Die Glasscherbenvilla - Monika Sadegor - E-Book

Die Glasscherbenvilla E-Book

Monika Sadegor

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Beschreibung

Über beinahe ein Jahrhundert hinweg erzählt Die Glasscherbenvilla von drei Generationen einer niederbayerischen Familie, deren Leben eng mit einem geheimnisvollen Haus über den Dächern Passaus verknüpft ist. Was mit der jungen Marie in den 1920er-Jahren beginnt – einem Mädchen, das dem harten Bauernleben entfliehen möchte – wird zu einer vielschichtigen bayerischen Familiensaga, die durch die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts geprägt wird. Krisen der Weimarer Republik, die düsteren Jahre des Nationalsozialismus, Krieg, Verlust und Neubeginn hinterlassen Spuren, die bis in die Gegenwart reichen. Zwischen ländlicher Enge, Hoffnung auf ein besseres Leben in der Stadt und dem steten Wandel einer ganzen Region entfaltet sich eine bewegende Chronik über Mut, Widerstandskraft und den Willen, sich immer wieder neu zu erfinden.

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Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2025

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DIE GLASSCHERBENVILLA

Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-86408-346-4

ISBN: 978-3-86408-365-5

Grafisches Gesamtkonzept, Titelgestaltung, Satz und Layout:

Stefan Berndt – www.fototypo.de

© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2026

Am Friedrichshain 22 / 10407 Berlin / [email protected]

www.vergangenheitsverlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Monika Sadegor

DIEGLASSCHERBENVILLA

Roman

Inhalt

I. Maries Traum

II. Johannas Kampf

III. Giselas Erbe

IV. Die Glasscherbenvilla

Freunde, dass der Mandelzweig

Wieder blüht und treibt,

Ist das nicht ein Fingerzeig,

Dass die Liebe bleibt? …

Freunde, dass der Mandelzweig

Sich in Blüten wiegt,

Bleibe uns ein Fingerzeig,

Wie das Leben siegt.

Ben-Chorin (aus „Das Zeichen“)

I.Maries Traum

Marie war zehn Jahre alt, als sie an diesem heißen Julitag des Jahres 1920 das erste Mal in die Stadt kam und jenes eigentümliche Gebäude sah, das die Passauer „die Glasscherbenvilla“ nannten.

Noch nie war sie aus dem elterlichen Bauernhof in Hinterschloss mit seinen drei Kühen, vier Schweinen und einer Schar Hühner herausgekommen und außer ihrem Dorf, das eigentlich nur aus ein paar Höfen bestand, und der Schule im nahen Ortenburg hatte sie noch nichts von der Welt gesehen.

Heute aber hatte sie mit dem Vater frühmorgens den Postbus bestiegen, der sie nach gut halbstündiger Fahrt in Passau an der Maxbrücke an der Donau ablud.

Marie hatte ihr Sonntagsdirndl anziehen dürfen, und der mit gelben Rosen bedruckte Rock und die lila Seidenschürze bauschten sich im Sommerwind. Die dichten, honigfarbenen Haare waren zu zwei langen Zöpfen geflochten, die ihr bis weit über die Schultern fielen und im Sonnenlicht rötlich schimmerten. Das blasse Gesicht war zu Maries Kummer über und über mit Sommersprossen bedeckt, doch die hellen, blaugrünen Augen blickten aufgeweckt in die Welt. Alles war neu und aufregend, und bald hatte sie sich von der Hand des Vaters losgemacht.

Was gab es da nicht alles zu bestaunen: Die Donau, die wie ein tintenblaues Band in der Sonne glänzte, rechts oben grüßte die Burg Oberhaus, links auf dem Bergrücken über dem grün schimmernden Inn sah die doppeltürmige Klosterkirche Maria Hilf mit ihren kunstvoll gedrechselten Zwiebelhauben herab, und zwischen Inn und Donau erhob sich der mächtige Dom mit seinen drei Kuppeln.

Ein reges Treiben herrschte in der Stadt. Die Auslagen der Geschäfte waren mit Waren wieder gut bestückt, und nur vereinzelte Kriegsversehrte und Bettler kauerten am Straßenrand und erinnerten an den vergangenen Krieg. Stuckverzierte, mehrstöckige Häuser brüsteten sich mit großbürgerlicher Eleganz, in den Straßen kurvten chromglänzende Automobile, und nur noch selten kamen ihnen ein paar Pferdedroschken entgegen.

Aufgeregt lief Marie immer ein paar Schritte vor und zurück, den Kopf wie „Hans guck in die Luft“ stets nach oben gewandt.

„Pass auf, dass du nicht auf die Nase fällst!“ Der Vater schmunzelte und freute sich über die Begeisterung seiner sonst eher stillen Tochter. Marie war seine Erstgeborene, ein echtes Kind der Liebe, pünktlich neun Monate nach der Hochzeit hatte sie das Licht der Welt erblickt. Zwei Söhne kamen in rascher Folge und schließlich ein kleines Mädchen, das nur wenige Wochen auf dieser Welt bleiben durfte. Zärtlich betrachtete Max Binder seine Tochter. Meist ruhig und in sich gekehrt war sie dabei klug und von rascher Auffassungsgabe, jedoch von schmächtiger Gestalt und zarter Gesundheit. So stolz er auf seine beiden Söhne, Max und Schorsch war, gestand er sich im Geheimen ein, dass sie sein Lieblingskind, aber auch sein Sorgenkind war. Denn der eigentliche Grund ihrer Fahrt in die Stadt war der Besuch bei einem Arzt, der Marie wegen ihres ständigen Nasenblutens, das mit fortschreitendem Alter noch zunahm, untersuchen sollte.

Der Weg zog sich und es ging stetig bergauf. Der Vater, ein etwas stämmiger, zur Fülle neigender Mann, das dunkle Haar schon leicht gelichtet, schwitzte in der schwülwarmen Sonne. Sein im Krieg durch einen Streckschuss verwundeter Oberschenkel schmerzte, und auch der Rucksack, in dem er für das zu begleichende Arzthonorar begehrte Kostbarkeiten wie Eier, Brot und Schwarzgeräuchertes mitschleppte, schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. Mit seinen 35 Jahren war er an sich im besten Mannesalter, aber der Krieg und die Jahre in den Schützengräben von Verdun hatten ihm schwer zugesetzt. Immer wieder blieb er stehen, und auch Marie verlangsamte ihren Schritt.

