Die Hüter der Rose - Rebecca Gablé - E-Book

Die Hüter der Rose E-Book

Rebecca Gablé

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Beschreibung

>>Etwas Furchtbares war in Gang gekommen, das nicht nur seine Familie betraf, sondern ebenso den König, das Haus Lancaster und ganz England. Ihnen allen schien der Blutmond.<< England 1413: Als der dreizehnjährige John of Waringham fürchten muss, von seinem Vater in eine kirchliche Laufbahn gedrängt zu werden, reißt er aus und macht sich auf den Weg nach Westminster. Dort begegnet er König Harry und wird an dessen Seite schon jung zum Ritter und Kriegshelden. Doch Harrys plötzlicher Tod stürzt England in eine tiefe Krise, denn sein Sohn und Thronfolger ist gerade acht Monate alt ...

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Ernste Vorbemerkung

Praktische Vorbemerkung

Dramatis Personae

1. Teil: 1413–1415

Waringham, April 1413

London, April 1413

Waringham, Mai 1413

Westminster, Juni 1413

Kennington, August 1413

Waringham, Oktober 1413

Eltham, Januar 1414

Westminster, April 1415

Waringham, Mai 1415

Southampton, Juli 1415

Harfleur, September 1415

Waringham, November 1415

2. Teil: 1419–1423

Leeds Castle, Januar 1419

Waringham, Januar 1419

Dover, Februar 1419

Leeds Castle, März 1419

Jargeau, März 1419

Meulan, Mai 1419

Waringham, August 1419

Waringham, November 1419

Troyes, Mai 1420

Melun, Juli 1420

Beverley, März 1421

Waringham, Dezember 1421

Corbeil, Juli 1422

Waringham, Oktober 1422

Waringham, April 1423

3. Teil: 1429–1432

Windsor, Mai 1429

Waringham, Juli 1429

London, November 1429

Waringham, Februar 1430

Westminster, April 1430

Calais, Mai 1430

Rouen, Oktober 1430

Waltham, Dezember 1430

Rouen, März 1431

Waringham, November 1431

Rouen, Januar 1432

Waringham, März 1432

Windsor, Mai 1432

Westminster, Mai 1432

4. Teil: 1437–1442

Westminster, Januar 1437

Waringham, Januar 1437

Waringham, April 1437

Westminster, Juni 1437

Waringham, November 1437

Eltham, Januar 1438

Waringham, April 1438

Windsor, Mai 1438

Waringham, Juli 1441

Windsor, April 1442

Nachbemerkung und Dank

Das Haus Lancaster

Rebecca Gablé

DER HÜTERDER ROSE

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2005 by Rebecca Gablé

Deutsche Erstausgabe 2005 in der Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Karin Schmidt

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel, punchdesign, München

Alle Rechte, auch die der fotomechanischen und elektronischen Wiedergabe, vorbehalten.

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-0948-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für MJMwie immer in Liebe und Dankbarkeit

»Liebe ist ein alsô saelic dinc,

ein alsô saeleclîch gerinc,

daz nieman âne ir lêre

noch tugende hât noch êre.

Sô manec wert leben, sô liebe vrumet,

sô vil sô tugende von ir kumet,

owê daz allez, daz der lebet,

nâch herzeliebe niene strebet.«

Gottfried von Straßburg, Tristan

Ernste Vorbemerkung

Während einer Recherchereise für diesen Roman wollte ich mit dem Zug von Warwick nach Coventry fahren. Nicht mehr weit vom Ziel entfernt, musste ich in einem gottverlassenen Nest umsteigen und stellte zu meinem Schrecken fest, dass der Anschlusszug erst eineinhalb Stunden später fuhr. Drei nadelbestreifte Gentlemen auf dem Bahnsteig hatten das gleiche Problem. Wir beschlossen, ein Taxi zu teilen. Wie sich unterwegs herausstellte, war einer der Herren der Stadtdirektor von Coventry. Dort angekommen, widmete er mir großzügig seine kostbare Zeit, verschaffte mir Zugang zu historischen Gebäuden, die normalerweise kein Besucher zu sehen bekommt, und machte diese Stippvisite allein durch seine Freundlichkeit zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Am 14. November 1940 wurde Coventry von deutschen Bombern dem Erdboden gleich gemacht. Der historische Stadtkern und die mittelalterliche Kathedrale wurden zerstört, zahllose Menschen verloren ihr Leben. Am 13. und 14. Februar 1945 erlitt Dresden im englischen und amerikanischen Bombenhagel das gleiche Schicksal.

Heute sind Dresden und Coventry Partnerstädte. Obwohl die Ruine der Kathedrale von Coventry als Mahnmahl stehen geblieben ist und die Spuren der Zerstörung in der Stadt noch überall zu sehen sind, bin ich als deutsche Autorin in England nirgendwo je mit größerer Herzlichkeit aufgenommen worden.

