärmeren Tage im diesem Jahr. Die Sonne strahlte von einem wolkenlosen Himmel und der Tag war zu schön für sie, um zuhause zu bleiben. Sie hatte ihr Motorrad erst wenige Tage zuvor angemeldet. Sie musste darauf steigen, um es zum ersten Mal in diesem Jahr zu fahren.“ Während Meike kurz unterbricht, sitzt Suza regungslos daneben. Sie möchte Meike die Zeit geben, die sie braucht. „Sie fuhr aus der Stadt raus. Sie wollte über Land fahren und nach den trüben Wintertagen sich vom hellen Licht und der milden Frühlingsluft berühren lassen. Sie wollte, dass ich mit ihr komme.“ Suzas Mund ist wie zugeschnürt, als Meike erneut zum Stocken kommt. „Ich hatte erst eine heftige Grippeerkrankung hinter mir und ich wollte mich noch schonen“, sagt Meike. „Ich sagte noch, sie solle sich keine Gedanken machen und bei diesem tollen Wetter nicht meinetwegen auf ihren Fahrspaß verzichten. Als sie auf ihrem Motorrad gesessen hatte, rief sie mir noch zu, dass sie nur einen kurzen Ausflug unternimmt, denn sie wolle mit mir noch spazieren gehen.“ Meike schluckt, während weitere Tränen aus ihren Augen entweichen. „Zu unserem Spaziergang sind wir nicht mehr gekommen. Sie ist von ihrem Ausflug nicht zurückgekehrt.“ Suza ist nicht fähig etwas zu erwidern. „Sie ist auf dem Weg ins Krankenhaus an ihren schweren Verletzungen verstorben“, sagt Meike. Mit ihrem Handrücken wischt sie über ihr Gesicht. „Die Polizei hat mich und ihre Eltern in Kenntnis gesetzt.“ Suza holt aus ihrer Handtasche ein Taschentuch und reicht es Meike. Sie wünschte sich, sie könnte Meike trösten. „Du musst sie sehr gemocht haben“, sagt Suza. Meike nickt. „Wie lange wart ihr befreundet?“ „Wir waren elf Jahre lang ein Liebespaar.“ Suza nickt, da sie versteht. Seit Ende ihrer Schulzeit ist sie mit Pia befreundet, die lesbisch ist. Sie sehen sich zwar nicht häufig, da jeder seinen eigenen Freundeskreis hat, aber wenn sie sich sehen, ist es immer sehr schön. Sie möchte die Freundschaft mit Pia nicht missen. Andreas, ihr Mann, hat Pia anfänglich belächelt. Als er sich einmal äußerte, dass Pia noch keinem richtigen Kerl begegnet ist, ist sie wütend geworden. Seitdem hat er sich nicht mehr über sie geäußert, zumindest nicht in ihrer Gegenwart. Sie kann es nicht verstehen, wenn Menschen kein Verständnis dafür aufbringen, wenn sich zwei Menschen mit gleichem Geschlecht lieben. Auch wenn sie sich nicht vorstellen kann, selbst mit einer Frau intim zu werden, hat sie kein Problem damit, wenn die Liebe gleichgeschlechtliche Menschen findet. „Es ist schön, wenn die Liebe zwei Menschen verbindet, egal ob hetero- oder homosexuell“, erwähnt Suza. Als Meike ihr die Frage stellt, ob sie verheiratet sei, antwortet sie, dass sie und ihr Mann seit diesem Jahr getrennt leben. „Wenn du magst, erzähle ich dir davon“, sagt Suza und schlägt vor, bei einem gemeinsamen Spaziergang darüber zu reden. Meike blickt auf den Weiher, ohne etwas zu erwidern. „Wir könnten uns für morgen verabreden“, schlägt Suza vor. Meike nickt. „Ok.“ „Hast du jemanden, zu dem du heute noch gehen kannst?“ Suza ist zwar erleichtert darüber, dass Meike für den morgigen Tag zusagt, jedoch hat sie Bedenken, wenn sie Meike jetzt allein lässt. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen“, antwortet Meike. „Ich habe meine Eltern, die sich um mich kümmern. Außerdem habe ich auch noch einen Bruder und eine Freundin, mit der ich bereits seit meiner Kindheit eng befreundet bin. Sie sind alle für mich da.