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In Zeiten, in denen die Gesellschaft sich nicht zum Besseren umgestalten lässt, gibt es drei Möglichkeiten: Man findet sich mit der Wirklichkeit ab, man beschreibt und kritisiert sie, oder aber man entwirft eine bessere Welt. Michael Scharang skizziert diese in Form eines Märchens, der Langfabel »Die Geschichte vom Esel, der sprechen konnte«, auf meisterhafte Art. Februar 1945, der Zweite Weltkrieg geht zu Ende. Auf einem alten Bauernhof in der Steiermark findet der fünfjährige Moritz einen kleinen, vor Schmutz starrenden Esel. Die beiden verbindet etwas Besonderes, denn Moritz ist der Einzige, der mit dem Esel sprechen kann. Fortan sind die beiden unzertrennlich, und die Klugheit des Esels rettet Moritz in so mancher Lebenslage, sodass am Ende alles gut ausgeht – oder zumindest gut auszugehen scheint. Ihr gemeinsamer Weg ist geprägt von Robert Musils These zur möglichen Wirklichkeit: Wie immer die Wirklichkeit beschaffen ist, es gibt eine Alternative.
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Seitenzahl: 521
Veröffentlichungsjahr: 2023
Michael Scharang
Roman
Michael Scharang
Roman
Czernin Verlag, Wien
Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur und des Landes Steiermark
Scharang, Michael: Die Geschichte vom Esel, der sprechen konnte / Michael Scharang
Wien: Czernin Verlag 2023
ISBN: 978-3-7076-0791-8
© 2023 Czernin Verlags GmbH, Wien
Lektorat: Karin Raschhofer-Hauer
Autorenfoto: Herbert Neubauer, picturedesk.com
Umschlaggestaltung und Satz: Mirjam Riepl
Coverabbildung: wiki commons, Thomas von Nathusius
Druck: Finidr
ISBN Print: 978-3-7076-0791-8
ISBN E-Book: 978-3-7076-0792-5
Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Dieses seltsame Ereignis trug sich im Februar 1945 zu. Moritz, ein Bub von fünf Jahren, stieg mit seiner Großmutter auf den Berg, um vom Bauern Brot und Butter zu holen. Der Krieg, man sprach damals schon vom Zweiten Weltkrieg, dauerte bereits einige Jahre, die Lebensmittel wurden knapp.
Die Großmutter half jeden zweiten Tag auf dem Bauernhof aus, dafür bekam sie für sich und die Familie ihres Sohnes zu essen. Der Bäurin war die Arbeit zu viel, ihr Mann konnte ihr nicht zur Seite stehen, er hatte im Krieg ein Bein eingebüßt. An diesem Tag mistete die Großmutter den Stall aus.
Moritz spielte in der Stube mit dem Bauern Karten. Nachdem der dreimal verloren hatte, fluchte er und behauptete, im Krieg nicht nur ein Bein, sondern auch den Verstand verloren zu haben. Moritz warf die Karten auf den Tisch, ging über den tief verschneiten Hof zum Stall, wollte zur Großmutter, hörte aber hinter dem Stall ein leises Wimmern.
In einem Bretterverschlag stand ein kleiner, dürrer, vor Schmutz starrender Esel. Moritz schob zwei Bretter weg, umfasste den Kopf des Esels und drückte ihn an sich. Der Esel schnaubte vor Freude. Du armer kleiner Esel, sagte der Bub, stehst in der Kälte und im Dreck, bist halb verhungert. Ich nehme dich mit ins Tal und sorge für dich. Der Esel machte einen Schritt zurück, hob den Kopf und sagte: Ich danke dir. Moritz stand da mit offenem Mund. Gib mir die Hand, sagte der Esel und hob einen Vorderfuß. Moritz umfasste mit seiner Hand den Fuß des Esels.
Seit ewiger Zeit, fuhr der Esel fort, kann ein kleiner Esel, dem es schlecht geht, um den sich aber ein kleines Kind kümmert, nicht nur in seiner Sprache, sondern auch in der Sprache der Menschen reden. Seit ewiger Zeit ist das so. Ich weiß das von meiner Mutter.
Hast du auch gewusst, fragte Moritz, dass ich zu dir kommen und dich mit ins Tal nehmen werde? Nein, antwortete der Esel. Ich weiß von meiner Mutter, dass wir Esel anders als die Menschen ohne Hoffnung leben. Wir hoffen nie, dass sich etwas zum Guten wendet. Wir haben aber auch keine Angst, dass etwas Schlimmes passiert. Ich habe nicht damit gerechnet, dass jemand, noch dazu ein Kind, kommen und mich aus diesem Elend erlösen wird.
Moritz befreite den Esel aus dem Verschlag und ging vor ihm her zum großen Tor des Stalls. Der Esel konnte nicht mit ihm Schritt halten, seine Beine waren steif vor Kälte. Hüpf doch, schlug Moritz ihm vor, vielleicht wird dir dabei warm. Der Esel versuchte es, mit Erfolg. Das sah lustig aus. Moritz musste lachen. Er hüpfte neben ihm her. Daran wieder hatte der Esel seinen Spaß, und so hüpften sie um die Wette bis zum großen Tor.
Im Stall schob Moritz Stroh zusammen und sagte zum Esel, er solle sich darauf betten und am Stroh wärmen, er, Moritz, werde Heu bringen, damit der Esel sich sattessen könne. Ja, erwiderte der Esel, und bei der Stalltür sehe ich Rüben. Bekommst du, sagte Moritz. Der Esel kuschelte sich ins Stroh, legte den Kopf auf die Vorderfüße, schaute zufrieden vor sich hin, beobachtete den geschäftigen Moritz, und am Ende des Stalls sah er eine Frau, die Mist auf eine Scheibtruhe lud.
Während der Esel fraß, streichelte Moritz seine Mähne und fragte ihn, warum er in einen Verschlag gesperrt worden sei. Für den Bauern und die Bäurin, antwortete er, aber auch für die Nutztiere gibt es noch genug Nahrung. Ein kleiner Esel hat keinen Nutzen. Die Bauersleute würden mich verhungern lassen. Meine Mutter hat mir heimlich zu essen gebracht, nicht viel, aber es hat gereicht. Esel sind genügsame Tiere.
Glückselig betrachtete Moritz den Esel, der, nachdem er das Heu gefressen hatte, an der Rübe knabberte. Der Esel hielt inne, hob den Kopf und stellte die Ohren auf. Was für schöne lange Ohren, dachte Moritz. Meine Mutter, sagte der Esel, befindet sich auf dem Nachhauseweg. Willst du nicht zu ihr?, fragte Moritz. Sie ist noch weit weg, war die Antwort. Esel haben ein sehr gutes Gehör. Du darfst dich nicht wundern, wenn ich während des Gehens immer wieder stehenbleibe und die Ohren spitze. Ich merke eine Gefahr, ehe du sie siehst.
Wo ist deine Mutter?, fragte Moritz. Im Wald, sagte der Esel. Die Bäurin sammelt Brennholz, meine Mutter trägt es auf dem Rücken zum Bauernhof. Wenn sie hier ist, werde ich mich von ihr verabschieden. Moritz stellte sich vor, er müsste sich, wenn auch nur für einige Zeit, von seiner Mutter verabschieden, und wurde traurig. Was wird sie sagen?, fragte er. Sie wird froh sein, dass du mich mitnimmst, antwortete der Esel. So hat sie eine Sorge weniger.
Du hast recht, sagte Moritz. Außerdem ist es kein Abschied für immer. Ich kehre nicht zurück, erwiderte der Esel. Moritz war überrascht und fragte: Das weißt du? Ja, das weiß ich, antwortete der Esel. Ich bin, musst du wissen, nie ganz getrennt von meiner Mutter. Wir sind über andere Tiere, vor allem über die Krähen, stets in Verbindung. Du wirst sie kennenlernen, ich werde ihnen von dir erzählen. Übrigens, wie heißt du?, fragte er. Moritz, war die Antwort. Und du? Ich heiße Esel.
Du solltest, fuhr er fort, zu deiner Großmutter gehen und ihr sagen, dass du mich mitnimmst. Sie ist mit der Arbeit noch nicht fertig, sagte Moritz, legte sich neben den Esel ins Stroh und streichelte sein weißes Maul. Du bist ein schönes Tier, sagte er. Und du ein kräftiger Bub. Meine Großmutter, sagte Moritz, wird nichts dagegen haben. Sie wird, erwiderte der Esel, sicher nichts dagegen haben. Woher weißt du das?, fragte Moritz. Das sehe ich, antwortete der Esel. Ich sehe, wie sie arbeitet, wie sie die Mistgabel bewegt, wie sie den Mist mit der Scheibtruhe wegkarrt, wie sie geht und wie sie sich niedersetzt, um zu rasten. Daran erkenne ich, was für ein Mensch sie ist.
Wie ist das, fragte Moritz, wenn ich mit meiner Großmutter zu dir komme? Wirst du mit ihr reden wie mit mir? Moritz, sagte der Esel, seit einer Ewigkeit ist es so, dass ein kleiner Esel, der von einem Kind aus seinem Elend erlöst wird, mit diesem Kind sprechen kann. Aber nur mit diesem Kind. Würde ich das Wort an deine Großmutter richten, verlöre ich auf der Stelle die Fähigkeit zu sprechen. Ich rede mit dir auch nur, wenn niemand in der Nähe ist, der sehen oder hören könnte, dass wir miteinander sprechen. Du kannst immer mit mir reden, und ich werde, wenn andere dabei sind, so tun, als würde ich dich nicht verstehen.
