EINFÜHRUNG
Die Häfen von Hamburg und Miami um 2100
Hamburg, 2095, CO2 bei 780 ppm
Die Stadt sann über ihr Schicksal nach. Sie lag da wie ein riesiges Schlachtschiff, das sich, schwer getroffen, trotz des einströmenden Meeres immer noch über Wasser hält. Was es vor dem Versinken bewahrt, sind Pumpen, der Heldenmut der Menschen und eine Kraftanstrengung bis über den Rand der Erschöpfung hinaus. Ein Schiff, das im Sterben liegt, nicht nur, weil es zu sinken droht, sondern wegen all der Schäden, die das eindringende Wasser angerichtet hat. Der Treibstoff ist inzwischen limitiert und Strom steht nur noch zeitweise zur Verfügung. Die Nahrungsversorgung, der Verkehr und vor allem die Kommunikation brechen zusammen. Neue, verbindende Strukturen müssen dort geschaffen werden, wo nicht schon alles unwiederbringlich verloren ist.
Die Stadt Hamburg war geteilt. Sie bestand jetzt aus zwei Städten, getrennt durch steigendes Wasser, das aus zwei Richtungen kam. Die Elbe, die gewaltige Elbe, stieg regelmäßig über die Ufer, seit in den höher gelegenen Gebieten Europas kein Schnee mehr fiel, nicht einmal mehr auf den höchsten Erhebungen der Alpen. Früher hatte der Schnee das Wasser bis zum Frühling zurückgehalten. Jetzt schneite es nur noch während der extremen Stürme, die man gegen Ende des 20. Jahrhunderts, ihrer Seltenheit wegen, noch »Jahrhundertstürme« nannte. Funktional war die Elbe jetzt ein Arm der Nordsee geworden.
Im dritten und vierten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hatte man Deiche und Hafendämme für zwei Milliarden Euro gebaut und später noch um einige Meter erhöht – ein ungeheurer Kostenaufwand für den deutschen Finanzhaushalt. Sie waren aber nie bis zu dem Niveau fertiggestellt worden, wie man es in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts geplant hatte, damals, als man es noch nicht besser wusste. Im Jahr 2050 wurden die Dämme bereits regelmäßig von Sturmfluten überrollt, die an Gewalt zunahmen, weil der Meeresspiegel seit den 1990er Jahren um einen halben Meter gestiegen war, und jetzt, als das 22. Jahrhundert gerade heraufdämmerte, hatte er sich gegenüber 2050 noch einmal um fast einen Meter erhöht.
Schon vor langer Zeit war die E45 überschwemmt worden; die Köhlbrandbrücke, der Roßdamm und der Veddeler Damm bis nach Veddel hinein waren längst überflutet, von Cyanobakterien überwuchert und von Schutt bedeckt. Im Wasser tummelten sich die wenigen zählebigen Fischarten, die damit zurechtkamen, dass der Salzgehalt extrem variierte, je nachdem, ob das Wasser als Sturmflut vom Meer kam oder von der mächtig angeschwollenen Elbe. Darunter mischten sich Industriegifte, ausgewaschen aus dem Boden und den alten Abfallhalden am Flussufer, die man lange für sicher gehalten hatte. Meer und Fluss verhielten sich jetzt wie eifrige Archäologen: Sie spürten den Werken der Menschen auch noch weiter landeinwärts nach. Indem sich salziges Wasser immer weiter voranarbeitete, zerstörte es entlang der einst wunderschönen Spazierwege immer mehr Bäume und Sträucher. Außer den widerstandsfähigen Weiden säumten jetzt nur noch wenige Bäume die kurzlebige, sich ständig verändernde »Küste« des Wasserarms, der Hamburg in zwei Teile geteilt hatte und sich stetig verbreiterte.
Die Häuser der Reichen, die früher über einen großartigen Blick auf den Fluss geboten hatten und auch auf die zahlreichen Werften und Ladedocks in einem Hafen, der damals als einer der größten der Welt galt, beherbergten nun die ärmsten Bewohner Deutschlands: Tausende Klimaflüchtlinge, die durch den Meeresanstieg selbst obdachlos geworden waren oder weil sie ihre Jobs oder, noch schlimmer, ihre Ernährungsgrundlage verloren hatten. Teils kamen sie von den an den europäischen Küsten und Flüssen gelegenen ehemals reichen Bauernhöfen und landwirtschaftlichen Betrieben; teils waren es Flüchtlinge aus entfernteren Gegenden des globalen Südens, die ebenfalls von der Flut betroffen waren. Sie hatten am meisten gelitten und waren zugleich am wenigsten in der Lage, die teuren Deiche und Mauern zu bauen, auf deren Schutz sich die reicheren Länder so leichtfertig verlassen hatten.
Wenn es überhaupt irgendeinen Trost gab, dann den, dass – anders als die Ozeane – die menschliche Bevölkerung mittlerweile nicht mehr anstieg. Und so gab es weniger von den verletzlichsten menschlichen Wesen, die es zu ernähren galt: den Kindern.
