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In Sinclair Lewis' meisterhaftem Roman 'Die Hauptstraße' entfaltet sich die komplexe Erzählung von Carol Kennicott, einer idealistischen Frau, die in die Kleinstadt Gopher Prairie zieht. Lewis nutzt einen scharfen, oft satirischen Stil, um die Konformität und Engstirnigkeit einer amerikanischen Kleinstadt des frühen 20. Jahrhunderts zu beleuchten. Durch prägnante Dialoge und lebendige Charaktere thematisiert er den Konflikt zwischen individualistischem Streben und gesellschaftlichen Erwartungen, was den Roman sowohl zeitlos als auch von tiefgründiger Relevanz macht. Sinclair Lewis, der erste amerikanische Nobelpreisträger für Literatur, war bekannt für seine kritischen Auseinandersetzungen mit der amerikanischen Kultur und den harten sozialen Realitäten seiner Zeit. Geboren 1885, prägen autobiografische Elemente und persönliche Erlebnisse mit der ländlichen Gesellschaft Lewis' Schaffen. Seine Erfahrung als Journalist und seine sozialkritische Haltung stärkten seine Vision eines reformatorischen Erzählstils, der auch in 'Die Hauptstraße' spürbar ist. 'Die Hauptstraße' ist eine eindringliche Lektüre für alle, die sich für die Konflikte zwischen persönlichen Ambitionen und sozialen Normen interessieren. Lewis' scharfer Blick auf die menschliche Natur und die Gesellschaft lädt dazu ein, über eigene Werte und den Preis der Anpassung nachzudenken. Ein unentbehrliches Werk, das sowohl literarisch als auch gesellschaftlich von großer Bedeutung ist. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen Ideal und Wirklichkeit liegt eine Straße, die durch jede Kleinstadt führt. Sinclair Lewis macht aus diesem Bild ein Labor gesellschaftlicher Hoffnungen und Hemmnisse. Sein Roman Die Hauptstraße zeigt, wie der Wunsch nach Erneuerung an Gewohnheiten, Interessen und stillen Übereinkünften prallt. Nicht Sensation oder Tragödie dominieren, sondern das Alltägliche, das beharrlich formt, was Menschen denken, sagen und dulden. Das Ergebnis ist eine präzise Studie der sozialen Kräfte, die Gemeinschaften ordnen und Individuen einhegen. So beginnt eine Erzählung über Ambitionen und Widerstände, über den Ton der Nachbarschaft und die Kraft der Norm, über Anpassung, Reform und Selbstbehauptung.
Dieses Werk gilt als Klassiker, weil es eine ganze Kultur mit der Genauigkeit eines Chronisten und der Schärfe eines Satirikers erfasst. Lewis verdichtet Beobachtung und Gesellschaftskritik zu einem Panorama der US-amerikanischen Kleinstadt um 1920, das bis heute als Maßstab gilt. Seine Figuren stehen nicht als Karikaturen da, sondern als Menschen, die ihre Gründe haben, ihre Ängste, ihre Loyalitäten. Die Hauptstraße zeigt, wie Ideale auf die Reibung alltäglicher Praktiken treffen, und prägt damit nachhaltig die literarische Darstellung von Provinz, Konformität und bürgerlicher Mentalität. Es ist ein Buch, das Diskurs stiftete und weiterhin Denkbewegungen auslöst.
Sinclair Lewis (1885–1951) war ein US-amerikanischer Romanautor, der 1930 als erster Literat aus den Vereinigten Staaten den Nobelpreis erhielt. Die Hauptstraße erschien 1920 und wurde zu einem frühen Höhepunkt seines Schaffens. Der Roman steht am Anfang jener Reihe gesellschaftskritischer Bücher, mit denen Lewis internationale Aufmerksamkeit gewann. Er verbindet eine genaue Milieuschilderung mit einer satirischen Haltung, die weder belehrt noch beschönigt. Anhand einer fiktiven Stadt eröffnet er einen Blick auf reale Strukturen. Diese Verbindung von Erzählkunst und sozialer Beobachtung begründet den Rang des Werkes in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Entstanden ist der Roman in einer Zeit grundlegender Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg. Die Vereinigten Staaten erlebten wirtschaftlichen Wandel, wachsende Mobilität, neue Medien und eine beschleunigte Ausbreitung standardisierter Lebensstile. Gleichzeitig wirkten traditionelle Ordnungen, lokale Loyalitäten und ein starkes Gemeinschaftsgefühl fort. In dieser Spannung verortet Lewis seine Geschichte: Er richtet den Blick auf eine Kleinstadt im Mittleren Westen, deren Selbstbild von Harmonie und Tatkraft geprägt ist, und prüft dieses Bild an den konkreten Abläufen des täglichen Lebens. Der gesellschaftliche Hintergrund ist nicht Dekor, sondern Triebfeder der Erzählung.
Die Handlung setzt mit einer idealistischen jungen Frau ein, die nach ihrer Heirat in die fiktive Stadt Gopher Prairie in Minnesota zieht. Carol Kennicott, ausgebildet und an Reformideen interessiert, entscheidet sich für ein Leben an der Seite eines Landarztes. In der neuen Umgebung begegnet sie festen Routinen, geselligen Ritualen und klaren Erwartungen an Rollen und Geschmack. Zwischen dem Wunsch, das öffentliche Leben zu beleben, und dem Bedarf, akzeptiert zu werden, entsteht Spannung. Diese Ausgangslage reicht, um die Mechanismen einer Gemeinschaft zu zeigen, die sich zugleich offen und widerständig gegenüber Veränderungen verhält, ohne dass die Handlung vorweggenommen wird.
Zentral sind Themen, die über Ort und Zeit hinausreichen: der Konflikt zwischen individueller Entfaltung und sozialer Konformität, die Frage nach der Gestalt guter Bürgerschaft, die Grenzen von Reformen, die von Einzelnen ausgehen. Ebenso stehen Geschlechterrollen im Fokus, Erwartungen an Auftreten, Arbeit und Freizeit, an Geschmack und Umgangsformen. Lewis zeigt, wie Normen sich durch Wiederholung und Anerkennung verfestigen. Die Hauptstraße wird dabei zum Symbol: Sie ist Verkehrsweg, Bühne und Spiegel einer Öffentlichkeit, in der Konsens nicht nur ausgehandelt, sondern auch eingefordert wird.
Stilistisch verbindet Lewis realistische Genauigkeit mit ironischer Distanz. Er beobachtet Sprache, Räume, Vereine, Geschäfte und Gespräche mit akribischem Blick und baut daraus ein dichtes Geflecht aus Details. Die Ironie richtet sich auf Haltungen, nicht auf Personen; sie entblößt Selbstsicherheit, ohne das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu verächtlich zu machen. Dialoge tragen die sozialen Töne, Beschreibungen markieren Unterschiede in Status und Ambition. Die Erzählweise bleibt nah an der Wahrnehmung der Hauptfigur, öffnet zugleich den Blick auf ein Kollektiv, das als eigenständiger Akteur erscheint. So entsteht die Kraft der plausiblen Welt.
Bei Erscheinen wurde der Roman breit gelesen und intensiv diskutiert. Er stellte gängige Idealbilder der amerikanischen Kleinstadt in Frage und machte deren soziale Mechanik sichtbar. Die Resonanz reichte über die Literaturkritik hinaus in Debatten über Bildung, Bürgerinitiativen und lokalen Stolz. Zugleich wirkte das Buch auf spätere Darstellungen bürgerlicher Milieus und trug dazu bei, die Provinz als seriösen literarischen Gegenstand zu etablieren. Mit seiner Mischung aus Satire und Empathie bereitete es den Boden für weitere kritische Gesellschaftsromane und schärfte den Blick für Muster der Selbstvergewisserung in Gemeinschaften.
Die Hauptstraße steht in einer Tradition, die das Soziale als erzählerische Aufgabe begreift. Der Roman knüpft an realistische Verfahren an, nutzt Beobachtung und Typisierung, ohne Menschen zu Schablonen zu reduzieren. Er teilt mit zeitgenössischen Strömungen das Interesse an Institutionen, Verbänden, Vereinen und Märkten, also an den Orten, an denen Öffentlichkeit entsteht. In dieser Hinsicht wirkt das Buch fast ethnografisch: Es protokolliert, wie Normen entstehen, wie Sprache Zugehörigkeit markiert, wie Räume Verhalten steuern. So verbindet es literarische Gestaltung mit einem Sinn für Strukturen, die unter der Oberfläche des Privaten liegen.
Wer dieses Buch liest, findet keinen rasanten Plot, sondern eine sorgfältige Entfaltung von Situationen. Der Reiz liegt in Veränderungen kleiner Temperaturgrade: in Tonlagen von Gesprächen, in Blicken, in der Einrichtung eines Ladens, in der Tagesordnung einer Versammlung. Humor entsteht aus Genauigkeit, nicht aus Spott, und Kritik aus Geduld, nicht aus Angriffslust. Das Ergebnis ist eine erzählerische Bewegung, die uns lehrt, auf Details zu achten, weil in ihnen Macht, Ambition und Rückzug sichtbar werden. Die Lektüre verlangt Aufmerksamkeit und belohnt sie mit einem erweiterten Verständnis gemeinschaftlicher Dynamiken.
Als Klassiker behauptet sich Die Hauptstraße, weil es eine dauerhafte Frage stellt: Wie lässt sich individuelles Streben mit dem Gemeinsamen versöhnen, ohne dass eines das andere verschlingt? Die Metapher der Straße ist dabei Programm: Sie verbindet und trennt, lädt ein und ordnet ein. Lewis bringt diese Ambivalenz zur Darstellung, ohne eine einfache Lösung zu behaupten. Die zeitlose Qualität liegt in der Offenheit der Befunde, in der genauen Sprache, im Willen, die Attraktion des Vertrauten anzuerkennen und dennoch den Preis der Bequemlichkeit zu benennen. So bleibt das Buch eine Schule der Wahrnehmung.