Endlich standen sie am Abzweig, der von der Neuburger Straße steil hinunter zur Ostuzzistraße führte. Im Haus Nummer fünf wurden sie von Lena, der ältesten Schwester des Vaters, erwartet. Sie war dort als Hausmädchen beschäftigt und sie war es auch, die Marie einen Termin bei Dr. Hanns Ostuzzi besorgt hatte. Dieser hatte seine Praxis in der im Toskana-Rot gestrichenen Villa nebenan. Er galt als „Armenarzt“. Sein soziales Engagement war ebenso bekannt wie sein Entgegenkommen bei Honorarforderungen. Bei Bedürftigen verzichtete er oftmals auf sein Honorar oder war mit der Begleichung in Naturalien einverstanden. Jeweils am Samstagvormittag war seine Praxis für Einkommensschwache und Mittellose geöffnet.

„Da seid ihr ja“, Tante Lena, eine rundliche Frau mit freundlichen Lachfältchen um die braunen Augen, sie mochte die 40 wohl schon gut überschritten haben, trat aus der Haustür und umarmte die beiden. Sie schmunzelte über die großen Augen ihrer Nichte, die staunend vor dem Haus stehen geblieben war und den Kopf nach oben reckte. Balkone mit Marmorsäulen, stuckverzierte Erker, gerahmt mit kunstvoll gestalteten Friesen und mit Spitzhelmen auf dem Dach, gaben dem Gebäude ein romantisches, verzaubertes Aussehen. Über den Fenstern wachten Engelsköpfe und Frauengesichter aus Stuck und lächelten auf die staunende Marie herab. Vorsichtig, ja ehrfürchtig berührte sie die mit Bruchstücken von Kruzifixen, gebrochenen Porzellanfiguren und bunten Steinen geschmückte, reichgegliederte Fassade. Perlmuttweiß schimmernde Muscheln und Blumen bildeten schwungvoll verschlungene Ornamente und Medaillons, und smaragdgrüne Steine funkelten in der Sonne. Ein Märchenschloss!

„Sind die echt?“, fragte Marie und strich behutsam über die blau und grün glitzernden Steine.

„Nein, nein“, schmunzelte die Tante, „das sind nur Glasscherben, deshalb nennt man die Villa hier im Volksmund auch die ,Glasscherbenvilla‘. Der Erbauer, Aristide Ostuzzi, ein Baumeister aus Norditalien, hat die Fassade mit Bauschutt einer Porzellanfabrik und aufgelassener Klöster und Kirchen gestaltet. Vielleicht war er inspiriert von den Grottenbauten seiner Heimat, vielleicht hatte er aber auch einfach kein Geld mehr für einen Fassadenputz. Man weiß es nicht so genau.“

Aber jetzt kommt herein, sicher seid ihr hungrig und durstig bei der Hitze heute.“

Angenehme Kühle empfing Marie und ihren Vater, als sie mit der Tante das Haus durch die doppelflügelige hölzerne Eingangstüre betraten. Schwarzweißes, kleingemustertes Mosaik war zu einer Inschrift „Salve“ geformt.

„Das ist italienisch und bedeutet ‚Sei gegrüßt‘“, erklärte Tante Lena, „aber manchmal kommen Bauern aus dem Wald, die glauben, es wäre eine Kirche und schlagen das Kreuz. Früher musste nämlich die Haustür tagsüber offenstehen als Fluchtweg für die Fuhrleute, falls die Pferde bei der steil abfallenden Straße durchgingen. So, jetzt heißt es Treppen steigen, mein kleines Reich ist im Dachgeschoss.“

Sie stiegen die steinernen Stiegen empor, vorbei an eleganten Eingangstüren zu den Wohnungen, hinauf in den dritten Stock. Vor dem hohen Fenster im Treppenhaus blieb Lena stehen. Von hier aus konnte man weit über Wiesen und Felder hinweg in die alte Bischofsstadt sehen.

„Bevor ich dich morgen wieder nach Hause bringe, zeige ich dir gerne noch ein wenig von der Stadt.“ Lena hatte Maries bewundernden Blick gesehen. Sie hatte ein paar Brote vorbereitet und schenkte Marie und ihrem Bruder kühlen Apfelsaft ein, den die beiden begierig tranken.

„Tu das, ich muss leider gleich heute wieder nach Hause fahren“, entgegnete der Vater, „die Ernte wartet, und meine Zenzi ist wieder guter Hoffnung. Da will ich sie nicht allein lassen.“

„Natürlich, mach dir keine Sorgen, Max, ich kümmere mich um Marie. Erst einmal müssen wir morgen früh aufstehen und hinüber zur Arztpraxis; denn auch wenn die Sprechstunde erst um halb neun beginnt, stehen die Leute oft schon ab sieben Uhr vor der Türe. Am späten Nachmittag bringe ich sie dir wieder wohlbehalten zurück. Gut, dass meine Herrin, die Donna Preziosa, mit der ganzen Familie seit einem Monat mit Sack und Pack das erste Mal wieder wie vor dem Krieg nach Italien gefahren ist. So habe ich ein bisschen mehr Freiraum.

Und wenn wir vom Doktor zurückkommen, Marie, zeige ich dir die Wohnung meiner Donna, die Beletage im ersten Stock. Da wirst du Augen machen! Natürlich ist das verboten, es bleibt unser Geheimnis.“ Lena blinzelte ihrer Nichte verschwörerisch zu.

Am nächsten Morgen waren Lena und Marie die Ersten, die um sieben Uhr vor der Praxis des Doktors warteten und die Ersten, die in die Ordination gebeten wurden. Der Arzt, mit randloser Brille und einem weißen Kittel bekleidet, war ein freundlicher Mann, nicht viel älter als ihr Vater, schien es Marie. Er stellte viele Fragen, fuhr mit einem Instrument in ihre Nase, tastete den Hals ab und horchte den Leib mit allerlei Gerätschaften ab. Letztlich riet er zu kalten Kompressen an Hals und Stirn und gab ihr Watte und eine blutstillende Nasensalbe mit.

„Es ist nichts Schlimmes, das Fräulein ist halt ein Sensibelchen. Mag sein, es verschwindet, wenn sie älter wird“, beruhigte der Arzt die Tante und strich Marie begütigend übers Haar. Tante Lena runzelte die Stirn, als sie die Doktorvilla verließen. Sie war nicht zufrieden mit der Diagnose.

„Na ja, jetzt gibt’s erst mal Frühstück, ich mach uns Kaffee und dazu holen wir uns bei der Bäckerin Semmeln und frische Butter. Einen Kaiser haben wir zwar nicht mehr, aber die Kaisersemmeln sind uns geblieben.“

Marie strahlte und war froh, dass der Besuch bei dem Arzt gut verlaufen war und sie nicht ins Krankenhaus musste wie letztes Jahr die Großmutter.

Lena hatte den Tisch gedeckt und beide genossen die seltenen Köstlichkeiten, weiße, weiche Brötchen mit Butter, und Marie durfte sogar von dem schwarzen Gebräu, Tante Lenas geliebten Kaffee, kosten und kam sich sehr erwachsen vor.

