Die Gehilfin des Buchdruckers - Stephanie Rapp - E-Book

Die Gehilfin des Buchdruckers E-Book

Stephanie Rapp

4,9

Beschreibung

Deutschland im Jahr 1496: Als ihr Vater stirbt, ist Bäuerin Lisbeth ihrem Lehnsherrn hilflos ausgeliefert. Der neue Nachbar Lucas Strom ist ihre einzige Rettung. Doch der Fremde hütet ein Geheimnis, das seine Familie in den Abgrund reißen könnte. Als Buchdrucker Peter Schöffer um seinen Sohn trauert, ahnt er nicht, unter welchen Umständen er ihm noch einmal begegnen wird. Die Magd Lena trägt eine gewaltige Schuld, die ihr Leben zerstören wird. Doch der Mönch Martin Luther verändert die Welt für immer. Eine großartige Familiensaga vor dem Hintergrund der Reformation. Ein meisterhaftes Porträt einer Epoche, die unsere Welt bis heute prägt.

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Der SCM-Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

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ISBN 978-3-7751-7272-1 (E-Book)ISBN 978-3-7751-5514-4 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book:Satz & Medien Wieser, Stolberg

© der deutschen Ausgabe 2015SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 HolzgerlingenInternet: www.scmedien.de · E-Mail: [email protected]

Umschlaggestaltung: Jan Henkel, www.janhenkel.comTitelbild: Frau: Elisabeth Ansley / trevillion images; Junge, Rose, Muster: istockphoto.comAutorenbild: © Fotostudio FotoinitiativeAbbildung S. 6: Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Signatur: B engl. 1526 01Satz: Satz & Medien Wieser

für J. C.

Inhalt

Prolog

TEIL I

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

TEIL II

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

TEIL III

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

TEIL IV

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Epilog

Nachwort der Autorin und Danksagung

Anmerkungen

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Prolog

Stuttgart, 1996Nach einer wahren Begebenheit

Mit einem dumpfen Knall landeten die beiden Bücher auf dem Teppich. »Mist«, murmelte Rebecca und kletterte die Leiter ganz hinunter. Frau Dr. Habermaier streckte den Kopf zur Tür herein. »Alles in Ordnung?« Sie schob ihre Brille hoch und runzelte die Stirn, als sie die beiden Lederbände neben der Leiter liegen sah. »Diese Bibeln sind fünfhundert Jahre alt«, sagte sie.

»Tut mir leid«, erwiderte Rebecca, hob die beiden Bände auf und legte sie vorsichtig auf die Filzmatte neben ihrem Computer. Unter dem Blick ihrer älteren Kollegin streifte sie sich ihre Handschuhe über, öffnete den ersten Band und tippte den Titel in die Softwaremaske ein. Frau Dr. Habermaier sah ihr zu, wie sie eine neue Datei für das Buch anlegte, und verschwand wieder. Rebecca zog das andere Buch heran. Innen im Buchdeckel war etwas handschriftlich eingetragen, es war schon fast verblasst. Sie nahm die Lupe zur Hand und besah sich die Buchstaben.

Gib deine Träume nie auf. Dies Buch gibt Zeugnis.Für meinen Sohn.Peter Schöffer, Worms 15 …

Der Rest der Schrift war verlaufen. Sie sah sich das Titelblatt an.

The newe Testament as it was written and caused to be written by them which had hearde yt.

Rebecca runzelte die Stirn. Das war Englisch. Eine alte englische Bibel. Wie war eine alte englische Bibel im Jahre fünfzehnhundertirgendwas ausgerechnet nach Worms gekommen?

Sie schlug das Buch in der Mitte auf. Ein Holzschnitt eines jungen Mannes, der auf einem Stein sitzend ein Buch vor sich geöffnet hatte, jedoch in den Himmel aufsah, als fände er dort Antworten, war oben links abgebildet.

The Gospell of Sancte Johne

So lautete die Überschrift daneben.

Sie wusste, dass sie sich eigentlich dem Computer zuwenden sollte, aber irgendetwas ließ sie weiterblättern. Fasziniert betrachtete sie die anderen Holzschnitte – ein Mönch in wallender Kutte, der eine Handschrift kopierte; ein Herrscher auf einem Thron, über dem der Heilige Geist schwebte. Der Druck war ein wahres Kunstwerk. Sie schlug mehrere Seiten um und bemerkte beim Römerbrief eine Unregelmäßigkeit, eine Erhöhung unter den Seiten, als hätte jemand weiter hinten ein Lesezeichen hineingelegt. Sie blätterte weiter und fand es. Ein gefaltetes Blatt. Ohne Schutzvorkehrungen durfte sie es eigentlich nicht öffnen. Was, wenn es beim Entfalten auseinanderfiel? Sie sah kurz in Richtung Tür, zögerte, nahm es dann zur Hand und zog es Zentimeter für Zentimeter auseinander. Es war auf der Vorderseite und der Rückseite beschrieben.

Reichskammergericht, Frankfurt 1495:Wir Maximilian bieten dem Hochwürdigen Kurfürsten der Pfalz unsere freundschaftliche Gnade und alles Gute. Nachdem Lucas Heller an unserem Kaiserlichen Reichskammergericht keine Folge getan und mit Urteil und Recht in des Reiches Acht gefallen, so verkünden wir hier mit diesem Kaiserlichen offenen Brief oder glaubwürdiger Abschrift, dass jeder denselben Lucas Heller – als unsern und des Reichs Geächteten – weder in Fürstentümern, Gebieten, Gerichten, Schlössern, Städten, Märkten, Dörfern, Höfen, Häusern oder Behausungen einlassen, behausen, bewirten, dulden, schützen oder schirmen – auch nicht Geschäfte mit ihm machen darf, weder heimlich noch öffentlich. Sondern er darf seinen Leib, Hab und Gut aufhalten, angreifen, bekümmern, verhaften. Ihr werdet ersucht, sich keiner auf den anderen zu berufen oder Entschuldigung zu suchen, sondern gegen den Geächteten zu handeln und vorzugehen, wie sich das gegen einen Geächteten gehört, bis er zu unser und des Reichs Gehorsam gebracht wird.

Ein Achtbrief – über eine Person namens Lucas Heller. Warum liegt ein Achtbrief in einer englischen Bibel?

Sie drehte das Blatt vorsichtig um. Jemand hatte auf die Rückseite mit groben Strichen einen Stammbaum gezeichnet. Die Aufzeichnungen waren fast vollständig verblasst. Sie konnte zwei Namen entziffern: Lucas Heller und Gerold von Laubenstein. Sie standen an der Spitze des Stammbaumes. Etwas weiter rechts, auf gleicher Höhe, erschien wieder der Name Peter Schöffer.

Rebecca stand auf, ging in den Nebenraum und griff nach einer Enzyklopädie. Sie suchte nach Lucas Heller, fand aber keinen Eintrag. Dann nahm sie den Band zu Schö. Es gab tatsächlich einen Artikel über Peter Schöffer, nein, es gab sogar zwei. Einen über Peter Schöffer den Älteren und einen über seinen Sohn. Peter Schöffer der Jüngere hatte tatsächlich in Worms gelebt. Sie las den Abschnitt und hob überrascht die Augenbrauen. Sie eilte mit dem Lexikon zu ihrem Computer, wählte sich ins Internet ein, tippte New Testament und Worms in die Suchmaschine und stieß auf eine Liste englischer Zeitungsartikel. Die meisten handelten von Würmern – worms. Rebecca lächelte. Doch dann fiel ihr Blick auf einen Artikel aus der Times, der über einen Kauf berichtete, den die British Library London vor zwei Jahren getätigt hatte. Das kann nicht sein, dachte sie, als sie den Bericht durchgelesen hatte. Mit klopfendem Herzen zog sie den Katalog der internationalen Bibeldrucke zu sich und begann zu suchen. Nach einer Weile lehnte sie sich verblüfft zurück.

Meine Güte, das ist ja unglaublich. Von dieser Bibel waren nur zwei Exemplare bekannt, eines befand sich in der British Library und eines in der Bibliothek der St. Paul’s Cathedral in England – und keines war vollständig erhalten. Die British Library hatte ihr Exemplar 1994 aus einem alten Bestand in Großbritannien erworben, und zwar für eine Million Pfund!