Heute ist das Werk relevant, weil die Verhandlungen zwischen Zugehörigkeit und Veränderung überall neu geführt werden: in Städten und Dörfern, in Vereinen, Schulen und digitalen Öffentlichkeiten. Fragen nach lokaler Identität, nach dem Ton des Miteinanders, nach dem Raum für Abweichung sind aktueller denn je. Die Hauptstraße bietet keine Parolen, sondern Maßstäbe: Aufmerksamkeit für Strukturen, Respekt vor Menschen, Skepsis gegenüber Selbstgewissheit. Seine Klarheit, sein Humor und seine moralische Nüchternheit machen es zu einer Lektüre, die Orientierung stiftet. Wer dieses Buch aufschlägt, betritt eine Straße, die auch durch unsere Gegenwart führt.
Die Hauptstraße (Originaltitel: Main Street) von Sinclair Lewis, erstmals 1920 erschienen, zeichnet ein nüchternes Panorama des Lebens in einer Kleinstadt im amerikanischen Mittleren Westen. Im Zentrum steht Carol Milford, deren Wunsch nach Sinn, Schönheit und gesellschaftlicher Verbesserung sie in einen stillen, aber beharrlichen Konflikt mit Gewohnheiten, Statusdenken und Gruppendruck bringt. Der Roman verfolgt ihren Weg vom idealistischen Aufbruch bis zu einer ernüchterten, reflektierten Haltung. Ohne sensationelle Dramaturgie, doch mit präziser Beobachtung, entfaltet Lewis eine Abfolge alltäglicher Szenen, in denen sich Spannungen zwischen Individuum und Gemeinschaft verdichten. So entsteht ein soziales Sittenbild, das zugleich Komik, Melancholie und scharfe Kritik vereint.
Carol, eine gebildete junge Frau aus der Stadt, arbeitet zunächst in Bibliotheken und träumt von modernem Gemeinsinn, ansprechender Architektur und lebendiger Kultur. Sie lernt den Landarzt Will Kennicott kennen, dessen pragmatische Zuversicht und Zugehörigkeit zu einer Kleinstadt in Minnesota sie anzieht. Nach der Hochzeit zieht sie mit ihm nach Gopher Prairie. Die Hauptstraße des Ortes, Symbol für Handel, Prestige und Routine, wirkt auf sie zugleich verheißungsvoll und ernüchternd. Zwischen gepflegten Fassaden erkennt sie Eintönigkeit, soziale Abgrenzungen und ein Stolzsein auf das Gewohnte. Daraus erwächst ihr Plan, Schritt für Schritt Verschönerung und geistige Belebung in den Alltag des Städtchens zu tragen.
Mit Energie organisiert Carol erste Vorhaben: Gespräche über Stadtplanung, die Aufwertung von Parkanlagen, ein anspruchsvolleres Programm für Vereine, eine stärkere Nutzung der Bibliothek und kleine Feste, die unterschiedliche Milieus zusammenbringen sollen. Anfangs wird sie freundlich begrüßt, doch hinter dem Lächeln liegt Skepsis. Höfliche Zustimmung mündet in Ausflüchte, Termine verschieben sich, Prioritäten verlagern sich zurück zu Bekanntem. Die ersten Projekte geraten ins Stocken, was für Carol zum Wendepunkt wird: Sie begreift, wie tief Bequemlichkeit und Furcht vor Abweichung verankert sind. Dennoch bleibt sie überzeugt, dass Veränderungen möglich sind, und sucht Wege, weniger frontal, dafür ausdauernder, Impulse zu setzen.
Sie tastet sich in die sozialen Kreise vor, von Damenklubs über Kirchengruppen bis zu wohltätigen Komitees. Vida Sherwin, eine engagierte Lehrerin, unterstützt Carols Anliegen, rät jedoch zu Rücksicht und kleinen Schritten. Der Anwalt Guy Pollock zeigt Verständnis, warnt aber vor ungeschriebenen Regeln, die das Städtchen zusammenhalten. Andere, etwa die sittenstrenge Mrs. Bogart, überwachen Normen und reden über jeden, der abweicht. Carol entdeckt, wie höfliche Konversation rasch zu Gerede wird. Kleine Verstöße oder kulturelle Experimente ziehen Missfallen nach sich. Die freundliche Oberfläche kippt immer wieder in Verteidigungshaltung, und Carol schwankt zwischen Zugehörigkeitswunsch und dem Drang, sich nicht anzupassen.
Abseits der Honoratioren findet Carol Verbündete unter weniger privilegierten Bewohnerinnen und Bewohnern. Sie schätzt die Geradlinigkeit einer jungen Hausangestellten und die Unabhängigkeit eines Handwerkers, der die gängigen Phrasen des Ortes offen in Frage stellt. Gespräche über faire Löhne, Wohnverhältnisse und Bildung öffnen ihr neue Blickwinkel, vergrößern aber auch die Distanz zu jenen, die soziale Ordnung mit Moral begründen. Ein öffentliches Ereignis macht sichtbar, wo symbolische Grenzen verlaufen und wie leicht man durchbricht, was als schicklich gilt. Dieser Abschnitt vertieft den Konflikt zwischen Carols Ideal von einer inklusiven Gemeinschaft und den hierarchischen Reflexen der bestehenden Ordnung.
Parallel wächst Carols Verantwortung im privaten Rahmen. Das gemeinsame Haus, Besuche, gesellschaftliche Verpflichtungen und die Geburt ihres Kindes fordern Zeit und Aufmerksamkeit. Will Kennicott verkörpert den praktischen, pflichtbewussten Blick auf Beruf und Gemeinde und erwartet, dass Carol die Vorzüge des sicheren, geachteten Lebens anerkennt. Zwischen Zuneigung und Reibung verhandelt das Paar die Frage, was Glück bedeutet: Genügsamkeit und Stabilität oder Selbstentfaltung und kultureller Anspruch. Carol versucht, im Kleinen zu wirken, Räume zu gestalten und Begegnungen anzuregen. Dabei reift die Einsicht, dass Reform nicht nur äußere Programme meint, sondern auch die geduldige Arbeit an Wahrnehmung und Haltung.
Ein kulturelles Projekt, das über vertraute Muster hinausgeht, stößt auf Widerstand und spitzt bestehende Gegensätze zu. In dieser Phase begegnet Carol einem jüngeren Mann mit künstlerischen Ambitionen, dessen Sensibilität ihr Bedürfnis nach Schönheit und Freiheit anspricht. Aus der anregenden Bekanntschaft erwächst eine innere Prüfung: Wie lassen sich Loyalität, persönliches Begehren und moralische Erwartungen miteinander vereinbaren, wenn das Umfeld jede Nuance öffentlich verhandelt? Die Reaktion der Stadt zeigt, wie rasch aus Andeutungen Urteile werden. Für Carol verdichten sich die Fragen nach Integrität und Selbstbestimmung, ohne dass schnelle Antworten greifbar wären oder eindeutige Entscheidungen öffentlich gemacht werden.
Vor dem Hintergrund nationaler Umbrüche verlässt Carol die Kleinstadt zeitweilig und arbeitet in einem größeren, dynamischeren Umfeld. Die Erfahrung der großen Stadt, neuer Aufgaben und vielfältiger Stimmen relativiert manches Urteil und schärft andere. Sie erkennt, was Provinzialität begrenzt, sieht aber auch, welche Bindungen, Verantwortungen und Freiräume sie nicht preisgeben möchte. Mit Blick auf ihr Kind und eine gereifte Selbstsicht trifft sie eine Entscheidung über den nächsten Lebensabschnitt. Diese Rückkehr in die vertraute Landschaft ist weniger Triumph oder Niederlage als eine nüchterne Standortbestimmung, die ihre Vorstellungen von Wandel erdet und den Blick für leise, nachhaltige Wirkungen schärft.
Die Hauptstraße entwirft damit eine vielschichtige Kritik am Selbstlob kleinstädtischer Normalität und an einem Optimismus, der Vielfalt zur Störung erklärt. Zugleich würdigt der Roman Beharrlichkeit, Fürsorge und die Mühe, im Rahmen des Machbaren Haltung zu zeigen. Sein nachhaltiger Impuls liegt nicht in einer spektakulären Lösung, sondern in der Frage, wie Individuen ihren Geschmack, ihre Ethik und ihre Stimme bewahren, wenn Zugehörigkeit Kompromisse verlangt. Sinclair Lewis verbindet soziale Satire mit realistischer Zeichnung und eröffnet einen Blick auf Muster, die über Ort und Zeit hinauswirken. So bleibt das Buch eine Einladung, Erwartungen zu prüfen und Maßstäbe bewusst zu wählen.
Die Hauptstraße spielt im Milieu der amerikanischen Kleinstadt des Oberen Mittleren Westens in den 1910er und frühen 1920er Jahren. Dominante Institutionen waren evangelisch-protestantische Kirchen, Stadträte, Handelskammern und lokale Zeitungen. Die „Main Street“ fungierte als wirtschaftliche und symbolische Achse: Läden, Banken, Arztpraxen und Hotels konzentrierten sich hier. Gesellschaftlich prägten Besitzbürgertum, Kaufleute und Honoratioren den Ton, während Landwirte und Handwerker das Umland und die Versorgung trugen. Diese Ordnung war von Hierarchien, sozialer Kontrolle und dem Anspruch auf Respektabilität geprägt und bildete die Bühne für Konflikte zwischen Tradition und reformorientierter Modernität.
Das Werk spiegelt die Spätphase der Progressiven Ära, in der Reformen wie kommunale Effizienz, öffentliche Hygiene und Stadtverschönerung propagiert wurden. In vielen Gemeinden entstanden Ausschüsse für Wohlfahrt, Bildungsbeiräte und Initiativen zur „Verbesserung“ des städtischen Erscheinungsbilds. Leitideen stammten aus dem Repertoire wissenschaftlicher Verwaltung und der City-Beautiful-Bewegung. Gleichzeitig stießen Reformvorschläge auf Widerstand, wenn sie lokale Gewohnheiten, Geschäftsinteressen oder kirchliche Autorität in Frage stellten. Die Spannung zwischen fachlich begründeten Neuerungen und der Macht traditioneller Netzwerke bildete einen zentralen Hintergrund für die Handlungsdynamik, die Lewis literarisch zuspitzt.
