Die geheime Insel - Marina Umlauf - E-Book

Die geheime Insel E-Book

Marina Umlauf

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Beschreibung

Für Dr. Michael Berg ist es ein Glücksfall, als man ihm die Leitung des kleinen Krankenhauses auf einer abgelegenen Insel anbietet. Er soll Strafgefangene behandeln, die man im Rahmen eines geheimen Projektes dort ansiedelt. Die Straftäter dürfen sich auf der idyllischen, scheinbar unbewohnten Insel frei bewegen und müssen sich selbst versorgen. Sehr bald stellt sich jedoch heraus, dass sie gar nicht allein sind. Keiner von ihnen ahnt, dass sie Opfer eines grauenhaften Experimentes werden sollen. Erst als riesige urzeitliche Raubtiere in das Lager der Männer eindringen und die schutzlosen Menschen offenbar als Beute betrachten, wird ihnen klar, dass sie sich auf dieser verfluchten Insel in allerhöchster Lebensgefahr befinden ...

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Seitenzahl: 407

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99146-175-3

ISBN e-book: 978-3-99146-176-0

Lektorat: Dr. Annette Debold

Umschlagfotos: Christasvengel, Panya Kuanun | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Personen

Dr. Michael Berg

(Arzt)

Karl Mütze

(Verwaltungsbeamter)

Manfred Rupp

(Strafgefangener)

Harry Bender

(Strafgefangener)

Sven Sörensen

(Strafgefangener)

Thomas Winterbach

(Strafgefangener)

Marion und Katharina

(Krankenschwestern)

Max und Andy

(Krankenpfleger)

Jessica Schwarz

(Studentin)

Marc Dehner

(Paläontologe)

Lars Hansen

Kapitän des Versorgungsschiffes, seine Frau Birgit und Sohn Olaf

Kapitel 1

Die ersten Boote erreichten den weißen Sandstrand der idyllischen Insel im Morgengrauen. Die Insassen wurden in barschem Ton aufgefordert, auszusteigen und durch das seichte Wasser an Land zu waten, was sie gehorsam taten. Anschließend legten die Boote sofort wieder ab, um zurück zum Schiff zu fahren und weitere Männer auf die Insel zu bringen.

Die Angekommenen standen zunächst unschlüssig am Ufer und wussten nicht, wie es nun weitergehen sollte. Sie warteten auf Anweisungen. Als sie bemerkten, dass sich offenbar niemand um sie kümmerte, entfernten sich ein paar von ihnen langsam. Als erwarteten sie, im nächsten Moment zurückgerufen zu werden, begaben sie sich vorsichtig vom Strand weg. Als nichts geschah, wurden ihre Schritte eiliger. Schnell verschwanden sie schließlich im Inneren der Insel und tauchten im Gestrüpp der üppigen Vegetation unter.

Die meisten blieben jedoch an Ort und Stelle. Die Handfesseln hatte man ihnen bereits an Bord des Schiffes abgenommen, doch die Männer konnten nicht glauben, dass sie sich nun tatsächlich auf dieser Insel frei bewegen durften. Sicherlich beobachtete man sie. Wer sich nicht fügte, musste mit hohen Strafen rechnen, vermuteten sie.

Es dauerte einige Stunden, bis alle an Land waren. Schließlich stiegen mehrere Uniformierte aus den Booten und gingen achtlos an den Wartenden vorüber.

Manfred Rupp, einer der Strafgefangenen, schob die Unterlippe vor.

„Was soll das denn jetzt?“ Er stieß seinen Kumpel an, den er auf der Überfahrt kennengelernt hatte. „Die ignorieren uns einfach. Das gibt es doch gar nicht!“

„Komisch. Sicher ist es eine Falle. Die wollen uns fertigmachen!“ Harry Bender, ein blonder Hüne, der fast zwei Meter maß, verzog düster das Gesicht.

„Hallo! Was ist los? Wo sollen wir denn jetzt hin?“, rief er den uniformierten Männern zu. Einer von ihnen blickte sich kurz um, ging aber ungerührt weiter. Niemand antwortete ihm.

Ratlos standen die Männer weiter herum. Noch immer trauten sie sich nicht, das Ufer einfach zu verlassen. Zu lange hatten sie nach strengen Regeln gelebt und nur auf Anweisung gehandelt.

„Vielleicht sollten wir ihnen hinterhergehen?“, überlegte Manfred Rupp laut.

„Was soll das bringen? Die kümmern sich doch gar nicht um uns“, meinte Harry Bender zweifelnd.

„Wir können aber auch nicht den ganzen Tag hier stehen bleiben!“, gab ein anderer zu bedenken.

„Das sehe ich auch so“, pflichtete ihm ein weiterer bei. „Wir könnten einmal schauen, wo die Unterkunft ist. Das ist doch plausibel! Da kann uns sicher keiner was anhaben!“ Beifall heischend sah er sich um.

„Also gut“, sagte Bender, „ich wäre damit einverstanden. Wer kommt mit?“ Er blickte fragend in die Runde.

Nicht alle konnten sich dazu entschließen, den Männern zu folgen, aber die meisten nickten und setzten sich in Bewegung. Da keiner sich auskannte, ging man zunächst in die Richtung, die die uniformierten Männer genommen hatten. Als sie eine Weile gelaufen waren, wurde ein weiß getünchtes Gebäude sichtbar.

„Na also!“ Harry Bender blieb stehen und kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Das wird die Unterkunft sein.“

„Bisschen klein“, fand Manfred Rupp. „Aber vielleicht ist das Gebäude größer, als es von hier aus aussieht.“

Alle versammelten sich schließlich vor der Eingangstür und warteten. Mittlerweile hatten sie Durst und Hunger. Seit vielen Stunden hatten sie nichts mehr zu essen oder zu trinken bekommen.

Die Strafgefangenen konnten selbstverständlich nicht wissen, dass es sich bei dem Gebäude keineswegs um eine Unterkunft handelte. Es war genauso klein, wie es auf den ersten Blick aussah. Größer musste es auch nicht sein, da sich darin neben der Krankenstation nur die Verwaltung befand, die aus genau einem Büro bestand, in dem ein Beamter seinen Dienst tat. Wobei man sagen muss, dass man ihn hierherbeordert hatte, da man woanders keine Verwendung mehr für ihn hatte. Er hieß Karl Mütze, stammte aus Hamburg und war die meiste Zeit besoffen.

Die Krankenstation war ein wenig umfangreicher, aber sie war hauptsächlich für Notfälle gedacht. Man musste in der Lage sein, die Männer, die sich auf der Insel befanden, ärztlich zu versorgen. Dazu war das Nötigste vorhanden. Es gab einen Untersuchungsraum, einen kleinen OP und einige Krankenzimmer.

Ansonsten befanden sich nur noch die Wohnräume des anwesenden Personals in dem kleinen Gebäude.

Einen Arzt gab es selbstverständlich auch, der die Krankenstation betreute. Dr. Michael Berg hatte sich für diesen Posten beworben, von dem er nicht wusste, was auf ihn zukommen würde, da man sich mit Informationen sehr bedeckt gehalten hatte. Er war jedoch eine Art Abenteurer, dem die Aussicht, auf einer einsamen Insel zu arbeiten, sehr spannend vorkam. Man hatte ihm zwar gesagt, dass er Strafgefangene behandeln würde, aber das schreckte ihn nicht ab. Für ihn waren es Patienten wie alle anderen, und es war ihm egal, woher sie kamen und welche Vorgeschichten sie hatten.

Blöderweise hatte man ihm zwei junge Krankenschwestern zugewiesen, die dort wohl überhaupt nicht hinpassten! Wenn man die Insel mit männlichen Strafgefangenen füllte, die keine Möglichkeit hatten, mit Frauen zusammenzukommen, würde es problematisch werden. Er fühlte sich für die Krankenschwestern verantwortlich und konnte sich nicht vorstellen, wie er sie beschützen sollte. Aber es gab noch zwei bullige Krankenpfleger, die ihm helfen sollten.

