Die göttliche Farbe blau - Ingrid Meiler - E-Book

Die göttliche Farbe blau E-Book

Ingrid Meiler

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Beschreibung

Die Farbe blau verzaubert 2 Menschen: Die strahlend blauen Augen eines gehörlosen jungen Mannes verzaubern eine indische Tänzerin, und getanzte Mythen des blauhäutigen Gottes Vishnu verzaubern einen Deutschen. Beide wachsen heran, treffen sich und wollen mit ihren Visionen die Welt verbessern.

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Für ein friedliches Miteinander in der schwierigen Zeit der Covid-19-Pandemie und in der Zeit danach.

Die Zeit, um glücklich zu sein, ist jetzt, hier an genau diesem Ort, wo du bist.

Sri Chinmoy (indischer Philosoph)

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil I: Das neue Leben

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Teil II: Die erste Indienreise

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Teil III: Die Visionen

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Nachwort

Prolog

Es ist früher Morgen. Den rötlichen Ball der Sonne kann Tim, der in einem kleinen, hölzernen Ruderboot auf dem Ganges treibt, im diesigen Dunstschleier über dem Fluss eher ahnen als sehen. Lautlos setzt ein drahtiger Inder mittleren Alters hin und wieder die beiden Paddel sacht in das Wasser von Mutter Ganga, des heiligen Flusses der Hindu. Um Tim herum schwimmen kleine Schälchen, geformt aus Blättern. Orangefarbene Blüten liegen darin, in der Mitte brennt ein kurzer Docht, der von etwas Wachs gehalten wird. Es ist eine mystische Stimmung, die ihn umgibt, hier in Varanasi.

Für Tim war ein Traum wahr geworden. Schon immer wollte er Indien bereisen, die Gewürze und Speisen des Landes genießen, die farbenfrohen Saris der Frauen bewundern, auf eine andere Kultur und Religion stoßen. Und jetzt ist er mittendrin, weilt am Ende seiner Reise in der heiligsten Stadt der Hindu, auf dem heiligen Fluss. Gespeist wird dieser von den Gletschern des Himalaya, vom Sitz der Götter.

Langsam brechen sich die Sonnenstrahlen mit all ihrer Energie durch den morgendlichen Dunst. Tim hebt seinen Blick und schaut zum Ufer hinüber: Viele Treppen, bereits von unzähligen Menschen bevölkert, führen von der Altstadt hinunter an den heiligen Fluss. Manche nehmen schon ihr rituelles, ihre Seele reinigendes Bad.

An einer anderen Stelle der Ghats sieht Tim Scheiterhaufen, die stark qualmen. Viel Rauch steigt auf, da die Flammen nicht die Kraft haben, sich gegen die dicken Holzscheite und die feuchte Luft durchzusetzen.

Nur männliche Angehörige stehen vor den Scheiterhaufen. Frauen sucht Tim bei dieser hinduistischen Totenzeremonie vergebens. Nur einige Meter entfernt sind Saris in allen Farben auf den Treppen zum Trocknen ausgebreitet. Ein traditionelles Tuch, als Unterhose umgebunden, hängt auf einer Leine.

Als Tim wieder festen Boden unter seinen Füßen hat, schlendert er durch die Ghats. Jetzt sieht er Frauen, die die schwimmenden Kerzen verkaufen. Sicher haben sie diese selbst hergestellt. Junge Männer bieten rosa Zuckerwatte feil, andere verkaufen Reisetaschen. Tim fühlt sich wie auf einem Jahrmarkt, wären da nicht die vielen Bettler mit deformierten Gliedmaßen, die vor Hauswänden auf dem Boden kauern. Heilige oder Männer, die sich dafürhalten, sitzen stoisch mit ihren langen Bärten herum, ihr Gesicht weiß angemalt, eine Goldverzierung auf der Stirn. Gold auch im langen Haar, als Tuch über der Schulter, in der Hand einen mit Goldfolie umwickelten Stab.

