Die Habitate von Allcon - Luis Feder - E-Book

Die Habitate von Allcon E-Book

Luis Feder

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Beschreibung

Lennart, ein ganz normaler 33-Jähriger Mann, der eigentlich ein ganz überschaubares Leben führt, gerät eines Tages, durch eine Autopanne und weiteren Verstrickungen von Zufällen, in einen alten unentdeckten Nazibunker der Anlage des Fort Hahnebergs in Staaken bei Berlin. Dort findet er eine Maschine vor, die ihn ungewollt nach Allcon, in eine 40 Lichtjahre entfernte Zivilisation katapultiert. Die lebensfeindliche Umgebung macht Lennart die Rückkehr, trotz vieler kreativer Versuche, praktisch unmöglich. Lennarts Leben verändert sich schlagartig. Doch dann lernt er Zafina kennen, eine Allconerin, an die er sein Herz verliert. Wird sie seine Liebe erwidern? Wird er es schaffen zurückzukehren? Begleiten Sie Lennart auf dieses Abenteuer!

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Seitenzahl: 240

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Inhalt:

Kapitel:

Vorwort

01. Tagesgeschäft

02. Ankunft

03. Habitat

04. Hoffnung

05. Respiration

06. Volksvertreter

07. Dialog

08. Todax

09. Abwärtsspirale

10. Freiheitskämpfer

11. Urteil

12. Beistand

13. Unverhofft

14. Beweis

Danksagung

Vorwort

Disclaimer:

Alle aufgeführten Namen, Personen und Begebenheiten sind fiktiv und frei erfunden. Falls sich namentliche oder Übereinstimmungen von beschriebenen Begebenheiten ergeben sollten, so sind diese rein zufällig. Der Autor distanziert sich daher ausdrücklich von allen möglichen Ansprüchen.

Reise durchs Leben

Durch den Verstand;

Die Zweifel sanken;

Die Angst verschwand;

Und öffnete die Schranken.

Erst ein schmaler Steg;

So verlief das Erfahren;

Verwandelt zu einem breiten Weg;

Immer halten und bewahren!

Es werden ganze Welten;

Und ist sehr weit;

Wo nicht nur Taten und Worte gelten;

Unabhängig von Mensch, Raum und Zeit.

Jetzt macht alles einen Sinn;

Zum Vorschein kommt die pure Kraft;

Eine Ernte, ein Gewinn;

Sieg um eine Schlacht;

In der kein Verletzen;

In der kein Vergießen von Blut;

Ja nicht einmal in Schrecken zu versetzen;

Nur dann ist die Bewertung gut!

-Gedicht von Luis Feder-

1. Tagesgeschäft

Berlin, Deutschlands wunderschöne Hauptstadt. Es war ein warmer Sommertag im Zentrum Berlins. Berlin in der Sommerzeit war ein besonderer Ort. Das moderne Berlin war zwar geprägt von den alten politischen Narben der Geschichte, doch langsam verheilten diese Wunden. Klar, der letzte Weltkrieg war noch nicht so lange her. Es gab noch immer lebende Zeugen, doch die wurden auch immer seltener. Die damals jungen Nationalsozialisten waren jetzt alte Menschen. Die überlebenden Opfer, die damals flohen, waren schon in neuen Generationen wieder vertreten. Letztlich siegte zum großen Teil die Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel aller Nationen war und dass es Platz für alle im Überfluss gab. Es gab alte und neue Architektur. Einige der alten, schönen Bauwerke wurden zu Museen umfunktioniert. Vieles was Zerstörung erlitt, wurde mühevoll wiederhergerichtet. Neue Bauwerke imposant und schön. Eine Symphonie aus Alt und Neu. Alles war erfüllt von Leben. Die vielen Grünflächen sprießten und gediehen. Bunte duftende Blumen, saftige dunkelgrüne Blätter verschönerten das Stadtbild. Die Vogelwelt ließ lautstark von sich hören. Ja, leider auch viele Insekten.

