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Die Wildnis der Highlands ist ihr Zuhause Schottland, 1487. Seit vielen Jahren herrscht eine blutige Fehde zwischen den Clans der McLains und der Kingsleys. Um endlich das Kriegsbeil zu begraben, entschließt Lord McLain, seine Tochter Zelda mit Allistair Kingsley zu verheiraten. Doch die junge Highlandtochter ist genauso schön wie wild. Viel lieber würde sie weiter durch die grünen Täler reiten und in den kühlen Quellen schwimmen, als die Frau irgendeines Lairds zu werden. Und dann ist da auch noch der geheimnisvolle Fremde, dem sie eines Tages am Seeufer begegnete und der ihr seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht … Als plötzlich ihre Schwester Joan verschwindet, setzt Zelda alles daran sie zu finden und hat bald einen schrecklichen Verdacht: Hat etwa ihr rätselhafter Verehrer vom See etwas mit Joans Entführung zu tun? Eine fesselnde Highland-Romance für alle Fans von Lynsay Sands und Diana Gabaldon.
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Seitenzahl: 467
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Schottland, 1487. Seit vielen Jahren herrscht eine blutige Fehde zwischen den Clans der McLains und der Kingsleys. Um endlich das Kriegsbeil zu begraben, entschließt Lord McLain, seine Tochter Zelda mit Allistair Kingsley zu verheiraten. Doch die junge Highlandtochter ist genauso schön wie wild. Viel lieber würde sie weiter durch die grünen Täler reiten und in den kühlen Quellen schwimmen, als die Frau irgendeines Lairds zu werden. Und dann ist da auch noch der geheimnisvolle Fremde, dem sie eines Tages am Seeufer begegnete und der ihr seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht … Als plötzlich ihre Schwester Joan verschwindet, setzt Zelda alles daran sie zu finden und hat bald einen schrecklichen Verdacht: Hat etwa ihr rätselhafter Verehrer vom See etwas mit Joans Entführung zu tun?
eBook-Neuausgabe August 2025
Die deutsche Erstausgabe erschien 2004 unter dem Titel »Ufer des Verlangens« und dem Pseudonym Nora Hamilton bei Heyne.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2004 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: A&K Buchcover, Duisburg, unter Verwendung eines Bildmotives von depositphotos/faestock, depsitphotos/martinm303, depositphotos/chfonk, depositphotos/romantiche
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mm)
ISBN 978-3-69076-132-1
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Laura Thorne
Roman
England, im Jahre 1485
Zwei Männer saßen vor einem windigen Zelt und blickten auf das zerstörte Land. Sie waren müde, ihre Gesichter fahl, die Stiefel über und über mit Staub bedeckt.
In einiger Entfernung brannte ein Dorf. Die Hilferufe der Menschen drangen bis zu ihnen, doch die beiden nahmen sie nicht mehr wahr. In den letzten Monaten hatten sie zu viele Hilferufe gehört, zu viele brennende Dörfer, zu viele hingeschlachtete Menschen gesehen. Noch im Traum gellten ihre Ohren von den Schreien; mit geschlossenen Augen sahen sie die brennenden Häuser, rochen das sinnlos vergossene Blut. Beim kleinsten Geräusch schreckten sie auf – oder sie schliefen vor Erschöpfung so tief, dass nichts sie aufwecken konnte.
Dreißig Jahre dauerte dieser Krieg nun schon. Das Haus York mit der weißen Rose im Wappen kämpfte gegen das Haus Lancaster mit der roten Rose im Wappen um den englischen Thron.
Aus allen Teilen des Landes wurden kriegstaugliche Männer eingezogen, selbst aus den weit entfernten schottischen Highlands.
Auch Allistair Kingsley hatte sein Gut verlassen, um in diesem Krieg zu kämpfen und seine Lehnspflicht zu erfüllen. Viel lieber wäre er in den Highlands geblieben und hätte sich dort um seinen Besitz und seine Zukunft gekümmert. Immerhin neigte sich der Krieg nun dem Ende entgegen. Bald würde er wieder zu Hause sein.
Neben ihm saß sein Freund aus diesen Kriegstagen. Auch er hatte nicht freiwillig zu den Waffen gegriffen.
»Was meinst du?«, fragte dieser Freund nun. »Wie lange werden die Kämpfe noch dauern?«
»Ich weiß es nicht ... Aber ich hoffe, dass dies die letzten Tage sind, die ich auf dem Schlachtfeld verbringe.«
Die beiden Männer legten sich schlafen, und schon bald versanken sie wie schwere Steine im Fluss in den Tiefen ihrer verstörenden Träume. Sie hörten nicht, dass Hufgeklapper sich aus der Richtung des brennenden Dorfes näherte.
Erst als der Rauch ihres brennenden Zeltes ihnen den Atem nahm, wachten sie auf. Nur mühsam erreichten sie den Ausgang. Draußen aber warteten die Männer des Dorfes auf sie.
Ein Dolchstoß traf Allistair am Oberarm. Er brüllte auf, rollte sich herum, bekam eine Stange des brennenden Zeltes zu fassen und riss mit aller Kraft daran.
Inzwischen war auch sein Freund ins Freie gekrochen. Die beiden Männer warfen sich auf ihn. Einer hielt seine Füße wie Schraubstöcke umklammert, der andere setzte sich auf seine Brust und hielt ihm den Dolch an die Kehle.
Der Freund schrie nicht. Er starrte mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen auf seinen Gegner, unfähig, sich zu rühren.
In diesem Augenblick schwang Allistair die brennende Stange und ließ sie mit aller Kraft auf die Männer herabdonnern, die seinen Freund bedrohten. Der eine, der die Füße des Wehrlosen umklammert hielt, war sofort tot. Der andere aber begann zu brennen. Das Feuer griff nach dem groben Leinenhemd und setzte es in Brand. Sein Gebrüll klang unmenschlich, verlor sich in den Bergen und kam als schreckliches Echo zurück. Der Brennende ließ von dem Freund ab, sprang auf, rannte wie eine lebende Fackel zum nahen See und stürzte sich kopfüber hinein.
Allistair kniete sich neben seinen Freund, besah die tiefe Wunde am Hals, aus der das Blut quoll. Er riss seinen Ärmel ab und verband die Wunde. Der Freund stöhnte leise.
»Du hast mir das Leben gerettet«, sagte er. »Ich danke dir dafür. Wann immer du mich einmal brauchen solltest, bin ich für dich da.«
»Du wirst eine Narbe am Hals zurückbehalten«, erwiderte Allistair.
Der Freund lachte unter Schmerzen. »Was bedeutet schon eine Narbe, wenn man einen Freund wie dich gefunden hat?«
Schottisches Hochland, im Jahre 1487
Lord McLain stand vor seinem einstmals prächtigen Gutshaus, beschirmte mit der Hand die Augen und sah hinaus in die Ferne, dorthin, wo seine Ländereien in den Wald übergingen.
Dicke Rauchwolken versperrten ihm die Sicht. Er seufzte und wandte sich an seinen Verwalter, der neben ihm stand und ebenfalls sorgenvoll auf den Waldrand blickte.
»Die Kingsleys haben unsere Felder in Brand gesteckt, nicht wahr?«, fragte der alte Lord.
Charles Connor nickte. »Das dritte Mal schon in diesem Jahr! Und dabei haben wir erst Mai.«
»Wie hoch ist der Schaden?«
Connor zuckte mit den Achseln. »Das werden wir erst sehen, wenn das Feuer gänzlich gelöscht ist. Die Männer sind gerade dabei, Wasser aus dem See zu holen.«
»Der verdammte See«, brummte Lord McLain. »Wie viel Stück Vieh, wie viele Ackerflächen hat dieser See mich schon gekostet! Die Geldladen sind leer. Nicht einmal das Gutshaus kann ich mehr instand setzen lassen. Jedes einzelne Pfund geht für die Behebung der Schäden drauf. Es ist höchste Zeit, Frieden zu schaffen.«
Der Verwalter lachte düster auf. »Wie wollt Ihr das anstellen, Mylord? Seit Jahrzehnten ist Eure Familie nun schon mit dem Clan der Kingsleys verfeindet.«
»Eben deshalb ist es höchste Zeit, den Krieg zu beenden«, erwiderte Lord McLain, seufzte und ging schweren Schrittes auf sein Haus zu.