Entscheidend war die Transformation von Frauenrollen. Der Vereinssinn der Frauenclubbewegung, das Ideal der „municipal housekeeping“ und wachsende Bildungszugänge führten zu größerer gesellschaftlicher Sichtbarkeit. Mit dem 19. Verfassungszusatz von 1920 erhielten Frauen das Wahlrecht, was politische Teilhabe verstärkte. In Schulen, Bibliotheken, Wohlfahrtseinrichtungen und lokalen Kampagnen nahmen sie Einfluss auf Kultur- und Sozialpolitik. Dieses historische Umfeld erklärt Reformimpulse im Roman: ehrgeizige, gebildete Frauen begegneten in Kleinstädten oft Erwartungen, die sie auf häusliche Sphären begrenzten, und verhandelten neue Möglichkeiten gegen alte Normen von Respektabilität und Anpassung.
Die Professionalisierung der Medizin verlieh Landärzten hohes Ansehen, aber auch wachsende Verantwortung. Nach dem Flexner-Report von 1910 wurden Ausbildungsstandards verschärft, Labor- und Hygienepraxis verbreitet und Quacksalberei zurückgedrängt. Zugleich blieben die Arbeitsrealitäten ländlicher Ärzte geprägt von Hausbesuchen, unzuverlässiger Infrastruktur und enger sozialer Verflechtung mit der Klientel. Öffentliche Gesundheitskampagnen gegen Tuberkulose, für Trinkwasserhygiene und Säuglingsfürsorge erreichten die Provinz unterschiedlich schnell. Im Romanhintergrund kollidiert dieses Selbstverständnis fachlicher Autorität mit den Erwartungen einer Gemeinschaft, die medizinische Expertise respektiert, aber Reformen nur selektiv akzeptiert.
Die Vereinigten Staaten erlebten in dieser Zeit rasche Urbanisierung. Die Volkszählung von 1920 markierte erstmals eine mehrheitlich urbane Bevölkerung. Für viele Kleinstädte des Nordens und Mittleren Westens bedeutete das Abflüsse junger Talente in Metropolen und neue Vergleichsmaßstäbe für Kultur, Architektur und Konsum. Eisenbahnverbindungen banden Orte an regionale Zentren wie Minneapolis–St. Paul, ließen aber zugleich die Provinzialität spürbar werden. Der ständige Vergleich zwischen Stadtverheißung und Landruh prägte Debatten über Theater, Bibliotheken, Schulen und über den Wert „bürgerlicher“ Lebensführung, die Lewis in seinem Buch als Spannungsfeld auslotet.
Technische Innovationen veränderten den Alltag. Das erschwingliche Automobil – exemplarisch das Model T – beschleunigte Mobilität, während der Good-Roads-Movement und ab 1916 Bundesmittel den Straßenbau förderten. Telefonnetze, Elektrifizierung und Zentralheizung verbreiteten sich, oft mit Verzögerung im ländlichen Raum. Kinos, Phonographen und Mail-Order-Kataloge verknüpften abgelegene Orte mit nationalen Märkten und Geschmacksmustern. Diese Durchlässigkeit schuf Erwartungen an Komfort und kulturelle Angebote, gegen die lokale Einrichtungen gemessen wurden. Die Diskrepanz zwischen technischem Fortschritt und sozialen Routinen gehört zu den Strukturen, die im Romanhintergrund Modernisierungsansprüche plausibel machen.
Ökonomisch basierten Kleinstädte der Region auf Landwirtschaft, insbesondere Getreide- und Milchwirtschaft. Genossenschaften, Getreideelevatoren und saisonale Kreditketten banden Farmen und Händler zusammen. Der Erste Weltkrieg ließ Agrarpreise steigen; die Nachkriegsdeflation 1920/21 belastete dann Produzenten, Händler und Kommunalfinanzen. Diese Zyklen beeinflussten Investitionen in Infrastruktur, Kultur und Bildung. Parallel setzte Konkurrenz durch Kettenläden und Versandhandel den lokalen Einzelhandel unter Druck. Lewis’ Darstellung eines Selbstbilds der Prosperität korrespondiert mit einer Epoche, in der ökonomische Verwundbarkeit hinter Rhetoriken von „Wachstum“ und „Fortschritt“ oft unsichtbar bleiben sollte.
Religiös dominierten im nördlichen Mittleren Westen protestantische Konfessionen, in Minnesota besonders lutherische Gemeinden mit skandinavischem Erbe, daneben Methodisten und Baptisten. Kirchen prägten Bildungs- und Moralvorstellungen, organisierten Wohlfahrt und sozialisierten Jugendliche. Die Temperenzbewegung, politisch schlagkräftig durch Gruppen wie die Anti-Saloon League, trug maßgeblich zur nationalen Prohibition bei, die ab 1920 mit dem Volstead Act durchgesetzt wurde. In vielen „trockenen“ Gemeinden verschärfte sich damit soziale Kontrolle. Die Verbindung von Frömmigkeit, Vereinswesen und moralischer Ordnung stellt eine Folie dar, vor der Ansprüche auf individuelle Entfaltung konflikthaft erscheinen.
Die Jahre um 1917–1920 waren von Nativismus und „Amerikanisierung“ geprägt. Deutschsprachige Traditionen verloren unter Kriegsdruck Ansehen, Schulen und Vereine stellten vermehrt auf Englisch um. Gleichzeitig setzte die Erste Rote Angst 1919/20 antiradikale Kampagnen in Gang; Gewerkschafter und Sozialisten gerieten unter Generalverdacht. Im oberen Mittleren Westen formierten sich zugleich agrarische und arbeiternahe Bündnisse, aus denen in Minnesota die Farmer–Labor-Bewegung hervorging. Diese politische Gemengelage – Patriotismus, Verdacht gegen „Intellektualismus“ und die Suche nach sozialer Fairness – spiegelt Konflikte, die Lewis’ Porträt einer diskursarmen, aber meinungsstarken Kleinstadtgesellschaft plausibel kontextualisieren.
Der Erste Weltkrieg hinterließ auch in kleinen Gemeinden Spuren: Kriegsanleihen-Kampagnen, lokale Mobilisierungskomitees und Ehrenmale strukturierten öffentliche Rituale. In Minnesota etwa agierte 1917–1919 die Minnesota Commission of Public Safety mit weitreichenden Eingriffen gegen vermeintliche Illoyalität. Die Influenza-Pandemie von 1918/19 forderte vielerorts Opfer und belastete medizinische Ressourcen, Schul- und Kirchenbetrieb. Obwohl Die Hauptstraße primär innersoziale Spannungen beleuchtet, hilft dieses Umfeld zu verstehen, warum Gemeinschaften auf Kritik empfindlich reagieren: Nach Kriegsanstrengung und Krankheit wuchsen Bedürfnis nach Stabilität und die Neigung, Abweichung als Bedrohung zu deuten.
Civic Boosterism wurde um 1900–1920 zu einer Leitmentalität. Handelskammern, Lokalzeitungen und zunehmend vernetzte bürgerliche Clubs wie Rotary (gegründet 1905) oder Kiwanis (1915) propagierten Standortwerbung, Messen und Paraden. Slogans über „Fortschritt“ und „Sauberkeit“ sollten Investoren und Bewohner überzeugen. Praktisch äußerte sich dies in Schaufensterwettbewerben, Straßenbeleuchtung, Stadtgärten und symbolischen Modernitätsgesten. Die Diskrepanz zwischen Werbediskurs und sozialer Wirklichkeit liefert eine wichtige Leselinse für Lewis’ Satire: Selbstzufriedenheit und die Abwehr unbequemer Selbstkritik gehören zur Kultur dieses Boosterism, der im Roman als Haltung erkennbar wird.
Kulturell verbanden Chautauqua-Vortragsreihen, Lyceum-Programme und reisende Theatertruppen Provinzorte mit nationalen Debatten. Frauen- und Lesezirkel diskutierten Geschichte, Literatur und Bürgerkunde; Freimaurer, Odd Fellows und andere Bruderschaften strukturierten geselliges Leben. Das Kino wurde in den 1910er Jahren zum zentralen Vergnügungsort; zugleich blieb die lokale Presse maßgeblich für Meinung und Ansehen. Diese Institutionen rahmen, wie kultureller Anspruch erzeugt und doch oft durch Konventionen gedeckelt wird. Der Roman nutzt vergleichbare Milieus, um zu zeigen, wie „Bildung“ und „Geschmack“ als Statusmarker fungieren, während Innovation an sozialen Grenzen Halt macht.
Die gebaute Umwelt der Kleinstadt war klar gegliedert: eine Hauptstraße mit Backsteinfassaden, Schaufenstern und Leuchtreklamen; dahinter Wohnviertel in Queen-Anne-, Colonial-Revival- oder Craftsman-Stil. Zwischen 1908 und den 1920ern verbreiteten sich auch per Katalog bestellbare Fertighäuser. Gehwege, Straßenbäume und neue Parks galten als Zeichen von Zivilität. Öffentliche Gebäude – Schulen, Rathäuser und oft durch Stiftungen unterstützte Bibliotheken – transportierten bürgerlichen Ehrgeiz. Diese materiellen Marker von Modernität kontrastierten nicht selten mit konservativen sozialen Praktiken. Die Hauptstraße arbeitet genau diesen Kontrast heraus: Fortschritt als Fassade, die Aushandlung echter Veränderung verdeckt.
Literarisch gehört Die Hauptstraße zur sogenannten „Village Revolt“, einer Welle von Kleinstadtkritiken in den 1910er und 1920er Jahren. Edgar Lee Masters’ Spoon River Anthology (1915) und Sherwood Andersons Winesburg, Ohio (1919) hatten den Ton für schonungslose Innenschauen gesetzt. Sinclair Lewis knüpft daran mit einer stärker satirisch-realistischen Prosa an, die Institutionen, Redeweisen und Rituale einer bürgerlichen Öffentlichkeit seziert. Zugleich steht das Buch in der Nachfolge progressiver Sozialkritik und eines journalistisch geprägten Realismus, der nicht Skandal enthüllt, sondern die Normalität des Alltags als Ort der Reproduktion von Macht und Konformität sichtbar macht.