Die Männer, die noch immer am Strand standen, wurden langsam ungeduldig. Sie hatten Hunger und Durst. Wenn man sich auch sonst nicht um sie kümmerte, musste man sie doch zumindest mit Wasser und Lebensmitteln versorgen!

Irgendwann beschlossen sie, sich auf eigene Faust auf den Weg zu machen. Auch sie trafen schließlich vor dem kleinen Gebäude ein, wo noch immer die anderen Strafgefangenen herumstanden. Erregt diskutierten sie miteinander. Niemand konnte verstehen, weshalb man sie nicht hereinließ.

„Die wollen uns weichkochen!“, rief Harry Bender, der sich selbst zum Wortführer ernannt hatte. „Das lassen wir uns nicht gefallen! Wir haben auch Rechte!“ Er blickte sich auffordernd um, doch keiner pflichtete ihm bei. Alle sahen stumm vor sich hin. Erst einmal abwarten, dachten sie.

„Es nützt ja alles nichts“, meinte schließlich Manfred Rupp. „Ich würde vorschlagen, wir sehen uns selbst einmal um, ob es hier irgendwo Trinkwasser gibt und etwas zu essen. Ich habe jedenfalls Hunger!“ Er sah in die Runde. Diesmal nickten einige der Männer und waren bereit, sich ihm anzuschließen.

Gemeinsam wanderten sie in das Innere der Insel. Nach geraumer Zeit trafen sie auf einen kleinen See, der durch eine Quelle gespeist wurde. Sofort stürzten sie sich ins Wasser und tranken. Durch die Hitze und den langen Marsch waren sie halb verdurstet. Hinter den Bäumen verbargen sich die Männer, die bereits direkt nach der Ankunft auf der Insel geflüchtet waren. Sie dachten zunächst, man würde sie verfolgen und bestrafen. Sie waren jedoch wild entschlossen, sich mit allen Mitteln zu verteidigen. Mit Knüppeln und Ästen in den Händen stürzten sie aus ihren Verstecken hervor. Erst als sie erkannten, dass es sich bei den Ankömmlingen ebenfalls um Strafgefangene handelte, ließen sie die Waffen sinken und kamen näher.

„Was macht ihr denn jetzt hier?“, fragte einer. „Verfolgen uns die Wachmänner nicht?“

„Nein. Es interessiert sich keine Sau für uns!“, bekam er grob zur Antwort. „Die kümmern sich einen Dreck um uns! Wir kriegen nichts zu fressen und nichts zu saufen! Die wollen uns hier verrecken lassen!“

„Mal langsam! Das gibt es nicht! Und notfalls versorgen wir uns eben selbst“, sagte ein verwegen aussehender Mann, dessen Gesicht von einem wilden Bart umwuchert war.

„Und wie willst du das machen?“, fragte Manfred Rupp. „Hier gibt es doch nichts!“

„Woher weißt du das? Wir sind gerade einmal ein paar Stunden hier! Wir müssen uns aufteilen und die Insel erkunden!“ Der bärtige Mann hieß Sven Sörensen und hatte einiges auf dem Kerbholz. Aber er war von praktischer Natur. Die Männer fanden plausibel, was er sagte. Einige nickten zustimmend.

„Also los! In Gruppen von zehn Männern schwärmen wir aus und sehen, was es zu holen gibt!“, bestimmte der Bärtige.

Einer der Trupps, zu dem Sörensen gehörte, fand tatsächlich nach kurzer Zeit ein kleines Zelt, in dem man offenbar Nahrungsmittel bereitgestellt hatte. Viel war es auf den ersten Blick nicht. Sörensen besah sich die Säcke genauer. Außer ihm passte niemand mehr in das Zelt. Die anderen warteten draußen.

„Was gibt es dadrinnen?“, wollte einer wissen.

„Mais, Bohnen und Reis.“

„Mehr nicht?“

„Nein.“

„Keine Töpfe? Sollen wir das so essen?“, fragte ein anderer. „Die spinnen doch! Sind wir Hühner, oder was?“

Sörensen rumorte in dem halbdunklen Zelt. Schließlich wurde er doch noch fündig. In einer Ecke stapelten sich ein paar Kochtöpfe und Schüsseln.

Die zweite Truppe fand auch ein Zelt, in dem mehrere Säcke standen, die mit der Aufschrift „Saatgut“ gekennzeichnet waren. Außerdem befanden sich dort einige Fischernetze und verschiedene Werkzeuge.

Harry Bender, der dieser Gruppe angehörte, war ziemlich fassungslos. „Was soll das denn?“, fragte er. „Anscheinend sollen wir die Insel kultivieren und bis dahin Fische fangen?“

So sah es tatsächlich aus. Und das vorhandene Werkzeug sollte offenbar zum Bau der Unterkünfte dienen.

Die dritte Gruppe tat das Sinnvollste. Die Männer sammelten Stauden reifer Bananen und fanden einige Kokosnüsse. Zunächst aßen sie sich satt, und anschließend schleppten sie die Stauden und Nüsse zum Strand. Man hatte zwar keinen festen Treffpunkt vereinbart, doch durch laute Zurufe fanden sie die anderen schließlich wieder.

In den Töpfen brodelte inzwischen über den Feuerstellen das Essen. Man hatte mehrere Schachteln mit Streichhölzern bei den Geschirrutensilien gefunden und aus Steinen und herumliegendem Holz Feuerstellen errichtet. Mais, Bohnen und Reis waren wahllos in die Töpfe geschüttet worden und kochten vor sich hin. Allen knurrte der Magen, und die Männer standen erwartungsvoll um die Töpfe herum. Als sie glaubten, nun endlich essen zu können, wurden sie jedoch bitter enttäuscht. Es stellte sich heraus, dass der Mais und die Bohnen viel zu hart und ungenießbar waren. Einzig den Reis konnte man essen, aber auch dieser war relativ geschmacklos, da man keine Gewürze hatte.

„Ich glaube, man muss das vorher einweichen“, überlegte einer der Männer, nachdem er ein paar Maiskörner ausgespuckt hatte.

„Und wieso sagst du das jetzt erst?“, rief Sörensen sauer. Fast hätte er ihm eine gelangt, aber er beherrschte sich.

„Weil es mir jetzt erst eingefallen ist“, erwiderte der Mann gelassen und zuckte mit den Schultern. „Ihr habt es ja auch nicht gewusst.“

„Haben wir kein Salz?“, beschwerte sich der nächste.

„Da fragst du am besten mal bei denen nach, die uns hierhergebracht haben“, meinte Manfred Rupp und grinste. „Sicherlich hat man dort Verständnis.“

„Vielleicht könnte man etwas Meerwasser zum Kochen verwenden. Dann wäre es sicher salzig genug“, schlug einer der Männer vor.

„Das ist doch eklig! Da hast du die Scheiße von den Fischen mit im Essen“, wehrte sich sofort ein anderer gegen diese Idee.

„Das ist doch gar nichts gegen das, was wir sonst alles vorgesetzt kriegen. Und es ist wenigstens natürlich“, bemerkte einer der Männer.

Immerhin hatten sie jetzt noch Bananen und Kokosnüsse.

„Morgen gehen wir fischen!“, bestimmte Harry Bender und zeigte auf die Netze.