Dieser Roman handelt weit mehr vom Krieg und dem mühevollen Ringen um Versöhnung, als mir zum Zeitpunkt meiner Recherchereise damals klar war. Darum stelle ich ihm ein Bibelzitat voran, das ich in Coventry an der Ruine der Kathedrale und an vielen Häuserwänden gefunden habe:

Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharenund ihre Spieße zu Sicheln machen.Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben,und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Micha, 4:3

Praktische Vorbemerkung

Immer wieder werde ich nach der korrekten Aussprache englischer Namen gefragt. Da in diesem Roman leider einige Orte und Personen ganz anders ausgesprochen werden, als man meint, scheinen mir ein paar Erläuterungen angezeigt: Aus dem schönen französischen »Beaufort« machten die Engländer – vermutlich aus Rache – »Biefet«. Ähnlich verhält es sich mit dem Familiennamen der Earls of Warwick: »Beauchamp« wird »Bietschem« ausgesprochen, »Warwick« übrigens »Warrick«. »Gloucester« heißt natürlich »Gloster« und »Leicester« »Lester«. Den Namen »Scrope« schließlich spricht man »Skruhp«. Dann gibt es noch dieses seltsame Phänomen von dem »er«, das als langes »a« gesprochen wird, wie in »Berkley«, »Berkshire« und »Derby« (Das gilt übrigens auch für das Pferderennen).

»Lancaster« darf man jedoch bedenkenlos unter Einbeziehung aller Buchstaben »Lenkester« aussprechen.

Den walisischen Namen können wir uns ohne Zuhilfenahme einer wissenschaftlichen Lautschrift nur vorsichtig annähern: »Davydd ap Llewelyn« spricht man ungefähr »Davith (englisches th) ap Luellenn« und »Owain ap Meredydd« etwa »Owein ap Meredith«.

DRAMATIS PERSONAE

Es folgt eine Aufstellung der wichtigsten Figuren, wobei die historischen Personen mit einem * gekennzeichnet sind.

Ein Stammbaum des Hauses Lancaster findet sich im Anhang.

WARINGHAM

John of Waringham

Raymond of Waringham, sein Bruder

Joanna of Waringham, ihre Schwester

Robin of Waringham, ihr Vater

Edward Fitzroy, Steward von Waringham, Joannas Gemahl

Liz Wheeler, Hebamme und Kräuterfrau von Waringham

Daniel, ihr Bastard

Conrad, der Stallmeister

KÖNIGE,ADEL UND RITTERSCHAFT

Henry V.* , genannt Harry, König von England und beinah auch von Frankreich

Thomas, Duke of Clarence*, sein ehrgeizigster Bruder

John, Duke of Bedford*, sein klügster Bruder

Humphrey, Duke of Gloucester*, Lord Protector, sein gefährlichster Bruder

Eleanor Cobham*, Gloucesters Gemahlin, eine Dame von zweifelhaftem Ruf

Henry Beaufort*, König Harrys Onkel, Kardinal, Bischof von Winchester, Lord Chancellor, der reichste Mann Englands und auch in jeder anderen Hinsicht seines Vaters Sohn

Thomas Beaufort*, sein Bruder und somit ebenfalls Harrys Onkel, Duke of Exeter, womöglich ein Ketzer

Joan Beaufort*, ihre Schwester, eine lebenskluge Frau mit einer enormen Kinderschar

John Beaufort*, genannt Somerset, erst Earl und dann Duke of Somerset, Harrys Cousin

Edmund Beaufort*, sein Bruder Richard Plantagenet*, Earl of Cambridge, ebenfalls Harrys Cousin

Richard*, Duke of York, sein Sohn

Edmund Mortimer*, Earl of March, noch ein Cousin, Cambridges Schwager

Henry Scrope of Masham*, ein Verräter

Arthur Scrope, sein Bruder, kein Verräter, aber dennoch ein Finsterling

Katherine de Valois*, Harrys Königin

Henry VI.*, ihr Sohn, König von England und Frankreich

Charles VI.*, Katherines Vater, noch ein König von Frankreich

Charles VII.*, erst Dauphin und dann – man ahnt es schon – König von Frankreich

Sir John Oldcastle*, ein trinkfreudiger Ritter und ein Ketzer

Richard Beauchamp*, Earl of Warwick

Margaret Beauchamp*, seine Nichte

Adela Beauchamp, seine Schwester

Juliana of Wolvesey, ihre Tochter

Davydd ap Llewelyn*, genannt Davy Gam, der walisische Held von Agincourt

Owain ap Meredydd*, genannt Owen Tudor, ebenfalls Waliser

MÄRTYRER

Edmund Tanner, ein armer Londoner Gerber

Jeanne von Domrémy*, genannt die Jungfrau von Orléans

1. TEIL1413 – 1415

Waringham, April 1413

Was für ein gottloses Wetter, um einen König zu krönen.« Es donnerte, und das Prasseln wurde lauter. John erhob sich aus dem Stroh, trat an die geschlossene untere Hälfte der Stalltür und spähte in die Dunkelheit hinaus.

