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Christina ist eine junge Heilerin. Als es ihr gelingt, den Bischof von Münster zu heilen, gerät sie in den Fokus der Kirche und des ortsansässigen Medicus, der es gar nicht gerne sieht, dass eine junge Frau ihm ins Handwerk pfuscht. So gerät sie zwischen die Querelen um den Bischofsitz und den städtischen Intrigen des Adels und der Ritterschaft. Nur der junge Adelige Johann von Droste-Hülshoff, der ihr nicht mehr aus dem Kopf geht und eine Wölfin namens Luna, die sie als Welpen aufgenommen hat, stehen ihr zur Seite.
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Seitenzahl: 531
Veröffentlichungsjahr: 2022
Die Heilerin von Münster
Historischer Roman
Widmung
Für alle Menschen die durch Diskriminierung, Krieg, ihre Denkweise oder einfach für das, was oder wer sie sind, zu Unrecht verfolgt, angeklagt und unterdrückt werden.
© 2022 Eva Kehm-Seyffarth (Autorin/Rechtsinhaberin)
Verlag & Druck: Tredition GmbH, Halenreihe 40-44, 22359 Hamburg
Paperback:
978-3-347-78094-1
Hardcover:
978-3-347-78095-8
EBook:
978-3-347-78096-5
Lektorat:
Leyla Yapici, Heike Ditzhaus
Korrektorat:
Jörg Seyffarth
Coverbild Idee:
Gerd Altmann
Coverdesign:
Susan Kent
Illustration :
Sprunger-Menke
Die Heilerin von Münster
Anno 1448-1452
Historischer Roman
Dom zu Münster
Prolog
Er stand vor der geschlossenen Türe und spitzte die Ohren, obwohl es nicht einmal nötig gewesen wäre. Dem hitzigen und lauten Wortwechsel hätte er durchaus auch ohne größere Anstrengung folgen können. Die junge Besucherin kannte er. Er hatte sie schon einmal gesehen. Sie hatte verlangt, seinen Herrn unverzüglich zu sprechen, allerdings machte sie heute irgendwie einen verstörten Eindruck.
Trotz ihres befehlsgewohnten Tones, mit dem sie ihn ansprach, wirkte sie wie ein verletztes Reh, das den Gnadenstoß erwartet. Genau das dachte er, als sie hinter ihm die Treppe emporstieg. „Nein, so ist es nicht! Ich wollte nicht…!“, drang es nun von der anderen Seite der Türe an sein Ohr.
„Was willst du dann?“, herrschte sein Herr die junge Frau an. Gregor musste sein Ohr nah an die Türe legen, da die Jungfer nun deutlich leiser weitersprach.
„Besagter Nachmittag ist nicht ohne Folgen geblieben!“
„Was soll das heißen? Du hast doch niemandem von unserer kleinen Vergnüglichkeit erzählt?“
„Ich schwöre, ich habe keiner Menschenseele von diesem Nachmittag erzählt.“
„Nun lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen! Von welchen Folgen redest du?“ Die Stimme seines Herrn klang ungehalten.
„Ich bin guter Hoffnung, und Ihr seid der Vater!“
Gregor hielt den Atem an. Er wollte auf keinen Fall in der Haut der jungen Frau stecken und dem unberechenbaren Unwillen seines Herrn ausgesetzt sein.
Einen Moment war es still auf der anderen Seite, dann wurde es wieder laut.
„Was redest du da, Weib!“, hörte er seinen Herrn fauchen. Gregor wich erschrocken von der Tür zurück, als wäre er selbst ausgescholten worden.
„Das kann gar nicht sein! Schließlich habe ich dir meinen Samen vorenthalten! Du Kebse hast bestimmt einen anderen Kerl rangelassen, der sich nicht so im Griff hat wie ich!“
„Ich schwöre, dass Ihr der Einzige seid, mit dem ich jemals…!“
Er hörte die junge Frau aufschluchzen.
„Lügen! Weibermündern entfahren nichts als Lügen!“
Es dauerte einen Moment, bis Gregor gewahrte, dass die junge Frau nun sehr leise weitersprach. So bekam er nur einen Teil ihrer Worte mit.
„…ihr Amt aufgeben und ein bürgerliches Leben mit Frau und Kindern wählen!“, hörte er sie sagen.
Verdammt, worum ging es hier? Dann traf ihn die Erkenntnis mit einem Schlag. Die Jungfer war guter Hoffnung und sein Herr, der vom Papst bestätigte Bischof von Münster, war der Vater! Er konnte doch unmöglich das Zölibat dermaßen mit Füßen getreten haben! So etwas durfte ein Kirchenmann doch nicht tun! Sein jetziger Herr war kein anständiger Mensch, wie der Herr, dem er vorher gedient hatte.
Er versuchte sich genau an das zu erinnern, was beim letzten Mal geschah, als die Jungfer den Kirchenmann besucht hatte. Er war so verwirrt, dass sein Kopf vollkommen leer zu sein schien. Noch einmal atmete er tief ein und versuchte sich zu erinnern.
Bei ihrem letzten Besuch, der etliche Wochen zurücklag, war sie nicht freiwillig gekommen. Vielmehr hatten die Wachleute seines Herrn sie unfreiwillig zu ihm gebracht.
Es war Nachmittag gewesen, und er konnte nicht an der Türe lauschen, da er sich um das Abendessen kümmern musste. Die Köchin hatte ihren freien Tag und so war ihm diese Aufgabe zugefallen.
Ja, das war der Grund, warum er keine Ahnung hatte, was an besagtem Nachmittag des letzten Besuches der Jungfer vor sich gegangen war.
„Entschuldige meine überaus harschen Worte!“, hörte er nun seinen Herrn sagen. „Aber du musst verstehen, warum ich erstaunt über deine Behauptung bin! Natürlich müssen wir uns um die Zukunft deines Kindes kümmern!“
Die Worte seines Herrn waren nun gefährlich leise geworden. Gregor kannte diesen gurrenden Tonfall nur zu gut und danach wurde er meist sehr aufbrausend oder gar wütend. Aber es blieb alles erschreckend still, da der Wutausbruch seines Herrn wider Erwarten ausblieb.
Lauf, dachte Gregor panisch. Lauf um dein Leben! Er hörte erstickende Schreie, als hätte man der jungen Frau eine Hand vor den Mund gehalten. Die unterdrückten Schreie dauerten eine halbe Ewigkeit, jedenfalls kam es ihm so vor. Dann war erneut alles still.
Es dauerte einen Augenblick, bis das verhasste Glöckchen erklang, mit dem sein Herr nach ihm rief.
Er überlegte in seiner Panik krampfhaft, wie er sich nun verhalten sollte. Sollte er einfach hineingehen und so tun, als hätte er nichts gehört? Sein verstörter Blick würde seinem Herrn sofort verraten, dass er jedes Wort und die Schreie mitangehört hatte. Er war ein miserabler Schauspieler und sein Herr würde ihm sofort ansehen, dass er gelauscht hatte und Bescheid wusste! Nein, er musste fort von hier!
Schnell eilte er die Stufen hinab und stürmte auf die schwere Eingangstüre zu.
Er zog sie auf und lief kopflos auf den Domplatz. Ohne zu überlegen, rannte er in die dunkle Gasse, die am Dom vorbei in die Nordstadt führte. Er hielt erst an, als er durch das Labyrinth der Gassen genug Abstand zwischen sich und das Stadthaus gebracht hatte. Mit rasselndem Atem stemmte er die Hände in die Hüften, um nach Luft zu schnappen.
Nachdem er einige Male tief durchgeatmet hatte, überlegte er, was er nun tun sollte. Zurückkehren konnte und wollte er nicht mehr! Wo sollte er jetzt bloß hin? Wem konnte er sich anvertrauen?
Das arme Mädchen, dachte er bestürzt. Sie war so jung und hatte ihr ganzes Leben noch vor sich.
Vielleicht war es ja auch gar nicht so, wie er vermutete und sein Herr hatte die Jungfer nur geschlagen.
Nein, so hatten sich weder die erstickenden Schreie angehört, noch hatte er ein klatschendes Geräusch vernommen. Sein Herr hatte der Jungfer Schlimmeres angetan, da war er sich jetzt ganz sicher! Sein Herr durfte mit seiner Tat auf keinen Fall davonkommen. Nicht dieses Mal!
Er war es der jungen Frau schuldig, seinen Herrn weiterhin zu beobachten, denn er musste herausfinden, was er mit ihrem Leichnam tat! Er, Gregor, würde mutig sein müssen und das Haus aus einen sicheren Versteck heraus beobachten. Danach konnte er immer noch überlegen, wem er seine verstörenden Vermutungen anvertraute.
KAPITEL 1 (Herbst, anno 1448)
1. Steinpilze
„Komm hierher, ich habe welche gefunden! Hier wachsen ganz viele!“
Christina konnte ihren Bruder nicht sehen. Sie vermutete aber, dass er sich irgendwo in der Nähe aufhalten musste.
Es war Spätsommer und für die Jahreszeit überraschend warm und feucht. Der zunehmende Mond und die Regenfälle der letzten Tage mussten dazu geführt haben, dass die begehrten Leckereien endlich wuchsen.