Die Veröffentlichung 1920 bei Harcourt, Brace and Howe fiel in eine Zeit rasanter Lesemärkte und nationaler Vertriebsnetze. Der Roman wurde sofort zu einem Bestseller und löste eine landesweite Debatte über die Tugenden und Blindstellen der Kleinstadt aus. Befürworter lobten die Genauigkeit des Milieus und den Mut zur Entzauberung; Kritiker sahen in ihm unpatriotische Schmähung. Berichte über Proteste, Boykottaufrufe und heftige Gegenreden in Lokalblättern dokumentieren, wie empfindlich Gemeinden auf Spiegelungen ihrer Selbstbilder reagierten. Universitäten, Bibliotheken und Lesezirkel nutzten das Buch zugleich als Anlass, Modernisierung und Bürgertum neu zu thematisieren.
Sinclair Lewis schöpfte für die fiktive Stadt Gopher Prairie aus Erfahrungen im nördlichen Mittleren Westen; vielfach gilt sein Geburtsort Sauk Centre, Minnesota, als Vorbild. Diese Verankerung erklärt die dichte Beobachtung regionaler Redeweisen, Vereine und Rivalitäten. Der Erfolg von Die Hauptstraße ebnete Lewis den Weg zu weiteren gesellschaftssatirischen Romanen der 1920er, darunter Babbitt (1922) über städtischen Geschäftsbürger-Boosterismus und Arrowsmith (1925) über Wissenschaftsethos. 1930 erhielt er als erster US-Amerikaner den Literaturnobelpreis – auch im Lichte dieser Werke –, womit seine Diagnose amerikanischer Normalitätsmythen kanonischen Rang gewann.
Faktisch eingebettet in Nachkriegsrezession, Prohibition, Vereinswesen und Modernisierung, kommentiert Die Hauptstraße die Versprechen und Grenzen der Fortschrittsrhetorik. Der Roman zeigt, wie Konformitätsdruck, Lokalpatriotismus und moralische Wächterhaltung Reformen vereinnahmen oder blockieren können. Er macht sichtbar, dass technische Neuerung und bürgerliche Fassaden nicht automatisch zu kultureller Offenheit führen. Zugleich notiert er den Eigensinn von Akteuren, die entgegen Erwartungen Räume für Veränderung suchen. Als Zeitzeugnis der frühen 1920er Jahre bleibt das Buch eine präzise Kritik an der Mythologie der Kleinstadt als Hort der Tugend – und ein Plädoyer für selbstkritische Modernität.
Sinclair Lewis (1885–1951) war ein US-amerikanischer Romancier und Satiriker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dessen Werke bürgerliche Konventionen, wirtschaftlichen Ehrgeiz und intellektuelle Trägheit im modernen Amerika seziert haben. Er wurde in Sauk Centre, Minnesota, geboren und 1930 als erster US-Amerikaner mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet; gewürdigt wurden seine lebendige Darstellungskraft und sein scharfes, originelles Humorverständnis. Seine Romane prägten den öffentlichen Diskurs über Provinzialität, Konsumkultur und Macht. Begriffe wie „Babbitt“ gingen in die Alltagssprache ein. Lewis verband erzählerischen Realismus mit polemischer Beobachtung und trug so maßgeblich zur Entwicklung der amerikanischen Gesellschaftssatire bei.
Aufgewachsen im Mittleren Westen, prägten ihn Landschaft, Religionspraxis und bürgerliche Milieus kleiner Städte, die später zum Kern seiner Stoffe wurden. Nach der Schulzeit studierte Lewis an der Yale University, wo er für studentische Publikationen schrieb und literarische Routine ebenso wie redaktionelle Disziplin erlernte. Früh wandte er sich realistischen und naturalistischen Strömungen zu, zugleich dem reportagigen Ton der Zeitschriftenkultur des Progressivismus. Kritische Stimmen wie H. L. Mencken und Debatten über „Boosterism“ beeinflussten sein Verständnis amerikanischer Rhetoriken. Diese Einflüsse schärften sein Interesse an gesellschaftlichen Masken, öffentlichem Geschäftssinn und den sprachlichen Floskeln, mit denen sich Konformität tarnt.
Nach dem Studium arbeitete Lewis in New York zeitweise als Redakteur und freier Autor und erprobte verschiedene Genres, von Kurzprosa bis zum Auftragsroman. Erste Bucherfolge waren Our Mr. Wrenn (1914), The Trail of the Hawk (1915), The Job (1917) und Free Air (1919). Diese frühen Arbeiten zeigen eine zunehmende Hinwendung zur Beobachtung des Alltags, zu Berufswelten und Mobilität, verbunden mit dialogischer Direktheit. Schrittweise entwickelte er die schneidende, dokumentarisch anmutende Satire, die sein Markenzeichen werden sollte. Zugleich gewann er handwerkliche Sicherheit in Plotführung und Milieuschilderung, die späteren, größeren Entwürfen Substanz und Glaubwürdigkeit verlieh.
Der Durchbruch gelang mit Main Street (1920), einer scharf konturierten Darstellung kleinstädtischer Enge, deren enorme Verbreitung eine nationale Debatte auslöste. Babbitt (1922) schuf die bleibende Figur des selbstgefälligen, konsumistisch geprägten Geschäftsmannes und wurde zum Synonym für konforme Mittelstandskultur. Mit Arrowsmith (1925), einem Roman über wissenschaftliche Ethik und institutionelle Zwänge, demonstrierte Lewis dokumentarische Präzision; die Auszeichnung mit dem Pulitzer-Preis lehnte er 1926 ab. Die breite Leserschaft und die kontroverse Kritik machten ihn zu einer prägenden Stimme der 1920er-Jahre, die kulturelle Selbstbilder ebenso befragte wie die Sprache des öffentlichen Erfolgs in den USA.
Elmer Gantry (1927) setzte seine Kritik an religiösem Opportunismus fort und provozierte heftige Kontroversen. Dodsworth (1929) untersuchte Konsum, Ehe und transatlantische Selbstbilder. In der Weltwirtschaftskrise warnte It Can't Happen Here (1935) vor autoritären Versuchungen; das Stück wurde 1936 vom Federal Theatre Project breit auf die Bühne gebracht. Weitere Arbeiten der 1930er- und 1940er-Jahre, darunter Ann Vickers (1933) und Kingsblood Royal (1947), nahmen Geschlechterrollen, Bürokratien und Rassenhierarchien ins Visier. Lewis’ produktive mittlere Schaffensphase verband populäre Stoffe mit skeptischer Gesellschaftsanalyse und hielt seine öffentliche Wirkung wach, auch wenn Kritik und Publikum unterschiedlich reagierten.
Zentrales Anliegen Lewis’ war die Prüfung amerikanischer Ideologien: die Versprechen von Fortschritt, Geschäftstüchtigkeit, Wissenschaft und Frömmigkeit. Seine Satire zielte weniger auf individuelle Laster als auf die Routinen von Sprache, Institution und Werbung. Für Arrowsmith arbeitete er eng mit dem Medizinpublizisten Paul de Kruif zusammen, dessen Fachkenntnis die wissenschaftlichen Passagen prägte; generell betrieb Lewis gründliche Milieurecherche. Die Nähe zu journalistischen Verfahren, die Dialoglastigkeit und die Beobachtung sozialer Rituale verliehen seinen Romanen eine beinahe soziologische Textur. Dadurch verband er Unterhaltung mit Prüfung öffentlicher Werte und machte Spannungen zwischen Ideal und Praxis sichtbar.
Spätere Jahre verbrachte Lewis zwischen intensiver Reisetätigkeit, Aufenthalten in den USA und Europa sowie Vortragsreisen; zugleich erschienen weitere Romane und Erzählungen mit schwankender Resonanz. 1930 erhielt er den Nobelpreis und blieb bis zu seinem Tod 1951 in Rom eine prominente literarische Stimme, auch wenn der Zeitgeschmack sich wandelte. Sein Vermächtnis umfasst Figuren und Begriffe, die in die Sprache eingingen, Debatten über Professionen und Macht, sowie die anhaltende Warnung vor Autoritarismus aus It Can't Happen Here. In Lehre, Kritik und Adaptionen bleibt sein Werk präsent; es gilt als Schlüsselkorpus realistischer, satirischer Amerikanistik des 20. Jahrhunderts.
Das ist Amerika – eine Stadt mit wenigen tausend Einwohnern, in einer Gegend mit Weizen und Mais, mit Molkereien und kleinen Wäldchen.
Die Stadt heißt in unserer Erzählung »Gopher Prairie, Minnesota«. Aber ihre Hauptstraße ist die Fortsetzung der Hauptstraße von überall. Die Geschichte wäre die gleiche in Ohio oder Montana, in Kansas oder Kentucky oder Illinois, und nicht sehr anders würde sie oben im York-Staat oder in den Carolina-Bergen erzählt werden.
Die Hauptstraße ist der Gipfel der Zivilisation. Damit dieser Fordwagen vor dem Bon Ton-Laden stehen könne, ist Hannibal in Rom eingedrungen, hat Erasmus im Oxforder Kloster geschrieben. Was Ole Jenson, der Kaufmann, zu Ezra Stowbody, dem Bankier sagt, ist das neue Gesetz für London, Prag und die wilden Inseln des Meeres; was immer Ezra nicht weiß und nicht billigt, das ist Ketzerei, nicht wert gewußt, und sündhaft gedacht zu werden.
Unser Stationsgebäude ist die höchste Errungenschaft der Architektur. Sam Clarks jährlicher Eisenumsatz ist ein Gegenstand des Neides für die vier Provinzen, aus denen »Gottes Land« besteht. In der empfindsamen Kunst des Filmpalastes »Rosenknospe« liegt eine Botschaft und streng moralischer Humor.
Dies ist unsere behagliche Tradition und unser sicherer Glaube. Würde sich nicht als widerwärtiger Zyniker erweisen, wer die Hauptstraße anders schilderte oder die Bürger durch Erwägungen darüber verstimmte, ob es etwa auch andere Glauben geben könne?
