Die Halligärztin - Lena Johannson - E-Book
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Beschreibung

Inselärztin auf Pellworm! Das klingt für Wiebke Klaus nach Sonne, Nordseestrand, Gischt und Wind. Nach dem perfekten Klima für ihre asthmakranke Tochter Maxi und nach einem Neustart, weit weg von Berlin. Doch nicht alle Einwohner sind davon begeistert, dass der alte Inseldoktor eine tatkräftige junge Nachfolgerin bekommt, die sich auch noch mit der Hebamme anlegt. Beinahe will Wiebke wieder die Koffer packen - doch da ist der Schwimmmeister Tamme, mit dem sich der Sommer plötzlich so leicht anfühlt ... Kann Wiebke der spröden Insel noch eine Chance geben?

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Das Buch

Als Wiebke Klaus mit dem vollbeladenen Umzugswagen den Fähranleger Strucklahnungshörn auf Pellworm erreicht, kommen ihr leise Zweifel, wie sie das alles schaffen soll: eine Großstadtpflanze auf einem winzigen Eiland, noch dazu als alleinerziehende Mutter? Und wie werden die Anwohner sie, die neue Inselärztin, aufnehmen? Schon bei ihrem Vorstellungsgespräch wurde Wiebke unmissverständlich klargemacht, wie beliebt der alte Inselarzt Dr. Dethlefsen gewesen war und dass man ihr als Nachfolgerin skeptisch entgegensieht. Doch der spröde Charme der Insel nimmt Wiebke sofort gefangen. Ihre fünfjährige Tochter Maxi, die immer an Asthma litt, blüht an der Nordseeluft auf. Und als Wiebke den Schwimmmeister Tamme kennenlernt, beschließt sie, sich auf das neue Leben einzulassen – und auf das Glück, das hier auf sie wartet.

Die Autorin

LENA JOHANNSON

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ISBN 978-3-8437-1391-7

1. Auflage März 2017

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München

Titelabbildung: © Sabine Lubenow/JAI/Corbis (Hintergrund);

1

»Ach, Maxi, wie siehst du denn wieder aus? Ich hatte dir extra gesagt, dass du aufpassen sollst.« Wiebke seufzte.

»Ist doch nicht schlimm«, grummelte Maxi kleinlaut.

»Für dich nicht. Du musst ja auch nicht ständig waschen. Dafür musst du jetzt mit den Flecken auf deinem T-Shirt in deinem neuen Zuhause ankommen. Wenn du das auch nicht schlimm findest …«

Maxi überlegte kurz, dann sagte sie: »Wenn’s schlimm wäre, dann wäre es doch verboten. Ich kenne aber kein Gebot, das heißt: Du sollst nicht kleckern!«

Wiebke musste schmunzeln. Die Logik ihrer Tochter war bestechend. Ihr fielen die Besuche bei ihrer Lieblingstante ein, als sie selbst noch Kind war. Die hatte es mit Sauberkeit und Ordnung nicht gerade übertrieben, vorsichtig ausgedrückt. Aber in Tante Annas Haus hatten immer ein freier Geist und eine herrlich entspannte Atmosphäre geherrscht. Dort hatte sie ihre schönsten Wochenenden verbracht und dachte manchmal, dass sie sich von der Leichtigkeit, mit der ihre Tante das Leben genommen hatte, eine dicke Scheibe abschneiden könnte.

»Seit wann kommst du mir denn mit den Zehn Geboten?« Sie strich ihrer Tochter über den Kopf und wartete keine Antwort ab. »Und jetzt ist Ende der Diskussion. Wir müssen uns beeilen.« Noch ein tiefer Seufzer, dann stopfte sie den Margarine-Topf, die Marmelade, das Brot und ein paar weitere Lebensmittel, die sie einfach nicht hatten aufessen können, in die Kühltasche. Sie holte die Kälte-Akkus aus dem Gefrierfach und schaltete den Kühlschrank aus.

»Ich muss mich noch schnell von den Amseln verabschieden«, rief Maxi und sauste auch schon aus der Küche, die, abgesehen von dem kleinen Tisch mit zwei Stühlen, leer war. Wenigstens diese Möbelstücke übernahm der Nachmieter. Glück gehabt, so hatten Wiebke und Maxi ihr letztes Frühstück in Berlin nicht im Stehen zu sich nehmen müssen.

»Halt, hiergeblieben! Ich meine es ernst, Maxi, wir können nicht trödeln. Die Fähre wartet nicht auf uns.«

»Das ist doch kein Trödeln.« Das kleine Gesicht verzog sich entrüstet. »Es gehört sich doch, sich zu verabschieden.«

»Sag das den Amseln, die haben sich auch nicht von uns verabschiedet. Die haben auf der Terrasse gebrütet, überall hingemacht und sind weggeflattert.«

»Okay, mach ich!« Und schon war sie durch den Flur nach draußen verschwunden.

»Das war nicht wörtlich gemeint.« Wiebke schnaufte. Gute Erziehung rächte sich früher oder später. Sie hätte ihr nicht beibringen sollen, sich nichts von schlechten Vorbildern abzugucken. Das hatte sie nun davon. Na gut, bis Wiebke die restlichen Taschen in dem gemieteten Transporter verstaut hatte, konnte Maxi noch einmal durch den Garten streifen. Bald würden sie einen neuen haben, einen größeren, in dem man statt auf die bröckelnden Fassaden umstehender Häuser über weite Wiesen bis zum Deich gucken konnte.