“ Suza bittet Meike, sie zu duzen. „Wir sind ja schließlich etwa im gleichen Alter und außerdem verbindet uns das heutige Erlebnis“, sagt Suza und lächelt. Ihre Bedenken wollen jedoch nicht weichen. „Kann ich dich zu jemandem begleiten?“ Meike erwidert ihr Lächeln auf zaghafte Weise. „Danke, es ist lieb von dir, aber es geht schon wieder.“ Suza begleitet Meike bis zu ihrem Auto, das nur wenige hundert Meter entfernt am Straßenrand parkt. „Danke für deine Hilfe und dass du dir Zeit für mich genommen hast“, sagt Meike und reicht ihr die Hand, als sie sich verabschieden. Suza drückt Meikes Hand mit einem festen Händedruck. „Bis morgen.“
Meike,seltsame Gefühle begleiten sie auf der Fahrt zu ihren Eltern. Ihre Gedanken beschäftigten sich mit dem heutigen Tag und mit dem Erlebnis, das sie mit Suza hatte. Ihre Traurigkeit will nicht weichen und es sind weitere Gefühle hinzugekommen. Zum einen ist es die Angst, sobald sie darüber nachdenkt, was geschehen wäre, hätte sie sich vom Sprung in den Fluss nicht zurück halten lassen. Es ist jedoch nicht der einzige Gedanke, der ihr Angst bereitet. Sie befürchtet, dass ihre Sehnsucht nach Kym erneut so mächtig werden könnte, dass sie glaubt, ohne sie nicht leben zu können. Zum anderen ist Meike auch erleichtert, dass sie nicht gesprungen ist und das sie es geschafft hat, von der Mauer zu steigen. Doch hätte sie es auch geschafft, wenn diese Frau nicht gewesen wäre? Sie hegt Zweifel daran. Als sie mit Suza auf dieser Parkbank saß und von Kym gesprochen hatte, tat es ihr gut, auch wenn es ihr seltsam erscheint, denn sie hat bereits unzählige Male über das Unglück gesprochen und zwar mit Menschen, die sie gerne hat und die ihr nahe stehen. Diese Frau ist ihr fremd und sollte ihr nicht viel bedeuten und doch bewirkte das Gespräch etwas, das sie sich nicht erklären kann. Aber was ist seit dem tragischen Unfall für sie schon erklärbar, fragt sie sich. Für sie existieren nicht mehr die freien Gedanken, die sie früher hatte. Jetzt sind es immer nur die gleichen, die sie begleiten und die sich im Kreise drehen, ohne einen Ausgang zu finden. Wären nicht die Menschen, die ihr Nahe stehen und die sich liebevoll um sie kümmern, dann wäre sie heute in den Fluss gesprungen, da ist sie sich sicher. Dann würde das Leben ihr noch sinnloser erscheinen und nichts hätte sie daran erinnert, dass es Menschen gibt, die sie lieben und für sie da sind. Besonders ihrer Mutter ist sie dankbar, dass sie von ihr umsorgt wird. Ihr ist von allen Menschen am meisten bewusst, wie sehr sie Kym liebte. Sie ist ebenfalls sehr dankbar, dass sie nach dem Unfall bei ihren Eltern schlafen konnte, in ihrem Zimmer, in dem immer noch ihr Bett, ihr alter Kleiderschrank und ihr Schreibtisch steht, obwohl sie bereits vor mehr als neun Jahren ausgezogen ist. Damals sagte ihre Mutter zu ihr: „Kind, wenn du einmal Kummer und Sorgen hast, kannst du jederzeit zu uns kommen, dein Zimmer wird dir immer zur Verfügung stehen.“ In den ersten Wochen nach dem Unglück hat sie das Angebot ihrer Eltern angenommen, denn sie hätte es nicht ertragen, in ihrem Bett zu liegen und auf die leere Hälfte neben sich zu blicken. Als jedoch mehr als vier Wochen verstrichen waren, ist sie in ihre Wohnung zurückgekehrt, da ihr bewusst geworden ist, ihre Trauer kann ihr niemand abnehmen und sie muss es schaffen, mit ihr fertig zu werden, auch wenn es noch so schmerzt. Doch selbst jetzt noch bereitet es ihr Schwierigkeiten, wenn sie sich am Abend ins Bett legt und das leere Kopfkissen neben sich bemerkt, das immer noch den Duft von Kym in sich trägt, obwohl sie es schon mehrmals frisch bezogen hat.