»Jetzt hagelt es auch noch«, berichtete er über die Schulter. »Die Bauern werden nicht glücklich sein …«

Er kehrte dem Unwetter den Rücken und kniete sich wieder ins Stroh, nahm den Kopf der schwitzenden Stute auf den Schoß und strich ihr über die Stirnlocke. »Schsch. Hab keine Angst, Circe.«

Sie schnaubte, und ein Beben durchlief ihren großen Leib. Wie die meisten Pferde fürchtete sie sich vor Blitz und Donner, doch war es heute nicht das Wetter, das ihr zu schaffen machte. Circe fohlte. Und wie jedes Jahr war es auch dieses Mal langwierig und beschwerlich. Der Stallmeister hatte ihn bei Einbruch der Dämmerung hergeschickt, um bei ihr zu wachen, und John kam es vor, als müsse es bald auf Mitternacht gehen. Er war müde. Seine Augen brannten, und er musste immerzu gähnen. Aber so wie es im Moment aussah, würde er vor dem Morgen nicht ins Bett kommen …

Wieder zuckte draußen ein Blitz, und in der plötzlichen Helligkeit erahnte John eine Gestalt an der Tür. »Conrad? Bist du’s?«, fragte er.

»Wer sonst?«, erwiderte der junge Stallmeister mit leisem Spott. »Der kopflose Reiter?«

John grinste beschämt. Er hatte selbst den bangen Tonfall seiner Stimme gehört und ärgerte sich darüber. Aber es war nicht so einfach, gänzlich unerschrocken zu bleiben, wenn man dreizehn Jahre alt war und in einer Gewitternacht mutterseelenallein bei einer fohlenden Stute wachte.

Conrad trat ein und betrachtete die Stute mit zur Seite geneigtem Kopf. Er war eher klein von Statur, schmal, und er hatte pechschwarzes Haar, genau wie John. Doch damit endete alle Ähnlichkeit, wenngleich sie Vettern waren. Conrad hatte das keltische Äußere seines Vaters geerbt, John das Haar und die Züge seiner aquitanischen Mutter. Nur die strahlend blauen Augen verrieten, dass er ein Waringham war.

Conrad kniete sich vor Circe und untersuchte ihren gewölbten Leib im Licht der kleinen Öllampe, die John auf den Boden gestellt hatte, nachdem er das Stroh darunter sorgsam beiseite gefegt hatte.

»Was denkst du?«, fragte der Junge.

Der Stallmeister hob die schmalen Schultern. »Wie es ihr geht, weißt du besser als ich, nicht wahr?«

Conrad dachte manchmal, dass es ein feiner Zug von Gott gewesen wäre, auch ihn mit diesem besonderen Gespür für Pferde zu segnen, das einigen der Waringhams zu Eigen war – schließlich war er zur Hälfte selber einer und trug hier die Verantwortung für das Gestüt. Doch Gott hatte in seiner unendlichen Weisheit anders entschieden, und Conrad hatte gelernt, sich mit Erfahrung und herkömmlichem Pferdeverstand zu begnügen. »Ich schätze, es dauert noch. Wie üblich. Hat dein alter Herr nicht gesagt, dass er dich ablösen kommt?«

John schüttelte beklommen den Kopf. »Er wird die Nacht in der Kapelle verbringen, denke ich. Er … trauert sehr um den König.«

Conrad nickte und unterdrückte ein Seufzen. Er wusste, es war mehr als nur Trauer um den toten Henry, die seinen Onkel quälte.

Wieder flammte gleißend ein Blitz auf, und fast im selben Moment krachte ein wahrhaft ohrenbetäubender Donner.

»Jesus …«, murmelte Conrad. »Der hat gewiss irgendwo im Dorf eingeschlagen.«

John zog die Schultern hoch. Langsam wurde dieses Gewitter ihm unheimlich. Er war äußerst dankbar für Conrads Gesellschaft, selbst wenn er das nie zugegeben hätte.

Der Stallmeister kam ihm trotzdem auf die Schliche. »Geh, leg dich schlafen, Junge. Spar dir den weiten Weg über den Mönchskopf zur Burg rauf. Geh rüber zu meinem Haus. Ich bleibe bei Circe.«

Doch der Jüngere schüttelte entschieden den Kopf. »Ich habe gesagt, ich bleibe, bis das Fohlen kommt. Bei dem Getöse dort draußen könnte ich sowieso nicht schlafen.«

Conrad nickte und schaute versonnen durch das Viereck der oberen Türöffnung hinaus in die Nacht. Den ganzen Tag hatte es gestürmt, am Vormittag gar geschneit. Auch er fragte sich, was ein solch ungewöhnliches, bedrohliches Wetter an einem so schicksalhaften Tag zu bedeuten haben mochte. »Was für ein König mag er werden, dass bei seiner Krönung die Elemente so toben?«, fragte er halblaut.

»Hm. Und als er geboren wurde, fielen die Sterne vom Himmel.«

Conrad sah überrascht auf. »Wie bitte?«

»Mein Vater hat es erzählt. In der Nacht, als Prinz Harry … ich meine, als der König zur Welt kam, war Vater mit dessen Vater zusammen in London. Sie saßen im Garten und sahen zahllose Sternschnuppen.«

»Das wundert mich nicht«, bemerkte Conrad. Dann schaute er John an. »Für dich muss es besonders eigentümlich sein, dass der König gestorben ist. Bist du nicht an dem Tag geboren, als er gekrönt wurde?«

Der Junge nickte. »Und deswegen kam es mir so vor, als wäre er in ganz spezieller Weise mein König. Ich habe immer davon geträumt, eines Tages in seinen Dienst zu treten, als sein Ritter oder gar ein wenig mehr als das. So wie mein Vater oder wie mein Bruder Edward. Ich habe mir ausgemalt, wie es wohl sein würde. Und nun hab ich ihn nie kennen gelernt.«

»Doch du wirst seinem Sohn dienen, wenn es dein Wunsch ist.«

»Oh ja. Das ist es. Lieber heute als morgen, glaub mir. Aber mein Vater …« Er unterbrach sich plötzlich und hob den Kopf. Seine Augen waren mit einem Mal groß und starr. Er schien vollkommen vergessen zu haben, wovon sie gerade gesprochen hatten.