Keine zehn Monate war es her, dass Wiebke das Stellenangebot Arzt/Ärztin für das Fach Allgemeinmedizin in einer Fachzeitschrift gelesen hatte. Auf den ersten Blick nichts Besonderes. An der nächsten Zeile war sie jedoch hängen geblieben: Einzige Praxis auf der Nordseeinsel Pellworm mit entsprechend breitem Spektrum und technisch gut ausgestattet. Wiebke hatte plötzlich bemerkt, dass ihr Puls schneller zu pochen begann. Sie war aufgeregt gewesen wie ein kleines Mädchen. Kein Wunder, es war genau der richtige Zeitpunkt, etwas Neues anzufangen. Die Arbeitsbelastung in der Klinik fraß sie auf, ständig Überstunden, Nacht- und Wochenenddienste. Inzwischen beschäftigte sie neben der netten Nachbarin, einer Verlegerin im Ruhestand, schon vier Schülerinnen und eine Studentin, die sich um Maxi kümmerten, wenn Wiebke regulär im Krankenhaus Schicht hatte, oder wenn sie für einen Kollegen einspringen musste, der krank, im Urlaub oder zur Fortbildung war. Das traf eigentlich permanent auf mindestens einen zu. Ihre Tochter nahm es äußerlich gelassen hin, dass ständig jemand anderer da war, der mit ihr spielte, ihr das Essen warm machte.

»Find ich toll«, behauptete sie zwar immer. »So wird’s nie langweilig.« Aber Wiebke bemerkte die Veränderung ihres Kindes. Wann immer sie zu Hause war, stürzte sich die Kleine geradezu auf sie. Sie klammerte wie ein Äffchen, gleichzeitig wollte sie sich von ihrer Mutter nichts mehr sagen lassen.

»Bei Hilde darf ich aber Bücher für Große angucken«, hieß es. Oder: »Steffi ist viel cooler als du. Sie bestellt uns immer Pizza, wenn ich will.« Wiebke wusste schon gar nicht mehr, wie es sich anfühlte, kein schlechtes Gewissen zu haben. Aber was sollte sie denn tun? Ihre Eltern wohnten rund vierhundert Kilometer entfernt. Sie hatten sich, so oft es ging, freigenommen, um wenigstens mal für ein langes Wochenende zu kommen, oder sie hatten Maxi für ein paar Tage oder sogar mal zwei Wochen zu sich geholt. Sie wurden nicht müde, zu betonen, wie gern sie ihre Enkelin bei sich hatten. Doch Wiebke wusste, dass es für sie auch anstrengend war. Immerhin führten sie ein kleines Unternehmen. Auf Dauer waren die Großeltern also keine Lösung. Schon gar nicht mehr, wenn Maxi nun in die Schule kam. Dann war es außerhalb der Ferien vorbei mit längeren Aufenthalten im Teutoburger Wald. Maxis Erzeuger kam als Babysitter nicht infrage. Von ihm hatte sie sich noch vor der Geburt ihrer Tochter getrennt. Nick wollte kein Vater sein. Auf keinen Fall so früh. Früh! Er war Mitte dreißig gewesen, als Wiebke schwanger geworden war.

»Zur Not würde ich dich natürlich heiraten«, hatte er herumgedruckst und dabei einen Dackelblick aufgesetzt. Aber Wiebke wollte kein Notfall sein.

Zusammen mit ihren Eltern hatte sie einen Plan ausgetüftelt. Einen guten Plan. Sie beendete ihre Weiterbildung in Berlin. Dann, mit der kassenärztlichen Zulassung in der Tasche, würde sie in Altenbeken in der Nähe ihres Elternhauses eine kleine Praxis übernehmen. Oder sie könnte in einer Klinik in Bad Driburg oder Paderborn unterkommen. Das Schicksal hatte einen anderen Plan, einen grausamen. Vor knapp einem Jahr hatte ihr Vater einen Unfall verursacht. Ein Mädchen wurde schwer verletzt. Nicht irgendein Mädchen, sondern Maxis beste Freundin Claudia. Nicht einmal zu Hause in Berlin war sie mit jemandem so gut befreundet wie mit der kleinen Claudia, die in der gleichen Straße wohnte wie ihre Großeltern. Wiebkes Vater war seine Fahrerlaubnis los, und das als Berufskraftfahrer! Er zahlte jetzt noch seine Strafe für die schwere Körperverletzung ab. Wiebke hatte in Erwägung gezogen, nun erst recht zu ihren Eltern zu ziehen, ihnen finanziell unter die Arme zu greifen.

»Kommt nicht infrage«, hatte ihre Mutter erklärt und in der für sie so typischen Art die Arme in die Hüften gestemmt. »Du musst an Maxi denken. Dein Vater hat richtigen Mist gebaut. Die Leute reden jetzt schon. Was meinst du, was hier erst los ist, wenn die Enkelin von dem Klaus, dem Unglücksfahrer, gesund und munter eingeschult wird, während die kleine Claudia, das arme Ding, in so eine Behinderteneinrichtung muss.«

»Mutti, Claudia ist nur körperlich eingeschränkt. Sie kann in eine ganz normale Schule gehen. Nur ist die bei euch im Ort eben nicht barrierefrei. Deshalb muss sie …« Doch davon hatte ihre Mutter nichts wissen wollen.