Hamburg kennt sich eigentlich mit Flutkatastrophen aus, dank zweier traumatischer Flutereignisse innerhalb der letzten 60 Jahre. Das erste fand im Jahr 1962 statt, als eine Sturmflut elbaufwärts drückte und bis zu einem Fünftel der Kernstadt unter Wasser setzte. Das zweite ereignete sich 2017, vor wenigen Jahren, als der durch die globale Erwärmung hervorgerufene Sturm Sabine mit Wucht auf die Nordküste Deutschlands traf. Die Elbe stieg um fast drei Meter an, und kulturell bedeutende Teile der Stadt wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen – nicht zuletzt der berühmte Hamburger Fischmarkt. Hunderte Kilo fangfrischer wie tiefgekühlter Fisch wurden aus Regalen und Kisten gespült, um dann, als die Flut sich endlich zurückzog, ironischerweise wieder zurück in Richtung Meer zu schwimmen. Das hätte den Hamburger Fischliebhabern eine Warnung sein können. Aber sie reagierten doch wieder nur mit menschlicher Hybris, indem sie ihre Mauern einfach um zehn Meter höher bauten.
Natürlich waren die neuen Mauern nicht die einzige Anstrengung, die diese berühmte Stadt unternahm im Kampf gegen die steigende See, den brausenden Fluss und gegen den Druck, der sich von beiden Seiten her aufbaute. Es wurden ambitionierte neue Stadtquartiere gebaut, am eindrucksvollsten die Hafencity, wo ein auf einer Insel angelegtes altes Industriequartier für die Ansprüche der Moderne aufpoliert wurde, freilich unter Anwendung modernster Techniken und Verfahren, um eine erneute Zerstörung durch eine Flut in der Zukunft zu verhindern. Neue Hotels, Apartments, Wohnungen und Geschäftshäuser wurden so gebaut, dass sie in der Lage waren, einer Flutkatastrophe zu widerstehen. Zukunftstaugliche Vorleistungen, etwa eine schadstoffarme Energieversorgung, die modernsten Transportsysteme, ja sogar »Fluchtwege« hin zu höher gelegenen Gebäudebereichen und oberirdische Schutzvorrichtungen wurden geplant und in die ehrgeizige Verbesserung der Deiche im Wert von etwa einer halben Milliarde Euro integriert. All das bewies großen Erfindungsgeist und Voraussicht. Nur dass all das Geld, alle diese Aufwendungen am Ende in den Wind geschrieben waren.
Wie alle reichen Städte ist auch Hamburg abhängig vom Funktionieren seiner unterirdischen Infrastruktur. Die Flut wird keine Probleme haben, das aufzuspüren, was im Verlauf von Jahrzehnten geschaffen wurde, von der unterirdischen Stromversorgung über die Kanalisation bis hin zu den U-Bahnen. Leitungen, Gebäude und Mauern werden einem globalen Sterben zum Opfer fallen: dem Tod der großen Eisschilde, welche die Antarktis und Grönland seit Millionen von Jahren bedeckt halten.
1 Miami (oben) und Hamburg (unten) im Jahr 2050: Aufgrund des Anstiegs des Meeresspiegels werden die dunkelgrauen Flächen mutmaßlich unter Wasser stehen.
Ein überfluteter Planet
Wird das uralte Eis komplett verschwinden? Nein, das sicher nicht. Im Lauf der kommenden Jahrhunderte wird nur ein Bruchteil davon abschmelzen. Aber dieser Bruchteil wird ausreichen, um die Geschichte der Menschheit noch viel folgenreicher zu verändern als es die aktuelle Pandemie vermochte. Die Pandemie hatte Einfluss auf die Geschichte der Menschheit; die schmelzenden Eisschilde aber werden die globale biotische Geschichte verändern, wie auch die geologische Geschichte. Verändern wird sich auch die Art und Weise, wie man die Zeit anhand der fossilen Überlieferung misst. Denn was sich hier vollzieht, ist die Rückkehr zu einer Weltgeografie, die dem frühen, präglazialen Känozoikum verwandt ist, und das wird eine gewaltige Abfolge von Veränderungen mit sich bringen (selbst wenn es uns gelänge, das Schlimmste zu verhindern, wäre das Ergebnis immer noch eine neue Weltkarte mit einem größeren globalen Ozean). Das Einzige, was diese Entwicklung bremsen könnte, wäre die Reduzierung der globalen Emissionen von Treibhausgasen. Aber es gibt nur wenige Länder, in denen Menschen leben, die das Unheil nicht nur kommen sehen, sondern auch etwas dagegen unternehmen wollen. Die meisten werden faktisch von großen Konzernen regiert (wie die Vereinigten Staaten) oder von Despoten, manche auch von Armut.