Moritz nickte beiläufig, als hätte er, was der Esel gesagt hatte, ohnehin gewusst, ging zu seiner Großmutter, setzte sich auf einen Melkschemel und wartete, bis sie die letzte Scheibtruhe voll Mist aus dem Stall gefahren hatte. Es war schon dämmrig, im Februar wurde es früh dunkel, Zeit, ins Tal zu gehen, ehe die Finsternis hereinbrach und man den Weg, schon gar im Wald, nicht mehr sehen konnte. Moritz ging mit der Großmutter zum Esel.
Er sieht gar nicht verhungert aus, sagte sie. Er hat sich rasch erholt, erwiderte Moritz, vor einer Stunde hat er sich kaum auf den Beinen halten können. Ich kann ihn nicht hierlassen, fuhr er fort, der Bauer sperrt ihn wieder in den Verschlag, wo er hungert und friert. Ich nehme ihn mit ins Tal.
Wir werden einen Platz für ihn finden, sagte die Großmutter und ging ins Bauernhaus, wo sie beim Eingang die Arbeitsstiefel auszog, in der Stube in die Bergschuhe schlüpfte und Brot und Butter, von der Bäurin bereitgestellt, in den Rucksack packte, nachdem sie zwei Pullover, einen für sich, einen für Moritz, herausgezogen hatte, denn mit Einbruch der Dämmerung war es noch kälter geworden.
Moritz, erschöpft von dem ereignisreichen Tag, streckte sich im Stroh aus und machte ein Schläfchen. Der Esel ging seiner Mutter entgegen, die nicht mehr weit vom Bauernhof entfernt war, und erzählte ihr, was vorgefallen war. Die Mutter freute sich, dass ihr kleiner Esel auf ein mitfühlendes Kind gestoßen war, nun in der Sprache der Menschen reden konnte und von dem Kind ins Tal mitgenommen wurde.
Ihre Sorge war allerdings, dass während der eineinhalb Stunden, welche die drei brauchten, um ins Tal zu kommen, ein Fliegerangriff drohte. Seit dem Sommer war kaum ein Tag ohne mehrere Bombenexplosionen vergangen. Unten im Tal, das wusste die Mutter des Esels aus Erzählungen der Krähen, befand sich eine kleine Stadt mit einer großen Fabrik. Den Krähen zufolge wurde die Fabrik von Flugzeugen angegriffen. Warum ausgerechnet die Fabrik, das wussten die Krähen nicht.
Sehr wohl aber hatten sie berichtet, dass viele Angriffe fehlschlugen, und sie hatten den Grund dafür herausgefunden. Das Tal lag tief eingeschnitten zwischen zwei Bergen, dadurch entstanden starke Luftströmungen. Je nach Wetterlage gab es entweder eine Strömung den einen Berghang oder aber den anderen Berghang hinauf. Nichts machte den Krähen mehr Freude, als sich von diesen Strömungen tragen zu lassen und in den Luftturbulenzen Fangen zu spielen. Sie wurden nicht müde, den anderen Tieren, die sich nicht in die Lüfte erheben konnten, davon zu erzählen.
Immer wieder hatten die Krähen die Flugzeuge beobachtet. Die wagten es nicht, ins schmale Tal zu fliegen, blieben über den Bergrücken, und von dort, viel zu hoch oben, warfen sie die Bomben ab. Nur wenige schlugen in die Fabrik ein, einige in Wohnhäuser, in denen die Fabrikarbeiter lebten, die meisten aber, von der Luftströmung erfasst und seitlich abgetrieben, explodierten in den Bergen.
Das wusste die Mutter des Esels. Sie stieß einen lauten Schrei aus, einen Hilferuf an die Krähen. Ein Dutzend von ihnen kam angeflogen und setzte sich auf die Holzstücke, die auf dem Rücken des Esels festgebunden waren. Die Bäurin, die das Holz abladen wollte, versuchte vergeblich, die Vögel zu verscheuchen, worauf sie verängstigt ins Haus eilte, um ihren Mann zu Hilfe zu rufen.
Die Mutter des Esels trug den Krähen ihr Anliegen vor, die schwärmten aus und informierten andere Krähen, welche dann weiterflogen, um sich bei ihren Artgenossen kundig zu machen. Keine Stunde dauerte es, und die Krähen waren zurück auf dem Bauernhof. Die Bäurin hatte das Holz abgeladen, der Bauer, den sie geholt hatte, damit er die Krähen verscheuche, hatte sie ausgeschimpft, weil keine Krähe zu sehen war. Die Eselin stand mit dem Eselskind in der Stalltür, hinter ihnen lag Moritz auf einem Strohballen und schlief.
Die älteste Krähe setzte sich auf den Kopf der Eselin und krächzte ihr ins Ohr, dass man bald mit einem Fliegerangriff rechnen müsse. Die Luftströmung sei zurzeit dergestalt, dass die Bomben auf den Berg zugetrieben würden, auf dem der Bauernhof stand. Auf keinen Fall dürfe man nun ins Tal absteigen. Der kleine Esel, der mitgehört hatte, weckte Moritz und schilderte ihm die Lage. Der lief ins Bauernhaus und zog die Großmutter, die dabei war, Brot und Butter in den Rucksack zu verstauen, beiseite.
Wir können, sagte Moritz, jetzt nicht ins Tal gehen. Der Esel steht in der Stalltür und ist zu keinem Schritt zu bewegen. Ich habe meinen Arm um seinen Hals gelegt und versucht, ihn mit mir zu ziehen. Unmöglich. Er, dieser liebe, sanfte Esel, stampft unwirsch mit den Hinterbeinen auf, wirft den Kopf in die Höhe und steht mit gespitzten Ohren da. Ich bin mir sicher, er spürt, dass eine Gefahr droht. Das glaube ich auch, antwortete die Großmutter, nahm den Rucksack, verabschiedete sich von den Bauersleuten, die ihr einen guten Heimweg wünschten, und ging mit Moritz zum Stall, wo sie sich auf Strohballen setzten. Der Esel legte sich zu ihnen und schmiegte sich an Moritz. Die Mutter des Esels hatte ihren Platz im Stall aufgesucht, nicht weit von den Pferden, aber abseits der Rinder, und sich zur Nachtruhe begeben.
Soll ich dir, flüsterte Moritz dem Esel ins Ohr, Heu zum Fressen bringen und vielleicht eine Rübe? O nein, flüsterte der Esel zurück. Du musst wissen, Esel sind gefräßig. Ich bin im Augenblick satt. Brächtest du mir Heu und Rüben, ich fräße sie, als plagte mich der Hunger. So sind wir: äußerst genügsam und äußerst gefräßig.
So wie ich, erwiderte Moritz leise, und zur Großmutter sagte er: Ich bin hungrig, könntest du mir ein Butterbrot richten? Die Großmutter holte Brot und Butter aus dem Rucksack, aus einer Seitentasche des Rucksacks einen Feitel, schnitt eine Scheibe Brot ab und bestrich sie mit Butter.
Moritz hatte noch keine zwei Bissen gegessen, da gab es eine Explosion, gleich darauf eine zweite und dann noch eine. Die Bomben schlugen so nah beim Bauernhof ein, dass der Stall bebte. Moritz, dem der Bissen beinahe im Hals stecken geblieben wäre, umklammerte vor Angst den Kopf des Esels. Die Großmutter rannte aus dem Stall. Da es draußen ruhig blieb, kam sie zurück, schaltete die Taschenlampe ein, suchte Brot und Butter und Messer, die im Stroh lagen, packte alles ein und meinte, man könne nun aufbrechen.
Sie mussten über den Hof und am Bauernhaus vorbei. Dort rannte ihnen die Bäurin entgegen, umarmte die Großmutter und rief: Frau Zaunschirm, Frau Zaunschirm, da sind Sie ja! Und der Bauer, der vor der Tür stand, rief: Herein mit Ihnen! Darauf müssen wir einen Obstler trinken! Die Bauersleute waren der Meinung gewesen, die Großmutter und Moritz seien auf dem Weg ins Tal. Vom Fenster aus hatten sie gesehen, wo die drei Bomben einschlugen – dort, wo der Weg vom Bauernhof hinunter in die Stadt führte. Für die Bauersleute hatte es keinen Zweifel gegeben, dass die beiden umgekommen waren. Und nun standen sie in Begleitung des kleinen Esels vor ihnen. Nein, sagte die Großmutter zum Bauern, es ist jetzt nicht die Zeit, um Schnaps zu trinken. Moritz’ Mutter macht sich Sorgen. Wir sollten schon zu Hause sein. Sie hat die Bombeneinschläge gewiss gehört.