»Abgeholt werden muss sie. Mit so ’nem Wagen, der so ’n Ding runterlässt, damit sie reinrollen kann. Ist doch furchtbar! Was meinst du, wie sich alle das Maul zerreißen werden?«

Wiebke hatte darauf verzichtet, ihre Mutter davon zu überzeugen, wie gut die Möglichkeiten für Menschen mit Einschränkungen in vielen Bereichen inzwischen geworden waren. Es wäre ihr sowieso nicht gelungen. Außerdem hatte ihre Mutter schon recht: Die Leute würden reden, und Maxi würde das nicht verborgen bleiben.

Also war Planänderung angesagt. Da kam ihr die Anzeige gerade recht. Sicherstellung des Rettungsdienstes auf Pellworm, Allgemein-, Sport- und Bademedizin, Notversorgung der Halligen waren als Tätigkeitsbereiche aufgezählt gewesen. Halligen. Wiebke hatte nicht einmal eine Vorstellung davon, was das sein sollte. Der Rest klang ziemlich gut. Es würde ein kompletter Neustart werden. Noch dazu an der Nordsee, die mit ihrem Klima geradezu ideal für Maxis Asthma war. »Haus mit Garten kann gestellt werden«, hieß es in der Anzeige. Das war das i-Tüpfelchen. Wiebke hatte spontan eine Mail geschickt und gefragt, ob die Stelle noch frei wäre.

»Da bin ich schon! Gut, dass ich noch mal draußen war. Die Amsel-Eltern waren nämlich da. Und die Kinder auch. Alle drei«, plapperte Maxi drauflos, als sie keine zehn Minuten später wieder in die Wohnung gestürmt kam. »Ich glaube, die Eltern füttern die noch.«

»Kann schon sein. Die Jungen müssen erst lernen, sich selbst Futter zu suchen. Das ist wie bei den Menschen. Solange du dich noch nicht selber versorgen kannst, musst du machen, was ich sage.« Sie lächelte ihre Tochter triumphierend an. »Und deshalb schnappst du dir jetzt deinen Rucksack, deine Jacke und fährst mit mir nach Pellworm.«

»Okay!« Maxi machte auf dem Absatz kehrt und lief in den Flur. »Ich kann trotzdem mehr als die Amseln«, rief sie von dort. »Ich kriege den Kühlschrank auf.«

Über acht Stunden später, die sie in zwei kurzen und einem langen Stau, auf zwei Raststätten und rund vierhundertfünfzig Autobahnkilometern verbracht hatten, erreichten sie den Fährhafen von Strucklahnungshörn.

»Wenn es einen Wettbewerb für lustige Ortsnamen gibt, haben die schon gewonnen«, murmelte Wiebke. Schon bei ihrem ersten Besuch hatte sie sich köstlich amüsieren können. Na gut, Heiligensee, Oberschöneweide und Tempelhof war bei genauerer Betrachtung auch ganz lustig. Sie lenkte den voll beladenen Umzugswagen auf einen der Parkplätze direkt am Fähranleger.

»Hunger!«, rief Maxi.

»Okay, du Raubtier, bevor du mich anknabberst, lass uns was essen gehen. Dafür sind wir schließlich extra früh aufgestanden und so zeitig losgefahren.« Sie kletterte aus der Fahrerkabine. An die Blicke, wenn sie, zierlich wie sie war, hinter dem Lenkrad eines Brummis hervorkam, hatte sie sich längst gewöhnt. Dass sie einmal die elterliche Spedition hatte übernehmen wollen, erschien ihr in diesem Moment absurd. Sie fühlte sich wie gerädert, spürte jeden einzelnen Knochen. Wiebke brauchte Bewegung. Täglich mehrere Stunden auf dem Bock zu sitzen würde sie wahnsinnig machen. Sie reckte sich, hüpfte ein paar Mal auf und ab.

»Guck mal, die sind weg.«

»Bitte?« Sie folgte dem Blick ihrer Tochter. Tatsächlich, so ein Mist! Das Restaurant, in dem sie vor ihrem ersten gemeinsamen Besuch der Insel gesessen hatten, war geschlossen.

»Menno!«, maulte Maxi. »Ich hab aber Hunger. Und aufs Klo muss ich auch.«

»Das ist wirklich schade. Der Blick von der Terrasse ins Wattenmeer war so schön. Na, da findet sich bestimmt etwas anderes«, meinte Wiebke munter. Nur musste sie schnell feststellen, dass es nichts gab, außer einem Imbisswagen, an dem man Fischbrötchen kaufen konnte.