Auf einem Hügel am Mississippi, wo vor zwei Menschenaltern noch Chippewas[1] lagerten, stand ein Mädchen vor dem Kornblumenblau des nördlichen Himmels. Sie sah jetzt keine Indianer; sie sah Dampfmühlen und blinkende Fenster von den Wolkenkratzern in Minneapolis und St. Paul. Sie dachte auch nicht an Squaws und Tragstrecken, nicht an die Yankee-Pelzhändler, deren Schatten sie rings umgaben. Sie stellte Betrachtungen an über Nußcrême, über die Theaterstücke von Brieux, sie überlegte, warum man Absätze schief tritt, und dachte daran, daß der Chemielehrer ihre neue Frisur, die ihre Ohren versteckte, angestarrt hatte.
Ein frischer Wind, der über tausend Meilen Weizenlandes herkam, legte ihr Taftkleid in Linien so voll Anmut, so voll Leben und bewegter Schönheit, daß das Herz eines zufälligen Beobachters auf der Straße unter ihr sich sehnsüchtig zusammenzog, als er sie so in schwebender Freiheit sah. Sie streckte die Arme aus, sie lehnte sich gegen den Wind, ihr Kleid warf sich und glitzerte, eine Locke flatterte wild. Ein Mädchen auf einer Bergspitze; gläubig, bildsam, jung; sie trinkt die Luft ein, wie sie sich danach sehnt, das Leben zu trinken. Die ewig wehmütige Komödie erwartungsvoller Jugend[1q].
Es ist Carola Milford, die auf eine Stunde aus dem Blodgett College geflohen ist.
Die Tage des Pioniertums, der Mädchen in großen Radhüten und der auf Fichtenlichtungen mit Äxten getötetenBären sind längst vergessen, und ein rebellisches Mädchen ist der Geist jenes wirren Landes, das der amerikanische Mittelwesten heißt.
Das Blodgett College liegt am Rande von Minneapolis. Es ist ein Bollwerk gesunder Religiosität. Es bekämpft noch immer die neuen Ketzereien Voltaires, Darwins und Robert Ingersolls[2]. Fromme Familien in Minnesota, Iowa, Wisconsin und den Dakotas schicken ihre Kinder dorthin, und Blodgett bewahrt sie vor der Verruchtheit der Universitäten. Doch es birgt freundliche Mädchen in sich, junge Männer, die singen, und eine Lehrerin, die wirklich Milton und Carlyle liebt. So waren die vier Jahre, die Carola in Blodgett verbrachte, nicht ganz verloren. Daß die Schule so klein war und daß sie so wenig Rivalinnen hatte, gestattete ihr, mit ihrer gefährlichen Vielseitigkeit Experimente zu machen. Sie spielte Tennis, gab kleine Gesellschaften in ihrer Bude, nahm an einem Theaterseminar für Fortgeschrittene teil, flirtete und trat einem halben Dutzend Gesellschaften bei, welche die Künste pflegten oder eifrig nach einem Etwas jagten, das »Allgemeine Kultur« hieß.
In ihrer Klasse gab es zwei oder drei hübschere Mädchen, aber keine, die eifriger gewesen wäre. Sie hatte außerordentliches Gleichmaß im Lernen und beim Tanzen, obgleich von den dreihundert Studierenden Blodgetts viele gewissenhafter lernten und Dutzende geschmeidiger Boston tanzten. Jede Zelle ihres Körpers war voll Leben – die schmalen Handgelenke, die blühende Haut, die unschuldigen Augen, das schwarze Haar.
Die anderen Mädchen in ihrem Schlafsaal staunten über die Zierlichkeit ihres Leibes, wenn sie sich im Negligé sehen ließ oder naß von der Dusche kam. Sie schien dann nur halb so breit zu sein, als man vermutet hatte. Ein zartes Kind, das mit verständnisvoller Freundlichkeit behandelt werden mußte. »Medium«, flüsterten die Mädchen, und »ätherisch«. Doch so radioaktiv ihreNerven waren, so abenteuerlich ihre vertrauensvolle Hoffnung auf ziemlich unklar erkannte und begriffene Lieblichkeit und Helligkeit, daß sie mehr Energie entwickelte als alle plumpen jungen Weiber mit Waden in grob gerippten Wollstrümpfen unter den züchtigen blauen Turnhosen, die polternd über den Fußboden der Turnhalle galoppierten, um sich für die Basketball-Damenmannschaft Blodgetts zu trainieren.
Selbst wenn sie müde war, beobachteten ihre dunklen Augen. Sie wußte noch nicht, in welch ungeheuerem Maße die Welt gleichgültiger Grausamkeit und hochmütiger Dummheit fähig ist, aber selbst wenn sie diese traurigen Kräfte kennenlernen sollte, auch dann würden ihre Augen nie trotzig oder schwer oder wässerig verliebt werden.
Trotz all ihrem Enthusiasmus, trotz aller Zärtlichkeit und Geselligkeit, deren Mittelpunkt Carola war, empfanden ihre Bekannten Scheu vor ihr. Ob sie glühend Hymnen sang oder freche Streiche ersann, immer schien sie in aller Freundlichkeit Distanz zu bewahren und kritisch zu bleiben. Vielleicht war sie leichtgläubig; eine geborene Heldenverehrerin; und doch fragte und prüfte sie unaufhörlich. Was immer sie auch werden sollte, Gleichgewicht würde sie nie erlangen.
Sie ließ sich von ihrer Vielseitigkeit verführen. Abwechselnd hoffte sie, eine außergewöhnliche Stimme, schauspielerische Begabung, ein Talent zum Klavierspielen, zum Schreiben, zur Schaffung von Organisationen an sich zu entdecken. Immer war sie enttäuscht, aber immer erglühte sie von neuem – beim Anblick der freiwilligen Studentenmission, beim Malen von Dekorationen für den Theaterklub, bei der Inseratenakquisition für die College-Zeitschrift.
Auf ihrer Höhe war sie, wenn sie am Sonntagnachmittag in der Kapelle geigte. Ihre Violine hob das Orgelthema aus der Dämmerung heraus, das Kerzenlicht zeigte sie in einem glatten, goldschimmernden Kleid, den Arm mit dem Bogen gekrümmt, mit ernstem Mund. Alle Männer verliebten sich dann in die Religion und in Carola.
Während des Seniorenjahres überprüfte sie ängstlich alle Experimente und Teilerfolge für einen Beruf. Täglich, auf den Stufen der Bibliothek oder in der Halle des Hauptgebäudes, sprachen die Kommilitoninnen über das Thema: »Was sollen wir machen, wenn wir mit dem College fertig sind?« Auch die Mädchen, die wußten, daß sie heiraten würden, taten so, als stellten sie Betrachtungen über wichtige Geschäftsstellungen an; auch die, welche wußten, daß sie zu arbeiten haben würden, machten Andeutungen über fabelhafte Verehrer. Carola selbst war Waise; ihre einzige nähere Verwandte, eine lavendelduftende Schwester, hatte einen Optiker in St. Paul geheiratet. Sie besaß nicht mehr viel von dem Geld, das ihr Vater ihr hinterlassen hatte. Sie war nicht verliebt – das heißt, nicht oft, und kein einziges Mal lange. Sie mußte sich ihren Lebensunterhalt verdienen.
Aber wie sie ihn verdienen, wie sie die Welt erobern sollte – fast ausschließlich zum Besten der Welt – das begriff sie nicht. Die meisten der Mädchen, die nicht verlobt waren, wollten Lehrerinnen werden. Von diesen gab es zwei Arten: leichtsinnige junge Weiber, die kein Hehl daraus machten, daß sie vorhätten, »den ekelhaften Klassen und den schmutzigen Kindern« den Rücken zu kehren, sobald sie eine Möglichkeit zum Heiraten sähen; und die fleißigen Mädchen, häufig mit knolligen Stirnen und hervorquellenden Augen, die während der Gebetsandachten Gott baten, »ihre Füße auf die Pfade größter Nützlichkeit zu lenken«. Keine dieser Arten lockte Carola. Die ersten schienen ihr unaufrichtig zu sein (um diese Zeit eines ihrer Lieblingsworte). Von den ernsthaften Jungfrauen, dachte sie, sei zu erwarten, daß sie in ihrem Glauben an Satzanalysen im Cäsar ebenso Schlechtes wie Gutes tun könnten.
Während des Seniorenjahres beschloß Carola endgültig: einmal Jus zu studieren, einmal Filmmanuskripte zu schreiben, Krankenschwester zu werden oder einen nebelhaften Helden zu heiraten.
Dann wurde die Soziologie ihr Steckenpferd.
Der Soziologielehrer war neu. Er war verheiratet unddaher tabu, aber er kam aus Boston, er hatte unter Dichtern, Sozialisten, Juden und umstürzlerischen Millionären im Universitätsviertel New Yorks gelebt, und er hatte einen schönen, weißen, starken Hals. Er führte seine kichernde Klasse durch die Gefängnisse, Armenpflegeanstalten und Arbeitsnachweisämter von Minneapolis und St. Paul. Carola ging am Ende des Zuges, voll Empörung über die verletzende Neugier der anderen, über die Art, wie sie die Armen anglotzten, als wären sie in einem zoologischen Garten. Sie kam sich als große Befreierin vor.
Ein Klassenkamerad namens Stewart Snyder, ein tüchtiger, schwerfälliger junger Mann in blauem Flanellhemd, mit verschossener Krawatte und der grünvioletten Jahrgangskappe, knurrte, während er mit ihr hinter den anderen durch den Schmutz der Viehhöfe St. Pauls stapfte: »Diese College-Hammel gehen mir auf die Nerven. Sie sind so aufgeblasen. Die hätten auf dem Land arbeiten sollen wie ich. Die Arbeiter dort stecken sie alle ein.«
»Ich hab' gewöhnliche Arbeiter rasend gern«, rief Carola glühend.