Dr. Michael Berg hatte darauf gewartet, dass die Männer vor dem kleinen Gebäude auftauchen würden. Er wusste nicht so recht, worauf er sich einstellen musste. Alles war möglich. Hoffentlich versuchten sie nicht, gewaltsam einzudringen. Auf Karl Mütze, der für die Verwaltung zuständig war, konnte er nicht zählen. Wenn überhaupt, war er nur in den Morgenstunden kurz ansprechbar. Den Rest des Tages verbrachte er sinnlos betrunken in seinem Bett. Als Arzt fand Dr. Berg die Verfassung des Beamten sehr bedenklich. Moralisch fand er es unmöglich, diesen alkoholkranken Mann einfach hier abzuladen, weil man ihn woanders nicht mehr gebrauchen konnte. Dass er seinen Pflichten nicht nachkommen konnte, war offensichtlich. Wie immer fühlte sich Dr. Berg verantwortlich.

Tatsächlich versammelten sich die Strafgefangenen am Abend vor dem kleinen Gebäude. Sie hatten sich kurzfristig dazu entschlossen. Vielleicht würde man ihnen hier sagen können, wie es denn nun weitergehen sollte.

Die beiden Krankenschwestern hielten sich ängstlich im Hintergrund, als sie mitbekamen, dass sich draußen eine Horde Männer befand.

„Ich werde mit den Leuten reden“, sagte Dr. Berg. „Ich vermute, dass ihnen niemand gesagt hat, warum sie hier sind und wie sie hier leben sollen. Ehrlich gesagt, kann ich es mir auch noch nicht so recht vorstellen.“ Kopfschüttelnd begab er sich zum Eingangstor des Gebäudes. Die uniformierten Männer, die die Leute auf die Insel gebracht hatten, waren längst wieder abgefahren. Sicherheitshalber begleiteten ihn aber die beiden Krankenpfleger.

Die werden mir nicht viel nützen, wenn die Kerle mich jetzt überrennen, dachte Berg bei sich. Hoffen wir mal, dass das gut ausgeht!

Er atmete noch einmal tief durch, ehe er das Sicherheitstor öffnete. Augenblicklich wurde es still. Alle warteten gespannt, was er ihnen zu sagen hatte.

„Guten Tag!“, sagte Berg. „Ich bin Arzt, und mein Name ist Michael Berg. Jeder, der krank ist oder sich verletzt hat, kann jederzeit hierherkommen und sich ärztlich versorgen lassen.“

„Wo sind die Unterkünfte?“, rief einer aus der Menge.

Das hatte Berg erwartet. Die Leute wussten nicht, dass man sie einfach hier ausgesetzt hatte.

„Es gibt keine.“ Berg zuckte die Schultern. „Es tut mir leid, aber dafür bin ich nicht verantwortlich!“

„Sollen wir uns Hütten bauen?“, fragte ein anderer Mann.

„Ja, vermutlich hat man sich das so gedacht“, erwiderte Berg.

„Und um das Essen müssen wir uns auch selbst kümmern?“, fragte Manfred Rupp.

„Soweit ich weiß, hat man euch für die erste Zeit Lebensmittel zur Verfügung gestellt.“ Berg wusste es nicht genau. Ihm gegenüber hatte man nur vage Andeutungen gemacht.

„Ja. Ein paar Säcke mit Körnern. Ganz toll! In der JVA haben wir dreimal am Tag ein ordentliches Essen bekommen!“, ereiferte sich Harry Bender. Im Gefängnis war er mit den Mahlzeiten zwar weniger zufrieden gewesen, aber das tat jetzt schließlich nichts zur Sache!

„Was ist das genau? Könnt ihr daraus etwas kochen? Auf der Insel gibt es vielleicht noch andere Dinge, womit man sich ernähren kann. Eventuell Früchte? Oder könntet ihr euch vorstellen, Fische zu fangen?“ Berg wusste es nicht besser. Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, sich auf der Insel umzusehen.

Sven Sörensen winkte ab. „Wissen wir alles schon! Wird aber nicht funktionieren!“

„Warum nicht?“

„Weil wir dazu keinen Bock haben! Man ist verpflichtet, uns ordnungsgemäß zu versorgen! Was soll denn dieser ganze Mist hier überhaupt?“

„Es ist wohl ein neues Konzept zur Unterbringung von Strafgefangenen.“ Berg hob die Schultern. „Ihr könnt euch auf der Insel frei bewegen, müsst euch dafür aber selbst versorgen.“

„Ja, genau! Hütten bauen und mit dem Saatgut Felder anlegen! Im Leben nicht!“ Manfred Rupp tippte sich an die Stirn. „Die werden uns hier ganz schnell wieder abholen!“

Dr. Berg war sich absolut sicher, dass dies nicht der Fall sein würde. Wenn die Männer sich weigerten, würden sie eben verhungern müssen. Denjenigen, die das entschieden hatten, war das völlig gleichgültig.

Berg machte sich Sorgen. Er hatte es hier mit Männern zu tun, die sich nichts sagen ließen. Sie würden sich wehren. Und das konnte verdammt gefährlich werden!

Die beiden Krankenschwestern bewohnten gemeinsam ein Zimmer in dem kleinen Gebäude. Sie hatten es sich mit dem wenigen, das sie mit auf die Insel gebracht hatten, recht hübsch eingerichtet. Sie verstanden sich auf Anhieb ganz gut, obwohl sie rein äußerlich kaum unterschiedlicher hätten sein können. Marion war klein, drall und hatte kurze, blonde Haare. Katharina war sehr schlank, einen Kopf größer als Marion und besaß wunderschönes langes, dunkles Haar. Ihr Gesicht war sehr schmal, fein geschnitten und wirkte ein wenig exotisch. Sie war ein Typ, nach dem sich viele Männer sehnsüchtig umsahen. Marion war eher unauffällig, obwohl auch sie ein sehr hübsches, rundliches Gesicht besaß.

Meistens unterhielten sich die beiden jungen Frauen über Dr. Berg. Beide schienen an ihm Gefallen gefunden zu haben.

Bis jetzt gab es noch keine Kranken in der kleinen Klinik, und es war nicht sehr viel zu tun. Dr. Berg hatte die beiden Krankenschwestern angewiesen, die Medikamente und Verbände auszupacken und in die Schränke zu räumen. Damit waren sie eine Weile beschäftigt. Fein säuberlich beschrifteten sie die Arzneimittelschränke und sortierten alles sehr penibel ein. Dr. Berg schaute sich das an, da er ja wissen musste, wo er die Sachen finden konnte.

Marion und Katharina freuten sich über jedes Lob von ihm und taten alles, um es ihm recht zu machen. Nun war es aber so, dass jede von ihnen genau darauf achtete, ob er mit der anderen mehr sprach oder sie lobte. Sobald er eine von ihnen direkt ansprach, wurde die andere eifersüchtig. Beide versuchten mit allen Mitteln, seine Aufmerksamkeit zu erregen.

Dr. Berg fiel das gar nicht auf. Er hatte gerade andere Probleme. Allerdings fühlte er sich für den Schutz der Krankenschwestern verantwortlich, was ihm angesichts der Horde krimineller Männer Kopfzerbrechen bereitete.

Bereits am nächsten Morgen zogen die Ersten los, um Fische zu fangen. Da sie keine Boote hatten, schwammen mehrere Männer ein Stück ins Meer hinaus und zogen eines der Netze zwischen sich durch das seichte Wasser.

Obwohl man es erst bezweifelt hatte, gelang es ihnen tatsächlich, auf diese Weise eine Menge Fische zu fangen. Als sie das Netz schließlich zum Ufer zogen, war es ziemlich schwer. Einige Männer standen am Strand und staunten nicht schlecht, als sie das gefüllte Netz sahen.

Sofort machten sich etliche an die Arbeit. Die Fische mussten ausgenommen, gesäubert und gebraten werden. Man konnte auf den ersten Blick sehen, dass einige offenbar Erfahrung darin hatten. Ohne zu zögern, schlitzten sie die Fische auf und nahmen sie aus. Die meisten blieben jedoch in sicherer Entfernung stehen und verzogen angewidert das Gesicht.

