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Mit einer Vorliebe für das Magische im Alltag ist Evie Woods' neuester Roman wieder voller sympathischer Charaktere, die außergewöhnliche Geschichten zu erzählen haben. In einem ruhigen Dorf in Irland wird ein mysteriöser lokaler Mythos alles verändern ... Vor hundert Jahren meldet sich Anna, ein junges Bauernmädchen, freiwillig, um einem faszinierenden amerikanischen Besucher dabei zu helfen, Märchen aus dem Irischen ins Englische zu übersetzen. Doch es ist nicht alles so, wie es scheint, und Anna findet sich bald inmitten eines Geheimnisses wieder, das ihre Lebensweise bedroht. Im heutigen New York besteigt Sarah Harper ein Flugzeug an die Westküste Irlands. Doch als sie dort ankommt, stellt sie fest, dass sie dunkle Geheimnisse ans Licht gebracht hat – Geheimnisse, die sich auf der Grenze zwischen dem Alltäglichen und dem Jenseitigen, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren bewegen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
ISBN: 978-3985852680
1. Auflage 2025
Erstmals in Großbritannien im E-Book-Format von HarperCollins Publishers 2024 unter dem Titel THE STORY COLLECTOR veröffentlicht
Copyright © Evie Woods 2024
Übersetzung © Adrian & Wimmelbuchverlag GmbH,
Friedrichstraße 126, 10117 Berlin
Auflage 2025, übersetzt unter Lizenz von HarperCollinsPublishers Ltd.
Evie Woods beansprucht das Urheberpersönlichkeitsrecht, als Autorin dieses Werks anerkannt zu werden.
Übersetzung: Ivonne Senn
Lektorat & Korrektorat: Mareike Westphal (worttief-Lektorat)
Coverdesign: Lucy Bennett/HarperCollinsPublishers Ltd
Cover: Foto © Laura Ranftlery/Arcangel Images (Aktentasche);
Shutterstock.com (alle anderen Fotos)
Anpassung Umschlag deutsche Ausgabe: Juliana Fabula
Farbschnitt und Innengestaltung: Juliana Fabula
Satz deutsche Ausgabe: Juliana Fabula
Satz E-Book: Catherine Strefford
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Alle Rechte vorbehalten
Printed 2025 in Germany
www.adrian-verlag.de
Anheimelnd, dunkel, tief die Wälder, die ich traf.Doch noch nicht eingelöst, was ich versprach.Und Meilen, Meilen noch vorm Schlaf.Und Meilen Wegs noch bis zum Schlaf.-Robert Frost(Übersetzung von Paul Celan)
Dort, wo Thornwood House jetzt steht, befand sich einst ein uralter Wald. Man sagt, als Lord Hawley das Anwesen 1882 als Brautgeschenk für seine Frau kaufte, befahl er, vor Beginn der Bauarbeiten die gesamte Fläche zu roden. Doch mitten auf dem Gelände stand ein knorriger alter Weißdorn, ein Feenbaum, und es hieß, dass jeden Unglück befallen würde, der es wagte, auch nur die Rinde zu verletzen. Eine Seherin aus dem Ort warnte den Master, den Baum nicht anzurühren, weil sich das Gute Volk an jedem rächen würde, der sich an seiner Behausung verginge.
Aber Lord Hawley war ein gebildeter Mann aus Surrey, England, und hatte mit einheimischem Aberglauben nichts am Hut. Die Pläne für sein Herrenhaus wurden gezeichnet, und er versprach den Arbeitern eine reiche Entlohnung, wenn sie seine Wünsche umsetzten. Die einheimischen Männer weigerten sich jedoch, den Feenbaum auch nur anzufassen, und so war Hawley gezwungen, Arbeiter aus seiner Heimat zu holen, um den Weißdorn abzuholzen. Die Seherin sagte nicht enden wollendes Leid voraus, aber in den ersten Jahren wirkte alles in Thornwood House friedlich und ruhig.
Doch als Lady Hawley mit Zwillingen schwanger war, wurde sie sehr krank und man fürchtete um ihr Leben. Glücklicherweise überlebten sowohl sie als auch die Babys, aber das wahre Grauen sollte noch kommen.
Ein paar Wochen nach der Geburt begann die Mistress, sich seltsam zu benehmen, und beharrte darauf, dass die Kinder nicht ihre wären. Es wurde nach einem Arzt geschickt, und Gerüchte machten die Runde, dass die Frau unter Hysterie leide.
Die Seherin hingegen wusste, dass nicht der Geist von Lady Hawley geschwächt war. Sie wusste, wenn eine Mutter ihr eigenes Kind nicht wiedererkannte, konnte es nur eines bedeuten: ein Wechselbalg. Das Gute Volk hatte sich gerächt, indem es die menschlichen Kinder genommen und sie durch üble, kränkliche Seelen ersetzt hatte. Wenn diese nicht sofort dahinsiechten, würden sie zu boshaften und zerstörerischen Individuen heranwachsen, die überall nur Verbitterung und Hass hinterließen.
Noch bevor die Hawley-Zwillinge ihren ersten Geburtstag erlebten, stürzte Lady Hawley sich aus dem obersten Fenster von Thornwood House.
New York25. Dezember 2010
Wäre das kitschige Keramikschaf im Souvenirladen nicht gewesen, hätte Sarah nie von Thornwood gehört, geschweige denn sich in ein Flugzeug nach Irland gesetzt, um dort Weihnachten zu verbringen.
„Hast du alles, was du brauchst?“, hatte Jack schließlich gefragt, nachdem er eine Stunde schweigend zugesehen hatte, wie sie ihre weltlichen Besitztümer zusammensammelte.
„Äh, ja, ich glaube, das ist alles“, sagte Sarah und schaute sich noch einmal in dem leeren Raum um, den sie zurücklassen würde. Die meisten ihrer Habseligkeiten waren bereits verpackt und verschickt worden und warteten nun in einem Schwebezustand in einem Lagerraum in Massachusetts. „Tja, jetzt kannst du dir wenigstens den Snooker-Tisch kaufen, den du immer haben wolltest“, fügte sie in dem Versuch an, fröhlich zu klingen, bereute die Worte aber, sobald sie ihren Mund verlassen hatten. „Es tut mir leid. Ich wollte nicht …“
„Ist schon gut.“ Er berührte sie sanft am Arm und schenkte ihr ein schiefes Lächeln. „Ich weiß auch nicht, was ich sagen soll, aber du musst mir nichts vorspielen, Sarah.“
Das Leichteste wäre gewesen, ihm in die Arme zu fallen und ihren Schmerz irgendwo zu vergraben, wo keiner von ihnen ihn finden würde. Aber das hatte sie bereits versucht, und zwei Jahre später funktionierte es immer noch nicht. Sie lebten in einem Haus voller unausgesprochener Bedürfnisse und erstickter Emotionen.
„Bist du sicher, dass du heute gehen willst? Ich meine, immerhin ist Weihnachten“, sagte er und nickte in Richtung des glanzlosen Baums, der optimistisch in der Ecke blinkte. „Du könntest bis zum neuen Jahr warten …“
„Was würde das für einen Unterschied machen? Wir würden das Unvermeidliche nur unnötig hinauszögern. Ich muss jetzt gehen, sonst werde ich es nie tun. Außerdem erwartet dich deine Familie für das große Natale Zaparelli, also machst du dich besser auch auf den Weg.“
Er stieß einen langen, erschöpften Seufzer aus und steckte die Hände in die Hosentaschen. Sarah fragte sich verbittert, was ihn mehr störte: ihr Fehlen bei der Weihnachtsfeier der Zaparellis, oder dass er dieses Fehlen seiner Familie würde erklären müssen.