Mutter liebte frische Steinpilze am Abend! Früher war sie mit den beiden Kindern oft gemeinsam in den Wald gegangen und hatte ihnen alle Sorten erklärt, die sie kannte. Es gab unzählige essbare und giftige Pilze. Aufgrund der jahrelangen Erfahrung beim Sammeln mit ihrer Mutter wusste Christina genau, wonach sie Ausschau halten musste. Nun waren das Mädchen und ihr Bruder längst alt genug, um ohne Aufsicht nach den schmackhaften Köstlichkeiten zu suchen.
Die Nachmittagssonne erhellte nur teilweise kleine Stückchen des Waldbodens. Andere Stellen lagen im Schatten.
Es war gar nicht so leicht, die braunhütigen Pilze zu finden, da sich die Augen immer wieder an die dunklen und hellen Stellen auf dem Waldboden gewöhnen mussten.
An dieser Stelle des Waldes wuchsen vorrangig Fichten und Eichenbäume. Erste braune Blätter machten die Suche nach den köstlichen Steinpilzen und Braunkappen nicht leichter.
Immer wieder dachte sie, sie hätte ein stattliches Exemplar gefunden, aber wenn sie erwartungsvoll näher trat, entpuppte sich das gefundene Objekt als ein gekrümmtes Blatt, welches zu Boden gefallen war.
So waren die beiden Kinder schon eine ganze Weile unterwegs, ohne eine nennenswerte Beute vorweisen zu können.
Erst als die Sonne hinter Wolken verschwand, war es leichter, die begehrten Steinpilze zu sichten.
Christina sah zum Himmel hinauf. Dicke graue Wolken hatten sich vor das sommerliche Blau geschoben. Vielleicht würde es sogar bald anfangen zu regnen. Verdammt, wo trieb sich ihr kleiner Bruder nur wieder herum?
Sie hasste es, wenn er sich immer wieder durch andere Dinge ablenken ließ. Es war schon häufiger vorgekommen, dass Malte einen interessanten Stein, ein verletztes Tier oder irgendetwas anderes gefunden hatte, was seine ungeteilte Aufmerksamkeit erregte. Er sah und hörte dann nichts anderes mehr!
Mehrmals rief sie seinen Namen, bekam aber immer noch keine Antwort. Sie bückte sich und drehte die Pilze mit einer gekonnten Handbewegung heraus. Wo einer stand, konnte man oft auch weitere Exemplare finden. Das wusste sie aus Erfahrung.
Als sie sich genauer umschaute, entdeckte sie tatsächlich mehrere kleine Gruppen der köstlichen Pilze.
Behutsam drehte sie die bauchigen Stiele heraus und sah sich das Fruchtfleisch genauer an.
Der Schwamm unterhalb des Hutes hatte ein zartes Gelb, das sich leicht bläulich verfärbte, wenn man darauf drückte.
Christina brach den Pilz auseinander und betrachtete sein Innenleben.
Der größte der Pilze hatte Würmer und viele braune Löcher. Sie warf ihn enttäuscht zurück auf den Waldboden. Zum Glück hatten die kleineren Pilze festes weißes Fleisch und wiesen keinerlei Schädlingsbefall auf.
Wenn man das Myzel mit herausriss, so nannte man die Wurzeln der Fruchtkörper, würden im nächsten Jahr an dieser Stelle keine Pilze mehr wachsen! Das hatte Mutter den Kindern früh beigebracht.
Mittlerweile kannte sich Christina sehr gut mit den Gaben des Waldes aus, sodass sie ihrer Mutter eine große Hilfe war. Sie hatte mit der Zeit viel gelernt über Kräuter, Pilze, Beeren und Heilpflanzen, wie man sie fand und wozu man sie benutzen konnte. Ihre Mutter war eine weit über die Grenzen des Dorfes bekannte Heilerin.
Natürlich ging ihre Mutter Anna davon aus, dass Christina irgendwann ihren Platz einnehmen würde!
Ihre Mutter sagte immer, sie selbst habe eine natürliche Begabung, Menschen und Tiere zu behandeln, und diese Gabe hätte ihre Tochter von ihr geerbt.
Aber es gab noch so unglaublich viel zu lernen, und das Mädchen fühlte sich so manches Mal überfordert, obwohl sie wissbegierig und neugierig war.
Anna beruhigte sie dann immer wieder mit den Worten, dass es noch viele Jahre dauern würde, bis die Verantwortung auf ihren Schultern lag.
Nicht selten hatte Christina früher ihren kleinen Bruder beneidet, da er mit den anderen Jungen spielen durfte, während sie ihre Mutter zu den Kranken begleitete.
Mittlerweile war Malte dreizehn Jahre alt und wollte unbedingt ein berühmter Ritter werden!
So vertrieb er sich die Zeit oftmals mit den anderen Jungen des Dorfes.
Er kämpfte mit seinen Freunden dann mit Holzschwertern und Stöcken, während Christina ihrer Mutter half, nach ihren Rezepturen Teemischungen zuzubereiten oder Salben und Tinkturen herzustellen.
„Malte, verdammt, wo bist du?“, rief das Mädchen noch einmal lauter, nachdem sie die Pilze eingesammelt und behutsam in ihr Weidenkörbchen gelegt hatte.
Sie hörte ein Knacken nicht unweit der Stelle, an der sie stand. Misstrauisch drehte sie ihren Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Ihr Bruder hatte bestimmt wieder Flausen im Kopf und wollte sie erschrecken? Hier im Wald begegnete man nur selten einem Dorfbewohner. Fremden war sie hier tatsächlich noch niemals begegnet. Noch einmal knackte es im Gehölz.
„Malte, bist du das?“, flüsterte sie unsicher.
Tatsächlich stand nur wenige Wimpernschläge später ihr kleiner Bruder mit einem Grinsen vor ihr. Sie wollte gerade mit einer Schimpftirade ansetzen, als der Junge seinen Finger an die Lippen hob.
„Die graue Wölfin ist wieder da!“, flüsterte er aufgeregt. „Ich wollte doch nur nicht so schreien, damit sie nicht wieder wegläuft!“
Man konnte seinem Tonfall und seinem betretenen Gesichtsausdruck anmerken, dass er es tatsächlich bedauerte, sich nicht sofort gemeldet zu haben, als seine Schwester nach ihm rief.
Christina musste innerlich schmunzeln, behielt aber ihren tadelnden Gesichtsausdruck bei.
„Du hast versprochen in der Nähe zu bleiben und dich zu melden, wenn ich dich rufe!“, beschwerte sie sich.
Das Mädchen versuchte ihre Stimme strenger klingen zu lassen, ganz so, wie es ihre Mutter immer tat, wenn sie eines der Kinder tadelte. Dann drangen Maltes Worte zu ihr durch. „Luna ist wieder da?“
Ihr tadelnder Gesichtsausdruck hellte sich augenblicklich auf, und sie schaute sich neugierig um. Ungefähr drei Schritte hinter ihrem kleinen Bruder entdeckte sie die imposante Wölfin. Das Tier war mächtig gewachsen! Christina stellte ihren Korb auf dem Waldboden ab und ging vorsichtig auf Luna zu.
Die Wölfin hatte sich den Sommer über nicht blicken lassen. Vor vielen Monaten, an einem milden Frühlingstag, war sie einfach im Wald verschwunden und seitdem nicht wieder aufgetaucht. Christina war darüber lange sehr traurig gewesen. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass Wildtiere immer wieder ihre Freiheit suchten und man ihnen diese auch gewähren müsse. Sie erklärte ihr, dass manche Tiere nie wieder zurückkehrten und sich ein eigenes Revier suchten.
Christina musste daran denken, wie sie Luna das erste Mal gesehen hatte.
Es war jetzt mehr als zwei Jahre her, dass die Kinder des Dorfes den verwundeten Wolfswelpen irgendwo im Wald gefunden und zu der Heilerin gebracht hatten. Sie hatten das kümmerliche Tier auf dem Boden ihrer Hütte abgesetzt und Christina hatte sich sofort in den hilflosen Welpen verliebt.
Erst weigerte sich Christinas Mutter, das junge Tier zu behandeln, da es damals fast aussichtslos erschien, dass das verletzte und unterernährte Wildtier genas.
Nachdem Christina und Malte ihr aber keine Ruhe ließen, ließ sich ihre Mutter erweichen. Die Kinder mussten ihr schwören, sich in Zukunft gut um die junge Wölfin zu kümmern.
Da ihr damals elfjähriger Bruder noch sehr kindlich war, und nur Flausen im Kopf hatte, blieb die ganze Verantwortung an Christina hängen.
Natürlich hatte es erheblichen Widerstand im Dorf gegeben! Einige der Bewohner waren gar nicht damit einverstanden, ein solch gefährliches Wildtier in ihrer Mitte aufzunehmen. Es würde schließlich rasch wachsen und dann nicht mehr so leicht zu kontrollieren sein.
Einer der Dorfbewohner fürchtete um seine Ziegen, eine der Frauen sorgte sich sogar um die Sicherheit ihrer Kinder. Über Tage stritten sich die Dörfler um den Verbleib des Tieres.
Letztendlich hatte der Dorfälteste ein Machtwort gesprochen. Luna durfte bleiben, solange sie keinen Dorfbewohner angriff und niemand durch sie zu Schaden kam.
Wie durch ein Wunder erholte sich das kranke Tier und wurde zusehends zutraulicher. Die junge Wölfin hatte schnell gelernt, dass ihr kein Schaden im Dorf zugefügt wurde und Christinas Familie als Rudel akzeptiert.