„Vielleicht helft ihr auch mal ein bisschen mit?“, rief Sörensen ihnen zu, der gerade dabei war, einen Fisch nach dem anderen auszunehmen. Er hatte das früher oft getan und fand nichts dabei. „Dumm rumstehen kann jeder! Wer nichts macht, braucht auch nichts zu essen!“, drohte er.

Einige murrten vor sich hin, wagten aber nicht, ihm zu widersprechen. „Wir könnten ja Holz sammeln und Feuer machen“, schlug einer vor.

„Hauptsache, ihr tut was!“, meinte Harry Bender. Er kam mit einer Schüssel voll Bohnen und Mais aus einem der Versorgungszelte.

„Ein paar der Jungs suchen Bananen und schauen, ob sie sonst noch was finden“, sagte Manfred Rupp, der einen Topf mit Reis brachte. „Wer geht Wasser holen?“ Sofort setzten sich drei Männer in Bewegung. Tatsächlich schien sich nun doch plötzlich jeder ein wenig Mühe zu geben. Hunger hatten sie schließlich alle.

Die Feuerstellen waren gerade so weit, dass man den Reis aufsetzen und die Fische braten konnte, als es plötzlich begann, heftig zu regnen. Das war auf der Insel völlig normal, aber die Männer kannten es noch nicht. Mindestens einmal am Tag regnete es. Der Regen hielt nie lange an, aber er war immer sehr ergiebig.

Hungrig und missmutig saßen sie unter den Palmen und warteten, bis es aufhörte zu regnen. Die Feuer waren erloschen, und alles war nass! Woher sollten sie nun trockenes Holz nehmen?

„So ein Mist!“, knurrte Bender. Sörensen zuckte die Schultern und verteilte Bananen. „Was willst du machen? So ist es eben. Wir müssen wasserdichte Dächer bauen, damit uns das nicht öfter passiert.“

Einige nickten zustimmend. Andere verzogen das Gesicht. Sie wären lieber im Gefängnis geblieben. Dort waren sie versorgt worden und mussten sich um nichts kümmern.

Mit den Werkzeugen, die man in einem der Zelte gefunden hatte, begann man nun tatsächlich, notdürftige Hütten zu errichten. Es waren eigentlich mehr Unterstände, die halb offen waren. Hauptsache, man hatte trockene Plätze, wo man schlafen konnte. Außerdem flochten die Männer aus Palmblättern ein paar Dächer, die man schnell über den Feuerstellen platzieren konnte, wenn es regnete.

Schon nach kurzer Zeit brachte man den ersten Verletzten. Er war mit einer Axt abgerutscht und hatte sie sich ins Bein geschlagen. Die Wunde sah übel aus und blutete stark. Zwei der Strafgefangenen trugen ihn zum Hospital und riefen nach dem Arzt. Als sie mit dem Verwundeten das Eingangstor erreichten, wurde dieses sogleich von den beiden Krankenpflegern geöffnet. Sie hoben den Mann auf eine Trage und schickten die anderen weg. Nur Kranke und Verletzte hatten Zutritt! Sofort wurde das Tor wieder geschlossen. Im Laufschritt brachten die Pfleger den Verletzten in das Behandlungszimmer. Dr. Berg war bereits alarmiert worden und hatte schon alles zur Wundversorgung vorbereitet. Die beiden Krankenschwestern hielten sich im Hintergrund und warteten auf seine Anweisungen.

„Es wird jetzt ein bisschen wehtun!“ Dr. Berg beugte sich über den Verletzten, dessen Augen sich angstvoll weiteten.

„Haltet ihn fest!“, sagte er zu den Krankenpflegern.

Max stammte aus Bayern und sah aus wie ein Preisboxer. Der andere Pfleger hieß Andy, und man hätte in ihm eher den Türsteher eines Bordells vermuten können. Woher er kam, wusste niemand. Überhaupt waren die Vorgeschichten der beiden sehr undurchsichtig, aber dafür hatte sich niemand interessiert, als man sie einstellte. Wichtig war, dass sie für den Job geeignet waren. Offenbar waren sie hier genau richtig. Wer die beiden sah, dachte nicht mehr an Gegenwehr.

Die Krankenpfleger packten kräftig zu. Der Kranke wimmerte erbärmlich vor sich hin. Bewegungsunfähig lag er hilflos auf dem Behandlungstisch. „Geben Sie mir eine Narkose?“, flehte er den Arzt an. Seine Lider flatterten.

„Nein. Nicht wegen einer Fleischwunde!“ Dr. Berg begann, die Wunde zu säubern. Der Verletzte brüllte. Die Krankenschwestern zuckten zusammen. Berg winkte sie herbei. „Was ist denn?“, rief er genervt. „Sie müssen assistieren! Wenn Sie das nicht sehen können, sind Sie hier fehl am Platz!“

Die Axt war in den Unterschenkel gefahren und hatte den Wadenmuskel durchtrennt. Erst als Berg die Wunde gesäubert hatte, sah er, dass auch der Knochen etwas abbekommen hatte. Mit einer Pinzette entfernte er einzelne, kleine Knochensplitter. Die beiden Krankenpfleger sahen emotionslos zu. Katharina presste die Hände vor den Mund und reagierte überhaupt nicht. Marion dagegen führte ruhig alle Handreichungen aus, die Berg anwies, ohne eine Miene zu verziehen.

Schließlich wurde der sichtlich mitgenommene Patient in ein Krankenzimmer gerollt. Dort bekam er ein sauberes, frisch bezogenes Bett und sollte von den Krankenschwestern betreut werden. Dies war jedoch nicht so einfach, da man sich hier nicht in einem normalen Krankenhaus befand. Die Schwestern ohne Schutz zu ihm zu schicken, fand Berg zu riskant. Wenn sie ihm sein Essen brachten, das sie in der kleinen Klinikküche zubereitet hatten, musste immer einer der Pfleger sie begleiten. Da außer ihm noch keine weiteren Patienten zu versorgen waren, war dies momentan problemlos möglich.

„Was war denn heute mit dir los?“, fragte Marion am Abend arglos, als sie in ihrer Unterkunft allein waren. „Wieso hast du nicht geholfen?“

Katharina fuhr herum. „Hauptsache, du hast dich wieder beliebt gemacht!“, giftete sie böse.

Marion sah sie mit geweiteten Augen an. „Aber warum denn? Ich habe nur meine Arbeit getan!“ Verständnislos blickte sie Katharina an.

„Er fand das bestimmt ganz toll, wie du dich ins Zeug geschmissen hast!“

„Du spinnst! Der interessiert sich überhaupt nicht für uns. Weder für dich noch für mich! Der will nur, dass wir unseren Job machen!“ Marion dachte da ganz nüchtern. Ihr war klar, dass Katharina gewisse Absichten hatte, und ihr selbst gefiel Dr. Berg auch sehr gut, aber sie wusste genau, wo die Grenze war. Wenn Berg kein Interesse hatte, dann war das nun mal so und musste akzeptiert werden. Sie war schließlich nicht wegen ihm hier.

Dr. Berg sah mehrmals täglich nach dem Verletzten – immer in Begleitung einer Schwester und eines Pflegers. Der Kranke verhielt sich jedoch bisher ruhig. Er hatte Schmerzen und war froh, versorgt zu werden.

Die Wunde war genäht worden, wofür der Patient aber dann doch eine lokale Betäubung bekommen hatte. Einmal täglich wurde der Verband gewechselt. Dr. Berg machte das selbst. Eine der Schwestern reichte ihm das Material an, während der Pfleger im Hintergrund blieb und überwachte, dass der Strafgefangene nicht aufmüpfig wurde.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis weitere Verwundete vor dem kleinen Hospital standen. Immer wieder passierte es, dass sich die Männer beim Bau der Hütten verletzten. Die meisten von ihnen konnten jedoch nach einer ambulanten Behandlung wieder entlassen werden. Vielen passte das überhaupt nicht, da sie sich bereits auf ein gemütliches Bett mit Rundumversorgung gefreut hatten. Nur zwei weitere Fälle wurden stationär aufgenommen. Einer hatte hohes Fieber bekommen, und der andere hatte eine schlimme, eiternde Wunde, nachdem er sich am Ast einer unbekannten Pflanze, die vermutlich eine toxische Substanz absonderte, den Arm aufgeritzt hatte.