Auf jeden Fall muss jetzt etwas geschehen. Wie man den Anstieg des Meeresspiegels und die zunehmenden Sturmfluten sowie den Treiber beider Phänomene, die steigende globale Temperatur (ihrerseits abhängig vom steigenden CO2-Pegel), in den Griff bekommen kann, ist hinlänglich bekannt. Die Lage ist vergleichbar mit der Pest. Damals ist es der Wissenschaft gelungen, die verursachenden Mikroben erst zu identifizieren, dann zu bekämpfen und schließlich zu vernichten; so wie das im 20. Jahrhundert bei so vielen globalen Seuchen gelang. Und jetzt, in diesem neuen Jahrhundert, in dem wir über weit bessere wissenschaftliche Instrumente verfügen als sie den Bezwingern von Polio, Pocken, Beulenpest, Trichinose, Skorbut oder Gelbfieber zur Verfügung standen – Bedrohungen, die im Zusammenspiel von Wissenschaft, Technik und Bildung besiegt werden konnten –, jetzt müssten wir der Herausforderung Klimawandel mit aller Macht entgegentreten. Aber stattdessen lässt man dem Klimawandel selbst und seiner ultimativen und vielleicht gefährlichsten Folgewirkung, dem Anstieg des Meeresspiegels, freien Lauf, sie geraten mehr und mehr außer Kontrolle. Aktuell bringt Corona die reichsten und mächtigsten Länder in Bedrängnis. Doch die Pandemie ist nichts im Vergleich zu dem, was der Klimawandel mit sich bringen wird.
2 Geologische Zeitskala des Phanerozoikums, des jüngsten Äons der Erdgeschichte. Es umfasst den Zeitraum von 541 Millionen Jahren vor heute bis zur Gegenwart.
Dieses Buch handelt vom künftigen Anstieg der Meere. Worauf er zurückzuführen ist, wissen wir. Es gibt nur zwei offene Fragen: Wie hoch werden die Ozeane steigen und wie schnell? Aber ganz gleich, ob wir den ersten vollen Meter im Jahr 2100 oder auch erst im Jahr 2200 (und nicht schon 2075 oder früher) erreichen, die Auswirkungen bleiben die gleichen. Sie sind bekannt und vorhersehbar, weil das Wasser auf unserem Planeten schon früher angestiegen ist, auch innerhalb der Lebenszeit unserer Spezies. Es sieht allerdings so aus, als ob in unserer Epoche das Ausmaß und die Geschwindigkeit des Anstiegs alles übertreffen wird, was die Menschheit, zumindest seit der Erfindung des Ackerbaus, je erlebt hat. Als Paläontologe, der sich von Berufs wegen mit den Auswirkungen steigender und fallender Meeresspiegel beschäftigt, wie sie sich in uralten, lange vor dem Auftreten der Menschen liegenden Zeiten manifestieren, weiß ich, dass wir hier nicht einfach nur spekulieren, indem wir in undurchsichtige Kristallkugeln schauen. Wir können aus der Vergangenheit ableiten, was in einer Zukunft, die wir selbst geschaffen haben, passieren kann. Die geologischen Belege halten für unsere Untersuchung eine reiche Historie bereit. Dieses Buch gründet auf der Tatsache, dass weite Teile der Erde auch früher schon und immer wieder überflutet wurden.
Einen Großteil dessen, was wir über den aktuellen Anstieg des Meeresspiegels wissen, verdanken wir Erkenntnissen, die wir über Anstieg und Rückgang des Meeres in sehr alter Zeit gewonnen haben. Jüngere Studien haben uns viel darüber erzählt, wie die Erde und das auf ihr entstandene Leben auf Veränderungen des Meeresspiegels und der Festlandsgeografie reagiert haben. Diese Veränderungen waren manchmal ein Segen für das Leben, aber bisweilen bewirkten sie auch genau das Gegenteil, im Extremfall Massenaussterben. Die Geschichte öffnet uns also eine Türe zu den Erkundungen, die wir in diesem Buch durchführen wollen.
Zu der Frage, wie wichtig und in welchen Fällen es sinnvoll ist, die Geschichte für die Betrachtung aktuellen und zukünftigen Handelns heranzuziehen, gibt es unterschiedliche Positionen, die oft im Widerspruch zueinander stehen. So heißt es zum Beispiel, dass diejenigen, die die Vergangenheit ignorieren, dazu verdammt sind, sie noch einmal zu durchleben. Man sagt aber auch, die Vergangenheit sei ein unbekanntes Land und als solches ein Ort, der für die Gegenwart keinerlei Bedeutung hat. Seit mehr als zwei Jahrhunderten gilt es allerdings als ein Grundprinzip der Geologie, das besagt, dass die Veränderungen, die in der Vergangenheit stattfanden, auf Prozesse zurückzuführen sind, die sich auch heute noch vollziehen. Dies nennt man das Prinzip des Uniformitarianismus (oder Aktualismus), erstmals von Charles Lyell festgeschrieben und dann von seinem Kollegen James Hutton, dem großen Gelehrten aus dem frühen 19. Jahrhundert, öffentlich vertreten. Das Prinzip besagt, dass wenn wir geologische Ereignisse der Vergangenheit nur anhand heute wirksamer physikalischer Prozesse verstehen können, dies auch in der Umkehrung gelten muss. Geht es also um Prozesse, die sich auf zu langsamen Zeitskalen vollziehen, als dass sie innerhalb der Lebensspanne eines Menschen beobachtet werden könnten, sind Informationen darüber nur aus der Vergangenheit zu gewinnen.