Vor dem steinernen Portal blieb er stehen und betrachtete sorgenvoll die einstmals weißen Säulen, die den Treppenaufgang umrahmten und von langen Rissen verunziert waren; sie hätten längst gekalkt werden müssen. Ein leichter Wind kam auf und ließ die losen Dachziegel klappern.
Lord McLain drehte sich um und rief seinen Verwalter zu sich: »Connor, kommt zu mir in die Halle. Wir haben einiges zu besprechen.«
Der Verwalter warf einen letzten Blick auf den brennenden Wald. Als er sich davon überzeugt hatte, dass die Männer alles taten, um den Brand zu löschen, folgte er dem alten Lord ins Innere des Hauses.
Auch hier hinterließ der Verfall seine Spuren, die Vergänglichkeit der einstigen Pracht, des einstigen Wohlstands war nicht mehr zu übersehen. Die Teppiche, mit denen die Wände behängt waren, wiesen dünne Stellen auf; die Farben waren verblasst, das Gewebe fadenscheinig.
In der Mitte stand ein großer Tisch, dessen polierte Platte schon lange nicht mehr glänzte. Die Polster der Lehnstühle waren verblichen, die Bänke, die sich rund um den Kamin zogen, mit verfilzten Schaffellen belegt. Das Silbergeschirr war verkratzt, die Leuchter nicht mehr mit Wachslichtern, sondern nur noch mit billigem, schlecht riechendem Talg bestückt. Auf dem Boden lagen frische Binsen, doch fehlten darin die duftenden Blüten.
»Kommt, setzt Euch«, forderte Lord McLain und bat eine Magd um einen Krug mit frischem Ale und zwei Becher.
Die Männer tranken schweigend, dann fragte der Gutsherr: »Wie sehen die Bücher aus, Connor? Wie viel Geld haben wir noch, wie hoch ist der Bestand an Vieh und an Weidefläche?«
Der Verwalter kratzte sich mit einer Hand am Kinn, dann ließ er sich gegen die Lehne des Stuhles sinken und sah seinen Herrn besorgt an. »Unser Viehbestand hat sich in den letzten beiden Jahren halbiert. Zu viele Tiere wurden bei den Überfällen der Kingsleys geraubt oder getötet, und das von uns erbeutete Kingsley-Vieh stand schlecht im Futter. Von der langen Regenzeit im letzten Jahr hat sich das Ackerland bislang noch nicht erholt. Der Boden ist schwer und nass, sodass die Saat nur zögerlich aufgeht, wenn sie nicht gar verfault. Die Felder in Waldnähe sind verbrannt und werden in den nächsten Jahren keinen Ertrag bringen. Nur die Schafweiden oben in den Highlands stehen in sattem Grün. Allerdings ist zu befürchten, dass der nächste Anschlag der Kingsleys genau darauf zielt. Mylord«, der Verwalter runzelte die Stirn, »alles in allem stehen die Dinge schlecht. Wir haben kein Geld für neues Vieh, die Männer laufen uns aus Angst vor den Überfällen davon, und mit einem ertragreichen Jahr ist auch nicht zu rechnen. Die Bauern, die Euch zu Lehnsdiensten verpflichtet sind, haben kaum genug zum Leben. Und Eure Fischer fahren nicht auf den See hinaus, weil sie sich vor den Übergriffen der Kingsleys fürchten. Allerdings sieht es bei Euren Feinden kaum besser aus. Auch ihnen hat die Fehde mächtigen Schaden gebracht, auch sie haben herbe Verluste an Land, Vieh und Leuten hinnehmen müssen. Doch der alte Kingsley hat zwei Söhne, die sich gut verheiraten können und mit der Mitgift ihrer Frauen die Güter sanieren werden. Ihr aber habt nur Töchter, die viel Geld kosten werden, wollt Ihr sie gut verheiraten.«
Er seufzte und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. »Ich wünschte, Eure Lordschaften würden sich endlich über die Fang- und Fischrechte des Sees einigen.«
Der alte Lord nickte. »Über dreißig Jahre ist es nun her, dass der verstorbene Lord Kingsley beim Würfelspiel meinem Vater die Fang- und Fischrechte für den See abgewonnen hat. Und genau so lange steht fest, dass die Würfel gefälscht waren, die Kingsleys betrogen haben und uns demzufolge die Rechte nach wie vor zustehen.«
Der Verwalter schmunzelte. »Nun, die Kingsleys erzählen die Geschichte genau andersherum. Die McLains sollen die Würfel gefälscht und betrogen haben.«
Der Lord erwiderte das Lächeln nicht. Unwillig wedelte er mit der Hand, als wollte er Fliegen verscheuchen. »Ist das denn überhaupt noch wichtig? Fest steht, dass seither Krieg herrscht und niemand aus den Fisch- und Fangrechten einen Gewinn zieht.« In einem plötzlichen Zornesausbruch schlug er auf die Tischplatte, dass die Becher tanzten. »So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Es muss Frieden geschaffen werden! Der See muss wieder befischt werden, sonst sind wir bald alle ruiniert.«
»Die Kingsleys werden nicht freiwillig auf den See verzichten«, warf Charles Connor ein. »Und auch wir hätten Bedarf an den Fischen. Eine Lösung muss gefunden werden, die sowohl für die Kingsleys als auch für die McLains von Vorteil ist.«
Oben im Haus wurde eine Tür schwungvoll aufgerissen, schnelle Schritte eilten einen Gang entlang. Ein perlendes Frauenlachen war zu hören, so ansteckend, dass die Männer am Tisch ihre Sorgen für einen Augenblick vergaßen und selbstvergessen lächelten. Dann schlug erneut eine Tür, die Schritte und das Lachen verklangen. Im Haus herrschte wieder Stille, nur unterbrochen von den Geräuschen aus der Küche, in der die Köchin und ihre Gehilfen das Mittagsmahl zubereiteten.
»Ich glaube, mir kommt da ein Einfall«, sagte der Lord. »Ich glaube sogar, es ist ein guter Einfall ... mehr als gut. Zumindest brächte er für beide Seiten Vorteile.« Er hing seinen Gedanken nach, dann richtete er das Wort an den Verwalter: »Ich werde heute Abend mit meinen Töchtern in der Halle speisen. Euch bitte ich, ebenfalls an diesem Mahl teilzunehmen und die Bücher mitzubringen. Ich benötige eine genaue Aufstellung über unser gesamtes Vermögen.«
Der Verwalter sah seinen Herrn fragend an, doch der alte Mann lächelte nur verschmitzt, und in seinen blauen Augen, die trotz des Alters noch hell und klar in die Welt schauten, entstand ein zufriedener Ausdruck.
Das Mahl war von einer Üppigkeit wie sonst nur an Feiertagen. Es gab ein gebratenes Huhn, dazu Porridge, Plumpudding und starkes, selbst gebrautes Ale.
Lord Arthur McLain beobachtete lächelnd seine beiden Töchter. Die Ältere, Zelda, sah im Schein der Talglichter wie eine Amazone aus. Die roten Locken umgaben ihren Kopf wie einen glühenden Heiligenschein. Ihre meergrünen Augen sprühten vor Temperament, der sinnliche Mund mit den vollen roten Lippen lachte, und ihre Worte flossen wie eine sprudelnde Bergquelle durch die hohe Halle.
Joan dagegen, mit ihren 17 Jahren gerade einmal elf Monate jünger als Zelda, wirkte wie eine griechische Göttin. Anders als bei Zelda sah man ihr die keltische Abstammung nicht so deutlich an. Ihre Haut war von beinahe durchscheinender Blässe, das Haar von einem satten Goldton, und die hellgrauen Augen hatten einen melancholischen Ausdruck. Waren Zeldas Bewegungen schnell und manchmal fahrig, so bewegte sich Joan gemessen und voller Anmut. Während Zelda wie ein Wasserfall redete und ihr perlendes Lachen von morgens bis abends durch das ganze Haus zu hören war, sprach Joan wenig, doch ihre Äußerungen waren stets wohl durchdacht und hatten ihre Gültigkeit über den Tag hinaus. Es war noch niemals vorgekommen, dass sie ein Versprechen nicht eingehalten, eine Verabredung vergessen hatte oder gar ihren Aufgaben nicht pünktlich und zuverlässig nachgekommen wäre.