Lennart war alleinstehend. Nicht weil er schlecht aussah oder nicht charmant sein konnte, sondern weil er nicht wirklich etwas zu bieten hatte. Seine Bekanntschaften verliefen ziemlich schnell im Sande, da er sich materiell keine großen Sprünge leisten konnte und daher kaum ausging. Für die Damen, mit denen er zu tun hatte, war er schlicht etwas zu langweilig und auch knauserig. Da er nicht auf Biegen und Brechen über seine Verhältnisse leben wollte, um sich Zweisamkeit teuer zu erkaufen, entschied er, sich lieber zurückzuziehen. Seiner Meinung nach war er allein seines Glückes Schmied und er konnte auch alleine glücklich sein. Manchmal wenn er unter Menschen sein wollte, so wie an jenem Tag, fuhr er ins Berliner Zentrum. Dort fühlte er sich zwangsläufig unter Leuten. Er wohnte nördlich einige Kilometer von Berlin entfernt in einer 45 Quadratmeter kleinen Wohnung. Hin und wieder traf er sich mit seinem einzigen echten Freund Felix. Seine Eltern lebten in Süddeutschland. Gelegentlich telefonierte er mit seiner Mutter und ließ auch seinen Vater grüßen. Im Großen und Ganzen ging es ihm gut. Lennart war zwar ein 33-Jähriger erwachsener Mann, doch hatte er offensichtlich Angst vor Insekten. Manchmal schon so kindisch und unbegründet, dass er auch bei heißem Wetter, abends zu Hause seine Fenster verschlossen hielt, damit ja kein Tier in seine Wohnung klettern oder fliegen konnte. Sein Kumpel Felix riet ihm irgendwann, sich ein Insektennetz vor die Fenster zu hängen, damit er, auch mal nachts seine Fenster öffnen konnte, um nicht zu ersticken. Weil er es nie tat, wurde er ein wenig von ihm auf die Schippe genommen. Felix hatte Humor, aber nicht unter die Gürtellinie. So sagte er ihm in der Vergangenheit zu seinem Beziehungsstatus und zu seiner Liebe zu Insekten ganz trocken: „Du Lenni, pass auf, wenn dir eine ‚flotte Biene‘ draußen begegnet, die riesige schwarze Augen hat, renn bitte nicht gleich weg.“ Dann kam eine kleine stilistische Pause. Und sprach dann mit ernster Miene, zu Ende: “Es ist nur eine Sonnenbrille – keine Fassettenaugen!“ Beide kannten sich schon viele Jahre. Sie verstanden sich gut.

An diesem besonderen Tag stand Lennart zur Nachmittagszeit dem Wetter entsprechend leicht bekleidet, in Jeans-Shorts und einem hellen, weiten Baumwoll-T-Shirt in der Innenstadt, in einer völlig überfüllten Postfiliale. In einem großen Kunststoffbeutel trug er in der linken Hand ein Dutzend Päckchen bei sich. Die Leute in der Warteschlange murrten. Das war verständlich, denn keiner mochte es, lange zu warten. Aber dass eine so gut besuchte Poststelle, nur an zwei von sechs Schaltern von Mitarbeitern besetzt war, hielten die Meisten für eine Frechheit. Und so schallte es hinter ihm aus der wartenden Menge: „Das ist wirklich eine Zumutung! Wenigstens einen Ventilator hätte man ja Aufstellen können, wenn man so am Personal spart.“ Lennart mochte es natürlich auch nicht. Diese schlechte Luft in dieser Hitze machte ihm zwar etwas zu schaffen, aber er hatte sich vorgenommen, seine gute Laune durch nichts stören zu lassen. Endlich hatte er, nach einigen erfolglosen Tagen, wieder online einige seiner Waren verkauft. Diese hatte er fachgerecht verpackt und wollte sie nun an seine Kunden verschicken. Er war schon etwas entnervt, weil es nur langsam voranging. Doch allein die Tatsache, dass er wieder mit seinem virtuellen Geschäft alle seine Rechnungen bezahlen konnte, machte die Warterei erträglich.

Sein Business bestand darin, seine Waren selbst herzustellen. Er hatte zu Hause einen 3D-Drucker stehen und druckte je nach Bestellung Kleinteile fürs tägliche Leben, um sich über Wasser zu halten. Kämme, Schachspiele, Halterungen für Mobiltelefone und ständig kam er auf neue Ideen. Diesmal konnte er recht lukrativ einige Plastik-Autoersatzteile gleich an mehrere Kunden verkaufen.

