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Die Klima- und Umweltkrise ist die größte Bedrohung für unsere Gesundheit. Aktives, bewusstes und zielgerichtetes Gegensteuern ermöglicht aber große Chancen für ein gesundes Leben auf unserer Erde. Dieses Buch zeigt konkrete Handlungsmöglichkeiten auf, wie sich innerhalb der ärztlichen Praxis und aus ihr heraus die klimagerechte Transformation unserer Gesellschaft mitgestalten lässt.
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Seitenzahl: 356
Veröffentlichungsjahr: 2024
Friederike von Gierke | Gudula Keller | Nikolaus Mezger (Hrsg.)
Die grüne Arztpraxis
Gesundheit, Nachhaltigkeit und Mitgestaltung der ökologischen Wende
mit Beiträgen von
J. Beige | A. Bergmann | M.P. Blasius | A. Boccatius | S. Bublitz | N. Buhlinger-Göpfarth | C. Buldmann | A. Corsi-Sauer | K. Diehl | F. Eickel | M. Fast | A. Fetscher | S. Filfil | T. Gemke | A. Georgi | M. Gerhards | H. Hansen | C. Hecker | A. Herrmann | S. Höller | A.-B. Jäger | B. Jost | M. Jungesblut | V. Klassen | S. Kleiner | M. Köhn | M. Köppen | D. Lanzl | F. Lehmann | S. Lehmann | D. Lehmkuhl | B. Lenzer | K.-A. Leopoldt | Y. Lieder | A. Lipécz | N. Litke | D. Lühmann | E. Luhmann | S. Melin | C. Mews | J. Mezger | N. Mezger | S.M. Micudaj | R. Müller-Polyzou | R. van de Pas | R. Poß-Doering | J. Prütting | C. Quitmann | S. Raetzer | S. Saha | C. Samwer | M. Scherer | A. Schluck | M. Schreiber | E.-M. Schwienhorst-Stich | D. Shimada | N. Stroetzel | C. Wegener | H. Wirtz
Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
Das Herausgeber-Team
Dr. med. Friederike von Gierke
Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG)
Cuvrystraße 1
10997 Berlin
Dr. med. Gudula Keller
Praxis für Orthopädie
Caspar-David-Friedrich-Straße 15
01217 Dresden
Nikolaus Mezger
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik
Arbeitsgruppe Globale und Planetare Gesundheit
Magdeburger Str. 8
06112 Halle (Saale)
MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Unterbaumstr. 4
10117 Berlin
www.mwv-berlin.de
ISBN 978-3-95466-868-7 (eBook: PDF)
ISBN 978-3-95466-869-4 (eBook: ePub)
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© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2024
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Die Verfasser haben große Mühe darauf verwandt, die fachlichen Inhalte auf den Stand der Wissenschaft bei Drucklegung zu bringen. Dennoch sind Irrtümer oder Druckfehler nie auszuschließen. Der Verlag kann insbesondere bei medizinischen Beiträgen keine Gewähr übernehmen für Empfehlungen zum diagnostischen oder therapeutischen Vorgehen oder für Dosierungsanweisungen, Applikationsformen oder Ähnliches. Derartige Angaben müssen vom Leser im Einzelfall anhand der Produktinformation der jeweiligen Hersteller und anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Eventuelle Errata zum Download finden Sie jederzeit aktuell auf der Verlags-Website.
Projektmanagement: Dennis Roll, Berlin
Copy-Editing: Monika Laut-Zimmermann, Berlin
Layout & Satz: zweiband.media, Agentur für Mediengestaltung und -produktion GmbH, Berlin
Coverbild: WangXiNa (Freepik)
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Zuschriften und Kritik an: MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Unterbaumstr. 4, 10117 Berlin, [email protected]
In einer Welt, die zunehmend von Herausforderungen geprägt ist, stehen wir an einem entscheidenden Wendepunkt. Blickt man auf die Menschheitsgeschichte, dann zeichnet sich unsere Epoche durch sowohl einen beispiellosen technologischen Fortschritt als auch eine nie dagewesene Ignoranz und Lähmung aus. Wir sind ignorant gegenüber den Zusammenhängen zwischen uns und unserer sogenannten Umwelt. Und wir sind gelähmt, im Angesicht eindeutiger wissenschaftlicher Erkenntnisse zu handeln. Während wir uns auf diese Weise klimatischen Kipppunkten nähern, wächst langsam ein Bewusstsein für soziale Kippdynamiken, die einen positiven Wandel hin zu einer klimagerechten und ressourceneffizienten Gesellschaft bewirken können.
Dabei handelt es sich bei den sogenannten Klima-Kipppunkten um kritische Schwellen im Klimasystem, bei denen ein kleiner Anstoß große und oft nicht umkehrbare Veränderungen auslösen kann. Beispiele dafür sind das Abschmelzen der arktischen Eisdecke, das Auftauen des Permafrostes, die Veränderung der globalen Meeresströmungen oder das Absterben großer Teile der Korallenriffe. Solche Ereignisse können nicht nur direkte ökologische Folgen, sondern auch weitreichende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und das soziale Gefüge haben.
Soziale Kippdynamiken beziehen sich hingegen auf gesellschaftliche Prozesse, bei denen eine kritische Masse von Menschen grundlegende Veränderungen anstößt. Solche Entwicklungen können beispielsweise durch eine Verschiebung des öffentlichen Diskurses, politische Maßnahmen oder technologische Innovationen ausgelöst werden. Ein aktuelles Beispiel für eine soziale Kippdynamik ist die rasch steigende Akzeptanz von erneuerbaren Energien und die Abkehr von fossilen Brennstoffen in vielen Teilen der Welt.
Wie wollen wir den Herausforderungen unserer Zeit begegnen? Bei dieser Frage spielt das Gesundheitswesen als Ort der Vermittlung von Wissen, aber auch durch die besondere Qualität der Beziehung zwischen Ärzt:innen und Patient:innen eine wichtige Rolle. Die Notwendigkeit, innovative Lösungen zu finden, um die Gesundheitsversorgung zukunftsfähig umzubauen, wird immer deutlicher. Umso wichtiger ist es, dass seit einigen Jahren auch aus dem Gesundheitswesen heraus die Klimakrise als Gesundheitsbedrohung wahrgenommen wird und entsprechende Handlungsimpulse entstehen. Das Buch „Die grüne Arztpraxis“ ist eine dringend benötigte Wegweisung für alle, die bereit sind, die Ärmel hochzukrempeln und die Transformation aktiv mitzugestalten.
Die zahlreichen Autor:innen dieses Buches haben nicht nur ein tiefgreifendes Verständnis für die Verflechtungen zwischen planetarer und individueller Gesundheit, sondern auch eine klare Vision davon, wie wir durch nachhaltige Praktiken in der Medizin positive Veränderungen bewirken können. Sie geben uns effektive Maßnahmen an die Hand, um nicht nur die Umwelt und damit uns selbst zu schützen, sondern uns auch auf zunehmende Krisen wie Extremwetterereignisse, Pandemien und Versorgungsengpässe vorzubereiten. Von der Reduzierung des Energieverbrauchs über Katastrophenschutzpläne bis hin zur Förderung eines gesunden Arbeitsumfelds – dieses Buch bietet konkrete Lösungen für Praxisteams, die den Weg zu einer grüneren und resilienteren Gesundheitsversorgung einschlagen wollen.
In diesem Sinne danke ich den Autor:innen von „Die grüne Arztpraxis“ für ihre inspirierende Arbeit und ermutige alle Leser:innen, die hier vorgestellten Ideen und Empfehlungen in die Tat umzusetzen.
