Die gruseligsten Orte in München -  - E-Book

Die gruseligsten Orte in München E-Book

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Beschreibung

Zwölf gruselige Kriminalgeschichten von zwölf Autoren über zwölf reale Orte in München, angelehnt an Ereignisse und Legenden von der Eisenzeit bis in die Gegenwart: Warum die Kelten ihre Heimat verloren und wie grausam sie ihre Feinde behandelten. Auf welche Weise eine Hebamme und der Scharfrichter die Faust Gottes entlarvten. Wie eine Frau trotz ihrer Unschuld in die erbarmungslosen Fänge der Inquisition geriet. Oder weshalb der Türmer von Sankt Peter vor Angst fast wahnsinnig wurde.

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2019

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L. Kreutzer / U. Gardein (Hrsg.)

Die gruseligsten Orte in München

Schauergeschichten

Zum Buch

Gruseln, schauern, fürchten Zwölf gruselige Kriminalgeschichten von zwölf Autoren über zwölf reale Orte in München, angelehnt an Ereignisse und Legenden von der Eisenzeit bis in die Gegenwart: Warum die Kelten ihre Heimat verloren und wie grausam sie ihre Feinde behandelten. Auf welche Weise eine Hebamme und der Scharfrichter die Faust Gottes entlarvten. Wie eine Frau trotz ihrer Unschuld in die erbarmungslosen Fänge der Inquisition geriet. Weshalb der Türmer von Sankt Peter vor Angst fast wahnsinnig wurde. Warum am Galgenberg das Armesünderglöckerl einfach nicht läuten wollte. Als ein Reisender befürchtete, in der Sülze des Wirts zu verschwinden. Wie ein Mann nachts auf dem Friedhof vom toten Vater eines Revolutionärs heimgesucht wurde. Warum die Schöpferin von Frankenstein weit über ihren Tod hinaus in München für Schaudern sorgte. Von der Banalität der Grausamkeit, die einem einfachen Mann in Stadelheim widerfuhr. Als ein unbescholtener Mann im Westpark im falschen Moment einem mordlüsternen Psychopathen begegnete. Über einen Mann, der an seinem Vater schier zu verzweifeln schien und dadurch einen Mord aufklärte. Von Ereignissen, die sich rund um die schrecklichsten Taten unserer Gegenwart abspielten.

Dr. Lutz Kreutzer wurde 1959 in Stolberg geboren und lebt in München. Er ist Autor von Thrillern und Kriminalromanen, coacht Autoren auf den großen Buchmessen sowie Kongressen und richtet den deutschsprachigen Self-Publishing-Day aus. Mehr unter www.lutzkreutzer.de

Uwe Gardein wurde 1945 in Berlin geboren und lebt in der Nähe von München. Er ist Autor von Kriminalromanen sowie historischen Romanen und erhielt das Förderstipendium für Literatur der Landeshauptstadt München.

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag von Uwe Gardein:

Das Mysterium des Himmels (2010)

Die Stunde des Königs (2009)

Die letzte Hexe (2008)

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Tales of Can / fotolia.com

Karte zu Beginn: Katrin Lahmer

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-6024-1

Inhalt

Zum Buch

Impressum

Inhalt

Karte

1  Der Wicker von Perlach

von Lutz Kreutzer

2  Die Faust Gottes

von Oliver Pötzsch

3  Brennen muss die Teufelsbuhle

von Ingeborg Struckmeyer

4  Der Türmer und der Teufel

von Manuela Obermeier

5  Die verstummte Glocke

von Iny Lorentz

6  Kalte Herberge

von Nicole Neubauer

7  Monsieur Robespierre

von Uwe Gardein

8  Über den Tod hinaus

von Martin Arz

9  Totmacherwelt

von Leonhard Michael Seidl

10  Herr über Leben und Tod

von Stefanie Gregg

11  Der Fluch der schwarzen Frau

12  Silhouetten – im Schatten der Tat

Herausgeber und Autoren:

Die Herausgeber:

Die weiteren Autoren:

Karte

 

http://grusel-muenchen.lutzkreutzer.de/

1  Der Wicker von Perlach

von Lutz Kreutzer

Auf dem Münchner Südfriedhof kann der aufmerksame Beobachter eine Geländeform unter einem Lindenhain erahnen, die auf eine keltische Festung zurückgeht: die »Viereckschanze in Altperlach«. Die Bezeichnung scheint ein wenig unglücklich, weil man sich unter einer Schanze kaum einen mächtigen Schutzwall vorstellen mag. Zu jener Zeit aber, die wir späte Eisenzeit nennen, als die Menschen eben hier Schutz suchten, habe sich im südlichen Teil Oberbayerns eine Katastrophe epochalen Ausmaßes zugetragen, welche die Welt in Schutt und Asche gelegt habe, so erzählt man sich. Doch alles begann viel viel früher.

*

Jenseits von Pluto

Seit einer Ewigkeit hing der Koloss aus Eis und Erz wie festgewachsen in etwa vierhundertfacher Entfernung der Erde von der Sonne in der Oort’schen Wolke. Der gefräßige Brocken war die letzten Hunderttausend Jahre stetig gewachsen und maß etwas mehr als einhundertzwanzig Kilometer im Durchmesser.

Als ein Stern das Gleichgewicht der Wolke durcheinanderbrachte, wurde der Koloss aus seiner Position gedrängt und stieß mit einem anderen zusammen. Eine gewaltige Explosion riss beide Himmelskörper auseinander.

Die Brocken rasten auf das Innere des Planetensytems zu. Einer von elf Kilometer Durchmesser kreuzte die Bahn des Jupiters, wo allmählich das Eis an seiner Stirn von der Sonne zu schmelzen begann. Die hell leuchtende, nebelige Koma aus Dampf, Gas und Alkohol schoss Millionen Kilometer in den offenen Weltraum hinaus.