Und so stand er völlig verschwitzt in der Warteschlange und sagte sich: „Gott sei Dank – dieser Monat ist gerettet.“ Sein Ziel war es, allein von seinem Webshop leben zu können. Und so schwer es manchmal war, über die Runden zu kommen, hatte er es doch immer wieder irgendwie geschafft. Er freute sich wie ein Kind und konnte zumindest bis Ende des Monats Miete, Strom, Gas, Autoversicherung, Benzin und Internet bezahlen und hatte noch genug für Essen auf dem Konto. Und das alles noch in der ersten Monatswoche. Da er sowieso nur warten konnte, beschloss er seinen Kumpel Felix anzurufen, um ihn an seiner guten Laune teil haben zu lassen. „Hi Felix, wie geht’s? Ich muss dir was erzählen……“ Das Gespräch dauerte recht lange, dafür verging die Zeit kaum merklich. Das war ja auch Sinn der Sache. Er beendete zufrieden das Gespräch, denn vor ihm waren nur noch drei Leute. „Ok Alter, melde mich später bei dir.“ Als er auf sein Handy sah, das tat er gewohnheitsmäßig sehr oft, stellte er fest, dass sein Akku nur noch 12 Prozent Ladung hatte. Da er außer einem kleinen Einkauf heute nichts mehr vorhatte, störte ihn der Umstand jedoch recht wenig. Zumal er in der Eile sein Ladekabel zu Hause hatte liegen lassen. Normalerweise schaute er regelmäßig in sein E-Mail-Postfach, um zu sehen, ob weitere Bestellungen eingegangen waren. Als er endlich an der Reihe war und diese wichtige Angelegenheit erledigt hatte, stieg er anschließend in seinen Wagen und fuhr zum großen Supermarkt ganz in der Nähe vorbei. Heute hatte er gute Laune und wollte sich mal wieder etwas Besonderes gönnen, weil die letzten Monate mit Existenzängsten und mit vielen Entbehrungen verbunden waren. Manchmal war er nachts vor Sorge aufgewacht und konnte nicht wieder einschlafen. Oft dachte er auch ans Aufgeben, weil die viele Arbeit für gerade einmal ausreichend Geld, einfach nicht wirklich erträglich war. Doch diesmal war er guter Dinge und wollte sich belohnen. Und so stand er an der Käsetheke und fragte die Verkäuferin, ob sie noch ein Stück von dem leckeren französischen „Saint-Nectaire“ Käse da hatte. Diesen Käse liebte er sehr. Etwas lieblos fragte sie: „Ja, ist da, wie viel?“ Lennart antwortete: „Acht Scheiben, bitte.“ Sie schnitt ihm in Windeseile acht Stück ab, packte alles ein und legte den verpackten Käse, hektisch auf die Glastheke ohne zu fragen, ob er außerdem, noch etwas anderes wollte. Lennart nahm wortlos seinen geliebten Käse und legte ihn in den Einkaufswagen. Innerlich grummelte er etwas unzufrieden, über das nicht so ganz freundliche Verhalten der Verkäuferin. Dann schlenderte er so durch die Gänge und legte sich noch zwei Flaschen Wasser und ein Päckchen Vollkornbrot dazu. Nichtsdestotrotz fühlte er sich gut. Vielleicht lag es an der beruhigenden Musik, welche im ganzen Supermarkt leise gespielt wurde. Oder wegen der darauffolgenden Werbedurchsage. „Sehr verehrte Kunden, werden Sie Grillmeister! An unserer Wursttheke finden Sie unser Sommer-Wochenangebot an Grillwürstchen. Unser freundliches Personal berät Sie gern zu jedem Anlass.“ Lennart schmunzelte ein wenig und dachte bei sich: „Wenn mit dem freundlichen Personal, dass so gut berät, auch die Dame am Käsestand gemeint ist, kann die Grillparty, ja nur ein voller Erfolg werden.“ Er freute sich auf zu Hause und auf ein belegtes Brot mit seinem Lieblingskäse. Dieser war für seine Verhältnisse viel zu teuer, um ihn regelmäßig zu kaufen. Aber heute war Party für die Geschmacksknospen. Erstaunt stellte er fest, wie er in den vergangenen Monaten auf jeden Cent achten musste und es kaum für das notwendigste ausreichte. Er hatte sogar die ganze Zeit sein Auto vernachlässigt. Manchmal stotterte der Motor im dritten Gang. Doch Lennart blieb nichts weiter übrig, als sich an die Macken des Wagens zu gewöhnen. Das Auto war alt, hier und da angerostet, aber brachte ihn von A nach B. Er zuckte kurz die Schultern und ging geradewegs zur Kasse. Im Vergleich zur Poststelle, war die Warteschlange recht kurz. Es wäre auch doppelt so schnell gegangen, wenn nicht dieser Typ der vor ihm war, einen Großeinkauf gemacht hätte. Zumindest hätte er netterweise Lennart auch mit seinem kleinen Einkauf vorlassen können. Es war, wie es war.