Prof. Dr. Harald Lesch, Astrophysiker und Naturphilosoph Im März 2024
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
Umfragen zufolge empfindet die überwiegende Mehrheit der Deutschen den Klimawandel als große Bedrohung. Trotzdem bewegt sich unsere Gesellschaft in vielen Bereichen beharrlich in die falsche Richtung: Während Klimaforscher ständig neue Hitzerekorde vermelden, stauen sich auf unseren Straßen immer größere und schwerere Autos. Investmentfonds machen weiterhin gute Geschäfte mit fossilen Energien, die Kosten der Klimaanpassung steigen, während der ökologische Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft nicht deutlich genug vorankommt. Gerade in dieser Situation müssen wir Ärztinnen und Ärzte Vorbild sein und zeigen, dass wir bereit sind, unseren Beitrag zur nachhaltigen Transformation zu leisten.
Mit dem Buch „Die grüne Arztpraxis“ erhalten Sie einen Leitfaden, um im ärztlichen Praxisalltag Schritt für Schritt den Weg in eine nachhaltigere Zukunft zu gehen. In der Einführung des Buches wird eindrücklich beschrieben, wie die Klima- und Umweltkrisen unsere Lebensgrundlagen und unsere Gesundheit bedrohen. Nicht nur hitzeassoziierte Erkrankungen, sondern auch Allergien oder die psychischen Folgen des Klimawandels prägen zunehmend die Krankheitslast in der ambulanten Versorgung. Gleichzeitig wird deutlich, dass eine klimafreundliche Transformation auch wesentlich zur Verbesserung unserer Gesundheit betragen kann, etwa durch sauberere Luft und sauberes Trinkwasser, gesündere Ernährung oder lebenswertere und zur Bewegung einladende Städte.
Hier setzt das Konzept der klimasensiblen Gesundheitsberatung an, die im zweiten Teil des Buches vorgestellt wird. Konkret geht es darum, das Thema Klimawandel zum selbstverständlichen Bestandteil der Arzt-Patienten-Kommunikation zu machen – mit dem Ziel, die individuelle und öffentliche Gesundheit zu schützen und zu fördern.
Dass gute Medizin und Umweltschutz kein Widerspruch sind, sondern zusammengehören, zeigt der dritte Teil des Buches. Hier werden grundlegende Konzepte für die nachhaltige Ausgestaltung des ärztlichen Praxisalltags vorgestellt. Hinzu kommen praktische Tipps zu CO2-Einsparung und ressourcenschonender Praxisführung, die auch die betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Aspekte des Praxisbetriebs berücksichtigen.
Auch der Umgang mit Krisen sowie die resiliente Praxisgestaltung wird beleuchtet. Schließlich hat die COVID-19-Pandemie gezeigt, wie wichtig es ist, sich auf Ausnahmesituationen vorzubereiten. Dabei helfen die in dem Buch zusammengestellten Handreichungen zum Umgang mit Extremwetterereignissen oder künftigen Pandemien.
Es steht außer Frage: Der Klimawandel ist die größte Herausforderung der Menschheit im 21. Jahrhundert. Jeder muss seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten, selbstverständlich auch der ressourcen- und emissionsintensive Gesundheitssektor. Wir als Ärzteschaft drücken uns hier nicht vor der Verantwortung. Klimaschutz ist immer auch Gesundheitsschutz. Daher ist es eine ärztliche Pflicht, die gesundheitliche Bedrohung durch den Klimawandel aufzuzeigen und Gegenmaßnahmen einzufordern. So setzt sich die Bundesärztekammer für Klimaneutralität im Gesundheitssektor ein. Ein weiteres Beispiel ist der von uns initiierte Hitzeaktionstag. Er soll dabei helfen, Deutschland besser auf die gesundheitlichen Gefahren durch Hitzewellen vorzubereiten.
Ich bin davon überzeugt, dass dieses Buch viele wichtige Hinweise und Anregungen für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte enthält, die ihren Praxisalltag klimaneutral gestalten wollen. Daher wünsche ich ihm viele interessierte Leserinnen und Leser.
Herzlichst Dr. Klaus Reinhardt Im März 2024
Seit Jahrzehnten erforschen Wissenschaftler:innen die klimatischen Veränderungen durch die Nutzung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas. Bereits in den 1970er-Jahren haben ausgerechnet wissenschaftliche Mitarbeitende der großen Ölkonzerne erstaunlich exakte Vorhersagen zur globalen Erwärmung getroffen, die inzwischen durch Messungen bestätigt werden konnten. Die eigenen wissenschaftlichen Ergebnisse wurden von den Unternehmen heruntergespielt, das Risiko ihres Geschäftsmodells verschwiegen und die verharmlosende Erzählung vom langsam sich wandelnden Klima erfunden. Doch leider sind die Veränderungen krisenhaft rasant und das „Kohlenstoffbudget“ für eine Begrenzung der Erderwärmung auf unter 2°C in wenigen Jahren aufgebraucht (Supran 2021). Hinzu kommt die Überschreitung weiterer planetarer Grenzen, wie der Biodiversitätsverlust oder die Verknappung von Wasser, was ebenfalls gravierende Auswirkungen hat, allen voran auf unsere Gesundheit.
Vor fünf Jahren hat eine schwedische Schülerin mit ihrem „Schulstreik für das Klima“ die bis dahin größte globale Jugendbewegung ausgelöst, wodurch die Folgen der Klimakrise ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt wurden. An den heimatlichen Küchentischen mussten sich Eltern plötzlich fragen lassen, was sie für das Klima und die Zukunft der Lebensgrundlagen ihrer Kinder tun. Ernährungsgewohnheiten und das Einkaufsverhalten der Familie wurden hinterfragt. Der eigene CO2-Fußabdruck wurde berechnet, doch schnell war klar, dass Veränderungen im eigenen Haushalt nur einen Bruchteil der Emissionen verhindern. Das führte bei vielen Menschen zu der Erkenntnis, dass auf allen gesellschaftlichen Ebenen Handeln erforderlich ist und dieses im Sinne der „Mitgestaltung der ökologischen Wende“ initiiert werden kann. Damit rückte auch die eigene Arbeitsstelle in den Fokus.
Im Jahr 2020 haben angesichts dieser Erkenntnis eine Handvoll Kolleg:innen aus Dresden, darunter Gudula Keller, die „Initiative Nachhaltige Praxis“ mit dem Ziel gegründet, in ihrem Arbeitsumfeld über die gesundheitlichen Folgen der Klimakrise aufzuklären und Möglichkeiten klimaneutralen, ressourceneffizienten Verhaltens in der ärztlichen Praxis aufzuzeigen. Ausführliche Recherchen wurden durchgeführt, eine Website entworfen und eine Checkliste mit zehn konkreten Handlungstipps erstellt. An anderen Orten Deutschlands entstanden ähnliche Initiativen, die sich im Projekt „Transformative Arztpraxen“, koordiniert durch Friederike von Gierke, unter dem Dach der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG) miteinander vernetzten. Eine erste umfassende Studie zur Bereitschaft und Herausforderungen in der ambulanten Versorgung wurde 2021 von Nikolaus Mezger veröffentlicht (Mezger et al. 2021).
