Die Idee des Mediums -  - E-Book

Die Idee des Mediums E-Book

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Beschreibung

Die Lage ist paradox: In einer Phase ökonomischer Schwäche, in einem Moment sinkender Anzeigenerlöse und erodierender Geschäftsmodelle sind Medien so mächtig wie noch nie. Aber diese Macht hat ihr institutionelles Zentrum verloren. Sie besitzt keinen festen Ort, denn Medien sind längst überall, sie durchdringen den Alltag, haben sich zeitlich und räumlich entgrenzt und befinden sich in den Händen aller. Heute entsteht die neue Macht der Medien in einem plötzlichen aufschäumenden Wirkungsnetz aus Schlagzeilen, Blogeinträgen, frei flottierenden Dokumenten und Daten und der gerade aktuellen Wutwelle, die durch die sozialen Netzwerke rauscht. Der schrille Ton, die hastig auf den Effekt getrimmte Attacke, der atemlose Wettlauf um Quoten und Auflagen verändert das Debattenklima der Republik, trivialisiert die Politik und verwandelt alle Beteiligten in Getriebene, die kollektiv unter dem Nachrichten-Stakkato und den Temposchäden des digitalen Zeitalters leiden. Wie lässt sich, so lautet die Kernfrage, in dieser Situation die Idee des Mediums neu bestimmen? Welche Form medialer Vermittlung begünstigt Qualität? Brauchen wir einen entschleunigten Journalismus? Auf welche Weise lässt sich das Überleben der Qualitätszeitungen sichern? Und wie bewahrt sich der Journalismus jene kritisch-kreative Unberechenbarkeit, die ihn unersetzbar macht? Engagierte und erhellende, streitbare und überraschende Antworten geben einige der einflussreichsten Medienmacher des Landes. Zu Wort kommen in den hier abgedruckten Reden: Ulrich Deppendorf, Mathias Döpfner, Hans Leyendecker, Giovanni di Lorenzo, Miriam Meckel, Frank Schirrmacher, Cordt Schnibben, Alice Schwarzer und Roger Willemsen.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Bibliografische Information Der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detailliertebibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.ddb.de abrufbar.

Bernhard Pörksen / Andreas Narr (Hrsg.)Die Idee des Mediums.Reden zur Zukunft des Journalismusedition medienpraxis, 12Köln: Halem, 2015

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme (inkl. Online-Netzwerken) gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Die Drucklegung dieses Bandes wurde durch folgende Förderer ermöglicht: Universitätsbund Tübingen und Kreissparkasse Tübingen

http://www.editionmedienpraxis.de

© Copyright Herbert von Halem Verlag 2015

Print:

ISBN 978-3-86962-146-3

E-Book (PDF):

ISBN 978-3-86962-147-0

E-Book (EPUB):

ISBN 978-3-86962-148-7

ISSN 1863-7825

REDAKTION: Kati Trinkner und Judith SchächterleUMSCHLAGGESTALTUNG: Claudia Ott, DüsseldorfSATZ: Herbert von Halem Verlag

Bernhard Pörksen / Andreas Narr (Hrsg.)

Die Idee des Mediums

Reden zur Zukunft des Journalismus

Frank Schirrmacher gewidmet(1959 - 2014)

Inhaltsverzeichnis

Die fatale Stille.Die Geistes- und Sozialwissenschaften brauchen dieQualitätsmedien – aber setzen sich nicht ausreichend für sie ein.Ein Vorwort.VON BERNHARD PÖRKSEN

ULRICH DEPPENDORFDie gnadenlose Republik.Das Verhältnis von Journalismus und Politik

MATHIAS DÖPFNERAbschied vom Pessimismus.Warum der Journalismus von derdigitalen Revolution profitiert

HANS LEYENDECKERDie Zukunft der Enthüllung.Wut, Macht, Medien – Wo bleibt die Aufklärung?