Endlich war er an der Reihe und dann ging es schnell. Er verließ den Supermarkt mit schnellen Schritten, packte seine Einkäufe in den Kofferraum und zischte mit geöffnetem Fenster los. Schließlich hatte er noch ein gutes Stück zu fahren. Lennart wohnte außerhalb der Stadt. Er fuhr von der Innenstadt Richtung Norden. Im Umland war die Miete wenigstens noch einigermaßen bezahlbar. So fuhr Lennart die lange Kantstraße entlang. Diese änderte dann irgendwann ihren Namen in Neue Kantstraße. Dort geriet er am großen Kreisverkehr in einen richtig ordentlichen Stau,was in Berlin aber „normal“ zu dieser Tageszeit war. So kroch er eine halbe Stunde nur unwesentlich voran. Nach einer weiteren Namensänderung in seine Richtung fuhr er auf der Heerstraße, welche sich ebenfalls sehr weit erstreckte. Er wusste, dass der Käse, bei diesem warmen Wetter schnell Kühlung brauchte. Bald wäre er in Staaken und würde Berlin verlassen. Bis zu seinem Ort sollte der Stau sich schon auflösen. Doch nichts dergleichen. Er blickte weit nach vorn zwischen die Autos vor ihm. Stau, so weit er schauen konnte. Immer wieder schaute er auf sein Handy, um zu sehen, wie spät es war. Schon im Supermarkt zeigte es einen niedrigen Akkustand von acht Prozent an. Es waren einfach zu viele Autos auf dem Weg. Eine ganze Weile später: Endlich eine Abbiegung nach links durch ein Waldstück Richtung Kladow. Es war zwar ein Umweg von einigen Kilometern, aber er wusste, dass diese kleine, schmale und unauffällige Straße selten befahren war und er über diese flüssig nach Hause fahren konnte. Ein echter Geheimtipp. Nachdem er abgebogen war, atmete er auf, denn mit dieser kleinen List, hatte er den Stau hinter sich gelassen. Er fuhr eine ganze Weile den Waldweg entlang. Bis zu ihm nach Hause war es immer noch ziemlich weit. Das ewige Warten am Postschalter, dann der Einkauf im Supermarkt und der lange Berufs-verkehrstau ließen die Zeit wie in einem Zeitraffer verstreichen.

Der Akku hatte sich entladen und das Handy ging mit einer schönen Melodie aus. „Egal“, sagte er sich, bald wäre er sowieso zu Hause und dann könne er das Telefon wieder aufladen. Es war mittlerweile früher Abend und er bekam allmählich großen Hunger. Aber vor allem hatte er Durst. Die ganze Prozedur hatte ihn doch ganz schön geschlaucht. Die Dämmerung setzte unmerklich ein. Er überlegte, ob er nicht kurz anhalten sollte, um das Wasser aus dem Kofferraum zu holen. Er hatte noch ca. 18 Kilometer vor sich. „Ach was soll’s“, sagte er sich und hielt rechts am Wegrand vom Waldstück an. Er machte den Motor aus und ließ den Schlüssel stecken. Als er die Fahrertür öffnete, stellte er fest, dass keine Menschenseele, weit und breit zu sehen war. Er stieg gemächlich aus und holte aus dem Kofferraum die Einkaufstasche mit dem wundervollen Käse, dem guten Vollkornbrot und dem Wasser. Dann stieg er wieder in den Wagen und breitete alles auf dem Beifahrersitz aus. An diesem Waldstück fuhren zu dieser Zeit keine Autos mehr vorbei. Eigentlich hätte er ja noch durchfahren können und wäre schon bald zu Hause gewesen, aber der Durst hatte gesiegt. Eilig machte er die Wasserflasche auf. Mit großen, lauten Schlucken stillte er seinen Durst. Als er die Flasche für eine kurze Atempause absenkte, sah er zahllose Mücken in der Luft. Lennart hasste Mücken. Er kurbelte schnell das Fenster zu. Es musste wohl ein Teich oder See oder ein anderes Gewässer in der Nähe gewesen sein.

Ja – Lennart und Insekten. Aber jene welche stachen oder Blut tranken, mochte er noch viel weniger. Er drehte die Wasserflasche wieder zu und legte sie auf den Sitz neben sich. „Hmmm lecker Saint-Nectaire“, flüsterte er leise. Er konnte nicht widerstehen und machte die Packung auf und öffnete auch das Vollkornbrot. Dann legte er zwei Scheiben vom Käse geometrisch genau aufs Brot, sodass das Brot völlig abgedeckt war. Was für ein Genuss. Er vergaß alles um sich herum und ließ sich richtig Zeit, sein Sandwich zu essen. Nachdem er das Stück aufgegessen hatte, legte er gleich nach und belegte sich in der gleichen Bauweise eine weitere Käsestulle. Und so aß er genüsslich auch das zweite Brot auf. Draußen wurde es schon langsam dunkel. Lennart packte alle Vorräte zurück in die Tüte und stellte sie hinter den Beifahrersitz, doch die Tüte kippte ständig um. Er nahm den Beutel in die Hand, stieg schnell aus dem Wagen und legte ihn in Rekordzeit in den Kofferraum, um den fliegenden Insekten keine Zeit zum Stechen zu lassen. Draußen war es angenehm kühl geworden. Er setzte sich zurück in den Wagen, schnallte sich an und drehte den Zündschlüssel, um den Motor zu starten. „Dschig …dschig …dschig.. dschig.“ Das Auto sprang nicht an. „Hä, was soll das?“, fragte er sich laut. Aufgeregt wiederholte er fünfmal hintereinander den Zündvorgang, doch es passierte nichts. „Das kann doch nicht wahr sein“, stellte er fest. Seine Gedanken überschlugen sich und er wurde etwas panisch. „Verdammt noch eins!“, murmelte er in sich hinein. Was sollte er tun? Er musste alle Varianten ausprobieren, um Hilfe mitten im Wald zu finden.