»Hier wird es doch irgendwo eine Toilette geben.« Das war verrückt. In Berlin gab es überall alles. Zu jeder Zeit. Und hier? Wieder krochen die Zweifel in ihre Gedanken wie Ungeziefer. Was sollte sie als Großstadtpflanze auf einem winzigen Eiland anfangen? Gut, sie war in einer kleinen Gemeinde aufgewachsen. Doch seit dem ersten Semester ihres Medizinstudiums hatte sie in der Hauptstadt gelebt und sich sehr daran gewöhnt. Ich tue das Richtige für Maxi, sagte sie sich zum x-ten Mal. Wirklich? Wie würde sie als alleinerziehende Mutter zurechtkommen? Okay, die Praxis war in dem Doppelhaus untergebracht, in dessen anderer Hälfte sie wohnen würden. Maxi konnte sie also jederzeit erreichen, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte. Sie konnten mittags zusammen essen, wenn Maxi mit dem Schulbus nach Hause kam. Und für die Tage, an denen Wiebke auf einer der Halligen gebraucht wurde, würde sich schon eine Lösung finden, hatte ihr Vorgänger Dr. Jens Dethlefsen gesagt. Bei dem Gedanken an ihn wurde ihr flau im Magen. Schon bei ihrem Vorstellungsgespräch hatte Sprechstundenhilfe Sandra ihr unmissverständlich klargemacht, wie extrem beliebt der alte Inselarzt war. Obwohl er schon halb blind und nahezu taub war, hätten die Pellwormer es am liebsten, wenn er seinen Kittel noch nicht an den Nagel hängen würde. Wiebke konnte sich lebhaft vorstellen, wie herzlich die Inselbewohner unter diesen Umständen eine junge Ärztin aufnehmen würden.

»Mami, ich muss dringend!«

»Entschuldige, Krümel.«

»Du sollst mich nicht Krümel nennen.«

»Entschuldige. Ich frage mal am Kiosk, wo hier die Toiletten sind.« Wiebke ging zu der kleinen Verkaufsbude hinüber.

»Da müssen Sie die Treppe hoch, auf der anderen Seite wieder runter, über die kleine Brücke, und dann sehen Sie das Häuschen schon hinten auf dem großen Parkplatz.« Die Frau hinter ihrer Auslage mit Bismarckhering, Krabben, Lachs und zwei Sorten Brötchen lächelte freundlich.

Maxi und Wiebke machten sich auf den Weg. Treppe hoch, sehnsüchtiger Blick in das leere Gebäude, in dem es vor ein paar Wochen noch ein hübsches Restaurant mit sauberem WC gegeben hatte, Treppe wieder herunter.

»Wo ist denn hier eine Brücke?« Wiebke blickte sich suchend um. Bloß keine Zeit verlieren, Maxi hoppelte schon sehr unruhig neben ihr herum.

»Entschuldigung, wir suchen die …«

»Toilette«, beendete ein Mann in Lederklamotten, einen Helm in der Hand, nach einem Blick auf Maxi ihren Satz. »Ist der richtige Weg. Einfach in die Richtung und immer gradeaus.« Er deutete auf ein kleines Holzgeländer.

»Danke.« Wiebke nickte dem Motorradfahrer zu und beeilte sich, hinter ihrer Tochter herzukommen.

Sympathischer Typ, dachte sie. Der fährt bestimmt nicht auf so eine winzige Insel wie Pellworm.

Sie hatten die Wartezeit genutzt, um im Führerhaus des Umzugswagens wenigstens eine Kleinigkeit zu essen, ein Fischbrötchen für Wiebke, ein Würstchen für Maxi. Zwar kam die Sonne hin und wieder heraus, doch der Wind wehte kräftig, und dicke Wolken zogen über den Himmel, so dass es ihnen zum Draußensitzen einfach zu kühl gewesen war. Die Eisheiligen, tröstete Wiebke sich. Danach würde es auch an der Nordsee warm werden.

»Wollen die auch alle nach Pellwurm?« Maxi zeigte auf die Autos vor ihnen.

»Es heißt Pellworm.«

»Weiß ich, aber Wurm ist lustiger.«

»Deine zukünftigen Mitschüler können darüber vermutlich nicht lachen. Ich habe dir doch erklärt, dass der Name der Insel nichts mit einem Wurm zu tun hat. Wenn du den auf die Schippe nimmst, könnten sie denken, du veräppelst sie.«

Maxi verdrehte die Augen. »Guck mal, Mami, der Motorradfahrer will auch nach Pellworm.« Sie betonte übertrieben das O.

»Tatsächlich.« Die Maschine war japanisch, ein richtiges Geschoss. »Was will der denn damit auf so einer kleinen Insel?«

»Da kommt das Schiff. Siehst du? Unser Schiff kommt!« Maxis Stimme überschlug sich.

Wiebke lächelte. Sie beneidete ihre Tochter um die ungetrübte Vorfreude. Das Kind kannte keine Zweifel und keine Bedenken. Sie fand es toll, in Zukunft immer auf einer Insel zu wohnen. Ihr würde Berlin nicht fehlen, hatte sie behauptet.

Nachdem die Passagiere, die von der Insel kamen, das Schiffchen verlassen hatten, durften zuerst Fußgänger und Radfahrer an Bord gehen. Zuletzt waren die motorisierten Fahrzeuge dran.

»Also dann, los geht’s!« Einige Pkw, ein Wohnmobil und das Motorrad setzten sich in Bewegung. Langsam tuckerten sie auf das knallgelbe Stahltor zu, an dem ein Schild mit der Aufschrift Fähre Pellworm hing. Ein Mitarbeiter der Reederei winkte sie heran und zeigte ihnen ihren Standplatz.

Wiebke zog die Handbremse an, legte den ersten Gang ein, dann stiegen sie aus. Wiebke sog tief die salzige Nordseeluft ein.

»Mami, da ist gar nicht genug Wasser.« Maxi deutete auf das Watt. Neben der Fahrrinne lag der Schlick tatsächlich teilweise nur feucht glänzend da, als hätte jemand einen überdimensionalen Stöpsel gezogen.