Doch wenn sie sich nicht täuschte, dann gab es ein weiteres Exemplar. Von dem kein Mensch wusste. Es war eine Million Pfund wert und lag hier vor ihr auf dem Tisch. Im Archiv der Landesbibliothek Stuttgart.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

TEIL I

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Kapitel 1

Laubenheim in der Pfalz, September 1496

Der Atem ihres Vaters ging rasselnd. Er zog scharf die Luft ein und atmete gurgelnd wieder aus. Lisbeth spürte die Kälte des erdigen Bodens unter ihren Knien. Sie streichelte ihrem Vater über den Arm, atmete tief durch, küsste den Rosenkranz in ihrer Hand und ließ ihn in ihre Schürzentasche gleiten. Sie erhob sich vom Krankenlager, zog ihr grobes Wolltuch enger um die Schultern und ging langsam zum Tisch, auf dem in einem kleinen Ölnapf ein brennender Docht schwamm. Mit einem Holzbecher erstickte sie die Flamme. Das ist der Rest, den werde ich noch brauchen, dachte sie. Sie stellte sich im Dunkeln vors Feuer, das noch schwach glomm. Doch anstelle von Wärme spürte sie einen eisigen Windhauch: Die Luft fand ihren Weg durch die Spalten des Flechtwerks, mit dem die Fensterluken verschlossen waren, streifte sie und entwich über ihr durch das offene Kaminloch im Dach. Sie zitterte. Immerhin ein Opfer mehr, das den Heiligen gefällt.

Ihr Vater schien zu schlafen. Er hatte das Feuer des heiligen Antonius, bekam häufig plötzliche Krämpfe, und sein rechter Arm schien seltsam starr.

»Heiliger Quirin, erbarm dich über ihn«, flüsterte sie. Vielleicht sollte sie mehr Vaterunser beten. Womöglich war ihr Bruder deshalb gestorben, weil sie damals nicht genug gebetet hatte. Das durfte ihr nicht noch einmal passieren. Ich muss morgen nach Bruder Remigius Ausschau halten, dachte sie, er kann mir sagen, wie viele nötig sind. Der Mönch kam ab und zu in die Nähe des Dorfes, um die Beichte abzunehmen.

Unruhig schritt sie umher, bis sie schließlich die Tür der Hütte öffnete. Vielleicht würde der Todesgeruch durch die Öffnung fliehen. Sie blieb im Türrahmen stehen und blickte auf das Dorf. Die Häuser ragten im Mondschein wie schwarze Felsbrocken in den Nachthimmel, als hätte Gott sie dahingewürfelt, in ein grobes Netz von Gassen. In der Mitte des Dorfes erhob sich der Fachwerkturm der kleinen Kirche. Nirgends war Licht zu sehen. Am Ende des breiten Weges, dort, wo die Hütten der armen Häusler knapp aus dem Boden ragten, bewegte sich etwas. Lisbeth sah zwei Gestalten, die langsam näher kamen. Als sie das Haus des Schmieds passierten, zeichneten sich ihre Umrisse ab: Lisbeth erkannte die schmächtigen Schultern und O-Beine der kleineren Gestalt. Es war Joest, ihr Nachbar, der nach Hause kam, nachdem er ein paar Nächte im Gasthof seiner Schwester in Pfeddersheim verbracht hatte, wahrscheinlich, um sich von ihr und ihrem neuen Mann wieder Geld zu leihen oder um seinen Honig zu verkaufen. Obwohl Lisbeth nur die Silhouetten der beiden Männer erkennen konnte, war sie sicher, dass sie den anderen noch nie gesehen hatte – er war nicht aus Laubenheim. Niemand hier war von so großem Wuchs und hatte so breite Schultern wie dieser Schatten. Seine Bewegungen wirkten leicht, der Mann war kein Greis. Eine Weile beobachtete sie die beiden über ihren Kräutergarten hinweg, bis sie hinter Joests großem Haus aus ihrem Blickfeld verschwanden.

Lisbeth horchte. Manchmal knarrte das Tor zu Joests Haus, manchmal nicht. Eine Weile vernahm sie nichts, dann hörte sie ein leises Knarren.

Knarren bringt Unglück.

Durch das riesige Tor betraten die beiden Männer den dunklen Raum. Joest griff nach dem Kienspanhalter, der neben dem Tor auf dem Lehmboden stand, tastete auf einem angenagelten Brett nach der Zunderbüchse und brachte damit den eingespannten Kienspan zum Brennen, bevor er ihn aus dem Halter nahm. Schwarzer Ruß stieg empor. Lucas hatte noch nie eine so große Wohnkammer gesehen, die Wände verloren sich in der Dunkelheit. Das Haus glich einer Scheune, und rechts und links grunzte es hinter Verschlägen. Den Geruch kannte Lucas – in Heidelberg war er in jeder Gasse zu riechen. Er folgte Joest durch den großen freien Raum. Hier könnte man einen Erntekarren abstellen und daneben noch Getreide dreschen, dachte Lucas. Sie gingen an den Schweinen vorbei bis zum Ende, wo sich mit jedem Schritt mehr Möbel aus dem Dunkel schälten. Ganz hinten hing ein Topf über dem erloschenen Feuer der Kochstelle. Davor standen ein langer Tisch und zwei Bänke.

»Hier, setz dich einen Moment«, sagte Joest und zog die Bank ein Stück vom Tisch weg. Er wischte sich mit dem Ärmel über die glänzende Stirn. »Ich rufe Veit und Hate, sie werden dir alles zeigen und dir ein Lager richten.« Kraftlos ließ er sich auf den einzigen Schemel im Raum fallen. Lucas ließ sich auf der Bank nieder, unsicher, wie sich ein Knecht verhielt.

Mit schwacher Stimme rief Joest Veit und Hate. Es dauerte eine Weile, bis man es oben poltern hörte. Anscheinend hatten die Magd und der Knecht schon geschlafen. Einen Augenblick später hörte man Schritte, dann betraten zwei Halbwüchsige das Zimmer.

»Das ist der neue Knecht!« Joest deutete auf Lucas. »Ich habe ihn zufällig im Gasthaus eurer Mutter kennengelernt. Er war auf Arbeitssuche. Zeigt ihm alles.« Dann wandte er sich an das dünne Mädchen, das Lucas auf ungefähr dreizehn Jahre schätzte. »Geh, hol mir Wein und einen Eimer Wasser – mein Gesicht glüht.« Joest drehte sich zu Veit um, der Hate ähnlich sah und ungefähr gleich alt war. »Und du zeigst unserem neuen Knecht, wo er sich zum Schlafen legen kann. Ich fühl mich nicht gut, ich geh ins Bett, sobald ich etwas getrunken habe.«

Der schlaksige Junge trug seinen Arm in einer schmutzigen Schlinge. Lucas' Blick fiel auf sein Schulterblatt, das seltsam hervorstand. Er sah in Veits Augen, dass er schlimme Schmerzen hatte.

»Wie geht es der Mutter? Und den Brüdern und Schwestern?«, fragte der Junge, an Joest gewandt. Joest brummte nur, nahm Hate den hölzernen Krug aus der Hand und trank in großen Zügen. Ohne den beiden Kindern zu antworten, erhob er sich, griff nach dem Eimer Wasser, den das Mädchen neben ihn gestellt hatte, und verschwand in einem der beiden angrenzenden Räume. Veit und Hate wechselten Blicke.

»Seid Ihr aus Pfeddersheim?«, fragte das Mädchen Lucas.

Was sollte Lucas sagen? Er hatte sich noch keine Geschichte zurechtgelegt. »Nein«, antwortete er schroff, darauf hoffend, dass die Kinder nicht weiterfragen würden.

»Unsere Mutter ist mit dem Wirt vom ›Wilden Mann‹ in Pfeddersheim verheiratet. Joest ist ihr Bruder«, erklärte das Mädchen.

Lucas überlegte einen Moment lang, wie viel er preisgeben sollte. Die Kinder schienen Nachrichten über ihre Familie zu erwarten. »Im ›Wilden Mann‹ in Pfeddersheim war ich tatsächlich. Eure Mutter habe ich gesehen. Sie sah gesund aus.«

»Und unsere Geschwister, habt Ihr die auch gesehen?«

Lucas schüttelte den Kopf und hoffte, dass die beiden mit ihren Fragen aufhören würden.

