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Der lebendige Austausch über gesellschaftlich und politisch relevante Themen ist für eine Demokratie maßgebend. Deshalb liegt dem Frieling-Verlag Berlin ein offener und engagierter Dialog zu den richtungsweisenden Themen unserer Zeit am Herzen. In dem Sammelband "Die großen Themen unserer Zeit · Beobachtungen, Analysen, Positionen" beziehen Autorinnen und Autoren zu aktuellen Fragen Stellung und diskutieren ihre Beobachtungen zum Zustand der Welt und ihrer direkten Umgebung. Dabei werden bewusst auch kontroverse Sichtweisen veröffentlicht. Der vorliegende Band umfasst auch Beiträge zum Schwerpunktthema "Wie wollen wir leben?".
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Seitenzahl: 282
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Was die geneigten Leser vorab wissen sollten:
Wir geben unseren Autoren die Freiheit, selbst über den Gebrauch von alter, neuer oder Schweizer Rechtschreibung zu entscheiden, daher variiert auch die Schreibweise in dieser Anthologie.
Vorwort des Herausgebers
Velibor Baćo
Die schönste aller Welten
Christian Barsch
Nachtgedanken
Adriaan Bekman
Wir öffnen Türen für das, was verloren gegangen ist
Eva-Marie Brodheim-Egbuna
HORROR – keine Science-Fiction
FRAUENTAG? – „Keiner braucht diesen“
Diethelm Max Bubbel
Philosophieren über „LEBEN“
Klaus Butenschön
Remember: Bakunin, Staatlichkeit und Anarchie und andere Schriften.
Alte Freunde
Der Mond
Eine Wanderung, ein Zwerg und eine Eiche.
Frank Delonie
Promiparty
Zeit zum Umdenken
Horst Denzin
Gesetze zum Leben
Regina Franziska Fischer
70. GEBURTSTAG der AUTORIN
GLÜCKLICHE JAHRE – GESICHT ZEIGEN
FRÜHLINGSWEHEN
GRÖSSENORDNUNGEN IN DIESER WELT
MENSCHWERDUNG DER KLERIKER
Schwerer Abschied in der Pandemie
LEIDEN UND STERBEN VON CORONA-PATIENTEN
GURGELWASSER gegen Corona-Infektion als Vorsichtsmaßnahme
URKUNDE – NÄCHSTLIEBENDER ENGEL
OSTERN BEDEUTET AUFERSTEHUNG
Sterbefälle auf Höchststand
Lebensfreude
Paul Friedrich
Bewährungsprobe
GFG – Gemeinschaft für Frieden und Gerechtigkeit
Wie wollen wir leben?
Peter Kleine
Sakristeiwanze – Lagernummer 25338
Hansjörg Kuppardt
Frieden
Aufruf
Brauchen wir Bomben?
Schützt unsere Kinder
Kinderhunger
Wir werden es schaffen
Wir kämpfen alle
Harmonie muß sein
80 Jahre alt, mein Lebenscredo
Ein neuer Tag
Zufrieden sein
Lebensfreude
Waldspaziergang
Am Morgen
Walter Lück
Gott neu denken
Ein einführendes Beispiel
Adrian Lusink
Medien-Kritik
Sterbende Evolutionstheorie?
Abfall
Angst vor Sterben und Tod
Psychoanalyse
Die Welt
Nicole Marquardt
Zeitgedanken
Günther Melchert
Hilfen für die Dritte Welt
Wie sollen wir leben?
Sport und Politik im Nationalsozialismus
Walter Neukom
Einsamkeit
Leben heute und morgen in der Coronapandemie
Wenn es dunkel wird in mir
Rolf von Pander
Idee Waldschule
Idee Waldgottesdienst
Feldberg – Klima – Gedanken
Ein mathematischer Kompaß als Orientierungshilfe
Was wäre gewesen, wenn …
Regina Rausch, auch Elisabeth III.
Was die Corona-Pandemie mit uns macht
Adelheid Schmidt
Ins lebendige Leben kommen!
Oskar Schmitt
Widmung an das „Kernchen“
Samira Schogofa
Machtwort
Martin Schröder
Die Vielfältigkeit der Liebe
NÄCHSTENLIEBE
Heimatliebe ist normal, kein schwieriges Gefühl
Heimat ist MENSCHENRECHT
Liebloses Opfergedenken
Roswitha Charlotte Schwenk
vom Ich zum Wir
Dahee Tem
Der Hochzeitstanz 2021
Modetrends 20/21
Barbara Vogler
Dosis
Aphorismen
Inna Zagrajewski
„Hab die Hoffnung“
Was ist am wichtigsten in dieser Zeit?
Autorenspiegel
Der Frieling-Verlag folgt mit der Herausgabe seiner Anthologien einer langjährigen Tradition; der diesjährige Band unter dem unveränderten Titel „Die großen Themen unserer Zeit – Autoren im Dialog“ ist bereits die 29. Ausgabe. Die Sammlung ausgewählter literarischer Texte verschiedener Autoren gibt auch dieses Mal einen tiefen Einblick in deren breit gefächerte schöpferische Tätigkeit.
Das Leben geht weiter, auch im bereits zweiten Jahr mit „Corona“, wenn zugleich oft anders als gedacht. Vielleicht bringt gerade die größere Isolation Menschen zu tiefgründigerem Nachdenken über das Leben, das einerseits wundervoll, andererseits sehr schmerzhaft sein kann. Und für die Leser dieser Anthologie ist es schön, dass aus diesem Nachdenken inspirierende Texte entstanden, die wiederum zum eigenen Nachsinnen anregen.
Im Mittelpunkt aller Beiträge stehen existenzielle Fragen; sie betreffen Veränderungen der Welt global und sehr persönlich, verweisen auf Missstände, erklären Gesellschaft, setzen sich mit Geschichte ebenso auseinander wie mit Fragen des Glaubens und der Existenz Gottes.