Die geologische Geschichte, so wie sie in Gesteinen unterschiedlicher Arten und Zeiten eingeschrieben ist, lehrt uns, dass sich der Meeresspiegel nur auf zweierlei Weise ändern kann. Zum einen infolge eines Anschwellens oder Schrumpfens der riesigen untermeerischen Bergketten, die sich in den tiefen Ozeanbecken befinden. Der Mittelatlantische Rücken ist so eine lange Reihe untermeerischer Vulkane, aus denen sich täglich heißes Magma auf den Meeresgrund ergießt. Dieses wird dann entweder nach Osten oder nach Westen transportiert, sodass sich Amerika und Europa stetig weiter voneinander entfernen. Aus unbekannten Gründen fluktuiert die Hitze, die diese Tausende Meilen lange Vulkankette begleitet, im Lauf der Millennien. Nimmt sie zu, schwillt die Kette an und verringert damit das Volumen des Beckens, das die Weltmeere enthält. Die Wassermenge bleibt die gleiche – nur das weltumspannende Gefäß, das diese Ozeane fasst, verändert seine Größe. Es ist wie mit einer Badewanne: legt man einen großen Ziegelstein hinein, steigt der Wasserspiegel. Umgekehrt, wenn die Hitze abnimmt, reduziert sich das Volumen der mittelozeanischen Rücken, und der Wasserspiegel sinkt weltweit. Die Veränderungsrate des Meeresspiegels, die sich aus diesem Prozess ergibt, ist extrem klein, weshalb Veränderungen von wenigen Metern Millionen von Jahren brauchen. Das ist sehr langsam, aber im Lauf der Zeit von Bedeutung.
Der zweite Mechanismus, der den Meeresspiegel ändert, vollzieht sich schneller. Er ergibt sich aus dem Anwachsen oder dem Abschmelzen kontinentaler Eisschilde. Wenn der Schnee, der in kalten Gegenden fällt, im Sommer nicht wieder abschmilzt, bilden sich Gletscher und in Extremfällen große Eisschilde. All das Wasser kommt letztendlich aus dem Meer, und so führt das Anwachsen des globalen Eisvolumens zum Absinken der Ozeane. Der Prozess funktioniert auch andersherum: schmelzendes Eis bewirkt ein Ansteigen des Meeresspiegels.
Lange vor der modernen Zeit, als die Menschen allmählich anfingen, eine eigene Rolle im Prozess des Klimawandels zu spielen, stiegen und sanken die Ozeane aufgrund ihrer eigenen, ausschließlich naturgegebenen Tendenzen. Beispiele für diese Vorgänge und Prozesse können wir an vielen Stellen auf unserem Planeten finden. Sehen wir uns zwei Beispiele genauer an: das eine liegt in North Dakota, einem Ort, der heute so weit vom Meer entfernt ist wie kaum ein anderer in Nordamerika. Ein Blick auf seine geologische Geschichte zeigt jedoch, dass dieser Teil des Planeten früher einmal alles andere als ein Binnenland war. Das zweite Beispiel, mit dem wir auch beginnen wollen, liegt in Süddeutschland, einen halben Globus weit von den North Dakota Badlands entfernt.
Der Posidonienschiefer
Von all den Arten prähistorischen Lebens, die den Kindern so gefallen, sind es die »Seeungeheuer« aus dem Zeitalter des Jura, die am meisten Bewunderung hervorrufen. Sie sind an vielen Orten in ganz Europa wunderbar erhalten geblieben, am spektakulärsten vielleicht in den Schwarzschiefern Südwestdeutschlands, der Nordschweiz und der Tschechischen Republik. Zugegeben, es sind keine Dinosaurier, aber doch immerhin riesige Ichthyosaurier oder Fischechsen. Die berühmtesten stammen aus den Steinbrüchen nahe der süddeutschen Gemeinde Holzmaden und gelten als die schönsten Exemplare ihrer Art. Sie sehen aus wie riesige Fische mit Schnäbeln oder wie Delphine mit großen Augen; die größten sind länger als zwanzig Meter (oder länger als der größte Orca) und können durchaus mit Pottwalen konkurrieren. Die meisten sind kleiner, etwa wie große Delphine, aber immer noch beeindruckende Tiere.
Dieser Steinbruch liefert prachtvolles Gestein für eine Vielfalt unterschiedlicher Anwendungsmöglichkeiten und verarbeitende Gewerbe, und es ist immer ein geschulter Wissenschaftler vor Ort, um die Fossilien zu bewerten, die bei den Arbeitsabläufen im Steinbruch zutage treten. Schiefer ist reich an organischem Material; er kann abgebaut und zur Ölgewinnung verarbeitet werden. Aber hier gilt die ganze Bewunderung den Fossilien. Es ist so unglaublich reichhaltig, was aus den dünnplattigen Schichten auftaucht; besonders bemerkenswert sind die schneckenartig aufgerollten Ammoniten, speisetellergroße Kopffüßer. Mit Sicherheit waren sie Beutetiere der Ichthyosaurier und der anderen großen Reptilien, die sich in dem weiten Binnenmeer herumtrieben, das diesen Teil Europas über lange Perioden des Mesozoikums, des Erdmittelalters, bedeckte, vor allem aber im Zeitalter des Jura.