Verletzungen durch Schlägereien gab es bisher nicht, obwohl Dr. Berg fest damit gerechnet hatte, dass seine Patienten hauptsächlich deshalb zu ihm kommen würden.

Er konnte nicht wissen, dass sich unter den Strafgefangenen, die man auf der Insel ausgesetzt hatte, keine Gewalttäter befanden. Man hatte ihn nicht darüber informiert, welche Straftaten sie begangen hatten, und er hatte auch nicht danach gefragt, weil es ihn im Grunde nicht interessierte. Seine Aufgabe war es, Kranken zu helfen. Egal, woher sie kamen und was sie getan hatten. Trotzdem war wohlweislich entschieden worden, nur bestimmte Männer hierherzubringen, da man kein Massaker dieser Art auf der Insel provozieren wollte.

Kaum jemand wusste, dass es zwei Inseln gab. Eine davon war völlig offiziell. Hier wurden ebenfalls keine Gewalttäter untergebracht, da sich die Männer auch auf dieser Insel fast völlig frei bewegen konnten. Aber es gab einen Unterschied. Auf der offiziellen Insel gab es Unterkünfte und richtige Gefängniszellen. Jeder, der sich nicht fügte, wurde ohne weitere Diskussionen in eine Zelle gesperrt, wo er so lange blieb, bis er wieder abgeholt werden konnte, um zurück in eine normale Justizvollzugsanstalt verlegt zu werden.

Auf dieser Insel wurden hauptsächlich Straftäter mit guten Prognosen untergebracht. Nur wer sich vorher durch gute Führung bewährt hatte, fleißig war und niemanden angegriffen hatte, bekam die Chance, seine Haftstrafe hier zu verbüßen. Das Besondere war, dass die Männer dort fast wie in einem normalen Dorf leben konnten. Es wurden Schweine, Hühner und Gänse gehalten, und es gab auch ein wenig Landwirtschaft. Auf den Feldern wuchsen Mais, Weizen, Roggen und Gerste. Somit bestand die Ernährung der Männer hauptsächlich aus eigenen Erträgen. Jeder Gefangene bekam eine Arbeit zugeteilt, die er zu verrichten hatte. Echtes Geld erhielten sie dafür jedoch nicht. Entlohnt wurden die Männer durch ein Punktesystem, womit sie in einem Magazin einkaufen konnten, das regelmäßig durch ein Versorgungsschiff beliefert wurde.

Auf der Insel gab es eine Verwaltung, eine Kantine und sogar eine kleine Bibliothek. Die Unterkünfte blieben Tag und Nacht offen. Nur zu festgelegten Ruhezeiten hatten sich alle dort aufzuhalten, was jedoch nur sporadisch kontrolliert wurde.

Offiziell waren auch die Sträflinge der geheimen Insel hier untergebracht worden. Dass dies nicht der Wahrheit entsprach, wusste nur ein kleiner Kreis. Es ging einfach nur darum, dass man belegen konnte, wohin man die ausgesetzten Strafgefangenen gebracht hatte, falls sich jemand dafür interessierte, da niemand etwas über die geheime Insel erfahren durfte. Es fragte jedoch keiner danach, da man vorher genau dokumentiert hatte, ob jemand Angehörige hatte oder Besuch bekam. Diese Männer kamen für das Experiment nicht infrage.

Bei der Entscheidung, wer auf welche Insel gebracht wurde, kam es darauf an, ob die Insassen bereit waren zu arbeiten. Dies hatte man bereits in der Justizvollzugsanstalt eindeutig zuordnen können. Alle, die schließlich auf der geheimen Insel ausgesetzt worden waren, hatten sich geweigert, irgendetwas zu tun. Sie waren der Meinung, da man sie inhaftiert hatte, musste man sie nun auch versorgen. Im Prinzip war das schon so. Man konnte niemanden zur Arbeit zwingen. Unterkunft und Essen bekamen sie selbstverständlich trotzdem umsonst. Die Männer beklagten, dass sie ja nicht viel für sich behalten durften, wenn sie arbeiteten. Lieber taten sie dann gar nichts. Sie lagen auf ihren Pritschen herum, sahen fern, lasen Bücher aus der Gefängnisbibliothek und spazierten während des Hofganges, der jedem zustand, gemütlich mit den anderen plaudernd, auf dem eingezäunten Gelände herum. Das Essen wurde ihnen gebracht, und die Hafträume wurden beheizt. Sie brauchten sich um nichts zu kümmern.

So war es kein Wunder, dass viele Häftlinge, die man auf die geheime Insel gebracht hatte, sehr unzufrieden waren. Sie wünschten sich ihre Gefängniszelle zurück und hofften, man würde sie wieder dorthin bringen.

Nun zwang sie zwar auch niemand zur Arbeit, aber wenn sie nicht verhungern wollten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich in irgendeiner Form zu betätigen.

Ein paar der Häftlinge durchstreiften die Insel auf der Suche nach Früchten, als sie plötzlich einen merkwürdigen Geruch wahrnahmen.

„Wonach stinkt es denn hier so?“, fragte Harry Bender, der mit von der Partie war, und zog die Nase kraus.

„Es riecht nach Ziegen“, meinte ein anderer. Manche nickten und empfanden es auch so.

„Da bin ich aber jetzt mal gespannt!“ Bender übernahm die Führung und stapfte eilig voraus. Tatsächlich war nach einer Weile deutlich das Meckern von Ziegen zu hören. Schließlich endete das Gelände abrupt. Sie standen vor einem steilen Abhang und blickten in ein Tal voller verwilderter Ziegen hinunter. Ein eklig beißender Geruch stieg zu ihnen empor.

„Heute Abend gibt es Ziegenbraten!“ Einer der Männer rieb sich voller Vorfreude die Hände. Ohne zu überlegen, begannen sie, den Abhang hinunterzuklettern. Als sie etwa die Hälfte geschafft hatten, löste sich ein Felsbrocken, auf dem einer von ihnen Halt gesucht hatte. Mit einem markerschütternden Schrei stürzte er in die Tiefe. Hart prallte er auf den felsigen, vollgekoteten Boden.

„Der ist hin!“, sagte ein anderer emotionslos und sah nach unten.

„Quatsch! Der bewegt sich noch“, meinte Bender. „Los, machen wir, dass wir runterkommen. Aber passt auf! Nicht, dass noch einer abschmiert.“

Es stellte sich heraus, dass sich der Mann ein Bein gebrochen hatte.

„Und nun?“, fragte einer. „Ich dachte eigentlich, wir nehmen einen Ziegenbraten mit. Stattdessen sollen wir den jetzt mitschleppen, oder was?“

Die anderen sahen ihn irritiert an. Man konnte doch den Mann hier nicht liegen lassen! Aber wie sollte man ihn den Felsen hinaufbekommen?

Bender beugte sich über den Verletzten. „So können wir dich unmöglich zurückbringen“, sagte er schulterzuckend.

Der Mann geriet in Panik. Er traute es den anderen zu, dass sie ihn nun einfach hier liegen ließen. „Ihr müsst mich mitnehmen!“, wimmerte er. „Egal wie!“

Doch als man versuchte, ihn anzuheben, wurde sehr schnell klar, dass es einfach nicht möglich war. Der Verletzte brüllte vor Schmerzen. Man hatte keine Trage und wusste auch nicht, wie man ihn den Hang hinaufbringen konnte.