Bring die Flasche und drei Stamperln, sagte der Bauer zu seiner Frau, und zur Großmutter: Ich habe schon in der Früh gewusst, dass ein Unglück droht. Wissen Sie, was heute für ein Tag ist, Frau Zaunschirm? Die antwortete: Montag. Nein, rief der Bauer, nahm der Bäurin die Flasche aus der Hand, schenkte dreimal ein, stürzte den Schnaps hinunter und nötigte die Frauen, es ihm gleichzutun. Nein, rief er, heute ist der zwölfte Februar. Vor zehn Jahren – oder waren es elf? – haben die Arbeiter unten in der Fabrik zu den Waffen gegriffen. Diese roten Teufel wollten die Regierung stürzen, unsere christliche Regierung. Viel hat nicht gefehlt, und sie hätten gewonnen. Als Erstes hätten sie unseren Hof angezündet. Im letzten Moment ist das Militär gekommen und hat sie besiegt. Begonnen hat der Aufstand am zwölften Februar. Und heute ist wieder ein zwölfter Februar. In der Früh habe ich schon gewusst, dieser Tag bringt nichts Gutes. Und ich habe recht behalten.
Zur Großmutter sagte er: Ihr müsst den anderen Weg nehmen, das ist ein großer Umweg, ihr braucht zwei Stunden bis in die Stadt. Ich weiß, sagte die Großmutter. Ich gebe euch zwei Petroleumlampen mit, sagte die Bäurin, damit ihr den Weg findet. Eine genügt, erwiderte die Großmutter, ich habe eine Taschenlampe. Und so zogen die drei los. Sie brauchten nicht zwei, sondern drei Stunden, bis sie zu dem Haus kamen, in dem Moritz wohnte, weil viel Schnee auf dem Weg lag.
Sie sahen Moritz’ Mutter, umringt von einigen Frauen, welche die von Weinkrämpfen Geschüttelte stützten, damit sie nicht zusammenbrach. Bleib hier, sagte die Großmutter zu Moritz und ging, zaghaft einen Fuß vor den anderen setzend, auf die Frauen zu, erfüllt von der Sorge, ihrer Schwiegertochter könnte der Wechsel der Gefühle – die schmerzliche Trauer um den totgeglaubten Sohn, die plötzliche Freude, dass er noch lebte – derart zusetzen, dass sie die Besinnung verlöre.
Anna!, rief die Großmutter. Wir haben uns verspätet. Dort, wo wir normalerweise gehen, haben Bomben eingeschlagen. Wir mussten einen großen Umweg machen. Du brauchst dich nicht aufzuregen, uns ist nichts passiert. Anna Zaunschirm setzte sich auf eine der Stufen, die zum Haustor führten, Moritz lief zu ihr und sprang auf ihren Schoß. Seine Mutter drückte ihn so fest an sich, dass er keine Luft bekam. Er löste sich aus der Umarmung und sagte: Schau, wen wir mitgebracht haben, und rief: Esel, komm zu uns. Der kam langsam näher und genoss es, von Anna Zaunschirm und den Frauen rund um sie bestaunt zu werden. Der Esel, sagte Moritz, hat uns das Leben gerettet.
Und er erzählte der Mutter, dass er sich auf dem Bauernhof mit dem kleinen Esel, der in einen engen, dreckigen Verschlag gesperrt gewesen sei, angefreundet und sogleich beschlossen habe, das ausgehungerte und durchfrorene Tier mit nach Hause zu nehmen. Als die Zeit gekommen sei, ins Tal abzusteigen, habe der Esel sich nicht von der Stelle gerührt, und als Großmutter und er, Moritz, gedrängt hätten, endlich loszugehen, habe der Esel markdurchdringende Klagelaute ausgestoßen.
Und tatsächlich, fuhr Moritz fort, hätten bald darauf drei Bomben eingeschlagen. Seine Mutter sagte: Es waren gewaltige Explosionen. Ich hatte keine Hoffnung, dass ihr überlebt. Die Frauen streichelten den Esel, den Lebensretter, der es genoss, von den Menschen im Tal freundlich aufgenommen zu werden.
Wo, fragte Moritz’ Mutter, wird der Esel wohnen? Bei mir, sagte die Großmutter. Ich begleite euch, sagte Moritz, rutschte vom Schoß der Mutter und fragte: Hast du etwas zu essen für mich? Eine Suppe mit viel Hühnerfleisch, erwiderte die Mutter. Die Großmutter wohnte ein paar Häuser weiter im ersten Stock eines Einfamilienhauses als Untermieterin – auch die Eltern von Moritz lebten in einem Einfamilienhaus zur Untermiete –, der Großmutter stand aber auch eine Holzhütte im Garten zur Verfügung, in der sie Hasen hielt und Hühner, welche in einem abgezäunten Teil des Gartens Auslauf hatten, sonst befanden sich in der Hütte nur ein Leiterwagen und ein Fahrrad.
Großmutter stellte das Zeug hinaus, nun war genug Platz für den Esel. Ich hole ein paar Decken, sagte sie, morgen besorge ich Stroh und etwas zu fressen für ihn. Endlich waren Moritz und der Esel allein. Wie gefällt es dir hier?, fragte Moritz. Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, erwiderte der Esel. Du hast deiner Mutter eine schöne Geschichte erzählt. Sie glaubt, dass ich dir das Leben gerettet habe. Das stimmt auch, sagte Moritz. Wir beide, erwiderte der Esel, wissen, wie es wirklich war. Du hast recht, sagte Moritz, wir kennen die wahre Geschichte. Wenn ich die der Mutter erzählte, würde sie glauben, ich rede wirres Zeug. Deshalb habe ich ihr lieber diese schöne Geschichte erzählt. Die hat vor allem den Sinn, dass du hier als mein Lebensretter giltst. Die Nachbarinnen haben die Geschichte gehört, das heißt, dass morgen die ganze Stadt Bescheid weiß. Du wirst ein Held sein.
Ich freue mich, sagte der Esel, dass in der Hütte auch Hasen und Hühner wohnen, ich werde ihnen die wahre Geschichte erzählen. Die beiden verstummten, denn Großmutter kam herein, scheuchte Moritz und den Esel zur Seite und breitete einige Decken auf dem Boden aus. Für heute muss das reichen, sagte sie, und zu Moritz: Es ist spät, du musst nach Haus.
Moritz’ Mutter hatte die Hühnersuppe bereits warm gemacht, Moritz fischte mit der Hand die Fleischstücke heraus, die Flügel und den Hals, nagte sie ab und löffelte dann erst die dicke Suppe mit Erdäpfelstücken und Karotten. Der Teller war noch nicht leer, da fielen Moritz vor Müdigkeit die Augen zu. Er war es gewohnt, um acht Uhr ins Bett zu gehen, nun war es schon zehn vorbei. Er konnte aber, obwohl er todmüde war, nicht einschlafen, zu viel ging ihm durch den Kopf.
Er hörte sogar noch, dass sein Vater heimkam. Der hatte in dieser Woche Nachmittagsschicht, die dauerte von zwei bis zehn, manchmal länger. Der Vater war, anders als die Väter seiner Freunde, nicht im Krieg. Soviel Moritz aus den Gesprächen der Eltern herausgehört hatte, arbeitete der Vater in einem Werk, das Getriebe für Panzer erzeugte. Er musste nicht in den Krieg, weil er Dinge herstellte, die notwendig waren, damit der Krieg geführt werden konnte. Von Beruf, auch das wusste Moritz, war der Vater Schlosser.
Davon, wer gegen wen Krieg führte, hatte Moritz keine genaue Vorstellung. Die Flugzeuge kamen aus dem Ausland, daraus schloss er, dass das Ausland Krieg führte. Er fragte sich, warum der Betrieb des Vaters Kriegsmaterial herstellte. Offenbar führte das Land, in dem er lebte, Krieg gegen das Ausland. Die Frage, wie das nun wirklich sei, lag ihm auf der Zunge, er stellte sie aber nicht. Er hätte die Mutter fragen können, den Vater sah er selten. Der musste oft zehn, manchmal zwölf Stunden arbeiten. Die Mutter aber fragte er nicht, weil ihn die Sache in Wahrheit nicht interessierte.
Moritz trieb sich, wenn er nicht gerade mit der Großmutter auf den Berg ging, mit seinen Freunden auf der Straße herum. Bei ihnen etwas zu gelten war ihm wichtig. Und sich Geltung zu verschaffen war nicht leicht gewesen. Als er im Alter von drei Jahren der mütterlichen Obhut entkam und sich unter die Nachbarskinder mischte, verstand er nicht, was sie redeten, und sie verstanden ihn nicht. Sie sprachen obersteirischen Dialekt, er Hochdeutsch. Seine Mutter stammte nicht von hier. Sie war ihrem Mann hierher gefolgt, der vor fünfzehn Jahren in diese Stadt, nach Kapfenberg, gekommen war, weil er hier Arbeit gefunden hatte.
Moritz’ Mutter sprach ein holpriges Hochdeutsch und bemühte sich, mit dem Kind hochdeutsch zu sprechen. Moritz setzte seinen ganzen Ehrgeiz darein, die Sprache der Nachbarskinder zu erlernen, das Obersteirische. Er wuchs zweisprachig auf. Anfangs war er ein Außenseiter, die Spielgefährten, allesamt liebenswürdige Kinder, ließen ihn das aber nicht spüren. Sie akzeptierten ihn als einen von ihnen. Moritz wollte mehr. Er äffte ihre Sprache nach, bis er sie beherrschte.