„So, und jetzt zeige ich dir die Herrschaftswohnung. Komm mit!“ Lena klimperte verheißungsvoll mit dem großen Schlüsselbund und stieg die Stufen hinunter in den ersten Stock. Das Schloss quietschte, als Lena die kunstvoll geschnitzte Eingangstüre zur Wohnung aufschloss.

„Aber nichts anfassen, Marie!“, mahnte die Tante.

Die Sorge war unbegründet. Marie war in ehrfürchtiges Schweigen verfallen. Durch einen Vorraum und die geräumige Küche betraten sie ein imposantes Zimmer, die gute Stube, wie Lena es nannte. Die Decken waren mit Stuck verziert, und die Wände so hoch, dass sich Marie ganz klein vorkam. Sie wagte es kaum, den auf Hochglanz polierten Holzboden mit den kunstvollen Einlegearbeiten aus hellem und dunklem Holz zu betreten. Ein dicker Teppich mit bunten Blumenmustern darauf dämpfte ihre Schritte. Ihre Blicke wanderten umher, und sie wusste nicht, was sie am meisten beeindruckte: die samtenen Vorhänge an den Fenstern, die schweren, dunklen Eichenmöbel, der verglaste Bücherschrank, die Vitrine, in der kristallene Gläser, feines Geschirr und zierliche Nippesfiguren aus weißem Porzellan glänzten oder die wuchtigen Ohrensessel und das Sofa mit hellblauem Seidenbezug und einem Marmortisch davor. Eine große Pflanze mit seltsamen Wedeln zog ihre Aufmerksamkeit besonders auf sich.

Lena lachte. „Das ist eine Palme, die Donna sagt, das erinnere sie an ihre Heimat in Italien, dort wachsen sie im Freien.“

Sie führte Marie ins Schlafzimmer und öffnete das doppelflügelige Fenster. „Schau, von hier aus kannst du weit hinein in die Stadt sehen und auch hinunter zur Ostuzzi-Villa, ganz im italienischen Barockstil erbaut, für mich das schönste der Häuser, die der Baumeister Aristide Ostuzzi erbaut hat und die er selbst mit seiner Nichte und deren Familie bewohnt.

Aber jetzt kommt das Beste!“ Lena öffnete eine weitere Türe, und Marie stieß einen entzückten Schrei aus. Eine gewaltige weiße Badewanne mit eingebautem Ofen zum Heizen des Badewassers und ein eleganter Waschtisch beherrschten den Raum. Zarter Lavendelduft stieg Marie in die Nase und lenkte ihren Blick auf ein Regal, auf dem feine Seifen, allerlei fantasievoll verzierte Flakons und leinene Handtücher gestapelt waren.

Eine Badewanne aus Porzellan! Und so riesig! Da hätten wir alle zusammen Platz! Welch ein Reichtum! Marie dachte an zu Hause, wo einmal die Woche aus der Scheune die Zinkbadewanne in die Küche geholt wurde. Mühsam wurde sodann das Badewasser auf dem Herd gewärmt, und einer nach dem anderen durfte schließlich in die Wanne: die Kinder zuerst, danach die Mutter und als letztes der Vater. Da war das Wasser schon nur noch lauwarm. Und in einem einzigen Becken in der Küche wurde alles gewaschen, von den Kartoffeln bis zu Gesicht und Händen.

Ein Hämmern riss Marie aus ihren Gedanken. Lena riss das Fenster auf und schrie hinab: „Ihr Malefizsaubuam, elendige, verschwindet, das sind nur Glasscherben, nichts wert!“, und zu Marie gewandt: „Das passiert immer wieder, da kommen die Buben mit Hammer und Schaufel und versuchen aus der Fassade Steine herauszuschlagen, weil sie glauben, es seien Juwelen. Wenn das die Donna sieht …“

Marie bewunderte indes die Fenster- und Türgriffe, allesamt aus Porzellan mit kunstvollen Griffen und zartem Blumendekor bemalt. Staunend blieb ihr Blick an den Wänden hängen: Sie waren mit gemustertem Papier verkleidet, Tapeten, wie Lena erklärte. Zu Hause gab es nur Decken und Wände aus Holz.

„Drei so schöne große Zimmer – und hier wohnt eine alte Frau ganz allein?“, wunderte sich Marie und dachte daran, dass sie, die Großmutter und die Brüder in einem einzigen Zimmer untergebracht waren. Sie schlief bei der Großmutter im Bett, die Stockbetten der Buben waren mit einem Vorhang abgetrennt, und lediglich die Eltern hatten ein Schlafzimmer für sich mit einer Wiege darin für die Kleinsten.

„Ja“, meinte Lena, „Donna Preziosa ist die Schwester des Baumeisters Ostuzzi. Als Hausmeisterin und Verwalterin kassiert sie für ihn den Mietzins, denn die übrigen Wohnungen hier im Haus sind allesamt vermietet.

So, jetzt komm. Wenn du noch ein bisschen etwas von der Stadt sehen möchtest, bevor wir mit dem Bus wieder heimfahren, sollten wir uns auf den Weg machen.“

Lena schob Marie zur Türe hinaus und schloss sorgsam ab. In einen Rucksack packte sie ein paar Brote und eine Flasche mit Wasser, und so machte sie sich bald darauf mit Marie auf den Weg hinunter in die Stadt. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie vorbei an der Löwenbrauerei über das Nikolakloster hinab zur Innpromenade wanderten.

„Du musst vorsichtig sein, der Inn führt jetzt von den Bergen her viel Wasser. Halte dich nah an mir und fern vom Fluss, damit ja nichts passiert.“ Besorgt nahm Lena Marie an der Hand. „Schau, dort drüben rechts am Berg liegt das Kloster Maria Hilf. Wenn du einmal großen Kummer hast, musst du dort die 300 Stufen zur Kirche hinaufsteigen und auf jedem Treppenabsatz ein Ave-Maria beten …“

Marie kam aus dem Staunen nicht heraus: prächtige Häuser mit bunten Fassaden, der Dom, das Stadttheater; die bischöfliche Residenz, die Jesuitenkirche … Nicht alles konnte sie behalten, was die Tante ihr zeigte und erklärte. Bis zum Dreif lüsseeck am Ende der Innpromenade spazierten die beiden, dahin, wo Inn und Donau zusammenfließen, und von links die schwarze Ilz aus dem Wald sich hinzugesellt. Wie eine langgezogene, spitz auslaufende Halbinsel liegt die Stadt hier eingebettet zwischen den mächtigen Flüssen.

Marie war tief beeindruckt. Durch ihr Dorf plätscherte nur ein kleiner Bach und ein paar verwinkelte Holzhäuser gruppierten sich in loser Folge um einen Weiher. So gewaltige Flüsse aber und solch eine steinerne Häuserpracht hatte sie noch nie gesehen.