„Ich wünschte, es müsste nicht so sein.“ Jack verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er wusste nicht, wohin mit sich, und lehnte sich schließlich, wie ein ungewolltes Objekt in seiner Galerie, gegen die nächstbeste Wand.
„Komm schon, Jack. Ich muss meine ganze Kraft aufbringen, um das hier durchzuziehen. Bitte werde jetzt nicht emotional, sonst breche ich womöglich zusammen“, bat Sarah und griff nach ihrer Handtasche und dem Mantel.
„Okay, dann Abmarsch, junge Lady, und pass auf, dass dir die Tür nicht in den Rücken fällt. Besser?“, fragte er mit einem leichten Lächeln.
„Sehr viel besser.“ Sie umarmte ihn kurz, aber fest, drehte sich auf dem Absatz um und nahm den Griff ihres Rollkoffers in die Hand. „Ich rufe dich an, wenn ich gelandet bin“, warf sie ihm über die Schulter zu.
„Eine Textnachricht reicht“, erwiderte er und fügte dann beinahe flüsternd an: „Ich fürchte, dass ich dich sonst anflehen werde, zurückzukommen.“
Auf dem Flughafen Newark herrschte die übliche Betriebsamkeit, in der eine halbherzige Verbeugung vor den Festtagen mitschwang. Das weckte in Sarah Erinnerungen an die Zeit, als sie als Kind zu Weihnachten im Krankenhaus gewesen war, weil man ihr den Blinddarm hatte entfernen müssen. Die abgetakelte Dekoration hatte ihr nur bewusst gemacht, wo sie hatte sein wollen, aber nicht war, und hier am Flughafen überkam sie das gleiche Gefühl. Wohin wollten all die Leute? Hatten sie alle gerade ihren Ehemann verlassen? Die meisten von ihnen feierten Weihnachten vermutlich gar nicht. War das hier wirklich jedes Jahr so gewesen, während Sarah ihren Truthahn genossen hatte und naiverweise davon ausgegangen war, dass alle Menschen dieselben Traditionen pflegten?
Ihre Schwester Meghan würde vermutlich genau jetzt ihren berühmten Christmas Pudding servieren. Sarah wünschte, sie müsste ihnen nicht ausgerechnet an den Feiertagen zur Last fallen, aber den Zeitpunkt des Zusammenbruchs einer Ehe konnte man nicht immer frei wählen. Nach drei Jahren hatte sie wenig vorzuweisen. Wenn überhaupt war ihr Leben geschrumpft, nachdem sie Jack getroffen hatte. Ihre einzigen Optionen waren, zu ihren Eltern zurückzuziehen oder im Gästezimmer ihrer Schwester unterzukommen. Die Entscheidung war nicht sonderlich schwer gewesen: gefallene Tochter oder gefallene Schwester. Meghan war das geringe der beiden Übel.
Abwesend schlenderte Sarah durch die Souvenirläden, in der Hoffnung, sich von dem wiederkehrenden Gedanken abzulenken, was Jack wohl gerade tat. Er hatte sich nichts anmerken lassen, genau wie sie, aber sie war sicher, dass er sich ebenso verloren fühlte wie sie. Wenigstens konnte sie sich mit der Rückkehr nach Boston dem Vertrauten entziehen. Den ganzen Alltäglichkeiten, die sie mit Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben geflutet hätten. Sicher, dass ihre Heimatstadt als eine Art Stärkungsmittel fungieren würde, hatte sie wie eine Brieftaube den Flug zurück zu ihrem Schlag gebucht.
Als sie aus ihren Gedanken auftauchte, fand sie sich vor einem Schaufenster wieder, in dem Keramikschafe in verschiedenen Formen und Größen ausgestellt waren. Sie musste sie schon eine ganze Weile angestarrt haben, denn die Verkäuferin trat vor, als witterte sie die Möglichkeit eines Verkaufs.
„Die sind supersüß, oder?“, fragte die junge Frau, die zu stark geschminkt war und einen Nasenring trug.
„Äh, vermutlich schon. Wenn man Schafe mag“, antwortete Sarah, die niemanden beleidigen wollte. „Was ist das für ein Laden?“
„Der The Emerald Isle Gift Store. Mit einem Boardingticket von Aer Lingus bekommen Sie zehn Prozent Rabatt“, fügte sie an, als würde das Sarahs Entscheidung beeinflussen. „Wo fliegen Sie in Irland hin?“
„Oh, ich fliege nicht nach Irland, sondern nur nach Hause, nach Boston“, korrigierte Sarah sie schnell und setzte damit auch dem Verkaufsgespräch ein Ende. Sie wusste, dass es in ihrem Stammbaum ein wenig irisches Blut gab (was in Boston kaum verwunderlich war) und hatte sich immer geschworen, die Insel mal zu besuchen, sobald sie das Geld dafür hätte. Ihre Flitterwochen wären die perfekte Gelegenheit gewesen, aber Jack hatte argumentiert, dass zwei Wochen auf den Malediven wesentlich romantischer wären, als in der Feuchtigkeit der irischen Einöde zu frieren. Vielleicht hatte er damit recht gehabt, aber die Mystik und der Charme der Märchenschlösser, die sie auf ihrem Handy gespeichert hatte, riefen sie auf eine Weise, wie es türkisblaues Wasser niemals tat.
Die junge Verkäuferin zog sich wieder hinter den Tresen zurück und testete die Dehnbarkeit ihres Kaugummis. Angesichts des Tages hatte Sarah Mitleid mit ihr und nahm sich ein etwas erschrocken dreinblickendes Schaf und obendrein noch eine irische Tageszeitung. Sie bemerkte kaum, dass sie sich auch eine Halbliterflasche Whiskey unter den Arm steckte.
„Danke, Ma’am, und frohe Feiertage.“ Die Verkäuferin lächelte, als Sarah ihre Geschenktüte nahm und zu ihrem Flugsteig ging.
Nachdem sie sich einen Kaffee geholt hatte, setzte sie sich ein wenig abseits der anderen Passagiere ans Fenster, von wo aus sie zusehen konnte, wie die Flugzeuge betankt wurden. Leichter Schneefall hatte eingesetzt, und in der Beleuchtung des Flughafens sah es aus, als würden winzige goldene Flocken durch die Luft tanzen. Mit einem Blick auf die Anzeigetafel stellte sie fest, dass ihr Flug zwei Stunden Verspätung hatte. Daraufhin öffnete sie die Whiskeyflasche und goss sich nonchalant einen großzügigen Schluck in ihren Pappbecher. Natürlich rein zu medizinischen Zwecken. Der Kaffee war bitter, aber in Kombination mit dem Whiskey flutete er ihre Adern mit einer tröstlichen Wärme. Das alles fühlte sich so surreal an. Zu wissen, dass man seinen Ehemann verlassen würde und es tatsächlich zu tun waren zwei sehr verschiedene Dinge. Erst jetzt schlossen ihre Gefühle langsam zur Realität auf. Erneut drehte sie den Verschluss von der Flasche und schenkte sich nach.
