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Die Hoffnung E-Book

Mich Vraa

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Beschreibung

1803 geht die junge Kapitänstochter Maria in Kopenhagen an Bord der Hoffnung, eines ehemaligen Sklavenschiffs. Aus einer kurzen Vergnügungsfahrt wird eine abenteuerliche Reise Richtung Westindien, als Maria entdeckt, dass trotz des Verbots durch den dänischen König der Menschenhandel immer noch floriert und ihr geliebter Vater darin verstrickt ist. Zwanzig Jahre später landet der Humanist Mikkel Eide auf Sankt Thomas, um ein Traktat gegen die Sklaverei zu verfassen. In der dänischen Kolonie werden seine idealistischen Vorstellungen mit der Realität konfrontiert. Warum ist es so schwierig, ein guter Mensch zu bleiben, sich nicht mitschuldig zu machen? Ein ergreifender Roman über Idealisten und Zyniker, eine unmögliche Liebe und die Abgründe der menschlichen Seele.

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Seitenzahl: 549

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Mich Vraa

Die Hoffnung

Roman

Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg

Hoffmann und Campe

 

 

 

Sie alle sind von Natur aus böse, und von Gott wohnt auch nicht viel in ihnen. Ja, wenn ich das sagen darf, glaube ich wirklich, dass ihre schwarze Haut ein Zeugnis ihrer Boshaftigkeit ist, sie sind für die Sklaverei bestimmt und sollten keinerlei Freiheit haben.

 

Pflanzer J.R. Haagensen, Sankt Croix

 

 

 

Man kann Menschen vieles nehmen, aber nicht alles, auch dem Neger nicht. Wie bescheiden sie auch sein mag, so muss doch immer ein bisschen Hoffnung bleiben, dass das Leben besser werden kann. Also gebe ich sie ihnen. Ich gebe ihnen Hoffnung.

 

Pflanzer Jan Marcussen, Plantage Solitude, Sankt Thomas

Inhalt

Notiz in Kapitän Frederiksens Logbuch, 21. September 1788

Brief: Maria an ihre Mutter Ane Frederiksen, 20. November 1802

Brief: Ane Frederiksen an Marias Vater, November 1802

Overgaden Oven Vandet, Christianshavn

Brief: Wilfred Bernt, angemusterter Skipper der Fregatte Hoffnung, an den Reeder Anton Frederiksen, Oktober 1802

Brief: Anton Frederiksen an Wilfred Bernt, Asiatisk Plads, Christianshavn, November 1802

Brief: Professor Mikkel Eide an den Verlagsredakteur Thomas de Souza, Dezember 1823

Charlotte Amalie, Sankt Thomas, Dezember 1823

Brief: Thomas de Souza an Mikkel Eide, August 1822

Kopenhagen, 7. August 1822

Verbot des Sklavenhandels von 1792

Mikkel Eides Tagebuch von der Überfahrt mit dem Paketschiff Kong Frederik, September bis November 1823

2. Oktober

Persönlicher, vertraulicher Brief: Christian VII. an seinen Berater in Westindien-Fragen Johan Carstens, Januar 1741

Schloss Christiansborg, Januar 1741

Brief: Maria an ihre Mutter, April 1803

Thurø im April

Bericht des Hafenkapitäns von Sankt Thomas an den Generalgouverneur der Westindischen Inseln Heinrich Ludwig Ernst von Schimmelmann, Dezember 1787

Bericht über die gestrige Ankunft der in Not geratenen Sklavenfregatte Hoffnung in Charlotte Amalie

Kapitän Anton Frederiksens Logbuch, Fregatte Hoffnung, November 1787

1. November 1787

Marias Tagebuch, Montag, 9. Mai 1803

Notiz in Wilfred Bernts privatem Logbuch, Hoffnung, Donnerstag, 28. April 1803

Ladung und Proviant der Hoffnung, Mai 1803

Brief: Generalgouverneur Bardenfleths Sekretär an Mikkel Eide, März 1823

Christianssted, März 1823

Mikkel Eides Tagebuch auf Solitude, Januar 1824

Brief: Mikkel Eide an Redakteur de Souza, Dezember 1823

Solitude, Dezember 1823

Brief: Maria an ihre Mutter, Mai 1803 (nicht abgeschickt)

vor Helsingør, 12. Mai 1803

Kapitän Anton Frederiksens Schiffsjournal, 10. Mai 1803

Brief: Kapitän Anton Frederiksen an seine Ehefrau Ane Frederiksen, 11. Mai 1803

Kapitän Anton Frederiksens Schiffsjournal, 12. Mai 1803

Wilfred Bernts privates Logbuch, Fregatte Hoffnung, Mai 1803

13. Mai 1803

Brief: Jan Marcussen an Generalgouverneur Bardenfleth, Dezember 1823

Solitude, Heiligabend 1823

Mikkel Eides Tagebuch auf Solitude, Januar 1824

Brief: Thomas de Souza an Mikkel Eide, Februar 1824

Mikkel Eides Tagebuch, 9. Januar 1824

Vereinbarung über die Abtretung des Sklavenmädchens Afi, 1820

Mikkel Eide, »Das dänische Verbrechen« (Manuskript), Januar 1824

Brief: Maria an ihre Mutter, Mai 1803 (nicht abgeschickt)

Kapitän Wilfred Bernts Logbuch, Fregatte Hoffnung, Mai 1803

15. Mai 1803

Wilfred Bernts privates Logbuch, Fregatte Hoffnung, Mai 1803

15. Mai 1803

Marias Tagebuch, Sonntag, 15. Mai 1803

Depesche von Wilfred Bernt an Jack Lowfisher, Saint-Malo, Mai 1803

Mikkel Eide: »Das dänische Verbrechen« (Manuskript), Februar 1824

Mikkel Eides Tagebuch auf Solitude, 12. Februar 1824

Marias Tagebuch, Sonntag, 15. Mai 1803

Wilfred Bernts Logbuch, Fregatte Hoffnung, Mai 1803

16. Mai 1803

Wilfred Bernts privates Logbuch, Fregatte Hoffnung, Mai 1803

16. Mai 1803

Brief: Maria an ihre Mutter, Mai 1803 (nicht abgeschickt)

Hoffnung, Deutsche Bucht, 16. Mai 1803

Brief: Mikkel Eide an de Souza, März 1824

23. März 1824

Mikkel Eides Tagebuch auf Solitude, 5. April 1824

Mikkel Eide, »Das dänische Verbrechen« (Manuskript), April 1824

Aus Gouverneur Jørgen Iversen Dyppels Reglement, circa 1673

Marias Tagebuch, Donnerstag, 19. Mai 1803

Aus Johan Frederik Bardenfleths wissenschaftlichem Werk »Über Orkane«, 1831

Maria Frederiksen: »Der dramatische und wahrhaftige Bericht über meine Zeit zu Wasser und zu Lande«, Sankt Croix, circa 1810

Mikkel Eide: »Das dänische Verbrechen« (Manuskript), April 1824

Brief: Mikkel Eide an de Souza, April 1824

9. April 1824

Mikkel Eides Tagebuch, April 1824

Wilfred Bernts Logbuch, Fregatte Hoffnung, 1803

2. Juni 1803

Wilfred Bernts privates Logbuch, Fregatte Hoffnung, 1803

3. Juni 1803

Marias Tagebuch, 13. Juni 1803

Auf See vor Portugal

Maria Frederiksen: »Der dramatische und wahrhaftige Bericht über meine Zeit zu Wasser und zu Lande«, Sankt Croix, circa 1810

Tagebuch des Schiffsarztes Peder Reimann, 18. Juli 1803

Mikkel Eides Tagebuch auf Solitude, 28. Mai 1824

Brief: Jan Marcussen an den Generalgouverneur Bardenfleth, Juni 1824

Solitude, 12. Juni 1824

Depeche: Generalgouverneur Bardenfleth an den amtierenden Gouverneur Peter von Scholten, Juni 1824

Christianssted, 15. Juni 1824

Brief: Amtierender Gouverneur Peter von Scholten an Generalgouverneur Bardenfleth, Juni 1824

18. Juni 1824

Brief: Frantz Bülow, Generaladjutant des Königs an den amtierenden Gouverneur Peter von Scholten, Juni 1824

Kopenhagen, 1. Juni 1824

Mikkel Eide, »Das dänische Verbrechen« (Manuskript), Juni 1824

Briefentwurf: Mikkel Eide an de Souza, Juni 1824

Marias Tagebuch, 14. Juli 1803

Wilfred Bernts Logbuch, Fregatte Hoffnung, Juli 1803

14. Juli 1803

Wilfred Bernts privates Logbuch, Fregatte Hoffnung, Juli 1803

14. Juli 1803

Marias Tagebuch, 20. Juli 1803

Maria Frederiksen: »Der dramatische und wahrhaftige Bericht über meine Zeit zu Wasser und zu Lande«, Sankt Croix, circa 1810

Wilfred Bernts privates Logbuch, Fregatte Hoffnung, Juli 1803

27. Juli Insel Principe

Tagebuch des Schiffsarztes Peder Reimann, August 1803

Guineabucht, 3. August 1803

4. August

Marias Tagebuch, 12. August 1803

Mikkel Eides Tagebuch, Sankt Thomas, 5. Juli 1824

Brief: Jan Marcussen an Generalgouverneur Bardenfleth, Juli 1824

Mikkel Eides Tagebuch, Juli 1824

Das dänische Ärztegelöbnis, verordnet 15. August 1815

Dr. Marcussens Tagebuch, 28. Oktober 1787

Notiz in Dr. Marcussens medizinischem Journal, Oktober 1787

Dr. Marcussens Tagebuch, 12. November 1787

Dr. Marcussens Tagebuch, 22. November 1787

Dr. Marcussens Tagebuch, 26. November 1787

Briefentwurf, nicht abgeschickt: Mikkel Eide an de Souza, Juli 1824

16. Juli 1824

Marias Tagebuch, August-Oktober 1803

Wilfred Bernts Logbuch, Fregatte Hoffnung

8. Oktober 1803

Wilfred Bernts privates Logbuch, Fregatte Hoffnung

8. Oktober 1803

Marias Tagebuch, Oktober 1803

Marias Tagebuch, 12. Oktober 1803

Aus Johan Frederik Bardenfleths »Über Orkane«

Marias Tagebuch, 15. Oktober 1803

Wilfred Bernts privates Logbuch, Fregatte Hoffnung

15. Oktober 1803

Maria Frederiksen: »Der dramatische und wahrhaftige Bericht über meine Zeit zu Wasser und zu Lande«, Sankt Croix, circa 1810