Das Vorkommen dieses mächtigen Pakets dunkler Schiefer und Kalke ist ein starker Beweis dafür, dass der Meeresspiegel früher einmal höher war als heute. Sogar viel höher. Diese Schiefer können uns allerdings auch eine grausame Lektion erteilen, falls wir bereit sind, in ihnen zu lesen. Im Zeitabschnitt des Jura, der Toarcium genannt wird, wurden die Meere von einem »anoxischen Ereignis« heimgesucht. Die Ozeane litten (eventuell wegen des Ausfalls der thermohalinen Zirkulation) in tieferen Abschnitten an periodisch auftretendem Sauerstoffmangel – und unter der Bildung von toxischem Schwefelwasserstoff. In den heutigen Ozeanen werden sterbende oder tote Tiere sehr schnell in Stücke zerrissen, weshalb sie den Meeresboden oft gar nicht erreichen. Fleisch ist in marinen Ökosystemen ein unschätzbares Gut, weshalb sich eine Vielfalt an Tieren entwickelt hat, die die verendeten Tiere ausweiden. Dass die in Holzmaden gefundenen Fossilien so ausgezeichnet erhalten sind, ist ein Hinweis darauf, dass die toten Tiere, nachdem sie langsam vielleicht hundert Meter tief auf den schlammigen Boden des Jurameeres gesunken waren, völlig unbehelligt blieben. Über Jahrtausende wurden die Kadaver mit Sandkörnern und Schlamm bedeckt, Material, das aus den Landgebieten rund um den großen »European Interior Seaway« erodierte. Sie wurden mumifiziert, da auf dem Meeresgrund nicht einmal normale zersetzende Bakterien vorhanden waren; denn ein Großteil dieses Meeres war frei von Sauerstoff – so wie heute das Schwarze Meer, nur viel ausgedehnter. An der Oberfläche gab es eine geringmächtige Schicht sauerstoffreichen Wassers, die sich ein ganzes Stück nach unten ausdehnte, und genau in dieser Oberflächenzone lebten die Ammoniten, die Ichthyosaurier und die vielen Fischarten. Darunter herrschte Sauerstoffmangel. Ein geschichteter Ozean. Ein Ozean, der von einer Welt geschaffen war, deren Atmosphäre weniger Sauerstoff enthielt als die unsrige, aber mit mindestens 2.000 ppm erheblich mehr Kohlendioxid. Außerdem wies er Temperaturen auf, die im globalen Mittel um drei bis fünf Grad Celsius höher lagen als heute. Eine Erde ohne Eiskappen, mit wenig Wind und schwachen oder sehr schwachen Meeresströmungen. Es war eine erstickte Welt, ein Ort, an dem es wahrscheinlich weniger Leben gab als heute. Der Meeresspiegel lag um mehr als 150 Meter höher. Ist das das Schicksal, das Europa und die Welt bald wieder erwartet, wenn wir mit der Treibhausgasproduktion so weitermachen wie bisher?
3 Zur Zeit des Jura waren weite Teile Mitteleuropas vom Meer überflutet. Im Unterjura (vor ca. 200 bis 175 Mio. Jahren) machte der »Fischsaurier« Temnodontosaurus die oberen Bereiche der Meere unsicher, weite Teile des tieferen Ozeans waren sauerstoffarme »Todeszonen«.
Miami, Florida, 2120 n. Chr., CO2 bei 800 ppm
Anders als Hamburg, das nach wie vor mit Kompetenz und deutscher Effizienz verwaltet wurde, war Miami zu einer chaotischen Stadt geworden. Die Entwicklung verlief rasant und nahm schon bald nach der ersten der Pandemien des frühen 21. Jahrhunderts, der Covid-Katastrophe, an Fahrt auf. Grund war zunächst die Krankheit selbst, dann kamen aber auch die anhaltenden inneren Unruhen dazu, beziehungsweise die »Rassenunruhen«, wie sie die rechtsgerichtete Regierung Floridas bezeichnete. Die Stadt war jetzt auch geografisch eine Insel, so wie sie das die längste Zeit ihrer Geschichte im sozioökonomischen Sinne gewesen war. Die Reichen lebten an der Küste und die darbende Unterschicht, im wesentlichen Menschen afroamerikanischer und hispanischer Herkunft, im brütend heißen Landesinneren. Alle die einst so glänzenden Villen und Südküstenhotels waren inzwischen aufgegeben worden, waren zu Betonruinen geworden, zurückgelassen von Wirbelstürmen, die jährlich die Küstenlinie heimsuchten, so häufig, dass man ihnen nicht einmal mehr Namen gab. Die ehemalige Küste wurde von neuen Korallenriffen besiedelt, die Meeresflora und -fauna folgte dem Meer ins Landesinnere. Die Reichen, die nicht aus diesem Staat, der an der tiefsten Stelle von ganz Amerika liegt, geflohen waren, schlugen sich jetzt um die ehemaligen Armenviertel innerhalb des neuen Küstengürtels. Sie wurden zur Domäne derer, die sich das etwas höher gelegene Land leisten konnten. Was die Florida Keys betrifft, so überließ man sie weitgehend dem Drogenhandel – und den Armen und Bedürftigen.