Seit der „großen, bösen Sache“, wie sie es nannte, hatte sie nicht viel Schlaf bekommen. Irgendwie war es leichter, es so auszudrücken, so eingegrenzt, damit die Gefühle nicht herauskonnten. Ins Bett zu gehen war wie ein Rubbellos zu kaufen: In einigen Nächten gewann sie und fand ein paar Stunden Schlaf; in anderen – die immer häufiger wurden – wachte sie in einer blinden Panik auf und bekam kaum noch Luft.
„Sie leiden unter einer Angststörung“, hatte die Ärztin mit den perfekt gestylten Haaren und den eher unpassenden hochhackigen Schuhen gesagt. Wie will sie sich in denen um einen Notfall kümmern?, hatte Sarah gedacht, während die Erklärungen der Ärztin über sie hinweggespült waren. Der Sache einen Namen zu geben, half nicht. Tabletten wurden angeboten und abgelehnt. Dazu hatte Jack viel zu sagen gehabt. Er hatte zu allem viel zu sagen und übertönte oft jeglichen Gedanken, den Sarah versuchte, selbst zu haben. Ihr war geraten worden, ihren Alkoholkonsum einzuschränken. Das hatte sie Jack nicht erzählt, und es war ihr irgendwie gelungen, sich selbst davon zu überzeugen, dass es sich dabei um einen generischen Rat handelte, der nicht wirklich auf sie zutraf. Sie wusste, wenn sie nur eine Zeit für sich allein sein konnte, würde sie wieder zu sich finden. Nur würde sie in Boston nicht allein sein. Erst jetzt dämmerte ihr, dass der Preis für familiäre Unterstützung weitere Einmischungen wären. Weitere gut gemeinte Plattitüden von Menschen, die es sich zur Mission gemacht hatten, sie zu „heilen“.
„Noch einen Kaffee bitte“, sagte Sarah am Dunkin Donuts-Tresen. Sie versuchte, dem Verkäufer nicht in die Augen zu schauen; er hatte sicherlich den Whiskey in ihrem Atem gerochen. Nicht, dass es eine Rolle spielte. Sie war weit über das Alter hinaus, in dem man keinen Alkohol trinken durfte. Dennoch verspürte sie ein Gefühl der Scham, das sie nicht erklären konnte. Sie trank nicht aus Spaß oder weil sie Flugangst hatte. Sie versuchte, zu vergessen. Als sie in ihrer Tasche wühlte, erblickte sie die irische Tageszeitung. Sie nahm sie heraus, einfach nur, um etwas zum Anschauen zu haben, da fiel ihr auf der letzten Seite ein Foto ins Auge. Das Bild eines wunderschönen Weißdornbuschs voller weißer Blüten, der allein neben einer viel befahrenen Straße in der Gemeinde Clare in Irland stand. Die Überschrift lautete: Der Feenbaum, der eine Autobahn versetzte.
„Huch!“, sagte Sarah ein wenig zu laut und beugte dann den Kopf, um den Artikel zu lesen.
Der Gemeinderat von Clare beugte sich dem örtlichen Druck, die vorgeschlagene Führung der großen neuen Autobahn, die derzeit gebaut wird, zu verlegen, um einen sehr besonderen Weißdorn zu schützen. Ned Delaney, ein örtlicher Volkskundler und Geschichtenerzähler, hatte Widerspruch eingelegt und gesagt, dass der Weißdorn „ein wichtiger Treffpunkt für die Connacht- und Munster-Feen“ sei. Delaney (unter Einheimischen bekannt als „Der Feenflüsterer“) beharrte darauf, dass den Baum abzuholzen das kleine Volk „verärgern“ und jedem, der die Autobahn benutzte, unbeschreibliches Leid verursachen würde.
Sarah hatte das Gefühl, als säße sie auf einmal wieder im Truck ihres Vaters und führe durch die Landschaft, um in den Wäldern totes Holz zu sammeln. Er war ein kleiner Hippie – oder ein Ökofreak, wie die Nachbarn ihn nannten – und hatte ihr beigebracht, die Natur zu respektieren. Auf den ruhigeren Seitenstraßen hatte er sie oft fahren lassen, und das hatte sich so befreiend angefühlt – nur sie beide, die Straße und die Bäume entlang ihrer Route. Sie verbrachten Stunden zusammen in seiner Werkstatt, wo sie schiefe Vogelhäuschen und Stifthalter und alles andere bauten, das man aus rauem Holz und ein paar rostigen Nägeln zusammenzimmern konnte. Er hatte sie immer ermutigt und sie sogar dazu animiert, für umfangreichere Projekte wie Garderobenständer und Regale Pläne auf Papier zu zeichnen. Diesen frühen Tagen in der Werkstatt hatte sie ihren Entschluss zu verdanken, aufs College zu gehen und Kunst zu studieren. Bei ihrem Abschluss hatte sie solch große Hoffnungen gehabt, aber in New York war es nicht so gelaufen wie geplant. Ihre Herkunft aus der Arbeiterklasse hatte ihr immer das Gefühl gegeben, in den Galerien New Yorks eine Außenseiterin zu sein. Doch jetzt fühlte sie sich auch nicht mehr so, als gehörte sie in ihrem alten Zuhause dazu. Bei dem Gedanken, sich im Gästezimmer ihrer Schwester einzurichten, zog sich ihr der Magen zusammen. Schnell richtete sie die Aufmerksamkeit wieder auf den Artikel.
Einheimische zögerten, zuzugeben, dass sie an die Feen glaubten, aber eine Anwohnerin fasste die Stimmung mit folgenden Worten zusammen: „Vorsicht ist besser als Nachsicht.“
Sarah schüttelte blinzelnd den Kopf. War so etwas in der heutigen Zeit noch möglich? Sie drehte die Zeitung um und überprüfte, dass es sich tatsächlich um eine echte Zeitung handelte und nicht um irgendeinen Witz. Dann lächelte sie und dachte erneut an ihren Vater und daran, wie sehr ihn dieser Artikel freuen würde. Ihre Mutter hingegen hatte keine Zeit für solche Trivialitäten. Sowohl sie als auch Sarahs Schwester Meghan waren die Realisten in der Familie, während Sarah und ihr Vater die Träumer waren. Oder das war sie zumindest gewesen. Nach der großen, bösen Sache schien die Magie aus ihr herausgesickert zu sein. Vielleicht war Irland der Ort, an dem sie sie wiederfinden würde?
Von ihrem kleinen Tisch bei Dunkin Donuts schaute sie durch die Halle und bemerkte, dass sie sich ziemlich weit von ihrem Flugsteig wegbewegt hatte. Ja, sie saß sogar im Wartebereich direkt vor dem Aer Lingus-Schalter, auf dessen Bildschirm die Flugnummer EI401 aufblinkte; ein Flug nach Shannon. Die Werbung auf einer Wand in der Nähe zeigte Bilder der Cliffs of Moher, die sich majestätisch über dem wilden Atlantik erhoben. Darunter stand: „Irland. Das Land der tausendfachen Willkommen.“
Etwas in ihr verschob sich und kam dann zur Ruhe. Die Entscheidung war gefallen. Das war sie schon in dem Moment, in dem Sarah das alberne Schaf gesehen hatte.
Als das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzte, schreckte Sarah aus dem Schlaf hoch. Ein Blick nach draußen verriet ihr nicht, ob es Tag oder Nacht war, weil sintflutartiger Regen so heftig gegen die Scheibe prasselte, dass sie nichts erkennen konnte.