»Ich zeig Euch Euer Lager«, sagte Veit und wandte sich zum Gehen. Lucas folgte ihm. Als sie im Dunkeln die enge Stiege hinaufkletterten, hörte Lucas den Jungen heftig atmen. Sie erreichten einen niedrigen Dachboden mit einem Fenster, über dessen obere Hälfte eine Schweinsblase gespannt war. Die Läden standen offen, sodass etwas Licht hereinfiel. Lucas musste unter dem niedrigen Giebel den Kopf einziehen.

»Ihr könnt den Strohsack da nehmen«, sagte Veit, »macht Euch einfach dort in der Ecke Euer Lager. Dort hat Lorenz geschlafen. Er ist vor zwei Wochen gestorben – am Fieber.«

Lucas nickte und trug den Sack in die Ecke, in die der Junge mit seinem gesunden Arm gedeutet hatte. »Du heißt Veit?«, fragte er, während er das Stroh aus dem Sack schüttelte.

Der Junge nickte. Im Mondlicht sah Lucas, dass das Gesicht des Jungen vor Schweiß glänzte.

»Ich heiße Lucas.« Er würde sich noch einen neuen Nachnamen überlegen müssen.

»Fremde sind im Dorf nicht willkommen«, sagte der Junge, »macht Euch auf was gefasst.«

Etwas anderes hatte Lucas nicht erwartet. Er nickte und deutete auf die Schulter des Jungen. »Was ist passiert?«

»Ich bin die Treppe hinuntergestürzt«, antwortete der Junge leise.

»Deine Schulter muss eingerenkt werden. Kennst du niemanden, der das machen kann?«

»Hier gibt es keinen Arzt.«

»Gibt es einen Einrenker? Vielleicht auf dem Markt?«

Veit schüttelte den Kopf, hielt dann aber inne, weil ihn die Kopfbewegung anscheinend schmerzte.

»Ich kann’s versuchen, wenn du willst«, sagte Lucas.

Der Junge blickte ihn unsicher an. Er schien abzuwägen, ob er diesem Fremden trauen konnte. Dann spiegelte sich in seinen Augen Mut, schließlich Angst. Diesen Blick hatte Lucas schon Hunderte Male gesehen. Zuerst aus der Ferne, später Auge in Auge. »Es wird kurz wehtun, aber danach wird es besser«, versprach er.

Veit nickte langsam. Lucas trat von hinten an ihn heran, ergriff mit einer Hand den Arm und drückte mit der anderen auf die Schulter. Dann bewegte er den Arm schräg nach oben, drehte ihn und führte ihn zurück. Veit schrie auf, aber Lucas hatte gelernt, Schreie zu überhören, er konzentrierte sich und wartete auf ein bestimmtes Geräusch. Der Junge weinte, das Gelenk knackte, Lucas ließ den Arm vorsichtig ab. Hinter ihnen stürmte das Mädchen in den Raum.

»Was zum Teufel …?«, schrie sie.

Lucas und Veit drehten sich beide zu ihr um. Lucas blickte verblüfft auf den Dreschflegel, den sie drohend erhoben hatte. »Ich habe seine Schulter wieder eingerenkt«, sagte er ruhig.

Mit seinem gesunden Arm wischte sich Veit schnell eine Träne weg und sagte: »Ist schon gut, es hat auch nur ein bisschen wehgetan. Es fühlt sich schon viel besser an.«

Das Mädchen blickte verwirrt von einem zum anderen und ließ dann den Dreschflegel sinken. »Seid Ihr ein Bader oder ein Heiler?«

Lucas schüttelte den Kopf. Die Geschwister schienen auf eine Erklärung zu warten, doch Lucas schwieg.

Eine Weile sagte niemand etwas, dann wandte Lucas den beiden den Rücken zu und schob das Stroh in seiner Ecke zu einem unbequemen Lager zusammen.

Im Nachbarhaus schreckte Lisbeth aus ihrem Psaltergebet auf. Der Schrei aus Joests Haus klang wie ein Ruf direkt aus der Hölle. Ihr Herz pochte gegen ihre Brust.

Der Fremde. Er bedeutet Unglück. Ich habe es gleich gewusst.

Heidelberg

In der kurfürstlichen Residenz zu Heidelberg öffnete sich die schwere Eichentür des Saales. Ein Kanzler betrat den hohen Raum, schritt an den Buntglasfenstern vorbei, verbeugte sich vor Kurfürst Philipp und sagte: »Der Schultheiß wartet in der Halle auf eine Audienz.«

Der Kurfürst saß alleine am großen Konferenztisch. Er hatte den Stuhl und den Tisch nahe an die Öffnung in der Mauer rücken lassen, durch die warme Luft von einem Feuer im Erdgeschoss strömte. Er blickte müde von seinen Papieren auf. »Ich sagte doch, dass ich nicht gestört werden will.«

»Der Schultheiß scheint mir sehr aufgeregt.«

Philipp seufzte laut und wedelte mit der Hand. »Also gut, ruf ihn herein.«

Die Leibwache öffnete die Tür und der Schultheiß betrat den Raum mit kleinen, schnellen Schritten. Er hatte vor Aufregung rote Flecken an Hals und Wangen, ein Phänomen, das der Kurfürst bisher nur bei Weibsbildern gesehen hatte. Bei den letzten Unterredungen war der Schultheiß immer sehr beherrscht und konzentriert gewesen. Was mochte geschehen sein?

»Hochwürden.« Der Schultheiß verbeugte sich so tief, dass die Glatze auf seinem Haupt aufleuchtete. Reflexartig warf der Kurfürst seine langen Locken über die Schulter – eine Bewegung, die er sich eigentlich abgewöhnen wollte.

Der Schultheiß richtete sich wieder auf. »Ich bin hier wegen Lucas Heller.«

»Was ist mit ihm?«

Die Augen des Schultheißen huschten in dem hohen Raum umher. Sein Blick glitt über die fünf Ministerialen, die wie eine schwarz gewandete Mauer vor den Teppichen am Gemäuer standen. Leise sagte er: »Ich frage mich, ob die Angelegenheit nicht zunächst ganz diskret besprochen werden sollte. Bisher weiß noch kein Heidelberger Bürger, was geschehen ist. Der Vorfall ist brisant, er befleckt die Ehre und Autorität der Stadt und damit auch Euer Ansehen.«

Der Kurfürst runzelte die Stirn und beugte sich vor. »So sprich leise«, sagte er.

»Er ist aus der Stadt verschwunden!«

Der Kurfürst sah ihn fragend an. »Besucht er Verwandte, macht er Einkäufe, was willst du mir damit sagen?«

Der Schultheiß trat einen Schritt näher heran, senkte die Stimme und gab seinen Bericht so leise ab, dass keiner der Anwesenden etwas hören konnte. Die Stirn des Kurfürsten legte sich in tiefe Falten. »Das darf doch nicht wahr sein!«, sagte er verärgert. »Das ist Landfriedensbruch.« Mit einer entschlossenen Bewegung winkte er einen seiner Kanzler herbei, einen hageren Mann in einer langen Robe. »Es muss Klage beim Reichskammergericht eingereicht werden. Über Lucas Heller soll so schnell wie möglich die Acht verhängt werden. Schick mir den Schreiber und kümmere dich dann darum, dass der Brief heute noch nach Frankfurt geht.«

Der Kanzler nickte und verbeugte sich, wandte sich um und eilte mit wehender Robe aus dem Raum.

»Was ist mit dem anderen Verbrecher?«, fragte der Kurfürst.

Der Schultheiß wischte sich mit einem Tuch, das er aus seiner Gürteltasche genommen hatte, über die Stirn. »Wir wissen es nicht. Er scheint ebenfalls aus der Stadt entwischt zu sein. Er war noch sehr jung.«

»Wie jung?«

»Ein Kind. Zwölf Jahre, glaube ich.«

Der Kurfürst stöhnte. »Lasst den Jungen laufen. Aber findet mir Heller! Er hat gegen die Ordnungen Gottes verstoßen. Dafür muss er bezahlen.«

Burg Laubenstein

Gerold von Laubenstein stürmte ins Freie, schlug die Tür des Torhauses hinter sich zu und eilte über den Innenhof zum Wohnturm. Kalter Regen prasselte auf seine pelzverbrämte Schaube und tropfte ihm vom Barett direkt in den Nacken. Er fluchte, als seine Stiefel schmatzend im Schlamm versanken. Wie hat man diesen Burghof nur so ungeschickt anlegen können? Die Vorväter hätten nur ein leichtes Gefälle in Richtung Süden anzulegen brauchen, und der Regen würde besser ablaufen. Um ihn herum staksten nassglänzende Hühner durch die Pfützen. Absichtlich trat er auf ein herumliegendes matschverspritztes Ei. Es sank so tief in den Schlamm, dass er es nicht einmal knirschen hörte. Als er die Treppen hinaufstampfte, hinterließen seine Stiefel schleimige Abdrücke. Er stieß die Eingangstür auf, ließ sich auf den abgewetzten Samtschemel im Vorraum fallen und rief nach seinem Knecht.