Als dieser Komet dem Mars ein wenig zu nah kam, wurde er zum nächsten Planeten geschleudert, der glitzernd wie ein Saphir auf schwarzer Seide seine Bahn um die Sonne zog. Dieser Globus aus dunklem Wasser, blauer Luft und grünem Land fing ihn ein und ließ ihn mit zwölf Kilometern in der Sekunde flach auf seine Oberfläche zurasen. Der Komet tauchte in die Lufthülle ein, wurde jäh abgebremst und begann zu glühen. Kurz darauf explodierte er mit einem unvorstellbaren Knall und zerbarst in große und kleinere Trümmer, die wie eine lodernde Perlenkette auf den Erdboden zurasten.

Auf ihrer Bahn nach Südwesten überflogen die flammenden Brocken einen Kontinent aus Tundren und Wäldern, bevor sie sich in atemberaubender Geschwindigkeit einem See näherten, dessen glatte Oberfläche still in der Nachmittagssonne glitzerte.

Der schlimmste Tag

Es durchzuckt den Himmel, heller als jeder Blitz es vermag. Einer der Männer schreit auf. Weit oben eine Feuerkugel, die schnell größer wird und einen rauchenden Schweif hinter sich herzieht. Rasend schnell rollt sie über ihre Köpfe hinweg. Die Kugel zerschießt in unzählbare Einzelteile, wie an einer Schnur hintereinander aufgereiht am Firmament. Der Knall der Explosion folgt ein paar Sekunden später.

Frauen und Kinder rennen schreiend aus den nahen Hütten herbei und klammern sich an ihre Männer und Väter, die vor dem Eingang des Salzbergwerks1 stehen. Nur Una, die mit ihrem Gatten Kian und ihrem fünfjährigen Sohn Derek gerade erst angekommen ist, steht abseits und beobachtet genau, was passiert.

Die Feuerkugeln senken sich. Eine scheint in der Ferne genau dorthin zu zielen, wo Unas älterer Sohn Kai Haus und Schmiede der Familie hütet. Unas Mund bleibt weit geöffnet wie bei einem Schrei, doch sie bringt nichts hervor. Während alle anderen Frauen ihre Augen in den Armbeugen vergraben oder zu Boden sehen, starrt Una zum Horizont, ihre ausgestreckte Hand halbwegs schützend vor ihren Augen. »Kai«, winselt sie und streckt ihre andere Hand nach Kian aus, der fassungslos neben ihr steht.

Dann schlägt die Kugel ein. Die Erde steht in Flammen, heller als alles, was sie bisher gesehen haben. »Alle ins Bergwerk!«, schreit Alan, der neue Anführer, so laut er kann gegen den Lärm an und drängt die Umstehenden in Richtung Eingang. »Der Weltenuntergang!«, ruft ein älterer Mann. Panisch laufen die Menschen auf die Öffnung im Berg zu und rennen hinein. Wie eine unsichtbare Wand ergreifen glutheiße Winde die Umstehenden, doch die kühlen Gänge im Berg können die Fliehenden weitgehend vor der Hitze schützen.

Dann bebt das ganze Bergwerk. Der Boden schwankt. Balken und Gesteinsbrocken fallen von der Decke, ein paar Männer, die sich über ihre Frauen und Kinder beugen, werden getroffen. Schreie gellen. Doch das Gewölbe des Stollens hält dem Grollen des Bebens stand.

Die Männer, die von herabfallenden Steinen verletzt werden, verziehen ihre Gesichter vor Schmerz. Ein Mann und eine Frau, die draußen geblieben sind, kommen klagend in den Stollen gelaufen. Ihre Haare sind angesengt, ihre Augenbrauen verbrannt. Die Frau verbirgt ihr Gesicht, das wie nach einem Sonnenbrand stark gerötet ist.

Una schreit und reißt die Hände in die Höhe. »Kai!«, ruft sie erneut in die flirrende Luft, als könne ihr Schrei ihren Sohn retten. Sie krümmt sich und weint, ihr Schmerz scheint unerträglich, denn der Tod ihres Vaters, des alten Anführers Albin, seine Bestattung und sein Bergwerk haben zwar ihren Jüngsten, ihren Mann und sie vor dem Untergang gerettet. Doch ihre Heimat ist mit einem Schlag verbrannt und ausgelöscht.

Das Zeichen

»Die ewige Finsternis! Die Götter versinken in ewiger Ohnmacht, wie es unser Vater schon gefürchtet hat!«, sagt Unas jüngerer Bruder Vahan leise, als er gemeinsam mit Alan, seinem älteren Bruder und neuen Anführer der Sippe, den hölzernen Dolmen2 des Patriarchen verschließt. Vahan fröstelt, es ist kalt wie im Winter.

»Es will kaum Tag werden«, fügt Alan hinzu und blickt in den Himmel, der von dunklem Grau verhangen ist. Feiner Staub fällt aus der Luft und bedeckt das Land unter einer Schicht aus grauem Gesteinsmehl.

Una kann es kaum erwarten. Ihr Bruder hat beschlossen, sie, ihren Mann und ihren kleinen Sohn zu begleiten. Der überstürzte Abschied von der trauernden Sippe fällt schwer. Doch Vahan verspricht zurückzukehren, um von der Reise zu berichten und darüber, wo Kian, Una und der kleine Derek sich niederlassen werden. Denn eines ist ihnen allen klar: Kians Schmiede gibt es nicht mehr.