Als die Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin mit der Idee eines Buchprojekts an uns herantrat, schien es daher der nächste logische Schritt, die gesammelten Erfahrungen in einem Gemeinschaftswerk zusammenzutragen, in der Hoffnung, viele weitere Kolleg:innen zu transformativem Handeln in ihrem Arbeitsumfeld zu ermutigen. Für uns war die Arbeit an diesem Buch wertvoll und sinnstiftend, und wir freuen uns, wenn „Die grüne Arztpraxis“ Inspiration für weitere positive Veränderungen bietet. Denn wie Beatrice Jost im letzten Kapitel schreibt: „Glücklich ist, wer sein Leben nach seinen Werten gestaltet.“
Friederike von Gierke, Gudula Keller, Nikolaus Mezger Im Mai 2024
Mezger NCS, Thöne M, Wellstein I et al. (2021) Klimaschutz in der Praxis – Status quo, Bereitschaft und Herausforderungen in der ambulanten Versorgung. Z Evid Fortbild Qual Gesundhwes 166, 44–54. DOI: 10.1016/j. zefq.2021.08.009. PMID: 34656461
Supran G, Rahmstorf S, Oreskes N (2023) Assessing ExxonMobil’s global warming projections. Science 379(6628). DOI: 10.1126/science.abk0063
IEinführung
1Planetary Health und das AnthropozänCharlotte Samwer und Ferdinand Lehmann
2Die Klimakrise als Bedrohung für unsere GesundheitSonja-Marie Micudaj
3Co-Benefits: Warum die Bekämpfung der Klimakrise eine Chance für unsere Gesundheit sein kannTheresa Gemke
EXKURS:Das orthopädische GärtnernArne-Björn Jäger
4Verhältnisprävention und Gesundheitskompetenz: Die gesunde Entscheidung sollte die einfachste seinSusanne Melin
EXKURS:Praxis ohne Plastik: Ein Weg zu nachhaltiger GesundheitsversorgungNora Stroetzel
5Schlüsselrolle des GesundheitssektorsSusanne Bublitz und Nicola Buhlinger-Göpfarth
EXKURS:Zertifikat „Nachhaltige Hausarztpraxis“Susanne Bublitz und Nicola Buhlinger-Göpfarth
EXKURS:KlimaDocs e.V.Susanne Filfil
6Änderungen von Rahmenbedingungen für Planetary Health im ambulanten GesundheitswesenJens Prütting und Michael P. Blasius
EXKURS:Transformation als Teamaufgabe: Ein Erfahrungsbericht aus der chirurgischen NiederlassungAntje Boccatius
IIKlimasensible Gesundheitsberatung
1Klimasensible Gesundheitsberatung in der PraxisAlina Herrmann, Claudia Mews, Heike Hansen, Benedikt Lenzer, Eva-Maria Schwienhorst-Stich und Claudia Quitmann
EXKURS:Klimawandel und Gesundheit in Gynäkologie und GeburtshilfeSina Lehmann
EXKURS:Qualitätszirkel klimasensible GesundheitsberatungMelanie Gerhards
EXKURS:Klimasensible Gesundheitsberatung in der ambulanten PsychotherapieMelanie Gerhards
EXKURS:Besonderheiten der Fachrichtung DermatologieSusanne Saha
IIIKlimagesunde Praxisführung: Mitigation
1Warum ein Nachhaltigkeitskonzept?Cornelia Buldmann
EXKURS:Klimasensible Gesundheitsversorgung im Gesundheitsnetz QuE e.G. NürnbergDavid Shimada und Andreas Lipécz
2ÜberversorgungDagmar Lühmann und Martin Scherer
EXKURS:Nachhaltigkeit in einer chirurgischen PraxisFlorian Eickel
3Rationale PharmakotherapieEsther Luhmann, Jörg Mezger und Marvin Jungesblut
4Energieeffizienz in der ArztpraxisStephan Kleiner und Vitalij Klassen
EXKURS:Nachhaltigkeit in der Strahlentherapie und RadiologieHolger Wirtz und Ralf Müller-Polyzou
5Mobilität – alle Lösungen sind schon daKatja Diehl
6Kapitalanlagen des Gesundheitswesens im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und ÖkologieJörg Mezger, Dieter Lehmkuhl und Nikolaus Mezger
EXKURS:Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen: Perspektiven und Maßnahmen der KrankenkassenAngelica Bergmann und Michael P. Blasius
7Green IT – Informationstechnik und Nachhaltigkeit in der PraxisMarina Köhn, Kim-Aline Leopoldt und Yelle Lieder
8EinkaufNora Stroetzel
EXKURS:Wasser im Kontext von Gesundheit und KlimaSamuel Höller, Anne Fetscher und Dominik Lanzl
EXKURS:Grüne Dialyse: Auswirkungen nachhaltiger Techniken auf den Kohlenstoff-Fußabdruck in der NierenersatztherapieJoachim Beige
9Abfallmanagement in Arztpraxen: Herausforderungen und Best PracticesSusanne Saha
EXKURS:CO2-Rechner und Kompensation – nachhaltiger Klimaschutz in der MedizinMarie Schreiber
IVResiliente Praxisgestaltung: Adaption
1Nachhaltigkeit als Bestandteil des Qualitätsmanagements in ArztpraxenChristina Hecker und Susanne Saha
EXKURS:Transformative Bildung im Kontext von Planetary HealthMarischa Fast
2Psychologische Arbeitsgestaltung im Kontext der Klimakrise: Arbeitsbedingungen und ArbeitsschutzAnna Georgi und Christin Wegener
3Krisengefährdungsanalyse und KrisenpläneMartina Köppen, Nicola Alexandra Litke und Regina Poß-Doering
EXKURS:Praxisbeispiel HitzeanpassungAnne Schluck
4Innovative Teamführung in der PraxisSteffen Raetzer und Alessia Corsi-Sauer
VAusblick
1Zur Notwendigkeit eines wachstumsunabhängigen GesundheitssystemsRemco van de Pas und Nikolaus Mezger
2Ins Handeln kommen – was alles nicht geht versus so geht es dochBeatrice Jost
Die Autor:innen
von Gierke F, Keller G, Mezger N (Hrsg.) (2024) Die grüne Arztpraxis
Die drei menschengemachten Umweltkrisen – Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Verschmutzung – zählen zweifellos zu den größten Herausforderungen, mit denen die Menschheit jemals konfrontiert war. Die Auswirkungen des Anthropozäns – eines neuen, durch die Menschheit geprägten erdgeschichtlichen Zeitalters – bedrohen weltweit Ökosysteme und menschliche Gesellschaften (Pörtner et al. 2022, Lee u. Romero 2023). In diesem Zusammenhang wird oft von der Gegenwart als einem entscheidenden Moment in der Menschheitsgeschichte gesprochen: Die sozial-ökologische Transformation sollte so schnell und so umfänglich wie irgend möglich erfolgen, um fatale Folgeschäden zu reduzieren (Mitigation) und eine Anpassung menschlicher Gesellschaften an die veränderten Lebensumstände auf dem Planeten zu ermöglichen (Adaptation). Das Erstaunliche ist jedoch, dass dieser entscheidende Moment mit notwendigen Handlungsimplikationen bereits seit Jahrzehnten verschoben wird und somit die Folgen der Umweltkrisen weitreichender und womöglich unumkehrbar werden. Angesichts der umfassenden wissenschaftlichen Evidenz, der lauten warnenden Stimmen, aber eben auch des bisherigen Unvermögens, Veränderungen der notwendigen Größenordnung anzustoßen und umzusetzen, sind letztlich wir alle gefragt, uns der Menschheitsaufgabe unserer Zeit zu stellen und uns aktiv zu positionieren. Nicht erst im Rückblick sollten wir uns fragen, welche Rolle wir in den entscheidenden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts gespielt haben wollen.
Diese Einleitung möchte sich einerseits dem warnenden Kanon anschließen, denn der Blick auf das Anthropozän muss in seinem Überschreiten planetarer Grenzen und der Geschwindigkeit des Aufkommens neuer wissenschaftlicher Evidenz regelmäßig erneuert und in den aktuellen Kontext gerückt werden – insbesondere auch für den Gesundheitssektor.