Während er wartete, stellte er missmutig fest, dass es feucht und schimmlig roch.

Holger eilte herbei und zog seinem Herrn die Stiefel aus.

»Wo ist mein Bruder?«, fragte Gerold.

»Ich glaube, er sitzt im Saal am Feuer.«

»Mach Wasser für ein Bad heiß!«, sagte Gerold und zog sich selbst die Lederschuhe über seine Strümpfe. Über den warmen Holzboden der Kemenate schritt er in Richtung Saal. Sein kleiner Bruder war vor einigen Wochen bei Nacht und Nebel vor dem Tor gestanden, mit der Begründung, er wolle Gerold nach all den Jahren wiedersehen. Nun weilte er bereits die dritte Woche auf der Burg, dabei hätte er schon längst sein Studium in Heidelberg wieder aufnehmen müssen. Gerold hatte den Verdacht, dass Heinrich sich vor irgendetwas versteckte, vielleicht vor einem schwangeren Mädchen. Heute Abend würde er ihn endlich zur Rede stellen. Heinrich sollte nicht der Idee verfallen, dass er sich hier einnisten konnte. Aber vielleicht war Heinrich auch nur deshalb hier, weil ihm das Geld ausgegangen war. Zwanzig bis fünfundzwanzig Gulden im Jahr brauchte ein Student in Heidelberg. Das hatte Gerold gleich nach dem Tod des Vaters in Erfahrung gebracht. Falls seinem kleinen, schlauen Bruder tatsächlich das Geld ausgegangen war, konnte Gerold es ihm nun gewähren oder nicht. Das fühlte sich gut an.

Gerold stieß die Tür zum Saal auf und schritt die Steintreppe hinab. Im Kamin neben dem Kreuzstockfenster flackerte ein Feuer. Die große Tafel war weggeräumt worden, nur noch die Böcke standen verlassen im Raum. Vor dem Kamin saß Heinrich in einem Lehnstuhl, ein Legendenbuch in den feingliedrigen Fingern.

Als Heinrich Gerold hörte, legte er das Buch beiseite und erhob sich. »Du bist nass geworden«, sagte er.

Gerold blickte an sich herunter. Seine teure zweifarbige Strumpfhose war matschverspritzt. »Sobald es regnet, versinkt die ganze Burg im Sumpf. Vater hat mir ein richtiges Dreckloch hinterlassen.«

Heinrich hob die Augenbrauen.

Dieser Gesichtsausdruck hatte Gerold schon geärgert, als sie noch Kinder waren und ihn Heinrich im Unterricht genauso musterte und dann die perfekte Übersetzung der Lateinvokabel, die Gerold nicht gewusst hatte, in den Raum hauchte.

»Freu dich doch, dass sie jetzt dir gehört«, sagte Heinrich. »Das wolltest du doch immer.«

Gerold überlegte, wen er lieber geohrfeigt hätte: seinen neunmalklugen Bruder oder sich selbst, weil er sich ärgerte. Was Gerold am meisten in Unmut versetzte, war die Tatsache, dass sein Bruder ihn so gut kannte: Vor fünfzehn Jahren noch hätte Gerold kein einziges schlechtes Wort über die Burg verloren. Er war stolz darauf gewesen, ein von Laubenstein zu sein. An seinem achten Geburtstag hatte sein Vater ihm einen eigenen Falken überreicht und ihm anschließend eröffnet, dass er bald als Page dienen würde – auf einer der Burgen der Grafen von Leiningen. »Es ist eine große Ehre für uns, dass dich die Leininger ausbilden, zumal sie nicht einmal Lehensnehmer des Kurfürsten sind«, hatte sein Vater in seinen Bart genuschelt. Doch anstelle sich zu freuen, hatte Gerold wochenlang nachts unter der Decke geweint. Und Heinrich war neben ihm gelegen.

Die Leininger hatten ihm den Glanz, den Stolz und den Reichtum des Rittertums vor Augen geführt. Er sah nun klarer. Als er vor ein paar Monaten sein Erbe angetreten hatte, war ihm auf den ersten Blick bewusst geworden, wie die Dinge um Laubenstein standen. Vor allem seit heute, nach dem Gespräch mit seinem Burgvogt, das er gerade geführt hatte. Der erste Schritt, um sein Erbe zu retten, war die Teilnahme an einem Turnier.

»Ich komme gerade von meinem Schreiber«, sagte Gerold. »Weißt du zufällig, ob unser Vater und unser Großvater an Turnieren teilgenommen haben? Du warst die letzten Jahre schließlich hier, anders als ich«, schob er bissig hinterher.

»Turniere? Das hat Vater nie interessiert.«

Gerold lächelte sarkastisch. »Da hast du wohl recht. Unser Vater hätte sich wahrscheinlich nicht einmal einen Augenblick aufrecht im Sattel halten können. Er wäre trunken vom Pferd gestürzt, ehe ihn eine gepolsterte Lanze hinuntergeschubst hätte.«

»Warum willst du das wissen?«, fragte sein Bruder.

»Man will mich nicht zum Turnier in Kaiserslautern zulassen, weil ich nicht nachweisen kann, dass schon vier meiner Ahnen an Turnieren teilgenommen haben.«

»Warum musst du das nachweisen?«

»Weil sich heutzutage so viel Möchtegernadel unter das Rittervolk mischt. Wir müssen uns abgrenzen.«

»Hm«, sagte Heinrich. »Kann man da nichts machen?«

»Du meinst Bestechung?« Heinrich sah aus, als wollte er widersprechen, doch Gerold schnitt ihm das Wort ab. »Soll ich sie etwa mit Eiern bestechen?« Er lachte spöttisch. »Etwas anderes habe ich momentan nicht zu bieten. – Und da wir schon davon sprechen: Ich habe kein Geld für dich. Ich kann dir nichts geben.«

Jetzt war es auf dem Tisch, das Thema, das sein Bruder wahrscheinlich hierhergeführt hatte und das Gerold in den Wahnsinn trieb. Tag und Nacht dachte er über Geld nach. Wie sollte er ein Sumpfloch renovieren, wenn sein Vater alle Rücklagen versoffen hatte? Wie konnte er Geld verdienen, wenn er nichts geerbt hatte, das Gewinn abwarf?

Sein Bruder unterbrach seine Gedanken. »Ich will kein Geld.«

»Warum bist du dann immer noch hier und nicht schon längst wieder in Heidelberg?«

Heinrich lächelte, dann wurde er ernst. »Lass uns reden. Heute Abend.«

»Nein, heute Abend geht nicht. Da kommt der Vogt zum Essen. Wir haben Wichtiges zu besprechen.«

»Wie schon die ganzen Abende zuvor?«, fragte Heinrich.

»Was erlaubst du dir, Heinrich? Wenn du etwas zu bereden hast, dann sag es jetzt!«

»Ich gebe mein Studium auf.«

»Aha. Und darf man fragen, warum?«

»Weil ich Mönch werde.«

Gerold lachte auf.

Heinrich blieb ernst. »Deshalb bin ich hier. Ich wollte es dir persönlich sagen.«

Gerold lachte immer noch. Von den jüngeren Brüdern der Leininger waren einige in den Dienst der Kirche getreten, damit sie weiterhin einen gehobenen Lebensstil führen konnten. Kirche ja, Rom noch besser, ein paar Geliebte hier, ein paar Kinder dort. Es wäre bestimmt auch nicht das erste Mal, dass Heinrich eine Mätresse hätte. Aber ein Kloster – wo man sich den Hintern abfror, Wasser und Brot aß und nachts freiwillig Lieder sang?