Mikkel Eides Tagebuch, Juli 1824

Brief: Gouverneur Casimir Wilhelm von Scholten, Sankt Thomas, an Balthazar Frederik von Mühlenfels, Sankt Croix, Oktober 1803

Charlotte Amalie, 17. Oktober 1803

Brief: Generalgouverneur Balthazar Frederik von Mühlenfels, Sankt Croix, an Gouverneur Casimir Wilhelm von Scholten, Sankt Thomas, Oktober 1803

Christianssted, 19. Oktober 1803

Dr. Marcussens Tagebuch, Weihnachten 1787

Dr. Marcussens Tagebuch, Frühjahr 1788

Dr. Marcussens Tagebuch, September 1788

Marias Tagebuch, 10. Dezember 1803

Brief: Maria an ihre Mutter Ane Frederiksen, Dezember 1803

Canaan Plantation, Sankt Croix, 12. Dezember 1803

Brief: Generalgouverneur Casimir Wilhelm von Scholten an seinen Sohn Peter Carl Frederik von Scholten, November 1803

Charlotte Amalie, 2. November 1803

Brief: Mikkel Eide an de Souza, Juli 1824

20. Juli 1824

Brief: Peter von Scholten an seine Ehefrau Anna Elizabeth, Juli 1824

26. Juli 1824

Brief: Mikkel Eide an de Souza, Juli 1824

20. Juli 1824(Fortsetzung)

Brief: Jan Marcussen an Rechtsanwalt Hjalmar Schumacher, Juli 1824

20. Juli 1824

Brief: Rechtsanwalt Hubert W. Nissen an Maria Frederiksen, Christianssted, September 1819

22. September 1819

Mikkel Eides Tagebuch, 4. August 1824

Kapitän Lauritz Junckers Logbuch, Brigg Tempest, August 1824

11. August 1824, Bermuda

Mikkel Eides Tagebuch, 11. August 1824

Marias Tagebuch, Thurø, 24. Februar 1825

Mikkel Eides Tagebuch, Frühsommer 1825

Nachwort

Über den Autor und den Übersetzer

Impressum

Notiz in Kapitän Frederiksens Logbuch, 21. September 1788

Es ist jetzt Herbst, und ich führe mein Schiff Hoffnung von Sankt Thomas zurück nach Dänemark. Heute Nacht jedoch wurde ich wieder an unsere Abreise im vergangenen Jahr erinnert. Als wir eine Stunde nach Mitternacht den 54. kreuzten, legte sich der Wind. Ich stand am Ruder und war ganz allein auf dem Achterdeck. Es war so still an Bord, dass ich die Wellen gegen den Rumpf schlagen hörte; ein Mann drehte sich in seiner Koje unter Deck, ein anderer schnarchte wie ein blasender Wal, meine kleine, erst zwei Monate alte Tochter erwachte und weinte unten in der Koje, bis meine Frau sie trösten konnte.

Wenn Schiffe von den portugiesischen Inseln vor der afrikanischen Küste in Richtung Westen segeln, treffen sie zu Beginn der Atlantiküberquerung auf den Kalmengürtel. Die Stille, die dort herrscht, ist erschreckender als die meisten Unwetter. Das Schiff schwimmt mit der Äquatorialströmung, und doch sieht und spürt man keine Bewegung; Schiff und Strömung sind gleich schnell, die Segel hängen schlaff herab, die Sonne brennt, Durst und Wahnsinn breiten sich unter der Mannschaft aus. Man sehnt sich danach, aber man weiß nie, wann der Nordostpassat kommt.

Ich musste heute Nacht an den Kalmengürtel denken, und plötzlich wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass ich die Stille dort nie wieder erleben werde. Genauso wie ich nie wieder sehen werde, wie Afrikas Küste sich aus dem Meer erhebt – oder die von Westindien. Denn als ich in der Stille der Nacht unter Deck meine Familie und meine Mannschaft hörte, begriff ich mit einem Mal, dass die Geräusche, die ich damals in der Nacht im Kalmengürtel gehört hatte – ein leises Murmeln aus dem Zwischendeck der Hoffnung, ein Wimmern, Jammern und Weinen –, auch von Menschen stammten. Unserer Ladung. Es waren Menschen, mit denen wir gesegelt sind.

Brief: Maria an ihre Mutter Ane Frederiksen, 20. November 1802

Liebe Mutter,

 

ich werde mit der Hoffnung in See stechen!

Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Satz geschrieben zu haben, der mich mit größerer Freude erfüllte: Ich werde mit der Hoffnung in See stechen! Zusammen mit Vater, der, seitdem ich auf der Welt bin, nie mehr gesegelt ist. Schon bald werden wir beide an Bord der Fregatte gehen und Kopenhagen verlassen. Wie Du weißt, habe ich Vater immer wieder bestürmt, mich mitzunehmen. Und sollte ich nun endlich die erste Frau – oder das erste Mädchen – sein, die zur See fährt, wem würde es schaden? Ich könnte nach und nach Vaters Geschäfte übernehmen und die Reederei weiterführen. Das habe ich ihm auch erklärt und ihn im selben Atemzug daran erinnert, dass er keinen Sohn hat. Er hat ein wenig betrübt und ernst gelächelt, aber ich weiß, dass er durchaus über meine Worte nachdenkt.

Wie ich Dir so oft geschrieben habe, hatte ich schon immer das Gefühl, nicht richtig hierher zu gehören. Ich sehe nicht aus wie die anderen Kinder, und ich habe mich ihnen auch nie zugehörig gefühlt. Und ich weiß, dass es mir als Erwachsene nicht besser ergehen wird. Meine Haare und meine Haut sind so anders, dass jeder, der mir begegnet, mich eigenartig findet. Auf dem Meer jedoch kann man sein, wer man will.

Kürzlich bekam Vater einen Brief aus Rotterdam in Holland. Die Fregatte ist nach einer weiteren Atlantiküberquerung nach Europa zurückgekehrt. Beladen mit Tabak, Gewürzen und Zucker von den westindischen Plantagen! Und eben da fragte Vater, ob ich mitfahren wolle, wenn sie im Frühjahr wieder in See sticht. Nur nach Jütland zunächst – Frederikshavn oder Skagen –, aber mein Herz beginnt schon bei dem Gedanken daran heftig zu schlagen. Es kommt mir vor, als hätte ich mein ganzes Leben darauf gewartet, ihn diese Worte sagen zu hören.

Ich weiß, dass Du diese Reise kaum befürworten wirst, Mutter, doch ich bitte Dich sehr, Dich für mich zu freuen. Und bestimmt werden wir uns im Frühjahr sehen – die Hoffnung läuft den Asiatisk Kompagnis Plads an, und das ist ja fast um die Ecke von Tante Inges Haus!

 

Liebe Grüße

Maria

Brief: Ane Frederiksen an Marias Vater, November 1802

Overgaden Oven Vandet, Christianshavn

Lieber Anton,

 

ich muss Dir sagen, dass ich tief erschüttert und unendlich traurig bin über das, was ich just habe erfahren müssen: Dass Du unserer Tochter, meinem Kind, erlauben willst, ihre unschuldigen Füße auf das Deck dieses hässlichen Schiffs zu setzen und sie sogar mit dieser verfluchten Fregatte bis an den fernsten Rand unseres Reiches reisen lassen willst. Hältst Du das für eine gute Idee, Anton? Willst Du unsere Tochter, die gerade einmal vierzehn Jahre alt ist, wirklich dieses unglückseligen Schiffs betreten lassen?

Maria hat mir geschrieben, dass sie mit der verbrecherischen Fregatte bis in den Norden Jütlands reisen wird. Aber Du kennst ihre kindlichen Träume, Du weißt, wohin es führen wird: zu weiterer Quengelei, zu weiterem Gerede über die unseligen Weltmeere (ist Wasser denn nicht bloß Wasser, und sind die Weltmeere nicht bloß umso mehr aus diesem Element, in dem jedwede Menschlichkeit ertrinkt? So kommt es mir jedenfalls in meinen Erinnerungen vor). Hier in Christianshavn begegnen mir immer wieder diese Träume, jede Woche laufen Schiffe vom Asiatisk Kompagnis Plads aus. Und die jungen Menschen drängen sich um den Teergestank der Schiffe und das Geräusch der schlagenden Taue, die Prahlereien der Seeleute und ihre gottlosen Flüche. Aber was wissen denn diese jungen Träumer, die sich so gern verlocken lassen, schon darüber, was dort draußen auf den Meeren zu finden ist? Ebenso wenig wie unsere Tochter, fürchte ich, und das heißt: nichts!

Ich weiß, ich selbst trage einen großen, vielleicht sogar den größten Teil der Schuld, weil ich die letzten Jahre nicht mit Dir und unserer Tochter geteilt habe, und ich bin Dir dankbar, dass Du Dich gut um sie gekümmert hast, das weißt Du. Und doch belasten mich diese verfluchte Fregatte und die Zeit vor der unglücklichen Trennung unserer Familie noch immer – wie oft hatte ich nicht das Gefühl, allmählich den Verstand zu verlieren? Ja, so ist es, Anton Frederiksen, ich hätte im Irrenhaus enden können, wenn ich mich nicht jeden Tag gezwungen hätte, stark zu sein und zu kämpfen, um zu vergessen.