Während Richtung Norden noch eine Verbindung zu der riesigen Halbinsel bestand, die einst Florida gewesen war, hatte die Überschwemmung alle Straßen- und Schienenverbindungen unterbrochen, der Flughafen hatte sich in einen riesigen See verwandelt. Und dies alles, weil der Wasserspiegel der Weltmeere um »nur« zwei Meter angestiegen war. Der Grund für diese enorme geografische Veränderung – die jeden Schulatlas obsolet machte – war leicht zu erkennen: Grönland hatte einen Teil seiner Eisdecke verloren.
Mittlerweile war das Wasser so hoch gestiegen, dass Hilfsmaßnahmen enorme Summen erforderten. Die bedrängte Regierung der Vereinigten Staaten konnte nicht mehr die notwendigen Mittel aufbringen, um die versunkene Metropole gegen die Drogenbosse und ihre Leute zu verteidigen, die nach jahrzehntelangem wirtschaftlichen Chaos, sozialer Vertreibung und politischem Zusammenbruch an die Macht gekommen waren. Amerika befand sich in einer Triage-Situation. Die Führer der Nation hatten zu entscheiden, für welche amerikanischen Küstenstädte sie kämpfen wollten und welche man den steigenden Wassermassen zu überlassen hatte. Miami schaffte es nicht auf die Liste.
Die Natur hielt die versinkende Stadt gleichsam im Belagerungszustand. Die Bundesregierung konnte es sich schlichtweg nicht leisten, sie zu retten. Ein zu hoher Anteil des Bruttoinlandprodukts der USA hätte aufgebracht werden müssen, um Deichanlagen für diejenigen städtischen Gebiete an den Küsten im Osten und Westen zu errichten, die noch nicht so stark von den gnadenlos übergriffigen Wassermassen betroffen waren. Miami teilte sein Schicksal mit den Städten New Orleans oder Galveston, die man dem Meer überließ und damit auch den Banden, die im nachfolgenden Chaos überall auftauchten. Miami stand unter keiner Flagge mehr, es war (wie Miami Beach beziehungsweise das schmale Band, das davon noch übrig war) ein merkwürdiges neues Gebilde geworden, eine Variante der alten griechischen Stadtstaaten – aber mit seinen ganz eigenen Problemen.
Alljährlich aufgepeitscht durch verheerende Wirbelstürme und die sich hoch auftürmenden Sturmfluten, hatte das Meer Miami in den vergangenen hundert Jahren gravierend verändert. Die Geografie der Stadt war nun eine ganz andere als noch in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Nach Osten hin war Miami Beach in der Ausdehnung stark reduziert: Collins Avenue südlich Washington Avenue befand sich noch auf festem Boden, aber das Gelände war vollkommen geräumt. Bei Wirbelstürmen fegten die Sturmfluten nun regelmäßig über die gesamte schmale Insel. Die fünf wichtigsten Brücken der Kernstadt waren allesamt zerstört, Key Biscayne war über den Rickenbacker Causeway nicht mehr erreichbar und ebenso isoliert.
Auf der anderen Seite des einstigen Stadtzentrums war West Miami der letzte trockene Bereich vor den gigantischen Salzsümpfen, welche die Stadt von Westen her bedrängten. Miami war de facto eine Insel geworden. Miami International war längst verschwunden (wenn auch die Startbahnen aus der Luft noch zu erkennen waren, direkt unter dem klaren Wasser des Sees), überflutet von Lake Joanne und Blue Lagoon, die sich, parallel zum alten Dolphin Expressway, ausgedehnt hatten. Lehigh Lake vergrößerte sich in Richtung Nordosten, um sich mit den Seen im Amelia-Earhart-Park zu vereinen und ein großes Brackwasser zu bilden, zu salzhaltig für an Süßwasser angepasstes Leben, nicht salzig genug für Salzwasserorganismen. Die Weston Hills waren der einzige trockene Teil im Nordwesten der Stadt.
Miamis vordringliches Problem war Frischwasser. Der steigende Meeresspiegel hatte zur Folge, dass die Stadt im Jahr 2100 über nichts mehr verfügte, was als eine städtische Frischwasserversorgung und Abwasserentsorgung gelten konnte. Den Menschen blieb nichts anderes übrig, als auf andere Methoden zurückzugreifen. Swimming Pools wurden zu privaten Frischwasserbehältern, wobei die Häuser jeweils auf eine Kombination aus Solarenergie und Regenwasserkollektoren setzten, um im Pool Regenwasser zu speichern und dieses dann in die Häuser zu pumpen. Kläranlagen funktionierten im wassergesättigten Boden nur noch selten; entsprechend verfügte jedes Haus über ein Plumpsklo im Freien. An warmen Nachmittagen war die Luft verpestet vom Gestank tausender Tonnen unbehandelter menschlicher Ausscheidungen. Während die Anstrengungen, das Land gegen die steigende See des späten 21. Jahrhunderts zu verteidigen, durchaus heroische Züge trugen, führten extrem hohe Kosten, die zur Aufrechterhaltung eines halbwegs funktionierenden Wasserversorgungssystems nötig waren, in den Bankrott. Die Stadt konnte den Kampf gegen das Salzwasser, das in die Grundwasserspeicher hineindrückte, nicht gewinnen.