»Ich gehe ins Augustiner-Eremiten-Kloster in Worms. Ich werde Bruder Heinrich.«

Sind alle meine Ahnen und Verwandten von Sinnen?, dachte Gerold kopfschüttelnd. »Lass mich raten. Dafür brauchst du Geld. Bestimmt musst du dich ins Kloster einkaufen.«

Heinrich zuckte mit den Schultern. »Nicht wirklich. Nur wenn ich als Mönch weiterstudieren wollte, bräuchte ich Geld.«

Wenn Heinrich sein Studium abschließt, könnte er Jurist werden, dachte Gerold, er würde gut verdienen und sich in die Dienste eines Herrschers stellen. Das wäre früher oder später auch für mich von Vorteil. Andererseits bräuchte Heinrich noch mindestens zwei Jahre bis zu seinem Abschluss. Und ich bin der Einzige, der ihn finanziell unterstützen könnte. Besser also, er widersprach nicht. »Wenn das dein Entschluss ist, werde ich dich nicht davon abbringen können.«

Heinrich nickte. »Ich wusste, dass du das sagen würdest.«

Gerold ärgerte sich schon wieder, doch er besann sich. Sein kleiner, arroganter Bruder meinte ihn zu durchschauen. Unterschätze mich ruhig, du wirst dich noch wundern.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Kapitel 2

Laubenheim

Lisbeth deckte den Sack, in den sie ihre Kleider gestopft hatte, mit Laub zu und schlich sich durch das Waldgestrüpp zurück zum Weg. Auf dem Weg war niemand zu sehen. Sie zog die Männerhose zurecht, sprang aus den Büschen und ging den Weg weiter bergauf. Vor ihr lag die letzte Biegung. Dahinter ragte die Burg in den Himmel. Ihr Blick wanderte unsicher nach oben zu den bedrohlichen Türmen. Jetzt war die letzte Möglichkeit umzukehren. Doch das ging nicht. Dieses Theaterstück musste sie jetzt zu Ende spielen. Der neue Burgvogt würde schon keinen Verdacht schöpfen. Lisbeth wusste, dass die Buchführung des alten Vogtes chaotisch gewesen war. Der Ritter Gerold von Laubenstein hatte gründlich auf der Burg aufgeräumt, als er sein Erbe vor ein paar Monaten angetreten hatte. Er hatte auch nicht davor zurückgeschreckt, außer dem alten Burgvogt auch den Koch, den Stallmeister und drei der fünf Knechte zu entlassen. Dabei hatten sie schon jahrelang auf der Burg gedient. Vor diesem Gerold von Laubenstein musste man sich in Acht nehmen. Dummerweise war er der Grundherr der meisten Einwohner des Dorfes; manche Dörfler waren sogar seine Leibeigenen, auch Lisbeth und ihr Vater. Und nun forderte der Leibherr den Frondienst ein.

Dabei hatte sie eigentlich gar keine Zeit, wertvolle Arbeitstage auf der Burg zu vergeuden. Nachdem sie tagelang immer wieder die Arbeit unterbrochen hatte, um nach Bruder Remigius Ausschau zu halten, waren die Felder noch nicht für die Wintersaat vorbereitet. Der Pflug lehnte schon vor dem Haus. Zum Glück lebte die einzige Kuh, die sie besaßen, noch – und gehörte immer noch ihnen. Ohne das Vieh würde sie das Feld nicht pflügen können. Selbst mit dem Vieh würde sie es kaum schaffen, denn sie war ganz allein. Ihr Vater siechte in der Hütte, ihr einziger Bruder war im Frühling gestorben. Und Lisbeth hatte das Undenkbare gewagt: Sie hatte den Tod ihres Bruders nicht an die Vogtei gemeldet. Das war riskant, das wusste sie. Aber die Umstände waren günstig gewesen: Der Dorfschultheiß hatte sich das Bein gebrochen und ihr ausrichten lassen, dass sie selbst zur Burg gehen solle, um den Todesfall zu melden. Der alte Ritter war gerade verschieden, die Burg in Aufruhr und der neue Erbe, Gerold, hatte sich direkt nach seiner Ankunft angeschickt, den alten Burgvogt zu entlassen. Lisbeth hatte ihre Chance gewittert und den Todesfall verschwiegen. Hätte sie ihn gemeldet, hätte sie ihre Kuh hergeben müssen – als Todfallabgabe, so schrieb es das Gesetz für Leibeigene vor. Der Betrug war ein Spiel mit dem Feuer. Nicht nur, weil es ein Vergehen gegen den Leibherrn darstellte und, noch schlimmer, ein Vergehen gegen Gott, sondern weil ihr Bruder nun immer noch auf der Liste der Fronarbeiter stand. Deshalb stand sie vor dem Burgtor. Sie würde ihr Bruder sein. Erneut zog sie Johanns Hose zurecht.

Sie äugte kurz hinter sich. An Frontagen herrschte normalerweise ein Kommen und Gehen. Sie hatte sich diesen Tag ausgesucht, weil sie wusste, dass heute nur wenige Leute aus ihrem Dorf auf der Burg eingeteilt waren.

Lisbeth holte tief Luft, schob den Gürtel ihres Hemdes etwas höher, sodass sich das Obergewand vor ihrer umwickelten Brust aufbauschte, tastete ihren Nacken ab, um sicherzugehen, dass sich keine Haarsträhne aus ihrer Mütze gelöst hatte, passierte das Tor und wandte sich dann nach rechts, zum Torhaus, das sich an die Burgmauer anschloss. Der neue Burgvogt, ein dünner Mann mit schwarzen Augen, stand im Torhaus am geöffneten Laden, eine Liste vor sich, bereit, ihren Namen zu hören.

»Johann Mergel«, sagte Lisbeth so lässig wie möglich.

Der Vogt blätterte um und notierte sich etwas. Was, wusste Lisbeth nicht – sie konnte nicht lesen.

»Melde dich dort hinten, bei dem rothaarigen Knecht.« Der Vogt zeigte nach rechts.

Lisbeth nickte und entfernte sich ein paar Schritte. Aus den Augenwinkeln blickte sie sich unauffällig um. In jeder Ecke arbeiteten Männer. Natürlich würde irgendjemand unter ihnen sein, der sie erkennen würde. Sie spürte die Schweißperlen zwischen ihren Schulterblättern. Schnell sprach sie ein Gebet an die heilige Anna, die Mutter Marias, dass niemand sie verraten würde, auch wenn sie durchschaut würde. Sie ging weiter, um nicht aufzufallen. Ihre Stiefel gehörten ihrem Vater und waren viel zu groß. Sie hatte ihre Füße mit Tüchern umwickelt. Die Tücher rieben an ihrer verschwitzten Haut.

Die Männer arbeiteten in Gruppen, einige schoben Holzschubkarren voll Erde heran, andere schaufelten die Erde in ein Loch unter dem Saal. Das musste wohl die alte Zisterne sein, die nun zugeschüttet wurde, weil darüber der Saalboden eingebrochen war.

Ganz hinten in einer Ecke arbeitete ein Mann alleine. Er schien die Balken vorzubereiten. Er war groß und kräftig gebaut – wie ein Schmied. Sie schätzte ihn auf Mitte oder Ende zwanzig. Sie hatte ihn noch nie gesehen, also kannte er sie auch nicht. Bei ihm würde sie einigermaßen sicher sein. Während sie wie selbstverständlich auf den Mann zuging und darauf achtete, mit den Stiefeln sicher aufzutreten, versuchte sie den Eindruck zu erwecken, dass man sie geschickt hatte.

Der Mann sägte einen geschälten Baumstamm, der auf zwei Gestellen lag. Sie stellte sich vor ihn, hielt ihren Rücken gerade und sagte: »Ich bin hier, um Euch zur Hand zu gehen.«

Der Mann blickte auf.

Lisbeth hatte noch nie solche Augen gesehen. Sie waren grünlich dunkelblau wie der Himmel vor einem abendlichen Gewitter, der Ausdruck stechend, als warte er auf einen Angriff, bereit zurückzuschlagen. Sein Blick wurde etwas weicher, als er sah, dass er einen halbwüchsigen Jungen vor sich hatte. Er ließ seinen Blick kurz über sie gleiten, von oben nach unten und wieder zurück zu ihrem Gesicht, wo er eine Weile hängen blieb. Sah er jeden so an oder hatte er Verdacht geschöpft? Lisbeth nestelte an ihrem Gürtel herum und zupfte ihr Obergewand zurecht. Das war ein Fehler, denn sie merkte, dass die Bewegung seinem wachen Blick nicht entging.