Ich weiß, die Zeiten haben sich geändert, und die Fregatte transportiert Waren nach Westindien; und doch stellt sich mir die Frage, ob nicht Dinge – und Menschen – so von Boshaftigkeit durchdrungen sein können, dass man sie ihnen nie mehr austreiben kann. In meinen düsteren Stunden fürchte ich, dass es sich so verhält. Dieses Schiff und mit ihm viele andere Schiffe, die Inseln und die Orte in Afrika, und ja, auch die Menschen, werden für immer böse sein. Ich kann all das Unheil, das ich gesehen habe, nicht vergessen. Mehr Unglück, als irgendein Mensch ertragen könnte, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren. Ich beweine es noch immer, und ich bitte Dich inständig, Maria nicht an Bord dieses teuflischen Schiffs zu lassen!

 

Deine Ehefrau

Ane Frederiksen

Brief: Wilfred Bernt, angemusterter Skipper der Fregatte Hoffnung, an den Reeder Anton Frederiksen, Oktober 1802

Hochverehrter Schiffsreeder Anton Frederiksen,

 

es ist mir eine Freude, Ihnen mitteilen zu können, dass Ihr Schiff Hoffnung Kopenhagen mit Mannschaft und Ladung in ungefähr zwei Wochen anlaufen wird. Die Seereise von Westindien ist ohne Kalamitäten verlaufen, und unsere Ladung aus Rohzucker, Kaffee, Tabak und diversen anderen Gütern sowie Rum befindet sich wohlbehalten an Bord.

 

Ihr ergebener

Wilfred Bernt

Brief: Anton Frederiksen an Wilfred Bernt, Asiatisk Plads, Christianshavn, November 1802

Mein braver Kapitän Bernt,

 

indem ich Ihnen für Ihren Brief aus Rotterdam danke und hoffe, dass Sie mein Schreiben wohlbehalten entgegennehmen können und dass Sie bei Ihrer Ankunft in unserer Hauptstadt guten Mutes sind, muss ich Ihnen hiermit eine Nachricht von gewisser Bedeutung zukommen lassen: Ich gedenke, an der ersten Etappe der nächsten Reise der Hoffnung teilzunehmen, das heißt von der Hauptstadt nach Frederikshavn oder Skagen, je nachdem, welchen Hafen wir vor der Umrundung von Skagens Riff anlaufen werden.

Wie Sie wissen, bin ich seit dem Jahre des Herrn 1788 nicht mehr auf See gewesen, nun aber hat mich meine Tochter Maria, die, wie Sie sich sicher erinnern werden, als Säugling von Westindien nach Dänemark kam, so lange Zeit bedrängt, auf einer Reise der Fregatte mitfahren zu dürfen, dass ich es ihr schließlich versprochen habe. Sie ist in ihrem fünfzehnten Lebensjahr und eine vernünftige junge Frau.

Ich erwarte Sie und die Hoffnung am Asiatisk Plads und werde mich sehr bald aus diesem Grund in die Hauptstadt begeben.

 

Mit großer Hochachtung

Anton Frederiksen

Schiffsreeder

Brief: Professor Mikkel Eide an den Verlagsredakteur Thomas de Souza, Dezember 1823

Charlotte Amalie, Sankt Thomas, Dezember 1823

Mein lieber Herr Redakteur de Souza,

 

nur eine kurze Notiz, dass ich auf den Westindischen Inseln angekommen bin, genauer gesagt auf der Plantage Solitude nordwestlich von Charlotte Amalie, Sankt Thomas. Die Insel, oder das Wenige, was ich bisher von ihr sehen konnte, wirkt auf mich wie ein sehr schöner Ort; es ist angenehm, hier zu sein, das Klima ist außerordentlich behaglich, und ich wurde überaus freundlich empfangen.

Es war eine Erleichterung, nach einer Seereise an Land zu kommen, die bestenfalls mit der Fahrt eines Dichters in die innersten Kreise der Hölle verglichen werden kann. Ich werde sehr bald schon versuchen, ausführlicher über die Reise von Guinea zu diesen paradiesischen Inseln zu schreiben, es muss indes warten, bis ich meine Gedanken geordnet habe; im Übrigen bin ich sicher, auch der Dichter Dante musste erfahren, dass es nicht so einfach ist, über das Leben in der Hölle zu berichten! Lassen Sie mich nur erwähnen, dass für einen Mann, der beabsichtigt, die Wahrheit über das Leben der Sklaven zu schreiben, allein die Seereise über den Atlantik eine Bestätigung meiner schlimmsten Ahnungen war.

Und dabei trat ich diese Reise im Jahre des Herrn 1823 an, mehr als zwanzig Jahre also, nachdem die Sklaventransporte per Verordnung abgeschafft wurden; können Sie sich vorstellen, wie schockiert ich war, als unser Schiff, das Paketschiff Kong Frederik, mehr als einhundert schwarze Sklaven an Bord nahm? Wir legten irgendwo an der Küste Guineas an, der Name des Orts ist mir unbekannt, und kauften Sklaven von einem der dort ansässigen Häuptlinge. Aber, und das schockierte mich am meisten, gut zwanzig Schwarze kamen aus dem dänischen Fort Christiansborg, wo derartige Gepflogenheiten laut dem Gesetz längst hätten unterbunden werden müssen.

Wenn man ihre grausame und verbrecherische Geschichte nicht kennt, sehen die Westindischen Inseln oberflächlich betrachtet aus, als wären sie ein heiterer und durchaus zivilisierter Ort. Ich habe mich in einer einfachen, aber komfortablen Hütte eingerichtet, die auf dem Grund der Plantage Solitude steht, direkt an der nördlichen Küste der Insel. Der Pflanzer ist ein guter Freund von Gouverneur Bardenfleth, der ihn mir empfahl. Er hat mir zugesagt, dass ich die Hütte als Wohnstatt nutzen darf, solange ich möchte.

Hier ist es in der Tat sehr schön. Diese Inseln ähneln wahrlich dem Paradies, es ist so, wie sie daheim beschrieben werden. Am Vormittag weht ein sanfter, ein wenig kühler Wind vom aquamarinblauen Meer her, eine regelmäßige Brise, die bewirkt, dass die Luft über den Bergmassiven der Insel in der Wärme aufsteigt und durch die weitaus angenehmere Seeluft ersetzt wird. Am Abend geschieht das genaue Gegenteil, wenn es nach dem plötzlichen Sonnenuntergang abkühlt und Dunkelheit sich über die Insel legt, als hätte jemand die Lampe des Karibischen Meers ausgeblasen. Die Luft wird nun von dem noch lauen Meer angesogen, vom dunklen Spiegel der Lagune, die so hübsch im Mondlicht glänzt. Die Neger und auch einige Weiße nennen diesen Wind den Totengräberwind, weil sie meinen, dass er alles Tote und Schlechte von der Insel bläst. Vermutlich gibt es auch für den Wind, der zu Beginn des Tages die Insel mit salziger, balsamischer Meeresluft erfüllt, einen Namen, der mir noch nicht bekannt ist. Wie Sie aus diesen Zeilen lesen können, bin ich in gewisser Hinsicht hingerissen von diesem Ort! Nach Monaten auf See – der grausame Ozean hat während der Überfahrt so viele Menschenleben gefordert – erheben sich diese Inseln aus dem leuchtenden Meer, und wäre man nicht ein verknöcherter und gottloser Skribent, würde man bei diesem wunderbaren Anblick die Hand eines göttlichen Geistes spüren, denn es ist kaum zu beschreiben, welch herrlichen Anblick diese Inseln bieten. Plötzlich tauchen sie auf, wie eine Flottille von Schiffen mit Schaum vor dem nach Osten weisenden Bug; schmale leuchtende Streifen mit dem weißesten Sand zwischen dem Blau des Meeres und den üppigen, grünen Bergmassiven. Und dazu der Himmel mit seinen weißen und bisweilen aschgrauen Haufenwolken, die schwer über den Gipfeln der Berge hängen. Nach Monaten auf dem düsteren, bleigrauen Meer … ich sage Ihnen, es ist ein Anblick, der sich nicht beschreiben lässt.

Ich stelle mir vor, dass all die armen Teufel, die Tausende und Abertausende von Mitmenschen, die von zynischen Kapitänen seit mehr als hundertfünfzig Jahren hierher transportiert wurden, gedacht haben müssen, nun seien sie endlich im Paradies angekommen, in einem Garten Eden in der Fremde. Vielleicht haben sie für einen kurzen Moment ein wenig Hoffnung empfunden bei der Aussicht auf das Leben, das sie hier auf den Inseln erwartet. Ich glaube es, und alles in mir zieht sich zusammen, wenn ich an die Enttäuschung denke, die sie erleben mussten. Denn dies ist keineswegs der Garten Eden, wie Sie sicher wissen. Mein ganzes Leben als erwachsener Mann habe ich mich danach gesehnt, der Welt erzählen zu können, was hier seit über einhundertfünfzig Jahren vor sich geht, auf diesen dänischen (sic) Inseln. Die Geschichte, deren Veröffentlichung Sie mir so großzügig ermöglichen, wird Ihre Leserschaft erschüttern. All diese Schicksale! All diese Menschen! All dieser Tod und all dieses Unheil! Und begonnen hat das Ganze mit dem Glauben frommer Männer, mit dem christlichen Glauben und Gottesfurcht. Nichts könnte fataler sein. Gottesfurcht? Ja, ich glaube gern, dass man diese Furcht tatsächlich spürt, wenn man auf einem Sklavenschiff festgebunden am Besanmast hängt und die blutige Peitsche in der Hand eines frommen Nächsten einem die Haut vom Rücken reißt!