Einmal mehr wunderte sich der alte Lord über die mangelnde Ähnlichkeit seiner beiden Töchter. Zelda war das Abbild ihrer verstorbenen Mutter. Sie war mutig, manchmal sogar tollkühn, und kannte weder Angst noch Sorgen. Sie nahm das Leben als Geschenk, das jeden Tag eine neue, wunderbare Überraschung für sie bereithielt. Probleme löste sie entschlossen, fantasievoll und möglichst rasch, Hindernisse sah sie als Herausforderungen.
Joan dagegen kam ganz ihrem Vater nach. Auch er war ein stiller, nachdenklicher Mann, dem das Lachen nicht so leicht über die Lippen kam.
Doch so unterschiedlich die beiden Schwestern auch sein mochten, ihre Liebe zueinander war durch nichts zu erschüttern. Vielleicht hingen sie deshalb so sehr aneinander, weil die eine gerade das hatte, was der anderen fehlte. In gewisser Weise ergänzten sich ihrer beider Wesen auf das Beste, und kaum waren sie für ein paar Stunden voneinander getrennt, so verspürten sie Sehnsucht nacheinander. War eine krank, so dauerte es nicht lange, und auch die andere lag elend im Bett. Schon oft hatte sich der alte Lord gefragt, was wohl geschehen würde, wenn sie erwachsen würden und sich durch Heirat ihre Wege trennten.
Nun war es so weit.
»Ich habe euch etwas mitzuteilen«, hob er an und lächelte seinen Töchtern zu.
Zelda, die soeben ein Stück Hühnerbrust zum Munde führte, hielt inne und fragte vorschnell: »Du willst dich an den Kingsleys für den Brand rächen, nicht wahr? Bitte, Vater, lass mich dieses eine Mal nur dabei sein! Ich werde die Halunken in Stücke schlagen.«
Sie fuchtelte dabei so wild mit der Hand herum, dass das Bratenstück herunterfiel und von den Hunden, die unter dem Tisch lagen, noch in der Luft aufgefangen wurde.
»Nein, Zelda«, antwortete Joan an der Stelle ihres Vaters und zog ein ernsthaftes Gesicht. »Du wirst nicht gegen die Kingsleys in den Krieg ziehen. Es ziemt sich nicht für eine Lady, laut schreiend und in Männerkleidung auf einem Pferd über fremde Ländereien herzufallen.«
»Pah! Traust du mir etwa nicht zu, dass ich kämpfen kann wie ein Mann? Du bist und bleibst ein Angsthase, Joan.«
Mit einer Handbewegung unterbrach Lord Arthur McLain die Debatte.
»Ich habe mich entschlossen, den Krieg mit den Kingsleys zu beenden. Unsere Mittel sind aufgebraucht. Die dauernden Kämpfe bringen uns um Kopf und Kragen. Es ist Zeit, Frieden zu schließen.«
Schon öffnete Zelda den Mund, um wortreich ihre gegenteilige Meinung kundzutun, doch Joan legte ihr eine Hand auf den Arm und bedeutete ihr, den Vater ausreden zu lassen.
»Es gibt nur eine Möglichkeit, diesen Frieden zu schaffen ... so zu schaffen, dass er für alle Beteiligten Vorteile bringt.«
Lord McLain machte eine Pause und sah zu seinem Verwalter, der ihm zunickte. Der alte Mann seufzte noch einmal, dann fuhr er fort: »Zelda, ich habe beschlossen, dich mit Allistair Kingsley zu verheiraten. Gleich morgen werde ich einen Boten zu den Kingsley-Manors schicken, um ein Treffen mit dem alten Lord Thomas zu vereinbaren.«
Hatte er erwartet, dass Zelda aufsprang, mit dem Fuß aufstampfte oder die Tafel umstieß, so hatte er sich getäuscht. Zwar schleuderten ihre Augen grüne Blitze, schob sie das Kinn energisch nach vorn und öffnete den Mund zu einer geharnischten Antwort, aber dann fiel ihr Blick auf Joan. Zeldas Widerspruchsgeist fiel in sich zusammen, sie saß ungewohnt ruhig da und schaute beinahe ängstlich auf ihre Schwester, die noch blasser war als gewöhnlich, ja, nahezu kreidebleich. Ihr Atem ging schnell und flach, die hellgrauen Augen waren weit aufgerissen. Eine Weile herrschte Schweigen am Tisch. Nur die Geräusche aus der Küche waren noch zu hören und das Schnauben der Hunde unter dem Tisch.
Schließlich legte Zelda einen Arm um die Schulter ihrer jüngeren Schwester, und als sie spürte, dass deren Körper wie von unterdrücktem Schluchzen bebte, sagte sie: »Vater, auch ich möchte alles dafür tun, Leid und Schaden von uns abzuwenden. Wenn es deshalb nötig sein soll, Allistair Kingsley zu heiraten, so werde ich mich deinem Willen fügen. Was aber wird aus Joan?«
Sie drückte ihre Schwester leicht an sich und strich ihr mit der Hand behutsam über die bleiche Wange. Es war ihr nicht entgangen, dass alles Blut aus Joan gewichen zu sein schien. Und sie glaubte zu wissen, warum das so war. Niemand hier litt mehr unter den Streitigkeiten als Joan. Wann immer ein Überfall geschah, so war sie es, die noch Tage danach mit Leichenbittermiene herumlief und mehrmals täglich die kleine Kapelle aufsuchte, um zu beten. Obgleich Zelda keine große Lust verspürte, Allistair Kingsleys Weib zu werden, so war sie doch bereit, alles zu tun, um das Leid ihrer Schwester zu beenden oder wenigstens zu lindern. Allein um Joans Gesundheit willen würde sie Allistair heiraten.
Lieber allerdings wäre es ihr, die Kingsleys ein für alle Mal vernichtend zu schlagen und die Fisch- und Fangrechte des Sees unwiderruflich den McLains zu sichern. Oh, wenn sie nur daran dachte!
Zelda wusste schon jetzt genau, wie der nächste Kampf aussehen könnte: Die Kingsleys würden sich an die Weiden oben in den Bergen machen. Aber sie hatten sicher nicht mit Zeldas Weitblick gerechnet. Ab heute Nacht – so hatte sie beschlossen – wollte sie in den Highlands Wache halten und die Kingsleys gebührend empfangen. Natürlich würde ihr Vater niemals einverstanden sein, dass sich Zelda den mit Knüppeln bewaffneten Knechten anschloss, aber auch er musste irgendwann einmal schlafen gehen, und dann, ja dann, würde sich Zelda auf ihre Stute schwingen und in die Berge galoppieren. In ihrer Vorstellung hatte sie schon das Triumphgeheul der eigenen Leute gehört ... Jetzt sah die Sache natürlich ganz anders aus. Sie würde den Feind heiraten müssen! Ausgerechnet Allistair Kingsley, der zwar ein stattlicher Mann, aber eben doch der Feind war!
»Also, was wird aus Joan?«, wiederholte Zelda ihre Frage.
Der alte Lord wies auf den Verwalter Charles Connor, der die Bücher der McLain-Manors vor sich liegen hatte. »Unsere Mittel reichen nur für eine Mitgift aus. Zelda als die Altere kann deshalb heiraten und für den Fortbestand des Clans sorgen. Auf dich, Joan, wartet das Kloster. Ich bin sicher, dass diese zurückgezogene Lebensform deinem Wesen mehr entspricht als das Dasein einer Lady in den rauen schottischen Highlands.«
»Ja, Vater«, war alles, was Joan dazu sagte. »Wenn Zelda Allistair Kingsley heiratet, dann gibt es für mich keinen besseren Platz als das Kloster. Auch ich werde mich deinem Willen fügen und Vorbereitungen für mein neues Leben treffen.«
Sie stand auf und verließ die Tafel, noch bevor das Mahl beendet war. Dieses Verhalten war so ungewohnt, dass ihr die anderen überrascht hinterher schauten.
Wie zu sich selbst sagte Lord McLain: »Joan ist wirklich nicht dafür geschaffen, Eheweib, Mutter und Gutsherrin zu sein. Das Leben hier ist hart, das Klima rau und die Sitten derb. Du, Zelda, bist dafür viel besser geeignet.«
Nur Charles Connor wirkte bedrückt. Er räusperte sich verhalten, dann sprach er ein paar Worte, die an diesem Abend zwar gehört, aber erst Monate später verstanden wurden.