Conrad kannte diesen Ausdruck. Er packte den Jungen am Arm und rüttelte ihn leicht. »Was?«

John blinzelte, aber er rührte sich immer noch nicht. »Troilus … die Zweijährigen.«

»Was ist mit den Zweijährigen?«

John stand langsam aus dem Stroh auf. »Ich weiß nicht … sie fürchten sich.«

Conrad sprang auf die Füße, zog seinen Cousin mit in die unwirtliche Nacht hinaus und raunte über die Schulter: »Tut mir Leid, altes Mädchen, du musst ein Weilchen ohne uns auskommen.«

Mit langen Schritten durchquerte er den Stutenhof. John war aus seinem seltsamen Traumzustand erwacht und hastete neben ihm her.

Sie sahen es, noch ehe sie das Ende der Gasse zwischen den beiden Stallreihen erreicht hatten: Vor ihnen war die Nacht viel zu hell.

Sie tauschten einen entsetzten Blick und rannten los. Als sie die Koppel erreichten, blieben sie so abrupt stehen, als wären sie gegen eine Mauer gerannt.

»Oh, heiliger Georg, steh uns bei«, flüsterte John.

Der Blitz, der sie vorhin so erschreckt hatte, war keineswegs im Dorf eingeschlagen, sondern hier auf dem Gestüt. Die Futterscheune brannte lichterloh. Und die kräftigen Böen hatten die Flammen auf das neue Stallgebäude der Zweijährigen überspringen lassen. Trotz des prasselnden Regens breitete sich das Feuer schnell auf dem strohgedeckten Dach aus.

Conrad hatte sich sogleich wieder gefasst. »Lauf, John. Weck die Stallburschen. Einer soll ins Dorf und die Männer zum Löschen holen. Die anderen sollen herkommen. Na los, beeil dich!«

Aber John schüttelte den Kopf und setzte sich Richtung Stall in Bewegung. »Geh selbst«, sagte er über die Schulter. »Ich hol sie raus.«

Der Stallmeister holte ihn ein, packte ihn an der Schulter und schleuderte ihn herum. »Tu, was ich sage! Du wirst nicht da reingehen, hast du verstanden?«

John schüttelte die Hand von seiner Schulter. »Wir verschwenden kostbare Zeit. Ich kann sie schneller herausholen als du, denn mir werden sie folgen, trotz des Feuers.«

Conrad wusste, der Junge hatte Recht. Wenn es etwas gab, das Pferde noch mehr fürchteten als Blitz und Donner, dann war es Feuer. Es versetzte sie in so heillose Panik, dass sie vollkommen erstarrten und sich schlichtweg weigerten, in Sicherheit gebracht zu werden. Warum, warum nur mussten die wunderbarsten Kreaturen in Gottes Schöpfung solche Hasenfüße sein?, fragte er sich wohl zum tausendsten Mal. Zögernd gab er nach. »Na schön. Ich komme zurück, so schnell ich kann. Lass ausnahmsweise einmal Vernunft walten, John. Geh nicht mehr hinein, wenn es zu gefährlich wird.«

»Ja, ja«, knurrte der Junge ungeduldig und wandte sich ab.

Conrad hastete zur Sattelkammer hinüber, in deren Obergeschoss die Stallburschen schliefen. Er brauchte sie nicht zu wecken. Das Unwetter oder die ungewohnte Helligkeit von der nahen Futterscheune hatte sie bereits aufwachen lassen, und als er das Gebäude erreichte, kamen die ersten ihm bereits entgegen, mancher hüpfte auf einem Bein, weil er sich im Laufen die Stiefel anzuziehen versuchte.

»Die Zweijährigen«, erklärte der Stallmeister sparsam. »Jim, du bist der schnellste Läufer. Ab ins Dorf mit dir. Die anderen kommen mit.«

Die alten Stallgebäude bestanden aus einer Aneinanderreihung großer Einzelboxen, von denen jede eine zweigeteilte Tür ins Freie hatte. Doch das Gestüt war immer größer und größer geworden, sodass der Earl of Waringham und der Stallmeister, die beiden Eigentümer der Pferdezucht, beschlossen hatten, beim Neubau der Stallungen Platz sparend vorzugehen: Die jüngeren Ställe glichen daher von außen lang gezogenen Scheunen, und drinnen befanden sich links und rechts einer Mittelgasse die Boxen. Auf diese Art waren auch das Füttern und Misten einfacher, die Wege kürzer. Nur eines durfte bei einem so gebauten Stall niemals passieren: Wenn ein Feuer ausbrach, wurde er für seine Bewohner zur tödlichen Falle.