Gerade Christina und ihr kleiner Bruder hatten damals sehr viel Zeit mit Luna verbracht. So kam es, dass die junge Wölfin immer öfter die kleine Familie zu den Ausflügen in den Wald begleitete, was sogar mit der Zeit ihrer Mutter ein sichereres Gefühl gab.
Dann war die Wölfin in diesem Frühjahr von einem auf den anderen Tag verschwunden.
Schnell schienen die Dörfler die Wölfin vergessen zu haben, denn bald sprach niemand mehr von ihr oder fragte nach ihrem Verbleib.
Jetzt war Luna also wieder zurück. Was sie wohl erlebt hatte? Vorsichtig ging Christina ein paar Schritte auf das imposante Tier zu. Hoffentlich hatte sie in der Zwischenzeit nichts Schlimmes erlebt, so dass sie aggressiv geworden war.
Das Mädchen streckte vorsichtig die Hand aus und ließ die Wölfin daran schnuppern. Sofort bewegte sich ihre Rute in geschmeidigen Bewegungen hin und her und Christinas Hand wurde ausgiebig abgeleckt. Luna setzte sich hin und schaute das Mädchen aufmerksam an. Keine Spur von Aggressivität ging von der Wölfin aus.
Christina war unendlich erleichtert, ging sofort in die Hocke und umarmte ihre graue Freundin.
Ein freundlich winselnder Laut drang an die Ohren des Mädchens.
Behutsam tastete Christina den Körper der Wölfin nach Verwundungen, Narben oder Brüchen ab. Zu ihrer Erleichterung konnte sie nichts Auffälliges feststellen.
„Oh mein Mädchen, wie schön, dass es dir gut geht“, flüsterte sie erfreut und klang fast ein wenig wie ihre Mutter.
Sie tastete weiter am Rücken entlang und strich dann vorsichtig an den Seiten des Tieres herunter. Den Bauch und den Hals der Wölfin würde sie sich später noch einmal genauer ansehen.
„Na dann kommt mal, ihr beiden“, sagte sie an ihren Bruder gerichtet und erhob sich. „Es ist schon spät, und ich habe einige Pilze gefunden. Mutter wird sich bestimmt freuen!“ Wie selbstverständlich trottete Luna hinter den Geschwistern her. Sie liefen eine Weile durch den Wald, bis sie den Pfad erreichten, der zu ihrem Dorf zurückführte.
Christina sah noch einmal zum Himmel hinauf. Dicke graue Wolken zogen schnell über die Wipfel der Bäume. Der Wind hatte aufgefrischt und bald würde es bestimmt anfangen zu regnen. Wenn sie sich beeilten, würden sie es vielleicht noch vor den ersten Tropfen schaffen, die Häuser des Dorfes zu erreichen.
Erst dachte sie, das Prasseln der ersten Regentropfen würde die trommelnden Geräusche hervorrufen, die nun an ihr Ohr drangen.
Als sie kurz innehielt und genauer hinhörte, erkannte sie jedoch Hufschläge, die in rhythmischen Abständen auf den Waldboden trommelten. Auch Luna schien nervös zu sein. Sie tänzelte aufgeregt hin und her und gab winselnde Geräusche von sich.
Ohne ein weiteres Wort zog das Mädchen ihren Bruder energisch vom Pfad in den Wald zurück. Die Wölfin folgte ihnen unaufgefordert.
„Vielleicht sind es ja Ritter oder sogar berühmte Krieger“, beschwerte sich der Junge lauthals. „Wenn es so ist, würde ich sie mir zu gerne ansehen! Hier passiert doch sonst nie etwas! Bitte, bitte, lass uns nachsehen! “
„Erst einmal verstecken wir uns!“, bestimmte das Mädchen unnachgiebig, wobei sie ihren Bruder mit einem Ruck hinter ein Gebüsch zog. Trotzig sah Malte sie an, sagte aber nichts weiter.
In der Deckung der Zweige hockten sie sich auf den Boden und Luna legte sich ebenfalls hin. Sie verharrte allerdings in einer Position, aus der sie sofort wieder aufspringen konnte, falls Gefahr drohte. Aufmerksam drehten sich die Ohren der Wölfin mal in die eine, mal in die andere Richtung.
Es waren viele Reiter, das war jetzt ganz klar an der Menge der Hufschläge zu hören.
Christinas Augen sahen wie gebannt auf den kleinen Ausschnitt, den sie von ihrem Aussichtspunkt auf dem Pfad noch erhaschen konnte. Die Reiter waren nun ganz nah. Der erste Reiter blieb genau an der Stelle des Pfades stehen, den das Mädchen überblicken konnte. Er trug tatsächlich eine imposante Rüstung mit einem Emblem. Die Beine des Ritters waren bis zu den Knien durch Metall geschützt, und er trug ein aufwändiges Kettenhemd. Ein rotes Kreuz auf weißem Grund war auf dem Harnisch zu sehen. Dieses Emblem zierte auch den Helm des Kriegers, der fast sein gesamtes Gesicht verdeckte. An dem Visier gab es lediglich zwei Aussparungen für die Augen. Schon wollte sich ihr kleiner Bruder wieder erheben und auf den Ritter zulaufen.
„Das sind Tempelritter!“, flüsterte er euphorisch und lächelte sie wissend an.
Christina bekam gerade noch Maltes Arm zu fassen und zog ihn mit aller Kraft zurück in die Hocke. Ein Ast knackte laut. Hoffentlich hatten die Reiter das Geräusch nicht gehört.
Eine innere Stimme warnte sie davor, ihre Deckung zu verlassen. Malte wollte sich erneut empört beschweren, als weitere Stimmen zu ihnen durchdrangen.
Christina legte einen Finger an ihre Lippen und ihr Bruder gab endlich Ruhe und starrte gebannt auf den Pfad.
„Verdammt, wie weit ist dieses vermaledeite Dorf denn noch entfernt?“, knurrte ein zweiter Reiter, der nun auf dem Pfad erschienen war.
Auch er hatte sein Pferd gezügelt, das tänzelnd neben dem Ritter zu stehen kam. Solch einen riesigen Menschen hatte Christina noch nie gesehen, und er wirkte viel zu schwer für sein Reittier. Sein grimmiger Gesichtsausdruck war wenig vertrauenserweckend. Selbst Malte schien sein Anblick zutiefst zu ängstigen. Zu Christinas Verwunderung war dieser Mann gar nicht ritterlich gekleidet.
Er trug einen abgewetzten Umhang und eine löchrige Hose. Ungepflegte, grobe Stiefel ergänzten die abgetragene Kleidung. Dem Mann mit der schäbigen Aufmachung folgten noch weitere düstere Gesellen, die sich nach und nach um den Ritter sammelten.
„Wir sind bestimmt gleich da!“, sagte der Ritter mit gedämpfter Stimme, aber dennoch so laut, dass Christina es gut hören konnte.
„Weit kann es nach der Beschreibung des Bauern nicht mehr sein. Nehmt euch was ihr wollt und erschlagt wen ihr wollt! Das ist mir einerlei! Nur das Kräuterweib lasst in Ruhe! Die Hexe gehört mir!“
Christinas Augen weiteten sich vor Entsetzen. Mit dem Kräuterweib konnte nur ihre Mutter gemeint sein!
Auch Malte hatte die Worte des Ritters vernommen und sah seine Schwester angsterfüllt an. Luna schien die Panik der Kinder zu bemerken und ließ ein leises Knurren vernehmen.
Beruhigend streichelte das Mädchen kurz über den Nacken des Tieres, damit es sich weiterhin leise verhielt.
Der Ritter hob die Hand zum Zeichen und der Tross setzte sich erneut in Bewegung. Bald waren die Reiter aus dem Sichtfeld der beiden Kinder verschwunden. Langsam erhob sich Christina und zog ihren Bruder auf die Beine.
Der Anblick und die Worte der Männer hatten sogar Malte die Sprache verschlagen.
Auch Luna sprang auf und lief knurrend auf den Pfad zu.
„Luna, bei Fuß!“ stieß das Mädchen leise hervor.
Die Wölfin hatte nichts verlernt und gehorchte Christina auf Anhieb. Mit einem Mal drang Lärm aus einiger Entfernung an die Ohren der Kinder. Der Krach kam aus der Richtung, in der ihr Dorf lag.
Entsetzte Schreie und Schlaggeräusche übertönten die nun gleichmäßig fallenden Regentropfen. Innerhalb weniger Wimpernschläge waren Christina und ihr Bruder nass bis auf die Haut.
„Was sollen wir jetzt tun?“, stieß ihr Bruder entsetzt hervor.
„Wir müssen ihnen doch helfen!“
Hilflos sah Christina in Maltes Gesicht, an dem nass die dunklen Strähnen der sonst blonden Locken klebten. Sie konnte nicht sagen, ob die Tropfen, die an seinen Wimpern hingen vom Regen oder von seinen Tränen herrührten.
„Mutter würde wollen, dass wir vorsichtig sind!“, erwiderte das Mädchen resigniert und legte ihrem Bruder die Hand auf die Schulter. „Deshalb sollten wir uns versteckt halten! Du hast doch gehört, dass den Kerlen das Leben der Dorfbewohner nicht wichtig ist.“
„Das werde ich nicht zulassen!“, stieß Malte trotzig hervor und schubste die Hand seiner Schwester von seiner Schulter.
Er rannte ohne Vorwarnung los, ohne sich umzusehen. Luna stürmte dem verzweifelten Jungen hinterher.