»In Joans Brust schlägt eine reine, tief empfindende Seele. Wirkt sie auch weniger robust als Zelda, so bin ich doch sicher, dass sie in Wahrheit die Stärkere ist. Sie wird sich ihrem Schicksal klaglos fügen. Aber erst, wenn feststeht, dass es wirklich ihr von Gott gewolltes Schicksal ist.«
Der Bachelor-See lag im Schein des Mondes da wie ein riesiges silbernes Tablett zwischen den Bäumen des Waldes, die auf der einen Seite zu den McLain-Manors, auf der anderen zu den Kingsley-Manors zählten.
In den Wald eingebettet, lag er wie ein unschuldig schlafendes Kind in den Kissen und schien nichts von dem Krieg zu ahnen, der um seinetwillen entbrannt war.
Das Ufer war zur Kingsley-Seite hin steinig und wild. Felsbrocken ragten, von hartem Schilf umgeben, ins Wasser, Biber wohnten in den Grotten der Felsen, ernährten sich von den Fischen und wurden fett dabei. Das Wasser war dunkelgrün, von Schlingpflanzen durchsetzt und verwehrte jeden Blick auf den Grund.
Das andere Ufer war davon so verschieden, als gehörte es zu einem anderen See. Sanft stieg es an und verwandelte sich nach wenigen Metern schon in eine satte grüne Wiese, die im Frühling und Sommer voller Blumen stand. Auf dem Wasser schaukelten sattgelbe Seerosen träge im Mondlicht. Auf dem Seegrund konnte man silberne Fische sehen, die sich wie junge Pferde jagten.
Sie saßen auf der sanften McLain-Seite. Der Mann hatte seinen Umhang auf die Wiese gebreitet. Die Luft war erstaunlich warm für eine Mainacht in den Highlands. Ein milder Wind strich behutsam über die Wipfel der Bäume, die sich wie ein schützendes Dach über die Wiese legten. Die Vögel hatten sich zur Ruhe begeben, nur hin und wieder kündete ein brechender Zweig von den Tieren, die in der Nacht zum Leben erwachten.
Der Mann lag auf dem Umhang, hatte die Beine an den Knöcheln gekreuzt, die Arme unter dem Kopf verschränkt. Er wirkte ganz entspannt, doch der Schein trog.
Das Mädchen saß mit angezogenen Knien neben ihm. Ihre Schultern bebten, und sie raffte das Tuch, das sie um den Oberkörper trug, vor der Brust zusammen, als fröre sie.
»Leg dich zu mir«, bat der Mann und streckte einen Arm aus, berührte das Mädchen am Rücken, ließ seine Hand streichelnd darüberwandern. Dann nahm er ihren Arm und wollte sie hinabziehen, doch sie schüttelte den Kopf und wandte sich zu ihm um.
Er sah die Tränen, die wie kostbare Perlen über ihr Gesicht liefen und im Mieder versickerten. Er richtete sich auf und folgte mit dem Finger der Spur der Tränen.
»Nicht weinen«, sagte er. »Bitte, meine Liebste, weine doch nicht.« Sein Gesicht verzog sich schmerzlich, er konnte ihre Tränen nicht ertragen.
Sie schenkte ihm ein Lächeln, doch es blieb blass.
»Wie sollte ich nicht weinen?«, fragte sie. »Habe ich nicht allen Grund dazu?«
»Noch ist nicht aller Tage Abend«, versuchte er sie zu trösten, doch er hörte selbst die Hilflosigkeit in seiner Stimme.
Mit einer energischen Handbewegung wischte sie sich die Tränen von den Wangen. Ihr Gesicht wirkte plötzlich ganz entschlossen.
»Nein«, sagte sie. »Du irrst dich. Es gibt keine Lösung. Wir werden uns niemals wiedersehen.«
»Aber noch ist nichts geschehen«, erwiderte er bittend. »Noch sind wir nicht getrennt, können am Abend zum See kommen ...«
»Nein«, wiederholte sie. »Ich werde nicht mehr zum See kommen. Ich ertrage es nicht, dich zu lieben, dir aber niemals gehören zu können. Wir sind füreinander verloren, und jedes weitere Treffen verlängert nur die Qual des Abschieds.«
Der Mann nickte traurig, dann gestand er: »Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Und ich werde dir immer gehören, was auch geschieht. Ich trage dich in meinem Herzen. Und erst, wenn dieses stirbt, stirbst auch du in mir. Du bist meine Frau. Nicht vor den Menschen, doch vor Gott. Und selbst wenn ich eine andere heirate, so wirst du immer die erste Stelle in meinem Herzen besetzen.«
Sie lächelte unter Tränen. »Ja«, sagte sie. »Ich gehöre dir, und du gehörst mir. Aber ... ich möchte nicht, dass wir uns trennen, ohne uns einander ganz gezeigt, ganz geschenkt zu haben. Eine Nacht, diese Nacht, bleibt uns nur. Und ich möchte, dass wir in dieser Nacht das Fest unserer Liebe feiern.«
»Du ... du meinst, du willst mir deine Unschuld opfern? Als Abschiedsgeschenk?«
Das Mädchen schüttelte den Kopf und lachte leise. »Nein, nicht opfern. Ich möchte dir meine Unschuld schenken. Sie war von Anfang an für dich bestimmt. Das Schicksal hat entschieden, dass ich diese Unschuld nicht mehr bewahren muss. Ich werde sie nicht mehr brauchen. Dort, wo ich hingehen muss, hat man für die Unschuld keine Verwendung. Einmal, ein einziges Mal nur möchte ich die Liebe kosten, einmal nur dir gehören und für den Rest meines Lebens leichten Herzens verzichten. Meine Unschuld ist alles, was ich dir schenken kann. Mehr habe ich nicht.«
Der Mann schluckte. Er fürchtete, dass auch ihm gleich Tränen in die Augen treten würden. Eine heiße Welle der Liebe durchflutete ihn, der Schmerz über den nahen Abschied riss sein Herz in Fetzen. Gott allein wusste, wie sehr er dieses Mädchen liebte, wie drängend er es begehrte.
Er richtete sich halb auf, kniete vor ihr. Seine Hände umfassten mit aller Zärtlichkeit, zu der er fähig war, ihr schmales Gesicht. Ihre Augen ruhten auf ihm, klar, unschuldig, ohne Arg und Falsch. Sie wusste, was sie ihm da für ein Angebot machte. Und er las in ihren Augen, dass er dieses Angebot annehmen musste, um ihr eine süße Erinnerung für all die kommenden Jahre zu bescheren. Eine einzige Erinnerung, die ausreichen musste für den Rest ihres Lebens.
»Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr«, sagte er wieder, und seine Stimme klang belegt und rau.
Dann berührte er mit seinen Lippen sanft die ihren, schmeckte das Salz der Tränen darauf, den bitteren Sud des Abschieds und den süßen Honig des Verlangens. Ganz leicht nur öffnete sie den Mund, gewährte seiner Zunge Einlass, ließ ihn kosten von sich, kostete ihn.
Bald vergaßen sie alles um sich herum, wussten weder Ort noch Zeit. Es gab nur noch sie beide, ihre Münder, ihren Atem, der zu einem wurde, zwei Lippenpaare, die zu einem verschmolzen, zwei Leiber, die sich aneinanderdrängten, miteinander verwachsen, verschmelzen wollten, um niemals wieder voneinander getrennt zu werden.
Das Begehren wuchs in ihnen, das Verlangen erwachte. Doch es war keine wilde, uferlose Begierde, sondern eine stille, die aus dem Grund der Seele kam, von dort, wo Lust und Liebe eines sind und sich unauslöschlich ins Herz brennen.
Behutsam machte er sich von ihr los, sah sie mit neuen Augen. Er sah ihr langes, feines Haar, das wie ein Schleier das fein geschnittene Madonnengesicht umrahmte. Er sah in ihre Augen, die wie das Wasser des Sees im Mondlicht schienen, silbrig, sanft und voller Geheimnisse. Ihr Mund, leicht geöffnet, mit vom Kuss noch brennenden Lippen, schimmerte feucht und verlockend wie die Blütenblätter der Seerosen.
Er konnte sich nicht losreißen von ihrem Anblick, betrachtete staunend das Wunder der Liebe, das in dem Augenblick, als ihre Lippen miteinander verschmolzen waren, aus diesem Mädchen eine Frau gemacht hatte. Eine alles wissende, alles verstehende Frau, ein Weib, das das Geheimnis des Lebens in sich trug, bereit, es in dieser Nacht mit ihm zu teilen. Fremd und gleichzeitig vertraut erschien ihm das Mädchen, das er gleich zur Frau machen wollte. Vertraut ihr Duft, ihre Züge, geheimnisvoll und lockend ihr Wesen und doch noch immer voller Unschuld.