Andererseits soll auch ein hoffnungsvoller Blick auf die wachsende Bewegung unter dem Gedanken von „Planetary Health“ gerichtet werden. Dieses Konzept betont, dass die Gesundheit der Erde und Ökosysteme eng mit der menschlichen Gesundheit verbunden sind. Als Gedanke befähigt diese Vorstellung Mitarbeitende im Gesundheitssystem, das eigene Handeln zu hinterfragen und zu verändern, aber auch die intrinsischen Logiken des Gesundheitswesens wie Prävention vor Kuration und primum nihil nocere auf die ökologische Transformation anzuwenden und zu kommunizieren. Letztlich muss das gemeinsame Ziel sein, das Gesundheitssystem so anzupassen, dass es durch Nachhaltigkeit Folgeschäden verhindern und gleichzeitig resilient auf ungehinderte Folgen der Umweltkrisen reagieren kann.
Wissenschaftler:innen konnten seit 1972 „Die Grenzen des Wachstums“ mit erschreckender Präzision vorhersagen, insbesondere dahingehend, wie sich unsere Ökosysteme angesichts ungebremster Emissionen von Treibhausgasen entwickeln werden. Einen weiteren Meilenstein stellt das Erkennen von sogenannten „Kippelementen“ dar (3. Bericht des IPCC 2003). Bei diesen handelt es sich um diskontinuierliche, irreversible und extreme Ereignisse im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung. An die Stelle der Vorstellung linearer Veränderungen und der Illusion, man könnte durch Emissionssenkung die Klimakrise rückwärtslaufen lassen, trat die Erkenntnis, dass beschleunigte Veränderungen, ähnlich zu Kettenreaktionen, stattfinden, deren Eintreten dringlich verhindert werden sollte.
Die Klimakrise verläuft nicht linear, sondern ähnlich wie Kettenreaktionen und kann nicht „zurückgespult“ werden.
Neben dem Abschmelzen globaler Eisschilde und Permafrostböden sowie der Entwaldung von Tropen sind Veränderungen von Meeresströmungen oder Wetterphänomenen irreversible Kippelemente. Diese führen teils sekundär zu noch größeren Emissionen. Die Folgen sind die Beschleunigung der Biodiversitätskrise sowie die Bedrohung von Ökosystemen und menschlichen Gesellschaften. Als Beispiel hierfür gilt das Wetterphänomen „El Niño“, welches durch sein häufigeres Auftreten zu extremen Dürreperioden und sekundär zu deutlich mehr Waldbränden und damit verbundenen Emissionen führt. Es besteht aktuell noch Handlungsspielraum, das Überschreiten solcher Kipppunkte zu verhindern. Hiermit wird die Gegenwart zu einem entscheidenden Moment der Menschheitsgeschichte.
Aus dieser Logik heraus ist ein unmittelbares Handeln für die Begrenzung von Treibhausgasemissionen zwingend notwendig. Wissenschaftliche Evidenz hat jeden Zweifel ausgeräumt, für welchen Weg sich die Menschheit entscheiden sollte. Bislang ist die sozial-ökologische Transformation jedoch nicht ansatzweise gelungen (Watts et al. 2018, Romanello et al. 2021). Das bestimmende Lebensgefühl großer Teile der Gesellschaft und die Ausübung von Macht basieren weiterhin auf der Verbrennung fossiler Energieträger. Luisa Neubauer nennt dieses Phänomen „Fossilität“ und fragt, welches Narrativ diesem entgegengestellt werden kann, um positive gesellschaftliche „Kippelemente“ hin zu einem echten ökologischen Wandel zu erreichen (Medizindozentur 2023). Diese sozialen Kippelemente umfassen unter anderem ein Umdenken im Umgang mit Investitionen, Städtebau und Energieerzeugung sowie wirksame Aufklärung der breiten Bevölkerung. Solange dieser Wandel jedoch nicht stattfindet, überschreiten wir weiterhin die Grenzen dessen, was unser Planet kompensieren kann.
Jedes Jahr wird der Earth Overshoot Day (Erdüberlastungstag) begangen – für die Europäische Union ist der 10. Mai der Tag, an dem die natürlichen Ressourcen und ökologischen „Dienstleistungen“, die die Erde der Menschheit im gesunden Maße zur Verfügung stellen kann, verbraucht sind. Das bedeutet beispielsweise, dass die Ozeane mehr Kohlenstoffdioxid aufnehmen als sie wieder abgeben können oder die Wälder trotz Maßnahmen zur Wiederaufforstung in der Summe schrumpfen. Seit den 1970er-Jahren überschreiten die jährlich verbrauchten Ressourcen der Erde ihr Erholungspotenzial, ohne ausreichende Maßnahmen zur Erhaltung oder gar Verbesserung der natürlichen Regeneration.
Der Planet dient als Lebensgrundlage für Mensch und Tier und ist nun – angesichts der Klimakrise und drastisch sinkender Biodiversität – in seiner Regenerationsfähigkeit am Rande der Erschöpfung angelangt.
Ohne die – seit der letzten Eiszeit bestehenden – klimatischen und ökologischen Konditionen ist ein Weiter- und Überleben für viele Spezies einschließlich unserer eigenen nicht oder nur unter radikal veränderten Vorzeichen möglich.
Erdsystem- und umweltwissenschaftlich wurden von einer Expertengruppe insgesamt acht planetare Grenzen der Erdsysteme definiert und quantifiziert (Rockström et al. 2009, Richardson et al. 2023). Jede einzelne ist „unabdingbar für die zukünftige Entwicklung der menschlichen Spezies“ und stellt einen sicheren Handlungsspielraum dar, in dem die Widerstandsfähigkeit der Erde in ihrem System nicht überschritten wird.
In einer Überarbeitung des Konzepts wurden zusätzlich „gerechte“ Grenzen eingeführt (Rockström et al. 2023). In diesen werden soziopolitische Faktoren einbezogen, welche beispielsweise abbilden sollen, ob gerade diejenigen unter den Schäden leiden, die sie nicht verursacht haben, und ob Mangel an Ressourcen ungleich verteilt auftreten. Gerechtigkeit wird dabei gegenüber anderen Lebewesen und Ökosystemen sowie gegenüber den aktuellen und zukünftigen Generationen betrachtet.
Zu den Grenzen des Erdsystems gehören:
Klima
natürliche Ökosysteme und Nutzlandschaften (als Aspekte von Biodiversität)
Oberflächenwasser und Grundwasser (als Bestandteile von Süßwasser)
Stickstoff und Phosphor (als künstlich eingebrachte Dünger)
Luftschadstoffe
Erschreckenderweise werden sieben dieser acht sicheren und gerechten Erdsystemgrenzen durch das Expertenkomitee und die eingesetzten Messparameter bereits als überschritten eingeordnet.
Als konkretes Beispiel einer planetaren Grenze soll hier der stratosphärische Ozonabbau betrachtet werden. Die Ozonschicht dient der Filterung von ultraviolettem Licht. Dieses wirkt auf die DNA von Lebewesen krebserregend, wie sich insbesondere in Australien zeigte. Durch die Kenntnis über Ozon-abbauende Stoffe wie FCKWs und deren konsekutives Verbot im Montreal-Protokoll von 1987 kam und kommt es zu einer Regeneration der Ozonschicht. Durch die konsequente Einhaltung des Verbotes konnte die Menschheit in Bezug auf die planetare Grenze des Ozonabbaus zurück in den Bereich des sicheren Spielraums gelangen.