»Ich bin Johann Mergel«, sagte sie.

Der Hüne nickte und beugte sich wieder über den Stamm, ohne seinen Namen zu nennen. Er war wohl ein Hintersasse aus einer anderen Gegend – oder ein Knecht eines Lehensnehmers, den sein Herr an seiner statt geschickt hatte.

»Was soll ich tun?«, fragte sie.

»Ich säge Balken zu für einen neuen Hühnerstall. Könnt Ihr mit einer Säge umgehen?«

Reparaturen am Haus und am Pflug hatten immer ihre Brüder übernommen. Lisbeth schickte ein Gebet an den heiligen Dionysios, der einem bei Gewissensbissen half, nickte und setzte ein zuversichtliches Lächeln auf.

Der Mann sagte: »Gut, ich messe währenddessen die Querstreben aus.« Er reichte ihr die Säge. Lisbeth fielen seine großen Hände und kräftigen Unterarme auf, doch sie war sich sicher, dass er weder der Schmied von Molheim noch der von Ottersfeld war.

Er ging hinüber zu den kürzeren Stämmen. Lisbeth setzte wie selbstverständlich die Säge in den Spalt an und schob sie vor und zurück. Das Blatt verkeilte sich und sie musste mit aller Kraft ziehen, um es wieder herauszubekommen. Schnell äugte sie hinüber zu dem Mann. Ihre Blicke trafen sich kurz. Sie konzentrierte sich wieder auf die Säge vor ihr. Der Mann hatte sie beobachtet. Und er musste bemerkt haben, dass sie nicht wusste, wie man mit einer Säge umging. Wortlos wandte er sich wieder dem Maßstock und den Hölzern zu, die vor ihm auf dem Boden lagen, und markierte mit einem Messer die Längen. Lisbeth setzte die Säge erneut an. Vor und zurück. Immer wieder. Doch die Einkerbung im Holz vertiefte sich keinen Deut.

Hoffentlich würde dieser schweigsame Hüne niemandem verraten, dass sie völlig fehl am Platz war. Sie durfte auf keinen Fall Aufsehen erregen.

Der Mann war in der Zwischenzeit mit seinen Markierungen fertig. Er stand auf und kam zu ihr herüber. Offenbar wartete er darauf, dass er die Säge benutzen konnte. Sie sägte weiter. Obwohl er angemessenen Abstand hielt, wurde Lisbeth unter seinem Blick noch nervöser.

Wieder verkeilte sich das Blatt. Ihr Bruder oder ihr Vater hätten jetzt geschimpft und sie ein nichtsnutziges Weib genannt. Frustriert ließ sie los und sagte: »Vielleicht übernehmt Ihr lieber.«

Sie wartete darauf, dass er eine abfällige Bemerkung machte, doch er schien seltsam zurückhaltend, fast kontrolliert. Er streckte seine Hand nach der Säge aus. »In Ordnung. Ihr könnt ja in der Zwischenzeit die Bolzen schnitzen«, hörte sie ihn sagen. Er zeigte auf einen Haufen kleinerer Äste auf dem Boden.

Lisbeth nickte dankbar, wich seinem Blick aus und setzte sich neben den Stöckchen auf den Boden – zunächst auf die Knie, wie es sich für Frauen ziemte, doch dann ließ sie sich schnell auf ihr Hinterteil fallen und verschränkte die Beine wie ein Mann. Sie suchte sich ein Schnitzmesser aus, besah sich den Bolzen, der als Modell diente, griff nach einem der Äste und begann, dicke Späne abzuhobeln.

Die Nachmittagssonne verschwand für einige Zeit hinter dem Wohnturm. Als sie wieder hervorkam, hatte sich an Lisbeths Daumen eine Blase gebildet. Aus den Augenwinkeln sah sie eine Gestalt auf sich zukommen. Sie blickte kurz auf und schaute dann angestrengt wieder auf ihre Arbeit. Ihr wurde übel. Es war der Burgvogt. Hatte er gemerkt, dass sie sich doch nicht bei dem rothaarigen Knecht gemeldet hatte?

»Johann Mergel?«, rief der Vogt, als er in Hörweite war. Lisbeths Messer rutschte ab und glitt tief in ihren linken Zeigefinger. Schnell zog sie die Klinge heraus. Die Wunde klaffte, helles Fleisch leuchtete zwischen dunkelrotem Blut. Ihr wurde noch übler. Das Blut rann den Finger hinunter, sammelte sich an der Fingerkuppe und landete in großen Tropfen auf der Erde. Um kein Aufsehen zu erregen, erhob sie sich und stellte sich aufrecht hin, den linken Arm abgespreizt, damit das Blut nicht ihre Kleidung besudelte.

Vor ihr stand der Vogt, hinter ihr der seltsame Mann. Sie registrierte, dass er aufgehört hatte zu sägen, wahrscheinlich beobachtete er die Szene. Der Vogt blickte auf Lisbeths Finger, dann hob der den Blick und richtete seine dunklen Augen auf ihr Gesicht. »Hast du die Fronabgabe deiner Schwester mitgebracht? Ein neues Hemd für die Burgknechte?«

Lisbeth schluckte. »Nein, mein Herr.« Fast hätte sie vor Erleichterung laut aufgeatmet. Er hatte keinen Verdacht geschöpft. Zumindest noch nicht.

»Sie muss es nachreichen. Und wegen des Versäumnisses zusätzlich einen Tag Waschdienst leisten. In der Woche nach Allerseelen. Richte ihr das aus.«

Lisbeth nickte. Vielleicht ein bisschen zu übereifrig. Sie überschlug, wie viel Zeit ihr noch bis Allerseelen blieb: noch etwas mehr als ein Monat.

Der Vogt musterte sie noch immer. Sein Blick ruhte auf ihren Augen, glitt dann zu ihrem Mund, dann auf die Brust. Kaum merklich runzelte er die Stirn. Sie hielt die Luft an. In seinem Kopf schienen sich die Gedanken zu einem Bild zusammenzusetzen. Sein Mund öffnete sich und schloss sich wieder. Wie versteinert sah sie ihn an, darauf wartend, dass die Falle zuschnappte. Mit fragendem Blick setzte er zum Reden an. Im selben Moment ergriff der Mann hinter ihr das Wort, als hätte er den Moment genau abgepasst: »Johann hat sich verletzt. Wie Ihr seht, blutet die Wunde stark und muss versorgt werden. Ich kümmere mich darum.« Ohne abzuwarten, schob er sie behutsam vom Vogt weg. Lisbeth spürte seine warme Hand auf ihrem Arm und ließ sich von ihm zu einer niedrigen Mauer führen. Ihre Knie fühlten sich an wie ein geknicktes Rohr, und sie war froh, dass sie sich setzen konnte. Während sie langsam auf die Mauer sank, äugte sie an dem Fremden vorbei zum Vogt. Sie war sich sicher, dass der Vogt ihr Spiel durchschaut hatte. Und dieser seltsame Mann hier schon lange.

»Du bist aus Laubenheim, Mergel?«, rief der Vogt von der Stelle aus, an der sie ihn hatten stehen lassen. Bestimmt wollte er jemanden aus Laubenheim über ihren Bruder befragen. Was sollte sie sagen?

Der breitschultrige Mann hatte sich über Lisbeths Hand gebeugt und drehte sich nun zum Vogt um. »Johann wird zu Euch kommen, wenn seine Wunde versorgt ist.«

Der Vogt wandte sich entschlossen um und eilte davon. Er rannte fast. Lisbeth hatte das Gefühl, dass alles Blut aus ihrem Körper wich. Sie würde in der Hölle schmoren für diesen Betrug.

Der Fremde griff in seine Gürteltasche, holte ein Fläschchen hervor und tröpfelte eine braune Flüssigkeit auf die Wunde. Sie roch stark nach Kräutern und Alkohol. »Der Schnitt ist tief. Wir brauchen einen Verband«, sagte er.

Lisbeth versuchte sich zu konzentrieren. Sie sah ihm in die Augen. Das war ein Fehler. Diese Augenfarbe brachte sie ganz durcheinander. Sie riss ihren Blick los und deutete auf ihr Hemd. »Reißt etwas Stoff ab und nehmt das als Verband«, sagte sie leise zu ihm. Wacklig stand sie auf und stellte sich vor ihn. Er ergriff den Saum ihres Hemdes, riss mit einer schnellen Bewegung die Seitennaht ein paar Fingerbreit auf und begann, einen Längsstreifen am Fadenverlauf abzutrennen. Lisbeth drehte sich dabei langsam vor ihm im Kreis. Als sie sich wieder setzte, war ihr schwindlig, heiß und kalt gleichzeitig. Behutsam ergriff er ihre Hand und wickelte dann den Stoff fest um den Finger. »Ihr zittert ja«, sagte er sanft.