»Nur dürfen Sie nicht vergessen, daß gewöhnliche Arbeiter sich nicht für gewöhnlich halten.«
»Sie haben recht! Ich bitte um Entschuldigung!« Carolas Augenbrauen hoben sich in der Überraschung ihres Gefühls in glorreicher Selbsterniedrigung. Ihre Augen bemutterten die Welt. Stewart Snyder starrte sie an. Er bohrte seine großen roten Fäuste in die Taschen, er riß sie wieder heraus, er wurde sie entschlossen los, indem er die Hände auf dem Rücken verschränkte und stammelte:
»Ich weiß. Sie haben ein Auge für die Menschen. Die meisten von den verdammten Kommilitoninnen – Hören Sie, Carola, Sie könnten eine ganze Menge für die Menschen tun.«
»Wie?«
»Ach – also, ja – Sie wissen schon – Mitgefühl und so – wenn Sie – sagen wir, Sie wären die Frau eines Rechtsanwalts. Sie würden seine Klienten verstehen.Ich werde Rechtsanwalt. Ich muß zugeben, bei mir hapert's mit dem Mitgefühl manchmal. Ich werd' so ekelhaft ungeduldig mit Leuten, die sich nichts sagen lassen wollen. Sie wären gut für einen Menschen, der zu ernst ist. Sie würden ihn – ihn – Sie verstehen – mitfühlender machen!«
Seine etwas aufgeworfenen Lippen, seine Hundeaugen bettelten, sie solle ihn bitten, weiterzusprechen. Sie floh vor der Dampfwalze seines Gefühls. Sie rief: »Ach, sehen Sie die armen Schafe – Millionen und Millionen Schafe.« Sie lief davon.
Stewart war nicht interessant. Er hatte keinen wohlgeformten weißen Hals, er hatte nie unter berühmten Reformern gelebt. Sie wünschte sich, eben jetzt, eine Zelle in einem Stiftungshaus zu haben, wie eine Nonne ohne unbequeme schwarze Kutte, freundlich zu sein, Bernard Shaw zu lesen und eine Schar dankbarer Armer kolossal zu bessern.
In ihrer soziologischen Lektüre stieß sie auf ein Buch über Dorfverschönerung – Bäumepflanzen, ländliche Feste, Mädchenklubs. Darin waren Bilder von Rasenplätzen und Gartenmauern in Frankreich, Neu-England und Pennsylvanien. Achtlos, mit einem leichten Gähnen hatte sie es aufgenommen. – Als die Drei-Uhr-Glocke sie zur Vorlesung über englische Geschichte rief, hatte sie es zur Hälfte durchflogen.
Sie seufzte: »Das will ich nach dem College tun! Ich werde mich über eine von diesen Präriestädten hermachen und sie verschönern. Inspirieren und anfeuern. Dazu müßt' ich wohl Lehrerin werden – aber nicht so eine Lehrerin. Ich werde nicht faulenzen. Warum soll man denn nur in Long Island Gartenvorstädte haben? Kein Mensch hat mit den häßlichen Städten hier im Nordwesten etwas angefangen, abgesehen von Wiedererweckungsversammlungen und Bibliotheken mit Kitschbüchern. Ich werde die Leute dazu bringen, daß sie grüne Dorfplätze anlegen, reizende Häuschen und eine hübsche Hauptstraße bauen.«
So kam sie triumphierend durch die Stunde, dem typischenBlodgett-Kampf zwischen einem langweiligen Lehrer und widerstrebenden Kindern von zwanzig Jahren, in dem der Lehrer siegte, weil seine Gegner auf seine Fragen antworten mußten, während er ihren gefährlichen Fragen begegnen konnte, indem er sich erkundigte: »Haben Sie sich das in der Bibliothek angesehen? Also, wie wär's damit!«
Der Geschichtslehrer war ein pensionierter Geistlicher. Heute war er sarkastisch. Er fragte den flotten jungen Herrn Charlie Holmberg: »Nun, Charles, dürfte ich Sie vielleicht in Ihrer zweifellos faszinierenden Jagd auf diese boshafte Fliege stören, um Sie zu ersuchen, uns zu sagen, daß Sie nicht das geringste von König Johann wissen?« Drei köstliche Minuten lang konstatierte er, daß tatsächlich niemand das genaue Jahr der Magna Charta kannte.
Carola hörte ihn nicht. Sie stellte das Dach eines Fachwerk-Rathauses fertig. Sie war in dem Präriedorf auf einen Mann gestoßen, der ihr Ideal von gewundenen Straßen und Laubengängen nicht zu schätzen wußte, aber sie hatte den Stadtrat einberufen und einen prachtvollen Sieg davongetragen.
Obgleich Carola in Minnesota geboren war, wußte sie nicht viel von den Präriedörfern. Ihr Vater, ein lächelnder, etwas schäbig aussehender, gelehrsamer und freundlich scherzender Mann, stammte aus Massachusetts und war während ihrer Kindheit Richter in Mankato gewesen, das keine Präriestadt, sondern mit seinen von Gärten eingesäumten Straßen und Ulmenanlagen ein wiedergeborenes weiß-grünes Neu-England ist. Mankato liegt zwischen Felsen und dem Minnesota River, hart an der Traverse des Sioux, wo die ersten Ansiedler Verträge mit den Indianern machten und Viehdiebe einst auf der Flucht vor wie besessen reitenden Polizeitruppen vorübergaloppierten.
Wenn Carola an den Ufern des dunklen Flusses umherstieg,lauschte sie seinen Märchen von dem großen Land der gelben Wasser und gebleichten Büffelknochen im Westen; von den Flußniederungen im Süden mit den singenden Negern und den Palmen, wohin er, ewig rätselhaft, glitt; und sie hörte die aufgeregten Glocken der Flußdampfer wieder, die vor sechzig Jahren auf Sandbänke aufgefahren waren. Auf den Verdecks sah sie Missionare, gewerbsmäßige Spieler mit hohen Zylinderhüten und Dakotahäuptlinge mit purpurroten Decken… Fernes Pfeifen in der Nacht, das Echo von Ruderschlägen in den Föhren, ein Schimmer auf schwarzen, gleitenden Wellen.
Carolas Familie kam in ihrem phantasiereichen Leben mit sich allein aus; Weihnachten war eine Feier voll Überraschungen und Zärtlichkeiten, es gab improvisierte vergnügt komische »Maskeraden«. Die Tiere in der Milford'schen Kindermythologie waren nicht scheußliche Nachtwesen, die aus Kammern herausspringen und kleine Mädchen auffressen, sondern freundliche, helläugige Geschöpfe – das Tapp-tapp, das wollig und blau ist und im Badezimmer lebt und schnell läuft, um die kleinen Füßchen zu wärmen; der eiserne Ölofen, der schnurrt und Geschichten weiß; und das Heinzelmännchen, das vor dem Frühstück mit den Kindern spielt, wenn sie, noch während der Vater beim Rasieren die erste Strophe seines Liedes singt, aus dem Bett springen und das Fenster zumachen. Richter Milfords pädagogisches System bestand darin, daß er die Kinder alles lesen ließ, was ihnen in die Hände fiel; und in seiner braunen Bibliothek verschlang Carola Balzac, Rabelais, Thoraux und Max Müller. Er lehrte sie ernsthaft die Buchstaben auf dem Rücken des Lexikons, und wenn höfliche Besucher nach den geistigen Fortschritten der »Kleinen« fragten, hörten sie entsetzt die Kinder eifrig wiederholen: A–And, And–Aus, Aus–Bis, Bis–Cal, Cal–Cha.
Als Carola neun Jahre alt war, starb ihre Mutter. Ihr Vater zog sich aus dem Amt zurück, als sie elf war, und brachte die Familie nach Minneapolis. Dort starb er zwei Jahre später. Ihre ältere Schwester, eine emsigebrave Seele, die immer guten Rat zur Hand hatte, war ihr schon fremd geworden, als sie noch zusammen in einem Haus lebten.
Aus diesen frühen braun-silbernen Tagen bewahrte sich Carola in ihrer Unabhängigkeit von Verwandten die Bereitwilligkeit, anders zu sein als energische, tüchtige Menschen, die keine Bücher kennen; den Trieb, das Hasten zu beobachten und sich darüber zu verwundern, auch wenn sie daran teilnahm. Aber als sie ihre Laufbahn des Städtebauens entdeckte, merkte sie zufrieden, daß es sie jetzt trieb, selbst energisch und tüchtig zu sein.
Nach einem Monat hatte Carolas Ehrgeiz nachgelassen. Sie wußte wieder nicht, ob sie Lehrerin werden sollte. Bekümmert dachte sie, sie sei nicht stark genug, das tägliche Einerlei zu ertragen, sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie vor grinsenden Kindern stehen und weise und entschlossen tun sollte. Aber der Wunsch, eine schöne Stadt zu schaffen, blieb. Wenn sie auf einen Artikel über kleinstädtische Frauenklubs oder auf die Photographie einer großzügig gebauten Hauptstraße stieß, bekam sie Heimweh, hatte sie das Gefühl, ihrer Arbeit beraubt zu sein.
Der Rat ihres Englisch-Professors brachte sie darauf, in einer Chicagoer Schule Bibliothekswesen zu studieren. Ihre Phantasie formte den neuen Gedanken und malte ihn farbig aus. Sie sah sich, wie sie Kindern zuredete, reizende Märchen zu lesen, jungen Männern half, technische Werke zu finden, wie sie überhöflich zu alten Herren war, die nach Zeitungen stöberten – die Leuchte der Bibliothek, eine Bücherautorität, die man mit Dichtern und Forschern zu Essen einlud, die in einer Gesellschaft erlesener Gelehrter einen Vortrag hielt.
Der letzte Empfang des Lehrkörpers vor der Promotion. Noch fünf Tage, und alle waren im Unwetter der Schlußprüfung.
Im Haus des Rektors waren Unmengen von Palmen aufgestellt, so daß man an ein besseres Leichenbestattungsgeschäft denken mußte, und in der Bibliothek mit dem Globus und den Porträts von Whittier und Martha Washington spielte das Studentenorchester »Carmen« und »Butterfly«. Carola war ein wenig berauscht von der Musik und der Abschiedsstimmung. Sie sah die Palmen als Dschungel, die rosa Glocken der elektrischen Lampen als opalisierenden Dunst und die bebrillten Lehrer als Olympier. Beim Anblick der kleinen Mädchen, mit denen sie »immer schon hatte näher bekannt werden wollen«, und der fünf oder sechs jungen Männer, die bereit waren, sich in sie zu verlieben, wurde sie melancholisch.