Insgeheim aber hofft Una, dass die Götter ihren Sohn Kai verschont haben. Doch die Hoffnung verlässt sie zusehends, je weiter sie durch verbranntes Land ziehen. Das plötzliche Schmelzwasser, das aus den nahen Bergen heranrauscht, hat die Flüsse über die Ufer treten lassen und die Weiden in Schlammebenen verwandelt. Schon bald kann der kleine Derek kaum noch weitergehen.

Nach vier kraftraubenden Tagen stehen sie am Rande einer Eindellung, die es zuvor hier nicht gegeben hat. Der letzte Wasserschlauch aus Ziegenfell ist fast leer, ihre Essensvorräte gehen zur Neige. Kein Baum lebt mehr, kein Strauch, keine Tiergeräusche sind zu hören. Alles ist tot. Die Erde riecht verkohlt.

Una hat Derek an der Hand und starrt in die endlose Trostlosigkeit. Kian geht in die Hocke und legt die Hand auf den Boden. Er zieht sie zurück. »Heiß«, ruft er erstaunt und schüttelt die Hand.

»Hier lebt nichts mehr.« Vahan lässt den Blick über die zertrümmerte Landschaft schweifen. »Wo ist … eure Behausung?«, fragt er mit gedämpfter Stimme.

Kian blickt in das flache Becken hinab, aus dem es dampft. Nichts ist mehr übrig. Der Weiler mit seinem Haus und die Schmiede sind einfach verschwunden. Er richtet sich langsam auf. »Dort unten muss sie gewesen sein«, sagt er mit gebrochener Stimme. »Wie kann das sein?«, fragt er ins Leere. »Wie kann ein ganzes Haus verschwinden?«

»Es sind drei Häuser«, sagt Una, jeder Regung beraubt. Sie zittert. »Dein Haus, und die beiden unserer Nachbarn.«

Kian nimmt sie an die Hand und führt sie von der Stelle weg. Vahan folgt ihnen, während der kleine Derek an der Seite seiner Mutter hängt und weint.

»Wir sind in einer anderen Welt angekommen, Kian«, sagt Una leise schluchzend. »Wohin sollen wir nur gehen?«, fragt sie. »Wir haben nichts mehr.«

»Wir gehen zu Raik und seiner Familie. Sie werden uns …«

»Raik hat nur eine kleine Hütte«, wirft Una ein. »Er kann uns nicht alle aufnehmen.«

»Doch«, sagt Kian entschlossen. »Er muss. Er ist mein Bruder. Sie werden uns helfen. Er hat eine kleine Schmiede. Ich werde sie neu bauen. Wir bauen ein Haus dazu, es wird schon gehen. Kommt, wir machen uns auf den Weg.«

»Eine neue Schmiede?«, fragt Una ungläubig. »Du hast niemand mehr, der dir etwas abkauft, Kian. Für wen willst du schmieden?« Ihre Stimme klingt gereizt.

Kian sieht zu Boden, dann hebt er den Blick und legt den Kopf zur Seite. Vahan sieht in seinem Gesicht, dass ihn etwas beschäftigt. Er blinzelt in den Himmel. »Vielleicht hat er uns etwas geschickt«, murmelt Kian leise vor sich hin.

»Wohin gehst du?«, fragt Vahan und zieht die Augenbrauen kraus.

»Ich habe ein Gefühl, dem ich nachgehen muss. Für irgendwas muss das alles gut sein«, sagt Kian. »Eine solche Strafe haben wir nicht verdient. Gib acht auf Una und Derek. Macht eine Pause.«

Vahan geht zu Una, die immer noch reglos neben dem quengelnden Derek steht, setzt sich neben sie auf einen warmen Stein und nimmt Derek auf seinen Schoß.

Kian schreitet langsam am Rand des Kraters entlang. Ab und zu bleibt er stehen und stochert mit seinem Schwert im Boden herum. Dann bückt er sich, hebt eine Hand voll Erde auf und betrachtet sie eindringlich. Er geht erneut zwei Schritte und stochert, und ein drittes Mal. Dann winkt er Vahan zu sich.

Er hält seinen Lederbeutel in der Hand, öffnet ihn und gibt Vahan den Rest Brot, den er darin aufbewahrt hat. »Hier, nimm das. Steck es in deinen Beutel, Vahan.«

Vahan verstaut das Brot und hockt sich neben ihn. Kian nimmt Vahans Hand. »Vorsicht, es ist sehr warm«, mahnt er, bevor er den Inhalt seiner Hand vorsichtig hineinrieseln lässt. Vahan sieht es sich näher an. Was er erkennt, lässt ihn derart staunen, dass er den Kopf zurückzieht. Er erkennt in der Erde eine Anhäufung kleiner, schwarzer Kugeln in seiner Hand, kleiner als Grassamen. »Was … was ist das?«, fragt er.

»Ich weiß es nicht. Sie sind sehr hart. Und sehr schwer. Aber eines ist sicher, Vahan. Das hat Taranis3vom Himmel geschickt.«

Vahan erschrickt.

»Wer sonst hätte das bewirken können?«, fragt Kian. »Diese Kugeln habe ich nie zuvor gesehen. Sie sind überall.« Er macht eine ausschweifende Bewegung mit dem Arm. »Es ist ein Zeichen. Es ist für mich bestimmt. Das Ding aus dem Sternenmeer hat nicht irgendwas, sondern meine Schmiede getroffen!«

Vahan ist sprachlos. Dann murmelt er: »Ein Zeichen. Glaubst du, dass du damit etwas anfangen kannst?«, fragt er und deutet auf die Erde in seiner Hand.

»Ich weiß es nicht. Aber ich werde es versuchen. Ich werde ein Schwert aus den Kugeln schmieden. Ein Schwert aus dem Himmel.«

Kian fährt fort, seinen Beutel mit den schwarzen Kugeln zu füllen.