„Jetzt machen wir erst einmal Rast. Du hast sicher schon Hunger.“ Lena setzte sich mit Marie auf die großen Steinblöcke am Dreiflüsseeck und packte aus dem Rucksack ihre Schätze aus. Erst jetzt spürte Marie, wie hungrig sie war und wie ihre Füße vom Gehen auf dem harten Steinpflaster schmerzten.

„Schau, da kommt ein Schiff“, Lena deutete links zur Donau hin, „derzeit verkehren nur Frachtschiffe. Aber vor dem Krieg konnte man auf komfortablen Personendampfern nach Wien, Budapest und bis zum Schwarzen Meer reisen. Berühmte Persönlichkeiten, Künstler, Damen und Herren der Gesellschaft in ihren eleganten Roben konnte man hier bewundern. Ach ja, das war eine herrliche Zeit!“ Lenas Blick schweifte in die Ferne.

Schließlich brachen sie auf und wanderten der Donau entlang, vorbei am Hafen und dem Rathaus mit seinem hoch aufragenden, reich verzierten Turm zur Maxbrücke, wo der Bus nach Ortenburg abfahrbereit schon auf sie wartete.

Die Sonne stand schon tief, als der Busfahrer sie an der heimatlichen Haltestelle absetzte.

Marie war erschöpft. Ein langer Tag lag hinter ihr, und die vielen neuen Eindrücke hatten sie müde gemacht. Sie war froh, dass der Vater sie mit dem Pferdefuhrwerk abholte und ihnen so den Fußweg nach Hause ersparte. Beim Abendessen konnte Marie kaum mehr die Augen offenhalten und sie wollte nicht mehr viel erzählen. Das besorgte Lena dafür umso ausgiebiger, die heute Nacht auf dem Küchensofa schlafen und erst morgen wieder zurück in die Stadt fahren würde.

Aber als die Mutter sie und die Brüder ins Bett brachte, sprach sie mit ungewöhnlichem Ernst: „Wenn ich groß bin, ziehe ich in die Stadt und wohne in der Glasscherbenvilla mit einem eigenen Bad. Und ihr könnt dann alle zu mir zum Baden kommen.“

Die Großmutter, eine hagere Mittsechzigerin, seit ihrer Witwenschaft stets ganz in Schwarz gekleidet, schimpfte. „Unsinn! So viel Baden ist ungesund. Und überhaupt – sensibel sei das Kind, meint der werte Herr Doktor – und jetzt will’s gar noch ein Stadtfräulein werden! Was hat man dem Mädel da bloß für Flausen in den Kopf gesetzt? Sie ist ein Bauernkind und wird einmal einen Bauern heiraten. Alles andere wär’ ein Wunder. Basta.“

Doch da war Marie schon eingeschlafen und träumte, dass sie in der Beletage der Glasscherbenvilla wohnte, in einer Wanne aus Porzellan badete, umgeben von Palmenwedeln, und ein weißes Schiff sie mitnahm in ferne Länder.

Der Tag, der die erste Zäsur in Maries Leben bringen sollte, begann als herrlicher Frühlingstag.

Knapp fünf Jahre waren ins Land gegangen seit Maries Besuch bei Tante Lena in der Glasscherbenvilla zu Passau. Allmählich verblassten die Erinnerungen, und manchmal war ihr, als wäre alles nur ein schöner Traum gewesen. Ganz aber hatte sie die Stadt und die Villa nie vergessen.

Das Leben am Bauernhof ging seinen gewohnten Gang. Bald nach ihrem Ausflug in die Stadt war ihre Schwester Frieda zur Welt gekommen und im Sommer des letzten Jahres noch die kleine Minna, die von Marie heiß geliebt wurde und die sie wie eine Babypuppe überall mit sich herumschleppte und bemutterte.

Marie ging der Mutter im Haushalt zur Hand, arbeitete mit auf dem Bauernhof, und daneben nahm die Schule einen großen Platz in ihrem Leben ein. Als fleißige und wissbegierige Schülerin war sie beliebt bei ihrem Lehrer. Auch der Pfarrer mochte das stille Kind und lieh ihr Bücher, die sie auf der Obstwiese hinter dem Haus gierig verschlang. Auf seine Vermittlung hin durfte sie auch die Sonntagsschule besuchen, die eigentlich nur den Buben vorbehalten war. Die Großmutter wetterte zwar und meinte, es sei nicht gut für eine Bauerntochter, so viel zu lesen und zu lernen. Aber der Vater konnte seiner Ältesten nichts abschlagen.

Heute, an diesem 3. April 1925, war Schulschluss, und die drei Binder-Kinder wurden in die Ferien entlassen. Strahlend nahm Marie ihr Zeugnis entgegen. Sie war stolz auf ihre guten Noten und die vielen Fleißbilder, die ihre Schulhefte zierten.

Fröhlich machten sich die Drei auf den Heimweg. Schorsch pfiff auf seiner Flöte, die er jedes Jahr im Frühjahr aus der Weide am Bach schnitzte, Max sang dazu, und Marie pflückte am Wegesrand die ersten Margeriten für die Mutter. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als das elterliche Anwesen auftauchte.

„Schau mal, ein Automobil!“ Max hatte es als Erster gesehen. Jetzt starrten auch die Geschwister die imposante, schwarz und silbern glänzende Limousine an. Der Fahrer fuhr gerade an, der Motor heulte kurz auf, die Reifen quietschten, und schnell war der Wagen um die Kurve verschwunden. Eine dicke Abgas- und Staubwolke hüllte die Kinder ein.

„Wer war denn das, Mama?“ Marie stürmte zur Türe hinein. Erschrocken hielt sie inne. „Mama, du weinst ja?!“ Betroffen standen die Kinder um die Mutter herum.

„Nein, nein, alles gut“, die Mutter schnäuzte sich die Nase und fuhr sich über die Augen, „setzt euch, gleich gibt’s Mittagessen.“

Die Großmutter hantierte lautstark am Herd, schimpfte und brummte Unverständliches.

Bedrücktes Schweigen senkte sich über den Mittagstisch wie eine bleischwere Gewitterwolke. Nicht einmal die geliebten Eierpfannkuchen mit Pflaumenmus wollten den Kindern recht schmecken, und niemand interessierte sich für ihre Zeugnisse. Erst am Abend, als der Vater heimkam, wurden diese endlich begutachtet. „Das habt ihr fein gemacht, Kinder, ich bin stolz auf euch.“ Der Vater drückte die Drei an sich.