Hermann Hesses Zeilen aus dem Gedicht „Stufen“: „Und jedem neuen Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“, mögen Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf das neue Jahr einstimmen, nachdem Sie sich mit Ihren Fragen, Problemen und Ansichten in dem einen oder anderen Text wiedergefunden haben.
Dr. Willi Sippel alias Paul Friedrich
Die schönste aller Welten
Ist der Begriff Seelenheimat überhaupt erfassbar? Teilen alle Menschen Gemeinsamkeiten, die den Begriff Seelenheimat ausmachen? Ist der Autor überhaupt befähigt, Antworten auf diese Fragen zu geben? Als Kind zum Kriegsflüchtling geworden, das, was man als Zuhause kannte, verloren, unzählige Ortswechsel und Umzüge, stets ein neues Umfeld, Kulturen, Sprachen und ihre Menschen. Entwickelt sich eine Seelenheimat nicht erst durch jahrelange Erfahrungen an einem Ort, das Erlernen aller Nuancen und Facetten eines bestimmten Ortes? Sind es nicht diejenigen, die ein Leben lang nur an einem Ort gelebt haben, die verstehen, was Seelenheimat bedeutet, und danach leben? Oder muss man ein Weltreisender gewesen sein, stets von Ort zu Ort eilend, um zu erkennen, was Seelenheimat ist? Oder muss man die Seelenheimat erst verlieren, um zu wissen, dass man sie hatte und was sie ist und was sie ausmacht?
Der Begriff Seelenheimat ist höchst individuell, genau wie jeder Mensch. Selbst bei Betrachtung eines einzelnen Menschen ändert sich der Begriff im Laufe des Lebens. Ist man in der Kindheit noch stark an die elterliche Nähe gebunden und somit dort beheimatet, wo die Bezugspersonen gerade sind, so wird man mit zunehmendem Alter und Individualisierung bzw. Entwicklung der eigenen Persönlichkeit immer mehr durch eigene Erlebnisse und Sehnsüchte geprägte Heimatbegriffe finden.
Seelenheimat ist ein Empfinden, das Gefühl, an einem bestimmten Ort hinzuzugehören, angekommen zu sein. An einem solchen Ort verfliegt das Gefühl, etwas verpassen zu können. Für die meisten Menschen ist es auch der Ort, an dem ihre Familie angesiedelt ist, auch das Netzwerk an Freunden aus jüngster Kindheit, die über die Jahre eine starke Verbundenheit mit einem Ort bewirken. Für andere kann es gerade die Abgeschiedenheit und die Distanz zu menschlichen Kontakten sein, die gerade die Seele zur Ruhe finden lassen. Es kann der einzigartige Dialekt einer Region sein, der nur dort gesprochen wird, der einem ein besonderes Gefühl der Zugehörigkeit durch Abgrenzung verschafft. Nicht selten sind es die umgebenden Naturschönheiten, die den Menschen tief berühren und sesshaft werden lassen. Zuletzt trifft man auch die typischen Stadtmenschen an, die in der kulturellen und menschlichen Vielfalt und den Möglichkeiten einer Großstadt vollkommen aufgehen und sich mit einem solchen Ort identifizieren.
Ein ganzes Leben lang kann man an einem Ort verbringen, ohne je Seelenheimat gefunden zu haben. Viele Menschen verwechseln den Begriff der Seelenheimat mit der Angst vor Veränderungen, die sie an einem Ort für zu lange verharren lässt. Finanzielle Notwendigkeiten lassen uns oft der Sicherheit den Vorzug geben vor der Selbstverwirklichung. Andererseits kann es einen sogar zu einem Ort hinziehen, an dem man gerade erst zum ersten Mal angekommen ist. Die frische Meerluft und der Wind des Nordens oder lange warme Nächte des Südens lassen Menschen oft erkennen, wonach sie sich jahrelang gesehnt haben.
Manch einer sehnt sich nach materieller Sicherheit, der Deckung der Grundbedürfnisse, um zur seelischen Heimat zu gelangen. Andere haben alles, was sie sich wünschen und wünschen könnten, und noch viel mehr als das, und dennoch sind sie wie Getriebene, wie Fremde im eigenen Zuhause. Erstere stechen durch Bescheidenheit im Anspruch hervor, während letztere durch ein Verlangen nach mehr stets nach neuen Errungenschaften streben. Während erstere eine möglichst stabile und unveränderte Umwelt anstreben, haben letztere gerade in der steten Veränderung ihren Lebensstil entdeckt. Die Seelenheimat kann also durch die statische Umgebung seit Kindheitstagen definiert sein oder überhaupt nicht an einen bestimmten Ort gebunden sein, sondern ein Prozess, eine stetige Veränderung.
Die Seelenheimat kann aber nichts Äußerliches sein, kein Ort an sich, sondern nur das Gefühl, das eine bestimmte Umgebung in uns auslöst. Dieses Gefühl muss aber nicht durch einen Ort ausgelöst werden, es können auch Menschen sein, die dieses Gefühl in uns auslösen und die wir mit einem Ort in Verbindung bringen. Es kann auch ein aus uns selbst entstehendes Gefühl sein, etwa durch Meditation, durch das wir uns von üblichen Anhaftungen loslösen und die Seelenheimat in uns selbst finden.
Räumlich definiert ist die Seelenheimat eine Projektion des Zusammenspiels von Raum, Zeit und unseren Sehnsüchten, Ängsten und Befindlichkeiten auf einen bestimmten Ort/Raum und eine bestimmte Zeit.