Seit Jahrhunderten leiden die Menschen und werden grausam ausgenutzt, mal im Namen des einen, mal des anderen Gottes. Aber was ist mit der Nächstenliebe, die diese frommen Männer stets predigen und in deren Namen sie ihre Wechsel ziehen? Wenn es darauf ankommt, regiert das Geld. Hier auf den Inseln ist der weiße Mann wegen des Zuckers, und wegen des Zuckers mussten auch die Schwarzen kommen. Doch während die ersten Siedler als Abenteurer und Auswanderer hier landeten, um den Reichtum der Inseln zu ernten, kamen die anderen gegen ihren Willen hierher, als die erbärmlichsten aller Wesen, kaum noch als Menschen, schufteten sich zu Tode und mussten zusehen, wie ihre Kinder und Liebsten für die goldenen Kragenknöpfe der Weißen gezwungen wurden, dasselbe zu tun.

Ich schaue in den Spiegel und sehe einen weißen Mann. Und es widert mich an.

 

Hochachtungsvoll

Mikkel Eide

Brief: Thomas de Souza an Mikkel Eide, August 1822

Kopenhagen, 7. August 1822

Mein lieber Professor Eide,

 

ich schreibe, um Ihnen mitzuteilen, dass ich mit dem allergrößten Interesse Ihre kürzlich verschickte Streitschrift über die Sklaverei in den Kolonien gelesen habe. Wie scharfsinnig und kühn formuliert, und wie wahrhaftig! Es ist eine eigentümliche Geschichte, dass Dänemarks König bereits vor dreißig Jahren den Handel mit Menschen verboten hat, während wir noch immer, so viele Jahre danach, in unseren Kolonien Sklaven halten. Unter allerlei Vorwänden hat man nun mehrere hundert Jahre mit schwarzen Menschen gehandelt, sie ausgenutzt und sich dazu berechtigt gefühlt, nur weil ihre Erscheinung den Augen weißer Europäer primitiv vorkommt. Sind sie nicht auch Menschen? Wenn man sie peitscht, bluten sie dann nicht? Wenn man sie erschießt, sterben sie dann nicht?

Ich bin ganz sicher, dass diese schändliche Praxis schon bald ein Ende haben wird. Einflussreiche Kräfte in mehreren europäischen Ländern sind hinsichtlich dieser Forderungen aktiv, England wird die Sklaverei vermutlich in wenigen Jahren verbieten. Möglicherweise müssen die reichen Pflanzer Westindiens ein wenig von ihrem Reichtum lassen, wenn sie bei ihren Geschäften nicht länger von unentgeltlicher Arbeitskraft profitieren, aber ich weiß, dass diese Menschen zu den wohlhabendsten Dänen überhaupt gehören. Die Plantagen werden nicht unrentabel, selbst wenn ihre Besitzer für die Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern und in den Zuckermühlen bezahlen müssen. Sind die Zeitungen der Hauptstadt etwa eingegangen, nur weil die Lohnschreiber und Drucker für ihre Arbeit bezahlt werden wollten? Ist es unrentabel für freie dänische Bauern, ihre Ernten einzubringen, nur weil Knechte und Tagelöhner einen anständigen Lohn für ihre Arbeit bekommen? Nein, es wird weiterhin profitabel sein, Zucker auf den dänischen Inseln unter dem Wind anzubauen; die anhaltende Sklavenarbeit lässt sich nur durch Gier und Trägheit erklären.

Ich las Ihre Schrift und musste leider von den vielen Drohungen gegen Ihre Person hören, die der Veröffentlichung folgten, doch sehe ich all dies als ein Signal, dass der Wind sich allmählich zu drehen beginnt: Immer mehr verantwortungsbewusste Landsleute haben einen bitteren Geschmack im Mund, wenn ihnen die Verhältnisse zu Ohren kommen, die wir unseren schwarzen Mitmenschen noch immer zumuten. Und doch scheint mir, dass die wenigsten – und dazu gehören auch diejenigen, die sich so lebhaft an der Debatte beteiligen – eine genauere Kenntnis der Verhältnisse auf den karibischen Inseln haben. Ja, ich selbst weiß kaum etwas darüber, allerdings bin ich auch niemals dort gewesen. Und Sie vermutlich auch nicht!

Damit komme ich zu meinem eigentlichen Anliegen, mein lieber Herr Professor Eide. Wäre es denkbar, dass Sie die Zeit fänden, eine Reise zu diesen Inseln zu unternehmen? Gern über die alte Route von einem dänischen Hafen nach Guinea und von dort mit einem passenden Schiff nach Westindien. Ich weiß, dass die weitaus meisten Schiffe heute die schnellere Passage westlich der Kanarischen Inseln bevorzugen, und vielleicht wird man auch irgendwann in der Zukunft vom Englischen Kanal direkt in die Neue Welt segeln, aber ich denke, dass es für einen Kritiker der Sklaverei nützlich sein könnte, dem alten Sklavenweg von der afrikanischen Goldküste zu folgen.

Ich möchte Sie bitten, ein Buch über Westindien und die tatsächlichen Verhältnisse dort zu schreiben. Ein Werk über die Schande der Sklaverei, über die Grausamkeiten, über den Strom des Zuckers und den unmäßigen Reichtum der Pflanzer. Ein gefährliches und schwieriges Stück Arbeit, das ist mir klar, die Pressefreiheit hat bekanntlich enge Grenzen, und Sie müssen behutsam vorgehen, nicht zuletzt, während Sie sich in den Kolonien aufhalten. Aber ich sehe in Ihnen einen Mann, der dennoch ein Auge wagt, wenn es der richtigen Sache dient.

Würde es Ihr Interesse erregen, Herr Professor Eide? Fänden Sie die Möglichkeit, sich ein oder zwei Jahre für ein derartiges Unterfangen zur Verfügung zu stellen? Wollen Sie dafür arbeiten, den schwarzen Mann zu befreien?

 

Meine ehrerbietigsten Grüße

Thomas de Souza

Redakteur

Verbot des Sklavenhandels von 1792

Königliche Verordnung über den Handel mit Negern

Wir, Christian VII., von Gottes Gnaden König von Dänemark und Norwegen, machen hiermit geltend: Wir haben mit Hinsicht auf den Sklavenhandel an Guineas Küste und den Transport der dort gekauften Sklaven zu den dänischen Westindischen Inseln untersuchen lassen, ob auf die Zuführung neuer Neger aus Guinea mit der Zeit verzichtet und der Anbau auf den Westindischen Inseln danach von Arbeitern wahrgenommen werden kann, die auf den Inseln geboren und aufgewachsen und seit ihrer Jugend die Arbeit und das Klima gewohnt sind. Diese Untersuchung hat gezeigt, und dies ist über jeden Zweifel erhaben, dass es möglich und vorteilhaft ist, den Ankauf von neuen Negern zu vermeiden, wenn die Plantagen einmal mit einer angemessenen Anzahl von Negern und Negerinnen für die notwendige Negerzucht versorgt sind.

Um also die Plantagenbesitzer auf den Westindischen Besitztümern von der Abhängigkeit der Negerzuführungen zu befreien und schließlich die Zuführung von Negern nicht mehr notwendig werden zu lassen, tun wir hiermit Folgendes kund:

Mit Beginn des Jahres 1803 bestimmen wir, dass jedweder dänischer Negerhandel an den afrikanischen Küsten aufzuhören hat – und wo er sonst noch stattfindet außerhalb Unserer Besitztümer in Westindien. Nach Ablauf dieses Zeitraums darf kein Neger und keine Negerin, weder an der Küste noch an anderen fremden Orten von Unseren Untertanen gekauft, in Schiffen Unserer Untertanen transportiert oder auf den Westindischen Inseln zum Verkauf eingeführt werden. Jede gegen dieses Verbot verstoßende Handlung wird nach Ablauf dieser Zeit als rechtswidrig angesehen.

Unterdessen muss es von nun an und bis zum Ausgang des Jahres 1802 allen Nationen ohne Unterschied und unter allen Flaggen erlaubt sein, Neger und Negerinnen von der Küste in Unsere Westindischen Inseln einzuführen.

Unter Unserer Königlichen Hand und Unserem Siegel

Christian VII.

16. März 1792

Mikkel Eides Tagebuch von der Überfahrt mit dem Paketschiff Kong Frederik, September bis November 1823

2. Oktober

Alle, die mit Sklaven zu tun haben – das heißt, mit ihrem Fang, dem Transport, dem Handel und der Ausnutzung auf dem Feld und im Haus –, halten es für normal, die Schwarzen nicht als Menschen anzusehen. Ich habe heimgekehrte Pflanzer sagen hören, Neger hätten durchaus eine menschliche Gestalt, jedoch keine Seele, keine Intelligenz und keine anderen Gefühle als die, die sich auch bei jeder anderen Kreatur finden lassen, etwa einer Ziege oder einem Huhn.

Allerdings wird behauptet, es gäbe durchaus gerechte und sogar humane Pflanzer und Sklavenschiffer; Männer, die ihre Macht und Gewalt nur einsetzen, wenn es unbedingt notwendig ist, einem anderen Menschen den eigenen Willen aufzuzwingen. Ich wollte es gern glauben, denn Menschen sind sicher nicht boshaft um der Boshaftigkeit willen. Davon war ich zumindest überzeugt, als ich an Bord der Kong Frederik ging.