Christina durfte nicht zulassen, dass ihrem Bruder auch noch etwas passierte. Sie durfte ihn auf keinen Fall aus dem Blick verlieren! Schnell raffte sie mit der freien Hand ihr schlichtes Wollkleid, griff nach ihrem Korb und lief hinter Malte her. Zumindest war der Junge so schlau, nicht direkt auf dem Pfad hinter den Reitern herzurennen.
Kurz vor der Biegung, hinter der die ersten Häuser des kleinen Dorfes standen, sah sie ihren Bruder und die Wölfin wieder in den Wald eintauchen. Sie rannte flink wie ein Wiesel auf die Stelle zu, an der ihr Bruder vom Pfad verschwunden war. Suchend sah sie sich um. Sie entdeckte Malte hinter einem Strauch.
Mit aufgerissenen Augen betrachtete er das Geschehen im Dorf. Christina ging vorsichtig einige Schritte in seine Richtung. Sie bewegte sich aufmerksam von Baum zu Baum, um ihre Deckung nicht zu verlieren. Plötzlich vernahm sie einen schrillen Schrei, der sie zusammenfahren ließ. Diese Stimme kannte sie nur zu gut.
„Mutter!“, flüsterte sie entsetzt und lugte vorsichtig um den Baumstamm herum, hinter dem sie stand.
Bei dem Anblick, der sich ihr bot, stockte ihr der Atem. Etliche der Dorfbewohner lagen bereits blutüberströmt am Boden. Die meisten von ihnen bewegten sich nicht einmal mehr.
Der riesige Mann hatte ihre Mutter bei den Haaren gepackt und schleifte sie brutal aus ihrer Hütte.
Der Ritter saß immer noch auf seinem Pferd und betrachtete mit unbeteiligter Miene das Geschehen. Erst als der Riese ihn ansprach, reckte er neugierig den Hals.
„Ist dies das Weib, was Ihr meintet?“, rief der bärtige Hüne dem Mann in der Rüstung zu.
„In dieser Hütte hängen zumindest unzählige Kräuter und es sieht so aus, als würden hier Salben und Tränke hergestellt.“ Er riss unsanft die Haare ihrer Mutter nach hinten, damit der Ritter in das Gesicht der Heilerin blicken konnte.
„Ja, ich denke, das ist sie! Fesselt ihr die Hände mit einem Strick und bringt sie zu mir!“
Der grobschlächtige Mann stieß Anna brutal zu Boden und setzte sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihren Bauch. „Nein! Mutter!“, hörte Christina ihren Bruder aufschreien. Sie ließ ihren Korb fallen und schlug sich die Hand vor den Mund, um ihrerseits einen Aufschrei zu vermeiden.
Hilflos sah das Mädchen zu, wie ihr kleiner Bruder die Deckung verließ und auf seine Mutter zustürmte.
Um auf dem kürzesten Weg zu der Heilerin zu gelangen, musste Malte direkt an dem Pferd mit dem Ritter vorbei. Offensichtlich war ihrem Bruder sein eigenes Leben völlig egal, da er genau diesen Weg einschlug. Auch Luna hatte reagiert und sprengte hinter Malte her. Wäre Christina nicht so schockiert über das Geschehen gewesen, hätte sie seinen Mut durchaus bewundert.
Der Ritter hatte den Aufschrei des Jungen ebenfalls gehört und sah sich neugierig nach ihm um. Dann blickte er ihm weitaus gelassener entgegen, als Malte auf ihn zu rannte. Er grinste amüsiert und mit einer fast eleganten Bewegung beugte er sich zu dem rennenden Knaben hinunter, packte ihn am Kragen und riss ihn empor auf sein Pferd. Dieser Ritter musste ebenfalls unfassbar stark sein, denn er hob Malte mit einer einzigen Bewegung zu sich hoch.
Malte strampelte und wehrte sich verbissen.
„Mutter!“, wimmerte Malte hilflos.
„Sieh an, du bist dann wohl der Sohn der Heilerin“, stellte der Ritter überrascht fest.
Nun hatte auch Luna das Pferd erreicht. Nervös tänzelte es hin und her, als es den Wolf bemerkte. Die imposante Wölfin setzte zum Sprung an, um in das Bein des Ritters zu beißen, rutschte jedoch an dem Metall der Rüstung ab.
Sie setzte sofort erneut an und sprang diesmal höher. Mühelos erreichte sie die wenig geschützte Hand des Ritters, die den Jungen festhielt und biss zu.
Sekundenschnell griff der Templer mit der anderen Hand nach seinem Schwert und holte aus, um die Wölfin abzuwehren. Malte schien in den Armen des Ritters wie in einem Schraubstock festzusitzen. Der Junge weinte nur noch hilflos und konnte sich kaum noch bewegen. Das Schwert des Anführers traf Luna mit voller Wucht am Rücken. Winselnd ließ sie seinen Arm los und sackte wie in der Bewegung erstarrt an dem Pferd herunter.
An der Stelle, an der der Ritter getroffen hatte, verfärbte sich das Fell der Wölfin rot. Christina stockte der Atem und sie presste sich erneut die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzuschreien.
Auf der Flanke des Pferdes hinterließen Lunas Krallen vier blutige Spuren. Das Blut aus diesen Wunden suchte sich seinen Weg über das hintere Bein des Tieres und tropfte auf den Huf. Die Augen des Pferdes weiteten sich vor Entsetzen und es wieherte verängstigt.
Der Templer fluchte laut, konnte aber nicht absteigen, ohne den Jungen loszulassen.
Einer der Spießgesellen des Ritters hatte die Wölfin, die sich nun wieder aufrappelte, ebenfalls bemerkt. Er rammte dem Dorfbewohner, mit dem er gerade beschäftigt war, kurzerhand sein Messer in den Bauch und zog es danach blutverschmiert aus seinem Leib.
Ohne weiter auf den Verwundeten zu achten, kam er dem Tempelritter zu Hilfe. Hastig hob er seine Klinge um die Wölfin zu erschlagen.
Der Mann verharrte kurz, da er mit einer unbedachten Bewegung auch das Pferd seines Anführers hätte treffen können. Luna hatte inzwischen von dem Ritter abgelassen und drehte sich zu ihrem neuen Angreifer um. Die Wölfin fixierte den Mann mit dem Messer mit gefletschten Zähnen. Ein tiefes Grollen drang aus ihrer Kehle.
Luna sah den zweiten Schwerthieb des Ritters nicht kommen, der nun von oben krachend auf ihren Rücken traf. Jaulend brach sie neben dem Pferd zusammen.
„Guter Schlag, mein Herr!“, sagte der Schurke anerkennend. „Ja, aber dieses Drecksviech hat meine Hand erwischt!“, presste der Ritter zwischen schmerzverzerrten Lippen hervor. Erst jetzt bemerkte Christina, dass sich die Hose ihres Bruders ebenfalls rot verfärbte. Da sie nicht davon ausging, dass ihr Bruder verletzt worden war, musste das Blut wohl aus der Wunde des Ritters stammen.
„Hier, kümmere dich um den Bengel“, wies er den Mann an.
„Aber stich ihn nicht ab! Vielleicht habe ich noch Verwendung für ihn.“
Er steckte sein Schwert zurück in die Scheide und reichte den zappelnden Knaben an den bärtigen Kerl mit dem Messer weiter. Malte blickte den Mann wütend an, wagte aber nicht, sich gegen ihn zu wehren.
Gut so, dachte Christina. Sie befürchtete, wenn sich der Junge wehrte, würde man ihn ebenfalls kurzerhand abstechen. Luna lag nun bewegungslos auf dem Boden.
Christina ließ ihren tränenverklärten Blick, der sich mit dem Regenwasser mischte, über das Dorf schweifen.
Etliche der Dorfbewohner lagen starr und blutüberströmt am Boden. Unter und neben den Toten bildeten sich Pfützen, in denen sich das Regenwasser mit ihrem Blut vermischte.
Andere Dorfbewohner waren wohl in den Wald geflüchtet. Den Männern schien das egal zu sein. Keiner von ihnen achtete mehr auf die flüchtenden oder sterbenden Menschen um sie herum.
Das Dorf war erobert und die Menschen waren besiegt. Das Pack, das den Ritter begleitet hatte, sah sich bereits unbefangen in den Häusern nach der möglichen Beute um. Der Karren, mit dem die Dörfler im Herbst ihre Ernte einbrachten, wurde von den Unholden in die Mitte des Dorfes geschoben.
Der Ritter war abgesessen und ging nun auf den Hünen zu, der die Heilerin auf den Boden zwang. Er entledigte sich umständlich mit der linken Hand seines Helmes. Christina konnte sein Gesicht endlich sehen.
Er war mittleren Alters, hatte dunkle Haare, schräg stehende Augen und markante Gesichtszüge. Sein Kinn zierte ein kleiner Spitzbart, der dennoch das Grübchen in der Mitte seines Kinns nicht verdeckte. Wären seine verschlagenen Augen nicht gewesen, hätte sie ihn als durchaus gutaussehend befunden.
„Steh auf Weib und verbinde meine Hand!“, forderte er in kaltem Ton.
Missmutig löste der bärtige Riese die Fesseln der Heilerin. Er schien sich sehr darüber zu ärgern, dass er die Frau, nachdem er ihr gerade mühsam die Hände zusammengebunden hatte, wieder freigeben musste. Fluchend ließ er von der Heilerin ab. Verdrossen sah er sich um und sein Blick fiel auf die Wölfin. Mit einem bösen Grinsen schritt er auf das unbewegliche Tier zu, trat hart in Lunas‘ Bauch um sich zu vergewissern, dass sich die Wölfin tatsächlich nicht mehr wehren würde.