Sanft, mit klopfendem Herzen, löste er ihr Mieder und streifte das Kleid von ihren Schultern. Sie lachte ein ungekanntes Lachen, bog den Kopf dabei zurück, sodass die schlanke, schwanengleiche Linie ihres Halses hervortrat und sich seinen Lippen darbot.
Er fuhr mit der Zunge diese Linie entlang, schmeckte das Salz ihrer Haut, das ihm wie das Salz der Erde schien. Er roch ihren Duft, roch die Süße der gerade erst vergangenen Kindheit und die Schwere der erwachten Frau, konnte sich nicht satt riechen an ihr, sich nicht satt sehen, sich nicht satt schmecken.
Wieder lachte sie dieses neue, dunkle Lachen. Er ließ von ihr ab, strich mit den Händen über ihre Schultern, die hell wie Alabaster waren, fühlte das Rund in seinen Handflächen.
Sie schloss die Augen, beugte den Kopf und schmiegte sich an die Hand des Mannes, schmiegte sich dort hinein wie ein kleines Tier, während sie mit den Händen ihr Mieder noch weiter öffnete und es über ihre Brüste gleiten ließ. Die zarten, rosa Spitzen bebten leicht und richteten sich auf im Wind, der sie leise umspielte wie ein schützender Umhang.
Sie hob den Kopf, ihre Augen waren geöffnet und sahen ihn an, ermunterten ihn. Mit beiden Händen umfasste er die Brüste, streichelte sie sanft mit den Daumen, umsorgte sie. Doch sie drängte sich ihm entgegen, bog ihren Leib seinen streichelnden Händen entgegen, wollte mehr als Zartheit von ihm.
Ein leises Stöhnen drang aus ihrer Kehle, ein dunkler, tiefer Laut, dem etwas Animalisches anhaftete.
Und auch er spürte nun das Drängen in sich. Ein heftiges Drängen, dass die Zartheit vertrieb, eine Urkraft, die besitzen, einverleiben wollte.
Seine Lippen fassten nach den zarten Pfirsichspitzen, die Zunge spielte damit, und er spürte, wie die Spitzen praller wurden, reif. Er konnte nicht an sich halten und biss hinein, zuerst zart, dann fester, hörte einen gurgelnden Laut, hörte ein heiseres »Ja«, griff mit beiden Händen nach ihrer Taille und zog sie so nah an sich heran, dass das zarte Fleisch ihrer Brüste seinen Mund ganz ausfüllte und ihr flacher, fester Bauch gegen seine Brust gepresst wurde. Er spürte ihren Körper erschauern, spürte auch ihre Schenkel, die sich rechts und links an seine Hüften pressten und ihn umklammert hielten.
Waren es ihre Hände, waren es seine, die ungeduldig an ihrem Kleid rissen, an seinem Hemd, seinen Beinkleidern nestelten, als wäre jeder noch so kleine Fetzen Stoff eine Mauer zwischen ihnen, die es einzureißen galt, ein letztes Hindernis, ehe sie zusammenkommen konnten?
Geblendet war er von ihrem weißen Leib, der wie unberührter Schnee im Mondlicht schimmerte. Zerbrechlich, wunderschön und rein.
»Du bist schön«, sagte er, strich mit beiden Händen über diesen kostbaren Leib und schloss die Augen dabei. Weich und samtig fühlte sich ihre Haut an, lebendig und warm. Er fühlte das Blut in ihren Adern pulsieren, spürte jede Regung – und erkannte sie. Ja, in dieser Haut steckte die Frau, die er liebte. Er erkannte sie unter seinen Fingern, erkannte sie wieder, als hätte er sie schon oft gefühlt.
Er öffnete die Augen, sah sie an, wie sie, die Schenkel noch immer an seinen Hüften, nach hinten auf den Umhang sank und ihn mit brennenden Blicken bedachte. Verlangend, sich verschenkend, voller Vertrauen. Mach mit mir, was du willst, schienen ihm diese Blicke zuzurufen. Nimm mich, wie du mich haben möchtest.
Und er tat es. Seine Hände glitten über die Innenseiten ihrer Oberschenkel, fühlten die Zartheit. Seine Augen waren dabei auf ihr Gesicht gerichtet, sprachen mit ihr. Ihre Brust hob und senkte sich in schnellen Atemstößen, ihr Mund war leicht geöffnet. Auch er atmete rascher, doch als er bemerkte, dass ihr Atem im gleichen Rhythmus ging, wusste er, dass alles gut und richtig war.
Seine Hände glitten über ihren Schamhügel. Sie drängte sich gegen diese Hand, die auf dem Hügel sanft kreiste. Ihre Schenkel öffneten sich noch weiter und gestatteten ihm einen Blick auf ihren Schoß.
Er sah ihre Blütenblätter, prall und satt, die nur darauf warteten, von ihm geöffnet zu werden. Mit sanften Fingern zog er sie auseinander und hörte, wie sie stöhnte, den Leib leicht aufbäumte, sich ihm entgegenstreckte.
Behutsam strich er über die äußeren Blütenblätter und ertastete im Innern kleinere, noch samtigere, für deren Zartheit es keine Worte gab. Als er sie berührte, spürte er eine warme Feuchtigkeit. Dann sah er plötzlich auch die Knospe inmitten der Blüte, eine Knospe, die sich ihm feucht schimmernd entgegenreckte. Behutsam umkreiste er sie, ließ einen Finger auf ihr vibrieren und verfolgte, wie diese Vibrationen in ihren Leib übergingen, als Schauer durch sie hindurchflossen und ihr raue, kehlige Laute entlockten.
Seine Männlichkeit hatte sich lange schon aufgerichtet, doch jetzt pulsierte sie beinahe schmerzhaft, drängte sich vor, wies sich selbst den Weg. Sie öffnete sie noch weiter für ihn, zeigte ihm den Eingang zum Schloss der Lust, schob sich ihm entgegen, presste verlangend, stöhnend, bittend ihren feuchten Schoß gegen seine Männlichkeit.
Als er mit einem Finger in sie eindrang und sich ihr Schoß warm und feucht wie eine Höhle darumschloss, bäumte sich ihr Leib auf. Ihre Hüften bewegten sich, vollführten kreisende Bewegungen, die ihn lockten, ihm die Sinne raubten, sein Blut zum Kochen brachten.
Auch ihr floss das Begehren wie glühende Lava durch die Adern. Sie rieb sich an ihm, ihre Scham drängte gegen seine Hand, wollte mehr, mehr, mehr ...
Mit festem Griff öffnete er ihre Schenkel noch weiter und ließ dafür kurz von ihrem Schoß ab. Der Wind nahm die Gelegenheit wahr, er kühlte ihre brennende Scham, streichelte sie und steigerte ihr Begehren ins Unermessliche, sodass sie sich wand, die Augen geschlossen, der Mund leicht geöffnet.
»Komm«, rief sie. »Komm zu mir, bitte.«
Mit einem kräftigen Stoß drang er in sie ein und trieb sie auf den Thron der Lust. Vor ihren Augen tanzten rote Kreise, Feuerkreise. Sie hörte sich stöhnen, hörte sich schreien, war ganz sie selbst, ganz Frau, und kannte sich doch nicht. Er stieß in sie, verwandelte sie mit jedem weiteren Stoß in ein rasendes Weib, rasend vor Lust, rasend vor Begehren, rasend auch vor Liebe zu ihm.
Ein lang gezogener, kehliger Laut drang an sein Ohr und drang ihm auch in die Lenden. Er feuerte ihn an, sodass er sie mit einem letzten tiefen Stoß ganz ausfüllte und sich schließlich mit einem wilden Aufstöhnen in sie ergoss.
Langsam nur verebbte die Erregung. Allmählich kamen sie zurück in die Gegenwart des nächtlichen Waldes, der seine Baumwipfel wie ein schützendes Dach über den Landstrich gebreitet hatte.
Zart strich er ihr eine Haarsträhne aus der Stirn, fuhr mit dem Finger die Umrisse ihrer Lippen nach.
»Ich liebe dich so sehr«, sagte er noch einmal, doch diesmal klang auch in seinen Worten der Abschied. Ungläubig lauschte er ihnen nach.