Dazwischen läuft ein Inder mit einer Teekanne aus Zink herum und verteilt kostenlosen Chai. Auch Tim lässt sich diesen warmen indischen Gewürztee in einem kleinen weißen Plastikbecher reichen. Köstlich! Vergebens hält er Ausschau nach einem Papierkorb. Der Boden ist übersät mit diesen ausgetrunkenen und achtlos weggeworfenen Plastikbecherchen. Dazwischen liegen kleine Tonschälchen. Tim erinnert sich, ganz viele davon in einem Dorf gesehen zu haben. Dort trockneten diese aneinandergereiht vor einer Hütte in der Sonne.

Als hörbehinderter, junger Mann aus Deutschland hatte Tim Indien allein bereist, konnte sich ganz auf dieses so große Land einlassen und bringt es auf den Punkt:

»Es ist ein Land geprägt von vielen Gegensätzen.«

Diese Mischung aus Spiritualität und Hingabe sieht und spürt Tim um sich herum, aber auch eine gelassene, beinahe fröhliche Stimmung umgibt ihn. Nachdenklich steht er auf einer der vielen Treppenstufen und blickt auf den Ganges hinunter. Dann schließt er seine Augen. Es erscheinen ihm so viele unterschiedliche Bilder von Situationen, die er in den letzten Wochen erleben durfte, doch eines übertrifft all die anderen: Das einer wunderschönen Frau, die anmutig und voll Hingabe tanzt, umhüllt von einer mystischen Sphäre.

I

Das neue Leben

1

Weich und warm schwebte der kleine Tim in nahezu schwerelosem Zustand und hörte Stimmen. Dumpf klangen sie, wie von weit, weit her. Bedrohlich wirkten sie – die Stimmen. Sie waren nicht zu fassen, nicht zuzuordnen.

Doch da war auch dieses andere, von Anfang an bekannte und vertraute Geräusch, gleichmäßig und monoton. Wieder und immer wieder hörte er es. Es begleitete ihn schon lange und war ihm damit sehr vertraut. Beruhigt spürte der Kleine eine gewisse Geborgenheit. Alles um ihn war vertraut – auch die Dunkelheit, die ihn umgab.

Tim aber wollte sehen, viel sehen, in Gesichter sehen, Gefühle sehen, Stimmungen sehen. So beschloss der Kleine, der Dunkelheit zu entkommen.

Doch was erwartete ihn? Grelles Licht, medizinische Sterilität und Stimmen, die jetzt klar und deutlich an seine winzigen Ohren drangen. Tim konnte zwar nichts von all dem verstehen, doch eines war ihm klar:

»Ich bin geboren, ich bin ein kleiner Mensch, der ein Teil dieser Welt ist. Ich werde meinen Platz in dieser für mich noch ganz und gar fremden Welt suchen und auch finden!«

Und während der kleine Tim so fest und voller Zuversicht an seine Zukunft dachte, hatte Kamala etwas ganz anderes im Kopf. Kamala wohnte im fernen Indien in Neu-Delhi.

Der kleine Tim hörte, auf dem Bauch seiner Mutter Sabine liegend, die ihm wohlbekannten, gleichmäßigen Töne. Wie ein Wiegenlied glitten sie ihn in einen wohligen Schlummer. Die Erschöpfung wich und Tim spürte Hunger. Sein kräftezehrendes Saugen an den vollen Brüsten wurde reichlich belohnt. Warme, leicht nach Mandeln schmeckende Milch füllte seinen Magen, Ruhe und Geborgenheit umgaben ihn. Er genoss Zärtlichkeit und Wärme. Sanft fiel Tim in einen wohligen Schlummer.

Was aber erlebte er nach den langen, tiefen Schlafphasen? Eben erst geboren blickten seine leuchtend blauen Augen neugierig auf alles, was sich bewegte. Wie angenehm und vertraut war ihm schon der Anblick seiner Mutter: Ihr Bild war zwar noch etwas verschwommen, das Vertrauen zu ihr aber klar und deutlich. Sollte das der Anfang eines wunderbaren, gemeinsamen Weges sein?