Universell definiert ist die Seelenheimat das Ende einer Suche, das Loslassen von Sehnsüchten, Anhaftungen oder Ideen. Seelenheimat bedeuten Ankommen im Hier und Jetzt, in der Realität. Die dem Autor einzig bekannte Realität ist im letzten Satz dieser Überlegungen zu finden.
Wie kam der Autor zu seiner Erkenntnis?
Was einem Heranwachsenden noch als die perfekte Landidylle erscheint, ändert sich oft bereits mit dem Beginn eines Hochschulstudiums. Gesagt wird, es sei nicht mehr dasselbe, an diesem Ort zu leben, vergessen wird aber: Man selbst ist nicht mehr der- oder dieselbe.
Aber was ist es nun, das uns dazu bringt, uns zugehörig zu fühlen an einem bestimmten Ort?
Nach Jahren des Lebens in einem zunächst fremden Land erleben viele Kriegsvertriebene und Kriegsflüchtlinge bei der erstmaligen Rückkehr in die frühere Heimat Verwunderung. Im Herzen und in der Seele war die alte Heimat über Jahre konserviert und weiterhin am Leben. Die schönen Kindheitserinnerungen, die schönen Momente im Leben wie die erste Liebe, Erlebnisse in der Schulzeit, Erfolge im Arbeitsleben, all das lebt ins uns weiter, solange wir die Sprache der Heimat weiterhin verwenden und uns zurückerinnern (können). Bei der Ankunft muss man jedoch feststellen, dass ein solcher Ort nicht mehr existiert. Die Natur, teils die Gebäude, ja sogar die Erinnerungen an die Kindheit sind alle noch da. Aber dennoch muss man erkennen und sich eingestehen, es fehlt etwas.
Erst bei der Rückkehr in die neue Heimat wird es einem bewusst: Es sind die Menschen, die uns lieb sind, sie sind nicht mehr dort. Oft wird man auch bei der Rückkehr in die neue Heimat von einem Gefühl der Rückkehr überrascht, das man eigentlich bei der Ankunft in der alten Heimat erwartet hat und das sich nie wieder eingestellt hat. Plötzlich werden die schönen Kindheitserinnerungen, die einen mit einem Ort verbinden, zu einer unerträglichen Last der Seele. Man erkennt es, es sind nicht die Gebäude, die Wälder, Wiesen und Berge, die die Seelenheimat ausmachen, es sind die Menschen und Beziehungen und die damit verbundenen Gefühle, die einen Ort zur Seelenheimat werden lassen. Und das Gefühl, dass diese Orte, diese Zeit für immer verschwunden sind, nie wieder zurückkehren werden, lässt schöne Kindheitserinnerungen zu traurigen Denkmälern des nicht mehr Existenten werden.
Viele auf diese Art und Weise entwurzelte Menschen schaffen es lange Zeit nicht, in der neuen Heimat anzukommen, können aber auch die alte Heimat nicht mehr wiederfinden. Diese Phase der Liminalität dauert bei jedem Menschen unterschiedlich lange an, für manche endet sie nie. Sie bleiben Gefangene ihrer Erinnerungen und Sehnsucht, ohne sie jemals verwirklichen zu können. In der Hoffnung, in eine alte, in eine vergangene Zeit zurückkehren zu können, wird das gesamte hart Ersparte dazu verwendet, Häuser in der alten Heimat zu bauen, für die eigene Rente oder für die Kinder, die eines Tages wieder zurückkehren würden. Verkannt wird, dass die Kinder bereits in der neuen Heimat angekommen sind, diese oft als ihre einzige Heimat erlernt haben und somit nie an eine „Rückkehr“ in ein fremdes Land denken würden. Manche ziehen den Plan bis zum bitteren Ende durch und kehren tatsächlich in die viel zu großen, halb leeren Häuser zurück, nur um zu erkennen, dass sie ohne ihre Kinder in der alten Heimat überhaupt keinen Lebenssinn empfinden. Ein Leben der Aufopferung und des Verzichts findet in der Erkenntnis ein bitteres Ende, dass all die Häuser nichts wert sind, wenn sie leer bleiben, wenn niemand in ihnen lacht und keine Kinder und Enkel durch die Gänge toben.
Die, die den Weg „zurück“ nicht gehen, treffen in der neuen Heimat auf eine große Hürde.
Jede Sprache, die man spricht, die Worte, Erlebnisse, Erlerntes, Gefühle bilden eine eigene Gedankenwelt. Ab einem gewissen Niveau an Sprachkenntnis fängt man an, die Sprache zu fühlen, in ihr zu träumen und sich emotional darin auszudrücken. Am einfachsten und selbstverständlichsten ist dies mit der ersten erlernten Sprache, der Muttersprache. Das erste erlernte Wort für Mutter und Vater prägt sich in unser Dasein und Verständnis ein und bleibt zumeist ein Leben lang unser Herzensausdruck für diese Bezugspersonen.
Um die Beziehung eines Wortes mit diesem Gedankensystem und selbiges zu verstehen, stelle man sich am besten folgendes Beispiel vor: Es ist wie ein Lied aus der Jugend, ein Ohrwurm, den man als Erwachsener wieder hört und der einen sofort in die alten Erinnerungen und Gefühle dieser Zeit zurückbringt. Sofort wird nicht nur der Text wieder geläufig, sondern auch die Erlebnisse und Gefühle, die man zu dieser Zeit erlebt hat und unbewusst mit diesem Lied verbunden hat.