»Doch, mein Schatz, das reicht, um zur Insel zu kommen.« Sie ließ ihren Blick über die weite glitzernde Fläche schweifen. Kein Hochhaus, keine Hochspannungsleitung, nichts, was einen daran hindern konnte, zum Horizont zu wandern. Und dieser Geruch! Selbst der Hauch von Schiffsdiesel konnte ihn nicht verderben. Berlin roch so oft nach Abgasen und Urin, nach ungeleerten Mülltonnen und Alkohol. Die Luft hier würde Maxi guttun. Und Wiebke auch. Als sie an der Reling stand und die Fähre sich in Bewegung setzte, war dieses Gefühl wieder da, das sie bei ihrem ersten Besuch von der ersten Sekunde an gehabt hatte: Dies ist ein Ort zum Wohlfühlen!

Die Überfahrt war ruhig und angenehm. Das Schiff hob und senkte sich gleichmäßig und gab selbst Landratten keinen Anlass, die Gesichtsfarbe zu wechseln oder sich von ihrem Mageninhalt zu verabschieden. Wiebke und Maxi saßen an Deck und hielten nach Seehunden Ausschau. Maxi fielen allerdings immer wieder die Augen zu. Es war ein langer Tag gewesen. Auch Wiebke spürte ihn in allen Knochen. Am Ziel würden sie noch etwas essen gehen und sich dann in ihre neuen Betten legen. Alles andere konnte bis zum nächsten Morgen warten.

Es ruckte einmal kräftig, als das Schiff am Fähranleger von Pellworm, der ein gutes Stück in die Nordsee ragte, festmachte. Wieder hatten Fußgänger und Radfahrer Vortritt, dann sprang ein Automotor nach dem anderen an. Metallisches Klappern beim Passieren des an das Autodeck angelegten Stegs, endlich setzten sie ihre Füße, oder besser die Reifen, auf das Land, das ihre neue Heimat werden sollte. Der Motorradfahrer war direkt vor ihnen, gab Gas, der Motor röhrte auf, und die Maschine schoss vorwärts.

»Mann, der fährt ja wie ’ne gesengte Sau!«

»Sag mal, Maxi, wo hast du denn solche Ausdrücke her?«

»Von dir. Hast du vorhin auf der Autobahn gesagt.«

»Das heißt noch lange nicht, dass du das auch darfst.« Sie warf ihrer Tochter einen nur mäßig strengen Blick zu. »Könntest du den Ausdruck bitte gleich wieder aus deinem Wortschatz streichen?«

Der Typ war wirklich zu schnell unterwegs. Schon in der ersten Kurve schlitterte das Hinterrad beängstigend. Gleich hatten sie Ostersiel erreicht. Die Straßen waren nicht gerade breit. Und jetzt, am frühen Abend, konnte einiges los sein. Wenn der seinen Fahrstil nicht änderte … Wiebke ließ sich Zeit. Sie waren schon so viele Stunden unterwegs, da kam es auf ein paar Minuten nicht an. Ihr Brummi war immerhin ein ziemlich stattliches Gefährt. Damit wollte sie bestimmt nicht über die schmalen Wege jagen. Kurz hinter Tilli war der Motorradfahrer wieder vor ihnen. Vermutlich hatte er sich an der großen Kreuzung orientieren müssen.

»Siehste, die Raserei nützt dir gar nix«, meinte Maxi schadenfroh. »Wir haben dich trotzdem eingeholt.«

Sie hatte kaum ihren Satz beendet, da gab er wieder unüberhörbar Gas. Das Hinterrad brach aus, die Maschine schlingerte gefährlich. Instinktiv drosselte Wiebke ihr Tempo. Da passierte es: Der Mann hatte anscheinend versucht gegenzulenken. Viel zu stark, er verlor komplett die Kontrolle über sein Motorrad. Es rutschte, kippte, stürzte, schoss über den Grünstreifen hinweg, schlitterte noch ein paar Meter. Sofort hatte Wiebke wieder die Bilder im Kopf: ein Auto, das sich immer wieder überschlägt, wie ein Würfel, den jemand mit Schwung aus dem Knobelbecher geworfen hat. Schließlich liegt es auf dem Dach. Ruhe nach dem unfassbaren Getöse. Ein Gesicht an der Scheibe im hinteren, ziemlich lädierten Teil des Fahrzeugs. Ein Kind, blutend, weinend. Wiebke verdrängte die Erinnerung. Sie schaltete die Warnblinkanlage ein, fuhr an den Rand und brachte den Wagen zum Stehen.

»Hier ist mein Handy. Du setzt einen Notruf ab. Weißt du noch, wie das geht?«

»Was ist passiert? Wo? Wie viele Verletzte?«, stammelte Maxi, die ganz blass geworden war.

»Sehr gut, Schatz. Ich bin so schnell ich kann wieder da. Du rührst dich nicht aus dem Wagen. Haben wir uns verstanden?«

»Ja. Mami?« Wiebke hatte die Tür bereits geöffnet und ihre Einsatztasche in der Hand. Sie blickte sich um. »Wo sind wir denn? Ich kann doch nicht nur Pellworm sagen, oder?«

»Kurz hinter Tilli Richtung Südermitteldeich. Kannst du dir das merken?« Maxi nickte ernst und tippte schon die Notrufnummer ein.

Wiebke war mit wenigen schnellen Schritten bei dem Verunglückten.