Tim konnte durch sein vorsichtiges Wimmern ihr zu verstehen geben, dass er etwas brauchte. Es gelang ihm sogar schon, mit seiner Stimme zu modulieren, und seine Mutter erkannte sehr schnell, was ihr kleiner Tim ausdrücken wollte:

»Ich habe Hunger, meine Windeln sind voll!«

Sein kräftiges Schreien signalisierte ihr:

»Ich habe Blähungen!«

Dieses blinde Verständnis füreinander gipfelte eines Nachts darin, dass Sabine merkte, wie wunderbar ihre beiden Körper aufeinander abgestimmt waren: Ein kurzes Ziehen schreckte Tims Mutter aus dem Schlaf – die Milch schoss ein. Und während sie sich gerade räkelte, vernahm sie aus dem Kinderzimmer die Stimme ihres kleinen Sohnes: Ein zartes Weinen, das langsam kräftiger wurde. Nach dem Stillen Zufriedenheit bei beiden: Keinerlei Spannungsgefühl mehr in der Brust und ein satter Säugling, der friedlich weiterschlief. Auf wundersame Weise hatte dies die Natur eingerichtet!

Tim sprach mit seinem ganzen Körper: Traten seine Eltern oder seine Schwester Ellen ans Bettchen, strampelte er mit seinen kleinen Beinen, fuchtelte mit seinen Ärmchen. Er freute sich: Mit seinen blauen Augen hatte der kleine Tim vertraute Gesichter erkannt.

Anfangs nach seiner Geburt konnte er seine Umgebung wie alle Neugeborenen nur in laut und leise unterscheiden. Doch jetzt reagierte Tim freudig erregt auf bekannte Stimmen, klammerte sich aber ängstlich an seine Mutter, wenn er Fremden begegnete. Sie war sein Halt. Nach und nach lernte Tim im Beisein seiner Familie, Gesichter zu unterscheiden und nicht mehr gleich so frustriert zu reagieren.

»Ich muss lernen, lernen und noch einmal lernen! Nur so kann ich die Welt begreifen. Meine große Neugierde wird mir ganz sicher dabei helfen.«

Mit diesen Vorsätzen nahm Tim seine Umwelt immer deutlicher wahr und lernte ständig andere Menschen kennen. Dabei gab er immer wieder neue Laute von sich, die gleichen, wie sie alle Säuglinge auf der ganzen Welt von sich geben. Auch gehörlos geborene lallen, stellen dies aber wieder ein. Dafür kommunizieren sie mit ihren Augen und ihrer Körpersprache.

Und mit seinem Körper, seinen kleinen Händen, lernte Tim, die Welt zu begreifen. Er umklammerte alles, was man ihm reichte oder was für ihn zu greifen war. Zufrieden und in sich selbst versunken spielte der kleine Tim mit seinen Fingerchen, spreizte sie, umfasste den Daumen der anderen Hand. Ob er wohl schon ahnte, wie wichtig seine Finger und seine Hände für sein späteres Leben noch sein würden? Dinge sinnlich erfahren, mit den Händen begreifen, handelnd lernen. Dies begriff schon der große Gelehrte des Altertums Aristoteles vor mehr als 2.300 Jahren, indem er sagte, dass sich die Welt immer nur so weit öffnen kann, wie es unsere Sinne und Sinnesorgane zulassen.

Besonders nach dem Baden liebte es Tim zu strampeln, seine Füße mit seinen kleinen Händchen zu umfassen und heranzuziehen. Wie war es doch interessant, seinen Körper kennenzulernen, sich auf vielfältige Weise zu bewegen. Dabei strahlten seine blauen Augen, sein Mund brachte die freudigsten Laute hervor.