Er griff intuitiv in seine rechte vordere Hosentasche und holte das entladene Handy hervor. Schaltete es ein, um noch mit der letzten Restladung seinen Freund Felix anzurufen, damit er ihm aus der misslichen Situation raushelfen sollte. Das Handy ging an und gleich nach dem er seinen Entsperrungs-PIN eingegeben hatte, ging das Telefon mit der beruhigenden schönen Melodie wieder aus. Er versuchte es erneut, doch diesmal ging es gar nicht erst an. Es war völlig leer. Enttäuscht rief er: „ Ohhh nein!“ Hätte er nur doch an das Ladekabel gedacht. In diesem Moment zumindest wäre das Kabel die bequemste Lösung für seine missliche Lage. Es hieß für ihn von da an – kühlen Kopf bewahren. Er musste sich entscheiden. Er ging gedanklich alle Optionen durch: Warten, bis ein Auto vorbeigefahren kam, um ihm Starthilfe zu geben. Oder zurücklaufen zur stark befahrenen Hauptverkehrsstraße, wo er im Stau stand. Er konnte geradewegs nach Hause laufen. Den Wagen irgendwie alleine wieder gangbar machen. Oder im Auto übernachten, um am nächsten Tag Hilfe zu finden. Da die Dunkelheit einsetzte, verstand er, dass er schnell eine Lösung finden musste.

Im Wagen zu übernachten, verwarf er gleich. Alleine im Wald die ganze Nacht im Auto zu verharren, schien ihm unheimlich. Die ganze Strecke zurück zur Heerstraße zu gehen, um irgendwie an ein Telefon zu gelangen? Wenn er die gleiche Strecke Richtung Wohnung gehen würde, wäre er mit gleichem Energieaufwand auch schon zu Hause, und könnte sich in aller Ruhe am nächsten Tag um das Auto kümmern. Er entschied sich für diese Variante. Zunächst versuchen den Wagen selbst in Gang zu bekommen. Falls es nicht gelänge, müsse er auf kürzestem Wege direkt nach Hause. Und falls ihm auf dem Wege ein Mensch oder ein vorbeifahrendes Auto begegnen würde, dann um Hilfe bitten. Das erschien ihm am Logischsten. So zog er anschließend unter dem Lenkrad einen schwergängigen Hebel, um die Motorhaube zu entsperren. Er machte die Scheinwerfer an, sprang aus dem Wagen und stellte sich vor die Motorhaube. Mit einem Griff entriegelte er am Kühlergrill die kleine Sicherung und öffnete die Motorhaube. Er schaute bei dem mageren Licht auf die Anschlüsse der Batterie und Ruckelte an allen möglichen Leitungen und Kabeln. Er konnte nicht viel sehen. Aber selbst, wenn er mehr Licht hätte, würde ihm das herzlich wenig nutzen, denn er verstand nicht besonders viel von Autos. Er klappte die Motorhaube wieder zu, bis sie gänzlich einrastete, stieg wieder ins Auto und drehte den Schlüssel in der Zündung erneut, doch nichts passierte. Der Wagen sprang nach wie vor nicht an. Schnell stieg er wieder aus, ging zum Kofferraum und holte das Warndreieck heraus. Faltete es auseinander und stellte es sichtbar auf die Hutablage. Anschließend nahm er noch die Tüte mit den Lebensmitteln raus. Er zog die Schlüssel heraus und verriegelte alle Schlösser. Er hielt kurz vorher inne und machte sich schnellen Schrittes in Fahrtrichtung zu Fuß auf den Weg. Sein Positionsgefühl sagte ihm, dass er sich rechts halten musste. Wenn er irgendeine Abkürzung ausmachen könne, würde er die Chance sofort ergreifen, um Zeit einzusparen.