An diesem Beispiel zeigt sich, dass durch wissenschaftliche Erkenntnisse von schädlichen Zusammenhängen ein politischer Rahmen gefunden werden kann, um planetare Grenzen einzuhalten und die Gesundheit aller Lebewesen zu schützen.
Seit Beginn der Industrialisierung ist die Weltbevölkerung von ca. 1 Milliarde auf nun über 8 Milliarden Menschen angestiegen. Möglich wurde dies durch den deutlich gewachsenen Wohlstand und die damit einhergehenden Lebensumstände. Die Lebenserwartung hat sich in den letzten 100 Jahren fast verdoppelt. Gleichzeitig ist die Anzahl in extremer Armut lebender Menschen gesunken und bis vor wenigen Jahren hat auch die Nahrungsmittelunsicherheit kontinuierlich abgenommen. Unser wohlhabender und „reichhaltiger“ Planet dient mit all seinen Ressourcen als Grundlage vieler dieser Verbesserungen – solange er die Möglichkeit der Regeneration wiedergewinnt.
Die menschliche Gesundheit und diejenige von Ökosystemen sind dabei untrennbar miteinander verbunden. Zentrale Aspekte eines gesunden Lebens wie sauberes Wasser und Luft, ausreichend Nahrung sowie sichere Unterkunft sind dauerhaft nur auf einem gesunden Planeten möglich. Facetten eines kranken Planeten wie beispielsweise klimabedingte Ernteausfälle führen zu Mangelernährung und Hungersnöten, verschmutztes Trinkwasser zu Infektionserkrankungen. Hinzu kommt unser zunehmend westlich-geprägter Lebensstil, welcher durch den durchdringenden Einfluss von vier zentralen Industriezweigen (Alkohol, Tabak, fossile Energieträger und hochprozessierte Lebensmittel) zu einem drastischen Anstieg von Todesfällen und Erkrankungen durch nicht-übertragbare Erkrankungen geführt hat (Gilmore et al. 2023, Hancock et al. 2017).
Auf Basis dieser Untrennbarkeit und Interdependenz von menschlicher und planetarer Gesundheit begründet sich Planetary Health. Seit 2015 wird an diesem Forschungsparadigma und umfassenden Gesundheitskonzept gearbeitet. Eine transdisziplinäre Herangehensweise wurde hier allseits als entscheidend angesehen, um gesellschaftliche Transformationspfade hin zu Gesundheit innerhalb planetarer Grenzen zu identifizieren und zu befördern. Die Basis stellt dabei eine umfassende und interdependente Betrachtung der zugrunde liegenden anthropogenen (inklusive wirtschaftlichen, sozialen sowie politischen) und natürlichen Ökosysteme dar. Im Jahr 2018 wurde dazu durch eine internationale Expertengruppe die Canmore-Grundsatzerklärung verfasst (Prescott et al. 2018).
10 Prinzipien der planetaren Gesundheit – Canmore-Grundsatzerklärung
Hierbei handelt es sich um die Agenda für das 21. Jahrhundert aus der beispielhaften Alltagsperspektive einer Narkoseärztin.
Die nachhaltige Vitalität aller Systeme: „Ich fühle mich nur so wohl und gesund, wie sich die Welt um mich herum als wohl und gesund zeigt. Wenn ich bei 38 Grad im Juni zur Arbeit fahre und die Pflanzen im Park vertrocknen, dann wundere ich mich nicht, wenn mich auf der Intensivstation schon wieder drei neue akute Nierenversagen erwarten. Es ängstigt mich allerdings, dass diese Entwicklung gerade erst begonnen hat.“
Werte und Zweck: „Ich bin bemüht, meine Werte hinsichtlich der ökologischen Transformation des Gesundheitswesens als Handlungsgrundlage zu nehmen und auch an andere weiterzugeben. Der Progress der Klimakrise sowie die Ignoranz von Teilen meines Umfelds – privat wie beruflich – nimmt mir dabei manchmal den Wind aus den Segeln. Allerdings ist Empathie, Gegenseitigkeit und Verantwortung gegenüber mir, meinen Mitmenschen und der Umwelt der Schlüssel zu einem guten Zusammenleben.“
Integration und Einheit: „Wir haben in unserem OP ein Green Team gegründet. In diesem finden sich Mitarbeitende aus verschiedenen Berufsfeldern, kulturellen Hintergründen und hierarchischen Positionen. Gemeinsam versuchen wir, einen Leitfaden für den OP zu finden, der inspirieren soll, Handlungsziele der ökologischen Transformation zu definieren und zu erreichen.“
Das Gesundheitsnarrativ: „Im OP kann ich Menschen beim Weg aus akuten Erkrankungen helfen. Für zugrunde liegende chronische Leiden, oft basierend auf Fehlernährung, Bewegungsmangel oder Substanzkonsum, bleibt häufig leider keine Zeit. Ich weiß, dass viele Menschen weder auf sich selbst noch auf den Planeten achten (können). Gesundheit, ob nun menschlich oder planetar, heißt auch, der Krankheitsentstehung oder ihrem Progress präventiv zuvorzukommen.“
Planetares Bewusstsein: „Mir fällt in der Ambulanz zunehmend auf, dass Patient:innen aus ökonomisch schwachen Schichten mit vielen ähnlichen Problemen kommen. Bei finanziell besser Gestellten sehe ich diese Erkrankungen kaum. Es bedarf politisch-gelenkter Gesundheitsaufklärung und -investitionen, um diesen lokal wie global bestehenden Ungleichheiten entgegenzuwirken.“
Naturverbundenheit: „Unser Krankenhaus ist eine alte Parkklinik. Jedes Mal, wenn ich gestresst zwischen zwei Gebäuden unter den Bäumen durchlaufe, kann ich wenigstens kurz durchatmen. In meinem Alltag wünsche ich mir mehr bewussten Rückzug in die Natur. Auch Städte sollten solche Räume ausweiten und erhalten.“
Biopsychosoziale Interdependenz: „Operationen zu betreuen, deren Grunderkrankung auf ungesundem Lebenswandel basiert, ist nicht immer einfach. Der Rücken ist durch Übergewicht abgenutzt, welches der Mensch oft angesichts eigener Unsicherheiten und sozialer Deprivation sowie fehlender Coping-Strategien angesammelt hat. Der Rücken ist schnell operiert, es bringt dem Menschen seinen Platz in der Gesellschaft und dem Planeten jedoch nur bedingt wieder.“
Haltung: „Durch einen Studierenden-initiierten Kurs in der Universität habe ich lernen dürfen, wie mein ärztliches Handeln mit der Biodiversität der Erde und ihren natürlichen Systemen in Verbindung steht. Das beeinflusst mich noch heute, z.B. in der Wahl meiner Narkosemedikamente. In der nächsten Frühfortbildung spreche ich mit meinen Kolleg:innen über dieses Thema.“
Dem Elitismus, der sozialen Dominanz und Marginalisierung entgegenwirken: „Im OP tragen alle, von der Reinigungskraft bis zur Chefärztin, die gleiche Kleidung und es herrscht ein höflicher Umgang. Ärzt:innen und Pflegekräfte arbeiten als Team auf Augenhöhe zusammen. Wenn auf gesellschaftlicher Ebene ein solches gemeinsames Wertesystem und gebündelte Schaffenskraft im Kontext der Klimakrise gefunden werden könnte, wäre viel erreicht.“
Verpflichtung zur Gestaltung neuer normativer Verhaltensweisen: „Ich bin durch meinen sozialen Hintergrund und meine Ausbildung sehr privilegiert. Den Spielraum, den ich dadurch erhalte, nutze ich, um mit wissenschaftlicher Grundlage privat und beruflich ein Teil der Lösung zu sein. Dabei gestalte ich mein Leben auf Basis von Nachhaltigkeit und engagiere mich für ein fried- und respektvolles gesellschaftliches Miteinander.“
Finden Sie sich als Lesende hier wieder? Haben Sie für sich und Ihr Leben ganz andere Vorstellungen und Assoziationen, wenn Sie die Prinzipien der Canmore-Erklärung lesen?