»Keine Sorge, Sie bekommen jetzt Hilfe«, sagte sie, obwohl sie noch nicht einmal wusste, ob er bewusstlos war oder sie hören konnte. Die Worte waren in ihr Gehirn eingebrannt, seit sie damals jemand anderer zu dem kleinen Mädchen gesagt hatte, das auf der Rückbank des Wagens gesessen hatte. Das Gefühl von Hilflosigkeit schlich sich an, das Wiebke damals gespürt hatte. Als Unfallzeugin, als Erste, die am Unfallort gewesen war. Außer ihrem Fahrlehrer natürlich, der sich so erschreckend falsch verhalten hatte. Sie hatte damals gar nicht mitbekommen, dass ein weiteres Fahrzeug angehalten hatte, jemand ausgestiegen und zu Hilfe gekommen war. Ein Arzt.

Wiebke konzentrierte sich. Sie kniete hinter dem Kopf des Motorradfahrers, klappte das Visier hoch. Seine Augen waren geschlossen. Auf Anhieb konnte sie keine Atmung feststellen. Sie öffnete seinen Kinnriemen.

»Hören Sie, ich werde Ihnen jetzt den Helm abnehmen. Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde ganz vorsichtig sein. Falls Sie mich verstehen, wäre ein Zeichen toll.«

Sie bemerkte, dass ihr Herz heftig pochte. Sie war nie auf einem Rettungswagen mitgefahren. Wenn sie es in der Klinik mit Notfällen zu tun gehabt hatte, dann waren die Patienten bereits stabilisiert, und sie hatte eine perfekte medizinisch-technische Ausstattung zur Verfügung gehabt.

Ein schneller Blick zu Maxi. Die saß wie versprochen in der Fahrerkabine des Umzugswagens. Als ihre Blicke sich trafen, hielt sie das Handy hoch und nickte eifrig. Wiebke reckte den Daumen in die Höhe. »Gut gemacht, Krümel.«

Dann wandte sie sich wieder dem Mann zu. Sie packte den Helm mit der rechten Hand, während sie mit der linken seinen Nacken hielt. Behutsam, Zentimeter für Zentimeter zog sie den Kopfschutz zu sich. Sobald ein Teil des Hinterkopfes frei war, legte sie eine Hand darunter. Bloß keine ruckartigen Bewegungen, nur nicht zittern oder die Wirbelsäule in eine Richtung schieben. Geschafft! Sie sah, wie sich der Brustkorb hob und senkte. Der Unglücksrabe atmete selbständig. Gott sei Dank!

»Ich bin Ärztin«, erklärte sie dem Mann. »Aber gleich kommt ein Notarzt, der Sie ins Krankenhaus bringt.« Wiebke stockte. Es gab kein Krankenhaus auf Pellworm. Sie stieß die Luft aus. »Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.« Rede einfach mit ihm, das ist wichtig, dachte sie.

Während sie kontrollierte, ob er äußere Verletzungen hatte, soweit das bei einem Menschen, der vollständig in Leder steckte, möglich war, sprach sie in lockerem Ton weiter: »Hätten Sie nicht gedacht, dass wir uns so schnell näherkommen, was?« Sie lachte leise. »Erinnern Sie sich? Sie haben meiner Tochter und mir den Weg zur Toilette gezeigt. Auf dem Parkplatz in Strucklahnungshörn.«

Ein Martinshorn, das schnell lauter wurde. Wiebke blickte auf. Sie hatte den Mann gerade in die stabile Seitenlage bringen wollen. »Hören Sie das? Da ist schon der Kollege«, sagte sie munter. Sie kontrollierte rasch den Mundraum des Verletzten. Da war nichts, was seine Atmung einschränken konnte. Sehr gut.

Mit eingeschaltetem Blaulicht hielt der Rettungswagen wenige Meter von Wiebke und dem Motorradfahrer entfernt an. Ein junger Mann stieg eilig aus, rannte auf die Beifahrerseite und half jemandem beim Aussteigen. Der Jemand war Dr. Jens Dethlefsen, ihr Vorgänger in der Praxis.

Wiebke hob eine Augenbraue, während sie beobachtete, wie der alte Inselarzt sich auf den Weg zu ihnen herüber machte. Das Gehen fiel ihm offenkundig schwer. Höchste Zeit, dass er in den wohlverdienten Ruhestand ging!

»Moin«, rief ihr sein junger Begleiter entgegen.

Dethlefsen grüßte nicht. »Haben Sie die Leitstelle verständigt?«, rief er stattdessen etwas zu laut.

»Moin, Dr. Dethlefsen«, entgegnete sie. »Nein, das war meine Tochter.« Sie deutete auf den Wagen.

Der junge Fahrer sah zu dem Laster hinüber. »Ach, dann sind Sie Frau Dr. Klaus. Na, das nenne ich aber Glück, dass ausgerechnet die neue Inselärztin als Erste zur Stelle ist.«

»Die zweite Inselärztin«, brummte Dethlefsen. »Verletzungen?«, fragte er sie und kniff die Augen eigenartig zusammen.

»Keine offensichtlichen, möglicherweise ist der Arm gebrochen.« Sie wandte sich dem Motorradfahrer zu, der in diesem Augenblick blinzelte: »Wie schön, Sie sind wieder bei uns. Können Sie mich hören? Haben Sie Schmerzen?«

Die Lider flatterten noch kurz, dann hoben sie sich vollständig. »Mein Arm. Mir ist schwindelig.«

»Na, der spricht ja noch. Dann wird es wohl nicht so schlimm sein«, brummte Dethlefsen. »Wir können nichts machen, der muss sowieso ins Krankenhaus.«

Schon forderte sein junger Begleiter den Rettungshubschrauber an.