So ging er anfänglich mit viel Elan und großen Schritten und kratzte sich öfters am Kopf, weil er das Gefühl hatte, andauernd von Mücken gestochen zu werden. Mal haute er sich auf den Nacken, mal auf den Oberschenkel. Je weiter er ging, umso mehr juckte ihn sein Körper. Er fing an zu schwitzen. Der Trampelpfad ging südöstlich von der Straße ab, was ihm wertvolle Zeit einsparen sollte. In seinem Kopf drehten sich alle möglichen negativen Gedanken im Karussell. Es wurde nach gut einer Dreiviertelstunde Fußmarsch sehr düster, doch seine Augen hatten sich an die Dunkelheit recht gut angepasst. Er konnte noch gut die Silhouetten der Bäume und Büsche erkennen. Er beschloss den unebenen Pfad entlangzulaufen, um noch schneller zu Hause anzukommen. So ging Lennart von seiner Angst angetrieben, wie ein Uhrwerk, unmerklich immer tiefer in den Wald hinein. Seine Beine und Oberarme waren in der Tat von zahlreichen Mückenstichen bedeckt. Auch merkte er Stiche auf der Stirn, direkt über der linken Augenbraue. Er kratzte so oft an dieser Stelle und auch schon so stark, bis er schließlich merkte, dass er sich dort die Haut aufgekratzt hatte. Er fühlte ein Brennen und etwas Feuchtigkeit unter den Fingernägeln und über der Braue. Jetzt blutete er auch noch. Immer mehr fühlte er sich der Natur ausgeliefert. Der Pfad wurde immer enger und ging nahtlos in unmittelbares Waldgebiet über. Es war stockfinster. Der unebene Boden war nur noch schwarz. Er konnte lediglich die Umrisse von nahe stehenden Bäumen ausmachen. Er hatte das Gefühl, noch immer in die richtige Richtung zu laufen, doch war er nach Circa einer Stunde Fußmarsch erschöpft. Aber ausruhen war keine Option. Er trank beim Gehen. Die Tüte mit den Einkäufen wurde wegen der eingetretenen Erschöpfung gefühlt immer schwerer. So trank er innerhalb von kurzer Zeit die eine der beiden Flaschen leer und schmiss sie einfach auf den Boden. Es tat so gut einerseits den Durst zu stillen und andererseits Ballast abzuwerfen. So wollte er auch bis nach Hause gut verpflegt ankommen. Er hätte auch beim Gehen den Käse aufessen können, wenn er Hunger verspürt hätte. Und so ging es die darauffolgende Stunde weiter. Pausenlos gehend, zielstrebig im Slalom Richtung schützendes Heim. Gelegentlich trank er paar Schlucke Wasser aus der zweiten Flasche. Die Tragetasche wechselte ständig die Hand. Immer mehr ignorierte er die immer zahlreicher werdenden Stiche an seinen Gliedmaßen.

Immer mehr schwitzte er und immer mehr trat die Erschöpfung zum Vorschein. Es schien etwas schiefgegangen zu sein mit seiner Berechnung. Denn eigentlich hatte er ausgerechnet, dass er binnenzwei Stunden das Ende des Waldes erreichen müsste, wenn er in die richtige Richtung gelaufen wäre. Und er müsste sich schon in der Nähe seines Ortes befinden. Doch davon keine Spur. Er war erschöpft und bis auf die Knochen verängstigt. Der Wald schluckte das Umgebungslicht und auch den Schall. Lennart fand sich hilflos seinen Ängsten ausgesetzt. Nervös kratze er hektisch die zahllosen Stiche, die seinen ganzen Körper übersäten. Er hatte sich verirrt. Er wusste nicht mehr, in welche Richtung er gehen sollte.Längst war er von seinem Weg abgekommen. Eigentlich hätte er den Wald durchquert haben müssen. Vor Erschöpfung wurde er immer langsamer. Je langsamer er wurde, umso kälter wurde ihm. Er konnte praktisch nichts mehr sehen. Der Boden war uneben. Er erschrak von seinen eigenen Geräuschen, hektisch schaute er um sich. Dann trat er unmerklich auf einen größeren ausgetrockneten Zweig und blieb von dem Geräusch, wie gelähmt stehen. Sein Herz raste. Er beschloss ohne Rücksicht auf Verluste, nur noch im Eiltempo aus dem nächtlichen Wald zu kommen.