Er fasste grob in Lunas‘ Nacken, riss den Kopf der Wölfin nach oben und zog ein Messer aus einem kleinen Riemen an seinem Gürtel.
„Kral, lass das!“, rief der Ritter, der sich zu ihm umgedreht hatte. „Komm her und achte darauf, dass dieses Weib mir keinen Schaden zufügt, wenn sie mich verbindet.“
„Noch nicht einmal ein Fell für ein warmes Wams im Winter gönnt Ihr einem!“, beschwerte sich der Riese.
„Wenn dir soviel daran liegt, kannst du diesem Drecksvieh das Fell auch später noch über die Ohren ziehen, wenn der Regen aufgehört hat! Jetzt komm erst mal her und hilf mir!“ Christina sah mit tränenüberströmtem Gesicht zu, wie drei der Männer mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in der Hütte der Heilerin verschwanden.
Ihr Blick fiel wieder auf Luna. Hatte sich die Wölfin gerade bewegt? Sie musste sich wohl getäuscht haben. Nein, wieder zuckte eine von Lunas Pfoten.
Verwirrt sah Christina noch einmal zu den Schurken hinüber, die den Karren mit diversen Beutegegenständen beluden. Brot, Käse, Schinken, Fässer mit Wein, die Waffen, die der Schmied hergestellt hatte, etliche Felle und eine tote Ziege waren bereits auf den Karren verladen worden. Die Männer waren in einer Art Beuterausch! Keiner von ihnen achtete weiter auf die Wölfin.
Jetzt hob Luna den Kopf und öffnete ihre Augen. Vorsichtig und ganz langsam drehte sie sich auf den Bauch und erhob sich mit wackeligen Beinen. Sie blickte einmal kurz zur Seite, und sah dann genau zu der Stelle, an der Christina hinter dem Baumstamm stand.
Die Rute zwischen ihre Hinterbeine geklemmt, schleppte sie sich zitternd und humpelnd auf Christinas Versteck zu. Wie gebannt sah das Mädchen immer wieder zu den grölenden Männern hinüber, die johlend jedes erbeutete Stück auf dem Karren luden.
Endlich hatte Luna das hohe Gras am Rande des Waldes erreicht.
„Komm hierher, mein Mädchen!“, flüsterte Christina immer wieder.
Das wäre gar nicht nötig gewesen. Die Wölfin wusste ganz genau, wo Christina war! Sie winselte leise, als sie das Mädchen erreichte und ließ sich auf das weiche Moos sinken, das in ihrer Nähe den Waldboden bedeckte.
Die Wölfin schloss erschöpft die Augen, als Christina ihr über den nassen Nacken streichelte.
„Wenigstens dich haben diese Bestien nicht bekommen!“, sagte sie leise.
2. Der Aufbruch
Es war Nacht geworden. Christina lag auf ihrem Strohsack in der Hütte ihrer Mutter und versuchte einzuschlafen, aber es gelang ihr nicht. Die flackernde Feuerstelle tauchte das Innere des einfachen Raumes in ein diffuses Licht. Ihre nasse Kleidung hatte sie an einen Strick in der Nähe des Feuers zum Trocknen aufgehängt.
Das Mädchen konnte nicht schlafen. Immer wieder sah sie im Geiste die verstörenden Bilder des Überfalls.
Sie hatte befürchtet, die Männer des Ritters würden die Hütten des Dorfes niederbrennen, aber das hatten sie nicht getan. Immerhin waren die Strohdächer der einfachen Behausungen derart vom Regen durchnässt, dass es gar nicht so einfach gewesen wäre, die Häuser zu entzünden.
Christina hatte noch lange in ihrer Deckung verbracht und nass bis auf die Haut das Treiben im Dorf beobachtet. Ihre Mutter hatte nicht lange gebraucht, um die Wunde des Ritters zu verbinden. Schon nach kurzer Zeit verließ er die Hütte und bestieg erneut sein Pferd. Seinen Helm hatte er wieder aufgesetzt und sein Visier heruntergeklappt. Die beiden Männer, die ihn in die Hütte begleitet hatten, traten nach ihm ins Freie.
Jeder von ihnen zerrte einen Strick hinter sich her, an dessen Enden Christinas Mutter und ihr Bruder gefesselt waren. Man band die beiden Gefangenen an den Karren. Der sintflutartige Regen hatte aufgehört. Es nieselte nur noch leicht.
Natürlich hatten die Männer das einzige Pferd des Dorfes gefunden, mit dem normalerweise die Felder beackert wurden. Der schwere Kaltblüter wurde vor den Karren gespannt.
Die Männer hatten wohl entschieden, dass in diesem Dorf nichts mehr zu holen sei.
Nur einer der Schurken schien nicht zufrieden mit der Beute zu sein. Mit einem Fluch war der Hüne aus der Hütte getreten, als er bemerkt hatte, dass die Wölfin nicht mehr an der Stelle lag, an der sie kurze Zeit vorher zusammengebrochen war.
„Tja Kral, das wird wohl nichts mit deinem warmen Wams aus weichem Wolfsfell!“, stellte der Anführer fest. Seinem Tonfall konnte man anhören, dass er amüsiert über diesen Umstand war. Einige der Schurken lachten.
Nachdem alle Männer aufgesessen waren, setzte sich der Tross grölend und in Feierlaune in Bewegung.
Christina musste mit ansehen, wie ihre Mutter und ihr Bruder an den Karren gefesselt, und hinter dem Wagen her stolpernd, das Dorf verließen.
Am liebsten wäre sie den Männern sofort gefolgt, entschied sich aber dazu, die Wunden der Wölfin zu versorgen und auch den Menschen zu helfen, die nach und nach ängstlich aus dem Wald in ihr Dorf zurückkehrten.
Elf Tote, drei Frauen und acht Männer, waren zu beklagen. Man hatte sie erst einmal sorgsam nebeneinander an den Waldrand gelegt. Morgen würden die Dorfbewohner anfangen, eine große Grube auf der Lichtung auszuheben, an der auch normalerweise ihre Toten begraben wurden.
Es gab nur wenige Verletzte zu beklagen. Die Dorfbewohner, die die Schurken erwischt hatten, waren ausnahmslos tot. Die anderen hatten sich außerhalb des Dorfes in Sicherheit gebracht. Durch die panische Flucht gab es nur zwei Knochenbrüche und eine Schürfwunde, die Christina sorgsam verarztete. Beate half ihr dabei, da es dem Mädchen an der nötigen Kraft fehlte, die Knochen in die richtige Position zu ziehen.
Beate hatte früher ihrer Mutter dabei geholfen, die Wunden von Verletzten zu versorgen, bevor Christina alt genug war, um diese Aufgabe zu übernehmen.
Niemand der Dorfbewohner stellte Christinas Fähigkeiten infrage. Nachdem die Menschen versorgt worden waren, kümmerte sich das Mädchen um die verwundete Wölfin.
Sie tastete Luna äußerst vorsichtig ab, konnte aber keinerlei Knochenbrüche feststellen. Einer der beiden Schwerthiebe hatte allerdings eine Schnittwunde an der Flanke der Wölfin verursacht.
Vorsichtig reinigte das Mädchen die Wunde mit dem abgekochten Wasser, das Beate ihr bereitet hatte. Dann trug sie behutsam eine Salbe aus Schafgarbenkraut, Ringelblüten, Kamille und Honig auf, die sie vor einigen Tagen nach Anweisung ihrer Mutter selbst hergestellt hatte. Danach legte sie Blätter des Spitzwegerichs auf den Schnitt und band einen strammen Wickel um die Wunde.
Luna ließ Christinas Behandlung winselnd über sich ergehen, blieb aber erstaunlich ruhig liegen. Durch den Druck des Verbandes würde sich die Wunde hoffentlich bald schließen und nicht entzünden.
„Du hast viel von Anna gelernt, mein Kind“, bemerkte Beate anerkennend, bevor die stattliche Frau die Hütte der Heilerin verließ, um sich um ihre eigene Familie zu kümmern.
Jetzt lag das Mädchen aufgewühlt auf ihrem Heulager und starrte an die einfache Strohdecke. Die Wölfin lag direkt an ihrer Seite, und das Mädchen hatte die wärmende Wolldecke über sich und das verwundete Tier gelegt.
Wo mochte man ihre Mutter und ihren Bruder wohl hinbringen? Wieso hatte der Ritter es ausgerechnet auf ihre Mutter abgesehen? Wurde sie vielleicht irgendwo als Heilerin gebraucht? Wenn ja, warum hatte der Templer ihre Mutter nicht einfach gefragt, ob sie ihn begleitet? Warum hatten er und die Männer ihr ganzes Dorf verwüstet, gemordet und beraubt?
Endlich füllten sich ihre Augen mit den Tränen, die sie den ganzen Tag über so mühsam unterdrückt hatte. Sie würde sobald wie möglich aufbrechen, um ihre Familie zu suchen, solange ihre Spur noch frisch war.
Luna konnte ihr dabei sicher von Nutzen sein! Vielleicht hatte ja auch irgendjemand den Tross mit den beiden Gefangenen gesehen. Wenn sie zu lange wartete, würde sich wohl kaum jemand noch daran erinnern können. Nein, sie musste schon morgen aufbrechen, um nach ihrer Familie zu suchen.