Moritz war längst kein Außenseiter mehr, vergaß aber nie, dass er einer war, und tat alles, um unter den Spielgefährten eine besondere Rolle zu spielen. Er ermunterte die anderen zu Ballspielen, zum Versteckspiel, und er war es, der die Idee hatte, einen Streifzug bis zum Waldrand zu machen. War er allein zu Hause, galten seine Gedanken einem nächsten Plan, mit dem er die Spielgefährten überraschen konnte.
Aus der Küche hörte Moritz wohlvertraute Geräusche. Der Vater war heimgekommen, die Mutter schüttete Wasser, das sie auf dem Herd gewärmt hatte, in ein Lavoir, er begann sich zu waschen. Zuerst schrubbte er mit einer Bürste die ölverschmierten Hände, dann wusch er Gesicht und Oberkörper, und während er sich abtrocknete, wischte die Mutter mit einem großen Fetzen das Wasser, das der Vater verspritzt hatte, vom Boden auf. Noch während dieser Arbeit begann die Mutter zu erzählen, was am Tag vorgefallen war.
Wirklich, rief ihr Mann, der sich zur Suppe gesetzt hatte, ein Esel? Erzähl das noch einmal! Sie wiederholte die Geschichte. Das ist unglaublich, sagte der Vater, ohne diesen klugen Esel hätten wir unser Kind nicht mehr. So ist es, erwiderte die Mutter. Wo ist er jetzt?, fragte der Vater. Bei deiner Mutter, antwortete die Frau, in der Hütte. In der Hütte, rief der Vater empört, er rettet unserem Kind das Leben, und ihr steckt ihn in diese Hütte! Wir sind froh, erwiderte die Mutter, dass wir diesen Platz gefunden haben.
Eine Zeit lang sagte der Vater nichts, Moritz hörte, wie er die Suppe löffelte. Dann begann er wieder laut wie vorher zu reden: Wir sind froh! Wenn ich das schon höre! Über alles müssen wir froh sein. Dass wir noch am Leben sind. Dass wir noch zu essen haben. Warte nur, wenn der Krieg vorbei ist, und er wird bald vorbei sein, dann baue ich für den Esel ein Schloss! So wird es sein, sagte die Frau leise, denn sie war es müde, ihrem Mann zu widersprechen. Wir leben in der Hölle, fuhr er fort, aber nach der Hölle kommt das Paradies. So steht es geschrieben. Und wo?, fragte sie. Das weiß ich nicht, war die Antwort.
Moritz hörte, wie sein Vater den Löffel in den leeren Teller legte. Hat meine Mutter, fragte der Vater, Brot und Butter mitgebracht? Wir hatten keine Zeit, darüber zu reden, antwortete seine Frau. Ich gehe morgen Abend zu ihr, sagte der Mann, morgen muss ich schon um sechs in der Früh in der Arbeit sein und komme wahrscheinlich erst am späten Nachmittag nach Haus. Ich brauche das Brot und die Butter. Heute während der Schicht sind drei Leute vor Hunger umgefallen. Für die Kriegsgefangenen wird es immer schlimmer. Ich weiß nicht, wie es in den Baracken zugeht, in denen sie hausen. Ich kann sie auch nicht fragen, ich würde sie nicht verstehen, sie sind Franzosen. Und selbst wenn ich Französisch könnte, würde mir das nichts nützen. Die Kriegsgefangenen dürfen nicht reden, nicht miteinander und schon gar nicht mit uns. Nun bekommen sie auch nicht mehr genug zu essen und brechen während der Arbeit zusammen. Mir sind einige als Helfer zugeteilt, die werden nicht vor Hunger sterben.
Deine Mutter, erwiderte die Frau, arbeitet bei den Bauern, damit sie Brot und Butter für uns bekommt. Ab heute, sagte der Vater, arbeitet sie bei den Bauern, damit auch die Kriegsgefangenen Brot und Butter bekommen. Darfst du ihnen das geben?, fragte seine Frau. Selbstverständlich nicht, antwortete er. Es muss heimlich geschehen. Du weißt doch, bei den Nazis ist alles verboten. Die Nazis sind Teufel. Ja, sagte sie, das sind Teufel. Moritz hörte, wie die Mutter das Geschirr abwusch. Sie reden schon wieder von den Nazis, dachte er. Schon öfter hatte er fragen wollen, was dieses Wort bedeute, hatte aber darauf vergessen. Er stellte sich vor, wie er morgen seine Spielgefährten mit dem Esel bekanntmachen, wie er mit dem neuen Spielgefährten, dem Esel, Eindruck schinden würde, und schlief ein.
Als Moritz am nächsten Vormittag aus dem Haus ging – er hatte lange und tief geschlafen –, stand der Esel vor der Haustür, umringt von Buben und Mädchen, die ihn streichelten, was er sichtlich genoss. Die Kinder waren von ihren Müttern unterrichtet worden, dass der Esel Moritz das Leben gerettet hatte, sie standen um ihn herum und bewunderten ihn dafür, dass er, dieses kleine, liebe Tier, zu einer derart großen Tat fähig gewesen war. Als Moritz sich unter sie mischte, galt ihr Interesse nicht den Ereignissen von gestern, die hatten ihre Eltern ihnen berichtet, sondern dem Augenblick: Was konnte man mit dem Esel unternehmen?
Flüsternd gab Moritz diese Frage an den Esel weiter, der antwortete leise: Wir machen einen Ausflug in den Wald. Und er ging los, die Kinder hinterher. Als sie den Waldrand erreichten, meinte ein Bub, sie dürften nicht weitergehen, im Wald hause der Siegl-Bauer, ein Unhold, es sei gefährlich, in den Wald zu gehen. Gesehen hatte den Unhold, wie Moritz herausfand, noch niemand. Seine Mutter hatte ihm einmal in strengem Ton, den er von ihr nicht gewohnt war, geradezu befohlen: Du gehst nicht weiter als bis zum Waldrand.
Unter den Spielgefährten ging das Gerücht um, der Siegl-Bauer sei ein versoffener Mann mit langem Bart und zotteligem Haar, seine zehn Kinder würden durch den Wald streunen und mit Drahtschlingen Hasen fangen. Also hatte auch Moritz den Wald gemieden. Damit, den Wald zu meiden, beschied Frau Rakitnik sich nicht. Moritz’ Mutter war mit ihr befreundet, auch deshalb, weil er sich mit der Tochter von Frau Rakitnik, Karla, sehr gut verstand. Wenn Frau Rakitnik über den Siegl-Bauern redete, saß Moritz’ Mutter regungslos da und zwang sich, nicht aufzustehen und wegzugehen. Umso aufmerksamer hörte Moritz zu.
Ich mache mir große Sorgen um die Welt, hatte Frau Rakitnik gesagt. Wir, die Nationalsozialisten, sind angetreten, die Welt zu erobern, um aus ihr eine schöne, von allem Gesindel gesäuberte Welt zu machen. Es sieht so aus, als würden wir dieses Ziel nicht erreichen. Wir sind selbst schuld. Mehrmals habe ich bei der hiesigen Parteiführung vorgesprochen und sie auf den Skandal aufmerksam gemacht, dass sich vor unserer Haustür ein gefährliches Gesindel herumtreibt, der Siegl-Bauer und seine zehn Kinder. Die Partei hat mustergültig durchgegriffen gegen Juden, Zigeuner, Homosexuelle und Krüppel, warum tut sie nichts gegen den Siegl-Bauern?
Die Parteigenossen haben mich abgewimmelt, hatte Frau Rakitnik gesagt, da ist mir klar geworden, dass eine auf Sauberkeit bedachte Partei, die gegen den Siegl-Bauern, dieses Krebsgeschwür in unserer Stadt, nichts unternimmt, dass diese Partei, die diesen kleinen Krieg nicht führt und gewinnt, auch den großen Krieg nicht gewinnen kann. Schauen Sie sich um, hatte Frau Rakitnik zu seiner Mutter gesagt, der Siegl-Bauer treibt weiter sein Unwesen, und der Feind wirft täglich mehr Bomben auf unsere Stadt.
Der Bub, der gemeint hatte, man müsse hier am Waldrand haltmachen, fand bei den anderen Kindern keine Zustimmung. Sie widersprachen ihm zwar nicht, verständigten sich aber durch zaghaftes Zunicken darauf, dass sie gern in den Wald gehen würden. Eine deutliche Entscheidung brauchten sie nicht zu treffen, da der Esel nicht länger am Waldrand herumstehen wollte und weiterging. Moritz war gleich an seiner Seite, die anderen Kinder gingen hinterdrein, nur der Bub, der vor diesem Ausflug gewarnt hatte, blieb zurück. Er hatte sich auf einen Baumstrunk gesetzt und weinte.
Nach einer Dreiviertelstunde, der Weg wurde immer steiler, sahen sie auf einer Lichtung drei kleine Holzhäuser. Hier musste der Siegl-Bauer wohnen. Wie weit, flüsterte Moritz dem Esel zu, willst du noch gehen? Da kam ihnen ein Bub entgegen, groß gewachsen, mit langem, blondem Haar, er ging auf den Esel zu und streichelte ihm über den Kopf. Wie hast du das gemacht, kleiner Esel?, rief er. Wie bist du den Bauern entkommen? Und zu den Kindern gewandt sagte er: Bei meinen Spaziergängen hinauf auf den Berg hab ich das arme Tier in einem kleinen dreckigen Verschlag entdeckt, hungrig und frierend. Ein paarmal habe ich ihm heimlich Heu zu fressen gebracht.