Als Meike am frühen Abend die Wohnung ihrer Eltern betritt, wird sie von ihrer Mutter in die Arme genommen, wie bei jeder Begrüßung, und obwohl sie nicht mehr in ihrem Elternhaus schläft, hat ihre Mutter darauf bestanden, weiterhin für sie zu kochen, da sie offensichtlich Bedenken hat, ihre Tochter würde ansonsten nichts essen. „Hallo, mein Kind, schön dass du gekommen bist. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, da ich dich nicht erreichen konnte.“ „Ich bin mit dem Auto raus gefahren und hab einen Spaziergang unternommen.“ Ihre Mutter sieht sie nur an, ohne etwas zu erwidern. Meike bemerkt jedoch, dass sie anscheinend weiterhin besorgt ist. Sie weicht ihren Blicken aus, indem sie sich ein Glas aus dem oberen Küchenregal nimmt. Sie befürchtet, dass ihre Mutter ihr ansehen könnte, welche Gedanken sie heute beschäftigten. „Ich habe etwas Ruhe gebraucht und mein Handy ausgeschaltet“, sagt Meike wie nebenbei, während sie sich Wasser einschenkt. „Möchtest du mit uns zu Abend essen?“, fragt ihre Mutter und wendet sich der Brotschneidemaschine zu. „Ja gerne, aber morgen Mittag werde ich nicht mit euch essen. Ich habe heute eine Frau kennengelernt und wir wollen morgen einen Spaziergang unternehmen. Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht.“ Jetzt lächelt ihre Mutter. „Ich bin froh, dass du wieder den Kontakt zu anderen Menschen findest.“ Sie geht auf Meike zu, um ihre einzige Tochter in die Arme zu nehmen.
Suza,als sie an dem Ort eintrifft, an dem sie sich verabschiedet hatten, erkennt sie Meikes Auto, das wieder am rechten Straßenrand parkt, doch Meike kann sie nicht sehen, weder im Auto, noch in der Nähe. Suza bereitet sich Vorwürfe, dass sie nicht darauf bestanden hat, Meike begleiten zu dürfen, zumindest, bis zu jemandem, der ihr nahe steht. Stattdessen hat sie Meike davonfahren lassen und nicht einmal nach ihrem vollständigen Namen oder ihrer Telefonnummer gefragt. Wegen ihren Vorwürfen konnte sie in der vergangenen Nacht nicht schlafen und seit sie am frühen Morgen aufgestanden ist, fühlt sie sich so unter Anspannung, als wäre sie an einen Apparat angeschlossen, der Strom erzeugt. Als sie Meikes Auto bemerkt, ist ihre Erleichterung nur von kurzer Dauer, denn sie hat sofort neue Bedenken, Meike könnte wieder zum Wehr gelaufen sein, um sich erneut auf die Mauer zu stellen. Mit schnellen Schritten läuft sie in Richtung Fluss und als auf ihrem Weg der kleine Weiher in ihr Blickfeld rückt, kann sie Meike auf der selben Bank sitzen sehen, auf der sie bereits am Vortag gesessen waren. Ihr langes blondes Haar reicht bis zur Rückenlehne und als Suza erleichtert von Weitem ihren Namen ruft, dreht Meike ihren Kopf und winkt zur Begrüßung. Wenig später sitzen sie nebeneinander an gleicher Stelle, auf dieser Parkbank, der das Alter bereits anzusehen ist. Suzas Anspannung weicht allmählich. „Wie fühlst du dich heute?“, fragt Suza. Meike nickt. „Danke, es geht wieder besser. „Gefällt es dir hier am Weiher?