Einigermaßen getröstet gingen die Kinder zu Bett, aber Marie konnte lange keinen Schlaf finden. Unruhig wälzte sie sich auf ihrer neuen Bettstatt, die sie seit ihrem 13. Lebensjahr nun endlich für sich allein hatte, hin und her. Sie hörte die Eltern im Schlafzimmer streiten. Noch nie hatte sie ihren Vater so laut und zornig gehört, und ihr war, als würde die Mutter wieder weinen. Ein ungutes Gefühl beschlich sie, und instinktiv ahnte sie ein heraufziehendes Unheil.

Auch beim Frühstück am nächsten Morgen wollte sich trotz der anstehenden Ferien keine fröhliche Stimmung einstellen. Die Buben aßen schweigend ihre Butterbrote, Minna quengelte, und Marie stocherte lustlos in ihrem Haferbrei.

„Erinnert ihr euch eigentlich noch an Onkel Edi?“, fragte plötzlich die Mutter in die Runde.

„Dein älterer Bruder, der uns immer Weihnachten besucht und ständig auf die Knie fällt und betet?“ Marie erinnerte sich. Ein stattlicher Mann, groß gewachsen mit Händen wie Schaufeln, strotzend vor Kraft, andererseits von kindlichem Gemüt. Marie war ein frommes Kind und seit der Kommunion im katholischen Jungfrauenverein, trotzdem war ihr der Onkel ein wenig unheimlich und sie ging ihm aus dem Weg.

„Er hatte in jungen Jahren einen Unfall“, mischte sich die Großmutter ein, „ein Dachbalken fiel ihm auf den Kopf, als wir seinerzeit nach dem Brand das Dach ausbesserten. Seither ist er ein wenig zurückgeblieben und meint, bei jedem Glockenläuten auf die Knie fallen und um Vergebung bitten zu müssen, wofür, weiß niemand. Aber er ist ein braver Bub, ein bisschen anders als andere, aber völlig harmlos. Er tut keiner Fliege etwas zuleide und arbeiten kann er für zwei.“

„Mag alles sein“, seufzte die Mutter, „aber im Haus konnten wir ihn nicht behalten, so ist er schon seit einigen Jahren Knecht auf dem Moarhof in Eggerswirth. Und genau der Bauer von dort erpresst uns jetzt, dass sie den Edi nach Mainkofen in die Irrenanstalt geben wollen, weil er angeblich mehr betet als arbeitet, wenn wir nicht …“ Die Mutter wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augen.

„Wenn wir nicht …?“ Marie starrte angstvoll auf die Mutter.

Stille breitete sich aus. Sogar die kleine Minna war verstummt.

„Sie wollen dich als Magd auf dem Hof.“

Marie war entsetzt. „Nein, nein, ich will keine Bauerndirn werden, ich will in die Stadt.“ Das hatte sie gar nicht sagen wollen, und siehe da – urplötzlich war der Traum vom Stadtleben wieder aufgetaucht.

„Es ist ja nicht für immer, Marie“, barsch wies die Großmutter sie zurecht, „eine landwirtschaftliche Lehre, ein, zwei Jahre, das hat noch niemand geschadet. Der Moarhof ist schließlich der reichste und größte Hof weit und breit, da kannst du viel lernen. Ein kleiner Verdienst springt auch heraus, und endlich werden dir dort die Flausen vom Stadtfräulein ausgetrieben. Du wirst dort alles lernen, was du einmal als Bäuerin brauchst.“

„Nein, nein … Weiß Vater es schon? Was sagt er denn dazu?“, fragte Marie bang.

„Dein Vater hat hier eingeheiratet, der Hof gehört immer noch mir, und deshalb bestimme ich, was geschieht. Hättest es ja anders haben können“, wandte die Großmutter sich ihrer Tochter zu, „aber du hast ja unbedingt den Zimmerer, diesen Habenichts aus Ortenburg, heiraten müssen … Ach, warum hat Gott mich nur so gestraft – der Mann früh gestorben, die zwei Söhne, von denen jeder gern den Hof übernommen hätte, im Krieg gefallen, die andere Tochter hat wenigstens eine gute Partie gemacht, wenn auch weit weg in Franken …“, ein harter Zug legte sich um ihren Mund, während sie sich wieder zu Marie drehte, „also es ist beschlossen und damit basta. Am 1. Juni stehst du am Moarhof ein und wehe, du machst uns dort keine Ehre! Und jetzt will ich nichts mehr hören.“ Abrupt drehte sie sich um und verließ das Haus.

Alles Bitten und Flehen half nichts, die Mutter weinte, der Vater fluchte, aber der letzte Maientag war der Tag des Abschieds vom elterlichen Hof.

Diesmal begleitete die Mutter Marie. „Sei brav und gehorch der Bäuerin, mach uns keine Schande!“, ermahnte sie. Fest drückte sie Marie an sich und bemühte sich, ihre Tränen zu unterdrücken und zur Moarbäurin gewandt: „Sei nicht zu streng mit ihr, Bäuerin, sie ist ja noch fast ein Kind, du siehst ja selbst, wie schmächtig sie ist.“ Ein letztes Mal herzte die Mutter Marie, dann stieg sie auf den Wagen und gab dem Pferd die Peitsche. Tapfer rang sich Marie ein Lächeln ab und winkte der Mutter nach.

„Du bist also die Binder-Marie. Oh je, spindeldürr! Das wird mir ja nicht die Hilf ’ sein, die ich mir erhofft.“ Die Bäuerin musterte sie abschätzig von oben bis unten.

Marie stand vor ihr in der Küche und wagte kaum, die Augen zu heben. Sie trug ihr bestes Dirndlkleid, und ihre Mutter hatte ihr am Morgen zum ersten Mal die langen Zöpfe zu einem Kranz um den Kopf geflochten. Krampfhaft umklammerte sie mit der rechten Hand den Griff ihres Köfferchens. Leicht zitternd spürte sie, wie ihr die Röte bis in die Haarwurzeln stieg. Wenn sie jetzt nur nicht ihr leidiges Nasenbluten bekam!

„Na ja, sauber g’waschen schaust ja aus, in der Kuchl und im Garten wird’s scho geh’n. Und Stallarbeit kennst ja von dahoam.“ Die Stimme der Bäuerin wurde milder. Sie zeigte auf die Magd, die gerade mit einer Schüssel Eier hereinkam. „Die Rosalie zeigt dir jetzt eure Stub’n, und danach legst dein Arbeitsg’wand an und kommst wieder runter, kannst gleich beim Kartoffelschälen helfen. Und dass du’s weißt – du tust, was ich dir anschaff’. Ich duld’ koa Widerred’. Hast mich verstanden?“

„Ja, Bäurin.“

Mit einer unwirschen Handbewegung scheuchte die Bäuerin die beiden Mädchen aus der Küche.

Marie spürte, wie ihr Herz bis zum Hals schlug, während sie der Magd die steilen Stufen hinauf zur Dachkammer folgte.