John betrat den Stall durch das Tor in der östlichen Stirnwand. Angstvolles Wiehern, das sich wie Schreie anhörte, schlug ihm entgegen. Er sah sofort, dass der Brand an der Westseite ausgebrochen war. Dort regneten bereits glühende Strohhalme herab und drohten, das Bodenstroh anzustecken. Auf seinem Weg ans andere Ende trat er mehrere kleine Brandherde aus und holte die ersten beiden jungen Hengste aus ihren Boxen. Er streifte erst Arcitas, dann Achilles ein Halfter über. Das war nicht so einfach, denn in ihrer Furcht scheuten sie vor der vertrauten Hand zurück, doch wie der Junge gesagt hatte, gelang es ihm, sie mit seiner leise murmelnden Stimme zu beruhigen. »Kommt. Kommt schon, ihr zwei Helden. Noch sieht es schlimmer aus, als es ist.«

Das hoffte er jedenfalls. In Wahrheit hatte er keine Ahnung, wann die ersten Balken herunterstürzen würden. Unter dem Dach hatte sich dicker Qualm gesammelt, denn das nasse Stroh entwickelte viel Rauch.

John führte die beiden jungen Pferde durch den Mittelgang zum Tor. Sie folgten ihm ohne Widerstand, schlitterten in ihrer Angst jedoch auf dem strohbedeckten Lehmboden, und ihr Fortkommen war quälend langsam. Als sie ins Freie kamen, ließ John sie los, und sie preschten davon.

Wir werden ewig brauchen, sie wiederzufinden, dachte er, aber das war jetzt völlig gleich. Zwei. Zwei hatte er draußen. Vierunddreißig standen noch drinnen …

Als er wieder in das brennende Gebäude rannte, war es heißer und verqualmter als noch vor wenigen Augenblicken. Conrad und die Stallburschen folgten ihm dicht auf den Fersen. Die Jungen stießen heisere Schreckensschreie aus, liefen aber wie John ans andere Ende, um die Tiere zu befreien. Greg, einer der Älteren, der schon viel Erfahrung im Umgang mit Pferden hatte, riss sich den Kittel herunter und verdeckte dem Hengst damit die Augen. Nur so ließ der sich dazu bewegen, die Todesfalle zu verlassen.

Als John zum dritten Mal mit zwei der jungen Pferde nach draußen kam, entdeckte er seinen Vater, der den eigentümlich kahlen Hügel – Mönchskopf genannt – heruntergehastet kam. John war nicht überrascht, ihn hier zu sehen. Genau wie er selbst spürte auch sein Vater, wenn im Gestüt etwas nicht mit rechten Dingen zuging.

Auf der Koppel zwischen den brennenden Gebäuden blieb der Earl stehen: ein großer, breitschultriger Mann, der trotz seiner weißen Haare noch völlig ungebeugt war.

Inzwischen waren es fast zwei Dutzend Menschen, die sich auf der Koppel tummelten und die Pferde aus dem Stall brachten, ebenso viele Tiere rannten teilweise in Panik umher, verteilten sich auf die umliegenden Wiesen oder galoppierten kopflos Richtung Fluss. Eine Eimerkette war gebildet worden, Helfer aus dem Dorf kamen in Scharen und machten sich daran, beim Löschen zu helfen. Eine Gruppe begann sofort, die Dächer der umliegenden Gebäude zu durchtränken, damit nicht auch diese noch von dem gierigen Feuer verzehrt wurden. Trotz des großen Durcheinanders brauchte Robin of Waringham nur einen Moment, ehe er seinen Jüngsten im flackernden Flammenschein entdeckte.

»John!« Er eilte zu ihm. »Wie viele habt ihr draußen?«

Der Junge war außer Atem, sein Gesicht rußverschmiert. »An die dreißig, schätze ich.«

»Gut gemacht. Geh zurück zu Circe. Ich will nicht, dass du den Stall noch einmal betrittst.«

»Aber Vater …«

»Keine Widerrede. Ich werde Conrad helfen. Jetzt lauf.« Er trat auf das Gebäude zu, dessen Bretterwände inzwischen ebenfalls lichterloh brannten.

Conrad kam ihm mit einem tänzelnden Fuchs entgegen, der vor Entsetzen mit den Augen rollte. Der Stallmeister hustete erstickt, brachte aber dennoch ein paar röchelnde Worte heraus: »Es hat keinen Sinn mehr, Onkel. Das Dach … kommt jeden Moment runter.«

»Ich sehe es. Wer ist noch drin?«

»Alexander, Ulysses und Troilus.«

Als John, der immer noch in der Nähe stand, den letzten Namen hörte, stieß er einen verzweifelten Protestlaut aus und rannte blindlings zurück in den brennenden Stall. Sein Vater streckte blitzschnell einen Arm aus, um ihn aufzuhalten, aber der Junge schlug einen kleinen Haken und entwischte ihm.

»John, du wirst sofort zurückkommen!«, rief Robin, und John hörte sehr wohl, dass sein Vater um ihn fürchtete und dass es ihn deshalb teuer zu stehen kommen würde, wenn er nicht gehorchte. Aber er konnte nicht.

Robin wusste das genau, denn er hätte ebenso wenig gehört, darum folgte er seinem Sohn.