“, möchte Suza wissen. Meike nickt erneut und erwähnt, dass sie diese Gegend bis gestern gar nicht kannte und dass der Zufall es wollte, dass sie ihr Auto in der Nähe parkte, um auf dem schmalen unbefestigten Weg, nahe des Flusses, spazieren zu gehen. Suza erzählt, dass sie im nächsten Dorf, das nicht weit von hier entfernt liegt, aufgewachsen sei und dass sie vorübergehend in ihr Elternhaus zurückgekehrt ist, das ziemlich am Ende des Dorfes steht. Sie erwähnt, dass sie schon immer gerne hier am Weiher gesessen habe und dass sie den schmalen Weg gerne geht, dessen Verlauf sie besonders schön empfindet. Auch das intensive Grün in der Nähe des Flussbettes, gefällt ihr sehr gut. Es kommt selbst in heißen und trockenen Sommern zur Geltung, wenn anderswo die Natur bereits zu erblassen beginnt. Außerdem duftet hier die Natur intensiver. Sie vermutet, es liegt am Fluss, der unerlässlich in Richtung Norden fließt und daran, dass seine Umgebung von seinem Wasser profitiert. Beeindruckend findet sie die hohen Pappeln mit ihren wuchtigen Stämmen, bei denen es mehrerer Menschen bedarf, um einen einzigen Stamm zu umarmen, und wegen deren silbrig-grünen Spitzen, die sich steil empor strecken, um das Blau des Himmels zu berühren. Meike erwähnt, dass sie in Nürnberg eine Wohnung hat und in der Stadt auch aufgewachsen sei. Sie kann es sich nur schwer vorstellen, in einem Dorf zu leben. „Unser Haus, in dem ich noch bis zum Jahresende mit meinem Mann gelebt habe, liegt etwas nördlich von Nürnberg“, sagt Suza und als sie an ihr Haus denkt, empfindet sie einen Stich in ihrem Inneren. Sie liebt dieses Haus, das sie und ihr Mann bauen ließen. Nun lebt ihr Mann ohne sie in diesem Haus, weil sie zu ihrer Mutter gezogen ist. „Du hast gestern erwähnt, dass ihr euch getrennt habt“, sagt Meike. Suza blickt kurz auf den Weiher, weil sie etwas Zeit benötigt, um zu antworten. „Ja, wenn es dich interessiert, erzähle ich dir davon.“ „Ich höre dir gerne zu“, antwortet Meike. Als sie Meike lächeln sieht, ist sie erleichtert. „Ok, dann lass uns spazieren gehen, damit wir etwas Bewegung bekommen“, sagt Suza. „Ich erzähle dir dabei, wie es dazu kommen konnte.“ Während sie kurz darauf auf dem schmalen Weg in der Nähe des Flusses laufen, neben blühenden Wiesen auf denen Pappeln sich mit anderen Bäumen abwechseln, erzählt Suza, wie sie den Jahreswechsel verbrachte. Sie erzählt vom Abendessen beim Italiener und von der anschließenden Party mit ihren Freunden. Dass sie erst am frühen Morgen nach Hause gekommen waren und vom Anruf ihrer besten Freundin, die sie bereits nach wenigen Stunden aus ihrem leichtem Schlaf weckte, um sich mit ihr zu treffen, weil sie etwas Dringendes zu berichten hatte, das nicht warten konnte. „Wir haben uns in einem Café getroffen, das an diesem Tag geöffnet hatte“, sagt Suza. „Und ich fragte sie, was denn passiert sei, dass wir uns so schnell, in diesem erst kurzen Jahr, unter vier Augen treffen müssen. Meine Freundin Bea sah mich an und an ihrem Blick erkannte ich, dass sie mir etwas zu erzählen hatte, das mir Schmerzen bereiten würde.“ Ihre Gedanken wandern zurück, zu diesem ersten Tag in diesem Jahr, und sie kann sich an jede Einzelheit erinnern.
Sie und ihre Freundin Bea saßen sich gegenüber an einem Tisch in einer Ecke. Es war gegen Mittag und das Café war zu dieser Uhrzeit kaum besucht. Bea sah müde aus. Darüber wunderte Suza sich allerdings nicht, denn auch sie selbst war übermüdet. Bea sagte zu ihr, dass ihr Mann am Vormittag einen Anruf erhalten hatte und als sie ihre Freundin mit einem fragenden Blick betrachtete, erwähnte sie, dass es eine Ina war, die angerufen hätte. „Ich kenne keine Ina“, antwortet Suza und fragte zugleich, woher sie denn wissen könne, dass eine Frau mit diesem Namen angerufen hatte. „Das Display hat es angezeigt“, sagte ihre Freundin und fügte rasch hinzu, dass sie es nicht übersehen konnte. „Vielleicht ist sie eine Arbeitskollegin, die etwas Dringendes von Andreas benötigt und die ihm ein gutes neues Jahr wünschen wollte“, sagte sie zu Bea, weil sie eine Erklärung finden wollte. Als Bea ihr mitteilte, dass auch eine Nachricht von dieser Frau eingetroffen sei, wusste sie nicht, was sie darauf antworteten sollte. Als sie Bea stumm anblickte, erzählte ihre Freundin, dass sie diese Nachricht geöffnet hat und das Geschriebene, dass das Display mit leuchtenden Buchstaben anzeigte, lesen musste. „Du hast die Nachricht geöffnet?