Er hatte sie heute gefunden, hatte sein Mädchen zu seiner Frau gemacht ... Sein Verstand weigerte sich, die Tatsache des bevorstehenden Abschieds zur Kenntnis zu nehmen.
Er rollte sich neben sie, barg den Kopf an ihrer Brust wie ein trostbedürftiges Kind, doch nach einer Weile machte sie sich los und sammelte ihre Kleider auf. Ein letztes Mal beugte sie sich über ihn, kostete seine Lippen, entschlossen, seinen Atem zu trinken und ihn sich für immer zu bewahren. Dann wandte sie sich um und lief, noch immer nackt und die Kleider in der Hand, weg von ihm und hinein in den dunklen Wald.
»Bleib«, rief er ihr hinterher. »Ich kann dich nicht verlassen ... Ich werde eine Lösung finden, das verspreche ich dir!«
Doch sie schüttelte im Laufen den Kopf, dann wurde sie vom Wald verschluckt.
Er lag noch immer nackt auf dem Umhang am sanften Ufer des Bachelor-Sees, beschienen vom Mondlicht, das ihm auf einmal nicht mehr silbern und geheimnisvoll erschien, sondern kalt und grausam. Er begann zu frieren. Eine Kälte, die aus seinem Innern kam, stieg in ihm auf. Er schlug die Arme um sich, rollte sich zusammen, seine Männlichkeit schützend zwischen den Schenkeln bergend, und lauschte in die Nacht.
Ein, zwei Mal noch hörte er in der Ferne das Knacken eines Astes, das von ihr kündete. Er presste das Gesicht in den Umhang, sog ihren Duft ein, hätte ihn am liebsten in ein Kästchen gesperrt, um ihn zu bewahren. Dann hörte er das Schnauben eines Pferdes, klappernde Hufschläge und wusste, sie war fort.
»Joan, o Joan, wenn ich dir doch nur helfen könnte!«
Zelda kniete vor dem Bett und sah ihre Schwester mit einer Mischung aus Besorgnis und Verzweiflung an. »Sag mir doch, was ich tun kann!«, bat sie flehentlich.
Joan zwang sich ein Lächeln auf die Lippen, die heute seltsam rot, sogar ein bisschen entzündet waren und wie Blut auf frisch gefallenem Schnee in ihrem Gesicht leuchteten. Doch ihre Augen waren glanzlos, das Gesicht bleich.
Obwohl die Sonne schon hoch am Himmel stand, lag Joan im Bett. Ihre schmale, zarte Gestalt verschwand beinahe in dem Kissenberg, den Zelda hinter ihrem Rücken aufgetürmt hatte.
»Möchtest du eine heiße Milch mit Honig? Oder soll ich dir etwas von dem frischen Haselnussgebäck aus der Küche holen?«
»Danke, Zelda, ich brauche nichts«, erwiderte Joan mit dünner Stimme und schloss die Augen.
»Was tut dir weh, Joan? Meinst du nicht, dass wir nach dem Doktor schicken sollten oder wenigstens nach der alten Margaret? Sie hat bestimmt einen Kräutertrunk, der dir wieder auf die Beine hilft.«
Joan öffnete die Augen und richtete sich ein wenig auf. Sie schob die Hand ihrer Schwester behutsam von ihrem Arm und sagte mit einer Stimme, die ein leichtes Zittern nicht verbergen konnte: »Zelda, wirklich, es ist nichts. Mir geht es gut. Ich habe nirgendwo Schmerzen. Ich möchte einfach nur ein wenig allein sein und nachdenken.«
»Aber das wolltest du doch noch nie!«, rief Zelda verständnislos. »Immer warst du die Erste, die am Morgen aufstand, sobald der erste Hahn krähte. Auch noch nie hattest du das Bedürfnis, den ganzen Tag im Bett zu verbringen und dem lieben Gott den Tag zu stehlen wie ein Vagabund.«
»Ich war schon auf«, erwiderte Joan, noch immer mit diesem seltsamen, unfrohen Lächeln. »Ich habe bereits die Hühner gefüttert und der Wäscherin die Wäsche herausgesucht. Ich habe der Köchin Anweisungen für das Mittagsmahl gegeben und der Magd für den Einkauf. Alle meine Aufgaben sind erledigt. Mein Stickrahmen liegt hier neben mir, und ihm ist es egal, ob ich im Bett oder auf einem Stuhl am Fenster die Handtücher mit den Initialen der McLains besticke. Im Kloster werde ich einen neuen Vornamen bekommen, also ist auch diese Tätigkeit im Grunde überflüssig.«
»Das Kloster«, wiederholte Zelda, und ihr Gesicht wurde schuldbewusst. »Es ist das Kloster, nicht wahr, das dir auf der Seele liegt. Du möchtest nicht als Nonne leben, stimmt es? Du möchtest lieber hierbleiben, auf den McLain-Manors.«
Sie sprang auf. »Ich werde mit Vater reden. Es muss doch möglich sein, dass du hierbleiben kannst.«
»Nein, Zelda, mach dir diese Mühe nicht. Unser Vater hat gute und richtige Entscheidungen getroffen. Wenn du Allistair Kingsleys Eheweib wirst, bin ich in einem Kloster am besten aufgehoben.«
»Und wenn nicht?«
»Was meinst du?«
»Und wenn ich Kingsley nicht heirate? Wirst du dann bleiben und wieder fröhlich sein?«
Joan seufzte und schloss die Lider. Zelda sah, wie ihre Schwester mehrmals heftig schluckte. Doch dann öffnete sie die Augen, und ihr Blick, der auf Zelda ruhte, war fest, klar und entschlossen.
»Ich habe diesen Krieg so satt«, sagte Joan. »Meine Tränen reichen nicht aus, um dieses Unglück zu beweinen. Einen ganzen See könnte man damit füllen. Jeder Mann, jedes Stück Vieh, jedes Fleckchen Ackerland bedauert mich. Ich bin froh, dass du mit deiner Heirat den Krieg beendest.«
»Vorausgesetzt, die Kingsleys stimmen zu!«, warf Zelda ein. Sie ging zum Fenster, stieß die hölzernen Läden weit auf und ließ das Sonnenlicht hereinfluten. Dann beugte sie sich weit vor und sah auf den Gutshof hinunter.
Gerade sattelte ein Knecht sein Pferd.
»Guten Morgen, Walther«, rief Zelda hinunter, und der Knecht erwiderte den Gruß mit einem Lachen und einem Winken. »Reitest du zu den Kingsley-Manors?«
»Ja, Mylady Zelda.«
Er klopfte auf die Satteltasche, die er in der Hand hielt und nun über den Pferderücken warf. »Hier drinnen ist das Schreiben von Eurem Vater an Lord Thomas Kingsley. Ich hoffe, dass der Krieg nun bald zu Ende sein wird!«
»Ja, wir alle sind froh darüber, aber noch ist es nicht so weit. Vielleicht hat Lord Thomas mit seinem ältesten Sohn andere Pläne, als ihn ausgerechnet an die Tochter seines ärgsten Feindes zu verheiraten.«
»Oh, Ihr könnt unbesorgt sein, Lady Zelda. Auch die Kingsleys sind des Krieges müde. Erst kürzlich habe ich in der Schenke gehört, wie sie darüber sprachen. Auch von Euch, Mylady, war dabei die Rede.«
»So? Und was erzählt man sich über mich?«, fragte Zelda und beugte sich noch ein bisschen weiter aus dem Fenster.
Der Knecht lächelte verlegen. »Ein Vollweib haben sie Euch geheißen, die Kingsley-Leute. Eine, die wohl in der Lage ist, ein Gut zu bewirtschaften. Eine, die arbeiten kann wie ein Mann, aber trotzdem so sehr Frau ist wie keine andere hier. Einen Glückspilz haben sie den genannt, der Euch eines Tages heimführt. Und einen Pechvogel, wenn er nicht Manns genug sein sollte, gegen Euch anzukommen.«
Zelda lachte laut auf, als sie sah, dass der Knecht errötete. Sie wusste genau, was in den umliegenden Gegenden über sie geredet wurde. Es gab so manchen, der sie gern auf seinem Gut gehabt hätte, doch Zelda hatte bisher alle Bewerber fortgeschickt.