„Sie haben Glück, dass Sie die ganze Zeit geschlafen haben“, sagte eine Stimme mit einem lyrischen irischen Akzent nahe an ihrem Ohr.
Sarah drehte den Kopf und sah, dass ihre Nachbarin sie freundlich anlächelte, während sie eine Häkelnadel und ein Knäuel Wolle zusammenlegte.
„Ich gestehe, dass ich ein paar Maschen habe fallen lassen“, vertraute die Frau sich ihr an. „Ich dachte, der Wind würde das Flugzeug auf den Kopf drehen, aber Sie haben die ganze Zeit über selig geschlafen, Sie Glückspilz.“
Verstohlen wischte Sarah sich über den Mundwinkel und versuchte, sich zu sammeln. Sie fühlte sich vollkommen dehydriert und hinter ihren Schläfen dröhnte es, als würde sie jemand mit dem Presslufthammer bearbeiten.
„Tut mir leid, dass ich keine gute Gesellschaft war“, sagte sie und versuchte, ihren zerzausten Bob zu glätten.
„Ach, machen Sie sich darüber keine Gedanken. Sie haben den Schlaf offensichtlich gebraucht. Und außerdem leistet mir mein Häkeln immer Gesellschaft. Wo wir gerade davon reden …“ Die Frau wühlte in ihrer Tasche. „Frohe Weihnachten!“, sagte sie dann und wedelte mit einer Mütze. „Während des Fluges habe ich acht davon gehäkelt.“ Sie reichte Sarah die perfekt rund gehäkelte Beanie in einem zauberhaften Beerenton.
„Sie machen Witze. Sie haben wirklich die ganze Zeit über gehäkelt?“
„Oh, ohne mein Häkelzeug gehe ich nirgendwohin. Es beruhigt mich, und Gott weiß, wie sehr ich es hasse, zu fliegen, also ist das ein guter Zeitvertreib.“
Sarah probierte die Mütze auf. Sie passte perfekt.
„Vielen Dank, das ist wirklich sehr lieb von Ihnen.“ Sarah wurde bewusst, dass sie definitiv nicht mehr in New York war. Dort nahmen die Leute kaum einmal Blickkontakt auf, geschweige denn, dass sie handgemachte Geschenke verteilten.
„Mein Schwager holt mich übrigens ab. Wenn Sie also eine Mitfahrgelegenheit benötigen …“, sagte Sarah, die sich von der weihnachtlichen Großzügigkeit anstecken ließ.
„Das ist lieb von Ihnen. Aber ich nehme den Bus, der von Shannon direkt nach Ennis fährt. Trotzdem vielen Dank.“
Sarah hatte keine Ahnung, wovon die Frau sprach. Shannon und Ennis klangen nicht vertraut. Ihre Sitznachbarin schien von außerhalb zu kommen. Aber anstatt sich auf eine nutzlose Diskussion einzulassen, nickte sie nur höflich und suchte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch.
Der Pilot verkündete mit ruhiger Stimme, dass es 6:45 Uhr Ortszeit sei und draußen kühle drei Grad Celsius herrschten (was auch immer das in Fahrenheit war).
Seltsamerweise sagte er auch etwas von Shannon.
„Heilige Scheiße!“, rief sie.
„Keine Sorge, Liebes, das kann nicht viel kälter sein als in New York“, versicherte ihre Reisegefährtin.
„Wo sind wir?“, keuchte sie und packte die Frau am Arm.
„Was? Wir sind in Irland, Liebes. Ich sagte doch, dass Sie den ganzen Flug über geschlafen haben.“
Sarah überkam ein Übelkeit erregendes Gefühl, das ihr nur zu vertraut war. Der kalte Schweiß und das unverkennbare Prickeln, als hätte sie Brausepulver in den Adern. Langsam kam alles zu ihr zurück: der Whiskey; das Logo mit dem grünen Kleeblatt auf dem Flugzeugrumpf. Und irgendetwas mit einem Weißdorn?
„Wir sind nicht in Boston, oder?“
„Erinnern Sie sich nicht, Liebes? Tja, ich schätze, Sie waren ein wenig durch den Wind. Ich glaube, die Flugbegleiterin hat Sie nur an Bord gelassen, damit Sie Ruhe geben.“
„O Gott.“ Sarah schloss die Augen und versuchte, das Schloss der Tür, hinter der sich ihre Erinnerungen verbargen, mit Gewalt zu öffnen. Sie erinnerte sich daran, gelacht und möglicherweise den anderen Leuten einen schönen guten Morgen gewünscht zu haben, aber an mehr auch nicht.
„Wie bin ich überhaupt an ein Ticket gekommen?“ Sie schüttelte den Kopf, aber es lösten sich keine weiteren Erinnerungen.
„Sie haben mir erzählt, dass Sie Stand-by flögen. Aber die Airline war froh, die Sitze füllen zu können, oder? Das Flugzeug ist ja beinahe halb leer.“ Die Frau verstaute die Häkelsachen in ihrer Handtasche und all ihre wertvollen Informationen gleich mit.
Als Sarah erneut aus dem Fenster schaute, sah sie nur Dunkelheit und die durch den Regen verschwommenen Lichter des Flughafens. Das hier war eindeutig nicht Logan International. Sie holte ihr Handy aus der Tasche, schaltete es ein und wählte sofort Meghans Nummer.
„Es tut mir so leid, Meghan“, begann sie reumütig.
„Und das sollte es auch. Der arme Greg hat gestern stundenlang am Flughafen auf dich gewartet. Am ersten Weihnachtstag, Sarah! Was zum Teufel ist passiert? Hast du meine Nachrichten erhalten? Bleibst du doch bei Jack?“
Das Flugzeug kam zum Stehen, und die Passagiere begannen, die Sicherheitsgurte zu lösen und die Gepäckfächer zu öffnen. Sarah hielt sich das freie Ohr zu, um den Lärm auszublenden.
„Nein, ich …“ Sie zögerte. Natürlich schuldete sie ihrer Schwester eine Erklärung, aber es war ihr beinahe zu peinlich, zuzugeben, was sie getan hatte. „Ich bin nicht in New York“, brachte sie schließlich heraus.
„Tja, in Boston bist du auch nicht. Das kann ich dir versichern“, gab Meghan angespannt zurück.
In der Zwischenzeit hatte sich ihre Sitznachbarin in die Schlange von Passagieren eingereiht, die das Flugzeug verließen, und reckte Sarah ermutigend den Daumen entgegen. Offenbar hatte die Lady mehr Zutrauen in Sarah als sie selbst.
„Hör mal, Meghan, ich musste einfach mal raus. Ich dachte, es wäre vielleicht gut, mal eine Weile allein zu sein und alles in meinem Tempo zu verarbeiten.“ Das klingt gut, versicherte sie sich. Es klang nach einem vernünftigen Plan.
„Tja, ich wünschte, das wäre dir eingefallen, bevor ich den Heiligabend damit verbracht habe, dein Zimmer herzurichten, und den halben Weihnachtstag mit verschiedenen Airlines telefoniert habe. Wie konntest du so gedankenlos sein? Das sieht dir so gar nicht ähnlich“, erwiderte Meghan.