Bald war nichts mehr vor ihm sicher. Tim robbte durch die Wohnung, rollte sich um die eigene Achse und ergriff alles, was für ihn erreichbar war. Mit seinen kleinen Händen führte er das, was er umklammerte, zum Mund. War es weich, fühlte es sich hart an oder gar rau? Wie sich das Wasser anfühlte, warm oder kalt?

»Aber wie kann ich es greifen und festhalten? Die Welt ist schon sonderbar und voller Geheimnisse!«

Unendlich viele Dinge und Zusammenhänge galt es für Tim zu erforschen.

»Wie zart das Papier raschelt! Und wie kraftvoll das Geräusch, wenn ich mit dem Löffel auf den Porzellanteller schlage! Und was ich erst alles in den vielen Schubladen entdecke! Die untersten erreiche ich ja gut, doch wie kann ich wohl weiter nach oben kommen?«

Seine Neugier war riesengroß und wieder einmal mussten seine Hände helfen. Wie ein Bergsteiger hielt sich Tim am Griff fest und zog sich hoch. Jetzt im Stehen sah die Welt nun wieder ganz anders aus.

»Aus eigener Kraft geschafft!«

Sein Selbstbewusstsein wuchs. Und weil die Neugierde des kleinen Tim noch immer nicht gestillt war, erkundete er weiter, was in den oberen Schubladen wohl alles zu finden wäre. Mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen ergriff er eine Unterhose nach der anderen und ließ diese auf den Boden fallen.

»Was ist das für ein Spaß, uneingeschränkt auf Entdeckungsreise gehen zu können!«

Durch seinen unbändigen Forscherdrang leerte Tim in kurzer Zeit eine Schublade nach der anderen mit seinen flinken Händchen. Keck, mit leuchtenden Augen, wie ein kleiner Schelm schaute er voller Stolz auf sein Werk: Auf dem Boden des Schlafzimmers verstreut lagen Unterhosen, weiße neben blauen, dazwischen Socken in allen Farben. Tim konnte gar nicht verstehen, dass seine Mutter so seltsam reagierte, als sie ins Zimmer kam:

»Ihre Stimme ist lauter als gewohnt. Warum dieser energische Tonfall? Und ihr Gesicht sieht so ganz anders aus! Mutter hat ihre Stirn in Falten gelegt und fuchtelt aufgeregt mit ihren Händen. Warum zeigt sie mit ihrem Zeigefinger immer wieder auf die auf dem Boden verstreuten Socken und Unterhosen und dreht dabei ihren Kopf ständig nach rechts und links? Wollte Mama »nein« sagen?«

Der kleine Tim beobachtete sie ganz genau und prägte sich jede Einzelheit ein. Er sah, wie sie sich langsam zu ihm runterkniete, er fühlte ihre warmen vertrauten Hände an seinem Rücken. Mit dieser Stütze, die ihm Halt gab, hörte er ihre Stimme sehr eindringlich sagen:

»Das machst du aber nicht noch einmal!«

Wieder bewegte seine Mutter dabei ihren Kopf langsam nach rechts und links.

»NEIN! Das muss wohl ein sehr wichtiges Wort sein!«

So jedenfalls empfand es der kleine Tim. In aller Ruhe räumten sie die Schubladen wieder ein. Und weil beide bereits auf dem Boden saßen, spielten sie gleich noch etwas. Seine Mutter holte die Kiste mit den Holzbausteinen. Mit seinen kleinen Fingern konnte Tim die Bausteine schon greifen und geschickt aufeinanderstellen. Mit größter Freude warf er die gebauten Türme immer wieder um. Ein Tag voller neuer Eindrücke ging für Tim zu Ende, müde und zufrieden schlief er ein.

Am nächsten Tag, Ellen war im Kindergarten, räumte Tim wieder etwas aus. Diesmal die Waschmaschine. Seine Mutter zeigte es ihm:

»Die Wäschestücke müssen in den Wäschekorb gelegt werden.«

Tim ergriff ein Teil nach dem anderen und legte es dort auch hinein. Diesmal blickte er in strahlende Augen und sah das anerkennende Lächeln seiner Mutter. Ihr Kopf nickte leicht.