»Ich bin Erco«, stellte er sich anschließend vor, »sein Enkel.« Er hatte leise gesprochen und deutete mit dem Kopf auf Dethlefsen. »Er hört nicht mehr so gut, dafür sieht er ’n büschen schlechter.« Erco grinste breit. »Deshalb fahre ich ihn manchmal durch die Gegend, wenn ich auf der Insel bin. Wird Zeit, dass Sie übernehmen.«

»Was flüsterst du da rum? Ist Christoph schon alarmiert?«

»Jo, Opa, isser. Niebüll weiß Bescheid.«

Dethlefsen warf seinem Enkel einen ärgerlichen Blick zu, sagte aber nichts weiter.

»Na denn, alles Gute auf Pellworm!« Erco lächelte ihr freundlich zu. Dann brachte er seinen Großvater zum Wagen, und die beiden fuhren davon.

Wiebke blieb bei dem Verletzten, der immer mehr zu sich kam, bis der Hubschrauber Christoph Europa 5 eintraf und ihn aufs Festland brachte. Dann kletterte sie zu Maxi ins Auto, um die letzten kaum mehr als drei Kilometer bis zu ihrem neuen Zuhause zurückzulegen.

Sechs Häuser gab es in der kleinen Sackgasse.

»Eins unserer schönsten Neubaugebiete«, hatte Sandra Hoffmann, die Sprechstundenhilfe, Wiebke bei ihrem Vorstellungsgespräch verraten. In ihrer Stimme hatte der Stolz der Insulanerin und auch ein kleines bisschen Neid mitgeschwungen, wenn Wiebke das richtig gedeutet hatte. Zwar arbeitete Sandra in diesem Vorzeige-Gebiet, sie wohnte allerdings in Nordermitteldeich. Wiebke erinnerte sich noch gut daran, dass sie hatte schmunzeln müssen. Sechs Häuser. Ihr war es recht. Klein und überschaubar. Genau richtig, damit ein Kind sich entfalten und gefahrlos die Natur entdecken konnte.

Sie hielten vor dem Doppelhaus an, in dessen einer Hälfte die Praxis und in der anderen der Wohnbereich untergebracht war. Sofort öffnete sich die Tür des Nachbarhauses, offenbar das neueste der Siedlung. Die Einfahrt war noch nicht gepflastert, der Garten bestand aus einem Rasenstück und viel ungezähmter Natur, die Klingel baumelte am Ende eines nicht befestigten Kabels. Drei Frauen traten hinaus.

»Mächtig neugierig, die Damen«, murmelte Wiebke.

»Kann ich gleich ins Bett gehen?« Maxi sah aus, als könne sie im Stehen einschlafen. »Ich hab gar keinen Hunger mehr.«

»Klar, Krümel.« Kein Protest wegen ihres ungeliebten Kosenamens, Maxi musste wirklich sehr müde sein. »Wir packen nur schnell deinen Koffer und dein Bettzeug aus.«

»Moin!«, tönte es dreistimmig, als Wiebke aus dem Wagen kletterte.

»Moin, guten Abend«, antwortete sie. »Ganz schön spät geworden«, setzte sie noch hinzu und hoffte, die Frauen würden verstehen. Sie wollte die neuen Nachbarinnen nicht schon am ersten Tag vor den Kopf stoßen, aber sie wollte auch auf keinen Fall ausgerechnet jetzt einen Klönschnack halten.

»Wenn Sie auch schon den ersten Einsatz haben, ehe Sie richtig da sind. Ich bin Luise.« Eine blonde Frau mit tiefem Dekolleté, das Wiebke für Pellworm irgendwie unpassend fand, streckte ihr die Hand entgegen. Ihre Augen leuchteten fröhlich. »Nennen Sie mich Lulu.«

»Ich bin Wiebke.« Sie schüttelte Lulus Hand und legte gleichzeitig den Arm um ihre Tochter, die sich gerade an sie drängte. »Und das ist Maxi.«

»Moin«, rief Lulu munter. »Ich hoffe, du magst Krabben.« Sie hielt ihr eine Schale mit gepulten Nordseekrabben vor die Nase. Maxi sah sie mit kleinen Augen an, brachte aber kein Wort heraus.

Dann stellten sich auch die anderen vor. Corinna wohnte in dem unfertigen Haus. Sie balancierte zwei Schüsseln auf einem Arm, eine mit Kartoffeln, eine mit Kräuterquark, der köstlich duftete. Die Dritte im Bunde war Saskia, eine Brünette, deren Make-up, Marken-Jeans und topmodernes T-Shirt aussahen, als käme sie eben vom Laufsteg. Sie hatte eine Friesentorte mitgebracht.

»Kleiner Willkommensgruß!« Sie lächelte freundlich.

»Haben Sie die gebacken?« Wiebke starrte das Kunstwerk an.

»Ja. Geht ganz schnell.«

»Danke. Das ist wirklich nett. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.«

»Am besten, du schließt mal auf.« Lulu sah sie kurz an. »Wir duzen uns hier alle in der Straße. Ist doch okay, oder?« Wiebke nickte. Sie hatte keine Kraft mehr, darüber nachzudenken. »Dann stellen wir das Zeug rein, und ihr könnt essen.«

»Wenn du uns sagst, was ihr für heute Nacht braucht, können wir das auch gleich aus dem Auto holen«, fügte Corinna eifrig hinzu.