Christina wälzte sich auf die Seite und legte einen Arm vorsichtig über den Körper der Wölfin. Die Wärme des Tieres beruhigte das Mädchen, sodass es irgendwann einschlief.
Es war noch früh am Morgen, als sie schweißgebadet aus ihrem Traum erwachte. Luna schien es besser zu gehen, denn sie saß ein Stück von ihrer Lagerstätte entfernt und schaute sie aufmerksam an.
Als das Mädchen sich aufsetzte, kam die Wölfin direkt auf sie zu und rieb ihren Kopf an Christinas Schulter.
„Guten Morgen, mein Mädchen! Ich hoffe, du hast besser geschlafen als ich!“
Sie tätschelte liebevoll den Kopf der Wölfin. Dann fiel ihr Blick auf das Hinterteil ihrer grauen Freundin. Der Druckverband lag im Dreck und war durch die Bewegung des Tieres auf den Boden gerutscht. Auch die Blätter des Spitzwegerichs waren abgefallen oder das Tier hatte daran geleckt, so dass sich der Wickel gelöst hatte. Sie gab der Wölfin die Anweisung, sich auf den Boden zu legen, um sich die Schnittwunde noch einmal genauer ansehen zu können.
Die Wunde hatte sich geschlossen. Eine dicke hellrote Kruste zog sich vom Rücken der Wölfin bis zu ihrer Flanke. Christina strich mit ihrer Hand vorsichtig darüber.
Das Fell war an dieser Stelle nass. Luna hatte sich die Wunde offensichtlich abgeleckt, um die Reste der Salbe aus ihrem blutverschmierten Fell zu entfernen.
Das Mädchen beschloss, erst einmal zu Beate hinüberzugehen und die Wölfin folgte ihr auf dem Fuß. Zufrieden registrierte Christina, dass das Tier nicht mehr humpelte und sich auch sonst völlig normal bewegte, selbst wenn die Wölfin nicht so herumtollte, wie es sonst ihrer Art war.
Die einfache Holztür zu Beates Hütte stand sperrangelweit offen.
„Da bist du ja mein Kind“, begrüßte die Frau das Mädchen. „Mein Mann und die anderen Männer sind schon vor der Morgendämmerung losgezogen, um die Grube auf der Lichtung auszuheben. Ich habe noch Hirsebrei von dem Frühstück für dich aufbewahrt. Setz dich hin, und iss erst mal etwas!“
Beate nahm eine einfache Holzschale aus dem Regal, ging zu der Feuerstelle, über der ein schmiedeeiserner Topf hing und befüllte das hölzerne Gefäß mit dem Getreidebrei. Nachdem sie etwas Honig aus einem Tonkrug hinzugefügt hatte, reichte sie die Schale an das Mädchen weiter. Kurz sah sie nach dem schlafenden Säugling, der ruhig in der Nähe der Feuerstelle schlief und setzte sich dann zu Christina.
„Und, was hast du jetzt vor?“, fragte sie mit einem bedauernden Lächeln. „Du kannst gerne hierbleiben! Wir könnten dich als Heilerin hier gut gebrauchen!“
„Es tut mir leid, aber ich muss meine Familie suchen!“
„Das habe ich mir schon gedacht“, seufzte die Frau mitfühlend. „Erst verlierst du deinen Vater und jetzt auch noch deine Mutter und deinen Bruder. Es muss für euch drei schon damals unsagbar schwer gewesen sein, als dein Vater nach dem Krieg verschwunden blieb. Ich hoffe dennoch, dass du bald zu uns zurückkehrst, wenn du Anna und Malte gefunden hast.“
Christina sah von ihrer Holzschale auf.
„Ich danke dir für deine mitfühlenden Worte. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht. Ich weiß nur, dass ich meine Angehörigen finden muss! Luna wird mich begleiten.“
„Nun gut, dann werde ich dir umgehend etwas Proviant zusammenpacken! Ich gehe mal davon aus, dass du schon bald aufbrechen möchtest.“
„Ich danke dir“, erwiderte Christina leise, nachdem sie ihre Holzschale geleert hatte. „Ich werde noch rasch nach den beiden Knochenbrüchen und der Schürfwunde sehen und dann ein paar Sachen zusammenpacken!“
Schon war sie aufgestanden und verließ Beates Hütte. „Komm noch einmal hierher, bevor du aufbrichst!“, rief Beate hinter ihr her.
Nacheinander besuchte das Mädchen die Verwundeten des Dorfes. Luna legte sich immer vor der Türe der jeweiligen Hütte ab und wartete geduldig auf das Mädchen. Nach nicht einmal einer Stunde waren alle Krankenbesuche erledigt. Christina hatte den Angehörigen noch einige Instruktionen gegeben, wie sie die Wunden weiterhin behandeln sollten und worauf sie achten mussten. Gerade bei den Knochenbrüchen war es wichtig, dass man auf den richtigen Sitz der Schiene achtete.
Nach ihrer Rückkehr in die eigene Hütte kontrollierte sie noch einmal die Wunde der Wölfin. Solange sich das Tier nicht wild bewegte, würde die Wunde gut verheilen.
Sie nahm die große Wildledertasche mit dem Schulterriemen von dem Haken, der neben der Feuerstelle hing. Darin hatte ihre Mutter oft die Dinge verstaut, die sie zu den Kranken mitnahm. Sie packte die Decke von ihrer Schlafstätte ein und nahm einige Säckchen mit Kräutern aus dem Regal. Auch einige kleine Tontiegel mit ihren selbst gemischten Salben verstaute sie umsichtig zwischen den Falten der Decke, damit sie nicht zerbrachen. Ihren Umhang für den Winter nahm sie ebenfalls mit. Wer weiß schon, wie lange sie unterwegs sein würde, und nachts konnte es bereits empfindlich kalt werden. Sie wollte gerade die Hütte verlassen, als ihr Blick auf die kleine Holzfigur fiel, die ihr zwölfjähriger Bruder geschnitzt hatte.
Malte hatte eine winzige, fast realistisch wirkende Wölfin aus einem Stück Holz gearbeitet und sie dann Christina zu ihrem 15. Jahrestag geschenkt.
Damals hatte sie darüber lächeln müssen. Sie war ja nun kein Kind mehr, sondern fast eine junge Frau, die mit ihrem nächsten Jahrestag als erwachsen gelten würde. Nicht selten wurden Mädchen ihres Alters sogar schon verheiratet.
Sie griff nach der kleinen Figur und stopfte sie in ihre Tasche. Sie wollte gerade die Türe schließen, als ihr Blick auf die Lappen fiel, mit der ihre Mutter wohl die Wunden des Ritters gesäubert hatte. Sie griff nach einem der Tücher mit dem verkrusteten Blut, faltete es sorgsam zusammen und verstaute es ebenfalls in ihrer Tasche. Traurig schloss sie die Holztür der Hütte hinter sich, nachdem ihr Blick noch einmal durch das Innere der einfachen Behausung gewandert war. Sie wusste nicht, ob und wann sie ihr Heimatdorf wiedersehen würde.
3. Die Kreuzträgerin
Seit Stunden schleppten sich Mutter und Sohn über die matschigen Pfade und Wege, die sich durch die frühherbstliche Landschaft zogen. Es regnete immer wieder, und während die Reiter sich in ihre Umhänge wickelten, waren die beiden Gefangenen der Nässe schutzlos ausgeliefert.
Malte achtete seit geraumer Zeit nicht mehr darauf, wohin sie gingen und welche Richtung sie einschlugen.
Zuerst hatte seine Mutter noch leise mit ihm geredet, doch seit einiger Zeit war sie verstummt.
Sie blickte, genau wie er selbst, nur noch stupide zu Boden und achtete lediglich darauf, nicht über irgendetwas zu stolpern. Nur selten begegneten ihnen andere Menschen. Ein paar Bauern waren auf dem Feld mit ihrer Ernte beschäftigt. Neugierig sahen sie zu den Reisenden herüber, widmeten sich kurze Zeit später aber wieder ihrer Arbeit.
Zwei kleine Bauernmädchen, die ihren Vätern wohl etwas zu essen bringen wollten, machten dem Tross Platz, um die Reiter vorbeizulassen. Ängstlich wagte keine von ihnen, einem der grobschlächtigen Männer in die Augen zu sehen, geschweige denn, sie anzusprechen.
Nur kurz traf Maltes Blick die Augen eines der Mädchen, als der Karren an ihnen vorüberrumpelte. Sie schaute ihn scheu und mitfühlend an, senkte aber sofort erneut ihren Blick.
Am Abend hatten die Männer an einem Waldrand ein Lager für die Nacht aufgeschlagen und ein Feuer entzündet.
Sie banden die Gefangenen an einem Baum und kümmerten sich nicht weiter um sie. Eines der Weinfässer vom Karren wurde geöffnet, und die Männer tranken bei bester Laune. Malte war so unfassbar müde, dass er trotz der grölenden Kerle rasch einnickte. Nachdem es nach Stunden ruhiger im Lager geworden war, schreckte Malte durch ein Geräusch auf.
Der bärtige Hüne war während der Nacht zu Malte und seiner Mutter gekommen. Er kam der Heilerin so nah, dass seine rote, fleischige Nase fast in Annas Haaren versank. Angewidert drehte sie ihren Kopf zur Seite.