In der Eile, ohne auf den dunklen Boden zu achten, stolperte er, mit dem linken Fuß über eine solide Baumwurzel. Er versuchte reflexartig sein Gleichgewicht zu halten und machte einen riesigen Satz nach vorn. Er schaffte es nicht, noch rechtzeitig seinen rechten Fuß als Stütze zu bewegen und fiel unkontrolliert nach vorn über. Dabei ließ er die Tüte mit seinen Lebensmitteln fallen und stürzte mit gestreckten Händen zu Boden. „Auaaa“, schrie er laut. Lennart lag flach auf dem Bauch. Alle Muskeln seines Körpers waren angespannt. Er konnte zumindest durch seine vorwärts gestreckten Hände, den Aufprall auf das Gesicht mit dem unebenen Waldboden abfedern. Über den Fall schockiert, blieb er einige Sekunden regungslos liegen. Der Geruch des Waldbodens direkt neben seiner Nase war sehr intensiv. Er konnte, den Boden förmlich schmecken. Sein T-Shirt war ihm während des Aufpralls ein Stück nach oben verrutscht. Er fühlte das kalte Laub, direkt unter sich auf der Haut. Er fluchte ununterbrochen immer dasselbe. Wie ein Mantra: „Mist, verdammter Mist! Mist, verdammter Mist!“ Schnell wollte er aufstehen und drückte sich mit den Händen vom Boden ab. Stellte sich auf die Knie und wollte sich aufrichten, doch sein linkes Fußgelenk pochte und das Auftreten schmerzte ungemein. Er schüttelte sich das Laub und die Erde vom Körper. Seine Hände und sein Gesicht waren verschmiert. Schürfwunden an beiden Oberschenkeln brannten wie kleine Feuer. Verursacht durch spitze Steinchen, auf denen er während des Fallens entlang gerutscht war. Sein T-Shirt war überall schmutzig. Doch das war ihm in diesem Moment alles andere als wichtig. Er hatte sich den Fußknöchel stark verstaucht. Das einzige, was er machen konnte, war mit einem durch den Schmerzverzerrten Gesicht zu humpeln. Er versuchte nicht auf den linken Fuß aufzutreten. Die kühle Luft machte ihm Gänsehaut. Immer leiser murmelte er sein „Mist-Mantra“, bis er sich einigermaßen beruhigt hatte. Er versuchte irgendwie am Boden einen Ast oder Stock auszumachen, um diesen als Gehhilfe zu verwenden, doch erkennen, konnte er nichts. Was sollte er tun? Intuitiv hielt er Ausschau nach verschiedenen Umrissen, welche sich als schützender Unterschlupf eignen könnten. Er wusste, weit würde er nicht kommen. Seine Wohnung, sein Auto, die Straße – alles erschien ihm unerreichbar fern. Daher blieb ihm nur noch dieser einzige rettende Gedanke. Irgendwo Schutz zu suchen und abzuwarten bis es seinem Fuß etwas besser ging. Tatsache! Plötzlich sah er etwas. Circa 20 Meter entfernt schien ein überwucherter Findling oder ein Stück herausragender Fels zu sein. Er hob die einige Armlängen neben ihm fallengelassene Tüte wieder auf und humpelte zielgerichtet Richtung Steinformation. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, verängstigt und erschöpft erreichte er die anvisierte Stelle. Er machte eine Aushöhlung aus, welche ihm ausreichend Platz bot, wenn er sich zusammenkauern würde. Die Steine waren stark von Büschen bewuchert und teils von Moos bedeckt.

Zumindest hatte er nun einen kleinen Unterschlupf gefunden und konnte im Schutz dieser kleinen Notbehausung die bedrohliche Nacht überstehen. Ihm wurde bewusst, dass er eine Fehlentscheidung getroffen hatte. Wäre er doch nur im Auto geblieben, er hätte die Türen von innen verriegeln können und den gepolsterten Fahrersitz in Liegeposition ausgeklappt. Das wäre wie ein „Fünf Sterne Hotel“ im Vergleich zu seiner altsteinzeitlichen Behausung gewesen. Er drückte die Einkaufstüte an sich und quetschte sich in die kleine Einwölbung. Dabei lehnte er sich mit dem Rücken gegen die aus Blättern und Ästen bestehende Wandseite um sich noch etwas Raum zu verschaffen. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Die überwucherte Wand, die Lennart fälschlicherweise für fest hielt, gab nach und er stützte gute zwei Meter rückwärts in eine pechschwarze Tiefe hinunter. Mit einem dumpfen Klatscher kam er auf seinem Rücken und dem Hinterkopf auf und verlor just in diesem Moment das Bewusstsein.