»Das ist doch nicht nötig«, wehrte Wiebke ab, tat aber, was Lulu vorgeschlagen hatte. Es war nicht einfach, sich mit einem Kind am Bein vorwärtszubewegen, das sich hängen ließ wie ein kleiner Sandsack.

Ehe Wiebke es sich versah, saß sie mit Maxi in der Küche, und Lulu deckte den Tisch.

»Ich hoffe, die Kartoffeln sind nicht zu kalt geworden. Die hab ich unter einer dicken Decke warm gehalten.« Schon stand die Schüssel auf dem Tisch. »War gar nicht doof, dass du dich um den Biker kümmern musstest. Sonst wäre ich mit dem Pulen nicht fertig geworden.« Lulu lachte und stellte die Krabben dazu. »Wie geht’s dem denn? Ist er schwer verletzt?«

Ereignisse sprachen sich hier anscheinend noch schneller herum, als Wiebke gedacht hätte.

»Er war ansprechbar. Ich glaube, er hat Glück gehabt.«

»Der war bestimmt zu schnell unterwegs, oder?« Lulu verschränkte die Arme.

Ehe sie weitersprechen konnte, platzte Maxi heraus: »Ja, wie ’ne gesengte Sau!«

»Maxi!«

»Cool! Die ist ja super.« Im Gegensatz zu Wiebke war Lulu begeistert von dem Kommentar. »Du hast absolut recht. Ey, ich kriege auch immer die Krise, wenn einer so heizt. Hoffentlich hat er sich ordentlich weh getan. Dann fährt er in Zukunft vielleicht anständig.« Maxi kicherte. »Ist doch wahr«, ereiferte Lulu sich weiter, »von mir aus können solche Typen sich den Hals abfahren. Ist mir egal. Die gefährden schließlich auch andere. Das finde ich echt übel.«

Corinna streckte den Kopf zur Tür herein. »Guten Appetit! Wir haben die Koffer ausgeladen und die riesigen Tüten. Da ist bestimmt die Bettwäsche drin, oder?«

»Ja. Ehrlich, das müsst ihr … müssen Sie nicht, also das sollen Sie doch nicht machen«, stammelte Wiebke und kam sich total unbeholfen vor.

»Du ist schon in Ordnung.« Corinna strahlte. Sie trug das gesträhnte Haar kinnlang. Ein schmaler Reifen hielt es aus ihrem Gesicht. »Wir machen das gerne. Soll noch was ausgepackt werden?«

»Nein, den Rest erledige ich morgen in aller Ruhe. Vielen Dank, Sie haben … ihr habt uns mit dem Essen schon eine riesige Freude gemacht.« Sie deutete auf Maxi, die sich gerade eine sehr volle Gabel in den Mund schob. »Die junge Dame hatte verkündet, dass sie gar keinen Hunger hat, so kaputt war sie von der langen Fahrt. Um ehrlich zu sein, hätte ich auch keine Lust mehr gehabt, noch essen zu gehen, oder uns etwas zu holen.« Sie zeigte auf die Schüsseln, die noch immer gut gefüllt waren. »Das hier ist der beste Empfang, den wir uns wünschen konnten.«

»Dann ist ja alles super. Ich will dann mal wieder.« Saskia erklärte noch kurz, in welchem Haus sie wohnte, ehe sie ging, um nach ihrem Mann zu sehen, der allein mit den Zwillingen Kai und Katja klarkommen musste. »Im Moment wollen die einfach nicht einschlafen. Ist echt ’ne Katastrophe.« Wie sie das sagte, klang es, als würden ihr Katastrophen nichts ausmachen. »Also, gute Nacht und noch mal herzlich willkommen auf Pellworm und hier im Feldweg«, rief sie mit ihrer melodischen Stimme und verschwand. Auch Corinna und Lulu verabschiedeten sich.

»Die sind ja nett!« Maxi strahlte über das ganze Gesicht. »Können wir für immer hierbleiben, Mami?«

2

»Wenn Sie meinen, Herr Doktor.« Dethlefsen schob eine sehr kräftige Dame mittleren Alters aus dem Behandlungszimmer. »Aber wenn ich hier drücke«, sie legte zwei Finger neben den Bauchnabel, »dann tut’s weh.«

»Dann drücken Sie nicht!«, gab der Arzt zurück. Er blickte in Wiebkes Richtung, kniff die Augen wieder so merkwürdig zusammen, wie er es am Vortag schon getan hatte, und machte ein paar Schritte auf sie zu. Die mollige Patientin verabschiedete sich scheu und ging.

»Moin, Dr. Dethlefsen. Wir haben uns zwar schon gesehen, aber ich wollte doch noch mal ganz offiziell hallo sagen. Haben Sie etwas von dem Motorradfahrer gehört?«

»Nein. Ist ja auch nicht mehr meine Sache. In Niebüll ist er in den besten Händen. Um den brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.«

Wiebke nickte. »Ich wollte mal fragen, wann es Ihnen wegen der Übergabe passt.«

»Na, mal nicht so schnell mit den jungen Pferden.« Er lachte sie freundlich an.

»Ich will nicht hetzen, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wollte nur nachfragen, wann es Ihnen passt, die Einzelheiten zu besprechen.«

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