Vahan springt auf und läuft zu Una zurück. Er übergibt ihr das ganze Brot aus seinem Beutel. Er kommt zurückgerannt und ruft: »Wir füllen beide Beutel. Es soll ein großes, scharfes Schwert werden.«

Die Streuner

Lange ziehen sie den Weg entlang in Richtung Westen. Sie suchen die Sonne, doch der Himmel ist immer noch dunkel. Sie wollen zum großen See4. Una hat schon seit Stunden nicht mehr gesprochen, ihr klebt die Zunge am Gaumen. Derek wimmert vor sich hin. Bald werden sie Wasser finden und endlich trinken können, denkt sie. Immer wieder wischt sie dem erschöpften Jungen den Staub aus dem Gesicht.

Als sie an dem See ankommen, stehen sie vor dem Nichts. Kian sagt leise: »Kein Wasser!«

»Verschwunden«, flüstert Vahan.

Die verbrannten Bäume auf den beiden Inseln im See ohne Blätter, ihre verkohlten Äste hängen herab, der Boden vertrocknet und rissig. Am Ufer alles kahl. Keine Tiergeräusche, keine Mücken, nichts. Sie trinken die letzten Tropfen aus dem Wasserschlauch. Resigniert lassen sie sich nieder und schlafen mutlos auf dem noch warmen Boden ein.

Einen Tag lang gehen sie weiter nach Westen, geplagt von Hunger und Durst. Der Himmel ist verdunkelt vom Staub, die wärmende Sonne fehlt, und der Boden ist ausgekühlt. Derek fröstelt. Dann kommen sie zu einer angekohlten Hütte. Der Wald besteht nur noch aus versengten Stämmen. Kian geht näher auf die Hütte zu und sieht neben ihr den Kadaver einer Kuh. Kian ruft etwas. Ein gebückter Mann und eine alte Frau kommen heraus. »Was wollt ihr?«, fragt die Frau laut krächzend.

Kian wendet sich an den Mann, der sich mit beiden Händen an einem langen Stock stützt. »Habt ihr vielleicht Wasser für uns, und vielleicht einen Platz zum Schlafen? Meine Frau und der kleine Junge, sie …«

»Haut ab!« schreit die Frau noch lauter. »Wir haben keinen Platz für euch. Geht!«

Kian bleibt ruhig. »Ihr habt Glück. Euch ist nicht viel passiert. Weiter unten, von wo wir kommen, ist alles zerstört. Einfach weg, alles ist weg. Habt ihr andere Menschen gesehen?«

»Sie haben uns das Vieh gestohlen«, sagt der Mann leise. »Neun Männer. Sie haben nichts gesagt, als sie kamen. Unser Junge wollte sie vertreiben. Tapfer war er. Den ersten hat er noch in sein Schwert getrieben, die anderen haben ihn mit Knüppeln erschlagen. Dann haben sie mit seinem Schwert unsere Kuh geschlachtet.«

»Streuner!«, sagt Kian.

Der Alte nickt. »Ja, es waren Streuner. Überall Brandwunden, schmerzverzerrte Gesichter. Sie haben die Kuh massakriert, sie aufgeschlitzt und ihre Wunden in dem Blut gebadet. Dann haben sie das rohe Fleisch gefressen und sind wieder verschwunden. Mit unseren beiden Ziegen.«

»Was habt ihr dort am Gürtel?«, fragt die Alte und schielt auf den Lederbeutel, in dem Kian die Erde mit den schwarzen Kugeln aufbewahrt.

Kian legt schützend die Hand auf den Beutel und hält ihn fest. »Nichts, was euch interessieren könnte«, sagt er bestimmt.

»Zeigt her, was ihr dort habt, dann könnt ihr vielleicht das Wasser haben«, krächzt sie.

Der Alte schubst seine Frau zur Seite. »Hört nicht auf sie.«

»Ich bin Kian, der Schmied. Das ist meine Familie.« Er zeigt auf die drei anderen. »Mein Schwert, Vahan und ich, wir können euch beschützen. Dürfen wir nun von eurem Wasser nehmen?«, fragt er.

»Nehmt euch Wasser dort aus dem Brunnen«, sagt der Alte, »aber er ist fast versiegt. Und dann geht wieder. Wir haben nichts mehr, was ihr beschützen könntet.«

Der Wall

»Kian, ihr lebt!«, ruft Raik überrascht und blickt zu seinem Bruder auf, der ihn um mehr als einen Kopf überragt. »Wir haben schon gedacht, ihr seid alle tot.« Er tritt einen Schritt zurück und streckt zur Begrüßung die Arme aus, was Kian erschöpft erwidert. Kians tellergroßen Hände lassen die seines Bruders fast vollständig verschwinden. »Kommt herein«, bittet Raik die Ankömmlinge. »Mila, gib ihnen heiße Milch. Sie sehen aus, als brauchen sie dringend Stärkung!«

»Ihr kennt Vahan noch nicht«, sagt Kian in die Runde. »Unas jüngerer Bruder.« Mila verneigt sich kurz. Sie geht zu Una und drückt sie fest an sich. »Una, Derek, kommt, setzt euch an den Tisch.« Sie nimmt Dereks Hand und führt ihn zu der hölzernen Bank.

In der Hütte brennt ein offenes Feuer. Hier ist es dunkel und rauchig, aber warm.

»Verdammt kalt geworden draußen«, bemerkt Raik.

»Ja, die Sinne sind verdunkelt vom Staub.«

Mila geht zur Feuerstelle hinüber, wedelt mit der Hand und kneift die Augen zusammen, gießt Milch in einen Kupferkessel und schwenkt ihn über dem Feuer. Der Rauch hängt unter dem kleinen Loch im Dach wie ein Bündel Wolle. »Seit Tagen zieht der Rauch nicht mehr ab. Der Himmel ist voller Staub«, sagt sie und gießt die heiße Milch in vier tönerne Schalen.