„Okay, du hast recht. Das habe ich verdient. Es ist nur … Ich habe aus dem Bauch heraus gehandelt. Ich wusste selbst nicht mal, was ich da tat, bis ich im Flugzeug saß und dann eingeschlafen bin und …“
„Du bist also doch geflogen. Wohin?“
„Äh, nun ja, ich bin in Irland.“ Schweigen breitete sich aus. „Vielleicht fühlst du dich ja besser, wenn ich dir sage, dass ich anscheinend mitten in einem Orkan gelandet bin“, fügte sie an und schaute zu einem waagerecht an seiner Stange hängenden Windsack.
„Sarah, was machst du da?“, fragte Meghan sehr ruhig.
„Hm, ich kann nur raten, aber es könnte sein, dass ich eine ausgewachsene Midlife-Crisis habe.“
„Das ist nicht lustig.“
„Finde ich schon. Das ist das erste wirklich Lustige, das mir in den letzten zwei Jahren passiert ist. Ehrlich gesagt ist es sogar zum Schießen. Ich bin gerade in einem Land gelandet, wo ich nichts und niemanden kenne, und es ist Weihnachten, um Himmels willen. Ich habe keine Ahnung, wohin ich will oder was ich hier mache, und dann ist da noch …“
Mit einem Mal bemerkte Sarah die Flugbegleiterin, die neben ihrem Sitz stand und ihr ein erschöpftes Lächeln schenkte. Sarah stand auf und sah, dass bis auf sie und die Crew alle Passagiere das Flugzeug bereits verlassen hatten. „Hör mal, Meghan, ich muss jetzt aussteigen. Ich rufe dich an, sobald ich mich eingerichtet habe.“
„Wo eingerichtet?“, rief Meghan gereizt.
„Na, in Irland.“
„Du meinst, du weißt nicht mal, in welchem Teil von Irland du bist?“, warf Meghan ihr mit hoher Stimme vor.
„Sorry, die Verbindung …“ Damit legte sie auf. Das Letzte, was sie hörte, war, wie ihre Schwester sagte, dass alle sich Sorgen um sie machen würden. Und sofort wusste Sarah, dass sie das Richtige getan hatte.
Im Flughafengebäude angekommen, zog Sarah ihren himmelblauen Koffer hinter sich her. Den Rest ihrer Habseligkeiten hatte sie in einen Umzugswagen gepackt, der vermutlich ungefähr jetzt bei Meghan zu Hause vorfahren würde.
„Was mache ich hier nur?“, flüsterte sie.
Der Flughafen lag verlassen da. Nur zwei müde aussehende Männer in Warnwesten lehnten am Tresen der Zollkontrolle.
„Haben Sie etwas anzumelden, Madam?“, fragte der Größere von ihnen mit tiefer Stimme.
Sarah fiel nichts ein, was sie anmelden müsste, außer dass sie jetzt offiziell obdachlos war, doch das würde sie lieber für sich behalten. Als die Schiebetüren sich öffneten, war die Enttäuschung wie ein Schlag in den Magen. Obwohl sie nicht damit gerechnet hatte, von irgendjemandem abgeholt zu werden, schmerzte das Wissen, dass es niemanden interessierte, ob sie hier war oder nicht. „Was für ein seltsamer Mensch reist an Weihnachten allein ins Ausland?“, fragte sie sich verbittert. Aber egal. Nun musste sie mit ihrer Entscheidung leben. Ein nettes, warmes Hotelzimmer mit einem heißen Schaumbad und köstlichem Essen würde alles gleich viel besser aussehen lassen, versicherte sie sich.
Draußen mühte sie sich ab, ihren Mantel gegen den eisigen Wind zu schließen, und zog sich ihre neu erworbene Beanie über die Ohren. Dann eilte sie schnellen Schrittes über den Parkplatz und auf die Türen des Flughafenhotels zu. Zu ihrer Erleichterung sprang ein großer, distinguiert aussehender Gentleman hinter dem Empfangstresen auf, um sie mit der Agilität eines Fred Astaires zu begrüßen.
„Willkommen im Shannon Airport Hotel. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, ratterte er geübt herunter.
„Hey Marcus“, sagte sie nach einem Blick auf sein Namensschild. „Ich brauche ein Zimmer für eine Nacht. Und wenn Sie mir sagen könnten, wo ich ein Frühstück herbekomme, wäre das super.“
„Oh“, sagt er und saugte die Luft zwischen den Zähnen ein. „Leider haben wir heute kein Zimmer mehr frei. Aber ich kann Ihnen für morgen ein Doppelzimmer anbieten?“
„Sie machen Witze, oder? Wie können Sie ausgebucht sein, wenn es hier wie in einer Geisterstadt ist?“
„Nein, wir sind nicht in dem Sinne ausgebucht. Aber auf zwei Etagen gibt es ein leichtes Problem mit den Leitungen, deshalb mussten wir die meisten Zimmer schließen, bis das Problem gelöst ist“, erklärte er.
Sarah ließ sich auf einen der Ledersessel fallen, von denen aus man auf den Parkplatz hinausschauen konnte. Obwohl sie den Großteil des Flugs über geschlafen hatte, war sie emotional immer noch ein Wrack. Ein emotionales Wrack mit einem Kater.
„Normalerweise bin ich nicht …“ Ihre Stimme verebbte.
„Ah, ja, es ist diese Zeit im Jahr. Die macht uns alle ein wenig seltsam, nicht wahr?“ Er kam hinter dem Empfangstresen hervor und schätzte die Lage schnell neu ein. „Nun gut, folgen Sie mir.“
„Was? Wohin?“ Aber er durchquerte die Lobby bereits mit großen Schritten in Richtung einer Tür, auf der „Speisesaal“ stand.
Sobald Sarah an einem Tisch saß, vor sich einen großen Teller mit Bacon, Würstchen, Rührei und Sodabrot, fing sie an, sich ein wenig zu entspannen. Marcus gesellte sich mit einer Teekanne und zwei Tassen auf einem Tablett zu ihr.
„Marcus O’Brien, zu Ihren Diensten“, stellte er sich formell vor.
„Sarah Harper“, antwortete sie und bot ihm ihre Hand an. „Wo sind denn alle?“
„Zu Weihnachten arbeitet nur eine Minimalbesetzung“, erklärte Marcus und schenkte ihr Tee ein, der schwarz wie Teer war. „Und was bringt Sie an diesem Stephanustag zum Banner?“
„Zum Banner?“, wiederholte sie. Und wer war Stephanus?, fragte sie sich und spürte, wie der Kulturschock bereits einsetzte.
„Oh, das ist eigentlich nur ein Spitzname. Up the Banner!“, sagte er und wedelte mit seinen schlaksigen Armen. „Egal“, fügte er an, als er Sarahs leeren Blick bemerkte.
„Würden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen sagte, dass mich ein Zeitungsartikel über einen Feensbaum hergebracht hat?“
„Der Weißdorn. Natürlich. Sind Sie Journalistin?“
Super, dachte sie. Er glaubte es. Sie hatte ihre Coverstory. Alles war besser als die Wahrheit.
„Nicht ganz. Das Frühstück ist übrigens köstlich. So lecker hat das zu Hause noch nie geschmeckt.“ Sie strich Butter auf das Brot. Das Frühstück schien auch magischerweise ihren Kater zu kurieren.
„Tja, wenn Sie hier kein gutes irisches Frühstück kriegen, könnten wir genauso gut einpacken und nach Hause gehen.“ Er entschuldigte sich höflich, um sich um ein paar Hotelangelegenheiten zu kümmern, wobei er im Vorbeigehen mit den Fingern über die Tische strich, um sie auf Staubfreiheit zu überprüfen.