Mit Stewart Snyder aber machte sie eine Ausnahme. Er war so viel männlicher als die anderen; er wirkte wie ein ruhig warmes Braun, wie die Farbe seines neuen fertig gekauften Anzugs mit den wattierten Schultern. Sie saß mit ihm auf einem Haufen rektoraler Überschuhe im Garderobenverschlag unter der Treppe, mit zwei Tassen Kaffee und Hühnerpastetchen, und als die Musik dünn hereinsickerte, flüsterte Stewart:
»Ich kann es nicht aushalten, dieses Auseinandergehen nach vier Jahren! Den glücklichsten Jahren des Lebens.«
Sie glaubte es. »Oh, ich weiß! Zu denken, daß wir schon in wenigen Tagen Abschied nehmen und nie wieder einen von den Leuten hier wiedersehen werden!«
»Carola, Sie müssen mich anhören! Sie weichen immer aus, wenn ich ernst mit Ihnen reden will, aber Sie müssen mich anhören. Ich werde ein großer Anwalt werden, oder vielleicht auch Richter, und ich brauch' Sie, und ich würde Sie beschützen –«
Sein Arm schlüpfte hinter ihre Schulter. Die schmeichelnde Musik lähmte ihren Willen. Sie sagte ein wenig traurig: »Würden Sie achtgeben auf mich?« Sie faßte seine Hand an. Die war warm, fest.
»Und ob! Wir würden, Herrgott, wir würden's großartig haben in Yankton, wo ich mich niederlassen werde –«
»Aber ich möchte etwas mit dem Leben anfangen.«
»Gibt es denn was Schöneres, als ein Haus behaglich zu machen, prächtige Kinder aufzuziehen und nette, gemütliche Leute zu kennen?«
»Natürlich. Ich weiß. Das wird schon so sein. Wirklich, ich hab' Kinder gern. Aber es gibt ja so viel Frauen, die im Haus arbeiten können. Ich aber – also, wenn man schon im College gewesen ist, muß man es auch der Welt zugute kommen lassen.«
»Ich weiß, aber Sie können's ja ebensogut im Haus verwenden. Und, herrje, Carola, stellen Sie sich doch nur vor, wenn wir mit 'ner Gesellschaft ein Autopicknick machen, an einem hübschen Frühlingsabend.«
»Ja.«
»Und Schlittenfahren im Winter, und Angelngehen –«
Trara! Das Orchester hatte den »Soldatenchor« begonnen. Sie protestierte: »Nein! Nein! Sie sind ein lieber Kerl, aber ich möcht' was tun. Ich versteh' mich selber nicht, aber ich möchte – alles auf der ganzen Welt! Vielleicht kann ich nicht singen oder schreiben, aber ich weiß, als Bibliothekarin kann ich's zu etwas bringen. Stellen Sie sich nur vor, wenn ich einem kleinen Jungen helfe und er dann ein großer Künstler wird! Ich will! Ich will's tun! Lieber Stewart, ich könnte mich nie damit abfinden, nichts weiter zu tun, als Geschirr zu waschen!«
Zwei Minuten später – zwei schwindelnde Minuten – wurden sie von einem verlegenen Paar gestört, das gleichfalls die idyllische Abgeschiedenheit des Garderobenverschlags suchte.
Nach der Promotion sah sie Stewart Snyder nie wieder. Sie schrieb ihm wöchentlich einmal – einen Monat lang.
Ein Jahr war Carola in Chicago. Das Studium des Bücherkatalogisierens, des Registrierens, der Nachschlagewerke war leicht und nicht allzu einschläfernd. Sie schwelgte in der Gesellschaft der Kunstfreunde, bei Symphonie-, Violin- und Kammermusikkonzerten, im Theater und bei antiken Tänzen. Fast hätte sie die Bibliothekslaufbahnaufgegeben, um eine der jungen Frauen zu werden, die in leichten Nesselgewändern im Mondschein tanzen. Sie wurde zu einem richtigen Atelierfest mitgenommen, mit Bier, Zigaretten, kurzgeschnittenen Haaren und einer russischen Jüdin, welche die Internationale sang. Man kann nicht behaupten, daß Carola bei den Bohemiens etwas Bedeutsames zu sagen gehabt hätte. Sie war unbeholfen bei ihnen, kam sich unwissend vor und war entsetzt über die freien Manieren, nach denen sie sich jahrelang gesehnt hatte. Aber sie hörte Gespräche, die sie im Gedächtnis behielt, Diskussionen über Freud, Romain Rolland, über den Syndikalismus, die Confédération Générale du Travail, Feminismus contra Haremismus, über chinesische Lyrik, Nationalisierung von Bergwerken, Christian Science und das Fischen im Ontariosee.
Sie ging nach Hause, und das war der Anfang und das Ende ihres Bohemienlebens gewesen.
Ein entfernter Vetter von Carolas Schwager lebte in Winetka und lud sie einmal zum Sonntagsessen ein. Sie ging durch Wilmette und Evanston zurück, entdeckte neue Formen der Vorstadtarchitektur und entsann sich ihres Wunsches, Dörfer zu verschönern. Sie kam zu dem Schluß, daß sie die Bibliotheksarbeit aufgeben und, dank einem Wunder, dessen Natur ihr nicht sehr klar war, eine Präriestadt in eine Ansiedlung mit Häusern im Kolonialstil und japanischen Bungalows umwandeln würde.
Am nächsten Tag hatte sie im Bibliothekskurs über die Verwendung des Ergänzungskatalogs zu sprechen und wurde von der Diskussion so gepackt, daß sie ihr Städtebauen aufgab – und im Herbst war sie in der städtischen Bibliothek St. Pauls.
In der St. Pauler Bibliothek war Carola nicht unglücklich und nicht selig. Sie gestand sich zögernd ein, daß sie keinen sichtbaren Einfluß auf Menschen gewann. Anfangs legte sie in ihren Verkehr mit den Kunden eine Bereitwilligkeit, die Welten bewegen sollte. Aber von diesenfesten Welten wollten so wenige bewegt werden. Wenn sie im Zeitschriftensaal Dienst hatte, fragten die Leser nicht nach Anregungen für schöngeistige Essays. Sie knurrten: »Ich möcht' die Lederwarenzeitschrift vom letzten Februar.« Wenn sie Bücher ausgab, war die Hauptfrage: »Können Sie mir eine gute, leichte, spannende Liebesgeschichte empfehlen? Mein Mann verreist auf eine Woche.«
Niemals hatte sie das Gefühl, zu leben.
Während ihrer dreijährigen Bibliotheksarbeit zeigten einige Männer eifriges Interesse für sie – der Börsendisponent einer Pelzfirma, ein Lehrer, ein Zeitungsreporter und ein kleiner Eisenbahnbeamter. Keiner von diesen beschäftigte sie mit mehr als einem Gedanken. Monatelang hob sich kein männliches Wesen aus der Menge ab. Dann lernte sie bei den Marburys Herrn Will Kennicott kennen.
Eine schwache, melancholische und einsame Carola war es, die zum Sonntagabendessen bei der Familie Johnson Marbury trabte. Frau Marbury war eine Nachbarin und Freundin von Carolas Schwester; Herr Marbury war Reisevertreter einer Versicherungsgesellschaft. Ihre Spezialität war ein Schnellimbiß aus belegten Broten, Salat und Kaffee, und Carola galt bei ihnen als Vertreterin der Literatur und Kunst. Sie war die einzige, auf deren Urteil man sich verlassen konnte, wenn man eine neue Caruso-Platte[3] bekam, oder wenn Herr Marbury seiner Frau eine chinesische Lampe aus San Franzisko mitbrachte. Carola fand, daß die Marburys sie bewunderten, und fand sie daher bewundernswert.
An diesem Sonntagabend im September hatte sie ein Tüllkleid auf blaßrosa an. Ein Nachmittagsschläfchenhatte die schwachen Müdigkeitslinien um ihre Augen ausgelöscht. Sie war jung, unbefangen, von der kühlen Luft ein wenig erregt. Sie warf ihren Mantel auf den Stuhl im Vorzimmer und stürzte in das grüne Plüschwohnzimmer. Die Familiengruppe versuchte Konversation zu machen. Sie sah Herrn Marbury, die Turnlehrerin einer Hochschule, einen höheren Büroangestellten der Great Northern Railway, einen jungen Rechtsanwalt. Aber es war auch ein Fremder da, ein großer starker Mann von sechs- oder siebenunddreißig Jahren, mit schwerem braunen Haar, befehlsgewohntem Mund, Augen, die gutmütig alles verfolgten, und Kleidern, auf die man sich nicht ganz besinnen konnte.
Herr Marbury rief laut: »Carola, kommen Sie her, ich muß Sie mit Doktor Kennicott bekannt machen – Doktor Will Kennicott aus Gopher Prairie. Er macht die Untersuchungen für unsere Versicherung in den Walddistrikten dort oben und soll ein glänzender Arzt sein!«
Als Carola auf den Fremden zuging und irgendeine Redensart murmelte, fiel ihr ein, daß Gopher Prairie eine Stadt mit etwas über dreitausend Einwohnern in den Weizenprärien Minnesotas sei.
»Freut mich, Sie kennenzulernen«, erklärte Dr. Kennicott. Seine Hand war stark, die Handfläche weich, der Rücken derb, mit goldenen Härchen auf der festen roten Haut.