Warum heimlich?, fragte Moritz. Die Pötschen-Bauern, sagte der blonde Bub, sind geizig und böse. Sie besitzen einen großen Hof und haben alles in Überfülle. Ich habe mich in die Vorratskammer geschlichen, dort hängt in drei langen Reihen der geräucherte Schinken. Und die Scheune geht über von Heu. Aber dem kleinen Esel haben sie nichts zu fressen gegeben, weil er keinen Nutzen hat. Weil er noch zu klein ist, um Lasten zu tragen. Du hast recht, erwiderte Moritz. Meine Großmutter arbeitet für die Bauern, sie bekommt für einen Tag Rackerei einen Laib Brot und ein Viertelkilo Butter. Die Hauptsache, rief der Bub, du bist aus dem Gefängnis ausgebrochen und hast den Weg ins Tal gefunden. Er klopfte dem Esel auf den Rücken. Und an Moritz gewandt: Er sieht nicht mehr so elend aus. Wer kümmert sich um ihn? Meine Großmutter, antwortete Moritz, sie hat ihn in einer Gartenhütte untergebracht, macht ihm ein Bett aus Stroh und füttert ihn.
Und du, fragte Moritz den Buben, wohnst du dort in dem Bauernhof? Ja, antwortete der Bub. Ein kleiner Hof, wie ihr seht – er hatte sich nun auch an die anderen Kinder gewandt –, aber groß genug für uns. Wir haben fünf Kühe, neun Schweine, Hühner, Hasen, Ziegen und sogar vier Gänse. Das ist mehr als genug für vier Personen, meinen Vater, die zwei jüngeren Brüder und mich. Der Vater hat ein Motorrad mit Beiwagen, mit dem liefert er Milch an die Molkerei. Ein anderer Abnehmer ist ein Fleischhauer. Der kommt zu uns, wenn ein Schwein zu schlachten ist.
Warum ist dein Vater nicht im Krieg?, fragte Moritz. Der Esel spitzte die Ohren. Er ist von Geburt an bucklig, antwortete der Bub, und taugt nicht für den Krieg. Er ist bucklig, klein und schwach. Die schwere Arbeit hat sein Vater gemacht. Doch der ist nicht mehr hier. Ist er gestorben?, fragte Moritz. Er ist ausgewandert, erwiderte der Bub. Was heißt das?, fragte Moritz. Er hatte dieses Wort noch nie gehört. Der Großvater hat das Land verlassen, erklärte ihm der Bub. Als die Nazis in Österreich einmarschierten, ist er mit der Eisenbahn nach Genua und von dort mit dem Schiff nach New York gefahren. Er schreibt uns jeden Monat einen Brief und steckt ein paar Ansichtskarten in das Kuvert. Anfangs hat er nur Arbeit als Reinigungskraft gefunden, da er kein Englisch konnte. Nun arbeitet er als Gärtner im Central Park, einem Park, so groß, dass ganz Kapfenberg darin Platz hätte. Und in der Nähe des Parks, das sieht man auf den Ansichtskarten, Hochhäuser, die bis in den Himmel ragen.
Hat dein Großvater Angst vor den Nazis gehabt?, fragte Moritz. Der Großvater, erwiderte der Bub, war ein frommer Mann. Er ist nicht in die Kirche gegangen, hat nicht gebetet, so hat uns der Vater erzählt, aber hin und wieder, wenn er mit seinem Sohn und meiner Mutter über die Vorgänge in der Welt gesprochen hat, hat er gesagt: Ich glaube an Gott und den Frieden. Die Nazis glauben an den Krieg, deshalb kennen sie keinen Gott. Großvater wollte, dass Mutter, Vater und ich mit ihm gehen. Der Vater hat erzählt, dass er abgewunken hätte. Von Amerika wusste er nur, dass die Männer, die aus Europa kommen, in die Wälder geschickt werden, um Bäume zu fällen – eine solche Arbeit wäre zu schwer für ihn gewesen. Mutter hat nur den Kopf geschüttelt. Mit einem dreijährigen Kind ins Ungewisse aufbrechen – nein. Ich, der Dreijährige, bin nicht gefragt worden. Ich wäre sofort mitgegangen.
Man redet merkwürdiges Zeug über euch, sagte Moritz, es heißt, dass ihr im tiefsten Elend lebt. Ich sehe aber, dass Strommasten bis zu eurem Haus führen. Wir wissen, erwiderte der Bub, dass man sich den Mund über uns zerreißt. Sollen sie. Die Hauptsache ist, sie lassen uns in Ruhe. Wir haben auch die Stromleitung zum Haus selber bezahlt. Also haben wir Strom. Aber – er lachte – wir haben kein Radio. Der Vater ist dagegen. Der Großvater und die Mutter sind gegen die Nazis, der Vater ist gegen das Radio. Wir haben nur ein Leben, sagt er, deshalb müssen wir die Zeit nutzen. Wenn wir das Radio einschalten, bestimmen nicht wir, was wir hören. Irgendetwas kommt aus dem Apparat, es kann Unsinn sein, es kann interessant sein, meist ist es interessanter Unsinn. Das Radio ist eine Zeitvernichtungsmaschine. Wenn wir davorsitzen, hören wir nicht, was wir hören wollen, also nutzen wir nicht unsere Zeit. Deshalb sitzen wir abends in der Küche um den Tisch, und der Vater liest vor.
Wie schön, rief Moritz, und was liest er euch vor? Das kennst du nicht, erwiderte der Bub. Es sind uralte Geschichten, mehr als tausend Jahre alt, sie spielen in Griechenland. Zwei Geschichten sind von dem Dichter Homer, man weiß nicht einmal, wer er war und wann er gelebt hat, so lange ist das her. Eine Geschichte heißt »Ilias«, die andere »Odyssee«. Die Griechen kommen auf eine Insel, dort leben Riesen, die Zyklopen, die haben nur ein Auge. Ein Grieche sticht einem Riesen das Auge aus. Ich war empört und habe ihn einen Unmenschen geschimpft. Der Vater und die Brüder haben gemeint, nur so hätten die Griechen sich vor dem Riesen retten können. Ich bin nicht dieser Ansicht gewesen, ein Streit ist entbrannt. Der Vater hat das Buch zugeschlagen und gerufen: Schluss! Als alle geschwiegen haben, hat er gemeint, nun wäre es nicht schlecht, ein Radio zu haben.
Zurzeit, fuhr der Bub fort, beschäftigen wir uns mit einem Theaterstück, es ist auch sehr alt, stammt von dem griechischen Dichter Sophokles, von dem weiß man aber, wann er gelebt hat, und das Stück heißt »Antigone«. Der König und Antigone haben einen Konflikt, der nicht aufzulösen ist. Der Vater sagt, Antigone ist im Recht, sie will ihren Bruder, der im Kampf gegen den König gefallen ist, begraben, das verlangen ihre Religion und die Familientradition. Mein sechsjähriger Bruder ist der Meinung des Vaters, er sagt, sie ist im Recht, weil sie so schön ist. Der achtjährige Bruder steht auf der Seite des Königs. Der Bruder der Antigone, sagt er, hat gegen den König Krieg geführt, er ist gefallen, er liegt vor den Toren der Stadt, er hat das Recht verwirkt, bestattet zu werden.
Und für wen bist du?, fragte Moritz. Weder für Antigone noch für den König, erwiderte der Bub. In diesem Stück gibt es eine weitere Person, Theresias, den blinden Seher. Er geht zum König und sagt: Adler reißen dem verwesenden Leichnam vor der Stadt die Eingeweide aus dem Leib, sie fliegen damit über die Stadt und verlieren Stücke der stinkenden Gedärme. In mehreren Teilen der Stadt sind bereits Krankheiten ausgebrochen. Ihr seht, fuhr der Bub an die umstehenden Kinder gewandt fort, dass der Leichnam aus praktischen Gründen begraben werden muss. Die Rechthaberei der Antigone und des Königs ist idiotisch.
Du bist wohl der älteste der drei Buben, sagte Moritz. Ich bin zehn, war die Antwort. Warum, fragte Moritz, bist du nicht in der Schule? Vorige Woche, erwiderte der Bub, hat eine Bombe in die Volksschule eingeschlagen. Ein Teil der Schule ist kaputt, im andern Teil versucht man, die Wände zu sichern. Nächste Woche geht der Unterricht weiter, in der Hauptschule. Ich freue mich schon sehr darauf. Karla Rakitnik mischte sich ein. Wieso?, fragte sie. Die Hauptschule, antwortete der Bub, ist das schönste Gebäude weit und breit. Sie wurde vor zwanzig Jahren gebaut, ist offen, vom Erdgeschoß bis ins letzte Stockwerk.