Sie war nicht hochmütig, ganz gewiss nicht. Stolz war sie, und eben dieser Stolz war es, der ihr verbot, sich einem Mann zu überlassen, den sie nicht von ganzem Herzen liebte. Nun, so einen Mann schien es in den schottischen Highlands nicht zu geben. Zumindest war Zelda ihm noch nicht begegnet. Aber jetzt lagen die Dinge sowieso anders. Sie würde heiraten, obwohl sie Allistair Kingsley nicht liebte. Und sie bedauerte es nicht einmal, obwohl sie damit ihren Schwur verriet. Das Ende des Krieges, das Wohl ihres Vaters, ihrer Schwester und der Besitzungen hatten Vorrang vor ihren eigenen Bedürfnissen. War es nicht besser und wichtiger für alle, die hier lebten, dass Frieden einkehrte? Die Bauern würden aufhören zu hungern, die Felder in voller Frucht stehen, das Vieh mit glänzendem Fell und gut im Futter auf fetten Weiden grasen. Es würde Fisch in Hülle und Fülle geben, und niemand müsste sich mehr vor Überfällen fürchten. War das nicht viel? Viel mehr als andere mit einer Heirat bewirkten?
Und wer weiß, vielleicht lernte sie im Lauf der Zeit, ihren Mann zu lieben.
»Einen guten Ritt wünsche ich dir, Walther«, rief sie freundlich hinunter. »Und berichte mir gleich nach deiner Rückkehr, wie die Botschaft aufgenommen wurde.«
Sie trat vom Fenster zurück, drehte sich um und sagte, in Joans Richtung gewandt: »Walther bricht gerade zu den Kingsleys auf.« Sie meinte, Joan bei diesen Worten seufzen zu hören, doch die Schwester lächelte noch immer dieses merkwürdig starre Lächeln, sodass Zelda glaubte, sich getäuscht zu haben.
Sie ging einige Schritte ins Zimmer hinein und zog übermütig an Joans Bettdecke. »Komm, Joan, steh auf. Lass uns zum See reiten. Es ist kühl dort unter den Bäumen. Kühl und ruhig.«
Joan schüttelte den Kopf. »Ich möchte hierbleiben, Zelda. Hier, wo ich bin. In meinem Bett und bitte bei geschlossenen Fensterläden.«
»Aber warum nur?«, fragte Zelda erneut und warf hilflos die Hände in die Luft.
Joan sah sie an und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch dann drehte sie den Kopf auf die Seite und vergrub sich in den Kissen.
Mit hängenden Schultern stand Zelda vor ihrem Bett und wusste nicht, was sie tun sollte. Joans Verhalten war wirklich ungewöhnlich. Sie war einfach nicht dafür gemacht, an einem strahlenden Sonnentag im Bett zu liegen.
»Dann lass uns in den Garten gehen. Vielleicht sind schon ein paar Erdbeeren reif«, schlug sie mit leiser Stimme vor.
Joan bewegte sich nicht, strich nicht einmal ihr Haar zur Seite, das ihr wie ein Vorhang ins Gesicht hing.
»Zelda, bitte, lass mich einfach in Ruhe. Ich werde bald in einem Kloster leben. Gönne mir die letzten Tage hier. Lass sie mich so verbringen, wie ich es möchte.«
Zelda nickte verstehend. »Du nimmst schon Abschied, nicht wahr?«, fragte sie leise und traurig.
Joan seufzte, dann nickte sie. »Ja, Zelda. Und ich möchte es allein tun.«
Bedrückt verließ Zelda das Zimmer ihrer Schwester, lief die große Treppe in die Halle hinunter, ließ sich auf eine Bank sinken und dachte an Joan.
Ein Leben als Nonne war für sie, Zelda, unvorstellbar. Es würde ihr bestimmt nichts ausmachen, in Armut zu leben, doch die strengen Regeln in einem Kloster, die Vorbestimmtheit des Lebens vom kleinsten Schritt am Tage bis hin zum Leben als Ganzes würden sie ersticken. Sie war zu lebendig, zu eigenwillig und temperamentvoll, um an solch einem Dasein auch nur den geringsten Gefallen finden zu können.
Und Joan? Würde sie so leben können? Die Schwester war still und zurückhaltend, äußerte nie Wünsche, stellte niemals etwas infrage. Sie nahm das Dasein klaglos an, mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten. Ja, Zelda war sich sicher, dass Joan im Einklang mit Gott lebte. Sie war oft in der kleinen Kapelle, die dem Gut angehörte, und sorgte für frische Lichter und Blumen für den Altar. Stunden verbrachte sie in dem kleinen, weiß getünchten Gotteshaus im Zwiegespräch mit ihrem Herrn.
Zelda besuchte zwar auch die wöchentliche Messe, die der Priester des Dorfes in der Gutskapelle abhielt, doch war sie keine so demütige Christin wie Joan. Nein, Zelda stritt mit ihrem Gott, sie hinterfragte ihn und seine rätselhaften Absichten sogar. Er war ihr kein allmächtiger Vater, sondern eher ein Freund, der immer gerade da war, wo auch sie war. Joan lebte für Gott, Zelda mit ihm.
Als ihr diese Erkenntnis bewusstwurde, lächelte sie, und alles Schwere glitt von ihren Schultern. Ja, so war es: Joan lebte für Gott. Kein Wunder, dass sie sich nun auf ein Leben, das ganz und gar ihm gewidmet war, einstellen musste. Bald würde sie den Schleier nehmen und den Herrn Jesus zu ihrem Bräutigam nehmen.
Wenn Zelda an ihre bevorstehende Hochzeit dachte, wurde ihr zwar ein bisschen schwummerig, aber sie war fest entschlossen, sich auch als Eheweib nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Außerdem wusste sie längst, welche Aufgaben als Gattin und später vielleicht auch als Mutter auf sie warteten. Sie würde für das Haus sorgen, die Dienstboten befehligen, über Küche, Kammern, die Wäsche und die Kinder herrschen und sich darum kümmern, dass es in diesem Bereich an nichts fehlte. Der Mann war für die Dinge außerhalb der Hausmauern zuständig, die Frau für all das, was sich innerhalb dieser Mauern abspielte. Der Mann war zwar ihr Herr und sie ihm Gehorsam schuldig, doch gebot er nicht über ihre Gedanken, Träume und Wünsche. Ihr Äußeres wurde Ehefrau, aber im Inneren konnte sie, wenn sie wollte, einfach die bleiben, die sie war.
Was aber erwartete eine Braut Jesu? Welche Aufgaben oblagen ihr? Gebot der himmlische Bräutigam nicht auch über die Gedanken, ja, gar über die Seele seiner schwarz gekleideten Bräute?
Zelda nickte vor sich hin. Sie hatte jetzt verstanden, warum Joan so in sich gekehrt war, Ruhe brauchte und allein sein wollte. Sie musste ihre Gedanken, ihr ganzes Innenleben prüfen.
Zelda schauderte ein wenig. Das war Arbeit. Und zwar eine Arbeit, die ihr ganz und gar nicht behagte. Sie lebte nach außen und Joan nach innen. So einfach war es wohl, auch, wenn Zelda es nur schwer verstehen konnte.
Sie beschloss, ihre Schwester in Ruhe zu lassen und stattdessen allein zum See zu reiten. Vielleicht, so dachte sie, pflücke ich ihr auf dem Heimweg einen bunten Strauß mit duftenden Wiesenblumen. Und vielleicht ist es an der Zeit, dass auch ich mir Gedanken über meine Zukunft mache.
Sie stand auf, eilte in den Stall und sattelte ihr Pferd, eine Apfelschimmelstute, die auf den Namen Rose hörte. Für einen Augenblick schmiegte Zelda ihre Wange an den warmen Hals des Pferdes. Sie spürte ein leises Zucken, dann streichelte sie die Stute, schwang sich in den Sattel und ritt los. Solange sie noch in Sichtweite des Gutshauses war, saß sie zu Pferd, wie es sich für eine Lady gehörte: hoch aufgerichtet, beide Beine züchtig über die linke Seite des Sattels gelegt, das Kleid ordentlich bis zu den Füßen reichend und die Zügel zierlich in der Hand. Doch kaum war das Gutshaus hinter einer Wegbiegung verschwunden, schwang sie sich rittlings auf die Stute und jagte über die Felder und Wiesen wie ein Mann. Ihr langes rotes Haar wehte wie eine Fahne hinter ihr her. Das Kleid hatte sie bis zur Mitte der Schenkel hochgeschoben, sodass es knitterte, doch das kümmerte Zelda nicht. Ganz tief beugte sie sich über den Hals der Stute, die Zügel fest in den Fäusten, die Füße in die Steigbügel gestemmt und die weißen Schenkel gegen den warmen Stutenleib gepresst. Sie sprang über Wassergräben und Baumstämme, trieb Rose mit Rufen und Schnalzen an und hatte schon bald den Waldrand erreicht.