Diese Gedankenwelt ist und bleibt an die Sprache gekoppelt, in der man sie erlebt und erlernt hat. So hat der Autor die frühe Sozialisation in der Muttersprache gelernt und verinnerlicht, die gesamte Schullaufbahn, Jugendzeit und das Studium jedoch auf Deutsch verinnerlicht. Damit empfand der Autor seine Seelenheimat, was das Erlernen von Liebe, Vertrauen, Spiel und Kindlichkeit angeht, also die frühe Sozialisation, in der Muttersprache. Jedes aktuelle Gefühl oder jeder ausgesprochene Satz, der diese Gefühle weckt, muss, damit er tatsächlich verstanden wird, in der Muttersprache erfolgen. Dies kann unmittelbar erfolgen, indem man den Satz in der Muttersprache ausspricht oder schreibt, oder mittelbar, indem man sich schnell innerlich das „Fremdwort“ in die Muttersprache übersetzt. Erst durch das Übersetzen in die Muttersprache als erste Sprache, die diese Wort-Gefühl-Kopplung verursacht hat, versteht bzw. fühlt man tatsächlich, was mit den Worten verbunden ist.
Als Beispiel stelle man sich Menschen vor, die das Rechnen, die Bedeutung und den Wert von Geld im österreichischen Schilling gelernt haben. Durch die frühe Verinnerlichung rechnen diese Menschen noch Jahre nach dem Währungswechsel in den Euro immer noch auf den Schilling um, damit sie fühlen können, ob eine bestimmte Summe hoch ist oder nicht. Der reine Betrag in Zahlen reicht dazu nicht, erst durch das In-Verbindung-Setzen mit den verinnerlichten Erfahrungen und Relationen wird der Betrag real bzw. fühlbar. Genauso ist es mit der gesamten Gedanken- und Gefühlswelt, aber vor allem der Sprache bei allen Migranten. Jahrelang bestehen die Welten im Kopf und im Herzen parallel, werden größer oder verblassen, kämpfen um ihr Dasein. Denn wenn man einmal eine Erinnerung zum Beispiel an eine Person oder einen Ort vergessen hat, ist es so, wie wenn die Person bzw. der Ort nie existiert hat.
Die Seelenheimat bleibt bei bildungsfernen Migranten oft für immer die alte Heimat, da sie kaum neue Einflüsse aufnehmen, die ihre bestehende Gedankenwelt ergänzen oder erweitern könnten. Bei ihren Kindern ist dies oft anders. So folgte beim Autor auf die kindliche Sozialisation in der Muttersprache der Fremdsprachenerwerb im frühen Kindesalter. Das Erlernen von Schreiben und Lesen nur in der Fremdsprache schuf die erste große neue Gedankenwelt, ja gar Zerrüttung. Trotz jahrelanger Schullaufbahn in der Jugendzeit und unzähligen Büchern in der neuen Sprache, erfolgte weiterhin eine Übersetzung der neu erlernten Sprache in die „verständliche“ Sprache, die Muttersprache. Selbst Teile des Studiums der Rechtswissenschaften und damit das Erlernen einer wiederum neuen Formalsprache und Fachsprache führten noch nicht zu einem vollständigen Eintritt in die neue Gedankenwelt. Das „Betriebssystem“ der Gedanken und Gefühle war noch stark geprägt durch die so wichtigen Errungenschaften der Kindheit.
Es ist möglich, dass eine neue Gedankenwelt entsteht, mit der man sich identifiziert. Beim Autor dauerte es 17 Jahre, bis 5 Jahre Kindheitsgedankenwelt durch neue Erfahrungen und Verinnerlichungen überwogen werden konnten. Es war ein langsamer, aber stetiger Prozess. Ab diesem Zeitpunkt war Deutsch die Primärsprache der Gedanken und Gefühle. Der Prozess dauert noch an, und es folgten 20 Jahre nach der Flucht aus der Heimat die ersten Liebesgedichte von Herzen auf Deutsch. Ab dieser Phase drehte sich das Übersetzen der Gedankenwelten untereinander um, ein Ende fand es jedoch erst mit der Findung einer neuen Seelenheimat. Mit dem Erleben einer großen Liebe konnte der Autor sich eingestehen, dass die alte Heimat nicht mehr existent war und dass er nun ein anderer Mensch war. Erst durch das Fallenlassen in der Liebe und der vollen Identifikation mit der neuen Heimat fand der Kampf der Gedankenwelten eine Entscheidung.
Maßgeblich waren wohl nicht die Erkenntnisse und Ansammlungen von Wissen und Regeln der Grammatik, erst durch das Erleben von Liebe in der neuen Sprache konnte die Wort-Gefühl-Kopplung aus der Kindheit „überschrieben“ werden. Was als Kind als Liebe zur Mutter gelernt wurde, wurde nun als Liebe zu einer Frau verinnerlicht. Mit diesem Zeitpunkt entstand auch eine Liebe zur deutschen Sprache, die es dem Autor ermöglichte, Gedichte zu verfassen. Erst dadurch erreichte der Autor wahre Zweisprachigkeit. Mittlerweile gibt es keine innerliche Übersetzung von Worten mehr, es ist vielmehr eine gleichzeitige Wahrnehmung der verschiedenen Bedeutungen in der jeweiligen Sprache. Es ist eine wahre Bereicherung im Denken, die tatsächliche Bedeutung eines Wortes zu fühlen und jeweils das andere Gedankensystem damit bereichern zu können.
Welche Schlussfolgerungen zieht der Autor aus seinem Erleben?
Das Finden einer Seelenheimat ist ein spiritueller, emotionaler und kognitiver Prozess, es ist die an die Lebensphasen gebundene Projektion der menschlichen Selbstverwirklichung. Da sich aber die Gedankenwelten durch das Erlernen von neuen Sprachen und Erfahrungen immer weiterentwickeln, gibt es die eine Seelenheimat nicht. Es kann ein bestimmter Ort sein, an dem unsere geliebten Personen leben und den wir mit ihnen in Verbindung bringen, der unsere Seele eine Heimat finden lässt. Es kann eine kognitive Entscheidung sein, dass ein bestimmter Ort all unsere Wünsche erfüllt und es keinen besseren Ort auf der Welt gibt für uns.