»Gut!«, sagte sie.

So lernte der kleine Tim nicht nur, die Worte seiner Mitmenschen zu verstehen, sondern auch die Mimik und die Gesten, die ganze Körpersprache. Aber mehr noch, er war in dem Alter, in dem man das Meiste durch Nachahmen lernt. Also schüttelte Tim energisch seinen Kopf, wenn er etwas nicht essen wollte oder satt war.

Für den kleinen Tim war es zunächst das Natürlichste, Gesten noch vor dem Erwerb seiner Lautsprache zu benutzen. Ihm war noch nicht bewusst, dass seine Vorfahren vor vielen tausend Jahren auch mit Gesten kommunizierten. Die Steinzeitjäger mussten sich bei der Jagd lautlos verständigen, oft über größere Entfernungen hinweg. Durch den aufrechten Gang waren deren Hände jetzt dafür frei geworden.

Als Tim gefüttert wurde, kam es schon vor, dass er mit seiner Zunge den vollen Löffel aus dem Mund schob:

»Ich bin satt.« Oder: »Ich will nicht!«

Tim hatte gelernt, mit seinem Mund angenehme oder abwehrende Gesten zur Verständigung einzusetzen. Das gleiche machte er mit seinem Kopf. Noch bevor er »ja« oder »nein« sagen konnte, sprach seine energische Kopfbewegung für sich. Erkannte der kleine Tim etwas Bekanntes, so wies er mit seinem Zeigefinger und seinem ausgestreckten Arm in die entsprechende Richtung. Etwas später kam das gesprochene »da« hinzu. Mittlerweile wurde bei ihm die lebenswichtige Koordination von Augen und Händen ausgebildet. Tim konnte auch immer mehr räumliche Entfernungen erkennen und lernte, diese einzuschätzen, wie er es beim Treppensteigen oder später beim Überqueren einer Straße anwenden musste.

Tims Eltern beobachteten mit Freude, wie er sich entwickelte: Seine Körpersprache mit ihren Gesten und die Lautsprache. Sie wussten, wie wichtig beide sind, liegen doch im Gehirn die Bereiche für Gestik und Sprache dicht beieinander.

2

Während Tim im kühlen Deutschland lernte, sich mit Gesten, Mimik und zunehmend mit Lautsprache verständlich zu machen, lauschte Kamala im fernen Indien den Glöckchen, die ihre Mutter Arisha an beiden Fußgelenken trug und mit jeder Bewegung ihrer Füße zum Klingen brachte. Arisha hatte ihre Fußsohlen und Zehen mit roter Farbe bemalt, sie sollten den Spitzen der Blütenblätter des roten, glückverheißenden Lotus ähnlich sehen. Ihre Fuß- und Fingernägel waren rot lackiert, sie trug roten Lippenstift und einen roten Punkt in der Stirnmitte. Sorgfältig hatte Arisha mit schwarzem Kajal ihre Augen optisch verlängert und ihre Augenbrauen nachgezogen. Sie hatte ihren langen Sari, den sie zu Hause kunstvoll um ihren anmutigen Körper geschlungen und mit einem Gürtel, mit Spangen und Klammern geschickt drapiert hatte, abgelegt. Jetzt trug Arisha ein ganz besonderes Kleid mit weit schwingendem Rock und eine typische Hose. Goldschmuck über ihrem Scheitel im dunklen schwarzen Haar und an ihren Ohren ließen Arishas Schönheit erstrahlen. Zusätzlich hatte sie sich eine rote Blüte ins Haar gesteckt.