Menschen, die sich bemühen, sich in ihrer beruflichen und privaten Perspektive in den Konzepten von Planetary Health wiederzufinden, erlangen oft Erkenntnisse über eigenes Handlungspotenzial sowie Anknüpfpunkte mit anderen Disziplinen und Sichtweisen. Dieser „Blick über den Tellerrand“ stellt auch auf theoretischer Ebene eine besondere Stärke von Planetary Health dar.
Ein zentrales Element ist die Analyse von Abhängigkeiten und Wechselwirkungen zwischen den menschlichen und natürlichen Ökosystemen. Auf diese Weise stellt Planetary Health heraus, wie die Krisen miteinander verknüpft sind und welche gesundheitlichen Auswirkungen sie auf die Menschen haben.
Global gesehen verstärken sich Krisen oft gegenseitig, auf der anderen Seite helfen bestimmte Lösungen gegen viele Probleme gleichzeitig. Beispielsweise werden derzeit drei Viertel der weltweiten Ackerflächen genutzt, um tierische Lebensmittel zu erzeugen. Auf diese Weise werden immense Mengen Treibhausgase direkt und indirekt freigesetzt, welche die Klimakrise verstärken, die wiederum zu häufigeren und heftigeren Dürreperioden führt und Nahrungsmittelunsicherheit verstärkt. Demgegenüber senkt eine pflanzenbasierte Ernährung nicht nur Morbidität und Mortalität, sie kommt auch mit einem Bruchteil der Flächen zurecht. Dadurch werden riesige Flächen frei, die dringend für den Schutz der Biodiversität von Pflanzen und Tieren benötigt werden und um mit Wäldern CO2 langfristig aus der Atmosphäre zu binden, welches wiederum in einem weiteren Schritt auch als Bauholz benötigt wird.
Planetary Health ist im Kern auch ein Konzept der Prävention. Der Einfluss der Medizin auf die menschliche Gesundheit selbst wird häufig überschätzt. Vielmehr spielen soziale Faktoren und das kollektive und individuelle Verhalten eine deutlich größere Rolle. Deren Beeinflussung bietet große Chancen, ressourcenschonend menschliche Gesundheit zu fördern, insbesondere angesichts von begrenzten planetaren Ressourcen und Fehlanreizen im Vergütungssystem sowie einer alternden Gesellschaft mit stark wachsendem Bedarf an medizinischen Leistungen.
Die verschiedenen Dimensionen von Planetary Health adressieren hier Kernrisikofaktoren sogenannter „Zivilisationserkrankungen“ (beispielsweise Stress, Fehlernährung, Luftverschmutzung, Bewegungsmangel) und vermögen die Bidirektionalität von menschlicher und planetarer Gesundheit aufzuzeigen: Nicht nur wir sind abhängig von den natürlichen Ressourcen eines gesunden Planeten, vielmehr profitieren die existenten Ökosysteme ebenfalls von unserer Selbstfürsorge im Rahmen von Präventionsmaßnahmen wie angemessener Ernährung (s. Kap. „Co-Benefits: Warum die Bekämpfung der Klimakrise eine Chance für unsere Gesundheit sein kann“) Maßnahmen zur Reduktion von Luft- und Wasserverschmutzung, körperlicher Betätigung mit Nutzung alternativer Mobilität sowie der Naturverbundenheit und deren Potenzial in puncto Stressreduktion.
Zusätzlich wird durch die ökologische Transformation auch das ressourcenintensive Gesundheitssystem geschont, da beispielsweise mithilfe der Reduktion von Treibhausgasemissionen und Umweltverschmutzung weniger Extremwetterereignisse, ein geringeres Patientenaufkommen sowie weniger krankheitsbedingte Personalfehltage zu erwarten sind. Angesichts des kommenden enormen Anstiegs von Morbidität und Mortalität durch die Klimakrise und den somit großen Folgekosten unseres bis dato auf fossilen Brennstoffen basierten globalen Handels ist ein umfassender Ausbau der Förderung von Präventionsmaßnahmen (zuletzt nur ca. 6,5% der Gesundheitskosten, Stand 2021) in der Logik von Planetary Health folgerichtig.
Die Veränderungen, welche die Klima- und Umweltkrise bereits heute auf die Gesundheit, unser Handeln im Gesundheitssystem sowie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bewirken, erfordern eine gezielte, koordinierte und umfassende Transformation sämtlicher Sektoren des Gesundheitswesens. Dabei gilt es, durch umfangreiche Anpassungen ein nachhaltiges, aber auch resilientes Gesamtkonzept zu erschaffen. Der entscheidende Moment in der Menschheitsgeschichte ist nur kollektiv erfolgreich zu bewältigen. Dieses Buch möchte den Lesenden zeigen, welche Dimensionen Planetary Health auf individueller und gesellschaftlicher Ebene beinhaltet. Darüber hinaus soll das Werk vor allem konkrete Vorschläge machen, wie der Umfang der Krisen verringert werden kann und wie mit deren nicht verhinderten Folgen umgegangen werden könnte. Hieraus leiten sich gemeinsame Pfade ab, die aufzeigen, wie die untrennbare Verbindung von planetarer und menschlicher Gesundheit im Alltag gelebt und umgesetzt werden kann.
Das Wichtigste in Kürze
Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten.
Die planetaren Grenzen unserer Lebensgrundlage sind erreicht.
Jetzt ist der Zeitpunkt, um mit Planetary-Health-Konzepten Anpassungen für ein nachhaltiges und resilientes Gesundheitssystem zu bewirken.
Eberhard Karls Universität Tübingen (2023) Mediendozentur 2023. URL: https://www.youtube.com/watch?v=yI-YjM8-Yizg&t=1s (abgerufen am 20.02.2024)
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„Die Verbrennung fossiler Brennstoffe bringt uns um. Der Klimawandel ist die größte Gesundheitsbedrohung für die Menschheit.“ (WHO 2021)
Die Klimakrise ist inzwischen auch in unseren Arztpraxen angekommen. Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und Starkregenkatastrophen mit Überschwemmungen – dass solche extremen Ereignisse direkte Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben, ist selbstverständlich. Daneben verursacht die Erderhitzung noch viele weitere „indirekte“ Gesundheitsgefahren. Veränderungen im Klimasystem beeinträchtigen Lieferketten und führen zu Versorgungsengpässen, es kommt u.a. zum Anstieg von lebensmittel-, wasser- und vektorübertragenen Erkrankungen, von Allergien und psychischen Krankheiten, wie Abbildung 1 zeigt.
Unsere Patient:innen tragen diese Gesundheitslast, besonders diejenigen, die aufgrund sozialer Umstände, chronischer Erkrankungen oder sonstiger Vulnerabilitätsfaktoren besonders wenige Möglichkeiten haben, sich zu schützen oder anzupassen. Es liegt in unserer medizinischen Verantwortung, diese Last zu lindern und sie optimal zu versorgen. Dazu müssen wir in der Lage sein, klimabedingte Gesundheitsgefahren zu erkennen und uns darauf vorzubereiten.