Für den Autor ist die einzig wahre Seelenheimat eine rein spirituelle Erfahrung. Um wirklich am Ziel anzukommen, um die ewige Suche zu beenden, muss man erkennen, dass es kein Ziel gibt, das es zu erreichen gäbe. Man muss erkennen, dass man schon am Ziel ist und dass es nichts zu erreichen gibt. Es ist alles schon in uns und muss nur erkannt werden. Wer es schafft, sich von allen Dingen loszulösen, wird seinen Seelenfrieden, das Ende der Suche und damit DIE Seelenheimat finden.
Jeder Ort auf der Welt wird dann das Gefühl von Seelenheimat vermitteln. Jeder Mensch, den man neu und bedingungslos zu lieben lernt, wird eine neue Seelenheimat sein. Der ewige Kampf zwischen den Gedankenwelten wird zu einer gegenseitigen Bereicherung und Vermischung. Die ewige Sehnsucht nach der Ferne wird durch das Entdecken des Fernen im Nahen ersetzt.
Seelenheimat ist Liebe.
Nachtgedanken
(150) Priester der Einsamkeit. Ihn schmückt kein Ornat. Seine Kirche ist dort, wo er dem Welthasten entgeht. Eine Gemeinde kennt er nicht. Zeremonien und Reliquien werden von ihm belächelt. Seine Religion ist unpopulär, er macht keine Proselyten. Aber er vergißt während der Zeit, die er seiner Abgöttin opfert, alle Spitzen und Schärfen des Seins, dessen sanfte Seiten er gern und mühelos entbehrt, wenn er Ihr andächtig nahe ist. Priester der Einsamkeit. Freilich schließt seine Berufung, wie die anderer Gottesdiener, Zweifel und Anfechtungen ein.
(151) Gemeinsam zu Abend essen: Damast, Silber, Kristall – überaus kultiviert. Dabei und danach niveauvolle Gespräche – Schachpartien mit Worten. Und hier mischt sich Schwarz mit Weiß nicht zum alltäglichen Grau, und herzliche Offenheit bleibt beiseite.
(152) „Farbe geben mittels Weglassens – so gesehen, ist jede Kunst verlogen“, flüstert die Stilleverbreitende, Grauverschleiert-Unsichtbare.
(153) Der Groß-Höchste ist allein. Da kommen Streber, Aufsteiger, Emporkömmlinge: sie wollen das Niveau heben, Spitze sein, nach den Sternen greifen … Der Tiefgründige bleibt einsam. Das Gute ist nicht ersetzbar; die Wahrheit wird nie mehrdeutig sein.
(154) „Komm, wir emigrieren“ , spricht ein Gekränkter zu sich selbst, packt die Gedankenkoffer und besteigt den Weltflucht-Zug. Weit in der Ferne zurück bleibt die Stadt Alltagshast samt ihrem schmutzeswegen berüchtigten Bahnhof. „Erst in der Einsamkeitswüste verlassen wir die entrückende Bahn, wo wir mit Ihr ungestört Zwiesprache halten können“ – und macht bald darauf seine Koffer auf. „Dein freiwilliges Exil“ , bedeutet ihm die sich ausbreitende Abgöttin, „ist lobenswert. Falls du heilender Klarheit zuliebe eines meiner Reiche aufsuchst – solange nicht Wüste, Weite, Leere in dir sind, ist für dich keine Klarheit erreichbar. Wobei sicherlich Einsamkeitsflucht großteils, ja fast in der Regel als ausgesprochene Brutstätte von Gefühlsbanditen sich dartut.“
(155) Sie ist überall. Sie reicht der sternschleiergeschmückten Nachtkönigin die Hand. Sie schwebt mit den Wolken über schaumgekröntem Meer und ruht auf fernen Schneegipfeln mächtiger Gebirgszüge. Sie zieht durch die stillen Hallen feierlich hoher Wälder und durch die weite schweigende Heide. Sie schreitet über frierende Felder unter frostigem Mond und auf faulendem Laub durch die Verlassenheit nebliger Novemberabende. Sie ist in den lampenerhellten, leeren, schmutzigen Straßen nächtlicher Großstädte zu Hause und in den endlosen Korridoren neonbeleuchteter Wohnkasernen. Sie erfüllt trostlose Gefängniszellen und hockt in den gegenüber der Welt sich verhärtenden Herzen. Sie wallt durch fühlende, von Menschenwust umringte Seelen, geistert durch Alpdruck-Schlaflosigkeitsnächte und weilt unvermutet an zahllosen ungenannt-unbezeichneten Orten. Sie kreist um den Stift, der dies niederschreibt. Sie ist überall. Wir, die wir gleich Ihr alles mit unserem Geist zu erfüllen trachten, spüren in diesen Vorfluren des Jenseits heilsam anhaltende, unendlich wohltätige Ohnmacht. Berg, Nacht, Schnee, Heide, Wald … Wie sehr fremd du bist, umfröstelt dich, Mensch, wenn Sie dich hauchweise zu dem gemacht hat, was Sie ist.
(156) Des Grünen Heinrichs Flasche zog mich seit langem in ihren Bann. Sie lehrt, wenn man sie schüttelt, der vier Elemente Gesetze und Ordnung. Luft, Feuer, Wasser, Erde – ein jedes hat seinen Platz, den soll und muß es behalten. Des Grünen Heinrichs Flasche – sie lehrt auch, daß die Elemente im Kern einsam bleiben.
(157) Hinz und Kunz vertrugen sich gut. Sie zogen zusammen, in eine Wohnung – prompt gab es Krach. Die Elemente, und nicht nur die vier – sie lebten in Frieden. Es zwang sie der Menschen Chemielist zusammen, verbindungslüstern, und bitteres, bitteres Unheil entstand. Wie wird nun jedes den linken Schuh los?