GIOVANNI DI LORENZOVierte Gewalt oder fiese Gewalt?Die Macht der Medien in Deutschland

MIRIAM MECKELDie Glühlampen des Netzzeitalters.Journalismus: die Zukunft eines lebhaft totgesagten Berufs

FRANK SCHIRRMACHERDie Idee der Zeitung.Wie die digitale Welt den Journalismus revolutioniert

CORDT SCHNIBBENBreaking News.Aus der Kritik an der Zeitung eine Zeitung machen

ALICE SCHWARZEREine Frage der Haltung.Plädoyer für einen Journalismus aus Leidenschaft

ROGER WILLEMSENDas blinde Medium.Rede zur Lage des Fernsehens

Gedanken zu einem Experiment.Die Tübinger Mediendozentur. Ein NachwortVON ANDREAS NARR

Quellen und Entstehungskontext

Bildnachweise

Die fatale Stille.Die Geistes- und Sozialwissenschaften brauchen die Qualitätsmedien – aber setzen sich nicht ausreichend für sie ein.Ein Vorwort.

Von Bernhard Pörksen

Es war ein Machtkampf, der klare Fronten kannte, Gut und Böse. Auf der einen Seite, der Seite des Geistes: die Verlegerwitwe Ulla Unseld-Berkéwicz, Schriftstellerin und Leiterin des Suhrkamp-Verlages. Auf der anderen Seite, der Seite des Geldes: Suhrkamp-Miteigentümer Hans Barlach, der ihre Ablösung wollte. Und irgendwo zwischen diesen beiden Fronten dann die plötzlich bedrängt und bedroht wirkende Lebenswelt der Autoren und Schriftsteller des Verlages, die sich mit der Seite des Geistes solidarisierten. Hans Magnus Enzensberger drohte in der Schlüsselphase der Streitigkeiten mit seinem Weggang, sollte Hans Barlach zum Geschäftsführer werden, Alexander Kluge und viele andere ergriffen Partei; Peter Handke bot 100.000 Euro an und appellierte an die Solidarität der Leser, auch Geld zu geben, damit der »böse Mann« wieder verschwinden würde. Hier hat, so muss man konstatieren, die Ad-hoc-Mobilisierung der Intellektuellen zum Schutz des kulturellen Kapitals funktioniert. Der Ausgang des Machtkampfes wurde im Dezember 2014 höchstrichterlich bzw. durch das Bundesverfassungsgericht entschieden – Suhrkamp wurde zu einer Aktiengesellschaft, was die weitgehende Entmachtung des Minderheitengesellschafters Hans Barlach ermöglichte, seine Kontrahentin Ulla Unseld-Berkéwicz gab den Wechsel in den Aufsichtsrat des Verlages bekannt, die Unternehmerfamilie Ströher kam als Neu-Aktionär hinzu und ließ nicht den geringsten Zweifel daran, dass man sich in diesem Zwei-Fronten-Kampf im Zweifel klar auf der Seite des Geistes positionieren würde. Was war, was ist die zentrale Botschaft der Suhrkamp-Soap, die über Jahre hinweg das Feuilleton der Republik elektrisierte? Die Antwort lautet: Es gibt irgendwo da draußen im intellektuellen Universum eine publizistische Plattform, ein auratisches Zentrum des Denkens und Schreibens, für dessen Erhalt es sich zu kämpfen lohnt.

