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Barbaren oder blonde Helden – wer waren die Ureinwohner Deutschlands?
Als Haudegen aus der Tiefe Nordeuropas beeindruckten und erschreckten sie die antike Welt. Ihr Widerstand gegen Rom, ihre zentrale Rolle in der Völkerwanderung und ihr Machtbewusstsein haben die Germanen zu Vorfahren vieler heutiger Nationen Europas werden lassen. Aber wer waren diese hellhäutigen, ihrer Stammesehre verpflichteten Naturmenschen wirklich? Und wo kamen sie her?
SPIEGEL-Autoren und Historiker gehen den – wissenschaftlich recht umstrittenen – Ursprüngen der Germanen nach, schildern die ersten Zusammenstöße mit den südlichen Nachbarn und das schwierige Zusammenleben mit dem Römischen Reich. Das Buch verfolgt die Spur der verschiedenen Stämme bis nach der Völkerwanderungszeit, als sie teils besiegt wurden, teils in eigenen Reichen zu regionaler Herrschaft gelangten, und zeigt, wie sie in den folgenden Jahrhunderten verklärt wurden.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2013
Norbert F. Pötzl | Johannes Saltzwedel (Hg.)
DIEGERMANEN
Geschichte und Mythos
Jenny Becker, Georg Bönisch, Annette Bruhns, Manfred Ertel, Angelika Franz, Christoph Gunkel, Uwe Klußmann, Kristina Maroldt, Thorsten Oltmer, Dietmar Pieper, Jan Puhl, Hans-Jürgen Schlamp, Mathias Schreiber, Michael Sontheimer, Gerhard Spörl, Frank Thadeusz, Rainer Traub
Deutsche Verlags-Anstalt
Die Texte dieses Buches sind erstmals in dem Heft »Die Germanen. Europas geheimnisvolles Urvolk« (Heft 2/2013) aus der Reihe SPIEGEL GESCHICHTE erschienen.
1. AuflageCopyright © 2013 Deutsche Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH und SPIEGEL-Verlag, HamburgAlle Rechte vorbehaltenTypografie und Satz: DVA/Brigitte MüllerGesetzt aus der MinionISBN 978-3-641-11323-0www.dva.de
Inhalt
Vorwort
EINLEITUNG
Traumbild der Ahnen
»Cäsar hat die Germanen erfunden«
TEIL I DIE URSPRÜNGE
Reicher Bauer, großer Stall
Fliegende Misteln
Tote im Torf
Das Rätsel von Jastorf
TEIL II KRIEGER UND KOLONISTEN
Dunkles Sumpfland
Furor aus dem Norden
Duell im Elsass
Die Macht der Schrift
Rebell gegen Rom
TEIL III DIE EPOCHE DER VÖLKERWANDERUNG
Land der Biertrinker
Vergifteter Triumph
Mär von deutschen Recken
Bestien auf zwei Beinen
TEIL IV WEGE ZUR NATION
Drei Dutzend Könige
Abenteuer Afrika
Salomonischer Barbar
Kulturschock am Limes
Stammbaum bis Wotan
Lockruf des Südens
ANHANG
Kleine Chronik zu den Germanen
Buchhinweise
Autorenverzeichnis
Dank
Personenregister
Vorwort
Blond, blauäugig und freiheitsliebend sollen sie gewesen sein, aber auch rauflustig, trinkfreudig und unberechenbar: Kaum ein Volk ohne schriftliche Überlieferung meinte man noch vor 100 Jahren besser zu kennen als die Germanen. Im Hochgefühl nationalen Aufbruchs hatten Gelehrte und Ideologen vor allem des 19. Jahrhunderts jeden Winkel der Überlieferung durchforstet. Von der unansehnlichen Tonscherbe bis zur isländischen Stabreimsaga, von den Hinweisen bei griechischen und römischen Historikern bis hin zu Wallanlagen und den Spuren frühzeitlicher Pfostenlöcher häufte sich eine gewaltige Masse an Indizien. Detailscharf glaubte man Lebensweise und Weltanschauung der Menschen rekonstruieren zu können, die einst östlich des Rheins und nördlich der Alpen gewohnt und die Militärmaschinerie der Römer oft genug das Fürchten gelehrt hatten – wenn sie nicht gar zur Hauptursache für den Niedergang des antiken Imperiums erklärt wurden.
Doch so vielfältig die archäologischen Funde auch sind, so akribisch die Suche vorangetrieben wurde: Das einstige Heldenporträt der Germanen ist heute fragwürdig und problematisch geworden, ja weithin widerlegt. Zwei Weltkriege, die im Namen des deutschen Nationalbewusstseins entsetzliches Leid heraufbeschworen, ließen auch in der Wissenschaft immer mehr methodische Zweifel aufkommen. Es folgten etliche Jahrzehnte skeptischer Revision der Quellen. All das hat vom überkommenen Bild der Ureinwohner Deutschlands so gut wie nichts übriggelassen.