Eine vergleichsweise unbedeutende wirtschaftliche Entscheidung zerstörte das gesamte ökonomische Gleichgewicht der Region: die Streichung der Hausversicherung in Süd-Florida im Jahr 2073, im Gefolge der extrem hohen Sterbefallzahlen und der Schäden in Milliardenhöhe durch Hurrikan George. Hausbesitzer, die über liquides Kapital verfügten (Gold war mittlerweile die bevorzugte Währung zu 4.500 Dollar die Unze), kehrten dem Staat den Rücken (und sorgten anderswo für einen Aufschwung). Diejenigen aber (und das waren die meisten), die ihr gesamtes Kapital in ihre nun wertlos gewordenen Häuser investiert hatten, blieben und beteten oder versuchten anderswo Arbeit zu finden, und das inmitten einer nationalen Depression, die das Land lähmte. Allein der Kampf um New York hatte den Staats- und Verteidigungshaushalt so stark belastet, dass sich die Vereinigten Staaten vollständig aus ihren Stützpunkten im Ausland zurückziehen mussten, ihren Verpflichtungen aus der Sozialversicherung nicht mehr nachkommen konnten und ihr kurzlebiges nationales Gesundheitssystem aufgaben. Miami seinem Schicksal zu überlassen, war eine ebenso harte wie logische und bewusste Entscheidung – es sollte nicht die letzte Preisgabe dieser Art sein.
Da und dort waren die reichen Villen von Key Biscayne und in anderen wohlhabenden Wohnvierteln immer noch so etwas wie Luxuspaläste für diejenigen, die ihr Vermögen retten konnten. Wie überall war es auch hier entscheidend, ob man genug Geld hatte – selbst in dieser ertrinkenden Stadt. Da es aber keine Mittelklasse mehr gab, die Polizeikräfte oder eine andere Art kommunaler Präsenz am Leben erhielt, mussten die Begüterten, die vor Ort blieben, sich fortan selbst verteidigen. Noch flossen genügend Geldströme durch Miami, die es der Stadt ermöglichten, eine Art Wirtschaft am Laufen zu halten. Ein Großteil des Geldes kam allerdings über illegale Produkte ins Land, die weite Teile Lateinamerikas mittlerweile dominierten: über Drogen. Die wertvollen Kokasträucher bedeckten inzwischen riesige Gebiete, und Miami war einer der Haupteinfuhrhäfen. Die hiesige Polizei hatte irgendwann vor den gleichen Realitäten kapituliert, die im frühen 21. Jahrhundert die mächtigen kommunalen Polizeikräfte in Südamerika und Mexiko in die Knie gezwungen hatten – es gab schlicht zu viel Geld und zu viele gut bewaffnete Söldner im Dienst der Kartelle. Den Florida Keys ging es noch schlechter. Die Inseln verloren allesamt an Umfang, und ein langer Abschnitt der Straße, die Key West mit dem Festland verband, war unterspült und eingestürzt; Bundesmittel zu ihrer Wiederherstellung standen nicht mehr zur Verfügung. Key West wurde wieder, was es einstmals war, ein Schlupfwinkel für Seeleute und Schmuggler.
4 Tropische Wirbelstürme benötigen zu ihrer Entstehung warmes Wasser. Mit steigenden (Meeres-)Temperaturen treten Hurrikane (Atlantik) und Taifune (Asien) nicht nur häufiger auf, ihre Zerstörungskraft wird ebenfalls zunehmen.
Ackerbau war in Südflorida gar nicht mehr möglich. Dafür sorgte allein schon der steigende Salzgehalt im Boden. Die vielleicht größte Veränderung in der ganzen Region vollzog sich westlich von Miami. Auf Bildern, die die wenigen noch funktionierenden Satelliten zur Erde sandten (Cape Canaveral war bei dem großen Hurrikan von 2045 dem Erdboden gleichgemacht worden), konnte man den großen braun-schwarzen Schmutzfleck sehen, der einmal die Everglades gewesen war. Das scheinbar endlose grüne Naturparadies existierte nicht mehr, es war eines der ersten Opfer des steigenden Meeres geworden. Die Süßwasserpflanzen starben zuerst ab. Die Man-groven, die sie teilweise ersetzten, waren noch zu jung, um einen deutlichen grünen Abdruck innerhalb der Masse toter Vegetation zu hinterlassen. Dieser Wandel war derart fundamental, dass das Niveau des Luftsauerstoffs über Florida gesunken war, nicht stark, aber doch messbar – wie in anderen tief liegenden Regionen der Erde auch: die Mündungsgebiete von Amazonas, Nil, Mekong oder Ganges verloren ihre Vegetationsdecke und damit einen erheblichen Anteil der Lebewesen, die Sauerstoff produzierten.