„Da drüben schläfst du“, sagte Rosalie und zeigte auf die einfache Schlafstelle unter der Dachluke. „Du musst koa Angst haben, Marie. Die Bäuerin ist zwar a rechter Drachen und hat immer was zu meckern, aber ich helf ’ dir schon. Wir halten z’amm. Ich bin die Rosalie.“ Die Magd, kaum älter als Marie, war kräftig gebaut und hatte rote Bäckchen auf den Wangen. Sie lächelte ihr aufmunternd zu.

Marie sah sich zaghaft um. Die Kammer war eng und stickig. Ein schmales Bett mit einer harten Matratze, ein kratziges Laken und ein dünnes Federbett bildeten ihre Schlafstätte. Neben dem Bett stand ein Hocker, und eine Truhe, die sie sich mit Rosalie teilen musste, gehörte ebenfalls zur Einrichtung. An der Holzdecke krabbelten Spinnen, während Mücken und Fliegen in der heißen Luft summten. Marie schluckte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Ja, ich weiß, es ist heiß hier, dafür ist’s dann im Winter schweinekalt“, lachte Rosalie, „da schlaf ’ ich voll angezogen in meinen dicksten Wollpullovern. Na komm, du gewöhnst dich dran, wirst sehen, es wird nichts so heiß gegessen, wie’s gekocht wird.“

So begann Maries Dienstzeit auf dem Hof.

Sie wurde als landwirtschaftliche Magd zum Stall- und Küchendienst eingeteilt. Frühmorgens musste sie die Kühe und Schweine im Stall füttern, die Hühner und den Gemüsegarten versorgen und, wenn Not am Mann war, wurde sie auch zur Feldarbeit eingeteilt. Am schlimmsten war für sie die Kartoffelernte. Ihre schmächtigen Beine drohten sich unter der Last nach außen zu biegen, und am Abend spürte sie ihren Rücken vor Schmerzen nicht mehr.

Die Bäuerin war eine kräftige Frau in den Dreißigern, einstmals war sie sicher recht hübsch gewesen. Jetzt zeigte sich erstes Grau in dem ehemals dunklen Haar, und ein bitterer Gesichtszug ließ sie um Jahre älter erscheinen. Stets war sie die Erste auf den Beinen. Überall hatte sie ihre Augen, und nichts entging ihr. Sie duldete keine Nachlässigkeit, und niemand konnte es ihr recht machen. Ein hartes Regiment führte sie, schimpfte viel, und wenn Marie Fehler machte oder zu langsam war, holte sie zum Schlag aus.

Der Hof machte einen blühenden Eindruck, die gute Stube war komfortabel eingerichtet, in der Küche stand ein neuartiger Elektroherd, ein Automobil sorgte für bequeme Fahrten zur Kirche und auf den Markt, und dennoch sah man sie nie lachen. Auch wenn mittags und abends der Bauer mit dem zehnjährigen Sohn und den beiden Töchtern, acht und sieben Jahre alt, und seinem jüngeren Bruder am gut gedeckten Tisch saß, hörte man kein freundliches Wort. Auch der Bauer, ein Hüne von Mann, Mitte dreißig, muskelgestählt, mit stahlgrauen Augen und immer noch mit Kaiser-Wilhelm-Bart, war selten guter Laune. Er hatte es im Krieg zum Feldwebel gebracht und die schmähliche Niederlage des deutschen Heeres nie verwunden. „Alles nur die Schuld der Sozis, die uns in der Heimat den Todesstoß versetzt haben. Auf dem Felde waren wir unbesiegt!“ Und auch den Kommando-Ton hat er nie abgelegt. Sein Jähzorn war auf dem Hof gefürchtet und wie es irgend möglich war, gingen ihm alle, sogar die eigene Familie, aus dem Weg.

Früh hatte er sich für jenen Adolf Hitler begeistert, einen Weltkriegsgefreiten wie wir, meinte er. Und seine Wut, als dessen Putsch scheiterte und dieser mit dem von ihm verehrten General Ludendorff in Haft kam, war grenzenlos. Bei Tisch wetterte er gegen die „Novemberverbrecher“, die Spartakisten, die Juden und alle sonstigen Vaterlandsverräter, die diese unsägliche Weimarer Republik gegründet und den Kaiser gestürzt hätten. Sie seien es gewesen, die Deutschland in den Ruin getrieben, gedemütigt und das Joch des Schandfriedens und den Vertrag von Versailles zu verantworten hätten. Und war er besserer Laune, schwärmte er von den guten alten Zeiten, als Deutschland noch ein Kaiserreich war, Bayern noch einen König hatte und den glorreichen Zeiten beim Militär.

Die Bäuerin senkte den Kopf, die Kinder und der jüngere Bruder des Bauern, Ludwig, vermieden direkte Gespräche oder gar Widerrede gegen den Bauern und wichen seinen Blicken aus. Das Gesinde, fünf Knechte und mit Marie noch drei Mägde, schwieg ebenfalls.

Bei den Mahlzeiten hob die Bäuerin zaghaft das Tischgebet an, das rasch heruntergeleiert wurde. Alle waren froh, wenn der Bauer an den Abenden das Haus verließ und in der Passauer Stadt seinen politischen Ambitionen bei den „Völkischen“ nachging oder bei seiner zweiten Leidenschaft, der Jagd, im Wald unterwegs war.

Marie wunderte sich. Der Vater erzählte ganz anderes. Furchtbar sei der Krieg gewesen in dem ewigen Stellungskrieg in Verdun, maßlos die Angst vor den Giftgasen, unsäglich der Dreck und Gestank in den Schützengräben. Albträume von den Schreien der Verletzten und Kranken rissen ihn noch heute aus dem Schlaf, ganz zu schweigen von seiner Verletzung am Oberschenkel, die ihm bis heute das Gehen erschwert und die ihn, besonders, wenn das Wetter wechselt, heftig schmerzt. Und den Tod des Bruders, der, von einer Granate getroffen, neben ihm verblutete und dessen Sterben er hilflos zusehen musste, hat er nie verwunden. „Nie wieder Krieg, für nichts und niemanden!“, war sein Credo.

Welch ein Unterschied zu ihrem Zuhause!

Das Heimweh setzte ihr schwer zu, und jeden Abend vor dem Zubettgehen kniete sie nieder und betete: „Lieber Gott, hol mich hier raus …“

Wie eine kleine Katze beobachtete sie das Geschehen am Hof, versuchte geräuschlos ihre Arbeit zu verrichten und sich möglichst unsichtbar zu machen. Endlos zogen sich die Tage, bis sie endlich Weihnachten vom Vater für die Feiertage nach Hause geholt wurde. Was für eine Freude! Aber sie wollte den Eltern das Herz nicht schwer machen und so erzählte sie kaum etwas. Viel zu schnell vergingen die Tage, und zu Dreikönig musste sie sich wieder am Moarhof einfinden.