»Wir haben den großen Feuerball gesehen, den Knall und den Donner gehört. Von anderen haben wir erfahren, wie es dort zugegangen ist. Eine vorüberziehende Familie hat es uns erzählt. Sie waren auf dem Weg zu ihren Verwandten, die am großen Strom Donwy5 wohnen.« Raik zeigt mit der Hand nach Norden. »Wir haben ihnen zu essen und zu trinken gegeben. Aber … wie konntet ihr überleben?«, fragt er. »Der Feuerball war gewaltig!«

»Wir hatten großes Glück«, sagt Kian und erzählt ihnen, wie sie zum Bergwerk gezogen sind. »Vahan hat uns aufgesucht in unserem Haus«, sagt Kian. »Seit fünf Jahren haben er und Una sich nicht gesehen. Es war für Una nicht einfach, als Vahan uns erzählte, dass Albin, ihr Vater, gestorben ist.«

»Er war ein alter Mann«, sagt Vahan sanft mit tiefer Stimme. »Es kam für uns alle nicht überraschend.«

»Aber …, aber er hat Derek noch nie zu Gesicht bekommen«, klagt Una. Der kleine Derek sieht zu seiner Mutter auf. Sie weint. Als er seinen Namen hört, springt er auf und läuft zu ihr. Sie nimmt ihn in die Arme und drückt ihn an sich.

»Wo ist Kai?«, fragt Raik mit einem ahnenden Blick.

»Wir haben ihn nicht mehr gesehen«, sagt Una. »Er ist weg.«

»Weg?«, fragt Mila.

»Einfach weg«, antwortet Una. Raik und Mila starren sie an. »Hier, trinkt«, sagt Mila leise und reicht Una und Derek die Schale mit Milch. Una rührt die Milch nicht an. Derek trinkt gierig davon und setzt die Schale erst auf den Tisch, als sie leer ist.

»Es wird eine unruhige Zeit werden, Raik«, sagt Kian und legt seinem Bruder die Hand auf die Schulter. »Es sind Streuner unterwegs. Sie nutzen die Lage für sich. Sie überfallen Bauern und töten Mensch und Vieh.«

»Hör zu, Kian. Ich weiß nicht, wohin ihr unterwegs seid. Aber seid vorsichtig«, sagt Raik mit ahnungslosem Blick.

Kian sieht ihn lange an. »Raik, wir können nirgendwo hin. Wir haben nichts mehr. Unser Haus, die Schmiede, unser Erstgeborener. Alles nicht mehr da. Der Himmel hat alles vernichtet. Unsere Vorräte sind zu Ende. Die letzten Tage waren hart. Wir sind froh, hier zu sein.«

»Vernichtet? Wie kann das bloß sein?«

»Er wäre auch uns auf den Kopf gefallen. Wenn wir nicht zu den Bergleuten gegangen wären. Zu Unas Sippe.«

Raik nickt, seine Brauen und sein Mund aber verraten, dass er immer noch nicht versteht.

»Als wir am Bergwerk ankamen, war der Dolmen schon errichtet, um Albin für immer aufzunehmen, als plötzlich das Feuer hinter uns vom Himmel fiel und Kai …« Er macht eine Pause. »Wir sind hier bei dir, weil wir bleiben müssen.«

Raik atmet tief durch, will etwas sagen.

»Das ist keine Frage«, kommt Mila ihrem Mann zuvor. »Natürlich bleibt ihr. Wir rücken zusammen. Und sei auch du uns willkommen, Vahan.«

»Was ist, wenn die Streuner kommen?«, fragt Raik und kaut einen Fingernagel.

»Es ist gut«, sagt Vahan, der einen Schritt vortritt, »dass wir bei euch sind. Dann haben wir drei Schwerter.«

Mit verschlagenem Blick sieht Raik zu Mila hinüber und nickt vorsichtig. »Mit Finn, dem Nachbarn, sind es vier. Er ist ein kräftiger Kerl und ein guter Freund. Seine Frau und Mila versorgen unsere Familien oft gemeinsam. Und sein großer Sohn ist auch schon kräftig.«

»Hört zu«, ergänzt Kian. »Wir wollen euch nicht zur Last fallen in eurem Heim. Wir bauen uns eine eigene Hütte. Nebenan. Deine kleine Schmiede, ich werde sie für uns ausbauen.« Als er das sagt, betastet er den Beutel an seinem Gürtel.

Raik bemerkt es, wendet seinen Blick auf Kians Hand und fragt: »Was trägst du in dem Beutel?«

»Ich werde es dir zeigen, wenn ich deine Schmiede ausbauen darf«, sagt Kian. »Es kommt aus dem Himmel.«

»Ihr seid uns willkommen«, sagt Raik und richtet sich auf. »Aber was hier gebaut wird, das bestimme ich.« Mit trotzigem Blick versucht er Kian standzuhalten und wartet auf seine Reaktion.

»Es ist doch genügend Platz hier innerhalb eures Walls. Wenn du uns hilfst, Raik, dann können wir es vor dem Winter schaffen.«

Raik sagt nichts, doch seine Mundwinkel zittern.

Vahan tritt von hinten an Kian heran, legt ihm die Hand auf die Schulter und drückt sanft zu.