»Mylord!« protestierte Conrad, doch er wurde genauso ignoriert wie Robin vor ihm.

Dieser sah sich im Innern des Stalls von Wänden aus Feuer umgeben, und auf einen Schlag war das Atmen unmöglich. »John!«, wollte er rufen, aber nur ein ersticktes Husten kam heraus. Über sich hörte er ein unheilvolles Knistern, wandte den Blick nach oben und sah einen brennenden Dachbalken herunterkommen, der sich im Fall langsam um die eigene Achse drehte.

Robin blieb Zeit, ihm auszuweichen, und er folgte John tiefer ins Innere des Gebäudes. Dort war der Qualm dichter, die Flammen schon beinah erstickt. Er konnte fast nichts mehr sehen. In zunehmender Verzweiflung tastete Robin sich vorwärts, und das Tosen der Flammen war so laut, dass er den zweiten Dachbalken nicht kommen hörte. Kaum eine Elle vor ihm krachte er zu Boden und zerbarst zu einer länglichen Insel aus Flammen. Mit einem Mal war es wieder ein wenig heller, und Robin erahnte unter dem brennenden Balken einen dunklen Schopf und einen leblosen Arm.

Nur noch ein schwacher Laut des Jammers kam aus Robins Kehle. Er packte den Arm und zog sein Kind aus dem Feuer. Johns Haar stand in Flammen. Mit bloßen Händen schlug Robin darauf, bis sie erstickt waren, und trug den besinnungslosen Knaben dann Richtung Tor. Doch er konnte nicht mehr atmen und spürte seine Knie einknicken. Verzweiflung wollte ihn übermannen, und er war später nicht sicher, ob er es geschafft hätte, seinen Sohn aus dieser Flammenhölle zu retten, wäre Conrad nicht plötzlich an seiner Seite gewesen, der ihm seine Last abnahm, sie ins Freie schaffte und irgendwie noch eine Hand frei hatte, um seinen Onkel mit sich zu zerren.

In sicherer Entfernung von der Feuersbrunst legten sie John ins Gras. Sie brauchten nicht nach seinem Herzschlag zu tasten. Der Junge regte sich und hustete erstickt.

Irgendein guter Geist brachte dem Earl einen hölzernen Becher mit Wasser. Robin trank dankbar einen Schluck, stützte dann den Kopf seines Sohnes und versuchte, ihm das belebende Nass einzuflößen. Aber John konnte nichts anderes als husten.

Robin schaute hoch und fand einen der älteren Stallburschen neben sich. »Lauf zur Burg hinauf, Greg. Die Wache soll den Steward wecken. Ihm sagst du, was passiert ist.«

»Ja, Mylord.« Greg stob davon.

Robin strich John über die Stirn. »Atme, mein Junge. Versuch, ruhig zu atmen. Du wirst sehen, gleich geht es besser.« Er redete beruhigend auf ihn ein, und tatsächlich ließ das krampfartige Husten allmählich nach, sodass Robin ihm zu trinken geben konnte. Dann bettete er den Kopf des Jungen in seinen Schoß und untersuchte behutsam seine Glieder. Der linke Arm wies einen eigentümlichen Winkel auf, und als er ihn berührte, schrie John auf.

»Gott verflucht …«, murmelte Robin. »Wo bleibst du, Fitzroy?«

»Hier bin ich schon, Mylord.« Der Steward kniete sich neben dem Earl ins Gras und nahm ihm den Jungen ab. »Wie schlimm ist es? Können wir ihn auf die Burg bringen?«

Fitzroy war bereits der zweite Steward dieses Namens in Waringham, und ebenso wie an seinem Vater schätzte Robin auch an ihm vor allem seine Besonnenheit in Krisensituationen. »Ich denke, das sollten wir. Der Arm ist gebrochen. Ich kann nicht sagen, wie schlimm es ihn am Kopf erwischt hat. Aber hier können wir nichts für ihn tun.«

Mit dem Knaben in den Armen stand Fitzroy auf, und John jammerte schwach. »Tut mir Leid, John«, murmelte der Steward mitfühlend. »Aber ich möchte wetten, du bist wieder mal selbst schuld.«

Robin lächelte traurig und nickte. Unentschlossen sah er sich um, während Fitzroy schon Richtung Mönchskopf eilte.

Conrad trat zu seinem Onkel. »Geh nur«, drängte er. »Hier gibt es nicht mehr viel zu tun. Die Futterscheune und der Stall sind dahin, da ist nichts zu machen. Aber die übrigen Gebäude sind sicher, denke ich. Ich schicke die Jungs, die Gäule zusammenzutreiben, soweit sie sie in der Dunkelheit finden können, und dann gehe ich zu Circe zurück.«

Robin nickte. »In Ordnung.«

Er versuchte erst gar nicht, Fitzroy einzuholen. Obwohl er in Sorge um seinen Jungen war, legte er den Weg zur Burg gemessenen Schrittes zurück, denn er konnte nicht schneller. Der Kummer der vergangenen Tage und Wochen, die Schrecken der heutigen Nacht, der viele Rauch, den er eingeatmet hatte – all das forderte seinen Tribut. Du bist fünfundsechzig Jahre alt, Robin of Waringham, rief er sich ins Gedächtnis. Und wer so steinalt wurde wie er, musste so manchen begraben, der ihm teuer gewesen war. Das hatte er getan: zwei Ehefrauen, eine Schwester, viele Freunde, ein paar Feinde, nicht zuletzt drei Könige. Aber er bat Gott, er möge ihm ersparen, einen seiner Söhne zu Grabe tragen zu müssen.