Der Kapitän heißt Barnes, und obwohl der Name englisch klingt, bin ich sicher, dass er kein Engländer ist. Seine Syntax und Grammatik sind eigentümlich, im Englischen und Dänischen ebenso wie bei dem bisschen Französisch, das er spricht. Je länger wir auf See sind, je mehr Zeit ich in Gesellschaft von ihm und seinen Männern verbringe, desto häufiger drängt sich mir der Gedanke auf, dass sie in ihren Herzen bloß einfache Piraten sind; Männer, die zu anderen Zeiten als im zivilisierten Jahr des Herrn 1823 nach stattlichen Handelsschiffen auf der Lauer gelegen hätten, um sie zu kapern, die Ladung zu erbeuten und Mann und Maus zu töten.

Ihr Verhalten gegenüber den armen schwarzen Menschen, die wir illegal im stinkenden Bug der Fregatte mit uns führen, ist grauenerregend. Ich sehe keine andere Möglichkeit, als mich abzuwenden und in meine Kajüte zu gehen, wenn sich eine üble Episode nach der anderen an Bord ereignet. Wie gestern – einer der schlimmsten Zwischenfälle bisher.

 

Der Erste Steuermann, ein wahrer Satan von einem Mann, der häufiger als der Kapitän das Kommando innehat und sich der Abstrafungen an Bord annimmt, hatte einige schwarze Männer an Deck befohlen. Das Wetter war ruhig, wie so oft zu Beginn der Reise – den größten Teil der Zeit schien es, als flögen wir auf einem glasklaren, beinahe stillstehenden Strom dahin –, und die Schwarzen kamen in einer Gruppe aus dem Laderaum und wurden gezwungen, zu tanzen und sich zu bewegen. Hin und wieder goss einer der ewig betrunkenen Seeleute kaltes Meerwasser über sie, um den grauenhaften Gestank wenigstens ein bisschen zu vertreiben – diese Menschen liegen Wochen und Monate in ihrem eigenen Dreck. Wenn sie ans Licht und an die Luft kommen, haben sie mittschiffs in einer breiten Vertiefung zu bleiben, wo ein Teil des Hauptdecks entfernt wurde. Diese Vertiefung wird als »Kuhl« bezeichnet. Auf diese Weise lassen sich die männlichen Neger leichter kontrollieren, das Risiko ist deutlich geringer. Mehrere kleine Handkanonen, sogenannte Drehbassen, sind geladen aufs Sklavendeck gerichtet, falls es zu Aufruhr oder Unruhen kommen sollte.

Die Furcht vor einem Aufstand ist deutlich spürbar. Nur ein Fünftel der schwarzen Männer dürfen gleichzeitig in die Kuhl.

Anders verhält es sich mit den Frauen und Kindern, die sich häufig auf dem Achterdeck aufhalten dürfen, dem Teil des Schiffs, der von der Mannschaft Schanze genannt wird. Alle Schwarzen sind nackt, wie Gott sie schuf, und es gibt viele junge Frauen an Bord. Das hält die Seeleute nicht davon ab, sie täglich auf übelste Weise zu demütigen oder sich geradezu an ihnen zu vergehen.

Auch der Vorfall gestern hatte mit dieser Unsitte zu tun. Ungefähr zwanzig Männer saßen geduldig in der Kuhl und warteten darauf, dass ihnen befohlen würde, zu tanzen oder umherzugehen. Auf der Schanze, deren Deck ein wenig über dem schwarz gekräuselten Haar der Männer liegt, hielten sich wie gewöhnlich einige Frauen und junge Mädchen in der Sonne auf. Ich stand am Fockmast auf dem Vordeck des Schiffs und rauchte meine Tonpfeife, als eine der Frauen, eine große, vollkommen ebenholzschwarze Statue einer Negerin, plötzlich so verzweifelt schrie, als hätte sie jemand mit einer Ahle gestochen. Mit einer eigentümlichen Mischung aus Weinen und Wonne erhob sie ihre Stimme und übertönte mit ihren verzweifelten Schreien sämtliche anderen Geräusche auf dem Schiff.

Ich kniff in dem scharfen Licht über dem Meer die Augen zusammen, schaute hinüber und sah, wie die Frau sich an das niedrige Geländer presste, das die Schanze von der Kuhl trennt, und eine Hand in Richtung der Männer unter ihr ausstreckte. Und ich sah einen der Männer einen Arm in die Luft recken, um ihre Hand zu erreichen. Ich sah die glänzende schwarze Haut seines Rückens in der Sonne schimmern, und seinen muskulösen und verblüffend langen Arm, der sich der jungen Frau entgegenstreckte. Und ich sah, wie hübsch sie war. Ja, und er ebenfalls!

In der nächsten Sekunde hob einer der Seeleute einen langen Stock und schwang ihn über den Mann in der Kuhl, sodass er von einem heftigen Schlag am Hals und am Kopf zu Boden geworfen wurde. Er fiel zwischen die anderen Neger und blieb benommen auf den Planken des abgesenkten Decks sitzen. Blut rann ihm über die Schulter.

Der Mann, der mit dem Stock zugeschlagen hatte, drehte sich eben zu der Frau um, als sie versuchte, über das Geländer in die Kuhl zu springen. Im letzten Moment packte er sie und schleuderte sie in Richtung des Besanmasts. Sofort wurde sie von zwei seiner Kameraden ergriffen und festgehalten. Der Mann warf den Stock beiseite und griff laut lachend an seinen Hosenlatz, und einen Augenblick später drängte er sich der Frau auf, die seine Kameraden am Besan festhielten. Sie schrie ein paar Mal und versuchte, sich loszureißen, doch die Männer schlugen sie, bis sie still war.

Ich konnte es nicht mitansehen, die Szene zerriss mir das Herz. Ich war an Bord der Kong Frederik gegangen, ohne zu ahnen, was dort auf mich zukommen würde, und nun … nun überkamen mich Ekel, Angst und noch etwas anderes – eine seltsame Erregung, die ich weder wahrhaben noch näher untersuchen wollte. Ich schlug den Blick nieder, hörte aber noch immer das lüsterne Grunzen des Mannes und das leise Jammern der Frau, bis ich schließlich die Hände auf meine Ohren presste und unter Deck Zuflucht suchte.

Und doch kann ich den Anblick nicht vergessen, als ich mich ein letztes Mal umwandte: Der junge Mann in der Kuhl saß, noch immer benommen von dem Schlag mit dem Stock, auf den verdreckten Planken und schaute hinauf zu seiner Liebsten in den groben Händen der weißen Männer. Er saß vollkommen reglos da, als würde er erst in diesem Moment jegliche Hoffnung fahren lassen.

Persönlicher, vertraulicher Brief: Christian VII. an seinen Berater in Westindien-Fragen Johan Carstens, Januar 1741

Schloss Christiansborg, Januar 1741

Mein braver Herr Carstens!

 

Es sollte Uns freuen, wenn Wir so rasch als möglich eine kleine Unterhaltung über Ihre Erfahrungen auf den Westindischen Inseln führen könnten. Wir haben Uns mit Interesse über Ihre langjährige Tätigkeit als Pflanzer auf Sankt Thomas unterrichten lassen, und Wir wissen, dass Sie, obwohl Sie nun heimgekehrt sind und sich in Kopenhagen niedergelassen haben, noch wichtige Interessen auf Sankt Thomas haben und als Reeder im Dreieckshandel tätig sind.

Wie Ihnen bekannt ist, haben Wir vor gut einem Jahrzehnt von der französischen Krone eine dritte Insel im Archipel erworben, die etwas weiter entfernt liegende Insel Sankt Croix. Somit gehören Uns, der dänischen Krone, ausgedehnte Zuckerrohrplantagen, und in diesem Zusammenhang ergeben sich einige Fragen: Sind Unsere Sklaven auf Sankt Thomas nach Ihrer erfahrenen Meinung gut genug und geeignet für diese harte Arbeit? Oder sind weitere Sklaven vonnöten, und würde man diese problemlos in ausreichender Menge beschaffen können, ohne sie den weiten Weg von Afrika transportieren zu müssen? Hiermit meinen Wir eigentlich, dass die Schwarzen gezüchtet werden sollten, wie man hierzulande Haustiere züchtet, Schweine und Vieh.

 

Christian R.

Brief: Maria an ihre Mutter, April 1803

Thurø im April

Liebe Mutter,

 

wie schwer fällt es mir doch zu verstehen, warum Du es vorziehst, in Kopenhagen zu wohnen, statt bei Deiner eigenen Familie. Sicherlich ist Tante Inge verwitwet, aber es muss doch nicht Deine Aufgabe sein, ihr Gesellschaft zu leisten. Du sollst wissen, dass ich niemals die Hoffnung aufgegeben habe, dass Du eines Tages zurückkehrst und wieder meine Mutter wirst.

Als kleines Mädchen kämpfte ich damit zu verstehen, warum Du uns überhaupt verlassen hast. Ich bildete mir ein, es sei nötig gewesen und Du hättest es am besten gewusst, weil Du erwachsen warst und ich eine kleine dumme Gans. Ich betete sogar zu Gott, um es zu verstehen. Ich betete nicht nur darum, dass Du heimkommst, weil ich Dich so vermisste, dass es mir das Herz brach, sondern auch darum, Dich verstehen zu können. Ist Dir bewusst, was das bedeutet – ein kleines Mädchen vermisst seine Mutter so herzzerreißend und sehnt sich gleichzeitig danach, sie zu verstehen? Jetzt bin ich so gut wie erwachsen und weiß, was ich erwarten kann. Ja, in der Schule hat Lehrer Martens eines Tages gesagt, dass er mich »fast zu erwachsen« fände – das waren seine Worte – und es gern sähe, wenn ich etwas mehr mit den anderen Kindern spielte. Jetzt ist es jedoch zu spät, um zu spielen, und ohnehin bin ich nicht wie die anderen Kinder. Außerdem habe ich die Schule beendet.