»Raik, du hast doch erst heute einen Hirsch erlegt«, ruft Mila plötzlich. »Er wird für ein paar Tage reichen, für uns alle. Und ich werde mit Una gemeinsam ein paar kräftige Brote mehr backen.«

Kian lehnt sich zurück, tätschelt Vahans Hand, bewegt den Kopf kurz nach hinten und wendet sich an Raik. »Danke, mein Bruder. Dann können wir morgen gleich mit dem Bau beginnen.«

Raik sieht seinen Bruder resigniert an und nickt schließlich. »Als Erstes werden wir aber die Schanze höher bauen«, sagt er. »Wir haben schon vor drei Wintern damit angefangen, aber der Wall ist nicht fertig geworden. Ich frage morgen bei Sonnenaufgang Finn, unseren Nachbarn. Der Wall muss uns schützen, nach allen Seiten. Wir müssen uns gegen die Streuner verschanzen.«

Der Bruderstreit

»Gut so!«, ruft Raik über den Wall gebeugt. Finn sieht nach oben, winkt ihm zu und harkt weiter Lehm aus dem Graben, während sein zwölfjähriger Sohn einen der Weidenkörbe damit füllt. Der Atem der Männer kondensiert vor ihren Gesichtern. Es ist immer noch dunkel und bitterkalt, wie schon die letzten Tage. Ungewöhnlich für die Jahreszeit.

»Hochziehen!«, ruft Finn seinem älteren Sohn Gael zu, der oben auf der Wallkrone steht. Der Junge zieht am Seil.

»Kian, was ist los mit dir?«, fragt Raik gereizt, während er ein Reisigbündel auf den Wall wirft. »Seit heute Morgen redest du nicht mit uns. Was hast du?« Raik streut die Zweige gleichmäßig auf die fest gestampfte Lehmschicht in der Verschalung aus Weidengeflecht, ohne Kian aus den Augen zu lassen.

Kian schüttelt den Kopf und verteilt den klebrigen Lehm auf die Reisigfläche, bevor er den Korb wieder hinunterwirft.

Vahan beginnt, den Lehm mit einem flachen Stein festzuklopfen. »Ich weiß, woran er denkt. An sein Himmelsschwert«, sagt er angestrengt, als er den Stein in die Höhe wuchtet.

Raik sieht ihn argwöhnisch an. »Gibt es etwas, was ihr mir sagen wollt?«, fragt er barsch an Kian gewandt.

Kian schüttelt den Kopf. »Nein, ist schon gut. Mach weiter, Raik.«

Raik wird wütend. »Los, sag schon«, schreit er. »Das hier ist mein Besitz, hier bestimme ich, was passiert. Du hast hier nichts zu entscheiden!« Zornig packt er Kian beim Gürtel. »Los, sag, was du mir verschweigst! Was trägst du in dem Beutel bei dir?«

»Raik, lass gut sein«, sagt Kian und reißt Raiks Hand von seinem Gürtel weg.

Das macht Raik noch wütender. »Du kommst hierher, bringst deine ganze Familie mit und verlangst von mir einen Unterschlupf. Und jetzt spielst du dich auf, als wärst du der Sippenführer!«, schreit Raik ihm ins Gesicht.

Vahan geht dazwischen. »Hey, hey, langsam. Brüder streiten sich, ja. Das war bei mir und meinem Bruder auch so. Aber nicht jetzt. Spätestens die Streuner werden euch zeigen, dass ihr zusammenhalten müsst. Also lasst das!« Vahan rüttelt an Raiks Arm und hält Kian mit dem anderen Arm auf Abstand. Kian entspannt sich.

»Raik, dein Bruder macht sich Sorgen.«

»Was ist das mit dem Himmelsschwert, was ist in euren Beuteln?«, schleudert Raik Vahan voller Zorn entgegen. Dann zu Kian: »Was kochst du wieder für ein Süppchen mit deinem Taranis, Gott des Donners?«, spottet er. »Er hat dein Haus zerstört und dir den Sohn genommen, begreifst du das nicht? Du und deine Götter, erbärmlich ist das. Und war es schon immer!«

»Du bist gottlos, Raik«, sagt Kian ruhig. »Daran kann ich nichts ändern. Aber ich kann etwas tun, um uns zu beschützen.«

»Raik, es ist wegen den Streunern«, sagt Vahan. »Beruhige dich. Dein Bruder kennt sie.«

»Die Streuner haben Knüppel aus Holz«, sagt Raik und zieht sein Schwert langsam aus der Ziegenlederscheide.

»Sie haben sich bewaffnet«, antwortet Kian. »Mit Schwertern, wie wir sie haben. Jetzt, da sie aus ihren Löchern kriechen, werden sie noch gefährlicher, weil sie sich zusammenrotten. Ihre Zeit ist gekommen. Und eure Schanze ist weit und breit der einzige Hof, wenn man von Süden kommt.«

»Ja und? Deshalb bauen wir doch diesen Wall aus«, gibt Raik zurück.

»Ja, schon. Aber wie lange kann dieser Wall die Meute dieser blutrünstigen Geschöpfe aufhalten?«, fragt Vahan. »Die Streuner sind eine Bande von verkommenen Taugenichtsen, und sie haben nichts zu verlieren.«

Raiks Gesicht verfinstert sich. »Der Graben muss noch tiefer werden, und der Wall noch höher!«, schreit er seinem Freund Finn zu, als suche er nach einem Verbündeten. Der nickt.

»Raik, hörst du mir zu?«, fragt Vahan ihn.

»Was ist schlecht an dem Wall?«, will Raik trotzig wissen.

»Nichts ist schlecht daran. Nichts«, schließt Vahan. »Aber wir brauchen neue Waffen. Bessere Waffen!«

»Neue Waffen? Warum?«

Kian mischt sich ein. »Die Streuner haben früher die Menschen überfallen, sie verprügelt und halb tot liegen lassen. Jetzt haben sie Schwerter. Sie töten die Menschen, eine Mörderbande! Wir brauchen bessere Schwerter, die ihre zerschlagen können. Und ich kann sie schmieden. Mit dem hier!«, sagt er und hebt den Beutel in die Höhe vor Raiks Gesicht.