Sarah nahm sich einen Moment, um ihre Gedanken zu sammeln, die hauptsächlich darum kreisten, wie erleichtert sie war, dass sie über einen Mann wie Marcus gestolpert war. Manchmal musste man einfach umsorgt werden, vor allem nach einem Abend, an dem man zu viel Whiskey getrunken und sich ein Flugticket nach Irland gekauft hatte. So langsam glaubte sie, dass diese übereilte Entscheidung vielleicht doch gar nicht so schlimm gewesen war. Sie könnte hier eine oder zwei Wochen Ferien machen, Land und Leute genießen (wenn die denn alle so waren wie Marcus) und dann mit klarem Kopf nach Hause zurückkehren.
„Sie haben Glück“, sagte Marcus, als er in den Speisesaal zurückkehrte. „Ich habe für Sie im Dorf die perfekte Übernachtungsmöglichkeit gefunden.“
„Im Dorf?“ Sarah fragte sich, ob er die New Yorker Version vom „Village“ meinte oder die irische.
„Ja, in Thornwood. Das ist mit dem Auto nur zwanzig Minuten von hier. In unserer Branche nennen wir es ein ‚Zuhause fern von zu Hause‘.“
Sarah lächelte; ein Zuhause fern von zu Hause war genau das, was sie jetzt brauchte.
Als sie durch die Landschaft aus grauen Steinmauern und grünen Feldern fuhren, musste Sarah über Marcus’ lederne Fahrerhandschuhe grinsen. Er machte alles immer so korrekt und anständig.
„Sie hätten mich wirklich nicht fahren müssen. Ich hätte ein Taxi nehmen können“, sagte sie, als sie durch einen Kreisverkehr glitten.
„Das ist doch kein Problem. Wir schicken oft Gäste her, wenn das Hotel ausgebucht ist. Es ist ein kleines Dorf, aber auch ein beliebter Ort für Touristen, also haben wir immer gut zu tun. Und Sie sagten, Sie kämen aus Boston?“, fragte er und wechselte geschickt den Gang.
„Ja. Obwohl ich ein paar Jahre in Manhattan gewohnt habe mit meinem …“ Sie stolperte über das Wort, und Erinnerungen fluteten ihren Kopf. „Mit meinem Mann Jack.“
Marcus O’Brien hatte nicht die letzten über dreißig Jahre als Hotelmanager verbracht, ohne das eine oder andere über Menschen zu lernen. Entspannt lenkte er die Unterhaltung auf sichereres Terrain und plauderte leichthin über alle möglichen Themen. Sarah bewunderte seine Fähigkeit, ganz allein eine Unterhaltung aufrechtzuhalten, in der von ihr wenig bis kein Input erforderlich war.
Was die Entfernung oder die Größe von Thornwood anging, hatte Marcus nicht gelogen. Als der Wagen über eine holperige Brücke fuhr, sah Sarah zu ihrem Erstaunen, dass das „Dorf“ nur eine Ansammlung von Häusern, einem Laden, einem Pub und einer pittoresken kleinen Kirche war, die über den Fluss hinausschaute. Anstelle von Straßenlampen wurde das Dorf von altmodischen, gusseisernen Laternen erhellt, die alle mit festlichen roten Schleifen versehen waren. Der gesamte Ort wirkte so gepflegt und gehegt mit seinen bunt bemalten Ladenfronten und den Blumenkästen an den Fenstern, in denen Immergrün wuchs.
„Eines muss ich Ihnen lassen, Marcus, das hier ist ein sehr hübsches Dorf“, sagte sie.
„Tja, wir sind sehr stolz darauf, und unser Komitee für ein sauberes Dorf leistet gute Arbeit“, antwortete er.
„Lassen Sie mich raten – Sie sind der Präsident“, scherzte sie.
„Der Vizepräsident, aber ich habe die Präsidentenstelle schon ins Auge gefasst.“ Er tippte sich an die Nase.
„Da wären wir“, verkündete er, als sie vor einem hübschen Steinhaus hielten, das von zwei mit Lichterketten geschmückten Lorbeerbüschen bewacht wurde. „Es ist kein Hotel, aber ich hoffe, dass Sie unvoreingenommen sind.“
„Es sieht bezaubernd aus. Ist es ein Gästehaus?“
„Oh, nein, das ist nicht das Haus, in dem Sie übernachten werden. Hier wohnt der Besitzer“, erklärte er.
„Der Besitzer?“ An diesem Ort schien nichts einfach zu sein. Man musste von A nach C gehen, um nach B zu kommen, was vermutlich der Ort war, den man gar nicht gesucht hatte.
„Ja. Mr. Sweeney vermietet ein kleines Juwel von einem Cottage am Ende der Straße“, sagte er und beobachtete Sarahs Reaktion.
„Das klingt … sehr authentisch“, erwiderte sie und hoffte, dass es dort fließend Heißwasser gäbe.
„Oh, das ist es. Es hat noch alle originalen Einbauten.“
Das klang nach einem Euphemismus für kalt und feucht, aber Sarah behielt ihre Bedenken für sich.
Marcus beharrte darauf, sie zur Haustür zu begleiten, die mit einem wunderschönen Stechpalmenkranz geschmückt war. Sarah bemerkte die blinkenden Lichter eines Weihnachtsbaums hinter dem Fenster und hoffte, dass sie die Leute nicht störten. Eine Gestalt näherte sich der Buntglasscheibe neben der Tür, und dann wurden sie auch schon von einem großen, grauhaarigen Mann mit geröteten Wangen und kräftiger Nase begrüßt.
„Marcus“, sagte er und streckte die Hand aus.
„Hallo Brian, wie geht es dir?“, fragte Marcus, doch bevor der Mann antworten konnte, fuhr er fort: „Vielen Dank, dass du uns so kurzfristig aus der Bredouille hilfst.“ Er berührte Sarahs Arm. „Und jetzt will ich dich nicht länger stören und verabschiede mich.“
Während Sarah die Hand von Mr. Sweeney schüttelte, holte Marcus ihren Koffer aus dem Auto, weil er darauf bestand, dass keiner seiner Gäste sein eigenes Gepäck tragen müsste.
„Sie kommen jetzt klar, oder?“, fragte er, als würde er mit einem Kind reden. „Natürlich werden Sie das“, beantwortete er dann seine eigene Frage.
Beinahe abrupt verschwand das Energiebündel, das sich Marcus nannte, die Straße hinunter und ließ Sarah und ihren neuen Bekannten in unangenehmem Schweigen zurück.
„Ich hole eben den Schlüssel“, sagte Mr. Sweeney, dem die Vitalität von Sarahs vorherigem Begleiter fehlte.
„Es tut mir leid, dass ich Sie an Weihnachten störe.“
„Ach, das ist ja schon vorbei“, erwiderte er sehr pragmatisch. „Es ist nicht weit, aber ich bezweifle, dass Sie Ihren Koffer eine alte Landstraße hinunterschleppen wollen.“
Brian Sweeney war das totale Gegenteil von Marcus. Er war ruhig und bedacht und setzte seine Worte sparsam ein. Er strahlte eine gewisse Reserviertheit aus, die selbst Small Talk zu einer Herausforderung machte.