“, fragte Suza erstaunt und sie wusste nicht, ob sie das nun gut oder schlecht finden sollte. Ihre Freundin antwortete darauf hastig, ja, sie habe die Nachricht öffnen müssen, nicht nur wegen ihrem Gefühl, das ihr sagte, dass hier etwas vor sich gehe, was nicht sein sollte, sondern ihretwegen, weil sie ihre beste Freundin sei und sie wissen musste, ob Andreas etwas tut, das sie nicht verdiene. „Hier kannst du die Nachricht selbst lesen“, sagte Bea und fügte noch hinzu, dass das Smartphone ihres Mannes nicht mit einem Passwort gesichert war. Suza erinnerte sich, dass ihr Mann am Silvesterabend wegen seinem neuen Smartphone vor den Anderen prahlte. Er hatte das Gerät erst wenige Tage zuvor erworben. Vermutlich hatte er vergessen eine Sicherung einzurichten. Als Bea ihr das Gerät vor die Nase hielt, konnte sie die Gedanken dieser Ina lesen, mit Buchstaben geschrieben und mit Worten zu Sätzen formuliert. Gedanken, die sie nicht lesen und von denen sie nichts wissen wollte. „Vielleicht ist es anders, als wir denken und alles ist erklärbar“, sagte sie ohne Resonanz in ihrer Stimme. „Erklärbar ist es“, antwortete ihre Freundin darauf. „Dein Mann betrügt dich.“
Suza zupft eine Pusteblume von der Wiese, die zu dieser Jahreszeit saftig grün erscheint, und hält sie zuerst gegen die Sonne, bevor sie kräftig einatmet und dagegen pustet und ein leichter Frühlingswind die Pollen in eine andere Richtung trägt. Sie beobachtet den Samenflaum, der leichter wirkt als eine Feder und zerstreut über die Wiese gleitet, bis er irgendwo an Gräsern hängenbleibt. „Was hast du dann gemacht?“, fragt Meike, während sie den Pollen hinterher guckt. „Hast du ihn zur Rede gestellt?“ „Ja, das habe ich“, antwortet Suza und erwähnt, wie schlecht sie sich gefühlt hat, als sie nach Hause fuhr und ihre Gedanken Fragen stellten, auf die sie keine Antwort fand. „Als ich zuhause ankam, befand sich mein Mann gerade in der Küche und als ich mich zu ihm an den Küchentisch setzte, fragte er mich, wie es bei meiner Mutter gewesen sei“, sagt Suza. Als Suza daran denkt, wie sie sich damals gefühlt hatte, bekommt sie wieder das bedrückende Gefühl, das sie immer noch empfindet, sobald sie sich das Erlebnis in ihr Gedächtnis ruft. „Ich kochte innerlich vor Wut. Ich konnte mich nur mit großer Mühe beherrschen. Ohne etwas zu sagen, legte ich meinem Mann das Handy vor die Nase.“ „Wie hat er darauf reagiert?“, fragt Meike. „Er sah mich stirnrunzelnd an und fragte erstaunt: Du hast mein Handy geholt?“ Suza presst die Lippen zusammen. „Ich teilte ihm mit, dass ich mich mit Bea getroffen habe. Als er mich fragend anblickte, öffnete ich die Nachricht von dieser Ina, damit er ihre Gedanken in leuchtender Schrift lesen konnte. Er fragte mich, was das Ganze solle. Er bestritt, eine Ina zu kennen und was Bea überhaupt einfiele, sein Smartphone zu bedienen. Dabei redete er laut und war aufgebracht. Er wirkte plötzlich auf mich wie ein fremder Mensch, fremder als an dem Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal getroffen hatte.