Als Robin auf seine Burg zurückkam, erwiderte er den beklommenen Gruß der Wachen mit einem zerstreuten Nicken. Langsam stieg er die Treppe des Wohnturms hinauf, und an der Tür zu Johns Kammer kam ihm Joanna entgegen.

»Oh, Vater …«

Wortlos schloss er sie in die Arme, und sie drückte das Gesicht an seine Schulter, genau wie ihre Mutter es immer getan hatte.

»Wie steht es?«, fragte Robin ruhiger, als ihm zumute war.

»Er ist auf dem Weg ohnmächtig geworden und noch nicht wieder aufgewacht. Ed sagt, es sei besser so, weil die Schmerzen ihm sonst die Kraft rauben.«

Robin nickte, trat mit ihr über die Schwelle und sah besorgt auf den bewusstlosen Jungen hinab, der im Licht der einzelnen Kerze neben dem Bett furchtbar bleich wirkte. Irgendwer hatte ihm das versengte Obergewand ausgezogen und ein paar hässliche Brandwunden enthüllt, die sich quer über seine Brust und den gebrochenen Arm zogen, wo der brennende Balken auf ihm gelegen hatte. Die Schultern waren glatt und milchweiß, aber schon kräftig. Genau wie seine Brüder vor ihm verbrachte John jede freie Minute im Gestüt, und die harte Arbeit dort hatte seine Hände schwielig und seinen Körper muskulös gemacht. Kaum mehr ein Knabe, dachte Robin nicht ohne Wehmut und strich dem Jungen liebevoll über die Wange.

»Was ist mit deinen Händen passiert?«, fragte Joanna ihren Vater erschrocken.

»Nichts.« Robin winkte ab. »Johns Haar stand in Flammen. Es ist nicht schlimm.«

»Ed hat einen der Männer zu Liz Wheeler geschickt. Sie hat gewiss auch eine Salbe für dich.«

»Bestimmt. Trotzdem will ich, dass sofort jemand nach Canterbury reitet und einen Arzt herholt. Ein Fachmann soll den Arm richten und schienen, damit er nicht steif wird.«

Fitzroy erschien mit einer weiteren Kerze in der Hand an der Tür. »Tristan Fitzalan ist schon losgeritten, Mylord.«

Robin lächelte ihm matt zu. »Gott segne dich, mein Junge. Du denkst wieder einmal an alles.«

Der Steward trat zu ihnen an das Bett und legte Joanna den Arm um die Schultern. Vor gut einem Jahr hatten die beiden geheiratet, und obwohl es eine Verbindung unter Joannas Stand darstellte, war Robin mehr als zufrieden. Stand hatte für ihn immer noch nicht die Bedeutung, die viele andere ihm zumaßen. Außerdem war ihm seine Tochter auf diese Weise erhalten geblieben, und das wusste er zu schätzen.

Nach einer Weile schlug John die Augen auf. Sie waren gerötet, die Pupillen unnatürlich geweitet. »Vater …« Es klang immer noch rau und entstellt vom Rauch.

»Hier bin ich, mein Junge.«

John schaute mit gerunzelter Stirn zu ihm auf. »Was ist mit … Troilus?«

Sein Vater schüttelte wortlos den Kopf.

John wandte das Gesicht ab und starrte in die Dunkelheit jenseits des Betts. »Ich wollte ihn zuerst rausholen. Aber dann habe ich gedacht, wie ungerecht das wäre. Nur … nur weil er mir der Liebste von allen war. Die anderen hatten genau so große Angst und waren doch viel weiter weg vom Tor …«

»Schsch. Sprich nicht so viel, John. Es tut mir Leid. Glaub mir, ich weiß, wie bitter es für dich ist. Aber dein Gerechtigkeitssinn macht dir Ehre. Er ist ritterlich.«

John kämpfte verbissen um Haltung. Das tat er immer. Er hatte drei Brüder, von denen der jüngste zwanzig Jahre älter war als er, und alle drei waren gefeierte Ritter des Königs. Obendrein hatte er eine unüberschaubare Zahl großer Cousins und sogar ein halbes Dutzend Neffen, die alle schon erwachsen waren. Seit er denken konnte, lebte John in dem Widerstreit zwischen Bewunderung für seine Brüder und Groll gegen sie, weil sie alle so viel älter und größer und besser waren als er. Jedes Mal, wenn er die Fassung verlor, wenn er in einem Übungskampf unterlag, wenn er sich etwas vornahm, das er nicht meistern konnte, und scheiterte, wurde ihm aufs Neue klar, wie unerreichbar ihr Beispiel war. Jedes Mal war eine Niederlage.

Aber sein Arm, sein Kopf und die verbrannte Haut schmerzten so sehr, und der Verlust seines vierbeinigen Freundes war ein Kummer, den er nicht zu handhaben wusste. »Geht weg«, bat er erstickt.