Sie stiegen in einen klapperigen, von Schlamm und Kuhdung bespritzten Jeep ein. Nach einem stotternden Start sprang der Motor schließlich an, und sie fuhren die Straße hinunter, an der Kirche vorbei und wieder über die Brücke. An der Weggabelung dahinter blinkte er links, um auf eine schmalere Straße einzubiegen.
„Ist das eine Einbahnstraße?“, fragte Sarah, was ihr ein herzhaftes Lachen von ihrem Fahrer einbrachte. Es gab keine Markierungen, nur ein kaum sichtbares Asphaltband, das im Laufe der Jahre in der Mitte eine Art Rückgrat ausgebildet hatte. Wie ein prähistorisches Tier, das schlief. „Das kann nicht Ihr Ernst sein. Wie sollen hier zwei Autos aneinander vorbeikommen?“
„Gar nicht! Eines von ihnen muss bis zur nächsten Ausweichstelle oder Feldzufahrt zurücksetzen“, erklärte er und versicherte Sarah, dass das in diesem Land ganz normal wäre.
Die Lüftung stieß wie wild heiße Luft aus, wodurch Sarah sich müde und ein wenig seekrank fühlte. Trotz des hellen Sonnenscheins glitzerte alles um sie herum unter einer feinen Frostschicht. Links von ihnen befand sich ein großer Wald, hinter dem die Spitze eines Hügels über den Koniferen hervorblitzte.
„Was ist da oben?“, fragte Sarah und zeigte auf den grünen Hügel.
„Das ist Cnoc na Sí“, erklärte er. „Ein bezaubernder Ort zum Wandern.“
„Kanuck na Shie?“, versuchte Sarah, die seltsamen gälischen Laute nachzuahmen.
„Das bedeutet Hügel der Feen“, übersetzte er.
„Ernsthaft?“
„Ja, kein Witz. Cnoc bedeutet Hügel und Sí ist das irische Wort für Feen. Glauben Sie, dass wir uns das nur für die Yankees ausgedacht haben?“ Er zwinkerte ihr zu. Sie war froh zu sehen, dass er ein wenig auftaute.
Nach einer kleinen Senke öffnete sich die Landschaft vor ihnen erneut. Der kleine Fluss aus dem Dorf tauchte wieder auf und begleitete sie beinahe direkt bis zu einem einsamen Cottage, das stolz und würdevoll auf seinem eigenen kleinen Stück Land stand, das wiederum von einer weiß getünchten Steinmauer eingefasst war. Brian warf Sarah einen verstohlenen Blick zu, um ihre Reaktion abzuschätzen, als er vor der kleinen blauen Pforte anhielt.
„Willkommen im Butler’s Cottage. Das Dach ist gerade neu gedeckt worden, und entgegen der landläufigen Meinung sind Reetdachhäuser sehr warm“, erklärte er.
Sarah musste allerdings nicht überzeugt werden. Das Cottage war das reinste Postkartenidyll. Das eingeschossige Häuschen war weiß gestrichen und hatte ein wunderschön gewölbtes Reetdach. Vorsichtig gingen sie über den frostüberzogenen Gartenweg, der aus Natursteinplatten gelegt war, zu der ebenfalls hellblauen Tür. Als ihr Begleiter den Schlüssel ins Schloss steckte, bemerkte Sarah, dass die Tür offenbar in zwei Sektionen unterteilt war.
„O ja, das ist eine originalgetreue Klöntür“, erklärte er und schlüpfte mühelos in die Rolle des Reiseführers. „Das war die perfekte Art, Luft ins Cottage zu lassen, ohne dass irgendwelche vierbeinigen Freunde hereinkommen konnten.“ Als er Sarahs Miene sah, fuhr er fort: „Man pflegte zu sagen, wenn man an die untere Hälfte der Tür gelehnt stünde, würde man sich die Zeit vertreiben; doch wenn man in der offenen Tür stünde, würde man die Zeit vergeuden.“
Was die originalen Einbauten anging, hatte Marcus recht gehabt; es fühlte sich an, wie in der Zeit zurückzureisen.
„Wann ist das Cottage erbaut worden?“
„Oh, vermutlich irgendwann Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Mein Sohn hat es in den Neunzigerjahren gekauft, aber wir nennen es immer noch Butler’s Cottage. So ist das hier in dieser Gegend; die Butlers haben das Haus gebaut und die Farm über ein Jahrhundert lang bewirtschaftet, also wird es immer ihren Namen tragen. Es hat einen ziemlich offenen Grundriss“, fuhr er fort. „Aber für Sie allein sollte es reichen.“
Die Decke war aufgebrochen worden, sodass die Trägerbalken zu sehen waren, was dem Raum ein helles, luftiges Gefühl verlieh. Sarah war erleichtert, eine kleine, aber moderne Landhausküche mit einem Spülbecken aus Porzellan zu sehen. An der gegenüberliegenden Wand gab es einen riesigen Ofen mit zwei gemütlich aussehenden Ohrensesseln im Schottenmuster. Ein spielzeugkleines Fenster mit vier winzigen Butzenscheiben ging zum hinteren Garten hinaus. Das gesamte Cottage war unglaublich charmant.
„Das hier nennen wir das ‚hintere Schlafzimmer‘“, setzte Brian die Führung fort und öffnete eine Tür neben dem Ofen, hinter der Sarah ein mit einem gemütlich aussehenden Quilt bedecktes Bett sah.
„Kann ich mir das hier überhaupt leisten?“, fragte sie, besorgt, dass ihr Budget womöglich nicht ausreichend wäre.
„Das hoffe ich doch“, antwortete er lachend. Dann bemerkte er Sarahs Miene. „Es ist im Moment Nebensaison, also bin ich mir sicher, dass wir uns auf etwas einigen können“, versicherte er ihr. „Aber natürlich kommt es darauf an, wie lange Sie bleiben wollen …“ Seine Stimme verebbte.
„Ach, wissen Sie, vielleicht eine Woche oder zwei. Ich bin nur auf den Spuren des alten Stammbaums meiner Familie“, antwortete sie und zuckte innerlich unter dem Klischee zusammen.
„Okay. Dann lasse ich Sie mal allein. Mein Sohn hat vorhin ein paar Grundnahrungsmittel vorbeigebracht – Tee und so weiter“, sagte er. Und dann war er ohne großes Gewese verschwunden. Die Stille, die er hinterließ, war nach den Ereignissen des Tages beinahe ohrenbetäubend.
„Hallo, Butler’s Cottage“, flüsterte Sarah vor sich hin, als sie ihre Stiefel auszog und sich in ihrem neuen Zuhause umschaute.
Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal etwas so Impulsives oder überhaupt etwas nur für sich getan hatte. Beinahe erwartete sie, dass die Panik einsetzen würde, aber als sie ihre neue Umgebung in sich aufnahm, verspürte sie nur Freude. Vielleicht, dachte sie, fühlt es sich so an, seinem Herzen zu folgen.
Es fühlte sich an, als wäre es mitten in der Nacht, als Sarah mit einem nur zu vertrauten Gefühl aufwachte. Ihr Brustkorb war wie zugeschnürt und ihr Magen ein vor Grauen zusammengezogener Knoten. Es war eine Panikattacke.
„Mist“, sagte sie laut und zu niemandem. Es gab nur eine Möglichkeit, das Gefühl loszuwerden, und das war, aufzustehen und an die frische Luft zu gehen. Im Zimmer war es kalt, und auch wenn sie die Wärme des Bettes nicht verlassen wollte, rief die Natur. Sarah legte sich die Wolldecke vom Fußende des Bettes um die Schultern, bevor sie die nackten Füße auf den kalten Boden stellte. Ohne Licht anzumachen, stand sie auf und lief direkt gegen den Schrank, wobei sie sich den Zeh anstieß.