Raik zischt spöttisch. Bevor er etwas erwidern kann, hängt Kian den Beutel zurück an den Gürtel und fügt hinzu: »Kommt, lasst uns den Wall weiterbauen.« Dann wendet er sich ab.

Das Schwert

Die raue Melodie der Hammerschläge lässt die Nacht keine Ruhe finden. Vahan steht an dem faltigen Balg aus Schweinsleder, den er ohne Unterlass bewegt, um mit dem Luftstrom die Kohlen in der kleinen Esse zu befeuern. Unermüdlich schlägt Kian auf das beinlange Eisen ein, das er wieder in die Kohlen legt, bis es weiß glüht.

»Ist es nicht zu lang?«, ruft Vahan ihm zu.

»Raik wollte wohl einen Beschlag daraus machen, ich probier es einfach aus«, antwortet Kian.

Neben der kleinen Esse steht eine Schale mit den schwarzen Kugeln vom Rand des Einschlagkraters, die Kian mit Wasser von der Erde befreit hat. Ein Drittel der Kugeln arbeitet er vorsichtig in die eiserne Strecke ein. Er nickt Vahan zu, der den Balg noch kräftiger bedient. Sofort lodert das Feuer auf. Kian bringt das Eisen zum Glühen, faltet und verflacht es mit seinen kräftigen Hammerschlägen und nickt Vahan erneut zu, bevor er es in die Glut zurücklegt. Zwanzig Mal faltet er das Eisen auf diese Weise und schmiedet es mit den Kugeln zusammen, legt es zum letzten Mal in die Glut. Dann klopft er es an beiden Rändern über die gesamte Länge dünner und nach vorn spitz zu, bis die Form eines Schwerts erkennbar wird. Durch die Bearbeitung mit Kians Hammer ist es an den Schneiden messerscharf. Kian taucht die Klinge in eine Wanne mit Hirschblut, das augenblicklich zischend verdampft.

Vahan rümpft die Nase. »Es stinkt bestialisch, aber es macht sie hart«, sagt er grinsend.

Kian hält das Schwert in die Höhe und blickt an der scharfen Klinge entlang.

»Ein so langes Schwert hat noch niemand geschmiedet, Kian.«

»Bring Raik her«, sagt Kian, schneidet ein Stück Leder aus einer Haut und umwickelt damit den nicht zur Klinge geschmiedeten Teil des Schwertes, sodass ein Knauf daraus wird.

Als Raik eintritt, geht Kian auf ihn zu und hält ihm das lange Schwert entgegen. »Nimm es und schlag zu, so fest du kannst«, fordert Kian ihn auf und hält sein altes Kurzschwert schräg in die Höhe.

Raik starrt ihm in die Augen. Dann umfasst er den Lederknauf fest mit beiden Händen, holt weit aus, schreit aus voller Kehle und schlägt mit brachialer Kraft auf Kians Schwert ein. Mit einem unerträglich hellen Ton zerschellt das kurze Schwert in Kians Hand, während Raik die vibrierende Klinge unbeschadet in den Händen hält. Er steht wie angewurzelt da. Raik lacht laut auf. »Mein Bruder, mit einem halbierten Schwert in der Hand!« Sein Lachen klingt wahnsinnig.

»Es ist jetzt deines«, beruhigt ihn Kian.

Raik sieht auf das Schwert in seinen Händen und flüstert: »Dieses Schwert bringt Unglück.« Zischend fügt er hinzu: »Niemand kann ein solches Ding für den Kampf verwenden. Man muss es mit zwei Händen halten, ohne Schild.« Mit weit aufgerissenen Augen sieht er Kian an. »Ich habe schon ein Schwert. Ich brauche deine Waffe nicht«, schließt er verächtlich, wirft das Langschwert zu Boden und verlässt die Schmiede mit langen Schritten.

Die Schlacht

Derek sitzt hinter dem Tisch, dreht den Kopf zur Seite und fragt Mila, die gerade dabei ist, einen Laib Brot aufzuschneiden: »Warum haben eigentlich alle Angst vor den Streunern?«

Mila stutzt überrascht. Sie setzt sich neben den Kleinen und antwortet: »Na ja, die Streuner plündern und stehlen, und manchmal schlagen sie Leute tot.«

»Aber wir, wir haben Schwerter«, sagt Derek laut.

»Und deshalb müssen wir keine Angst vor ihnen haben«, schiebt Una hinterher.

»Bekomme ich auch eines?«, fragt der Junge mit leuchtenden Augen.

»Ja, sicher. Aber jetzt noch nicht«, sagt Una und lächelt.

»Wann?«

»Erst, wenn du es durch die Luft schwingen kannst. Dazu musst du noch stärker werden und deinem Vater und Raik helfen, den Wall zu bauen.«

Der Junge nickt und erhebt sich mit einem lauten Gähnen.

Mila lacht. »Komm her, mein Kleiner.« Sie hebt den Jungen in die Höhe und setzt ihn auf ihre Schultern.