Robin wusste ganz genau, was in seinem Sohn vorging, und er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er ihm das zugemutet hatte: eine Existenz als hoffnungsloser Nachzügler, mit einem Vater, der sein Großvater hätte sein können. Er nickte Joanna und Ed Fitzroy auffordernd zu, und das junge Paar ging zur Tür.

Robin verharrte nur noch einen Augenblick und fühlte John mit dem unverletzten Handrücken die Stirn. Sie glühte, wie er befürchtet hatte.

»Er bekommt Fieber«, raunte er seiner Tochter auf dem Weg hinaus zu.

London, April 1413

Bei allen Knochen Christi, was für ein pompöses Fest, so eine Krönung«, brummte John Oldcastle und nahm einen tiefen Zug aus seinem Becher. »Aber ich sag euch ehrlich, ich bin froh, wenn hier wieder der Alltag einzieht, damit der Junge mal zu Verstand kommen kann.« Er rülpste ungeniert, als wolle er seinen Worten damit Gewicht verleihen.

Thomas Hoccleve sah stirnrunzelnd von dem Blatt Papier auf, das er studiert hatte, und bemerkte: »Ihr solltet nicht vergessen, dass ›der Junge‹ jetzt König von England ist, Sir. Glaubt lieber nicht, dass es je wieder so wird, wie es einmal war.«

»Das ist es doch schon lange nicht mehr«, warf Raymond of Waringham ein und machte keinen Hehl aus seiner Wehmut. So beschwerlich und bitter die vergangenen dreizehn Jahre während der unruhigen Regentschaft von König Henry auch oft gewesen waren, hatten sie mit dem jungen Prinzen doch viel Spaß gehabt. »Manchmal frage ich mich, wie wir es überhaupt geschafft haben, uns die Hörner abzustoßen. Zwischen all den Feldzügen gegen das walisische Gesindel …«

»Oder Hotspur Percy, Gott verdamme seine Verräterseele«, warf Mortimer untypisch heftig ein.

»Jedenfalls hat Hoccleve Recht«, fuhr Raymond fort. »Es ist lange her, dass Harry zuletzt einen Zug durch die Hurenhäuser von East Cheap gemacht hat, und jetzt wird es vermutlich nie mehr passieren.«

»Hm«, machte Hoccleve, ohne aufzusehen. »Manche Leute werden erwachsen und erkennen die Torheit ihrer jugendlichen Ausschweifungen. Andere nicht.«

Raymond und John Oldcastle johlten vergnügt und klatschten in die Hände. »La Male Règle«, riefen sie im Chor aus und lachten über Hoccleves beleidigte Grimasse. Sie wurden es nie müde, ihn mit seinem Gedicht wider die Ausschweifungen seiner Jugend aufzuziehen, wenngleich sie sehr wohl wussten, dass er es mit einem Augenzwinkern verfasst hatte.

Mortimer nahm Hoccleve das Blatt aus der Hand. »Was ist nun mit dem Versmaß, Tom?«, fragte er ihn, ehe er Raymond und den anderen Zechern einen missfälligen Blick zuwarf. Es war ihm unbegreiflich, wie sie zwei Wochen nach dem Tod des Königs schon wieder so fröhlich sein konnten. Manchmal fragte er sich, was geschehen musste, um Raymonds unverwüstliche Lebenslust einmal zu dämpfen.

Sie saßen in der Halle von Coldharbour, einem Haus in der Londoner Innenstadt, das dem jungen, frisch gekrönten König gehörte und das früher manches Mal Schauplatz ihrer wilden Gelage gewesen war. Es war ein großer, um einen Innenhof gebauter Komplex direkt an der Themse, unweit des Tower und der besagten Hurenhäuser.

Raymond sah aus dem Fenster. Das Wetter war unverändert: nasskalt und ungemütlich. »Wo ist der König eigentlich?«, fragte er.

»Im Tower«, wusste Oldcastle zu berichten. »Er berät sich mit seinem Onkel, dem Bischof.«

»Der jetzt Morgenluft wittert, da bin ich sicher«, warf Hoccleve bissig ein. »Erzbischof Arundels Tage im Zentrum der Macht sind gezählt.«

»Amen«, murmelte Oldcastle. Und er wollte noch mehr sagen, doch auf einen warnenden Blick von Mortimer überlegte er es sich anders.

»Auf ein Wort, Sir«, sagte plötzlich eine schneidende Stimme hinter Raymonds linker Schulter.

Der schaute sich um. »Ja? Ah, sieh an. Lord Scrope of Masham. Welche Freude, Euch zu sehen, Sir.« Raymond gab sich keine große Mühe, seiner Heuchelei Glaubwürdigkeit zu verleihen. Genau wie er selbst zählte Scrope zu den engsten Vertrauten des Königs, aber Raymond konnte ihn auf den Tod nicht ausstehen. Er hatte es schon vor Jahren aufgegeben, sich zu fragen, ob Eifersucht oder begründetes Misstrauen daran schuld waren. Raymond hatte noch nie viel Sinn darin gesehen, seine Gefühle zu erforschen. »Was kann ich für Euch tun?«

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