Lisbeth räusperte sich. »Ja, mir geht es nicht gut.« Sie konnte nicht sagen, ob sie aus Angst vor dem Vogt zitterte oder weil es sich so eigentümlich anfühlte, diesem Mann so nahe zu sein. Er hatte ihren Finger fertig verbunden, riss das Ende des Stoffs ein und verknotete die zwei Fäden. Der Stoff verfärbte sich dunkelrot.

»Dann hoffen wir mal, dass der Finger bis Allerseelen wieder verheilt ist«, sagte er leise, als er ihre rechte Hand ergriff und ihr aufhalf.

Bis Allerseelen. Er hatte also verstanden. Fast wären ihre Knie eingeknickt. Sie konzentrierte sich aufs Stehen.

Er lächelte sie an. »Und jetzt macht, dass Ihr hier wegkommt, bevor der Vogt mit jemandem aus Laubenheim hier aufkreuzt. Ich werde mir schon eine Geschichte zurechtlegen. Geht jetzt.«

Lisbeth holte tief Luft. Sie nickte ihm zum Dank und Abschied zu und ging auf wackeligen Beinen über den Platz zum Burgtor. Den Kopf hielt sie gesenkt, als wäre sie somit unsichtbar. Zu spät bemerkte sie neben sich die schnelle Bewegung. Sie spürte einen harten Griff um ihren Arm und einen Ruck. Jemand zog sie in Richtung Torhaus und schubste sie in einen dunklen Raum. Sie war zu überrascht, um sich zu wehren. Hinter ihr schloss sich die Tür. Sie blinzelte. Das einzige Licht im Raum fiel durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden. Schnell sah sie sich um und nahm zwei Gestalten wahr, eine vor ihr, eine hinter ihr. Der Mann, der vor ihr stand, riss ihr die Mütze vom Kopf. Ihr Zopf klatschte auf den Rücken.

»Johann Mergel.« Die Stimme vor ihr klang rauchig, mit einem spöttischen Unterton.

Lisbeth sah, dass der Mann noch recht jung war und eine glänzende schwarze Jacke trug. Es musste der Leibherr sein. Aus der Nähe hatte sie ihn noch nie gesehen.

»Du kannst gehen, Hilfrich«, sagte er zu dem Mann hinter ihr. Lisbeth traute sich nicht, sich nach dem anderen umzuschauen, ihr Blick war ängstlich auf den Ritter gerichtet.

Als der Mann hinter ihr die Tür öffnete, fiel das Sonnenlicht direkt auf den Leibherrn. Er trug seinen Knebelbart sorgfältig gestutzt, seine Züge waren eigentlich ansprechend, wären da nicht dieser spöttische Blick in seinen Augen und der harte Zug um den Mund gewesen.

»So, Jo-hann Mer-gel«, begann er, den Namen betont langsam sprechend, »da frage ich mich doch, warum Johann Mergel einen Zopf trägt wie ein Weib.«

Lisbeth antwortete nicht, sondern sah den Ritter ängstlich an.

»Zu gerne würde ich ja mal unter dein Hemd schauen.« Er lachte.

Lisbeth senkte den Kopf.

Sie spürte, dass er näher an sie herantrat. Sie wäre gerne ein paar Schritte zurückgewichen, stand aber wie versteinert da. Er ging langsam um sie herum, dann blieb er seitlich von ihr stehen. »Ich lasse mich nicht für dumm verkaufen. Weder von Johann Mergel noch von einer hübschen Frau.«

Lisbeth atmete tief ein und aus. Es kostete sie eine enorme Anstrengung, nicht zu weinen.

Er ging langsam weiter um sie herum. »Ich nehme an, du hast einen Grund, hier verkleidet zu erscheinen. Lass mich raten.« Wieder trat er an sie heran, diesmal von hinten. Sie spürte, wie er ihren Zopf in die Hand nahm und daran herumspielte, während er fortfuhr: »Johann Mergel ist krank.«

Sie wollte gerade leise ausatmen, als sie ihn sagen hörte: »Oder vielleicht tot?« Gemächlich trat er wieder vor sie. »Hm, wenn ich mich richtig erinnere, hat mir gerade ein Vögelchen aus Laubenheim gezwitschert, dass er nicht mehr unter uns weilt. Und da frage ich mich doch, was denn wohl mit der Todfallabgabe geschehen sein mag? Ob du mir da wohl weiterhelfen könntest?«

Lisbeth hob langsam den Blick. Sein Gesicht kam dem ihren sehr nahe. Sie ekelte sich vor ihm, hielt aber seinem Blick stand.

Er sagte spöttisch: »Ich lege allerdings keinen Wert auf ein altersschwaches Vieh und ein stinkendes Gewand.«

Sie wusste nicht, was für ein Spielchen er mit ihr trieb – was könnte er sonst wollen?

»Aber für den Betrug wirst du bezahlen«, sagte er unvermittelt. »Fünf Gulden.«

Lisbeth stockte der Atem. Noch nie im Leben hatte sie fünf Gulden besessen. »Ich habe keine fünf Gulden«, sagte sie mit heiserer Stimme.

»Hm, was machen wir denn da?« Er hielt kurz inne. »Hast du vielleicht einen Vorschlag?«

Lisbeth schüttelte den Kopf.

»Einen Vorschlag, der mich genauso … befriedigen würde?« Er sah sie herausfordernd an.

Lisbeth wagte kaum zu atmen.

Er streckte seine Hand aus, ergriff eine Strähne, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte, und strich sie ihr hinters Ohr. Sie zuckte zurück, am liebsten hätte sie ihm ins Gesicht gespuckt, doch das wäre ein schlimmer Fehler gewesen. Sie nahm all ihren Mut zusammen, zur heiligen Anna betend. »Ich werde die fünf Gulden bezahlen.«

»Auf die ein oder andere Weise sicher«, sagte er mit einem dünnen Lächeln. »Du kommst nächste Woche am Donnerstagabend wieder her.«

Ein plötzlicher Lichtstrahl traf ihn. Die Tür hatte sich geöffnet. Der Umriss eines Mannes zeichnete sich im Türrahmen ab. Es war der Fremde. Er verschränkte die Arme. »Ich suche meinen Helfer.«

Lisbeth dankte im Stillen der heiligen Anna, griff schnell nach ihrer Mütze, stopfte ihren Zopf darunter und ging mit großen Schritten auf den Mann zu. Er trat zur Seite und sie huschte mit gesenktem Kopf aus dem Torhaus. Während sie sich entfernte, hörte sie den Ritter verärgert sagen: »Ich kann mich nicht erinnern, dich hergebeten zu haben!«

»Ich habe Johann Mergel hier hineingehen sehen und hielt es für notwendig, nach ihm zu schauen.« Den Rest verstand sie nicht mehr, bevor sie mit gesenktem Kopf aus dem Tor huschte.

Eine Stunde später, Lisbeth war noch mitten im Wald und eine gute halbe Stunde vom Dorf entfernt, vernahm sie in der Ferne das Läuten der Kirchenglocken. Das war kein gutes Zeichen. Entweder bedeutete es, dass sich alle Dorfbewohner schnell unter der Linde versammeln mussten – und das wiederum hieß, dass Gefahr im Anzug war –, oder die Glocken verkündeten den Tod eines Bauern. Lisbeth rieb sich mit den Handballen die Tränen von den Wangen und lief schneller.

Die Lumpen an ihren Füßen scheuerten. Sie hielt an, zog die Stiefel aus, wickelte die Lumpen ab und ging barfuß weiter. Als sie nahe genug ans Dorf herangekommen war, konnte sie erkennen, dass alles ruhig war. Niemand rannte aufgeregt nach Hause, nirgends waren Rinder zu sehen, die schnell ins Dorf getrieben wurden. Sie erkannte von Weitem fünf Gestalten, die ruhig ihre Felder düngten.