Zwischenzeitig saß Felix mit Nicole und Evelyn im Norden Berlins in einem Café. Eine gut besuchte schöne Szene Kneipe. Gemeinsam fläzten sie auf der Sommerterrasse auf einer der vielen hölzernen Viererbänken. Es herrschte eine angenehme Stimmung. Dort waren viele nette Leute, die über Gott und die Welt sprachen, sich angeregt unterhielten und viel lachten. Im Hintergrund spielte entspannte elektronische „Chillout“ Musik. Man hörte verschiedene Wortfetzen und Gelächter aus allen Richtungen. Fleißiges und immer wieder hin und her laufendes Bedienungspersonal brachte lecker angerichtete Salate, Getränke und Knabbereien in rauen Mengen an die Tische. Felix hatte Nicole vor einigen Wochen durch einen Arbeitskollegen kennengelernt. Dieser veranstaltete einen kleinen Umtrunk zu seinem Geburtstag. Beide kamen dort ins Gespräch und hatten sich gut verstanden und ihre Telefonnummern getauscht. Nach einigen Treffen schlug Felix Nicole vor, sich doch mal zu viert zu verabreden, um mit Freunden abzuhängen. Da Felix ein Schlawiner war, bat er Nicole ihre beste Freundin gleich mitzubringen. So kam Nicole an diesem Abend mit ihrer Freundin Evelyn. Dabei dachte er an seinen einsamen Kumpel. Während sie also zu dritt ausgelassen im Café waren, fehlte doch eigentlich nur Lennart. Ein Dutzend Mal versuchte er telefonisch zu ihm durchzukommen, jedoch leider vergebens. Einerseits war Felix schon ein wenig enttäuscht, andererseits etwas besorgt, denn eigentlich war es ja nicht Lennarts Art, das Telefon einfach auszuschalten. Er sagte: „Hmm, das ist aber merkwürdig. Er hatte sich heute noch mit den Worten am Telefon verabschiedet, dass er sich nachher noch melden wird. Das sieht ihm gar nicht ähnlich.“ Doch von den beiden Schönheiten abgelenkt, machte er sich keine großen Gedanken mehr. Sie lachten, tranken vergnügt Weinschorle und unterhielten sich aufgeregt. Und dies bis in die späten Abendstunden. Sobald das gemeinsame Gespräch hin und wieder auf Lennart fiel, versuchte Felix gelegentlich Lennarts Nummer über die Kurzwahltaste seines Handys anzuwählen. So beschloss er, es damit gut sein zu lassen, indem er Lennart auf den Anrufbeantworter folgende Mitteilung sprach: "Hallo Lenni hier ist Felix. Wenn du diese Nachricht abhörst, sollst du wissen, dass dein bester Kumpel an dich gedacht hat. Näheres erzähl ich dir bei unserem nächsten Treffen. Also gehab dich wohl genieß den Abend sowie ich es tue!" Etwas später: Ein bisschen fühlte sich Evelyn wie das fünfte Rad am Wagen. Sie bat sich zu entschuldigen und wollte Felix und Nicole nicht stören. Aber das ließ Felix nicht zu und bat Evelyn, doch noch ein wenig zu bleiben, denn dann würde er sie und ihre Freundin Nicole nach Hause fahren. Schließlich hatte er sich extra mit der Weinschorle zurückgehalten, um noch fahrtauglich zu bleiben. Und so unterhielten sie sich noch eine kurze Weile, bestellten dann die Rechnung und jeder legte seinen Anteil an Geld auf den Tisch, während die Kellnerin einzeln abrechnete. Gemeinsam stiegen sie in Felix Wagen und nach 15 Minuten Fahrt, stieg Evelyn aus dem Auto und verabschiedete sich mit den Worten: „Na vielleicht klappt es ja das nächste Mal, dass dein Kumpel Lennart mit dabei ist.“ Anschließend fuhr Felix noch Nicole nach Hause. Er hoffte, dass der Abend trotz des gescheiterten Versuchs sich zu viert zu treffen, gelungen war. Und so fragte er Nicole, ob sie denn den Abend genossen hatte. Sie bejahte die Frage, gab ihm ein Küsschen auf die Wange, winkte ihm noch einmal zu und verschwand in ihrem Hausflur. Felix fuhr zufrieden und entspannt nach Hause.

2. Ankunft

In seiner Ohnmacht überkamen Lennart traumähnliche Bilder. Er schwebte fast schwerelos ohne Schmerzen auf dem Rücken wie auf einer Wasseroberfläche. Wo leichte rhythmische Wellen ihn hoch und runter bewegten. Diese Wogen waren wie das sanfte Wippen einer liebevollen Mutter, die ihr Baby in den Schlaf sang. Er fühlte sich so frei, so unbeschwert und ganz ohne Sorgen. Alles war ihm so freundlich gesonnen, alles war so friedlich, ruhig und vertraut.