(158) Kreisläufe. Drehende Kreise. Alles, was ist, dreht sich. Das All, der Sternkordon, die Erde – worum dreht sich die sogenannte Welt? Wohin drehen sich in ihr die zahllosen Räder? – Wer sich nur um sich selbst dreht, schleudert alles von sich ab, schlimme Egozentrifuge, dreht sich im Kreis. Bleibt allein.
(159) Abgöttin-Priester, wieder flüchtet er zu Ihr. Von anspruchsvoll-narrender Welt, die sich gar nicht so selten als Frau zweifelhaften Rufes gibt, zu Ihr, die niemals enttäuscht. Die nicht leichtfertig verspricht, dabei schon an Nachfolger denkend. Ihr, der Zeitlosen allein, schreibt er tag- und jahrlose Annalen, Sie Wort werden zu lassen, Sie, die Alleserfüllende, feiernd zu verherrlichen. Ihr, der Unendlichen, zu Ehren vollendet er ein kleines, anspruchslos-geringes Brevier, da es neben Ihr auch ihn auszugsweise enthält. Priester der Einsamkeit – soll er denn sagen, daß er nicht allein sei, da Sie um ihn ist? Sagen die andern: „Daß Sie nie Ihrem Diener zum Fluch werde!“
(160) Der Dichter bekennt: „Nur eine Zeitlang kann ich befriedet an meine Verse glauben. Schöne Schnörkel, nicht immer gelingen sie recht, sind sie des Inhalts würdig. Verträumtheitsarbeit, einsames Gegenstück zu schaffender Tüchtigkeit, aber doch auch eigenhändige Arbeit …“ Entgegnen Kluggeister: „Lebst du denn ständig schlechten Gewissens, von kleinlichen Skrupeln gepeinigt? Da du dich fortwährend und nun abermals rechtfertigen zu müssen glaubst? Nichts ist umsonst, bleibt dir die Hoffnung, sagen zu können: ‚Ohne Illusionen, aber mit Hoffnung‘.“ Oder: ‚Mit Illusionen, aber ohne …‘?
(161) Sie ist auch Schutzherrin vieler großer Werke, Wächterin vor entstehenden und früher entstandenen, ohne Sie nicht denkbaren Gedankenmonumenten. Wie Sie Begünstigerin ist mancher leicht blutarmen, rührenden kleinen Werklein, die sich infolge möglicherweise Schwäche und der Unsichtbaren Mächtigkeit nicht aus deren Bannkreis zu lösen und in die Welt zu treten vermögen. Umklammernde Abgöttin …
(162) Ungeheuerliche Spukvision. In schwachem, milchigem Alptraumlicht wölben sich beklemmend enge, von weit und hoch aufragendem, riesig schwarzem Zweiggestarr der Schattenbäume umstandene Übergangsbrücken. Brücken, unter denen sich Dingleichen und Gerümpel führende, schwarzmorastige Fluten wälzen, erstickend giftige Dünste verbreitende, todvoll dahintreibende Schlammschlangen. Brücken, über die in wüster Flucht schwarze Menschenmassen hasten, Menschenmassen mit schwarzen Gesichtern, wie von unfaßbaren Feuern versengt, jetzt in der Fahlkälte milchigen Lichts. Drüber an trauerdüstrem Himmel Vorhänge aus rieselnden Rußflocken, und verbrannte Zeugfetzen segeln durch die Luft wie schwarze Quallen, bleiben im zackenden Zweiggestarr hängen. Plötzlich bersten die sich krümmenden Bögen: brechende Träger, stürzende Steine, dazwischen in furchtbarem, grausigem Fall die schwarzgesichtigen Menschenmassen, fahler Spukschein macht ihr Verderben gewiß. Flüsterndes Stöhnen steigt auf aus schwarzblutigen Brückentrümmern, aus sperrig-zerfetzendem Eisengewirr, lautlos schreiend versinken die meisten in den scheußlichen Schlammfluten. Vor der Ferne stehen schwarze Türme, mit dunklen Fensterreihen bebändert, dahinter maskenhaft starre Menschenfratzen. Und über den Greuel um die Brükken hallt von den Türmen stummes Hohngelächter. – – – Da begriffen selbst die Leichtfertigsten, daß dies kein schwarzer Humor sei, sondern das Gegenteil, entsetzlicher Ernst.
(163) Was sind alle schönen, auch die weniger schönen Worte wert … Am Ende hocken die Beteiligten – Sie, Abgöttin, und wir, Abscheidende – stumm voreinander und starren sich an.
(164) Weh uns, wenn Sie sich mit dem Riesen Schmerz – vielleicht der maskierten Tisiphone, Rächerin unserer zahllosen Morde – und der schwarzumwallten Nacht – gar Alekto, der nie Ablassenden – verbündet und auf uns eindringt in Gestalt dreifach ergebener Lemuren! Weh, wenn Sie auf dem Vorhof zum Jenseits die vielen quälfreudigen Einsamkeitsnachtschmerzdiener postiert, die uns gleich tückischen, wüst wütenden Wölfen anfallen! Dann sehn wir nicht mehr die Sternenkreise über uns, noch die den Hof umgebenden Gebäude der Erinnerung. Dann sehn wir kaum das Tor, durch das wir hindurchmüssen, das ganz in Ihr leidloses Land, ins Reich unsrer Vor-Geburt führt. Dann sehn wir nur rauchende Fackeln, hören schrille und brüllende Stimmen und leiden der Quälgeister Folterung. Und deren Apparate und Methoden sind vielgestaltig, sprühen von Phantasie! Den einen oder andern lassen sie unbehelligt passieren, dann ists, als ob der Hof schliefe, als ob er in tiefstem Traum läge – wärs so! Die meisten werden übel zugerichtet … Solche Aussichten müßten doch etwas für den Aktion liebenden Leser sein.