Aber ich liebe Thurø, die Insel, auf der ich aufgewachsen bin, und bin sehr glücklich zusammen mit Vater. Bald stechen wir mit der Hoffnung in See, und obwohl es nur eine kurze Reise wird, weiß ich, dass ich mein Zuhause vermissen werde.

Der Frühling ist in diesem Jahr früh gekommen. Die Vögel singen, alles ist bereits grün. Auf ganz Thurø duftet es nach Frühjahr, die Erde dampft in der Sonne, alle sind beschäftigt. Es ist so offensichtlich, dass wir eine Insel von Seeleuten sind; überall herrscht Betriebsamkeit, auf der Werft sind neue Spanten aufgelegt, die aussehen wie ein ausgekochtes Walskelett, überall riecht es nach Teer und Hobelspänen. Vor den kleinen schwarzen Häusern sitzen die Fischer und flicken ihre Netze in der Frühlingssonne. Ernste Männer, die ausnahmsweise bei der Arbeit lächeln.

Im Thurøbund machen die Schonerkapitäne ihre Schiffe für die Sommerreisen klar. Könnte man unsere Insel von oben sehen, hätte sie die Form eines Hufeisens: An der nördlichsten äußeren Spitze des Hufeisens liegt Vaters Haus. Die Fenster im ersten Stock sehen aus wie Augen, die über dem Sund nach den vielen Schiffen Ausschau halten, die auf dem Weg nach Svendborg sind oder in die weite Welt hinausfahren. An der anderen Spitze des Hufeisens gelangt man nach Grasten, wohin wir manchmal mit Vaters Jolle segeln. Dort liegen im Winter die großen Schiffe, die nicht auf Langfahrt sind, im Windschatten, ganz innen im Bogen des Hufeisens.

Vater hat mir einmal von seinem Besuch auf einer französischen Insel in der Karibik erzählt, die die Form eines Schmetterlings hat – so als hätte Gott ein von der Sonne beschienenes Insekt aufs blaue Meer gelegt, um die Seeleute aufzumuntern! Aber die Insel, auf der ich geboren wurde, wo Du mich geboren hast, Mutter, hat die Form eines Schiffs, das in östlicher Richtung fährt; der ewige Wind, den sie Passat nennen, wirbelt weißen Schaum vor ihrem Bug auf und zieht einen Kielwasserstreifen hinter ihrem Achterspiegel her. Diese Insel würde ich so gern einmal sehen! Ich erinnere mich ja nicht an sie. Aber Du müsstest Dich doch noch erinnern können, Mutter, nicht wahr? Erzählst Du mir davon? Erzähl mir von Sankt Thomas! Ich bitte Dich, ich würde so gern mehr wissen. Vielleicht würde ich dann besser verstehen.

Ich weiß, dass Neger auf Sankt Thomas leben, schwarze Menschen mit dichtgekräuselten Haaren, fast so wie meine. Ich habe in der Schule von Negern gehört, aber nie jemanden mit schwarzer Haut gesehen. Vater, mit dem ich sonst eigentlich über alles reden kann, erzählt gern von den fremden Ländern, die er gesehen hat, von Pflanzen und merkwürdigen Tieren, aber über die Menschen, die er dort gekannt hat, über die Neger, spricht er nur sehr ungern. Du hast doch auch eine Weile auf Sankt Thomas gelebt, Mutter. Du hast doch sicher auch Neger getroffen, oder?

 

Liebe Grüße

Maria

Bericht des Hafenkapitäns von Sankt Thomas an den Generalgouverneur der Westindischen Inseln Heinrich Ludwig Ernst von Schimmelmann, Dezember 1787

Bericht über die gestrige Ankunft der in Not geratenen Sklavenfregatte Hoffnung in Charlotte Amalie

Eure Exzellenz,

 

die Fregatte Hoffnung aus Kopenhagen unter Kapitän Anton Frederiksen aus Thurø ist am 4. Dezember in Charlotte Amalie mit einer Ladung von achtundachtzig Negern angekommen, viele davon nach mehreren unglückseligen Ereignissen während der Überfahrt aus Accra in elender Verfassung. Die Fregatte ist schwer beschädigt, an mehreren Stellen sind Löcher in die Schanzverkleidung gesprengt worden, auf der Steuerbordseite des Fockmasts wurde die Bordwand ebenso wie das Deck zerstört und mehrere andere Stellen wurden mit Äxten und anderen Werkzeugen beschädigt. Das Rigg wurde von Schusssalven und Feuer an Bord in Mitleidenschaft gezogen.

 

Der Kapitän gibt an, dass die Fregatte Hoffnung in Accra am 12. September den Anker lichtete, an Bord befanden sich zweihundertachtzehn Neger und sechsundzwanzig weiße Besatzungsmitglieder und Passagiere. Nach ungefähr sechswöchiger Reise, die durch eine langanhaltende Flaute im Kalmengürtel erschwert wurde, gelang es einer Gruppe Neger, aus dem Laderaum zu entkommen und den Rudergänger und mehrere weiße Besatzungsmitglieder zu überwältigen. Kapitän Frederiksen gewann rasch die Kontrolle über die Fregatte zurück und tötete viele der Neger, die sich zu diesem Zeitpunkt an Deck befanden.

 

Leider hatten andere Schwarze die Gelegenheit genutzt, um sich im Laderaum mit einer Partie Flinten zu verschanzen, die fahrlässigerweise in einem der vorderen Stauräume gelagert waren. Die aufrührerischen Neger verschafften sich zudem Zugang zur Pulverkammer des Schiffes.

 

Vier Besatzungsmitglieder kamen um, weitere vier wurden verletzt. Es waren zwei Frauen an Bord der Fregatte Hoffnung – die Ehefrauen von Kapitän Frederiksen und des Schiffsarztes. Beide Frauen befanden sich in Kajüten im Achterschiff und fielen den Aufrührern in die Hände.

 

Nach einem Tag gelang es der Besatzung, wieder die Kontrolle über das Schiff zu gewinnen. Viele Neger waren tot oder so schwer verletzt, dass sie unverzüglich getötet werden mussten. Die Leiche der Ehefrau des Schiffsarztes wurde im hintersten Laderaum gefunden, Kapitän Frederiksens Ehefrau entkam hingegen nach vielen Stunden in der Gewalt der Neger unverletzt.

 

Die Schiffswerft in Charlotte Amalie geht davon aus, dass es einige Wochen, vielleicht sogar Monate dauern wird, die Fregatte Hoffnung wieder instand zu setzen.

 

Hochachtungsvoll

Jan Meyer

Kapitän Anton Frederiksens Logbuch, Fregatte Hoffnung, November 1787

1. November 1787

2° 31′N

32° 14′W

 

Wir haben einen schicksalsschweren Fehler begangen!

 

Die Flinten, die wir als Bezahlung für einen Teil der Schwarzen aus Accra mitgenommen hatten, waren von so geringer Qualität, dass nicht einmal die Häuptlinge sie akzeptieren wollten. Wir verstauten den Plunder daher in dem kleinen Laderaum vor der Verankerung des Fockmasts und vergaßen das Ganze.

 

Heute Nacht, vier Glasen während der Hundewache, gelang es einigen Negern, sich aus ihren Fußfesseln zu befreien, kurz darauf ertönte der erste Schuss. Glücklicherweise hatten die Schwarzen nicht die Geduld, einen Angriff aus dem Hinterhalt zu planen; ein eifriger Neger betätigte den Abzug, sobald die erste Muskete mit Schießpulver geladen war, und das ganze Schiff war alarmiert.

 

Einige Neger drängten auf Deck und übernahmen kurzzeitig die Kontrolle über das Schiff, das sie offensichtlich zu wenden versuchten, mitten im Passatgürtel natürlich ein unmögliches Unterfangen. Mehrere Männer, darunter ich selbst, erreichten das Achterdeck, von dort aus gelang es uns, die meisten Neger zu erschießen, die das Ruder umstanden. Ein paar flohen unter Deck, worauf wir die Luken verschlossen. Danach stand mir eine erschreckende Entdeckung bevor. Meine Ehefrau, Ane, befindet sich noch unter Deck, ich vermute sie in der Gewalt der Neger. Der Gedanke ist unerträglich. Es ist jetzt die Zeit der Vormittagswache, ich muss die Situation lösen, kann aber an nichts anderes denken als an sie …

Marias Tagebuch, Montag, 9. Mai 1803

Heute habe ich die Fregatte Hoffnung zum ersten Mal gesehen, seit ich ein kleines Mädchen war. Sie liegt am Asiatisk Plads in Kopenhagen, wo sie ungefähr zehn Monate auf ihre nächste Reise gewartet hat. Und auf mich.

Vater und ich kamen vor vier Tagen mit einer Galeasse aus Svendborg in der Hauptstadt an. Er wohnt in einer Seemannspension in der Bådsmandsstræde und ist sehr mit den Vorbereitungen beschäftigt. Ich habe ihn seit unserer Ankunft kaum gesehen. Erst heute fand er die Zeit, mich bei Mutter und Tante Inge in Christianshavn abzuholen und mich mit auf die Hoffnung zu nehmen.

Ich würde lügen, wenn ich nicht zugeben würde, dass ich es kaum abwarten konnte, bis er mich holte! Die Zeit in Tante Inges Haus war schwierig. Sie ist eine strenge Frau, die ihrer jüngeren Schwester überhaupt nicht ähnlich ist. Oder vielleicht sollte ich sagen, dass Mutter ihr nicht ähnlich ist, aber ich spüre etwas an meiner Mutter, das mich durchaus an Tante Inges Bitterkeit erinnert. Eine gewisse Verschlossenheit, eine Unfreundlichkeit. Als ob wir uns überhaupt nicht kennen und es möglicherweise nie getan haben. Es tut mir unsagbar weh.