„Na, wie heißt du denn, mein Täubchen?“
Schamlos begrabschte Kral den Busen der Heilerin. Malte war durch die lallende Stimme des Schurken aufgeschreckt und sofort hellwach.
„ Fass sie nicht an, sonst…“, schrie er empört.
„Sonst was?“
Der nach Alkohol stinkende Bärtige drehte sich langsam zu dem Jungen um und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. „Sei still Malte!“, wisperte Anna ängstlich.
Glücklicherweise hatte der Ritter Maltes Aufschrei gehört, das Verhalten des Mannes bemerkt und trat nun ebenfalls an den Baum heran, an dem seine Gefangenen gefesselt waren.
„Kral, binde das Weib los, damit sie sich meine Hand noch einmal anschauen kann“, befahl er dem Betrunkenen. „Und dann geh los, und besorge den beiden etwas zu essen!“
Kral rülpste lautstark, um seiner Verärgerung Platz zu machen, kam aber dem Befehl des Ritters nach.
So wurde Anna nah an das Feuer geführt, damit sie die Wunde besser ansehen konnte. Malte beobachtete, dass die Heilerin leise auf dem Ritter einredete. Der Junge verstand kein Wort, musste aber mit ansehen, wie der Ritter ausholte und mit der unverwundeten Hand seiner Mutter ins Gesicht schlug. Einige der Männer, die die Szene ebenfalls neugierig beobachtet hatten, lachten laut auf. Der Junge kochte vor Wut.
Nachdem sie ihre Arbeit beendet hatte, stieß man sie zurück zu dem Baum, an dem auch Malte gebunden worden war und fesselte sie erneut daran. Dann gab man Mutter und Sohn etwas Brot und Wasser. Gierig stopfte der Junge sich das harte Backwerk in den Mund.
Der Ritter zog den Hünen namens Kral mit sich zurück ans Feuer und der Rest dieser Nacht verlief ruhig.
Am nächsten Morgen startete der Tross spät. Einigen der Kerle schien der Schädel zu brummen, was ihre zänkische Art und ihren Missmut noch begünstigte.
Zu Maltes Verwunderung spaltete sich der Tross an der nächsten Weggabelung auf. Der größere Teil der Schurken wandte sich nach Norden. Zu Maltes Erleichterung war Kral unter ihnen.
Der Ritter, zwei der verbleibenden Männer und die Gefangenen reisten weiter geradeaus in westlicher Richtung. Den Karren mit den Vorräten hatten die Schurken mitgenommen, sodass Mutter und Sohn nun hinter dem Pferd des Ritters angeleint waren und hinter ihm herstolperten. Malte hielt das Schweigen nicht mehr aus.
„Was hattest du letzte Nacht mit dem Ritter zu bereden, was ihn so wütend machte?“, wollte der Junge leise wissen.
„Ich habe ihn lediglich gefragt, wohin er uns bringt und was er mit uns vorhat“, flüsterte die Heilerin. „Er hat mir noch nicht einmal geantwortet und direkt zugeschlagen! Ich hoffe, du bist schlauer als ich und sprichst ihn nicht ungefragt an!“
„Halt die Klappe, Hexe!“, fluchte der Ritter, der sich nicht einmal nach ihr umdrehte während er sprach.
Der Weg führte nun wieder in einen Wald hinein und stieg auch leicht an. Kurze Zeit später kam, versteckt hinter alten Eichen, ein imposantes Gebäude mit dicken Mauern aus Natursteinen in Sicht.
Außerhalb des steinernen und massiven Hauptgebäudes auf der rechten Seite lehnten sich zwei schiefe Holzscheunen an die Mauern an. Sie wirkten verwittert, dennoch schienen sie das Stroh und die Gerätschaften, die man darin lagerte, halbwegs trocken zu halten.
Die Reiter hielten genau darauf zu. Ein einfach gekleideter Knecht eilte beflissen herbei, um die Pferde in Empfang zu nehmen und zu versorgen.
Malte sah sich erstaunt um. So ein mächtiges Gebäude hatte er noch nie gesehen. Eigentlich hatte er überhaupt noch keine anderen Bauten gesehen außer den einfachen Lehmhütten, die in seinem Heimatdorf standen.
Es gab kaum Fenster. Eine schwere Holztür mit einer Klappe und einem Klopfring bildete die einzig sichtbare Öffnung in das Innere des massiven Steingebäudes.
„Ihr bleibt hier und passt mir auf die beiden Gefangenen auf“, wies der Ritter die übrigen beiden Männer an.
Malte und seine Mutter wurden in eine der beiden Scheunen geführt. Die Stricke, mit denen ihre Hände gebunden waren, band man an einen Holzbalken. Die beiden Kerle setzten sich bequem auf einen Strohballen und warteten auf die Rückkehr ihres Herrn.
Zu Maltes Verwunderung kam der Ritter einige Augenblicke später mit einer älteren Frau zurück, die in ein schlichtes sauberes Gewand gekleidet war. Sie trug nicht die Haube, wie sie verheiratete Frauen üblicherweise trugen, sondern ein dunkles Tuch, welches ihre Haare komplett verbarg. Ein einfaches Holzkreuz baumelte an einer Kette vor ihrem Bauch. „Das ist sie also“, sagte die Frau und schritt auf Maltes Mutter zu.
„Zumindest ist das die Frau, von der man uns bei unserer Suche nach einer Heilerin erzählt hat“, antwortete der Ritter der den Strick, mit dem die Hände seiner Mutter an den Balken gefesselt waren, löste.
„Und wer ist der Junge?“, wollte die Frau nun wissen.
„Er ist ihr Sohn! Ihr könnt ihn hierbehalten, wenn Ihr für ihn bezahlen könnt. Ansonsten, nehme ich ihn mit mir!“
Mit einem Mal kam Leben in die Lethargie der Heilerin. Sie ließ sich auf die Knie sinken und sah die Frau flehend an.
„Bitte Schwester, lasst meinen Sohn bei mir bleiben!“
Hoffnungsvoll wanderte ihr Blick nacheinander von dem Ritter zu der Kreuzträgerin.
„Ich kann Euch lediglich das zugesagte Gold zahlen, welches ich hier in Händen halte.“
Die Frau sah mit bedauerndem Blick von der Heilerin zu dem Ritter hinüber. „Das ist alles, was unser einfaches Kloster erübrigen kann. Aber ich appelliere an Eure Menschlichkeit und bitte Euch inständig, den Jungen ebenfalls hierzulassen.“
„Der vereinbarte Preis ist wenig genug für die erbrachte Leistung, die Heilerin hierher zu bringen“, wiegelte der Ritter unfreundlich ab.
„Da bekomme ich anderswo viel mehr für einen offensichtlich mutigen und kräftigen Knaben. Jeder dahergelaufene Bauer würde mir mehr für solch einen Jungen geben, den er zu einem gefügigen Knecht ausbilden kann!“
„Bitte Herr, habt ein Herz!“, brach es aus Maltes Mutter heraus. „Ich mache alles, was Ihr von mir verlangt!“ Er schnaufte verächtlich.
„Es gibt nichts, was ich von dir begehren könnte! Sei einfach still, Weib!“
Er sah mit einem verächtlichem Blick auf Anna hinunter.
„Vielleicht würde mir der Bischof noch um einiges mehr für die Ergreifung einer Hexe zahlen!“, wandte er sich erneut an die Schwester. „Man hört ja heuer allerorts, zu welch verabscheuungswürdigen Taten diese Weiber fähig sind! Es ist nur recht und billig, dass mir zumindest noch ihr Sohn bleibt, um mich wenigstens im geringen Maße für die Suche nach der Heilerin zu entlohnen.“
Der Templer schüttelte verächtlich grinsend den Kopf.
„Ja, ja! Es war abgemacht, dass Ihr die Heilerin für dieses Gold hierher bringt!“, sagte sie ohne weitere Emotionen zu zeigen. Die Frau griff in die Tasche ihres Gewandes und zog einen ledernen Beutel hervor. Der Ritter nahm den Beutel an sich, löste den Riemen des Säckchens und ließ die Goldmünzen mit einem zufriedenen Grinsen in seine Hand gleiten.
„Nun gut, abgesprochen ist abgesprochen! Ich lasse dieses Weib hier, aber den Jungen nehme ich mit. Von hier aus reise ich zum Bischof. Falls das Weib Euch nicht von Nutzen ist oder sich doch im Nachhinein als Hexe erweist, lasst es mich wissen! Je nachdem, wieviel ich anderen Orts für das Weib bekommen würde, würdet ihr einen Teil der Summe wieder zurück erhalten.“
„Schon gut!“, wiegelte die Schwester ab. „Nehmt Euer Gold und den Jungen und geht!“
Der Mann in der Ritterrüstung löste den Knoten, mit dem der Junge an den Balken gebunden war und zog ihn aus der Scheune. Der Junge sah sich verzweifelt ein letztes Mal nach seiner Mutter um.
Er wunderte sich, da sich die fremde Frau nun nahezu fürsorglich zu der Heilerin herunterbeugte und ihr mit einem bedauernden Blick auf die Beine half. Es wirkte auf ihn fast so, als würde die Schwester seine Mutter kennen.
„Mutter!“, schrie Malte.
„Sorge dich nicht um mich, und sei ein guter Junge! Pass auf dich auf!“, rief sie ihrem aufgewühlten Sohn hinterher.
„Ich werde immer bei dir sein“, flüsterte sie leiser zu sich selbst, aber Malte konnte diese Worte nicht verstehen. Resigniert ließ er sich wieder an eines der Pferde binden, und stolperte hinter den Männern her.