„Vielleicht gibt es noch einen anderen Weg“, überlegte einer. „Die Ziegen haben bestimmt Pfade, auf denen sie aus der Schlucht hinauskommen.“

Das war logisch, und die Männer machten sich auf die Suche. Die Ziegen stoben sofort wild davon, als sie sich ihnen näherten. Tatsächlich gab es schmale Tierpfade, die die Ziegen getreten hatten, um im Umland zu grasen. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Wege zu einem anderen Teil der Insel führten. Man hätte einen riesigen Umweg in Kauf nehmen müssen, um zurück zu dem kleinen Hospital zu kommen.

„Es hilft alles nichts“, sagte Bender schließlich. „Wir müssen zurück! Der Doktor soll mit den Krankenpflegern kommen. Dafür sind sie schließlich da.“

„Lasst mich nicht allein hier zurück!“, brüllte der Verletzte sofort.

„Warum?“ Bender schob die Unterlippe vor. „Hast du Angst vor den Ziegen?“

„Nein. Aber schickt ihr ganz bestimmt den Doktor?“ Der Mann wusste genau, dass er verloren war, wenn die anderen einfach verschwiegen, dass er hier lag.

„Ich bleibe bei dir“, bot sich einer an, der auf Anhieb verstanden hatte, was in dem Mann vorging. Er selbst hätte dieselben Bedenken gehabt.

„Wir nehmen aber mindestens eine Ziege zum Abendessen mit!“, grinste einer.

„Du bist ein Depp!“ Bender hatte das Gefühl, nur von Idioten umgeben zu sein. „Wie willst du die fangen? Und dann? Erwürgen, oder was? Oder hast du eine Hundeleine dabei und hoffst, dass sie brav mitgeht?“ Er schüttelte genervt den Kopf.

Auch ein zweiter Mann erklärte sich bereit, bei dem Verletzten zu bleiben. Jetzt wurde offensichtlich, dass einer dem anderen nicht traute. Falls keine Hilfe kam, waren sie nun wenigstens zu zweit und konnten dem Mann vielleicht irgendwie beistehen, dachte er.

Es war sehr mühsam, den Felsen wieder hinaufzuklettern. Runter war es einfacher gegangen. Es wäre gar nicht daran zu denken gewesen, den Verletzten mit dem gebrochenen Bein ohne Hilfsmittel nach oben zu transportieren. Nachdem die Männer das Plateau erreicht und sich noch einmal winkend verabschiedet hatten, hieß es nun, abzuwarten.

Die beiden Helfer betteten den Verletzten so bequem, wie es in der Situation möglich war, setzten sich neben ihn und warteten. Die Ziegen kamen langsam zurück. Vorsichtig näherten sie sich. Sie hatten keinerlei Erfahrung mit Menschen und wussten nicht, was sie von ihnen zu halten hatten. In einem Umkreis von etwa drei Metern blieben sie stehen.

„Glaubt ihr, sie wollen uns angreifen?“ Einer der Männer rutschte unruhig auf dem Boden herum.

„Ach was! Sind doch bloß Ziegen!“, meinte der andere. Er hob den Arm und machte eine scheuchende Bewegung. Sofort zogen sich die Tiere ein paar Meter zurück.

„Na also!“ Er lachte. Doch im nächsten Moment rückten die Ziegen noch näher heran. Sie waren durch die Gebärde neugierig geworden. Der Ring der Ziegen schloss sich immer enger um den am Boden liegenden Mann und die beiden Helfer, und es schienen immer mehr zu werden.

Auf dem Rückweg fanden die Männer Bananen, Kokosnüsse und unbekannte rote Früchte, die sehr lecker aussahen. Sie brachten alles in das behelfsmäßige Lager, das sie in der Nähe des kleinen Gebäudes errichtet hatten.

Harry Bender marschierte sofort zum Hospital und rief nach Dr. Berg. Als er berichtet hatte, was sich zugetragen hatte, überlegte Berg kurz und nickte.

„Warten Sie hier! Ich komme gleich.“ Er packte alles zusammen, was er seiner Meinung nach brauchen würde. Einen der Pfleger musste er hierlassen, da er die beiden Krankenschwestern nicht schutzlos zurücklassen wollte.

„Ich brauche mehrere Männer, um den Verletzten aus der Schlucht zu holen und hierherzutragen“, sagte er ruhig zu Bender, „und Sie müssen leider auch noch mal mit, weil Sie den Weg dorthin kennen.“

„Okay.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, rannte Bender zu den anderen und fragte, wer mitgehen würde. Sven Sörensen, Manfred Rupp und noch einige andere meldeten sich sofort.

Als sie aufbrachen, wurde es bereits dunkel. Dr. Berg lief mit Harry Bender an der Spitze. Die anderen folgten, und der Krankenpfleger Max bildete das Schlusslicht. Sie hatten eine Trage bei sich, mehrere Seile, Schienen für das verletzte Bein, Verbandsmaterial und noch einige andere Dinge, die hilfreich sein konnten. Berg schleppte seinen Notfallkoffer mit sich, den ihm Sörensen nach einer Weile wortlos abnahm. Berg nickte ihm dankbar zu.

Der Weg über die Insel schien kein Ende zu nehmen.

„Sind Sie sicher, dass wir hier richtig sind?“ Berg sah zu Harry Bender hinüber und erschrak. Mit geübtem Blick erkannte er, dass Bender am Ende seiner Kräfte war. Nicht mehr lange, und er würde schlappmachen. „Halt!“, stoppte er sofort die Kolonne. „Wir machen eine kurze Pause!“

Die anderen guckten verwundert. Was war jetzt wieder los? Sie waren gerade mal eine Stunde gegangen. Bender ließ sich zu Boden gleiten. Er hatte tatsächlich keine Kraft mehr, wollte es aber sich und den anderen nicht eingestehen. Er war solche Gewaltmärsche nicht gewohnt, da er sich ja vorher monatelang körperlich nicht anstrengen musste. Außerdem hatte er wenig getrunken und nichts gegessen. Vor seinen Augen flimmerte es, und seine Beine fühlten sich an wie aus Gummi.

Max kam nach vorne und drückte Bender eine Wasserflasche in die Hand. „Trink erst mal was, dann geht’s dir besser!“, meinte er. Berg nickte zustimmend. Ohne Bender würden sie den Verletzten nicht finden. Die Insel war zwar nicht der brasilianische Regenwald, aber so klein, dass man sie in kurzer Zeit durchwandern konnte, war sie nun auch nicht. Und man wusste ja nicht, wo man suchen sollte. Nach einer Weile ging es weiter.

Plötzlich blieb Bender orientierungslos stehen. „Ich weiß nicht, ob wir hier waren“, sagte er zweifelnd. „Alles sieht irgendwie gleich aus.“

Berg hatte das befürchtet. Im Dunklen war es kaum noch möglich, etwas zu erkennen. „Egal. Wir müssen weiter!“, sagte er trotzdem. Viel weiter kamen sie jedoch nicht. Bender sackte auf einmal in sich zusammen und rollte über den steinigen Boden, ehe Berg es verhindern konnte.

Zunächst wollte man ihn auf die Trage betten, die man für den Verletzten mitgenommen hatte, aber sehr schnell war man sich einig, dass es wenig Sinn hatte, wenn Bender ohnehin nicht mehr wusste, wo sie sich befanden.

„Ich kann nicht mehr. Geht einfach ohne mich weiter“, sagte er kraftlos. „Wenn ihr den Gestank der Ziegen riecht, seid ihr richtig!“

„Gut.“ Dr. Berg blickte im Dunkeln um sich. Sehen konnte er nicht sehr viel. „Ich würde vorschlagen, dass wir es ohne ihn probieren. Wir müssen irgendwie zu dem Verletzten gelangen! Wir teilen uns auf. Zwei Leute bleiben bei Bender. Wenn wir nicht zurückkommen, müsst ihr sehen, wie ihr wieder zum Lager kommt.“ Alle nickten zustimmend, soweit man das bei der Dunkelheit erkennen konnte.