Wenn Tante Inge spricht, und das passiert nicht sehr häufig, redet sie so gut wie immer über Gott. Sie ist die Witwe eines Seemanns und tief gläubig, und doch würde ich mir ein wenig mehr Freude in ihrem Leben wünschen. Und ich fürchte, dass ihr düsteres Gemüt Mutter ansteckt.

Vater hat mich zu Tante Inges vornehmem kleinen Haus am Kanal gebracht und geklopft. Noch bevor die Tür geöffnet wurde, hob er die Hand und zog seinen Hut. Er hielt ihn in den Händen und sah mit einem Mal recht verlegen aus.

Allerdings wurde uns nicht von Tante Inge, sondern von ihrem Hausmädchen geöffnet. Sie lächelte mich an, hatte uns offensichtlich erwartet und trat zur Seite, um uns einzulassen. Ich sah zu Vater auf, der seinen Hut wieder aufsetzte und nickte.

»Geh ruhig hinein, Maria«, sagte er. »Es ist besser, wenn ich jetzt zur Fregatte gehe.«

Ich sah seinem Gesicht an, wie erleichtert er war.

Das Mädchen führte mich in ein Vorzimmer, wo ich meine Reisetasche abstellte. Meinen Mantel hängte ich an einen Bügel, danach ging ich eine Treppe hinauf in die gute Stube in der ersten Etage. Das Licht fiel durch mehrere Fenster, die zum Kanal hinausführten, und im Zimmer saßen zwei Personen an einem kleinen Tisch, auf dem eine Teekanne und zwei Tassen standen. Meine Mutter wandte mir ihr Gesicht zu, obwohl es im Schatten lag, sah ich die tiefen Furchen auf ihrer Stirn. Ihr Haar war grauer geworden, seit ich sie zuletzt gesehen hatte, doch ihr Gesicht war noch immer fein und schön, mit so großen Augen, dass sie beinahe erstaunt – oder ängstlich – aussah.

»Mutter!« Ich lief zu ihr und streckte die Arme aus. Sie zögerte und griff dann nach meiner Hand. Ihre Hand fühlte sich schwach an, und als ich sie drückte, verzog sie ihr Gesicht und zog die Hand zurück.

»Maria«, sagte sie. »Du kommst so früh.«

Tante Inge räusperte sich, und ich sah zu ihr hinüber. Das magere, blasse Gesicht, die schwarzen Kleider, das nahezu weiße Haar. Sie sah genau so aus, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ein Wort geht mir immer durch den Kopf, wenn ich sie vor mir sehe. Nicht Tante oder Inge. Sondern Witwe.

Sie trug dem Mädchen auf, mir eine Tasse zu bringen. Ich mag keinen Tee.

Ich versuchte, ihnen von der bevorstehenden Schiffsreise zu erzählen, und wie sehr ich mich darauf freue, an Bord der Hoffnung zu gehen. Aber meine Mutter sah aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Ich verstand es nicht, und ich verstehe es noch immer nicht.

Ich fragte sie, ob sie sich nicht vorstellen könnte, mich zur Fregatte zu begleiten, wenn wir auslaufen, und sie schaute auf ihre Hände.

»Wann ist es so weit?«, wollte sie wissen.

»In knapp einer Woche, glaube ich.« Plötzlich schien mir das noch sehr lange hin zu sein.

Mutter schüttelte den Kopf. »Das glaube ich kaum«, sagte sie dann. »Aber wir werden sehen. Am liebsten wäre mir, du würdest an Land bleiben. Ich bin absolut nicht der Meinung, dass die Fregatte ein angemessener Aufenthaltsort für eine junge Frau ist.«

Im Laufe der vier Tage, die ich nun schon in Tante Inges Haus wohne, haben wir nicht ein einziges Mal die Fregatte oder Vater oder überhaupt irgendetwas, das mit dem Meer zu tun hat, erwähnt. Niemand von uns hat über etwas anderes als alltägliche Banalitäten gesprochen. Und ich weiß, dass ich allein zum Kai gehen werde, wo die Hoffnung vertäut liegt, wenn wir in ein paar Tagen aufbrechen. Meine Mutter würde lieber im Kanal ertrinken, als dieses Schiff noch einmal sehen zu müssen!

 

Mit der Hoffnung verhält es sich schon ein wenig merkwürdig. Als ich sie heute hier in Dänemarks größter Stadt liegen sah, inmitten all der vornehmen Speicher, von denen jedoch keiner höher ist als der Großmast der Fregatte, dachte ich, es ist doch eigenartig, dass ein Mann, der von einer kleinen Insel südlich von Fünen stammt, es zu solchem Reichtum gebracht hat. Die Hoffnung ist ein sehr teures, unvergleichliches Schiff, bestimmt hat es viele tausend Reichstaler gekostet; wenn Vater es verkaufte, könnte er sicherlich bis ans Ende seiner Tage bequem von dem Erlös leben.

Es ist ein seltsamer Gedanke, aber unsere Familie ist recht wohlhabend. Das wird mir erst jetzt bewusst, hier in dieser hauptstädtischen Pracht. Es gibt Damen und Herren, die aussehen, als wären sie ständig auf dem Weg ins Theater oder zu einer Audienz bei Hof. Zylinder, Jackett und die feinsten Roben für die Frauen. Vater ist immer wie ein Seemann gekleidet, nur sehr selten habe ich ihn ähnlich herausgeputzt gesehen. Dabei ist er sogar dem König begegnet.

Als ich die Hoffnung das letzte Mal sah, war ich ein kleines Mädchen, ungefähr fünf Jahre alt. Vater hatte die Fregatte nach Thurøbund gebracht und sie dort von August bis zum nächsten Frühjahr liegen lassen, um an ihr zu arbeiten. Das Schiff ist zu groß, um dort auf die Werft zu kommen, aber alles, was über der Wasserlinie und unter Deck repariert werden konnte, erledigten die Schiffszimmerleute im Laufe des Winters. Ich bin ein einziges Mal an Bord gewesen, und obwohl ich noch so klein war, erinnere ich mich deutlich daran. Das Gefühl der kräftigen Decksplanken unter den Füßen, die Geräusche der Takelage und der tausend Taue, der besondere Geruch an Bord: das von der Sonne verbrannte und vom Meer gebeizte Holz, Teer, Pech und Leinöl, Tauwerk, Segeltuch und Ölzeug. Und weiter unten der strenge Geruch nach Männern, die während der Atlantiküberquerung in engen Kajüten hausen, Körper, die monatelang kein Süßwasser auf der Haut spüren, Latrinen, Salzheringe und Schiffszwieback so hart wie Holzstücke, Tonnen mit fauligem Süßwasser. Aber auch ein Hauch von Gewürzen aus heißen Ländern, Spanischer Pfeffer, Kardamom und Zimt. Und Fässer aus dunklem Holz, die in der Dunkelheit schwitzen: Sirup, Muskovado-Rohrzucker und starker Rum von den Inseln.

Ich habe das Gefühl, die Hoffnung gut zu kennen, obwohl ich sie tatsächlich kaum kenne. Als würde man jemandem begegnen, dem man bereits einmal begegnet ist, ohne seinen Namen zu kennen. Genauso, wie man weiß, was eine Schlange ist, weil man es in der Schule gelernt hat – die Schlange im Paradies, Schlangen in Afrika –, aber noch nie ein derartiges Reptil gesehen hat. Und doch weiß man, wie es ist, wenn man darauf tritt: dieses Gefühl eines lebendigen Körpers, der sich unter dem nackten Fuß windet, dieses plötzliche Zucken, wenn sie ihre Muskeln anspannt und zubeißt.

Aber die Worte gehen mit mir durch. Als ich die Hoffnung heute wiedersah – sie lag am Kai des Asiatisk Plads in der Sonne, und ihre drei Masten ragten in einer komplizierten Pyramide aus straff gespannten Tauen empor –, hatte ich das Gefühl heimzukehren.

Ich habe die Hoffnung nur ein einziges Mal gesehen, als sie im Thurøbund lag. Aber in all den Jahren seit damals war sie ein regelmäßiger Gast in meinen Träumen. Einige Dinge, die man sieht – Häuser, Inseln, Landschaften, Schiffe –, werden zu einem Teil dessen, was die Träume erfüllt. Aber auf eine geradezu unwirklich überhöhte Weise, denn wenn ich von der Hoffnung träumte, waren sämtliche Regeln aufgehoben, sie segelte ebenso selbstverständlich über den Himmel wie durch das sich kräuselnde Wasser meines heimatlichen Sunds. Und die Abenteuer, die ich erlebte, fanden kaum ein Ende, während ich in meinem Bett in unserem Haus auf Mårodden lag und im Traum wie ein Affe ins Rigg der Fregatte kletterte.

Jetzt liegt sie am Asiatisk Plads, einen Steinwurf vom Haus der Tante in Overgaden entfernt, und die Falle und das Holz leuchten golden in der Sonne. Die Hoffnung hat drei Masten und einen gewaltigen Bugspriet, der aus dem niedrigen Steven herausragt wie der aufgerichtete Stoßzahn eines Narwals. Ihr tief im Wasser liegender Rumpf ist schlank und gleichzeitig wohlbeleibt, und aus zwölf Stückpforten kann sie Feuer und Eisen auf jeden speien, der versucht, sie zu kapern. Für eine Fregatte ist sie klein, ungefähr einhundert Kommerzlasten, von der Galionsfigur bis zu den weißlackierten Fenstersprossen des Achterspiegels ist sie gut neunzig Fuß lang. Aber die drei Masten tragen elf Rahen und unter Volltuch nahezu zwanzig Segel. Ich weiß, dass sie ein schnelles Schiff ist. Mit dem richtigen Wind schafft sie mindestens zwölf Knoten.