Abb. 1 Direkte und indirekte Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit. CC BY 4.0 Robert-Koch-Institut (Hertig et al. 2023)
Das Jahr 2023 war das heißeste seit mindestens 125.000 Jahren (Tagesschau 2023). Die steigenden Temperaturen haben weltweit zahlreiche negative Effekte – dazu zählen lebensbedrohliche anhaltende Hitzewellen, die das Potenzial haben, ganze Regionen unbewohnbar zu machen, und Ernteeinbrüche durch extensive Dürre (IPCC 2023).
Aufgrund der derzeitigen globalen Erwärmung von 1,2°C sind in Deutschland seit den Neunzigerjahren knapp neun „heiße Tage“ (30°C oder mehr) jährlich hinzugekommen. Dies führt zu längeren und intensiveren Hitzewellen. Bei ausbleibender Emissionsreduktion wird für die Jahre 2021 bis 2050 eine Zunahme von weiteren ca. 5 bis 10 „heißen Tagen“ in Nord- und ca. 10 bis 15 „heißen Tagen“ in Süddeutschland erwartet (Deutsches Klima-Konsortium et al. 2022). Von der zunehmenden Zahl anhaltender Hitzewellen sind gerade im dicht besiedelten Deutschland oft sehr viele Menschen betroffen. Dies tangiert natürlich auch im Rettungsdienst bzw. Gesundheitswesen arbeitende Menschen, wodurch ein System, das ohnehin überlastet ist, an seine Grenzen gerät. Hitze ist somit die Folge der Klimakrise, die dem Gesundheitswesen in den nächsten Jahrzehnten die größten Anstrengungen abverlangen wird.
Pathophysiologie: Bei Hitze kommt es zur Vasodilatation der Hautgefäße und zu vermehrter Schweißsekretion mit entsprechendem Elektrolytverlust. Über die Lunge wird ebenfalls Wärme abgegeben, was zu einer leicht erhöhten Atemfrequenz führt. Die Weitstellung der Hautgefäße senkt den Blutdruck, reduziert Durchblutung von Nieren und Leber und erfordert eine erhöhte Herzfrequenz und somit eine vermehrte Leistung des Herzens (Winklmayr et al. 2023). Auch wird durch Hitze und Flüssigkeitsverlust und damit erhöhte Blutviskosität sowie u.a. eine hitzebedingte Aktivierung des Gerinnungssystems und Thrombenbildung begünstigt (Leyk et al. 2019).
Medikamente: Die Freisetzung, Verteilung, Wirkung oder Wirkdauer zahlreicher Medikamente kann bei Hitze verändert sein. So können beispielsweise Diuretika und Antihypertensiva in Hitzephasen die Kreislaufsituation verschlechtern und Nierenversagen begünstigen, Insulin und transdermal applizierte Opioide durch die erhöhte Durchblutung der (Sub-)Kutis schneller und stärker wirken oder anticholinerge Nebenwirkungen vieler Medikamente die Schweißbildung beeinträchtigen (Winklmayr et al. 2023, Leyk et al. 2019).
Vulnerable Gruppen: Schon heute sind in Hitzewellen die Sterberaten vor allem bei vulnerablen Gruppen erhöht – dazu gehören insbesondere Ältere (v.a. alleinlebende Personen), chronisch Kranke, Säuglinge, Kinder, Schwangere, Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, sozial schlechter gestellte Personen, Obdachlose und im Freien arbeitende oder Sport treibende Menschen (Winklmayr et al. 2023).
Neben dem Anstieg UV-assoziierter Erkrankungen wie Hautkrebs haben insbesondere anhaltend hohe Temperaturen direkte negative gesundheitliche Auswirkungen. Hitze kann u.a. zu Hitzeerschöpfung, Herzinfarkten, Dekompensation einer bestehenden Herzinsuffizienz, Schlaganfällen, Lungenembolie, akutem Nierenversagen und zur akuten Verschlechterung psychischer Erkrankungen führen. Bei Schwangeren ist u.a. eine erhöhte Rate von Frühgeburten in Hitzewellen beschrieben (Winklmayr et al. 2023, Leyk et al. 2019).
Kommt es gleichzeitig mit Hitze zu einer erhöhten Belastung mit Luftschadstoffen (z.B. bodennahes Ozon, das photochemisch unter solarer Einstrahlung gebildet wird), steigt insbesondere die pulmonale Belastung erheblich an (Winklmayr et al. 2023, Breitner-Busch et al. 2023).
„Hitze kann bestehende Beschwerden wie Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Atemwege oder der Nieren verschlimmern und bei zahlreichen Medikamenten teils schwerwiegende Nebenwirkungen auslösen. Während Hitzeperioden wird regelmäßig ein deutlicher Anstieg der Sterbefälle beobachtet.“ (Winklmayr et al. 2023)
Anhaltende Sonneneinstrahlung auf den Kopf kann zu Überwärmung des Gehirns mit zerebralen Folgen bis zum Gehirnödem führen – dem Sonnenstich. Eine Überhitzung des gesamten Körpers mit Temperaturen von mehr als 40°C verursacht die gefährlichste akute Hitzeerkrankung, den Hitzschlag. Dieser kann bei körperlicher Belastung mit muskulärer Wärmebildung schon bei relativ niedrigen Temperaturen auftreten und auch Gesunde unvermittelt treffen. Der Hitzschlag ist ein absoluter Notfall mit hohem Sterberisiko. Er muss schnellstmöglich diagnostiziert und Kühlmaßnahmen eingeleitet werden (Winklmayr et al. 2023, Leyk et al. 2019).
All diese Faktoren erklären die deutlich erhöhte Morbidität und Mortalität insbesondere vulnerabler Menschen in Hitzewellen. In den Todesursachenstatistiken taucht allerdings meist die durch Hitze verschlechterte Grunderkrankung als Todesursache auf, sodass die Erfassung von Hitzetoten auf Übersterblichkeitsmessungen zurückgreifen muss (Winklmayr et al. 2023).
Mehr Informationen und Schulungsmaterial für Gesundheitspersonal finden sich z.B. unter https://hitze.info
Die Klimakrise beeinflusst Auftreten, Häufigkeit und Ausprägung allergischer Erkrankungen. In den letzten Jahrzehnten haben Allergien hierzulande erheblich zugenommen (Bergmann et al. 2023). Häufigster Auslöser allergischer Reaktionen – vor allem allergischer Atemwegsreaktionen wie Rhinokonjunktivitis und Asthma bronchiale – sind die in Pollen enthaltenen Allergene. Im Rahmen der Erderhitzung verlängert sich die Vegetationsperiode und damit die Pollenflugsaison. So hat sich z.B. die Blüte der Hasel seit den Fünfzigerjahren um etwa einen Monat verfrüht; in sehr warmen Wintern können bereits ab November Haselpollen und parallel dazu die letzten Gräser- oder Brennnesselpollen nachgewiesen werden. Polysensibilisierte Pollenallergiker:innen können so bereits heute fast ganzjährig an allergischen Symptomen leiden. Steigende CO2-Konzentrationen als Wachstumsfaktor führen zusätzlich zu einer Zunahme der Pollenmenge. Die Erwärmung führt auch zur Verbreitung neuer Pollen-produzierender Pflanzen in Deutschland, wie der sehr allergenen Ambrosia-Pflanze (Bergmann et al. 2023).
Besonders ungünstig ist die Kombination von Pollen und Luftverschmutzung, da einige Luftschadstoffe an Pollenallergene binden und somit die allergische Reaktion verstärken. Die durch Luftschadstoffe ausgelösten chronischen Entzündungen der Atemwege bei anhaltender Exposition stören zudem die Schleimhautbarriere. Dies erhöht das Auftreten allergischer Reaktionen, da eingeatmete Allergene leichter in Kontakt mit Immunzellen kommen (Bergmann et al. 2023).