Im Schutz der ersten Bäume stieg sie ab, klopfte dem Pferd den Hals, holte ein Apfelstück als Belohnung aus ihrer Rocktasche und hielt es Rose hin. Dann warf sie ihr die Zügel über den Kopf, fasste sie locker unter dem weichen Pferdemaul zusammen und zog sie, die nur ungern und äußerst hochbeinig durch das Unterholz schritt, hinter sich her.
Zelda führte Rose zum Seeufer und ließ sie trinken, dann band sie sie an einen Baum. »Bleib hier, warte auf mich«, sagte sie. »Ich bade nur kurz, dann komme ich wieder.«
Zelda sah sich um, doch niemand war in der Nähe. Der Wald stand still, nur die Vögel in den Asten der Bäume sangen. Sie war ganz allein hier, keine Menschenseele weit und breit.
Zelda zog die Kleider aus, warf sie Rose über den Rücken und rannte nackt über die Wiese bis zum sanften Ufer des Bachelor-Sees.
Das Wasser war kühl, sodass Zelda eine Gänsehaut bekam und zischend die Luft einsog, als sie mit den Füßen in den See stieg. Beherzt schöpfte sie Wasser und goss es sich mit beiden Händen über den Leib. Sie prustete und sah zu, wie die Tropfen über ihre Brüste rollten, an den Spitzen kurz verharrten, um sodann ins Wasser zurückzukehren. Dann breitete sie die Arme aus, warf sich in den See und schwamm mit kräftigen Zügen. Sie näherte sich einer sattgelben Seerose und strich behutsam mit dem Finger über die Blüte; als sie einen Fisch beobachtete, der aus dem Wasser schoss wie ein Pfeil, sich in der Luft drehte und wieder versank, lachte sie befreit.
Die Sonne hatte sich einen Weg durch die Wipfel der Bäume gesucht und malte goldene und silberne Punkte auf die Wasseroberfläche. Zelda sah nach oben, sah den Staub des Waldes im goldenen Sonnenfinger tanzen und fühlte sich wohl und unbeschwert. Sie war ein Kind der Natur, eine Tochter der Sonne und des Wassers. Sie genoss den Duft des Waldes und den Geschmack des Sees auf den Lippen. Nach einer Weile warf sie sich auf den Rücken und ließ sich einfach treiben. Das Wasser hatte alle Sorgen von ihr abgespült, sie war frei und ungebunden, ganz sie selbst, mit sich und den Dingen, die sie umgaben, im Einklang.
Schon als kleines Mädchen war Zelda oft an den See gekommen, und schon damals hatte sie nur hier das Gefühl unbändiger Freiheit verspürt. Doch dann hatte der Vater ihr diese Ausflüge verboten, aus Angst, seine Tochter könnte eines Tages von den Kingsleys geraubt werden. Aber Zelda kannte den Wald und den See besser als jeder andere. Schon von weitem spürte sie, wenn jemand anderes hier war. Vergeblich hatte sie versucht, diesen ihren Lieblingsplatz mit der Schwester zu teilen, aber Joan fühlte sich hier nicht wohl. Sie genoss zwar die Stille, kühlte im Sommer auch gern die erhitzte Haut im See, doch sie hielt es hier nie lange aus.
Sie trug die Stille ja auch in sich, musste sie nicht suchen wie die ruhelose Zelda.
Übermütig strampelte Zelda mit den Füßen und betrachtete verzückt die Wasserfontänen, die sie nach oben schleuderte und die in der Sonne funkelten wie Diamanten.
Sie drehte sich lachend auf den Bauch, sah, dass sie dem Kingsley-Ufer mit dem dichten, scharfen Schilf und den Steinen viel zu nahegekommen war, machte eine Rolle durch das Wasser, sodass ihr Haar wie eine Schlingpflanze an ihrem Körper entlangglitt, tauchte wieder auf und wollte zum McLain-Ufer schwimmen, als sie ein Geräusch plötzlich innehalten ließ.
Sie verharrte, paddelte nur ein wenig mit den Armen, um nicht unterzugehen, und lauschte in die Stille. Da war es wieder! Doch es klang nicht wie ein brechender Ast, ein flüchtendes Tier oder ein Vogel, sondern wie ein menschliches Lachen!
Wie der Blitz fuhr Zelda herum, spähte in alle Richtungen, doch sie sah niemanden. Langsam beruhigte sie sich und schwamm mit ruhigen Zügen auf das Ufer zu.
Plötzlich wieherte Rose. Das tat sie sonst nie. Nur, wenn ein unbekannter Mensch in ihre Nähe kam. Wieder erstarrte Zelda und sah angestrengt nach vorn. Und wieder hörte sie dieses merkwürdige Geräusch, dieses Lachen. Es war das Lachen eines Mannes.
Und jetzt sah sie ihn! Ein Mann, ein fremder Mann, der ihr hier noch nie begegnet war, saß unter einem Baum in der Nähe ihres Pferdes. Er lehnte mit dem Rücken an einem Stamm, kaute auf einem Grashalm und sah sie belustigt an.
Erschrocken schlug Zelda die Arme vor ihre Brüste, mit dem Ergebnis, dass sie wie ein Stein unter die Wasseroberfläche sank und sich spuckend und hustend wieder nach oben kämpfen musste.
Der fremde Mann am Ufer lachte, und Zelda platzte beinahe vor Wut.
»Was wollt Ihr hier?«, rief sie erbost und schlug mit der flachen Hand auf das Wasser. »Verschwindet! Das ist mein See!«
»Soviel ich weiß, gehört dieser See den Kingsleys. Seid Ihr eine Kingsley?«, fragte er mit unüberhörbarem Spott.
»Wer ich bin, braucht Euch nicht zu kümmern! Ver
schwindet einfach, das reicht. Und meines Wissens gehört der See den McLains.«
Der Mann lachte wieder, und Zelda sah, dass er ihre Hilflosigkeit, ihre Gefangenschaft im See genoss.
»Dann seid Ihr also eine McLain«, stellte der Mann fest und nahm den Grashalm aus dem Mund.
»Bin ich nicht!«, begehrte Zelda auf und wusste eigentlich nicht so recht, warum sie behauptete, keine McLain zu sein. Es war einfach so, dass dieser fremde Mann ihren Widerspruch geradezu herausforderte.
»Nun, wenn Ihr auch keine McLain seid, so habt Ihr kein Recht, hier zu baden. Und wenn Ihr kein Recht habt, hier zu baden, so habt Ihr erst recht kein Recht, mich von hier zu vertreiben.«
Das klang logisch, und Zelda fiel nichts Besseres ein, als zu prusten.
»Verschwindet trotzdem«, rief sie, vor Wut nicht mehr in der Lage, klar zu denken.
Was bildete sich dieser Fremde ein?! Sie badete hier, seit sie ein Kind war, und kein Mensch hatte das Recht, sie von hier zu vertreiben, schon gar nicht irgend so ein Dahergelaufener ...
Aber eigentlich sah der Fremde nicht aus wie ein umherziehender Vagabund. Sein mahagonirotes Haar glänzte in der Sonne wie frisch poliert. Er trug, soweit Zelda es sehen konnte, Stiefel aus fein gearbeitetem Leder, das es hier in der Gegend bestimmt nicht zu kaufen gab. Seine Beinkleider hatten einen eleganten Schnitt, und das weiße Hemd war aus feinem Leinen, wenn es sich auch nicht ziemte, es offen zu tragen, sodass Zelda die Brusthaare darauf erkennen konnte.
Sie warf einen abschätzenden Blick auf den Fremden, der sich wieder an den Baum gelehnt hatte, die Arme lässig vor der Brust verschränkt, und wohl darauf wartete, was sie als Nächstes tat.
Doch was sollte sie schon tun? Sie stand hier nackt, wie der Herr sie geschaffen hatte, im Wasser, ihre Sachen aber lagen ganz in seiner Nähe, nämlich auf Roses Rücken. Wie sollte sie aus dem See kommen und zu ihrer Kleidung gelangen, ohne sich ihm zu zeigen?