Was heißt das?, fragte Karla. Der Eingang besteht aus drei riesigen Glastüren, erwiderte der Bub, sie reichen hinauf bis in den ersten Stock. Man steht draußen und ist auch schon drinnen. Als ich dieses Gebäude gesehen habe, habe ich beschlossen, Architekt zu werden und auch so schöne Häuser zu bauen. Und du? Er wandte sich an Moritz. Was willst du werden? Karla antwortete: Ich werde Schneiderin. Und ich, sagte Moritz, werde Rauchfangkehrer. Das weißt du jetzt schon?, fragte der Bub. Ja, sagte Moritz.
Kommt ins Haus, sagte der Bub, jeder bekommt ein Glas frische Milch. Und der Esel frisches Heu. Schade, dass die Mutter nicht mehr hier ist, sonst würde es auch Kuchen geben. Wo ist deine Mutter?, fragte Moritz. Sie ist, sagte der Bub, Kommunistin. Ihr wisst nicht, was das ist. Die Kommunisten sind die Todfeinde der Nazis. Die Mutter will gegen die Nazis kämpfen, damit sie den Krieg endlich verlieren. Sie hat zu mir gesagt: Du bist groß und stark und kannst die schwere Arbeit machen. Ich muss jetzt gehen. Auf geheimen Wegen bekommen wir Nachricht von ihr. Zuerst ist sie nach Donawitz gegangen, wo sich im Stahlwerk eine Gruppe von Widerstandskämpfern gebildet hat. Die ist von der Gestapo, das heißt Geheime Staatspolizei, entdeckt worden. Sie ist in die Berge geflüchtet, in die südliche Steiermark auf die Koralm gelangt, ist auch dort entdeckt worden und nach Jugoslawien geflüchtet, wo sie sich den dortigen Partisanen angeschlossen hat.
Aus der Stadt hörte man die Fabrikssirenen. Das bedeutete Fliegeralarm. Die Kinder sprangen auf, die Mütter hatten ihnen eingebläut, bei Fliegeralarm sofort nach Hause zu kommen. Im Weggehen rief Moritz: Ich bin der Moritz. Der Bub erwiderte: Ich bin der Hans. Vor dem Haus von Moritz hatten sich bereits die Mütter versammelt, um mit den Kindern in den Luftschutzbunker zu eilen. Und du, fragte Moritz den Esel, was machst du? Ich gehe in meine Hütte, erwiderte der Esel, dort gibt es frisches Heu und saftige Rüben. Auf dem Weg zum Bunker zog Moritz Karla zur Seite und sagte: Du darfst deiner Mutter nicht erzählen, dass wir beim Siegl-Bauern waren. Sie schaute ihn empört an. Ich bin doch nicht blöd, sagte sie.
Im Bunker zeichneten die Kinder mit einem Stein Quadrate in den Erdboden und spielten Tempelhüpfen. Nach einer Stunde gab es Entwarnung. Die Erwachsenen verließen den Bunker, die Kinder spielten weiter. Als sie des Tempelhüpfens überdrüssig waren, brachen auch sie auf. Vor dem Haus von Moritz hatte sich eine Menschenmenge gebildet, mittendrin der Esel. Moritz traute seinen Augen nicht. Eine Mauer des Hauses war eingestürzt. Eine Bombe hatte in das Nebenhaus eingeschlagen. Man sah im ersten Stock in das Schlafzimmer von Moritz’ Eltern. Im Bett lag Moritz’ Vater und schlief. Nach zwölf Stunden Arbeit in der Fabrik war er ohnmächtig ins Bett gefallen.
Die Nacht verbrachten Moritz und seine Eltern bei der Großmutter. Vor dem Schlafengehen hatte Moritz sich in die Hütte zum Esel gestohlen. Wie wird das weitergehen?, fragte Moritz. Der Esel räkelte sich auf seinem Strohlager und sagte: Es wird weitergehen. Machst du dir keine Gedanken?, fragte Moritz. Der Esel schmiegte seinen Kopf an ihn und sagte: Ich mache mir nie Gedanken. Daran musst du dich gewöhnen. Das beruhigte Moritz und er ging in die kleine Wohnung der Großmutter, wo der Vater in der Küche auf einem Diwan lag und schlief, als wäre nichts passiert. Im Zimmer daneben hatte sich die Mutter auf drei Matratzen auf dem Boden zur Ruhe gebettet und plauderte mit der Großmutter, die im Ehebett lag. Als Moritz hereinkam und von der Mutter gefragt wurde, wo er so lange gewesen sei, antwortete er, er habe sich um den Esel gekümmert.
Als Moritz am späten Vormittag erwachte, war niemand in der Wohnung. Er ging in die Hütte, auch der Esel war nicht da. Also lief er weiter zum beschädigten Haus, dort standen der Esel, Großmutter, Mutter und Frau Rakitnik zusammen mit zwei Beamten der Stadtverwaltung. Moritz erfuhr, man sei übereingekommen, dass die Zaunschirms in dem Pfarrhaus auf dem Frauenberg untergebracht würden. Moritz wusste, dass das ein Berg nahe der Stadt war mit einer Wallfahrtskirche. In dem weitläufigen Pfarrhaus, so erläuterte einer der Beamten, lebe nur ein Pfarrer. Frau Rakitnik, die mit den Nazibeamten auf gutem Fuß stand, erwirkte, dass auch sie mit ihrer Tochter und eine mit ihr befreundete Frau mit ihren zwei kleinen Kindern aus der bombengefährdeten Stadt hinauf ins Pfarrhaus ziehen konnten. Am Nachmittag, so beschieden die Beamten den Frauen, würde auf dem Hauptplatz ein Bauer mit einem Pferdefuhrwerk auf sie warten, damit sie ihre Habseligkeiten auf den Berg bringen könnten. Was für ein Glück, dachte Moritz, Karla kommt mit uns. Er zog den Esel zur Seite und fragte ihn, was er von der Übersiedlung halte. Ich freue mich, war die Antwort.
Der Leiterwagen der Großmutter stand immerfort im Weg. Wozu braucht sie den?, hatte Moritz sich schon oft gefragt. Stand er in der Hütte, musste man um ihn herumgehen, um zu den Hasenställen zu gelangen. Nun, nachdem Großmutter ihn endlich hinausbefördert hatte, um Platz für den Esel zu schaffen, war der Leiterwagen so blödsinnig zwischen Hüttentür und Kirschbaum platziert, dass der Esel sich vorbeizwängen musste. Moritz hatte ihn gefragt, ob er den Leiterwagen anderswo hinstellen solle, der Esel hatte geantwortet, das dürfe Moritz auf keinen Fall, dies sei das Reich der Großmutter, das gelte es zu respektieren. Moritz konnte sich nicht erinnern, auch nur ein einziges Mal gesehen zu haben, dass Großmutter den Leiterwagen verwendete.
An diesem Tag aber zog sie ihn auf der Straße hinter sich her bis zu dem Haus, in dem Moritz mit seinen Eltern wohnte. Der Esel, der schneller war als die Großmutter, stand schon dort und beobachtete, womit die Mutter, die Großmutter und Moritz den Leiterwagen vollluden – mit Bettwäsche, Handtüchern, Kleidung und Geschirr. Moritz trug vorsichtig etwas aus dem Haus, es war eingeschlagen in einen Polsterüberzug. Als die beiden Frauen im Haus waren, um weitere Sachen zu holen, zeigte Moritz dem Esel, was sich in dem Überzug befand. Das ist mein Teddybär, sagte er. Hier an seinem Rücken siehst du eine Naht, die hat sich gelockert, sodass die Gefahr besteht, dass die Sägespäne aus seinem Körper rieseln. Meine Mutter wollte heute die Naht reparieren, sie wird es morgen tun, auf dem Frauenberg.
Die beiden Frauen kamen aus dem Haus, jede hatte eine Tuchent in den Armen, nun standen sie ratlos vor dem Leiterwagen, auf dem die Sachen sich türmten, unmöglich, auch noch die großen Federbetten unterzubringen. Moritz flüsterte dem Esel ins Ohr: Kannst du die Tuchenten auf dem Rücken tragen? Sie sind nicht schwer. Sicher kann ich das, flüsterte der Esel. Moritz nahm die Tuchenten, legte sie dem Esel auf den Rücken, lief in die Wohnung um eine Schnur und band die Tuchenten fest. Endlich konnten die vier aufbrechen.
Frau Rakitnik hatte ihre Sachen bereits aufs Pferdefuhrwerk geladen, sie stellte Moritz’ Mutter ihre Freundin vor: Das ist die Frau Schwarz. Die wiederum deutete auf ihre Kinder: Und das ist der Toni und das die Lisa. Moritz schätzte, dass Toni in seinem Alter, Lisa aber jünger war. Toni und Karla schienen befreundet zu sein, sie standen beisammen und unterhielten sich eifrig miteinander. Moritz passte das gar nicht. Wie werde ich diesen Kerl los?, fragte er sich, fand aber keine Antwort. Bald hatte man auch Moritz’ Sachen und die seiner Mutter mitsamt den Tuchenten aufs Fuhrwerk geworfen – selbstverständlich nicht den Teddybären, den legte Moritz sorgsam auf eines der Federbetten. Er wollte sich von Großmutter verabschieden, die winkte ab, gab ihm einen Kuss und sagte, sie werde bald auf den Frauenberg zu Besuch kommen.