(165) Gang, der uns aufnimmt: erdige, feuchte Wände, schmal; wir stoßen uns rechts und links unsre Schultern. Finstere Wolken unter den Sternen: auswegloses, seelklemmendes Dunkel, Schauder fallen wie Vampire uns an; wir hören unsern Herzschlag nicht mehr. Sie, weit über alle Maßen, tausendmegärenhaft furchtbar, raunt mit entsetzlich hallender, bis ins Mark schmerzender Stimme: „Sprich, Erbarmungswürdiger, Vergangner, nicht in der Mehrzahl; laß hier endlich scheinstützendes Wir fallen – auf ewig bist du fortan allein!“ Erdiger Gang, herzstockende Finsternis – Graben? Oder Grube? – Hochüberfurienmaßloses Grauen …
(166) Feuriger Engel, der du die Augen blendest und die Wände in Finsternis läßt, kommst du zu trösten oder zu strafen? Schneidend streckst du dein Flammenschwert aus und schüttelst den Erlöst-Verdammten von Hoffnung in Furcht. Erdkaltes Dunkel um ihn – es bleibt wohl sein Gefängnis, auch wenn es von deinen strahlenden Gluten besiegt zu sein scheint. Feuriger Engel, unerträglich brennt dein greller Glanz; zu erlösen, verscheuchtest du Furchtnacht – gib sie zurück. Feuriger Engel, daß du den Einsamen schontest, daß du dein Schwert für andere heiztest! Daß du im Leben der Menge richtungweisend erschienest! Als mahnender Glutengel, unnachgiebig.
(167) Einsamkeit dehnt die Zeit, schrankenlose, unendliche Einsamkeit streckt sie zu allesüberragender Ewigkeit. Siehe: Die steilen, durchwurzelt-erd-, steinigen Mauern hinter dem Licht flammend-gleißenden Schwertes fügen für Sekundenbruchteile sich zu Gebäudewänden, zu den Jenseitsvorhof umstehenden Gebäuden der Erinnerung. Siehe: Das Licht hebt das Dunkel, das Dunkel mildert das Licht. Und hinter den Wänden wohnt Sie und beschwört in aufleuchtende Fenster freundlich endlose Folgen abgefallener Bilder zurück. Tausend Ewigkeiten lang füllen sie des unfaßbar Einsamen Seele – Ihr, die sich zur Unendlichkeit erhob, ist es ein Tausendstel Wimpernschlag.
(168) Lebenseiche mit riesiger Krone, Dürrblätter tragend und wartende Knospen, überwölbt die Erinnerung. Drunter das Viereck mit dem Häuschen der Gepanzerten, drunter die lautlos schwirrenden Fledermäuse. Spätsommer-Frühherbstabend, grollend rauscht ein eiliger Zug in der Ferne vorüber. Mächtig wölbt sich die Eichenkrone, hinter den schwarzen Asthieroglyphen versinkt letztes Fahllicht. Gib, Abgöttin, und sei so Erinnerung, sei mild und halte gar Erinnyung neidlos nachsichtig zurück.
(169) Wie die, die nach uns kommen, ihre Schatten vorauswerfen – Läufer auf der schweigenden unendlichen Straße, unter gelben Lampen ferner Sonnen. Vor ihm zwei ruckende, sich ungleich verlängernde Schatten. Es ist vielleicht nicht der Böse selbst, der ihn einholt, zumindest aber des Bösen Schatten, da der Läufer sich stetig weiter vom Licht entfernt. Unablässig müht er sich, ein Ziel zu erreichen, von dem er weiß, das er aber nicht kennt, so wie Sie es kennt, ohne davon zu wissen. Wenn etwas aufhört, kann man dann sagen: „Es hat sich vollendet“?
(170) Ungewohnt hastig wurden die Zeilen geschrieben. Sei es, daß der Getriebene die bedrückenden Bilder noch verzerrter zu sehen fürchtete, wenn sie nicht schleunigst gebannt – erlegt und präpariert – würden, wunde Seele friedlich zu machen; sei es, daß Angst vor dem Sturz der schwarzen Brücken ihn jagte – wie ihn der Spukwust umloderte, hielt er ihn fest.
Wir öffnen Türen für das, was verloren gegangen ist
Die Frage
Seit Jahren frage ich mich, warum in unserer modernen, organisierten Gesellschaft viel Weisheit und Lebenserfahrung aus Hunderten von Jahren der Menschheit verloren gegangen zu sein scheint. Wir nähern uns gegenwärtig der Realität in und um uns herum mit einer sehr begrenzten Sichtweise.
Ein Leben lang war ich mit der Idee konfrontiert, dass die Menschheit in der Vergangenheit naiver und leichtgläubiger war, als wir heute als Menschheit sind. Mit unseren derzeitigen wissenschaftlichen Fähigkeiten können wir vieles besser sehen als zuvor. Es könnte aber auch der Fall sein, dass der Mensch, obwohl er in der Vergangenheit aufgrund von Gesundheitsbedrohungen weniger lange leben konnte, viel besser mit den Lebenskräften und Lebewesen, die ihn und sein Leben bestimmten, vertraut war. Der Mensch besaß eine natürliche Weisheit darüber, wie Natur und Kosmos funktionieren, und konnte mit diesen Kräften umgehen. Daraus entwickelten sich Weisheiten des Lebens, die Menschen leiteten und immer noch leiten können.