Als einigermaßen gesichert gelten kann heute eigentlich nur: Es waren einzelne Stämme, die das großenteils dünn besiedelte Nordeuropa bewohnten. Erst der Zusammenprall mit den Römern ließ für die weit zerstreute Bevölkerung überhaupt einen Volksnamen aufkommen; erst die für das Imperium ungewohnte Zähigkeit und Widerstandskraft dieser nichtkeltischen »Barbaren«, die den Legionen immer wieder – keineswegs nur in der legendären Varusschlacht – böse militärische Überraschungen bereiteten, schuf das Klischee vom unberechenbaren nordeuropäischen Kraftkerl. »Cäsar hat die Germanen erfunden«, resümiert Mischa Meier, Professor für Alte Geschichte in Tübingen, und warnt sogleich davor, diese von außen herangetragene Beschreibung als historische Wahrheit zu übernehmen. Selbst die »Germania« des römischen Historikers Tacitus, seit dem Humanismus zum Urtext deutscher Volksideologie stilisiert, gibt fast ausschließlich das gewohnte Stereotyp barbarischer Energie wieder. Andere Passagen des legendären Textes klingen sogar derart verrätselt, dass man glauben könnte, der Autor habe sich unbedingt eine Hintertür offenhalten wollen.
Was also lässt sich heute guten Gewissens über die Germanen sagen? Sprachlich betrachtet dann doch einiges: Viele Wortwurzeln können Linguisten des Indoeuropäischen bis ins ferne Sanskrit und andere uralte Sprachformen zurückverfolgen. Die archäologischen Funde erzählen vom eher primitiven Alltagsleben in Siedlungen und Dörfern aus den charakteristischen Langhäusern, aber man hat auch verblüffende Geschichten von Schlachten und Menschenopfern, Spuren des Totengedenkens und des Götterkults ausfindig gemacht – obgleich die Namen fehlen. Erkennbar wird immerhin, dass im germanischen Raum sicher nicht nur tumbe Hinterwäldler hausten, sondern eine meist in Gefolgschaftsverbänden organisierte, aus freien Bauern und Viehzüchtern zusammengesetzte Einwohnerschaft, die in der Regel kaum je ein Volk im heutigen Sinne darstellte.
Die lange Grenze zum lockenden Süden, dessen enorme wirtschaftliche Überlegenheit immer wieder zu Raubzügen animierte, änderte diese Lage. In der römischen Kaiserzeit waren Germanen nicht länger nur Gegner und Sklaven; sie konnten Handelspartner, Vasallen und zuverlässige Stützen der imperialen Macht sein. Während der späteren Antike kämpften zahlreiche germanische Söldner in den kaiserlichen Truppen, nicht selten gegen andere germanischsprachige Heere. Einwanderung und Austausch brachten es mit sich, dass schließlich sogar Menschen germanischer Abstammung zu politischen Führungsfiguren aufstiegen.
Reibungslos allerdings verlief auch die Spätphase nicht: Immer wieder kam es während der Völkerwanderungszeit zu Schlachten und Plünderungen; als 410 die Westgoten unter Alarich Rom einnahmen, sahen viele Zeitgenossen darin ein Symbol für den Niedergang der Großmacht. Doch in aller Regel waren die Eroberer beeindruckt von der Zivilisation, die sie beerbten: So übernahmen die von Gibraltar her eingewanderten Vandalen seit 429 im römischen Nordafrika weitgehend die Lebensart der geschlagenen Römer. Auch der Ostgote Theoderich regierte Italien von Ravenna aus nach antiken Mustern. Erst die später in Pavia herrschenden Langobarden versuchten ihr Stammesrecht dem römischen gleichzusetzen.
Staatsgebilde, die zu Vorläufern der heutigen europäischen Nationen wurden – das ist wohl die wichtigste Erbschaft der germanischen Stämme. Angelsachsen, Franken und Langobarden waren mit ihren Königtümern wesentlich an der Formung des heutigen Europa beteiligt. So verfänglich es also wäre, pauschal von den Germanen zu sprechen, so wichtig bleibt es, den Spuren germanischer Lebensweise sachgerecht zu folgen und sie sinnvoll zu deuten. Dazu möchte auch dieses Buch beitragen.
Hamburg, im Sommer 2013
Norbert F. PötzlJohannes Saltzwedel
EINLEITUNG
»Cäsar hat die Germanen erfunden«
Der Althistoriker Mischa Meier über die vergebliche Suche nach dem Wesen der nordischen Völker, Spionage am Limes und die Integration der einstigen Gegner ins Römische Reich.
Das Gespräch führten die Redakteure Norbert F. Pötzl und Johannes Saltzwedel.
SPIEGEL: Professor Meier, gab es die Germanen überhaupt?
Meier: Schwierige Frage. Es gibt Menschen, die Germanen genannt wurden und werden, aber entscheidend ist, aus welcher Perspektive das geschieht: Ist ein Sprachverband gemeint, oder sind es Leute, die in einem Gebiet wohnen, das als Germanien bezeichnet wurde? Nennen sie selbst sich so, oder werden sie von anderen so genannt?
SPIEGEL: Wer hat den Namen denn erfunden?
Meier: Auch das ist nicht klar. Niemand hat plausibel erklären können, woher das Wort »Germane« stammt. Man hat es aus keltischen, germanischen oder lateinischen Sprachwurzeln herleiten wollen, aber kein Versuch hat wirklich überzeugt.
SPIEGEL:Immerhin war es ja wohl zuerst der griechische Wissenschaftler Poseidonios, der von Germanen gesprochen hat, oder?
Meier: Ja – früher liegt nur Ende des 3. Jahrhunderts vor Christus eine kalendarische Inschrift, in der ein römischer Feldherr namens Marcellus erwähnt wird, der »Gallier und Germanen« besiegt haben soll. Ziemlich wahrscheinlich aber wurde der Name an dieser Stelle erst viel später, zur Zeit des Augustus, aus politischen Gründen eingefügt.
ENDE DER LESEPROBE