Wie anders ist hingegen die Situation, wenn man sich die Wortmeldungen zur Krise der Qualitätszeitungen vergegenwärtigt. Hier schreiben und debattieren Journalisten wesentlich über sich selbst, begleitet von den Hohn- und Spottgesängen einzelner Social-Media-Berater, für die das Medium als ewig gestrig gilt. Hier stößt man auf einen modernisierungshungrigen Opportunismus, der das gesamte Gewerbe (»Print ist tot«) leichtfertig verloren gibt und entdeckt Prognostiker und Propheten, die sich mit exakten Todesdaten zum Ableben der Zeitung wichtig machen – ein nekrophiles Hobby eigener Art, wissenschaftlich vollkommen unseriös, aber medial ziemlich erfolgreich. Natürlich, so muss man gleich hinzufügen, gibt es eine schleichende, primär ökonomisch begründete Krise des Gedruckten. Es ist alles andere als klar, wie das klassische Geschäftsmodell des Print- und Qualitätsjournalismus zukünftig aussehen wird. Weil lukrative Werbeetats in Richtung der Digital-Monopolisten umgeschichtet werden und ganze Anzeigenmärkte ins Netz abwandern, die sich nicht mehr zurückgewinnen lassen. Weil Konjunkturzyklen in der neuen Situation in brutaler Unmittelbarkeit auf die Erlöse durchschlagen und mancher Verleger Rücklagen leichtfertig verpulvert hat oder seine Redaktion mit übertriebenen Renditeerwartungen, die aus einer anderen Epoche stammen, kaputt spart. Weil die Leser älter werden und irgendwann wegsterben und das Netz für viele zur primären (und weitgehend kostenlosen) Informationsquelle wird. Weil die Auswertung von Klickzahlen im Online-Sektor eine weitere Welle der Boulevardisierung forciert, bekommt man doch hier in einer kalten, klaren Währung geliefert, was die große Zahl wirklich interessiert. Und weil, ganz grundsätzlich gesprochen, die endgültige Antwort auf die 1-Million-Euro-Frage der professionellen Publizistik noch immer nicht wirklich gefunden ist, die da heißt: Wie lässt sich Qualität refinanzieren? Wie schafft man einen Ausgleich zwischen ökonomischem Erfolg und publizistischen Idealen? Wie löst man die Spannung zwischen ökonomischem Kalkül und Sozialverantwortung, die den erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenen redaktionellen Journalismus seit Anbeginn regiert, aber die sich nun entscheidend verschärft? Und was macht das eigene Medium unverwechselbar, wenn die exklusive Nachricht im Moment ihres Erscheinens längst auf Tablets und Smartphones gelesen wurde?

Es gilt, auch dies gehört zu einer einigermaßen umfassenden Situationsskizze, sich klar zu machen, dass eine Zeitung, die in den Sog der Digitalisierung gerät und damit in einen »neuen Aggregatzustand« (so der Schriftsteller Peter Glaser) überführt wird, nicht mehr als Materialbündel taugt, weil herkömmliche, traditionelle Materialverbindungen blitzschnell aufgesprengt werden können und auf einmal alles teilbar, kombinierbar, transferierbar wird. Eine solche, einmal digitalisierte Zeitung stellt dann kein festes, ein für allemal geschnürtes Paket dar, das man einfach am Morgen, kurz bevor es hell wird und der Tag kommt, über den Frühstückstischen der Republik abwerfen kann, sondern die Zeitung im Netz verwandelt sich in ein individuelles Kombinationsprodukt – aus Empfehlungen, privat-persönlichen Interessen, Einzel-Artikeln, Kultur-Atomen, wie Peter Glaser sagen würde. Diese Möglichkeit zur rasanten Entbündelung und permanenten Transformation ist natürlich eine grandios gute Nachricht für Leserinnen und Leser, die sich ihre Privatzeitung und ihr ganz persönliches Artikelpaket zusammenstellen können. Aber sie stellt traditionelle Verlagshäuser, die ihr Angebot stets im Paket verkaufen müssen, doch vor ein Dilemma. Sie müssen sich fragen: Wie stärkt man in solchen Zeiten Bindekräfte und schafft kompakte Einzigartigkeit? Wie erzeugt man – ohne die Möglichkeit autoritärer Steuerung – die ökonomisch existenziell notwendige Aufmerksamkeit für das Gesamtprodukt? Wie schafft man in Zeiten der rasanten Atomisierung von Kulturinhalten zumindest noch ein Bündelgefühl für das eigene journalistische Angebot und die eigene Medienmarke?