Kamalas Mutter war Tänzerin und bereitete sich rituell auf eine Aufführung vor, indem sie die Mitte der Tanzfläche mit Wasser, Blumen, Weihrauch und Zinnober weihte. Genau an diesem heiligen Punkt begann sie ihren klassischen Kathak-Tanz, der in Nordindien beheimatet ist und sich aus der alten Tradition des Geschichtenerzählens entwickelte. Arisha erzählte Mythen und religiöse Dichtung durch feinste Gestik und Mimik. Jede Bewegung hatte ihre eigene Bedeutung, ihre Körpersprache glich einem Kode, den es für die Zuschauer zu entschlüsseln galt.

Die kleine Kamala, gerade einmal zwei Jahre alt, hielt sich in einem Nebenraum auf. Sie hörte, wie ein Sänger, der von der Tablai-Doppeltrommel begleitet wurde, zunächst Ganesha anrief, den Gott des Tanzes, der Weisheit und der Gelehrsamkeit, der auch immer für gutes Gelingen sorgt. Mit seinem Elefantenkopf war er Kamala schon sehr vertraut, weil er fast überall präsent ist und viele Hauseingänge schmückt. Sie war zu klein, um zu wissen, dass Ganesha der Sohn des vielverehrten Gottes Shiva ist. Ihre Mutter opferte Shiva immer wieder Gaben, um den Schrecklichen, den Weltzerstörer, zu besänftigen. Noch hatte Arisha ihrer Tochter nicht beigebracht, dass Shiva als der liebende und gnädige Gott alles Neue erschafft. Über diese scheinbaren Gegensätze hatte sie sich nie Gedanken gemacht.

Sowie Kamala die ersten Trommelschläge hörte, war sie nicht mehr zu halten: Sie stand auf und bewegte sich rhythmisch zu den Trommelklängen. Ganz locker drehte sie sich um sich selbst, schwang ihre zarten Ärmchen in die Höhe und stampfte mit ihren kleinen Füßchen auf den Boden. Tanzen – die natürlichste Bewegungsform des Menschen und Ausdruck purer Lebensfreude!

Mit 9 Jahren durfte die äußerst talentierte Kamala mit ihrer Tanzausbildung in Neu-Delhi beginnen. Dies nicht nur wegen ihrer guten Begabung, sondern vor allem auch, weil ihre Mutter bereits Tänzerin war. Denn nur Angehörigen bestimmter Kasten ist die mehrjährige Tanzausbildung erlaubt. Kamalas Körpertraining fand meist in den kühlen Morgen- und Abendstunden statt, während tagsüber Musik und Theorie unterrichtet wurde. Dabei lernte Kamala Gedichte und vieles über ihre Gottheiten und deren Mythen. Sie wurde unterwiesen, diese nach und nach tänzerisch darzustellen und zu erzählen. Zu ihrer großen Überraschung erfuhr sie auch, dass »Kamala« der Name einer Göttin ist. »Kamala«, die Lotusblüte, die Gattin des großen Gottes Vishnu. Kamala dachte das erste Mal in ihrem noch jungen Leben über dasselbe nach:

»Hatte es einen tieferen Sinn, dass meine Eltern gerade diesen Namen für mich auswählten? Was war mir in diesem Leben zugedacht?«

Aber zunächst musste Kamala die geschichtliche Entwicklung des Kathak-Tanzes lernen: Bereits im 13. Jahrhundert waren Geschichtenerzähler und Barden, die Gedichte singend vortrugen, in ihrer Heimat durchs Land gezogen. Zuhörer und Zuschauer waren meist Bauern und Handwerker.

Ähnlich war es auch in Frankreich: Die einfachen Menschen konnten im Mittelalter weder lesen noch schreiben. Dennoch sollten sie Kenntnis bekommen von Jesus Geburt, seinem Leben und ganz wichtig: Von seiner Auferstehung. Vor einigen katholischen Gotteshäusern in der Bretagne wurden diese biblischen Geschichten daher in Stein gehauen dargestellt, gut sichtbar auf einem gemauerten circa 2 m hohen Sockel.

So ist jede Religion bestrebt, Menschen zu erreichen, ihnen Hilfestellung bei der Lebensbewältigung zu geben oder gar Lebensinhalt an sich zu sein.