„Passen Sie aber auf, Doktor“, warnte Bender, „da geht es irgendwo ganz plötzlich den Hang hinunter! Das sehen Sie im Dunkeln nicht!“

„Danke!“ Berg klopfte ihm auf die Schulter. „Los, Leute, gehen wir!“, bestimmte er und stapfte voraus.

Im Morgengrauen erreichte der Rettungstrupp schließlich das Plateau, von dem aus der Felsen steil abfiel. Tatsächlich waren die Männer seit geraumer Zeit dem Geruch der Ziegen gefolgt. Hören konnten sie jedoch nichts. Vorsichtig näherten sie sich dem Abgrund und blickten in das Tal hinunter.

Was sie sahen, verschlug ihnen zunächst die Sprache. Die drei Männer, die dort unten auf sie warteten, waren erst nach genauerem Hinsehen zu entdecken. Um sie herum lagen oder standen Hunderte von Ziegen! Einige hatten sich direkt zu dem Verletzten und den anderen beiden gelegt. Manche hatten sogar ihre Köpfe auf die Beine und Bäuche der Männer gekuschelt, die das nicht zu stören schien, da sie friedlich schliefen.

„Das glaube ich jetzt nicht!“, fand Dr. Berg als Erster seine Sprache wieder.

Sofort waren die Ziegen in Alarmbereitschaft. Ihrem Instinkt folgend, blieben immer einige wach und beschützten die Schlafenden. Ein riesiges Getöse entstand, als plötzlich alle Ziegen aufsprangen und anfingen zu meckern. Berg bedeutete den anderen, sich ruhig zu verhalten. Hoffentlich wurden die Tiere nicht panisch und trampelten über den Verletzten, dachte er besorgt. Seine Befürchtung war jedoch unbegründet. Die Ziegen waren so vorsichtig, als wüssten sie, dass der kranke Mann hilflos war.

Dr. Berg und Max begannen, sich abzuseilen. Die anderen sollten oben bleiben, um anschließend die Trage hinaufzuziehen. Dann ging alles sehr schnell. Berg gab dem Verletzten eine schmerzstillende Spritze und untersuchte das Bein. Es war eindeutig gebrochen. Er winkte den anderen, damit sie die Trage herunterließen. Inzwischen schiente er das gebrochene Bein. Zusammen mit Max bettete er den Mann auf die Trage.

Fast zentimeterweise wurde die Trage anschließend vorsichtig nach oben gezogen. Max blieb immer daneben und hielt sie fest, damit sie nicht mit dem Verletzten gegen den Felsen schlug. Diese Erschütterung hätte ihm unsagbare Schmerzen bereitet. Dr. Berg und die anderen beiden, die im Tal die Nacht verbracht hatten, kletterten hinterher.

Als sie unbeschadet oben angekommen waren, begann der Rückmarsch. Ohne lange zu fragen, übernahmen Sörensen und Rupp sofort die Trage mit dem verletzten Mann und stapften los. Später wollte man sich abwechseln. Unterwegs trafen sie wieder auf Bender und die anderen. Bender ging es inzwischen besser, sodass schließlich alle nach wenigen Stunden im Lager vor dem Hospital eintrafen.

Andy, der Krankenpfleger, von dem niemand wusste, woher er stammte, hatte alle Hände voll zu tun. Immer mehr Männer versammelten sich vor dem kleinen Krankenhaus. Zunächst waren es nur zwei gewesen, die behaupteten, ihnen wäre schlecht. Andy ließ sie nicht hinein, da er ihnen nicht glaubte. Er musste vorsichtig sein. Viele versuchten, durch irgendwelche Tricks in das Innere des Gebäudes zu gelangen, da sie sich dort eine bequeme Versorgung erhofften. Erst als sie sich vor dem Sicherheitstor erbrachen und mit gelblichen Gesichtern in sich zusammensackten, dämmerte ihm, dass die Männer wirklich Hilfe brauchten.

„Was ist los mit euch?“, herrschte er sie an. Die beiden waren kaum fähig zu antworten. Es schien um irgendwelche Früchte zu gehen, die sie offenbar gegessen hatten.

„Was war das für ein Zeug?“ Andy stemmte die Hände in die Seiten und sah auf die am Boden liegenden Männer herab.

„Die anderen haben die Früchte aus dem Wald mitgebracht!“, wimmerte einer.

„Verdammt noch mal! Müsst ihr denn alles fressen, wenn ihr es nicht kennt?“, brüllte Andy grob. Er war da nicht zimperlich. Schließlich ließ er die beiden doch herein und brachte sie in das kleine Behandlungszimmer. Eigentlich hätte er jetzt Dr. Berg gebraucht, aber der war nun mal nicht da. Also machte er sich selbst daran, den beiden die Mägen auszupumpen. Das war nicht sehr schön. Während Marion neben ihm stand und half, hielt sich Katharina bleich im Hintergrund. Sie war nicht in der Lage, etwas zu tun. Der Krankenpfleger schrie sie zwar ein paarmal an, aber es half alles nichts. Sie stürzte hinaus und übergab sich.

Als Dr. Berg mit den anderen das Hospital erreichte, war er zunächst fassungslos, als er die Ansammlung von Männern vor dem Gebäude sah.

„Was ist denn hier los?“ Entsetzt betrachtete er die hilflos am Boden kauernden Gestalten. Im ersten Moment dachte er an eine Epidemie. Bloß das nicht! Die Kapazitäten des kleinen Krankenhauses würden nicht ausreichen, um alle ärztlich zu versorgen. Dazu war man nicht ausgerüstet. Und die Krankheit würde sich in Windeseile ausbreiten!

Recht schnell erfuhr er aber, dass die Männer unbekannte Früchte gegessen hatten, und man vermutete, sie hätten sich damit vergiftet. Sofort schickte Berg Sörensen los. Er sollte alle warnen und ihm einige der in Verdacht geratenen Früchte bringen.

Als Berg endlich den Mann mit dem gebrochenen Bein im Krankenhaus versorgte, sah ihn Andy, der Krankenpfleger, unsicher von der Seite an. Was würde es jetzt geben? Er wusste genau, dass er nicht befugt war, jemandem den Magen auszupumpen. Er konnte das zwar, weil er es früher schon öfter getan hatte, aber als Krankenpfleger durfte er es normalerweise nicht.

Berg reagierte nicht. Er hatte gerade andere Sorgen. „Wo zum Teufel ist die andere Krankenschwester?“, rief er entnervt. „Sie soll sofort hierherkommen und assistieren!“, befahl er. Marion war nicht gemeint. Sie stand nach wie vor an Andys Seite und half ihm.

Als Berg keine Antwort bekam, wurde er böse. „Was ist hier los? Macht hier vielleicht irgendeiner mal das, was ich anordne?“ Das war ungerecht. Alle anderen taten, was sie konnten. Nur Katharina blieb verschwunden.

„Ich glaube, sie ist in der Küche“, wagte Marion schüchtern einzuwenden.

„Was will sie denn da? Sie wird hier gebraucht!“ Berg schüttelte den Kopf, als niemand reagierte. Der Mann mit dem Beinbruch war versorgt und wurde von Max in eines der Krankenzimmer gerollt. Berg hatte nun genug. Er rannte hinüber in die kleine Küche und fand dort tatsächlich Katharina am Herd stehend vor, auf dem mehrere Töpfe mit Suppe vor sich hin brodelten.

„Sie sollen sich um die Kranken kümmern und nicht hier herumkochen!“, fuhr er sie barsch an.

„Aber ich wollte doch nur für die Patienten das Essen herrichten!“, sagte sie harmlos und schenkte ihm einen Augenaufschlag.