Noch fehlt eine klar konturierte, gleichermaßen ökonomisch erfolgreiche und publizistisch gehaltvolle Antwort – und Fakt ist: Deutsche Tageszeitungen haben in den letzten zehn Jahren Millionen von Käufern verloren, diverse Magazine sind vom Markt verschwunden oder ächzen unter der Anzeigenflaute. Es fehlt in vielen Redaktionen an Geld für investigative Geschichten und aufwendige Recherchen. Einzelne Medienhäuser haben ihre Volontärsausbildung eingestellt, ihre Lehrredaktionen aufgegeben, die Gehälter der Volontäre und Jung-Journalisten gekürzt. Nur noch die Hälfte aller freien Journalisten, eine zweifellos besonders gebeutelte Gruppe, kann, so lauten gut begründete Schätzungen, überhaupt von dem eigenen Einkommen leben. Die Folge: Es entsteht ein journalistisches Prekariat, das sich von Job zu Job hangelt. Diese Prekariatsangehörigen sind oft auf die Querfinanzierung des eigenes Berufs und der eigenen Berufung angewiesen und sehen sich in die Situation des armen Poeten abgedrängt: Sie verfolgen eine Leidenschaft, von der es sich nur noch mehr schlecht als recht leben lässt. Und, auch dies gehört zur Lagebeschreibung: Manche Arbeitsämter raten von dem Berufswunsch Printjournalist inzwischen offensiv ab. Als Traumjob gilt heute bei vielen Studierenden der einschlägigen Fächer die Tätigkeit in der Werbung oder in einer PR-Agentur.

Und doch ist die schon so oft und in einer solchen Penetranz vorgetragene Rede vom Untergang der Printmedien falsch und letztlich gefährlich, denn sie kann sich in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung verwandeln: Irgendwann sind die Zeitungen vielleicht wirklich am Ende, und dies nicht, weil irgendein aufgeregter Trendspezialist in seinem Büro eine Glaskugel hat, mit der er in die Zukunft blicken kann, sondern womöglich einfach deshalb, weil man sie mit einer solchen Energie ins Grab geredet hat. Das bedeutet in der Konsequenz: Man darf die Debatte über das Wesen und den Wert des Gedruckten nicht allein den so selbstbewusst formulierenden Apokalyptikern (mit ihren eigenen, oft ökonomischen Interessen) überlassen. Es gilt, sie breiter zu führen, sie aus der rein ökonomischen Umklammerung zu befreien, auch weil ein wacher, ein aufwendig recherchierter Journalismus, der orientiert und inspiriert, der kritisiert und kontrolliert, längst offensiv verteidigt werden muss.

Man kann es nur wiederholen: Der selbstreflexive Negativismus der Zeitungsbranche hat ein Ausmaß erreicht, das die Stimmung vergiftet – und bei aller berechtigten Krisenrhetorik doch vergessen lässt: Journalismus ist ein Beruf, den man auch kaputt reden kann. Und gerade jetzt, in diesem besonderen geschichtlichen Moment gilt es, das große Gespräch über die Zukunft der Zeitung und den Qualitätsjournalismus anzuzetteln, weil mehr auf dem Spiel steht, geht es doch um die Bedeutung und den Wert unabhängiger Gesellschaftsbeobachtung insgesamt. Gewiss ist dies alles keine einfache Gleichung – nach dem Motto: zuerst die Zeitungskrise, dann das Ende des Journalismus, schließlich der Niedergang der Demokratie. Und doch steht auch die Öffentlichkeit vor der Frage: Was will sie für eine qualifizierte Publizistik bezahlen? Was ist der Preis glaubwürdiger, unbedingt verlässlicher Information? Und welchen Wert hat geistige Arbeit generell und unabhängig von der Plattform ihrer Veröffentlichung in dieser Gesellschaft? Was darf, was muss sie kosten?