Nehmen wir nur die Philosophen Platon und Aristoteles, die vor 2500 Jahren den Sinn des Lebens auf eine Weise erforschten, die bis heute kein Philosoph übertroffen hat. Diese Weisheiten leben heute ein verborgenes Leben in der Gesellschaft, weil wir die Fähigkeit verloren haben, sie zu „sehen“. Wir sehen nur das, was sich materiell darstellt, und wir sehen nicht mehr die Kräfte und Wesen, die wirken und unser Leben beeinflussen. Insbesondere unsere wissenschaftlichen Paradigmen haben unsere Sichtweise seit 1500 eingeschränkt. Es sind die kantischen philosophischen Zweifel, dass wir eine Welt des Seins nicht kennen und sehen können. So sind wir jetzt darauf beschränkt, in der Welt des „Werdens“ zu stöbern.
In meinem Buch „Die menschliche Schöpfung“ skizziere ich, wie 33 Philosophen von damals bis heute sich mit den wesentlichen Fragen des Menschseins, Fragen nach unserer Herkunft, unserer Seele, unserer Freiheit auseinandersetzen. Wenn Sie als Leser sich davon mitreißen lassen, wie diese Philosophen sich den Themen ihrer Zeit nähern, die in den Seelen der Menschen leben, und versuchen, den Sinn des Lebens zu skizzieren, sind Sie tief beeindruckt davon, wie diese Philosophen diese Arbeit konsequent durchgeführt haben und wie überraschend und aufschlussreich das ist. Es kamen Ideen, die uns bis heute inspirieren können. Es sind inklusive Geschichten, die sie erzählen, und nicht, wie es die Wissenschaft jetzt praktiziert, exklusive Geschichten, an denen nicht viel mehr beteiligt sein kann als das, was empirisch überprüfbar und beweisbar ist.
In diesem Artikel beabsichtige ich freier, losgelöst von all den wissenschaftlichen Vorschriften, danach zu forschen, was meiner Meinung nach bei der Erforschung unserer menschlichen Existenz und der Existenz aller anderen Wesen noch möglich ist. Angelegenheiten, die uns auf neue Weise weiterbringen können, um die tiefgreifenden Probleme unserer Zeit mit einem anderen und integrativen Bewusstsein anzugehen und unsere destruktiven exklusiven Handlungen zu stoppen.
Verlorene Weisheit
Lassen Sie mich einige Weisheiten auflisten, die im gegenwärtigen wissenschaftlichen Zeitalter verloren gegangen sind.
Alles, was wir wahrnehmen, ist die Manifestation von Lebewesen. Natur, Erde, Welt und Menschen sind Manifestationen von Lebewesen. Die Erde ist ein lebendiges Organ, ein belebter Planet.
Der Mensch ist ein inspiriertes Wesen und der menschliche Geist ist Teil eines kosmischen ewigen Geistes.
Wir sind Wesen mit mehreren Erdenleben und werden wiedergeboren. Es gibt ein Leben nach dem Tod und ein Leben vor der Geburt. Der Mensch kommt mit Impulsen auf die Erde und verlässt die Erde mit Lektionen aus dem Leben, die nach dem Tod verarbeitet werden.
Es gibt eine göttliche, geistige, unsichtbare Welt, die von unzähligen Wesen bevölkert wird, die sich auf ihre Weise an der Menschheitsentwicklung beteiligen.
Diese und andere Weisheiten, die früher Lebenswirklichkeiten für die Menschen waren, wurden im Laufe der Jahrhunderte von institutionalisierten Sozialsystemen für ungültig erklärt.
Die Religion wurde in die Kirche verbannt und ist zu einer Glaubenssache geworden. Das Tor der Geburt hat die Kirche geschlossen, wir dürfen nur an ein Leben nach dem Tod denken. Die Politik ist zu einer Angelegenheit von Parteien mit Ideologien geworden. Das Unternehmen ist zu einer gewinnbringenden Maschine geworden, in der Menschen funktional miteinander agieren. Kunst wurde in Museen verbannt, und der Kunsthandel ist zu einem geldgenerierenden Gewerbe geworden. An Universitäten ist das wissenschaftliche Arbeiten in Vorschriften gefangen.
Der Mensch ist aus dem natürlichen kosmischen Ganzen herausgefallen. Er ist mit spirituellen Wesen nicht mehr vertraut und lebt jetzt mit Angst und Misstrauen in diesen institutionalisierten sozialen materiellen Rahmenbedingungen. Wir sind alle zu einer Weltwirtschaft geworden, zu einer organisierten Existenz, zu einer nicht selten für viele bedeutungslosen und seelenlosen Existenz in festen und kontrollierten Rahmenbedingungen. Die innere Welt, die Welt der menschlichen Seele, ist heute mit überzeugenden Expertenaussagen beschäftigt. Sie wollen in der menschlichen Seele regieren. Die fruchtbaren Ressourcen für Bedeutung und Sinngebung sind ausgetrocknet. Der administrative Control-Wahnsinn von Indikatoren in allen Bereichen der Gesellschaft dominiert unser soziales und persönliches Leben.
Es ist Zeit für uns, die Türen zu öffnen, die Tore zu öffnen und Zugang zu wesentlichen menschlichen Werten zu erhalten, die es uns ermöglichen, den Sinn unseres Lebens und unseres Zusammenlebens neu zu definieren.
Die Fenster und Türen öffnen sich, die Tore sind unverschlossen
Zunächst konzentriere ich mich auf die Forschung. Die Forschung ist ein Entwicklungspfad für die menschliche Seele. Wir treffen und öffnen uns, wir erforschen und erkennen, wir geben dem Unverständlichen Raum, sich in unserer Seele auszudrücken. Dies erfordert einen dreifachen Weg. Ich charakterisiere diesen Weg als den Weg, bei dem Religion, Kunst und Wissenschaft zusammenfließen.