Anders als angekündigt war nicht der Bauer, sondern ein alter, wortkarger Knecht gekommen. Der setzte sich nun langsam in Bewegung und mit ihm das Pferd und das Fuhrwerk. Er ging rechts neben dem Pferd, links vom Pferd der Esel und hinter dem Fuhrwerk die Frauen und die Kinder. Moritz drängte sich zwischen Toni und Karla, tat so, als würde er stolpern, ließ sich fallen, suchte Halt bei Toni und riss ihn mit zu Boden. Toni lag auf der Straße und weinte. Ist doch nichts passiert!, fuhr Karla ihn an, wandte sich von ihm ab und unterhielt sich während des langen Wegs auf den Frauenberg nur mehr mit Moritz.
Vom Hauptplatz war es nicht weit bis zu der Schotterstraße, die hinauf auf den Schlossberg führte und dann überging in einen Hohlweg, auf dem man den Frauenberg erreichte. Der Esel fragte das Pferd, warum es derart langsam dahinlatsche. Das liegt nicht an mir, antwortete das Pferd, ich passe mich dem Tempo des Knechts an. Der alte Mann lässt sich absichtlich Zeit. Außerdem ist der verschneite Weg stellenweise vereist. Kommt der alte Mann spät zurück zum Bauern, braucht er heute nicht mehr zu arbeiten, setzt sich zum Abendessen und fällt dann todmüde ins Bett.
Was, fragte der Esel, gibt es auf dem Frauenberg außer dem Pfarrhaus noch? Eine kleine Schule, erwiderte das Pferd, mit nur einem Lehrer. Der Pfarrer und der Lehrer, das sind lustige junge Leute, der Pfarrer spielt gern auf der Ziehharmonika, der Lehrer auf der Geige. An lauen Abenden musizieren sie unter der großen Linde, die vor dem Gasthaus des Lindenwirts steht. Außerdem haben sie einen Chor gegründet, der singt in der Kirche und im Festsaal vom Lindenwirt. Die Männer haben sich daran gewöhnt, dass auch Frauen im Chor singen. Die Bauern waren bisher abends im Wirtshaus unter sich. Nun, nach der Chorprobe, sitzen, ermuntert vom Pfarrer und vom Lehrer, auch die Frauen beim Wirten.
Woher weißt du das?, fragte der Esel. Ich weiß alles, antwortete das Pferd. Erzähl mir, fuhr der Esel fort, was es sonst noch auf dem Frauenberg gibt. Nicht viel, sagte das Pferd. Der Lindenwirt hat das größte Wirtshaus und ist der größte Bauer. Der Hirschenwirt, zu dem gehören wir, der Knecht und ich, hat eine kleine Landwirtschaft und ein kleines Wirtshaus. Es liegt neben dem Pfarrhaus und hat eine schöne Terrasse. Im Sommer, wenn die Leute zur Wallfahrtskirche pilgern – vor allem Frauen, die zur Jungfrau Maria beten, damit ihre Männer nicht im Krieg sterben –, bevölkern sie nach dem Bittgottesdienst die Terrasse, und das Geschäft blüht. Am Abend, wenn niemand mehr da ist, wendet sich der Hirschenwirt zur Kirche, kniet nieder und bittet die Jungfrau Maria, dass der Krieg noch lange dauern möge.
Verstreut über den Frauenberg, sagte das Pferd, gibt es einige kleine Bauern, das ist alles. Glaubst du, dass ich bei dir im Stall unterkommen kann?, fragte der Esel. Platz ist genug, antwortete das Pferd. Die Leute hinter dem Fuhrwerk, sagte der Esel, werden im Pfarrhaus untergebracht, darunter sind eine Frau und ein Bub, die mich mitgenommen haben. Soll ich dir erzählen, wie ich zu den beiden gekommen bin? Nein, erwiderte das Pferd.
Das Fuhrwerk hielt vor dem Pfarrhaus, der Pfarrer kam, begrüßte die Ankömmlinge und wies ihnen die Zimmer zu. Frau Rakitnik und ihre Freundin bekamen je ein Zimmer im ersten Stock, Moritz und seine Mutter wurden im Parterre untergebracht. Über eine kleine Stufe beim Eingangstor ging man vom Vorplatz ins Pfarrhaus und weiter ebenerdig ins Zimmer, in dem Moritz und seine Mutter untergebracht waren. Moritz legte einen Arm um den Hals des Esels und spazierte mit ihm ins Zimmer. Wohnt der bei euch?, fragte der Pfarrer. Die Mutter wusste keine Antwort. Ich habe nichts dagegen, sagte der Pfarrer, Esel sind für mich heilige Tiere. Jesus, der König der Juden, ist auf einem Esel in Jerusalem eingeritten. Der einzige König, der auf einem Esel ritt und nicht auf einem Pferd.
Der Esel stupste Moritz an der Schulter, ging hinaus ins Freie, Moritz folgte ihm. Ich schlafe beim Pferd im Stall, sagte der Esel. Was wird der Bauer sagen?, erwiderte Moritz. Das werden wir morgen hören, antwortete der Esel, Platz ist genug, hat das Pferd gesagt. Und woher nehmen wir das Futter für dich?, fragte Moritz. Das wird sich weisen, war die Antwort, am Abend gibt mir das Pferd etwas von seinem Heu. Wenn ich heute zu fressen habe, brauche ich mich nicht zu fragen, was es morgen gibt. Das muss ich noch lernen, sagte Moritz: nicht immer zu fragen, was morgen sein wird.
Der nächste Tag war mild, es schien sogar die Sonne, kein Wetter für düstere Gedanken, und doch musste Moritz, der auf der Bank vor dem Pfarrhaus saß, darüber nachdenken, wie es mit dem Esel auf dem Frauenberg weitergehen würde. Er sah den Esel mit dem Pferd an der Kirche vorbeispazieren, den Pfarrer aus der Kirche treten, er sah, wie der Esel sich zutraulich zum Pfarrer wandte, wie der den Kopf des Esels streichelte, wohingegen das Pferd den Pfarrer keines Blickes würdigte. Der Pfarrer genoss das Wetter, schlenderte auf das Pfarrhaus zu, setzte sich neben Moritz und fragte ihn, ob er sich hier wohlfühle.
Moritz antwortete, es gefalle ihm gut hier. Der Esel allerdings habe ein unsicheres Quartier. Er, Moritz, sei beim Bauern gewesen, um ihn zu fragen, ob er Heu und hin und wieder ein paar Rüben für den Esel erübrigen könne. Der habe gemeint, Heu und Rüben gebe es bei ihm genug, aber man müsse selbstverständlich dafür bezahlen. Außerdem könne der Esel nicht gratis im Stall leben. Woher, fragte Moritz den Pfarrer, soll meine Mutter das Geld nehmen? Der Vater bekommt wenig Lohn von der Fabrik, die Werksleitung sagt, man brauche das Geld für den Krieg. Und die Großmutter lebt von einer kleinen Witwenrente.
Zerbrich dir darüber nicht den Kopf, sagte der Pfarrer. Für den Platz im Stall zahlen wir selbstverständlich nichts, nur für das Futter. Der Lehrer und ich, fuhr er fort, leiten einen Chor, zweimal in der Woche proben wir. Nach der Probe gehen wir zum Lindenwirt. Das werden wir ändern, wir gehen einmal zum Lindenwirt, einmal zum Hirschenwirt. Er braucht eine Kellnerin. Das wird deine Mutter sein. Ich werde dafür sorgen, dass sie ordentlich bezahlt wird. Einen Teil des Geldes gibt sie dem Hirschenwirt für die Versorgung des Esels, einen Teil braucht ihr, um hier zu leben.
Ich werde euch übrigens einen Vorschlag machen, sagte der Pfarrer. Ihr seid drei Familien mit je einem Zimmer und einem Ofen. Ich habe nicht nur ein Zimmer, sondern auch eine Küche, die ich selten benütze. Meistens esse ich im Gasthaus. Wir könnten doch gemeinsam in meiner Küche kochen, und wir werden den Lehrer einladen, sich an den Mahlzeiten zu beteiligen. Einmal in der Woche fährt der Hirschenwirt oder sein Knecht mit dem Pferdefuhrwerk in die Stadt und bringt uns die Lebensmittel, die wir brauchen. Was hältst du davon? Moritz dachte nach, dann nickte er.
Er lief zum Esel, der in ein Gespräch mit dem Pferd vertieft war, zog ihn zur Seite und berichtete von der Unterredung mit dem Pfarrer. Tüchtiger Bub, sagte der Esel, du kümmerst dich um mich und lernst dabei, mit dem Leben zurechtzukommen. Das ist kein Kunststück, sagte Moritz, alles ergibt sich wie von selbst. Du erzählst noch einmal, wie das mit dem Hirschenwirt sein wird, sagte der Esel, damit ich dem Pferd nichts Falsches berichte. Und sie spazierten zum Pfarrhaus, wo Moritz sich wieder auf die Bank setzte. Der Esel machte es sich auf dem Boden gemütlich.