Er sah sie an, als ob sie eine angenehme Überraschung wäre. Sie machte ihre Hand frei und sagte unsicher: »Ich muß in die Küche gehen und Frau Marbury helfen.« Sie sprach mit ihm erst wieder, als sie die Brötchen aufgeröstet und die Papierservietten herumgereicht hatte, und Herr Marbury sie einfing, indem er rief: »Ach, hören Sie jetzt auf, herumzutrödeln. Kommen Sie her, setzen Sie sich nieder und erzählen Sie uns was.« Er drängte sie auf ein Sofa zu Dr. Kennicott, der einen etwas unsicheren Ausdruck in den Augen hatte, wie wenn er nicht wüßte, was man jetzt von ihm erwartete. Als der Hausherr sich von ihm entfernte, wurde Kennicott munter:
»Marbury sagt mir, Sie sind ein Großmogul in derstädtischen Bibliothek. Das hat mich überrascht. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie alt genug dazu sind. Ich dachte, Sie wären noch ein Mädel, vielleicht noch im College.«
»Ach, ich bin schrecklich alt. Bald werd' ich mich schminken müssen und jeden Morgen ein graues Haar finden.«
»Hu! Sie müssen schrecklich alt sein – wahrscheinlich schon zu alt, um meine Enkelin zu sein! – Wie gefällt Ihnen Ihre Arbeit?«
»Sie ist angenehm, aber manchmal komme ich mir so vom Leben abgeschnitten vor – die Eisenregale und die ewigen Papiere, die über und über mit roten Stempeln verschmiert sind.«
»Wird Ihnen die Stadt nicht zuwider?«
»Sankt Paul? Wieso, gefällt es Ihnen nicht? Ich kenne keine hübschere Aussicht als von der Summit Avenue über die untere Stadt auf die Mississippiklippen und die Hochlandfarmen am anderen Ufer.«
»Ich weiß, aber – Ich hab' natürlich neun Jahre in den Zwillingsstädten gelebt – ich hab' meinen Doktor dort an der Universität gemacht und war als Assistent an einem Krankenhaus in Minneapolis, aber doch, na ja, man lernt die Leute hier nie so kennen wie dort oben bei mir zu Hause. Ich weiß, daß ich in Gopher Prairie was zu sagen habe, aber denken Sie an eine große Stadt von zwei- bis dreihunderttausend Einwohnern, dort bin ich doch nichts weiter als eine Fliege, die einem Hund auf dem Rücken sitzt. Und dann hab' ich die Fahrten über Land gern und das Jagen im Herbst. Kennen Sie Gopher Prairie überhaupt?«
»Nein, aber ich habe gehört, daß es eine hübsche Stadt ist.«
»Hübsch? Sagen Sie ehrlich – Natürlich kann ich ein Vorurteil haben, aber ich hab' schrecklich viele Städte gesehen, ich war einmal in Atlantic City – beim Jahreskongreß der Medizinischen Gesellschaft, und ich war eine Woche wirklich in New York! Aber ich hab' nie eine Stadt gesehen, die so rührige und tüchtige Leute hatwie Gopher Prairie. Bresnahan – Sie wissen, der berühmte Autofabrikant, der stammt aus Gopher Prairie. Dort geboren und aufgewachsen! Und es ist eine verdammt hübsche Stadt. Eine Menge schöne Ahornbäume, und dann sind dort zwei von den hübschesten Seen, die es gibt, ganz in der Nähe der Stadt! Und wir haben auch schon sieben Meilen zementierte Wege und bauen jeden Tag noch mehr! Eine Menge von den Städten haben noch immer ihre Bohlenwege, aber wir nicht, klar!«
»Wirklich?«
(Warum mußte sie an Stewart Snyder denken?)
»Gopher Prairie wird eine große Zukunft haben. Eine von den besten Molkerei- und Weizengegenden im Staat liegt ganz nah – ein Teil davon wird jetzt schon zu Eins fünfzig für den Morgen verkauft, und in zehn Jahren wird's bestimmt auf Zweieinviertel hinaufgehen!«
»Wie – Haben Sie Ihren Beruf gern?«
»Es gibt nichts Schöneres. Man kommt hinaus und kann doch mal zur Abwechslung im Büro bummeln.«
»Ich meine es nicht so. Ich meine – es ist so eine Gelegenheit für Mitgefühl.«
Dr. Kennicott polterte: »Ach, diese Bauern brauchen kein Mitgefühl. Alles, was sie brauchen, ist ein Bad und eine gute Dosis Bittersalz.«
Carola zuckte wohl zusammen, denn er sagte sofort eifrig:
»Was ich meine – ich will nicht, daß Sie denken, ich bin einer von den alten Bittersalz- und Chininverzapfern, aber ich meine: so viele von meinen Patienten sind handfeste Bauern, daß ich wahrscheinlich ein bißchen unempfindlich werd'.«
»Mir scheint, ein Arzt könnte eine ganze Ansiedlung ändern, wenn er wollte – wenn er es sähe. Er ist gewöhnlich der einzige Mann in der ganzen Gegend, der eine wissenschaftliche Erziehung hat, nicht wahr?«
»Ja, das stimmt schon, aber ich glaub', die meisten von uns rosten ein. Es kommt immer auf die alte Leier mit Entbindungen, Typhus und gebrochenen Beinen hinaus.Was wir brauchen, ist eine Frau wie Sie, die uns zusetzen würde.Siekönnten aus der Stadt was machen.«
»Nein, ich könnte nicht. Ich bin zu oberflächlich. Aber komisch, ich hab' früher gerade daran gedacht, jetzt scheine ich aber von der Idee abgekommen zu sein. Ja, ich wäre die richtige, Ihnen Predigten zu halten!«
»Doch! Gerade Sie sind's. Sie können denken und haben trotzdem Ihren weiblichen Reiz nicht verloren. Sagen Sie, meinen Sie nicht, daß eine Menge von den Frauen, die sich für alle diese Bewegungen einsetzen und so weiter, die sich aufopfern –«
Nach seinen Auslassungen über Frauenrechtlerinnen fragte er sie plötzlich nach persönlichen Dingen. Seine Freundlichkeit und Festigkeit nahmen sie gefangen, und sie ließ ihn als Menschen gelten, der ein Recht darauf hatte, zu wissen, was sie zu denken und anzuziehen, zu essen und zu lesen pflegte. Er war etwas Positives. Er war aus einem unbestimmt umrissenen Fremden ein Freund geworden, dessen Geplauder etwas Neues und Wichtiges war. Sie bemerkte, wie gesund und kräftig seine Brust war. Seine Nase, die zuerst unregelmäßig und groß schien, war mit einem Male männlich.
Aus dieser beschaulichen Behaglichkeit wurde sie aufgeschreckt, als Marbury auf sie losstürzte und in aller Öffentlichkeit brüllte: »Sagt mal, was denkt ihr beide denn, was macht ihr denn da? Wahrsagen oder Flirten? Lassen Sie sich von mir warnen, Carola, der Doktor ist ein eingeschworener Junggeselle. Kommt jetzt, Herrschaften, bewegt mal die Beine. Wir wollen was hören oder tanzen oder irgend was Nettes machen.«
Sie hatte bis zum Abschied keine Gelegenheit, mit Dr. Kennicott zu sprechen.
»Es ist mir ein großes Vergnügen gewesen, Sie kennenzulernen, Fräulein Milford. Kann ich Sie mal sehen, wenn ich wieder in die Stadt komme? Ich bin ziemlich oft hier – Patienten ins Krankenhaus bringen und so weiter.«
»Ja, aber –«
»Wo wohnen Sie?«
»Sie können Herrn Marbury fragen, wenn Sie wieder hier sind – wenn Sie's wirklich wissen wollen!«
»Wissen wollen? Sie werden schon sehen!«
Von der Liebe Carolas und Will Kennicotts ist wenig zu erzählen, was nicht an jedem Sommerabend in jeder dunklen Straße gehört werden könnte.
Sie hatten einander ehrlich gern – sie waren beide ehrliche Menschen. Es enttäuschte sie, daß er so am Geldverdienen hing, sie war aber überzeugt, daß er seine Patienten nicht belüge und mit den medizinischen Zeitschriften Schritt halte. Was mehr als ihre Sympathie erweckte, war seine Jungenhaftigkeit auf ihren Wanderungen.
Sie gingen von St. Paul den Fluß entlang nach Mendota, Kennicott in Mütze und weichem Seidenhemd elastischer aussehend, Carola mit einer Pudelmütze aus weichem Samt, in einem blauen Sergekleid mit einem übertrieben, aber gefällig breiten umgelegten Leinenkragen, mit zierlichen Fesseln über derben Schuhen. Die High Bridge überquert den Mississippi, von einem niedrigen Ufer zu einer Klippenreihe ansteigend. Carola lehnte sich über das Geländer der Brücke; in köstlicher eingebildeter Angst schrie sie, es schwindle ihr vor der Tiefe; und es war eine besonders angenehme Befriedigung, einen starken Mann bei sich zu haben, der sie zurückriß in Sicherheit, und nicht eine logische Lehrerin oder Bibliothekarin, die keifte: »Aber, wenn Sie Angst haben, warum gehen Sie dann nicht vom Geländer weg?«
Von den Felsen auf der anderen Flußseite sahen Carola und Kennicott auf St. Paul und seine Hügel zurück – ein herrlich geschwungener Bogen von der Kuppel der Kathedrale bis zur Kuppel des Staatskapitols.
Die Flußstraße führte an felsigen Abhängen, tiefen Schluchten, an Wäldern, die jetzt im September flammten, vorbei nach Mendota: weiße Mauern und ein Turm zwischen Bäumen, an einem Hügel gelegen, eine alte Weltin stillem Frieden. Und für dieses neue Land ist der Ort auch wirklich alt. Hier steht das trotzige Steinhaus, das General Sibley, der König der Pelzhändler, im Jahre 1835 erbaut hat. Es wirkt, als wäre es Jahrhunderte alt. In seinen ruhigen Zimmern fanden Carola und Kennicott Bilder aus den früheren Tagen, die das Haus gesehen hatte – blaue Schwalbenschwanzröcke, schwerfällige Red-River-Wagen mit kostbaren Pelzladungen, Unionsoldaten mit Backenbärten, mit Käppis und Säbeln.
Das bedeutete für sie gemeinsame amerikanische Vergangenheit, und es war denkwürdig, weil sie es zusammen entdeckt hatten. Sie sprachen vertraulicher, persönlicher, als sie weiterwanderten. Sie überschritten den Minnesota River in einer Ruderfähre. Sie stiegen den Hügel zu dem runden Steinturm von Fort Snelling hinauf. Sie sahen den Zusammenfluß des Mississippi und des Minnesota und gedachten der Männer, die vor achtzig Jahren hierhergekommen waren – neu-englische Holzfäller, York-Händler, Soldaten von den Maryland-Bergen.
»Es ist ein gutes Land, und ich bin stolz darauf. Machen wir daraus, was diese Alten sich erträumt haben«, sagte der sonst unsentimentale Kennicott.
»Ja!«