Kamalas Lehrerin erklärte ihr und ihren Mitschülerinnen weiter:

»Die Kathakas, eine Gruppe Geschichtenerzähler, zogen früher tanzend durch Nordindien. Diese spielten aber auch Szenen unserer Götterlegenden. Wie im Kastenwesen üblich, blieben diese Künstler zwar unter sich, gaben ihr Können und Wissen aber von Generation zu Generation weiter. Als ab dem Jahr 1206 muslimische Herrscher in Delhi regierten, ließen sie diese hinduistischen Tänzer zu ihrer Unterhaltung in ihren Palast bringen. So blieb es nicht aus, dass wir in unserem Kathak-Tanz auch Elemente aus dem Islam haben.«

Kamala wollte nicht nur ihrer Mutter, ihrem größten Vorbild, sondern auch der weltbekannten, indischen Tänzerin Menaka nacheifern. Im Jahr 1936 war diese mit ihrer Gruppe in Deutschland auf Tournee. Kamala konnte zu dieser Zeit noch nicht ahnen, dass auch sie eines Tages nach Deutschland reisen würde.

3

Wie Kamala so wollte auch Tim immer mehr außerhalb seiner Familie lernen und die Welt erkunden. Für ihn war es zunächst der Kindergarten. Tim freute sich darauf, neben seiner Schwester auch mit anderen Kindern zu spielen, zu basteln. Doch wie böse reagierten diese, als er sie an deren Schulter antippte, weil er mit ihnen spielen wollte. Sie schubsten ihn weg und schrien etwas, was er nicht verstehen konnte:

»Lass mich in Ruhe!« »Hau ab!«

Tim erkannte ganz deutlich an deren Gesichtsausdruck, dass er unerwünscht war. So spürte er das erste Mal in seinem Leben ein ganz starkes, aber unangenehmes Gefühl: Tim wollte schreien, er wollte Luft ablassen, er wollte auf sich und sein Unglück aufmerksam machen. Aber er blieb stumm, er schrie in sich gekehrt, mit sich selbst allein: Nach Liebe, nach Verständnis, nach Anerkennung, nach Achtung.

Warum konnte Tim das Gehörte nicht verstehen? Er hatte doch als Säugling und Kleinkind die Welt mit ihren unendlich vielen Dingen und die Menschen um sich herum kennenlernen wollen. Es klappte ja auch gut. Mit seinen wachen, blauen Augen, seinem strahlenden Lachen und seiner großen Neugierde hatte Tim angefangen, die Welt zu erobern. Er fühlte, schmeckte, griff nach Dingen. Die schützende Hand seiner Mutter immer in Reichweite, versuchte er, selbstständig seine Umgebung zu erkunden. Er entwickelte dabei ein gesundes Selbstvertrauen, auch, weil er doch von seiner Mutter so unendlich viel Liebe und Fürsorge erfuhr:

»Wo bleibt denn diese Liebe jetzt? Liegt es an den anderen Kindern? Oder liegt es an mir selbst? Ich verstehe meine Mutter, meinen Vater, der nicht mehr bei uns wohnt, meine Schwester und einige Nachbarskinder, mit denen ich so gern rumtolle und spiele. Was ist nur geschehen?«

Der kleine Tim hatte Teile seines Gehörs verloren. Über viele Monate hinweg plagten ihn Ohrenschmerzen und Ausfluss. Er konnte die gehörte Sprache nur noch dumpf und leise vernehmen. Ganz selbstverständlich schaute er seinem Gegenüber beim Hören auf dessen Mund und begann – für niemand erkennbar – von den Lippen abzulesen. Geschickt kombinierte er, beobachtete Mimik und Gestik und konnte für sich das Gehörte umsetzen. So bat ihn beispielsweise seine Mutter:

»Hol einen Löffel.«

Tim flitzte in die Küche und brachte ihr einen Löffel. Dabei hatte er vielleicht nur »ol ei Löel« gehört. Doch die anderen Buchstaben las er von den Lippen ab. Das »n«, das »f« und natürlich auch die gehörten Laute »o« oder »l« konnte Tim als Mundbild deutlich sehen. Vielleicht, ja eigentlich ganz sicher, sprach seine Mutter instinktiv deutlich und langsam zu ihm.