In dieser Situation ist es fatal, dass eine normative, groß angelegte Debatte über das Wesen und den Wert des Gedruckten fehlt. Die wenigen Einsprüche und Essays von Nicht-Journalisten – man denke nur an den gewichtigen demokratie- und medientheoretisch argumentierenden Aufsatz von Jürgen Habermas von 2007 (Keine Demokratie kann sich das leisten) – liegen zumeist schon Jahre zurück. Man entdeckt keine Solidaritätsadressen in Richtung der gebeutelten Zeitungen und Qualitätsblätter. Und es fehlt die massive Intervention der Geistes- und Sozialwissenschaften, die sich eigentlich schon aus reinem Eigeninteresse zuschalten müssten, waren und sind es doch die großen Zeitungen, die ihre Arbeit kritisch begleitet, aber auch verteidigt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Die schlichte Formel, auf die sich die aktuelle Situation bringen lässt: Vielen Qualitätsblättern des Landes geht es nicht gut. Und die akademische Intelligenz beobachtet – sieht man von einem Häuflein von Medienwissenschaftlern und einem festen Kern von Engagierten einmal ab – weitgehend gleichgültig ihr Ringen um Auflage, Erlöse, neue Geschäftsmodelle. Man reagiert auf die Krisenzeit des Printgewerbes mit Ignoranz, geleitet von einem wissenschaftsintern zur Tugend der Distanzwahrung verklärten Programm entschiedener Nichteinmischung.

Dabei ist die Lage tatsächlich ernst. Im Jahre 2012 meldete die Bundesagentur für Arbeit die größte Entlassungswelle in der Presse seit Kriegsende. 2012 ist die Financial Times Deutschland vom Markt verschwunden, die Frankfurter Rundschau in die Insolvenz gerutscht, 420 Mitarbeiter verloren ihren Job. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat Millionenverluste gemacht, die Süddeutsche Zeitung faktisch einen Einstellungsstopp verhängt, der Spiegel einen Sparkurs annonciert, der Freitag Stellenstreichungen angekündigt. Qualitätsblätter haben inzwischen fast ausnahmslos einen Anzeigenrückgang zu verzeichnen, der die Erlössituation (Zeitungen finanzierten sich traditionell bis zu zwei Dritteln über Anzeigen) schwieriger macht. Noch ist nicht absehbar, in welchem Maße die verschiedenen Paid-Content-Modelle und die Investitionen in Nebengeschäfte (Bücher, Kongresse, Reisen, gewinnträchtige Spezial-Portale etc.) greifen, die viele Verlage getätigt haben. Das heißt: Irgendwo da draußen geraten Organisationszentren der Debatte und des intellektuellen Diskurses unter Druck – und diejenigen in den Universitäten, die das Zeitungsmilieu als Reflexionsinstanz, Korrektiv und Widerpart brauchen und seit Jahrzehnten von seiner intellektuellen Energie profitieren, schauen zu und halten sich zurück. Ganz so, als gäbe es im digitalen Universum und auf ein paar Rezensionsportalen noch einmal eine vergleichsweise herausfordernde Parallelwelt und als würden die eigenen Bücher und Einfälle übermorgen dann notfalls eben auch bei RTL II besprochen und gespiegelt.

Es ist keine kulturkonservative Nostalgie, kein wohlfeiler Pessimismus, wenn man feststellt, dass es Zeitungen, Zeitschriften und das lange intensiv mit ihnen verbundene universitäre Milieu waren, die die großen Debatten der Republik vom Historikerstreit bis zu Thilo Sarrazin oder den Fieberträumen der Robotik angezettelt haben. Und es ist einfach eine bedauerliche Tatsache, dass im Netz – diesem großartigen, so ungeheuer plastischen Medium der blitzschnellen Kommunikation und barrierefreien Partizipation – bislang keine vergleichbaren Diskurszentren entstanden sind, die mit dieser besonderen Mischung aus Schärfe und Entschiedenheit intellektuelles Agenda-Setting betreiben könnten. Woran liegt das, was könnten die Ursachen sein? Zum einen sind die neu gegründeten Debatten- und Diskursportale noch nicht ausreichend etabliert und finanziert, allen Versuchen in Richtung Crowdsourcing und Community-Building zum Trotz. Zum anderen ist der Kulturbegriff der Online-Medien sehr viel stärker ereignisgesteuert und nachrichtengetrieben, also von der unmittelbaren Aktualität des Augenblicks bestimmt. Und schließlich lässt das Netz (und da zeigt sich die formierende Kraft des Mediums) das Denken und Schreiben selbst als einen fortwährend pulsierenden Prozess erscheinen, als ein ewig unabgeschlossenes Geschehen, das dem unvermeidlich etwas autoritären Pathos einer Groß-Debatte (»das ist es, was nun besprochen gehört!«) entgegen steht. Debatten nämlich brauchen Fixpunkte, dramaturgische Arrangements, sie leben von der großen, zentrierenden Geste und der offensiven, risikobereiten Komposition. Und sie setzen institutionalisierte Reflexionszonen voraus, in denen sie entwickelt und bis zur endgültigen, resonanzfähigen Diskursreife zugespitzt werden können.