Es war also keine Versammlung einberufen worden. Es war jemand gestorben. Ihr Puls ging schneller. Sie warf sich ihren Kleidersack über die Schulter und begann zu rennen, in der rechten Hand beide Stiefel haltend.

Sie hätte es wissen müssen. Es war Gottes direkte Strafe für ihren Betrug. Er hatte ihren Vater sterben lassen und nun würde seine Seele ins Fegefeuer geworfen – wo man brannte, schrie und trotzdem bei Bewusstsein blieb. Eine Stunde, einen Tag, ein Jahr, tausend Jahre.

Sie rannte fast fünfzehn Steinwürfe weit, ihre Lunge brannte, ihr verletzter Finger pochte wild, aber das hatte sie verdient. Als sie die Dorfmauer passierte, rief Agnes Wagner etwas in ihre Richtung. Lisbeth verstand es nicht und rannte weiter. Dann sah sie die Leute. Sie hatten sich vor einem Haus versammelt. Nicht ihr Haus, das Haus von Joest. Lisbeth ging langsamer. Ihre Lunge tat immer noch weh. Vorsichtig trat sie an die Gruppe heran. Da standen Joests Onkel, seine Vettern und deren Familien. Niemand beachtete Lisbeth. Die Männer standen betreten im Hof und redeten leise miteinander.

Wortlos blieb sie vor dem Haus stehen. Auch Jorg und Bastian Solbach, die Nachbarn, die rechts von Joest wohnten, waren gekommen und standen vor dem Haus, ihre Mützen in den Händen haltend. Als Lisbeth sich neben sie stellte, machte Jorg einen Schritt zur Seite und musterte sie von oben bis unten. Bastian, dem mehrere Zähne fehlten, nuschelte: »Mädel, was treibst du denn in Männerkleidern? Bist du etwa mit dem Teufel im Bunde?«

Lisbeth hatte ihren Aufzug ganz vergessen. »Sag so etwas nicht, Jorg!«, zischte sie.

Ohne ein weiteres Wort rannte sie in ihren Hof. Schnell öffnete sie die Tür und trat ans Lager ihres Vaters. Er hatte die Augen geschlossen und atmete gleichmäßig. Im Raum war es düster, ein paar Sonnenstrahlen, die ihren Weg durch das Flechtwerk vor dem Fenster fanden, tauchten die schwarz verrußten Wände in Licht- und Schattenstreifen. Im Halbdunkeln riss sie sich die Mütze vom Kopf, streifte das verschwitzte Obergewand vom Körper, griff nach ihrem langärmligen grauen Kleid und schlüpfte hinein. Sie machte sich nicht die Mühe, das Tuch abzuwickeln, das sie eng um ihre Brust gebunden hatte. Mit ihrer Verletzung würde sie dafür sowieso viel zu lange brauchen. Schnell legte sie ihren Gürtel um die Taille, schlüpfte in ihre Lederschuhe und band die Schuhbänder zu. Es dauerte länger, den linken Schuh zu binden, denn als Schnürsenkel hatte Lisbeth einen geschmeidigen Grashalm eingefädelt, weil sie keinen Ersatz gehabt hatte.

Sie trank einen Becher stark verdünnten Wein. Dann trat sie wieder vors Haus. Sie musste sich schnell wieder sehen lassen, ehe Jorg auf dumme Gedanken kam und gefährliche Gerüchte über sie verbreitete.

Von ihrem Hof aus sah sie hinüber in Joests Garten. Jemand trat aus dem Haus. Es war Adam Kumpf, Joests Onkel und nächster Verwandter. Mit gewichtiger Miene schritt Adam in ihre Richtung, doch sie wusste, dass nicht sie sein Ziel war, sondern die Hühner und Ziegen, die auf Joests Seite vor dem Zaun umherstaksten. Was nun kommen würde, hatte sie oft genug erlebt, wenn ein Bauer gestorben war. Adam stellte sich vor das Kleinvieh, die Mütze in den Händen, und verkündete: »Ich melde euch den Tod des Hausherrn.« Dann drehte er sich um und schritt wieder ins Haus zurück.

Lisbeth blieb eine Weile stehen und wartete. Nachdem Adam verschwunden war, erschien Veit, der junge Knecht. Mit schlaksigen Schritten ging er zum Nussbaum und schüttelte ihn heftig, dann begann er, das Werkzeug, das hinter dem Haus lehnte, herumzutragen und an anderer Stelle wieder abzusetzen. Jetzt verschob er die beiden Karren. Lisbeth wusste, dass dies Brauch war, es geschah aus Furcht vor dem Tod eines weiteren Familienmitgliedes. Als Veit alles Bewegliche an eine andere Stelle gerückt hatte, richtete er sich auf, rieb sich den Rücken und sah sich eine Weile suchend um. Offensichtlich wusste er nicht, was er nun tun sollte. Hinter ihm öffnete jemand die Läden von Joests Schlafzimmer – Joests Seele sollte in die Übergangswelt entweichen können, von wo sie dann ins Fegefeuer kam.

Veit hatte sie entdeckt und kam auf sie zu. Als er nahe genug an sie herangetreten war, fragte Lisbeth: »Was ist geschehen?«

»Der Herr ist tot.«

Es schmerzte sie, die Worte ausgesprochen zu hören. »Woran ist er gestorben?«

»Wahrscheinlich am Schlagfluss. Es geschah ganz plötzlich.« Veit verlagerte sein Gewicht vom einen langen Bein aufs andere. »Wobei es ihm schon die ganze Woche nicht gut ging.«

»Und jetzt?«, fragte sie leise.

»Keine Ahnung, wie es nun weitergeht.«

»Was ist mit dem Hof?«

»Soweit ich weiß, war der Hof nur auf Lebenszeit an Joest verliehen. Gerold von Laubenstein kann nun damit machen, was er will. Er muss ihn nicht innerhalb der Familie weiterverleihen.«

»Könnt du und Hate zu eurer Mutter zurück?«

Veit schüttelte den Kopf.

»Wer ist der Mann, mit dem er letzte Woche im Dunkeln nach Hause kam?«, fragte Lisbeth.

Veit blickte sie plötzlich misstrauisch an. »Meinst du, es liegt an ihm – dem Fremden?«

Lisbeth und er wechselten Blicke. Keiner sagte etwas.

Veit kratzte sich an der Stirn. »Er ist seltsam, der neue Knecht.«

Lisbeth wollte lieber nicht mehr über den Fremden reden. Er machte ihr Angst.

Doch Veit fuhr fort: »Er spricht wenig. Und er hat keine Ahnung von Tieren. Ich glaube, er kann nicht mal melken. Bis jetzt hat er immer eine Ausrede gefunden, wenn’s darum ging. Werkzeug reparieren, darin ist er gut. Aber als er die Enten nach Eiern abtasten sollte, wusste er gar nicht, an welche Stelle er fassen muss. Ich sage dir, das ist kein Bauernsohn – obwohl er das behauptet. Und er legt seinen Gürtel nie ab. Er muss einen Haufen Geld darin haben. Da stimmt doch was nicht. Und jetzt, wo ich’s mir so überlege … Als er letzte Woche ins Haus kam, hat es angefangen. Seitdem ging es dem Herrn nicht gut.«

»Ist er wieder weg?«, wisperte Lisbeth.

»Er ist heut oben, auf der Burg. Der Herr hat ihn heute Morgen an seiner statt zum Frondienst geschickt. Er sollte einen neuen Hühnerstall bauen.«

Lisbeth atmete ein und langsam wieder aus.

[Zum Inhaltsverzeichnis]

Kapitel 3

Laubenheim, Oktober 1496

Heinrich hatte Durst, aber er wagte nicht, Bruder Remigius zu fragen, ob sie in ein Wirtshaus einkehren könnten. Seit drei Stunden saßen sie nun schon auf den beiden Baumstümpfen am Waldrand. Fünf Frauen und ein Mann waren bisher gekommen, um bei Bruder Remigius das Sakrament der Beichte zu empfangen. Laubenheim lag im grauen Dunst vor ihnen, davor erstreckten sich die Gemeindewiese und ein paar Felder, über die Bauern ihren Pflug schoben. Die meisten von ihnen hatten einen Ochsen vor den Pflug gespannt, zwei Pflüge jedoch wurden von Pferden gezogen. Heinrich hatte sie beobachtet: Die Pferdebauern legten in derselben Zeit die dreifache Strecke von der zurück, die die Ochsenbauern schafften.

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