Moritz wollte eben Punkt für Punkt wiederholen, was er mit dem Pfarrer besprochen hatte, da kam ein Mädchen des Wegs, nahm die Schultasche vom Rücken und setzte sich auf die Bank. Ich bin die Gretel Reitbauer, sagte sie, wer bist du? Ich, antwortete der Bub, der sich überrumpelt fühlte, ich, ich bin der Moritz Zaunschirm. Und das, fuhr er fort, ist mein Esel. Der Lehrer, sagte Gretel, hat uns erzählt, dass Frauen mit Kindern ins Pfarrhaus eingezogen sind. Warum, das müsse sie erst vom Pfarrer erfragen.
Das kann ich dir sagen, erwiderte Moritz und erzählte ihr, dass das Haus, neben dem er gewohnt hatte, von einer Bombe getroffen und dadurch eine Wand seines Hauses zerstört worden war. Dann schmückte er die Geschichte aus, wie man seinen Vater von der Straße aus im ersten Stock im Bett liegen gesehen hatte, tief schlafend, denn er sei von der vielen Arbeit in der Fabrik völlig erschöpft gewesen. Gretel musste herzlich lachen, dann sagte sie: Ihr habt es lustig unten in der Stadt. Moritz dachte nach. Du hast recht, sagte er. Hier ist es langweilig, erwiderte Gretel, ich muss nun eine Dreiviertelstunde durch den Wald gehen bis zu unserem Bauernhof. Weißt du was, sagte Moritz, wir begleiten dich. Der Esel, als würde er den Weg kennen, ging voran.
Nach einer Weile rief Gretel: Schau nach rechts. Der Wunderbaum! Moritz sah eine Fichte, die nicht in die Höhe, sondern den Boden entlanggewachsen war. Aus diesem langen, kräftigen Stamm sprossen sieben Fichten empor, so hoch wie die umstehenden Bäume. Moritz ging zu dem Wunderbaum, umfasste einige der aufstrebenden Stämme, um sich zu vergewissern, dass sie tatsächlich hier wuchsen und nicht von Menschenhand befestigt hier standen, um die auf den Frauenberg wallfahrenden Leute zu beeindrucken.
Um den Wunderbaum, sagte Gretel, ranken sich allerlei Geschichten. Die blödeste stammt vom früheren Pfarrer. Der hat behauptet, dass die zwölf Apostel vor vielen Jahrhunderten auf den Frauenberg gingen, um dort zu Ehren der Jungfrau Maria eine Kirche zu errichten. Es war Winter, sieben der Apostel konnten vor Erschöpfung nicht weitergehen, sie lehnten sich an den Stamm einer Fichte, die den Boden entlangwuchs, und erfroren. Am Tag darauf verwandelten die Sonnenstrahlen die Erfrorenen in Bäume, die aus dem alten Fichtenstamm emporwuchsen. An ebendiesem Tag begannen die fünf überlebenden Apostel die Kirche zu bauen, hat der frühere Pfarrer behauptet.
Die Wahrheit ist, sagte Gretel, –. Sie unterbrach sich. Wir müssen weiter, fuhr sie fort, die Mutter wartet mit dem Essen, und sie ging mit dem Esel voran, streichelte seinen Kopf und sagte, er sei ein allerliebstes Tier. Moritz lief ihnen nach. Was ist die Wahrheit?, fragte er. Die Wahrheit ist, sagte Gretel, während sie weit ausschritt, dass vor gar nicht langer Zeit Schneewittchen, der Prinz und die sieben Zwerge hier vorbeigekommen sind. Schneewittchen, dem von der bösen Schwiegermutter ein vergifteter Apfel gereicht worden war, schien tot zu sein. Der Prinz, der das Schneewittchen getragen hat, ist über die auf dem Boden wachsende Fichte gestolpert, da hat sich der Apfel aus Schneewittchens Hals gelöst und Schneewittchen ist wieder lebendig gewesen.
Die Schultasche ist schwer, sagte Gretel, kannst du sie tragen? Moritz hängte sich die Tasche über eine Schulter, woraufhin Gretel fortfuhr: Der Prinz hat den Zwergen für alles gedankt, was sie dem Schneewittchen Gutes getan hatten, und gesagt, er gehe nun über die nächsten sieben Berge zu seinem Schloss, werde aber zurückkommen und die Zwerge reich beschenken. Das sei nicht nötig, haben die Zwerge geantwortet, sie würden ohnedies in der Nähe des Prinzen und des Schneewittchens sein. Nachdem die beiden gegangen waren, verwandelten sich die Zwerge in sieben Fichten, die aus dem alten Stamm emporwuchsen, und von oben beobachten sie, was auf dem Schloss vor sich geht.
Also kann auch ich, sagte Moritz, wenn ich auf eine der Fichten klettere, das Schloss sehen. Ein fürwitziger Bauernbursch, erwiderte Gretel, hat sich einmal hinaufgewagt, aber der Baum hat ihn abgeworfen, und der Bursch ist tot auf dem Boden gelegen. Niemand wagt seither mehr, auf einen der Bäume zu klettern. Was, fragte Moritz, sagt deine Mutter dazu? Die Mutter, antwortete Gretel, ist froh, dass ich diese Geschichte weitererzähle. Wo erzählst du sie? In der Schule, erwiderte Gretel, als Redeübung. Dem Lehrer hat sie gefallen. Endlich eine schöne Geschichte über den Wunderbaum, hat er gesagt und über die Legende mit den Aposteln geschimpft. Er hat vorgeschlagen, dass ich als Schulaufgabe einen Aufsatz schreibe. Ich habe als Titel gewählt: Die wahre Geschichte vom Wunderbaum. Der Lehrer hat die Arbeit dem Pfarrer gegeben. Der hat sie von der Kanzel vorgelesen.
Die drei erreichten den Bauernhof. Gretel erzählte der Mutter, warum Moritz im Pfarrhof lebte und dass der Esel und Moritz unzertrennliche Freunde seien. Frau Reitbauer lud Moritz ein, mit ihnen zu essen. Es gab eine Suppe mit Erdäpfeln und Karotten, darüber war getrocknete Petersilie gestreut worden. Nach der Suppe wurden faschierter Braten, Erdäpfelpüree und Endiviensalat aufgetischt. Ich habe eine Frage, sagte Moritz zu Frau Reitbauer, hätten Sie für den Esel vielleicht ein Büschel Heu und eine Rübe?
Gretel lief in den Stall, dann zum Esel, der vor dem Küchenfenster lag, bat um Entschuldigung dafür, dass sie ihn vergessen hatte, legte ein Büschel Heu und zwei Rüben neben seinen Kopf und eilte zurück in die Küche. Frau Reitbauer erklärte Moritz, dass das Fleisch von einem ihrer Schweine stamme, dass sie eine Maschine besitze, mit der sie das Fleisch faschiere, und dass sie das Faschierte an andere Bauern verkaufe. Sie backe übrigens auch selber Brot und mache die beste Butter – sie werde Moritz einen Butterstriezel mitgeben.
Moritz schilderte Frau Reitbauer die Situation im Pfarrhof. Dort würden, zusammen mit dem Pfarrer, acht Personen leben, also auch kochen. Die Lebensmittel bringe der Hirschenwirt einmal in der Woche mit dem Fuhrwerk aus der Stadt. Ob es nicht gescheiter wäre, Brot, Milch, Fleisch, Kartoffeln und Butter bei ihr, Frau Reitbauer, zu kaufen? Hinter dem Haus, erwiderte Frau Reitbauer, gibt es drei Gruben, abgedeckt mit Brettern, Stroh und Erde. Darunter befinden sich Salat und Gemüse, die bleiben frisch bis in den Frühsommer. Dort liegt mehr, als Gretel und ich brauchen. Ich würde gern einiges verkaufen. Doch daraus wird nichts. Der Hirschenwirt, der euch die Lebensmittel bringt, wird auf dieses Geschäft nicht verzichten.
Keine Angst, antwortete Moritz, der Hirschenwirt hat nichts zu sagen. Ich bespreche das mit dem Pfarrer, der ist mein Verbündeter. Ab nächster Woche geht er nach der Chorprobe mit den Sängerinnen und Sängern zum Hirschenwirt, meine Mutter wird an dem Abend als Kellnerin arbeiten, wir brauchen Geld, um dem Hirschenwirt das Futter für den Esel zu bezahlen. Zu essen wird es faschierten Braten geben, mindestens zwanzig Portionen. Erdäpfel hat der Hirschenwirt vielleicht selber. Der Endiviensalat aber kommt von Ihnen, Frau Reitbauer. Sie können morgen schon anfangen, das Fleisch durch die Maschine zu drehen. Und machen Sie einen guten Preis, auch für die Sachen, die wir im Pfarrhof brauchen. Der Pfarrer wird den Preis überprüfen, denn ich fürchte, dass Sie zu wenig verlangen.
Du bist ein guter Geschäftsmann, sagte Frau Reitbauer, was bekommst du für deine Arbeit? Wenn ich, antwortete Moritz, hin und wieder hier sitzen darf, ist das Lohn genug. Ich mache einen Pudding für uns, mit Ribiselmarmelade, erwiderte Frau Reitbauer. Beeil dich, sagte Gretel, ich muss meine Hausaufgaben machen. Ist das viel Arbeit?, fragte Moritz. Für mich schon, antwortete Gretel, ich bin im Rechnen und Schreiben die Beste und will das bleiben. Wir sind vier Klassen in einem Raum und mit einem Lehrer.