Wie aber kann es sein, dass die akademische Intelligenz diese Voraussetzungen kaum zum Thema macht, sich nicht für die Ökonomie der Qualität interessiert? Es gibt bei der Beantwortung dieser Frage keine Gewissheiten, nur Vermutungen. Denkbar ist, dass man sich universitätsintern in eine neue Hermetik hinein reformiert hat und systematisch Karrieremodelle begünstigt, die eine allmähliche Abschottung und Schließung des Systems bedingen. Die Autorenexistenz in Gestalt des reizbaren Intellektuellen mit einem »avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen« (Jürgen Habermas) wird jedenfalls auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften zunehmend von der Indikatorenexistenz verdrängt, deren Produktivität sich scheinbar präzise bis zur dritten Nachkommastelle messen lässt. Es ist der Typus des Wissenschaftsmanagers, der mit enormen Drittmitteleinwerbungen, zahlreichen Forschungsprojekten und Spezialaufsätzen punktet, aber gewiss nicht mit öffentlichen Interventionen, dem Essay, dem eigenen durchgeschriebenen Werk für ein größeres Publikum, der Monografie des Individualisten. Vielleicht ist das unsichtbare Band zwischen den Zeitungen und dem universitären Milieu auch deshalb bedroht, weil sich auch die Geistes- und Sozialwissenschaften zunehmend an den Exaktheitsritualen der naturwissenschaftlichen Forschung orientieren – auch dies ein Trend, der die Lust an der essayistischen Zuspitzung und dem ungesicherten, im besten Sinne gewagten Denken nicht gerade fördert. Aber wer vermag all dies schon mit letzter Sicherheit zu sagen? Schweigen ist interpretationsoffen und semantisch diffus. Schweigen kann alles bedeuten und nichts. Und es besitzt keine mobilisierende Kraft, die den Diskurs weitertragen, ihm Präzision und klärende Schärfe geben könnte. Aber Schweigen ist, so sehr und so quälend es sich auch dehnen mag, in aller Regel eine Phase des Übergangs, ein manchmal womöglich endlos erscheinender, aber eben doch auch wieder endender Moment der ziemlich unproduktiven, uneindeutigen Kommunikation bzw. Kommunikationsverweigerung. Irgendwann setzt das Gespräch wieder ein, weil es einen Anlass zur Fortsetzung und Wiederaufnahme findet; manchmal genügt schon ein Anstoß, eine Inspiration im richtigen Augenblick.

Vielleicht eine persönliche Bemerkung zum Schluss, ein Wort des Dankes in eigener Sache: Im Jahre 2004 haben der SWR (Andreas Narr), die Tübinger Medienwissenschaft (Manfred Muckenhaupt) und das Rektorat der Universität die Tübinger Mediendozentur ins Werk gesetzt – lange bevor ich selbst zum Team der Organisatoren hinzu gekommen bin. Dies war der Versuch, die fatale Stille im akademischen Milieu ein wenig aufzustören, die Debatte über den aktuellen Medienwandel zu befeuern und dem jeweiligen Dozenten, begleitet von medienwissenschaftlichen Seminaren, eine Plattform für die öffentliche Intervention zu bieten – ein Kooperationskonzept von Universität, Medienwissenschaft und öffentlich-rechtlichem Rundfunk, das inzwischen auch an anderen Orten aufgegriffen wird und seine Nachahmer gefunden hat. Inzwischen, mehr als ein Jahrzehnt später, gehört die Mediendozentur zu den Höhepunkten des akademischen Jahres. Bis zu 1.000 Zuhörer kommen alljährlich zu den Vorträgen in den Festsaal, debattieren beim anschließenden Empfang des Rektors, befragt und interviewt von Studierenden der Medienwissenschaft, die eigene Radiobeiträge über dieses Ereignis produzieren und traditionell einen Film drehen. Entstanden ist so, Schritt für Schritt, eine eigene, kleine, aber eben doch vorhandene Diskursplattform, die nicht nur aus einem einzelnen Vortrag eines bekannten Medienmachers besteht, sondern sich in vielfältigen kommunikativen Verästelungen zeigt, in Anfragen und Artikeln, in Seminargesprächen und manchmal auch in kontroversen Debatten über Skandale und Affären, die Marktmacht von Google oder das Verhältnis von Journalismus und Politik.