In klimabedingt häufigeren Hitzewellen entstehen zudem vermehrt sogenannte sekundäre Aerosole – die Feinstaubbelastung steigt. Hinzu kommen in der Klimakrise bei anhaltender Dürre vermehrt Feinstaubbelastungen durch Waldbrände und das Aufwirbeln ausgetrockneter Böden. Diese Faktoren können sich ungünstig summieren und die respiratorische Belastung sensibilisierter Menschen erheblich verstärken (Breitner-Busch et al. 2023).
Die Klimakrise führt zu mehr allergischen Reaktionen – durch u.a. eine längere Pollensaison, höhere Pollenkonzentrationen, einer Veränderung der Pollenallergene und Verbreitung neuer Pollenarten sowie durch Interaktionen mit und Verstärkung der Bildung von Luftschadstoffen.
Der Blick auf stattfindende und bevorstehende Klimakatastrophen und eigene Erfahrungen mit der Klimakrise triggern psychische Reaktionen wie Trauer und Ängste. Diese Reaktionen sind per se nicht pathologisch, sondern als angemessene emotionale Reaktionen zu werten. Sie können jedoch psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen triggern oder aggravieren. Die deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) erwartet hierdurch eine zunehmende psychische Belastung der Bevölkerung sowie der psychologisch-psychiatrischen Versorgungsstrukturen (DGPPN 2022).
„Die Auswirkungen des Klimawandels auf die psychische Gesundheit sind dramatisch. Die Klimakrise lässt zusätzliche Belastungen entstehen, die zu neuen Syndromen führen und insgesamt den psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungsbedarf der Bevölkerung drastisch erhöhen.“ (DGPPN 2022)
Besonders problematisch ist die zunehmende psychische Beeinträchtigung von Kindern und Jugendlichen, die bereits durch die Corona-Pandemie vorbelastet sind. Diese haben durch ihre relativ machtlose gesellschaftliche Stellung sowie den Ausblick auf eine lange Lebenszeit in einer sich stark verändernden Welt ein höheres Risiko, psychisch zu erkranken. In dieser Altersgruppe sind die Versorgungsstrukturen bereits heute überlastet. Der Prävention psychischer Erkrankungen kommt hier somit eine noch größere Bedeutung zu. Beispielhaft für die psychische Vorsorge durch die Förderung des Selbstwirksamkeitserlebens kann das ehrenamtliche webbasierte Projekt „Kit Klimamonster“ (https://www.klima-kit.de) genannt werden.
Aufgrund der zu erwartenden Aggravierung der psychischen Situation nicht nur junger Menschen im Rahmen der Klimakrise müssen präventive Ansätze dringend ausgeweitet werden (DGPPN 2022).
Die Erderhitzung führt zu längeren Aktivitäts- und Überlebensphasen krankheitsübertragender Vektoren wie Zecken und Mücken, Vektorpopulationen werden größer. Es breiten sich zunehmend neue wärmeliebende Vektoren wie die Tigermücke Aedes albopictus oder Hyalomma-Zecken in unseren Breitengraden aus. Auch besteht bei wärmerem Umfeld ein höheres Risiko der Keimübertragung durch heimische Stechmücken (Beermann et al. 2023).
Es ist neben einer bereits stattfindenden vermehrten Verbreitung des FSME-Virus in Deutschland mit konsekutiv immer größeren Risikogebieten (und entsprechend auszuweitenden Impfanstrengungen gegen FSME) auch damit zu rechnen, dass es zu zunehmenden Fällen von Borreliose kommen wird. Auch tropische Krankheitserreger werden hierzulande relevant – insbesondere das West-Nil-Fieber (in Deutschland bereits lokal endemisch) sowie das Dengue-, Zika- und Chikungunya-Virus (Beermann et al. 2023). Damit kommen auf die Gesundheitsversorgung in Deutschland völlig neue, problematische Herausforderungen zu.
Vektoren- und wasserübertragene Infektionskrankheiten sowie lebensmittelassoziierte Infektionen werden im Rahmen der Erderhitzung zunehmen. Es wird sowohl zu einer Vermehrung der Erkrankungsfälle an hierzulande bekannten Erregern als auch zu einer Verbreitung neuer Erkrankungen kommen.
Auch per Wasser übertragene Krankheiten nehmen zu. Hierzu gehören beispielsweise schwere Wundinfektionen bis hin zur Sepsis durch Nicht-Cholera-Vibrionen, die diese bei immunkompromittierten Menschen auslösen können. Genauso sind vermehrt Erkrankungen durch Fäkalkeime in beispielsweise Badegewässern, in die bei Starkregen häufig überlaufende Abwässer eingespült werden, bei steigenden Wassertemperaturen zu erwarten. Extremwetterereignisse begünstigen zudem die Infektion mit humanpathogenen enteralen Viren, wie Noroviren, Rotaviren, Enteroviren sowie Hepatitis-A- und Hepatitis-E-Viren durch kontaminierte Gewässer (Dupke et al. 2023).
Warme Temperaturen unterstützen bekanntermaßen Ausbrüche von Salmonellose und Campylobacter-bedingten Darminfektionen mit teils schweren Verläufen insbesondere in Risikogruppen. In den letzten Jahren wurden hier bereits Anstiege im Rahmen der länger anhaltenden höheren Temperaturen gezeigt. Neben Starkregenereignissen und Veränderungen von Lufttemperatur und -feuchtigkeit führen auch Faktoren wie die – durch Wasserknappheit erforderliche – zunehmende Nutzung von Abwässern zur Bewässerung in der Landwirtschaft zu erhöhten Risiken der Kontamination von Lebensmitteln mit Erregern wie Kryptosporidien und Giardia lamblia (Dietrich et al. 2022).
Es ist zu erwarten, dass wasser- und lebensmittelassoziierte Infektionen infolge der Klimakrise in den kommenden Jahrzehnten einen deutlichen Anstieg erleben werden.
Angesichts der zahlreichen gesundheitlichen Auswirkungen der Erderhitzung ist es unerlässlich, dass sich das Gesundheitspersonal auf die adäquate Behandlung klimaassoziierter Erkrankungen vorbereitet. Inzwischen stehen einige Formate zur Aus-, Fort-, und Weiterbildung zur Verfügung (s. Kap. „EXKURS: Transformative Bildung im Kontext von Planetary Health“).
Das Wichtigste in Kürze
Die Klimakrise ist die größte Gesundheitsbedrohung unserer Zeit. Alle Menschen sind davon betroffen, jedoch überproportional der Globale Süden, aber auch ökonomisch schlechter gestellte Menschen in Deutschland. Extremwetterereignisse verursachen lokale Katastrophen und unterbrechen Lieferketten; das Gesundheitswesen inklusive des ambulanten Sektors ist jedoch auch durch viele weitere klimakrisenbedingte Gesundheitsgefahren zunehmend belastet.
Hitze ist die größte klimabedingte Gesundheitsgefahr und kann neben einer Verschlechterung chronischer Erkrankungen bis hin zum Tode auch über den Hitzschlag unmittelbar zu Lebensgefahr führen. Besonders betroffen sind vulnerable Gruppen – in Hitzewellen sind prinzipiell aber alle Menschen der entsprechenden Region gefährdet. Die einzige kausale Therapie ist die Begrenzung der Erderhitzung durch die massive Reduktion von Treibhausgasemissionen. Als Maßnahme der Anpassung sollten flächendeckend Hitzeaktionspläne zum Einsatz kommen.