Tim war beim Sprechen zurückgeblieben. Nur wenige Wörter sprach er. Also ermutigte Sabine ihren Sohn immer wieder zum Nachsprechen, aber leider mit wenig Erfolg. Erst als eine Gehörlosenlehrerin, die mit der Erziehung und Therapie Hörgeschädigter viel Erfahrung hatte, mit Tim vielfältige Hörtests machte, stellte sich heraus, dass sein Gehör beidseitig geschädigt war. Erleichterung auf der einen Seite, endlich eine Diagnose! Aber auch Unsicherheit auf der anderen. Das waren Sabines Gemütszustände.

»Wie sollte es nun weitergehen?«

Für Tim selbst waren die Hörtests wie abwechslungsreiches Spielen, die Spielanleitung deutlich und für ihn verständlich gesprochen und mit viel Anerkennung und Lob angereichert. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis sich für ihn die Welt der Geräusche, Töne und Laute wieder erschließen lassen konnte. Ein Aufenthalt in einer Klinik stand wieder an: Weil die Paukenröhrchen, die jeweils das Trommelfell offen hielten und der Belüftung des Mittelohres dienten, ausgetauscht werden mussten, konnte dort eine weitere, klärende Untersuchung während einer Narkose durchgeführt werden. Ein Raum voller Rechner, Elektroden an Tims kleinem Kopf, so wurde die Leistungsfähigkeit seiner beiden Innenohren gemessen. Ergebnis: Beidseitige Innenohrschwerhörigkeit!

Sabine, noch nie mit Begriffen wie Schwerhörigkeit, Gehörlosigkeit und Taubheit konfrontiert, erhielt hier wichtige Informationen:

»Ca. 21,5 % der Menschen über 14 Jahre in Deutschland sind hörgeschädigt.«

Tims Mutter konnte das gar nicht glauben:

»Woher kommt das?«

»Nun, das Gehör ist ein äußerst kompliziert arbeitendes Sinnesorgan: Schallwellen werden von den Ohrmuscheln eingefangen, bringen das Trommelfell zum Schwingen. Die drei Gehörknöchelchen leiten die Schallwellen weiter ins entsprechende Innenohr. Dort ertasten Haarzellen, die wiederum von Stützzellen abgestützt werden, die Schallwellen, die nun in der Schnecke wie Meereswellen weitergeleitet werden. Der Hörnerv schließlich leitet die Impulse weiter an das Gehirn, das die Höreindrücke verarbeitet.«

»Da wundere ich mich nicht, dass es in diesem komplizierten Hörorgan an irgendeiner Stelle zu einem Defekt kommen kann. Und wie geht es jetzt mit Tim weiter?«

»Tim hat noch ein Restgehör, das Hörgeräte verstärken können. In einer speziellen Schule mit angeschlossenem Kindergarten kann er gut gefördert werden und sprechen lernen. Deutsch wird also seine erste Fremdsprache werden!«

Bereits am Tag nach der Diagnose bekam Tim Besuch in der Klinik: Der Akustiker rührte eine Kunststoffmasse an, befestigte einen Faden daran und drückte diese Masse vorsichtig in Tims Gehörgänge. Während die Masse aushärtete, formte der Akustiker aus dem Rest einen kleinen Ball, sehr zur Freude von Tim, der diese Kunststoffmasse wie einen Flummi auf dem Tisch hüpfen ließ.

»Diese Abdrücke dienen dazu, Ohrpassstücke anzufertigen, die die jeweiligen Hörgeräte mit dem Körper verbinden. Um eine Rückkopplung zu vermeiden, muss das Ohrpassstück ganz dicht im Gehörgang sitzen.«