Nun liegt mit diesem Buch eine erste Sammlung von Vorträgen und Mitschriften, die ihm Umfeld der Tübinger Mediendozentur entstanden sind, als eigene Veröffentlichung vor. Entscheidend gefördert wurde diese vom Universitätsbund Tübingen und der Kreissparkasse Tübingen. Zu danken ist dem Rektor Bernd Engler für seine stete Unterstützung all der Veranstaltungen, die zu diesem Buch geführt haben. Zu danken ist schließlich Ulrich Deppendorf, Mathias Döpfner, Hans Leyendecker, Giovanni di Lorenzo, Miriam Meckel, Cordt Schnibben, Alice Schwarzer und Roger Willemsen für ihre Vorträge und Beiträge und ihre Bereitschaft zur Debatte mit den Studierenden an langen Abenden im Umfeld der Tübinger Wurstküche, von deren Mahlzeiten man problemlos eine Woche lang zehren kann. Gewidmet ist dieser Band dem Andenken an Frank Schirrmacher, Inhaber der Tübinger Mediendozentur im Jahre 2011, auch er mit einem eigenen Beitrag in diesem Band vertreten. Er steht wie kaum ein anderer für die Verbindung von universitärem Milieu und publizistischer Praxis, die heute, in einer Phase des dramatischen Medienwandels, neu begründet werden muss.

Bernhard Pörksen

Tübingen, im März 2015

Ulrich Deppendorf

Die gnadenlose Republik.Das Verhältnis von Journalismus und Politik

Es war der 4. Januar 2012 um 9:58 Uhr. Meine Sekretärin stellte mir den Anruf der Pressechefin des Bundespräsidenten durch. Der Herr Bundespräsident wolle jetzt doch auf das Angebot von ARD und ZDF zurückkommen, ein Interview über die seit Monaten schwelenden Vorwürfe gegen ihn zu führen. Wochenlang hatten alle Fernsehsender in Deutschland immer wieder um ein Interview mit Christian Wulff gebeten, stets war es abgelehnt worden. Die Vorgänge um den Bundespräsidenten und der politische und mediale Druck auf ihn führten schließlich zu der Erkenntnis der Berater: Ein Befreiungsschlag müsse her, Wulff müsse wieder die Oberhand gewinnen. Er hatte – wie er selbst fühlte und noch vor der Aufzeichnung des Gesprächs eingestand – nur noch die Wahl: Interview oder Rücktritt. Er und die Mehrzahl der Berater entschieden sich für das Interview. Als Bettina Schausten und ich den Präsidenten dann interviewten, war das ein absolutes Novum im Verhältnis von Journalismus und Politik: Zum ersten Mal wurde das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland über eine möglicherweise unzulässige, strafrechtlich relevante Verquickung dienstlicher und privater Vorgänge befragt. Der Verdacht einer möglichen Bestechlichkeit des Bundespräsidenten lag über dem Interview. Es war der Höhepunkt einer monatelangen kritischen Berichterstattung über den Präsidenten. War es der Höhepunkt der gnadenlosen Republik, der kritischste Punkt im Verhältnis von Journalismus und Politik?

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