„Nein. Die können und dürfen heute sowieso nichts mehr essen! Die kriegen nur Wasser. Und morgen Tee und ein bisschen Zwieback! Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?“

„Ach, mir geht es gar nicht gut!“, jammerte sie und presste mit gekonnt verzerrtem Gesicht beide Hände auf ihren Magen.

„Sie haben aber nicht etwa auch von diesen unbekannten Früchten gegessen?“, fragte Berg misstrauisch. Er fasste sie an der Schulter, um sie sich näher anzusehen.

„Nein, aber ich fühle mich schon die ganze Zeit nicht wohl“, log sie und ließ sich stöhnend zu Boden sinken. Berg blieb gar nichts anderes übrig, als sie aufzufangen. Er zog sie zu einem Stuhl, wobei sie plötzlich die Arme um seinen Nacken schlang und sich an ihm festhielt. In diesem Augenblick erschien Marion in der Tür. Entsetzt blickte sie auf das Szenario. Berg fühlte sich ertappt und bekam einen roten Kopf, obwohl er an dieser kompromittierenden Situation völlig unschuldig war. Wortlos drehte Marion sich um und rannte zurück in den Behandlungsraum. Diese Schlange, dachte sie bitter. Sie leistet nichts und wirft sich bei erster Gelegenheit dem Doktor an den Hals!

„Wenn Ihnen nicht gut ist, gehen Sie auf Ihr Zimmer, und legen Sie sich hin!“ Abrupt löste sich Berg aus Katharinas Umklammerung und stürzte hinaus. Er ärgerte sich maßlos. Weiber!

Man hatte zu wenig Platz, um alle Kranken unterzubringen. Nur die schlimmsten Fälle bekamen ein weiß bezogenes Bett. Alle anderen durften zwar zur Beobachtung bleiben, mussten sich jedoch einen Platz auf dem Fußboden suchen. Die Pfleger gaben ihnen Decken und Kissen, womit sie es sich halbwegs bequem machen konnten.

Erstaunt begutachtete Berg die roten Früchte, die Sörensen ihm brachte. Sie waren auch ihm völlig unbekannt. Ob die Vergiftungserscheinungen der Männer davon kamen, wusste er nicht, aber die Vermutung lag nahe. Er hatte keine Möglichkeit, die Früchte zu analysieren. Dazu fehlte ihm die notwendige Ausstattung. Er wollte sie jedoch mit dem Versorgungsschiff auf das Festland schicken, um Klarheit zu gewinnen.

Um es vorwegzunehmen – er hörte nie wieder etwas darüber. Es interessierte sich schlicht und ergreifend niemand dafür. Man las an maßgeblicher Stelle sein Schreiben eher gelangweilt und warf es mitsamt der Früchte dann einfach in den Müll. Somit war das Thema erledigt, und es musste sich keiner mehr darum kümmern.

„Marion, haben wir Zwieback hier?“, fragte Dr. Berg, als sei dies gerade das Wichtigste auf der Welt. Marion nickte. „Ja. Wir haben davon einige Pakete da“, sagte sie ruhig, ohne ihn dabei anzusehen.

„Gut.“ Berg zögerte. Ihm war die Situation sichtlich unangenehm. „Bitte versorgen Sie die Kranken morgen mit Tee und Zwieback!“, ordnete er an.

„Heute sollen sie gar nichts bekommen?“

„Nein. Nur Wasser. Bitte sagen Sie es allen anderen auch.“

„Ja. Selbstverständlich.“

„Danke.“ Er nickte ihr zu.

„Bitte.“ Sie blieb kühl, jedoch völlig korrekt und ließ sich nichts anmerken.

Am nächsten Tag ging es den meisten wesentlich besser. Fast alle konnten aus dem Hospital entlassen werden. Berg hatte zunächst abgewartet, wie sie den Tee und den Zwieback vertrugen. Als sich bis zum Mittag niemand mehr übergeben musste oder Magenschmerzen bekam, atmete er erleichtert auf. Das hätte böse ausgehen können! Drei der Männer durften noch bleiben, da sie sehr wackelig auf den Beinen waren. Sie waren zu sehr geschwächt und sollten sich noch einen Tag lang erholen, entschied Berg.

Als er den Pflegern entsprechende Anweisungen gab, fiel ihm auf, dass Andy ihm nicht in die Augen sehen konnte. Welches Problem wartet denn nun hier schon wieder auf mich, dachte Berg alarmiert. Definitiv stimmte etwas nicht mit dem Mann. Offenbar hatte er ein schlechtes Gewissen – weshalb auch immer.

„Andy! Bitte kommen Sie gleich einmal zu mir“, sagte er möglichst belanglos.

Der Krankenpfleger zuckte zusammen wie unter einem Schlag. Vorbei! Das war es nun! Er hatte gedacht, dass sich hier niemand für seine Vergangenheit interessieren würde. Offenbar war dem aber nicht so. Ich kann eigentlich schon anfangen, meinen Koffer zu packen, dachte er verzweifelt. Das ist schnell erledigt. Viel ist es sowieso nicht.

Zu Boden blickend und mit hängenden Schultern tappte er hinter Berg her. Als sich die Tür geschlossen hatte, betrachtete sich Berg den Krankenpfleger etwas genauer. Es war ganz offensichtlich, dass er etwas zu verbergen hatte.

„Wollen Sie mir etwas sagen?“, fragte Berg ernst. Sein Ton war jedoch nicht unfreundlich.

„Was soll ich Ihnen jetzt noch sagen?“ Andy schob trotzig die Unterlippe vor und zuckte mit den Schultern. „Sie wissen doch sowieso schon alles!“

„Was soll ich wissen? Ich habe keine Ahnung. Sie sprechen in Rätseln!“

„Na ja. Die Sache mit dem Magenauspumpen. Hätte ich gar nicht gedurft!“

„Hat sich jemand darüber beschwert?“

„Nein.“

„Und wo ist jetzt das Problem?“

„Ich dachte, Sie schmeißen mich deshalb raus!“

„Weshalb? Sie haben das hervorragend gemacht!“

„Danke.“

„Woher können Sie so etwas?“ Berg dämmerte es langsam, wohin die Reise ging. Er vermutete, dass er hier keinen Krankenpfleger vor sich hatte.

„Ich habe ein paar Mal zugesehen“, log Andy. „Sie waren ja nicht da, und ich musste etwas tun!“ Als er es sagte, lag kein Vorwurf in seiner Stimme.

„Sie haben alles richtig gemacht!“ Berg nickte ihm anerkennend zu. „Machen Sie sich keine Gedanken. Wenn uns einer dumm kommt, werden wir das schon regeln. Auch wenn ich gerne mehr über Sie erfahren würde, obliegt es Ihnen, was Sie mir erzählen wollen.“

Der Krankenpfleger nickte langsam. „Vielleicht ein anderes Mal“, sagte er leise. „Kann ich jetzt gehen?“

„Ja, natürlich.“ Nachdenklich blickte Berg ihm nach. Der Mann trug ein Geheimnis mit sich herum, da war er sich ganz sicher.

Gegen Abend lief er in Begleitung von Max hinüber zu den selbst gebauten Hütten, um nach den Kranken zu sehen. Offenbar ging es den Leuten wieder recht gut. Sie saßen um die Feuerstellen herum und brieten Fische an zugespitzten Stöcken über der Glut. Töpfe mit Reis waren über anderen Feuerstellen befestigt worden und simmerten vor sich hin.

„Doktor!“ Sörensen kam ihm freudestrahlend entgegen. „Das ist aber schön, dass Sie uns besuchen kommen!“ Er drückte ihm einen Stock mit einem aufgespießten Fisch in die Hand. „Setzen Sie sich dazu!“, forderte er ihn auf. „Die Fische schmecken köstlich!“