Mein Vater und ich gingen von Tante Inges Haus am Kanal entlang, dann die Sankt Annæ Gade hinauf und zwischen zwei großen Speicherhäusern hindurch auf den Asiatisk Plads. Dann standen wir vor dem langen Hafenbecken und sahen die Schiffe. Nur ein einziges Schiff, eine Bark mit vier Masten, die aussah, als könnte sie beinahe den ganzen südlichen Kai belegen, war größer als die Hoffnung. Sie war gegenüber vertäut, am nördlichen Kai, flankiert von ein paar kleineren Schiffen und einem Prahm, der so tief im Wasser lag, dass ich sicher war, er würde bald untergehen. Trotzdem belud eine Gruppe Schauerleute ihn mit Säcken von einem Wagen.

Vater versetzte mir einen leichten Stoß in den Rücken, damit ich mich wieder in Bewegung setzte, Seite an Seite gingen wir zu seinem Schiff. Ich glaubte zu spüren, wie sein Gang sich veränderte; er schien den Rücken durchzudrücken und länger auszuschreiten, aber vielleicht lag es auch nur daran, dass er den Kopf ein wenig zurücklegte, um bis zur Spitze der Masten zu schauen. Das Geräusch der ledernen Absätze seiner Stiefel wurde von den hohen Fassaden der Speicherhäuser zurückgeworfen.

Zwei Mann standen an der Gangway, die vom Pflaster hinüber zum Schiff führte – von der festen Welt, auf der ich immer gelebt hatte, zu all dem Fremden, das ich immer hatte sehen wollen. Einer der Männer hatte uns den Rücken zugedreht, der andere war ein Matrose im dunkelblauen Pullover mit einer Strickmütze auf dem Kopf. Er nickte Vater zu, als er uns kommen sah, und der andere Mann drehte sich um.

»Kapitän«, grüßte er und hob eine Hand an seine Mütze. Dann sah er auf mich herab und lächelte breit. Das Lächeln zauberte einen Fächer von Lachfältchen an beide Seiten seiner Augen, er wiederholte seine Handbewegung, diesmal beschrieb die Hand jedoch einen Schnörkel in der Luft, was mir durchaus charmant, aber auch ein wenig erschreckend vorkam.

»Guten Tag, Wilfred«, sagte mein Vater.

Es war der Kapitän. Der angeheuerte Skipper der Hoffnung, Wilfred Bernt. Vater hatte seinen Namen schon oft erwähnt. Ich hatte ihn mir immer im Alter meines Vaters vorgestellt. Nur Leichtmatrosen und Schiffsjungen waren jung, kaum erwachsene Burschen, die gerade mal zur See fahren durften. Kapitäne waren alte Männer mit grauen, kurzgeschnittenen Bärten und einem Bauch, so wie mein Vater. Aber Wilfred Bernt sah aus wie ein junger Mann. Sicher, es gab die Lachfältchen, und seine Haut war wettergegerbt, aber ich sah es trotzdem: Er war weitaus jünger als mein Vater.

»Und das ist sicher die entzückende Tochter des Kapitäns?«, fragte er, obwohl er vermutlich ganz genau wusste, wer ich war. »Die mit uns die sieben Meere befahren und sämtliche Weltwunder sehen will.«

Vater brummte und schüttelte den Kopf.

»Das ist nun nicht gerade der Fall«, erklärte er reserviert. »Eine Reise nach Jütland muss reichen.«

»Frederikshavn«, sagte Bernt, wandte den Blick von mir ab und sah Vater an. »Ich warte nur noch auf die Tuchballen, die wir mitnehmen sollen. Der Rest der Ladung ist verstaut, ganz unten Eisen und Kupfer zusammen mit den Weinfässern für Westindien. Und noch weitere Tuchballen im Zwischendeck.« Er nickte vor sich hin und ließ den Blick über die Fassaden hinter uns schweifen. »Keine Ladung, von der wir viel hören werden«, fügte er lächelnd hinzu. Vater stieß ein kurzes Brummen aus, entgegnete aber nichts.

»Dann können wir übermorgen aufbrechen?«, erkundigte er sich.

»Oder auch schon morgen, wenn Sie wollen. Das Wetter sieht gut aus, der Wind kommt aus Südost. Das hat man nicht alle Tage, vielleicht sollten wir uns aufmachen, solange es so günstig ist.«

»Nein«, erwiderte Vater. »Ich habe meiner Frau versprochen, dass Maria in jedem Fall bis Mittwoch bleibt. Sie sehen sich nicht so häufig …«

»Oh ja, das ist wahr«, lenkte Bernt ein.

»Und ich hätte auch nichts dagegen, wenn wir ein bisschen Westwind bekämen. Maria freut sich auf die Reise, es wäre also ärgerlich, wenn sie nur einen Tag dauern würde. Stimmt’s, Maria?«

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Die Wahrheit war ja, dass es mir nie lang genug sein würde, ob die Reise nun fünf Tage oder einen Monat dauerte. Ich freute mich auf die Fahrt, ja, aber ich hätte mich noch mehr gefreut, wenn ich auf der Hoffnung weiter hätte mitfahren dürfen, rund um Skagens Riff und weiter nach Süden in die warmen Meere.

»Wohin segelt die Hoffnung hinterher?«, wollte ich wissen.

»Hinterher?«, wiederholte Bernt. Sein Ton war wachsam, als hätte ihn die Frage überrascht.

»Ja, wenn wir in Frederikshavn von Bord gegangen sind«, sagte ich. »Fährt sie dann nach Afrika?«

Der Kapitän lächelte, und das Netz feiner Fältchen legte sich wieder um seine Augen. Sie kamen und verschwanden wie das Licht einer Lampe, die angezündet und wieder gelöscht wird.

»Erst nach Frankreich«, gab er zur Antwort. »Wir segeln nach Calais. Danach nach Süden und mit dem Passat westlich bis Westindien. Die Neue Welt, mein Fräulein, wo das ganze Jahr Sommer ist und Bananen und Kokosnüsse wachsen.«

Ich spürte Vaters Hand auf meiner Schulter. »Sei froh, dass du nicht ins schwarze Afrika musst. Es klingt vielleicht exotisch, aber es ist auch ein teuflisches Land.«

»Das ist wahrlich nicht gelogen«, bestätigte Bernt. Etwas in seinem Tonfall ließ mich aufblicken. Ein Schatten glitt über sein Gesicht, und mit einem Mal sah ich, dass er doch nicht so jung war, wie ich zunächst angenommen hatte.

»Komm«, sagte mein Vater und ging am Kapitän der Hoffnung vorbei über die Gangway. Wilfred Bernt nickte, als gäbe er mir seine Erlaubnis, und ich folgte meinem Vater auf das Deck des Schiffs. Als ich meinen Fuß daraufsetzte, war ich einen Moment erstaunt und enttäuscht, weil das Schiff sich nicht bewegte; es war zu groß und zu schwer, es spürte mein Gewicht ebenso wenig wie ein im Wasser schwimmender Baumstamm, auf den sich eine Fliege setzt. Zum ersten Mal seit zehn Jahren stand ich an Deck der Hoffnung, und dann bemerkte sie nicht einmal, dass ich zurückgekehrt war.

Notiz in Wilfred Bernts privatem Logbuch, Hoffnung, Donnerstag, 28. April 1803

Habe der Besatzung eingeschärft, die Klappe zu halten, wenn unser Reeder und seine junge Tochter nächste Woche an Bord kommen.

 

Unsere offizielle Route ist bekannt und steht im Logbuch: Wir segeln über die Kapverdischen Inseln und den Atlantik nach Westindien. Wer etwas anderes behauptet, wird kielgeholt.

 

Gott bewahre die Hoffnung!

Ladung und Proviant der Hoffnung, Mai 1803

Proviant und Vorrat für die Reise:

 

210 Pfund geräucherter Speck

850 Pfund eingesalzenes Fleisch

620 Pfund getrockneter Fisch

420 Pfund Butter

200 Pfund Zucker

400 Pfund Weizenmehl

25 Pfund Kaffee

200 Flaschen Wein

1700 Pfund Schiffszwieback

2500 Pfund Brot

2 Fass Branntwein

1 Fass Rum

25 Fass Bier

50 Tonnen Wasser

3 lebende Schweine

26 lebende Hühner

8 lebende Gänse

120 Fass Schwarzpulver

300 Kanonenkugeln

2 Tonnen Pech

6 Tonnen Teer

1 Tonne Leinöl

4 Raummeter Hölzer, Eiche und Kiefer

15000 Nägel und Nieten

 

 

Ladung für fremde Häfen:

 

6000 Pfund Kupfer

8000 Pfund Eisen

45 Silberbarren

180 Rollen ostindisches Baumwolltuch

110 gegerbte Rinderhäute

100 gegerbte Ziegenhäute

700 Flaschen französischer Wein

200 Flaschen Lagerwein

1 Kiste Bibeln

diverse Chemikalien und Medikamente

8 Kisten Gewehre

2 Kisten Pistolen

1 Fass Feuersteine

14 Fass Schießpulver

 

Außerdem ein Vorrat an Taurollen verschiedenster Stärken, Segelleinwand, Segelgarn, diverse Werkzeuge, Angelleinen und Haken, Harpunen und Messer.

Brief: Generalgouverneur Bardenfleths Sekretär an Mikkel Eide, März 1823

Christianssted, März 1823

Lieber Professor Eide,

 

der Herr Generalgouverneur sendet Ihnen seine herzlichsten Grüße. Der Herr Generalgouverneur arbeitet seit einiger Zeit intensiv an einem wissenschaftlichen Werk über Orkane. Er interessiert sich seit einigen Jahren für bestimmte Wetterphänomene, denn, das kann man getrost sagen, Orkane – also tropische Stürme von zerstörerischer Gewalt – spielen eine gewisse Rolle für diese Inseln, auf denen wir leben und – wie vielleicht bald auch Sie – unsere Häuser haben.