“ „Und was hast du dann unternommen?“, möchte Meike wissen. „Ich war so wütend. Am liebsten hätte ich ihn angeschrien“, sagt Suza. „Ich war auch sehr enttäuscht, weil er nicht einmal den Mumm hatte, mir die Wahrheit zu sagen. Heute wundere ich mich darüber, wie ruhig ich trotz meines Unmuts geblieben bin.“ Suza schüttelt den Kopf, weil für sie das Ganze immer noch befremdend ist. „Ich sagte, wenn es sich um ein Missverständnis handelt, sei ja alles gut. Ich wundere mich nur, dass sein Handy diesen Namen kennt. Er wird es daher verstehen, dass ich es sicher wissen möchte und dass er bestimmt nichts dagegen habe, wenn wir gemeinsam diese Ina anrufen und den Ton auf laut stellen, damit ich die Stimme dieser Frau hören kann. Ich sagte noch, dass ich erwarte, dass er sich nur mit Andreas meldet. Es sollte ja für ihn kein Problem darstellen, wenn er sie nicht kennen würde. Du kannst dir vorstellen, dass er sie nicht anrufen wollte.“ „Was geschah dann?“, fragt Meike, während sie weiter auf dem schmalen Weg am Flussverlauf in Richtung Norden laufen, auf dem kaum zwei Menschen nebeneinander gehen können. „Er hat zugegeben, dass er sie auf einer Dienstreise kennen gelernt hat und dass es sich um einen einmaligen Ausrutscher handelt. Er erzählte mir, wie es dazu gekommen war und als ich von ihm verlangte, uns gemeinsam mit dieser Ina zu treffen, damit ich von ihr das gleiche hören könne, schrie er mich an, was das solle, und ob ich ihm nicht vertrauen würde. Dabei erhob er sich rasch von seinem Stuhl und fegte mit einer Hand ein halbvolles Wasserglas vom Küchentisch. Ich weiß nicht, ob er es vorsätzlich oder im Affekt tat, jedenfalls erschreckte es mich und zum ersten Mal hatte ich Angst vor meinem Mann.“ Suza bleibt stehen. „Dennoch fragte ich ihn, ob er noch bei Sinnen wäre und ob er mir jetzt Angst bereiten möchte. Zum Glück beruhigte er sich und als ich weiter nachhakte, erzählte er mir, wie es dazu kommen konnte und wie es wirklich war.“ Ihre Stimme verstummt und als Meike sie fragend ansieht, denkt sie daran, wie verletzend es für sie noch immer ist. „Er hat das gebraucht, weil er eine Bestätigung suchte“, sagt Suza. „Zumindest hat er mir das erzählt.“ „Was hast du dann unternommen?“, fragt Meike. „Ich habe noch am selbigen Tag meinen Koffer gepackt und bin zu meiner Mutter gezogen“, sagt Suza und erinnert sich, wie aufgebracht ihr Mann darauf reagierte. „Seitdem wohne ich bei ihr.“ Als Meike erwähnt, dass sie sich mit Männern nicht auskenne, stellt Suza ihr die Frage, ob sie bisher ausschließlich mit Frauen zusammen gewesen sei. „Vor Kym hatte ich zwei kurze Beziehungen mit Jungs. Aber es war nichts Besonderes“, antwortet Meike. Als sie außerdem erwähnt, dass sie noch nie mit einem Mann geschlafen habe, errötet sie. Suza erfährt, das Meike anfänglich nicht bewusst gewesen ist, dass sie auf Frauen steht, bis sie Kym kennenlernte. Als Suza fragt, ob sie von ihr erzählen möchte, bleibt Meike stehen und blickt zum Himmel, in dem einige kleine Wolken stehen und im Himmelsblau weiße Flecken bilden. Dabei stellt Meike ihr die Frage, ob sie an einem Leben nach dem Tod glaube. „Ich kann es mir nur schwer vorstellen“, antwortet Suza ehrlich. „Ich glaube daran“, antwortet Meike. Und fügt hinzu, dass es sein kann, das Kym jetzt von Himmel herabblickt und bestimmt nichts dagegen hat, wenn sie von ihr erzählt.