»Du bist zu nachsichtig mit ihm«, ermahnt Una ihre Schwägerin mit einem gütigen Lächeln. »Er muss lernen zu arbeiten. Als ich ein Kind …«

»Ja ja, ich weiß, Una«, sagt Mila gütig und setzt den Jungen wieder auf den Boden. »Als du in seinem Alter warst, musstest du in den Berg kriechen, um Salz zu schlagen. Und ohne deinen Vater Albin wärst du nicht die, die weiß, was harte Arbeit ist.«

Una senkt den Kopf, nickt und lässt einen melancholischen Zug um ihren Mund erkennen. »Ja«, haucht sie, »Albin, mein Vater, der große Anführer unserer Sippe«, sagt sie und fasst ihren Sohn bei den Armen, »die seit Anbeginn der Zeit in den Bergen lebt und arbeitet.« Derek sieht ihr in die Augen und hört gebannt zu. »Ich habe als Kind lernen müssen, mein Junge, durch die engen Stollen zu kriechen und nur im Licht eines glimmenden Holzspans zwischen meinen Zähnen das Salz aus dem Gebirge herauszuholen.«

»Hast du dich gefürchtet?«, fragt der Junge.

»Ja, ein wenig. Aber das Salz hat uns reich gemacht. Schon unsere Vorfahren hatten stets warme Kleidung, genügend Essen und feste Hütten. Dennoch war ich froh, als dein Vater, der Waffenschmied, mich nach fünfzehn Wintern zur Frau genommen und zu seiner Hütte in die sonnige Ebene weit vor den Bergen an den großen See geführt hat.« Sie schluckt und atmet tief.

»Und das ist der Grund, warum deine Mutter heute noch so gebückt herumläuft«, sagt Mila lachend.

»Und nun geh hinaus, hilf deinem Vater!« sagt Una und gibt dem Jungen einen Klaps auf das Hinterteil. Derek läuft strahlend hinaus.

Das Geräusch ist beängstigend. Derek kommt mit verzerrtem Gesicht ins Haus gelaufen und schreit: »Sie kommen.«

»Wer kommt?«, fragt Una, die mit Mila, Finns Frau und ihren Kindern am Tisch steht und Teig vorbereitet.

»Die Streuner. Draußen!«, schreit Derek außer Atem.

Kian steht in der Tür und nimmt sein Langschwert in die Hand, das er gleich neben dem Eingang in einer Nische bereitgestellt hat. »Beginnt mit dem Weidengeflecht, es wird Zeit für den Wicker6.«

»Raik will keinen Wicker!«, protestiert Mila.

»Tut, was ich sage!« befiehlt er kalt. »Fangt an. Wir werden unsere Feinde opfern, wie wir es immer schon gemacht haben!«, sagt er und verlässt das Haus.

»Es gibt nur noch eine Stelle, wo sie hochkommen können«, erklärt Finn und zeigt in Richtung Süden, wo der Wall über eine Strecke von etwa drei Meter noch nicht erhöht ist. »Alle anderen Stellen sind so tief, dass sie den Graben und den Wall nur mit langen Leitern überwinden könnten.«

»Was ist mit dem Eingang?«, fragt Kian.

Finn grinst. »Wir haben den Graben gestern Abend durchgezogen. Eine Brücke haben wir noch nicht gebaut. Und das Tor ist fest und dick.«

»Gut. Lass uns zusehen, was sie machen.«

Sie verteilen sich auf dem Wall und spähen nach allen Seiten. Doch die Luft, aus der immer noch vereinzelt grauer Puder fällt und die voller Nebel hängt, ist für ihre Blicke undurchdringlich.

Von der Ostseite ertönen wilde Schreie. Finns älterem Sohn steht die Angst ins Gesicht geschrieben.

»Finn, schick ihn nach Hause«, sagt Vahan leise.

Finn nickt, doch der Junge beschwert sich. »Vater, ich will bleiben!«

»Geh in die Hütte, Gael! Beschütze die Frauen und Kinder.« Widerwillig trottet der Junge ins Haus.

Aus dem Nebel tauchen zahlreiche Männer auf, schaurige Gestalten mit gnadenlosen Blicken und zerfurchten Gesichtern, die meisten bewaffnet mit Knüppeln und langen Stöcken, etwa zehn mit Schwertern. Kian zählt fast vier Dutzend Männer.

»Das werden wir schaffen müssen«, sagt Vahan ruhig.

Die Angreifer erkennen schnell, wo die Schwachstelle im Wall ist. Sie füllen den Graben unterhalb der Stelle mit Steinen und Reisig und springen hinüber an den Wall. Sie lehnen die langen Stöcke daran und hieven sich hoch.

Die vier wehren einen nach dem anderen mit harten Schwerthieben ab. Doch je mehr von den Angreifern getroffen in den Wallgraben zurückfallen, desto höher kommen die Nachrückenden, in dem sie auf deren tote Leiber steigen. Und zum Schluss kommen die mit Schwertern bewaffneten Männer. Sie schaffen es schnell hinauf bis zur Wallkrone, indem sie sich an dem Weidengeflecht des Gerüsts festhalten. Der Erste stürzt auf Finn los. Finn, ein kampferprobter und starker Mann, trennt dem Angreifer den Arm ab. Sofort ist der nächste Streuner zur Stelle. »Schlag die Weidenruten ab«, ruft Kian Finn zu.

Finn hackt auf die Hände der Männer ein, die sich an den Weidenstöcken festhalten. Nacheinander lassen sie los und springen zurück in den Graben oder weichen zur Seite aus.

Drei weitere Streuner finden unter Kians Hieben den Tod und fallen in das Innere der Wallanlage. Vahan stößt einem das Schwert in die Eingeweide und wirft ihn in den Graben. Ein riesiger Kerl, fast so groß und noch kräftiger als Kian, bewegt sich auf Raik zu. Er hebt seine Waffe und drischt auf Raiks Schild ein, der beim dritten Schlag zerbirst. Raik wehrt sich verzweifelt und tapfer. Kian sieht den Kampf aus dem Augenwinkel, ist mit zwei anderen Angreifern beschäftigt. Dann, bevor Kian eingreifen kann, schneidet der riesige Kerl Raik mit einem Satz die Kehle durch und stößt seinen Körper in den Graben hinab.