4. Spuren
Der Regen machte es der Wölfin nicht leicht, die Fährte des Ritters aufzuspüren. Christina hatte das Dorf, wie die Männer, in westlicher Richtung verlassen und folgte erst einmal langsam und aufmerksam dem Pfad.
Vielleicht fand sie ja Spuren, die ihr verrieten, wohin der Tross gezogen war. An diesem Tag begegnete ihr nur einmal ein Fremder. Vermutlich war er auf der Jagd, da er einen Bogen mit sich führte.
Er war schlicht gekleidet und erinnerte sie an die Männer ihres Dorfes. Sie nahm sich ein Herz, verließ die Deckung hinter einem Busch und fragte den Fremden, ob er eine größere Anzahl Reiter gesehen habe. Er lächelte sie freundlich an, verneinte ihre Frage aber. Luna hatte sie befohlen, in Deckung zu bleiben, um den Jäger nicht zu erschrecken.
Wenn der Mann ihr etwas zuleide tun würde, würde die Wölfin ihr zur Hilfe eilen, da war sie sich ganz sicher.
Sie dankte dem Mann für die Auskunft, nickte ihm noch einmal zu und wandte sich ab. So ging sie weiter bis die Nacht hereinbrach und sie nichts mehr sehen konnte.
Irgendwo musste sie lagern. Ob sie noch in die richtige Richtung lief, oder die Schurken mittlerweile einen anderen Weg eingeschlagen hatten, wusste sie nicht.
Sie suchte sich einen großen Baum mit einem dichten Blätterdach, der ihr Schutz vor dem Wetter bot. An einer halbwegs trockenen Stelle breitete sie ihren Umhang aus und kuschelte sich hinein. Die Wölfin legte sich ganz nah an sie heran. Christina vergrub ihre Hände tief im Fell des Tieres und schlief bald ein.
Gegen Morgen schreckte das Mädchen aus einem Traum auf. Ihr Körper zitterte nicht vor Kälte sondern von den Emotionen, die von dem Traum ausgingen. Sie hatte verschwommen ihre Mutter und auch Malte gesehen, eigentlich mehr gespürt.
Der Traum bestand hauptsächlich aus Gefühlen und weniger aus klaren Bildern.
Das Einzige, was sie klar erkannte war ein Schwert, dass ein Seil durchtrennte. Denjenigen, der das Schwert führte, sah sie nicht. Obwohl sie ihre Familie nicht genau sah, spürte sie dennoch die Angst ihrer Mutter und hörte Maltes verzweifelten Schrei, der wie ein Echo in ihrem Kopf nachhallte.
Sie war sofort hellwach und schaute sich aufmerksam um. Sie beruhigte sich mit dem Gedanken, dass die Angst um ihre Familie diese Träume bei ihr auslösten. Bestimmt entsprach das Gefühlte nicht der Realität!
Wo war eigentlich Luna? Die Wölfin musste sich irgendwann in der Nacht von ihrer Schlafstätte erhoben haben. Sie hoffte, dass ihre Freundin sich ganz in ihrer Nähe aufhielt und nicht wieder für Monate verschwunden blieb. Dennoch rief sie nicht laut nach der Wölfin. Erst einmal musste sie sicherstellen, dass sich niemand in der Nähe befand, den ihre Rufe auf sie aufmerksam machen konnte.
Sie schlug den feuchten Umhang, unter dem sie gelegen hatte aus und legte ihn zum Trocknen über ihre Tasche, nachdem sie sich ein kleines Stück Käse herausgefischt hatte. Vorsichtig näherte sie sich dem Pfad und schaute erst nach rechts und dann nach links. Weder in der einen noch in der anderen Richtung war eine Menschenseele zu sehen. Noch einmal hielt sie inne und horchte auf die Geräusche des Waldes. Außer den zwitschernden Vögeln und den krächzenden Rufen eines Fasanes vernahm sie keinen Laut, der auf die Anwesenheit von Menschen schließen ließ.
„Luna?“ rief sie. Nichts!
Dennoch hatte sie das Gefühl, ihre Wölfin war ganz in der Nähe. Ein kurzer Pfiff verließ ihre Lippen. Das Mädchen spitzte erneut die Ohren. Sie vernahm ein langgezogenes Heulen, das ein Stück weiter aus dem Unterholz zu kommen schien.
„Luna, komm hierher!“
Wieder erscholl der heulende Ton. Verdammt, jetzt musste sie ihre Freundin auch noch suchen! So hatte sie sich die Reise mit der Wölfin nicht vorgestellt.
Genervt tauchte sie an der Stelle des Waldes ein, an der sie das Tier vermutete. Nach einigen Schritten sah sie die Wölfin tatsächlich.
Sie war in ihre Richtung gelaufen, setzte sich aber sofort hin, als sie Christina erblickte.
„Na komm schon, mein Mädchen!“, rief sie erneut.
Die Wölfin sah sie aufmerksam an, blieb aber an Ort und Stelle sitzen.
„Was soll denn das! Soll ich dich auch noch holen?“
Christina schritt verärgert auf das Tier zu. Kurz bevor das Mädchen die Wölfin erreicht hatte, erhob sich Luna überraschend und lief weiter in den Wald hinein.
„Ach komm schon, was soll denn das?“
Trotz ihres Missmutes folgte sie Luna. Erst jetzt fielen ihr die Spuren auf, die zwischen den Bäumen zu sehen waren. Hufe waren an schlammigen Stellen tief in den Morast eingesunken. An anderen Stellen war das Moos keilförmig aus ganzen Platten des Bewuchses herausgetreten worden.
Sie hob eines der Stückchen auf. Die Stücke entsprachen genau dem Inneren eines Hufes. Hier waren vor nicht allzu langer Zeit Reiter unterwegs gewesen!
Die Wölfin war stehengeblieben und schnupperte an einem Baumstamm, wobei sie ein freudiges Winseln ausstieß, dem ein bellender Laut folgte.
Christina sah sich aufmerksam um. Sie entdeckte einige verkohlte Äste. Ein rauchiger Geruch irritierte einen Augenblick lang ihre Nase. Hier mussten vor nicht allzu langer Zeit Reiter gelagert haben. Wäre die Feuerstelle vor Tagen entfacht worden, hätte der Regen den Geruch längst vertrieben.
Hatte der Ritter mit seinen Spießgesellen hier die Nacht verbracht? Ihre Frage wurde beantwortet, als ihr Blick auf eines der Weinfässer fiel, das unverkennbar aus ihrem Dorf stammen musste. Luna bellte erneut und Christina trat an den Baumstamm heran, von dem die Wölfin keinen Millimeter weichen wollte.
An der Wetterseite des Stammes war eine Kerbe durch ein Seil von dem Grünspan abgerieben worden. Christina begriff sofort, dass hier ihre Mutter und ihr Bruder angebunden gewesen sein mussten. Traurig und gedankenverloren legte sie beiläufig ihre Hand auf den Stamm. Sofort spürte sie die Angst ihrer Mutter und den Zorn ihres Bruders. Erschrocken über die übermittelten Gefühle zog sie überrascht ihre Hand zurück. Bei den Göttern, was war hier passiert, dass bei ihrer Familie diese Angst ausgelöst haben mochte? Warum konnte sie die Emotionen ihrer Familie so genau spüren, oder bildete sie sich das alles nur ein?
Das einzig Positive war, dass sie sich augenscheinlich auf dem richtigen Weg befand. Zumindest hoffte sie das, wenn die verstörenden Gefühle sie nicht betrogen.
„Komm mein Mädchen, lass uns weitergehen!“, sagte sie leise. Christina war sich durchaus darüber im Klaren, dass sie diese Stelle ohne Luna nicht gefunden hätte und sie sich hätte weiter fragen müssen, ob sie noch in die richtige Richtung lief.
Sie strich der Wölfin zärtlich und dankbar über den Kopf.
Mit einem winselnden Geräusch folgte Luna Christina zurück auf den Weg, und sie marschierten weiter in westlicher Richtung.
Den Schutz des Waldes ließen sie bald hinter sich.
Der Weg führte nun an Wiesen und Feldern vorbei. Auf einigen der Äcker arbeiteten Bauern. Christina blieb am Rand eines Feldes stehen, auf dem ein Mann mit Pferd und Pflug den Boden bearbeitete.
„Sei gegrüßt“, rief sie dem Bauern entgegen, der seinen apathischen Gaul zum Stehen brachte und verwundert zu ihr herüberschaute. Auch er nickte ihr freundlich zu.
Als sein Blick allerdings auf die Wölfin fiel, versteinerte sich seine Miene angstvoll.
Christina befahl der Wölfin, sich hinzulegen und ging auf den Bauern zu. Mit einem schnalzenden Geräusch brachte er seinen Gaul zum Stehen.
„Ich möchte dich nicht von deinem Tagewerk abhalten“, sagte sie freundlich. „Ich habe nur eine Frage! Hast du einen Tross mit Reitern gesehen?“
Nachdem er noch einmal misstrauisch zu der Wölfin hinübergeschaut hatte, antwortete er.
„Ja, das habe ich tatsächlich! Es war gestern um die Mittagszeit. Ich weiß das so genau, da meine Töchter mir gegen Mittag meine Brotzeit bringen.“
„Ich danke dir für deine Auskunft! Das hilft mir weiter! Ich wünsche dir ein gutes Tagewerk!“