„Mist, Mist, Mist!“ Es dauerte ein paar Sekunden, bevor sie sich daran erinnerte, wo sie war und warum um sie herum eine solche Stille herrschte. Sie befand sich in einem kleinen Dorf in Westirland und nicht in ihrer Wohnung in New York City, wo das Summen menschlichen Lebens niemals verstummte. Es war dumm, zu glauben, sie könnte ihr davonlaufen – der großen, bösen Sache in den USA. Wie sollte sie hier ihre Panikanfälle in den Griff bekommen? Trotz Jacks Einspruch hatte sie angefangen, nachts joggen zu gehen. Wann immer die Panik sie überkam, hatte sie blind ihre Laufschuhe angezogen und war mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss gefahren. Dann war sie auf die von Neonlichtern erleuchtete Straße hinausgestürzt und trotz des Zitterns in ihren Beinen losgerannt, bis sie nichts mehr gefühlt hatte und total erschöpft nach Hause zurückgekehrt war. Das war das Einzige, das geholfen hatte. Dass ihre Trinkflasche mit Wodka gefüllt gewesen war, hatte sie für sich behalten.
Nun streckte sie die Hand nach dem Lichtschalter aus und schaute auf die Uhr. Geschockt sah sie, dass es erst acht Uhr abends war. Sie hatte den ganzen Tag verschlafen. Sobald Mr. Sweeneys Auto am Morgen außer Hörweite gewesen war, hatte sie sich unter die Bettdecke gekuschelt und sich gesagt, dass sie nur kurz ihre „Augen ausruhen“ wollte.
Vorsichtig schlich sie auf Zehenspitzen durchs Wohnzimmer und fragte sich, wie um alles in der Welt jemand mit dieser Kälte leben konnte. Ein Zittern durchlief sie, als ihre Haut die marmorne Kälte der Toilettenbrille berührte. Zum Glück gab es Toilettenpapier, auch wenn es ein wenig feucht war. Ihr Herz hämmerte immer noch, und sie wusste, dass sie laufen gehen musste. Nachdem sie sich die Hände gewaschen hatte, öffnete sie ihren Koffer, der noch genau da stand, wo sie ihn am Morgen zurückgelassen hatte. Sie zog sich an, als würde jemand die Zeit stoppen – von allem zwei Schichten war ihre beste Verteidigung gegen das irische Wetter, und so mühte sie sich ab, in ein zweites Paar Socken und einen weiteren Pullover zu schlüpfen, bevor sie in Richtung Tür stolperte. Dort ließ sie ihre Hand in die Handtasche gleiten und spürte die sanften Kurven der Whiskeyflasche. Als sie sie herausnahm, sah sie, dass die Flasche kaum noch zu einem Drittel gefüllt war. Hoffentlich verkauften sie im Dorfladen Alkohol. Sie zog ihre Stiefel an, trat hinaus in die Abendluft und wurde sich erst jetzt bewusst, dass es stockdunkel war. Von ihrem Cottage aus konnte sie nicht einmal die Straße sehen. Also kehrte sie in die Küche zurück, schaltete dort das Licht an und suchte in den Schubladen nach einer Taschenlampe. Ihr Atem ging flach und abgehackt. Nachdem mehrere Küchenutensilien klappernd zu Boden gefallen waren, erblickte sie endlich eine professionell aussehende, orangefarbene Taschenlampe und wurde von Erleichterung geflutet.
Die kalte, frostige Luft verscheuchte die letzten Überbleibsel ihrer Müdigkeit. In der Ferne bellte ab und zu ein Hund, aber abgesehen davon war das einzige Geräusch das Gurgeln des Bachs, der sich ungesehen seinen Weg durch die Felder bahnte. Irgendwo am Himmel war der Mond, aber er wurde von einer dichten Wolkendecke verhüllt. Sarah hielt den Strahl der Taschenlampe auf den schmalen Grasstreifen gerichtet, der mitten auf der Straße wuchs. Joggen konnte sie hier nicht, aber schnell zu gehen reichte, um ihrem Flucht-oder-Kampf-Reflex zu übermitteln, dass sie sich auf der Flucht befand.
Ab und zu sah sie vor sich ein Licht in der Ferne, vielleicht von einem Haus oder einem Schuppen. Durstig trank sie aus der Flasche und ließ sich von dem bitteren Whiskey von innen wärmen. Er floss durch ihre Adern und schenkte ihr sofort ein Gefühl, das nahe an Erleichterung grenzte. In diesem Moment flackerte die Taschenlampe und erstarb – und mit ihr jegliche Hoffnung, es in den Ort zu schaffen.
„Mist“, sagte Sarah laut und klopfte mit der Taschenlampe gegen ihre Hand. Dann drehte sie sich um, um zu sehen, wie weit sie vom Cottage entfernt war. Es war nicht sonderlich weit, und vermutlich wäre es sinnvoller, zurückzugehen, aber sie musste sich bewegen. Ihre Augen hatten sich ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt, und außerdem, was sollte schon Schlimmes passieren? Gerade als sie sich wieder dem Dorf zuwandte, fiel ihr, ein Stück weiter vorn, ein Umriss am Wegesrand auf. Sie ging darauf zu und versuchte dabei, ruhiges Selbstbewusstsein auszustrahlen, das sich aber mehr wie grimmige Entschlossenheit anfühlte. Es war so dunkel, und die Gestalt war ebenfalls dunkel. Um ehrlich zu sein, sah es aus wie jemand, der einen Kapuzenumhang trug. Sie versuchte, nicht an jeden Horrorfilm zu denken, den sie je gesehen hatte.
Ihr Instinkt riet ihr, wegzulaufen, aber sie blieb standhaft. Außerdem war zu rennen in der Dunkelheit keine wirkliche Option. Es ist vermutlich nichts, nur ein Schatten, redete sie sich ein.
Doch alle Hoffnung, dass sie sie sich Dinge einbildete, wurde zerstört, als sie näher kam. Es war eine dunkle Gestalt, die an der Steinmauer stand, und sie war sehr lebendig. Sarah hielt den Atem an und schickte vielleicht ein kleines Stoßgebet gen Himmel, als sie den, die oder das Fremde schließlich erreichte. Ein großer Kopf mit langen Ohren und cremeweißer Schnauze kam in Sicht und stieß einen so lauten Schrei aus, dass Sarah beinahe einen Herzinfarkt erlitten hätte. Sie presste sich eine Hand auf die Brust und stützte sich mit der anderen am Hinterteil des Ruhestörers ab.
„Mein Gott!“, schrie sie den Esel an, der von ihrer Anwesenheit genauso erschrocken zu sein schien wie sie von seiner. „Du hast mir beinahe einen Herzinfarkt verursacht, weißt du das?“, fragte sie erleichtert. Ein großes, schimmerndes Auge wandte sich ihr zu, und sie streichelte dem Tier über den Hals. „Was machst du hier draußen?“, fragte sie leise und fügte dann an: „Und warum rede ich mit einem Esel?“ Es war irgendwie tröstend. Dank ihm fühlte sie sich weniger allein. Und weniger albern, weil sie überhaupt hier war.