Im Jahr 2120 war das Meer in Südflorida »nur« um zwei Meter angestiegen. Aber der Anstieg beschleunigte sich. Miami war dazu bestimmt, nicht länger als Stadt zu existieren.
Prärie unter Wasser
Es ist nicht nur das Europa des Jura, das Unmengen spektakulärer mariner Fossilien hinterließ. Nahe der Grenze zwischen den US-Bundesstaaten North Dakota und Montana wird die heutige Landschaft vor allem aus ehemaligen Meeresböden aufgebaut – getrennt durch eine Sedimentschicht, die von Flüssen abgelagert wurde. Das Land ist von eigenartiger, kahler Schönheit. Wenn die Sonne auf- oder untergeht, überziehen sich Sandstein und Tonschiefer, Tafelberge und Schichtstufen mit Flecken in unterschiedlichen Brauntönen, die in der Sonne zu leuchten scheinen. Fossilien und Gesteinsmerkmale zeigen uns, dass die heller gefärbten Schichten entlang dicht bewachsener Flusstäler abgelagert wurden, gegen Ende der Kreidezeit, vor 68 bis 66 Millionen Jahren. In diesem Gestein wurde Tyrannosaurus Rex, das wohl berühmteste Fossil der Welt, gefunden, aber auch pflanzenfressende Dinosaurier, seine Beutetiere.
Stratigrafisch über und unter den Flusssedimenten zeigt sich ein veränderter Fossilinhalt. Aber auch das sie umgebende Gestein sieht anders aus. Viel dunkler gefärbt stellen diese Sedimentschichten keine Flussablagerung dar, sondern Ablagerungen eines Meeres, das sich dort ausbreitete, wo vorher Land gewesen war. Die Fossilien dieser dunklen Schichten sind ähnlich spektakulär wie die von Holzmaden. Am häufigsten finden sich die wunderschön irisierenden, versteinerten Schalen der Ammoniten, mittlerweile längst ausgestorbener Kopffüßer, deren nächster noch lebender Verwandter das Gemeine Perlboot des tropischen Pazifik ist. Wie eine Nautilusschale aus heutiger Zeit schimmern diese fossilen Ammoniten beim Ausgraben in der Sonne. Das ist aber noch nicht alles. Unter den Molluskenschalen finden sich die seltenen Knochen von riesenhaften Meeresechsen wie auch des größten Krokodils aller Zeiten – eines Ungeheuers namens Deinosuchus, das mit den Mosasauriern um Nahrung konkurriert haben muss, vielleicht auch um Brutplätze. Als Meeresbewohner mussten sie sich auf in Flossen verwandelten Beinen mühsam an Land schleppen, um ihre kostbaren Eier abzulegen, und dabei ständig auf der Hut sein vor den räuberischen Tyrannosauriern.
Diese ehemaligen Meeresböden haben eine sehr tiefgreifende Botschaft für uns: Was heute weitab des Meeres, tief im Landesinneren liegt, war einmal ein flacher Ozean. Er war Teil des großen Western Interior Seaway, eines breiten Seitenarms des Weltmeeres, der während der Oberkreide und darüber hinaus existierte. Die alten Schichten erzählen uns, dass diese Meeresstraße kein statisches Gebilde war: Ihr Wasser stieg und fiel, so wie der Spiegel des globalen Ozeans stieg und fiel. Die Dinosaurierbetten des großen amerikanischen Westens, die unter festländischen Bedingungen abgelagert wurden, liegen auf den Überresten eines großen Binnenmeeres, das vor etwa 100 Millionen Jahren entstand – und zwar aufgrund eines Anstiegs des Meeresspiegels. In diesem Fall war es keine Eisschmelze, die das Wasser steigen ließ, sondern jener Volumenrückgang der Meeresbecken, der oben beschrieben wurde. Bei seinem Höchststand in der Kreidezeit war das nordamerikanische Binnenmeer hunderte Meter tief und hunderte Kilometer breit. Es trennte das östliche Nordamerika von seinen westlichen Bereichen und teilte den Kontinent in zwei Landmassen. Das Meer stieg und sank, aber das geschah extrem langsam und benötigte Hunderttausende von Jahren, um seine oszillierende Geschichte zu entfalten. Die letzte Entwässerung, welche die Geografie dieses Landstriches schuf, fand vor zig Millionen Jahren statt.
5 Die Badlands des Makoshika State Parks sind Teil der sogenannten Hell-Creek-Formation, die sich vor 67 bis 65 Millionen Jahren bildete. Die Sedimente gehören zu den bedeutendsten Fundstellen für Dinosaurierfossilien weltweit.
Zwei Riffe in Florida
Es gibt aber noch eine andere Stelle auf der Erde, die uns nicht nur zeigt, dass die Veränderung des Meeresspiegels gewaltig sein kann, sondern auch, dass eine solche Veränderung, wenn man sie mit jenen urzeitlichen steinernen Betten in North Dakota vergleicht, möglicherweise sehr schnell geschieht. Der Ort, der uns eine solche Geschichte erzählt, ist heute ein kleiner Steinbruch, gut versteckt auf einer der berühmten Inselketten im südlichen Florida – den Florida Keys.