Ostern fiel in diesem Jahr 1926 auf Mitte April.

Marie hatte alle Hände voll zu tun. Zusätzlich zu der täglichen Stallarbeit mussten nun die Beete im Garten umgegraben, Unkraut gejätet und das Gemüse ausgesät werden. Die Sonne schien schon kraftvoll und heizte Haus und Böden mächtig auf. Der Bauer war täglich mit den Knechten auf den Äckern, und auf dem Feld hinter dem Hof war Marie eingeteilt, Kartoffeln zu pflanzen. Abends war sie so erschöpft, dass sie zumeist nur noch auf ihr Lager fiel und sofort einschlief.

Doch in jener Nacht, die schmale Sichel des Mondes verbreitete kaum Licht, und die Hitze des Tages war noch nicht aus der Kammer gewichen, konnte sie lange nicht einschlafen. Endlich fiel sie in einen unruhigen Schlummer. Ein ungewohntes Geräusch schreckte sie auf. Die eichenen Treppenstufen knarrten. Jemand kam zu der Kammer hochgestiegen. Jetzt quietschte die Tür in den Angeln. Zitternd zog sie die Decke über den Kopf und verhielt sich ganz still. Schließlich lugte sie vorsichtig unter der Bettdecke hervor: Ein Schatten schlich zur Rosalies Bettstatt. Wie eine eiskalte Hand griff die Angst an Maries Herz, und der Schweiß brach ihr aus. Sie wollte schreien, aber vor Entsetzen brachte sie keinen Ton heraus.

„Net, net … die Marie kann uns hören“, hörte sie Rosalie abwehren.

„Des is mir wurscht, jetzt geh, stell di net so an“, brummte der Schatten.

Ein Kampf schien sich abzuspielen, der Schatten wälzte sich auf Rosalie und drückte sie in die Laken.

Heftiges Stöhnen drang an Maries Ohr, die Bettstatt ächzte unter den rhythmischen Bewegungen – und Marie begriff. Sie war ein Bauernkind und hatte oft genug gesehen, wie der Stier die Kuh besprang oder der Hahn die Hennen bestieg.

Schließlich ließ der Schatten von Rosalie ab. Als er aufstand und die Kammer verließ, erkannte ihn Marie: Es war der Bauer.

Rosalie hatte nach jener Nacht, die nicht die einzige blieb, in der der Bauer sie in der Kammer aufsuchte, verlegen zu erklären versucht: „Weißt, die Bäuerin ist wieder schwanger, da rührt er sie nicht mehr an, und da kommt er halt zu mir …“

Bald zog der Sommer ins Land. Petrus meinte es gut mit den Bauern und Sonne und Regen taten ihr Übriges, sodass Gerste und Weizen reiften, das Gemüse im Garten und auf dem Feld die Kartoffeln prächtig gediehen. Es versprach eine reiche Ernte zu geben. Pünktlich zu Johanni stand die Heuernte vor der Tür, und alle mussten mit anpacken. Nach der Stallarbeit brachten Marie und Rosalie den Mähern, die schon seit drei Uhr morgens auf den Wiesen arbeiteten, in großen Körben das Frühstück: Schwarzgeräuchertes, gekochte Eier, Brot und Malzkaffee. Auch Bier hatten sie dabei, das durfte aber erst nach getaner Arbeit getrunken werden. Gut drei Wochen dauerte es, bis alle Wiesen gemäht und das Heu eingefahren war.

Bald war die Luft erfüllt von Wiesen- und Heuduft, die lange Hecke der Beerensträucher bog sich unter der schweren Last, und die Obstbäume im weitläufigen Garten trugen bereits reiche Frucht.

Der Leib der Bäuerin wölbte sich auffallend, die Schwangerschaft war nicht mehr zu übersehen.

In Rosalies Leib wuchs ebenfalls etwas heran. Marie erkannte bald, dass auch sie schwanger war.

„Was willst du denn jetzt tun? Bald wird es die Bäuerin bemerken …“

Rosalie saß heulend nachts in der Kammer bei Marie. „Der Schuft! Er hat gesagt, er passt auf, es würde nichts passieren …“

„Hast du es ihm schon gesagt?“

„Ja, ja, aber …“

„Aber?“, fragte Marie.

„Ich soll zur Baderin nach Igglsbach gehen, und Geld hat er mir in die Hand gedrückt, die würde sich auskennen mit solchen Sachen, sie würde es wegmachen.“ Rosalie schniefte. „Aber ich habe nichts Gutes gehört. Die Erna vom Müller-Hof ist dabei ums Leben gekommen, soll scheußliche Schmerzen gehabt haben und verblutet sein. Ach, Marie, ich habe solche Angst. Was soll ich nur tun? Die Bäuerin wird mich wegjagen, wenn sie es merkt, und allzu lange kann ich es wahrscheinlich nicht mehr verheimlichen.“ Wieder schüttelte sie ein Weinkrampf.

„Wann ist es denn soweit?“, fragte Marie und nahm Rosalie tröstend in den Arm.

„Ich weiß es nicht so genau. Ich denke, um Weihnachten herum.“

„Na ja, da ist ja noch Zeit. Unter den dicken Wollsachen und Schürzen wird man deinen Bauch kaum sehen. Und über die Feiertage bist du bei deiner Familie …“

„Ach, Marie, meine Mutter ist auch bloß eine Magd auf einem Bauernhof, da kann ich nicht bleiben, sie hat mich eh immer gewarnt …“

Marie nahm Rosalie in den Arm. „Es wird so schlimm schon nicht werden.“

Doch es wurde schlimm.

Eines Vormittags, Ende Juli, als Rosalie gerade die Kartoffeln aus dem Vorratskeller holte und sie in der Küche wusch, musste sie sich übergeben. Die Bäuerin blickte sie misstrauisch an, während sie den Strudelteig für den Mittagstisch ausrollte. Unvermittelt riss sie ihr die Schürze vom Leib und die Rundung war nicht zu übersehen.

„Du Hur’“, schrie sie wutentbrannt, „was hat er denn zahlt, der Hurenbock? Glaubst du, du bist die Erste, die er hier auf dem Hof geschwängert hat?“ Sie hatte das Nudelholz noch in der Hand und schlug wutentbrannt auf Rosalie ein. „Ich prügle dir den Bankerten schon aus dem Leib …“ Wieder und wieder drosch sie auf Rosalie ein.

„Net, Bäuerin, net, was hätt ich denn tun könna? Unsere Kammer hat ja net amal an Riegel …“ Aufschluchzend versuchte Rosalie den Schlägen auszuweichen und ihren Bauch zu schützen.