Meike,Freude kommt bei ihr nicht auf, während sie sich auf einer Sonnenliege am Pool befindet und beobachtet, wie ausgelassen und aufgedreht die anderen Gäste wirken. Sie hat es im Vorfeld bereits geahnt, dass ihr die Party keinen Spaß bereiten würde, jedoch hatte ihr Freund Dennis darauf gedrängt, ihn zu begleiten. Es sei eine Feier bei seinem besten Freund im Haus seiner reichen Eltern, sogar ein Swimmingpool wäre vorhanden und da seine Eltern verreist wären, stünde das Haus mit dem ganzen Grundstück zur Verfügung. Viele seiner Bekannten hätten zugesagt zu kommen und er sei sich sicher, dass es eine tolle Party werden würde. Sie soll mit ihm kommen, hatte er auf sie eingeredet. Meike mag keine großen Partys, auf denen es laut zugeht, Betrunkene herumgrölen und die Jungs Mädchen beeindrucken wollen, weil sie denken, sie sind die Größten. Dennoch ist sie ihrem Freund zuliebe mitgekommen, denn hätte sie ihn nicht begleitet, wäre seine Enttäuschung groß gewesen und es wäre vermutlich zu einem Streit gekommen. Sie sind erst drei Wochen zusammen und er besucht das gleiche Gymnasium wie sie, jedoch eine Klasse höher. Er ist bereits volljährig und wird im kommenden Schuljahr das Abitur machen. Er hatte sich schon länger für sie interessiert und sich um sie bemüht, doch sie zeigte anfangs kein Interesse an ihm. Ihre Freundinnen konnten sie nicht verstehen. Sie waren der Meinung, dass er gut aussähe und so süß wäre. Meikes Ablehnung schien ihn nur zu beflügeln, denn er steigerte seine Bemühungen und sein Bestreben, ihre Zuneigung zu bekommen. Sie fragte sich, was er denn von ihr wolle und was er wohl an ihr fände, wo er doch wegen seines Aussehens so viele andere Mädchen haben konnte, die in ihren Augen viel hübscher waren. Sie findet sich nicht besonders schön, obwohl sie von ihren Freundinnen, wegen ihres langen vollen Haares und ihres hübschen Gesichts mit ihren großen, tollen Augen, beneidet wird. Sie wäre gerne etwas größer und außerdem etwas schlanker, auch wenn ihre Freundinnen der Meinung sind, sie besäße eine Figur, auf die Jungs stehen würden. Als Dennis nicht aufgeben wollte und sich weiter um sie bemühte, fand Meike es bemerkenswert, welches Durchhaltevermögen er besaß und welchen Willen er zeigte. Beeindruckt von seinem Bestreben, ließ sie sich schließlich auf ihn ein, obwohl sie sich alles andere als sicher war, dass er der Richtige für sie sei. Sie hat kaum Erfahrung in der Liebe, nur einen einzigen Freund hatte sie vor ihm gehabt, für die kurze Zeit von wenigen Wochen. Weil sie bei ihrer ersten Beziehung ebenso das Gefühl hatte, dass er nicht der Richtige war, hatte sie sich von ihm wieder getrennt. Es ist beim Küssen und Streicheln geblieben, ohne dass sie sich ganz auf ihn eingelassen hatte und als sie Dennis anvertraute, dass sie bisher noch mit keinem Jungen geschlafen habe, lachte er und meinte, er hätte nicht gedacht, dass sie noch Jungfrau sei. Sie erklärte ihm, dass das erste Mal für sie etwas Besonderes sein sollte und sie deshalb warten möchte, bis der richtige Augenblick sie erreicht. Er müsse sich deshalb gedulden, sagte sie zu ihm, auch wenn er dies vielleicht nur schwer verstehen könne. Jedes Mal, wenn sie sich näher kommen, wenn sie alleine sind und sich küssen, ob in seinem Auto oder in einem Zimmer, vergisst er offenbar ihre Worte oder er hält ihre Vorstellung nicht für wichtig und wenn sie ihn zurückweist, ist er bei jedem Mal enttäuscht. Was sie denn nur hätte, entfuhr es ihm vor wenigen Tagen und er fragte sie, wie lange sie noch brauchen würde, bis der richtige Augenblick für sie gekommen sei. Sie ist zwar erst drei Wochen mit ihm zusammen, doch sie fühlt sich bereits genervt von seinem ständigen Bestreben, mit ihr zu schlafen. Sie kann es nicht verstehen, weshalb es unbedingt das Eine sein muss, weshalb es für ihn nicht ausreiche, mit ihr zärtlich zu sein, sie zu küssen, sie zu streicheln und halten zu können, wo sie sich doch erst kurze Zeit kennen und noch so reichlich vor ihnen läge, um sich weiter näherzukommen, um abzuwarten, bis sie sich sicher sei, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Bereits nach wenigen Tagen, nachdem sie zusammen gekommen waren, wurde Meike bewusst, auch mit ihm fühlt es sich anders an als in ihrer Vorstellung, doch sie möchte abwarten, vielleicht brauche es eine gewisse Zeit, vielleicht brauche sie nur mehr Geduld, bis sich das richtige Gefühl einstellen kann.
Es dauert nicht lange, bis die ersten Partygäste betrunken sind, wie Meike befürchtet hat, und als es dunkel geworden ist, hat sie endgültig genug.