Endlich ließ die Bäuerin von Rosalie ab. „Pack deine Sachen und schau, dass d’ weiterkommst. Ich will dich hier nicht mehr sehen.“

Marie, die gerade mit einem Korb Kirschen hereinkam, sah die wimmernde Rosalie auf dem Boden liegen.

„Um Gottes Willen!“ Sie bückte sich zu Rosalie, der Korb fiel ihr aus den Händen, und die Kirschen kullerten auf den Boden.

„Und du kannst gleich auch mit verschwinden, du hast alles gewusst und alles gedeckt, steckst unter einer Decke mit ihr. Hat er’s womöglich mit dir auch schon getrieben? Na ja, du bist zu dürr, er steht immer auf die Drallen, mit viel Holz vor der Hütten. Raus mit euch! Und euren Lohn könnt ihr euch sonst wo hinstecken.“ Rot vor Zorn wollte die Bäuerin auch auf Marie einschlagen. Doch Marie war schneller. Geschickt duckte sie sich weg, half der heulenden Rosalie auf und zog sie mit sich aus der Küche.

„Wo soll ich denn jetzt bloß hin? Mir bleibt nichts anderes übrig, als ins Wasser zu gehen …“ Wie ein Häufchen Elend ließ sich Rosalie auf ihr Bett in der Dachkammer fallen. Marie setzte sich neben sie und nahm sie fest in den Arm. Ganz allmählich hörte das Schluchzen auf.

Eine Weile saßen die beiden Mädchen schweigend nebeneinander. Schließlich meinte Marie: „Komm, wir gehen zu mir nach Hause, der Vater wird schon wissen, was zu tun ist.“

Und so verließen sie, Marie mit ihrem Köfferchen in der Hand, Rosalie mit einem Rucksack auf dem Rücken, den Hof. Immer wieder wandte sich Rosalie um und hoffte, der Bauer würde sich blicken lassen und helfen. Aber er blieb unsichtbar. So fassten sie sich schließlich an den Händen und machten sich auf den langen Weg. Schnell waren sie nassgeschwitzt.

Plötzlich hörten sie hinter sich Pferdegetrampel. Ludwig, der jüngere Bruder des Bauern, hatte etwas mitbekommen. Sie waren noch nicht weit gekommen, da holte er sie mit dem Pferdefuhrwerk ein. „Es tut mir so leid, Rosalie. Ich würde dir gerne helfen, hab’ dich immer gern gesehen. Leider hab’ ich nichts zu melden, bin ja nur Knecht auf dem Hof meines Bruders. Aber ein bisschen Geld kann ich dir geben. Geh’ in die Stadt, da gibt’s jetzt nach dem Krieg viele alleinstehende Frauen mit Kindern, da fragt keiner danach, ob du ledig oder verwitwet bist. Die Zeiten haben sich geändert – na ja, leider nicht für mich.“ Er hieß die beiden Mädchen aufsitzen, steckte Rosalie eine Geldbörse zu und setzte sie schließlich an der Einfahrt zu Maries Dorf ab.

Knapp ein Jahr war vergangen seit jenem Julitag im Jahr 1926, an dem Marie und Rosalie den Moar-Hof verlassen mussten.

Wie erhofft, wusste Maries Vater Rat. Als gläubiger Katholik und aktives Mitglied der Bayerischen Volkspartei war er befreundet mit dem Ortspfarrer. Dieser wiederum wusste von einem kürzlich von den Salesianerinnen gegründeten Kloster Marienstift in Passau-Hacklberg. Im dazugehörigen Gut „Donauhof “ hatten sie ein Heim und eine Erziehungsanstalt für „gefallene Mädchen“ errichtet. Dort brachte er die schwangere Rosalie unter.

Und Marie, die sich beharrlich weigerte, noch einmal zu einem Bauern in Dienst zu gehen, kam Tante Lena zu Hilfe: Sie kannte eine junge Wienerin, Hannah, die als Kaffeeköchin im ersten Hotel der Stadt, im „Passauer Wolf “, angestellt war, und diese verschaffte Marie eine Stelle als Kochlehrling.

„Wie geht es dir, Rosalie, und wie dem kleinen Walter?“, fragte Marie und umarmte die Freundin, als sie sich an diesem Maiennachmittag im weitläufigen Stadtpark trafen, der sich vom Nordufer der Donau den Berghang hinauf bis zum Schloss Freudenhain zog.

Es war das erste Mal, dass Rosalie Ausgang hatte nach der Geburt, denn die Schwestern waren streng und hüteten die Mädchen nahezu wie Gefangene.

„Ach, Marie“, Rosalie wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augen, „wie soll’s mir schon gehen? Drei Monate nach der Geburt am 2. Weihnachtsfeiertag konnte ich Walter stillen, danach haben sie ihn zu einer Pflegefamilie gegeben. Einmal im Monat soll ich ihn jetzt sehen dürfen, wenn ich mich hier gut führe. Einmal im Monat! Bald wird er mich nicht mehr erkennen und ganz den Pflegeeltern einwachsen. Ach, Gott, wie soll nur alles weitergehen? Wo soll ich denn bloß hin? Angeblich wollen die Schwestern mir eine Stelle verschaffen, aber zu Bauern gehe ich nie mehr.“ Rosalie seufzte schwer und die Tränen waren nun nicht mehr zurückzuhalten.

Marie umarmte die weinende Rosalie und drückte sie. Was sollte sie sagen, wie sie trösten?

Die beiden jungen Frauen waren ein Stück weit in den Park hineinspaziert. Ein lichter Wald mit ehrwürdigen alten Bäumen umgab sie. Nicht nur hohe Linden, Eichen, Bergahorne und Kiefern wuchsen hier, auch exotische Bäume wie Platanen, Robinien, fremdländische Kiefern und zahlreiche Blütensträucher. Die frisch ausgetriebenen Zweige der hohen Bäume rauschten im Frühlingswind, und durch das Blätterdach fiel sanft das Sonnenlicht. Das helle Grün der Linden und das Dunkelgrün der Kiefern bildeten einen reizvollen Kontrast.

Am Waldrand breiteten die zu Boden gefallenen Blüten der wilden Kirschbäume einen weißen Teppich unter ihnen aus. Zarter Duft von Jasmin hüllte sie ein, und immer wieder gab der lichte Wald den Blick frei auf die unter ihnen liegende Stadt und die Donau.

„Schau, wie schön! Ist die Stadt nicht herrlich anzusehen von hier oben? Das Rathaus mit dem schönen Turm, dem Dom und da unten“, Marie deutete auf die unter ihnen dahinfließende Donau, „siehst du da unten die weißen Schiffe am Donaukai liegen?“

Rosalie schniefte, und langsam beruhigte sie sich. „Und sag, wie geht es dir im ‚Passauer Wolf ‘?“

Nun war es an Marie zu seufzen. „Na ja, es ist auch nicht so, wie ich es mir erhofft habe.