Die Iden von Rom - Michael Peinkofer - E-Book

Die Iden von Rom E-Book

Michael Peinkofer

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Beschreibung

Was wäre, wenn ... Brutus es sich im letzten Moment anders überlegt hätte?

Rom, im Jahr 44 v. Chr.: Der Bürgerkrieg ist zu Ende, Gaius Iulius Caesar hat auf ganzer Linie gesiegt und befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Nicht wenige fürchten, dass er die Römische Republik beenden und sich zum König krönen könnte. Doch wie lässt sich ein Caesar aufhalten? Widerstand formiert sich, unter den Senatoren finden sich Verschwörer zusammen, um Caesar zu ermorden, unter ihnen Marcus Iunius Brutus. Doch an den Iden des März, als Caesar sterben soll, trifft Brutus eine Entscheidung, die nicht nur sein Leben verändert, sondern auch den Lauf der Geschichte, wie wir sie kennen ...

Ein spannender alternativ-historischer Roman um Gaius Iulius Caesar und einen unbeschrittenen Pfad der Weltgeschichte

Sorgsam recherchiert, fundiert und dennoch erfrischend anders. Dieser Roman macht Lust auf die Antike.

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Seitenzahl: 614

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

Was ist Geschichte?

Dramatis Personae

Liber I Inter Serpentes

Prolog

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Liber II Inter Arma

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Liber III Inter Regna

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Epilog

Nachwort

Feedbackseite

Über das Buch

Was wäre, wenn … Brutus es sich im letzten Moment anders überlegt hätte?

Rom, im Jahr 44 v. Chr.: Der Bürgerkrieg ist zu Ende, Gaius Iulius Caesar hat auf ganzer Linie gesiegt und befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Nicht wenige fürchten, dass er die Römische Republik beenden und sich zum König krönen könnte. Doch wie lässt sich ein Caesar aufhalten? Widerstand formiert sich, unter den Senatoren finden sich Verschwörer zusammen, um Caesar zu ermorden, unter ihnen Marcus Iunius Brutus. Doch an den Iden des März, als Caesar sterben soll, trifft Brutus eine Entscheidung, die nicht nur sein Leben verändert, sondern auch den Lauf der Geschichte, wie wir sie kennen …

Ein spannender alternativ-historischer Roman um Gaius Iulius Caesar und einen unbeschrittenen Pfad der Weltgeschichte

Sorgsam recherchiert, fundiert und dennoch erfrischend anders. Dieser Roman macht Lust auf die Antike.

Über den Autor

Michael Peinkofer, Jahrgang 1969, arbeitet seit 1995 als freier Autor, Filmjournalist und Übersetzer. Unter diversen Pseudonymen hat er zahlreiche Romane verschiedener Genres verfasst. Bekannt wurde er durch den Bestseller DIE BRUDERSCHAFT DER RUNEN, der – wie viele seiner Romane – in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Mit seiner neuen Reihe wagt er ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn eine einzelne Entscheidung in der Geschichte der Menschheit anders getroffen worden wäre?

Michael Peinkofer

Die Iden von Rom

Roman

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der literarischen Agentur Peter Molden, Köln

Copyright © 2026 by Michael Peinkofer und Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten. Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Textredaktion: Dr. Frank Weinreich, Bochum

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de

Einband-/Umschlagmotiv: © vitaly tiagunov / AdobeStock; Sunlight / AdobeStock; Gray wall studio / AdobeStock; siro46 / AdobeStock; bdvect1 / AdobeStock

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-9179-3

luebbe.de

lesejury.de

Für Stefan Meinen treuen Reisegefährten von Abbotsford nach Shambala und von Ascalon ins Alte Rom

Was ist Geschichte?

Was wir in Geschichtsbüchern lesen, erscheint uns oftmals zwangsläufig und als der einzig mögliche Pfad, den die Geschicke nehmen konnten, als der zwingende Ausgang der damaligen Ereignisse … Doch dem ist nicht so.

Was wir als Geschichte begreifen, ist lediglich eine Abfolge von Entscheidungen – Entscheidungen, die von äußeren Faktoren beeinflusst gewesen sein mögen, jedoch von Menschen getroffen wurden – in einer Zeit, in der Geschichte noch nicht geschrieben, sondern Gegenwart war.

Und oftmals waren es nicht die großen Dinge, die die Geschehnisse entscheidend beeinflusst haben, sondern die kleinen und unscheinbaren.

Diejenigen, mit denen niemand gerechnet hat.

Dramatis Personae

(Handlungsnamen jeweils unterstrichen)

Gaius Iulius CaesarFeldherr und Politiker, dictator von Rom

AntigoneLeibsklavin der Calpurnia

ArgiopeSklavin der Fulvia, aus Thrakien stammend

AtiaNichte Caesars, Mutter des Octavius

BogosKönig von Mauretania

BythiniusSklave des Cassius, aus Tios stammend

CaesarionSohn Casars und Kleopatras

CalpurniaEhefrau Caesars

DiomedesLeibsklave Caesars, Grieche

Decimus Iunius Brutus AlbinusFeldherr und Politiker

FulviaPolitikerin, Gattin des Marcus Antonius

Gaius Cassius Longinusrepublikanischer Politiker

Gaius Maecenasrömischer Adeliger, Freund von Octavius

Gaius Octaviusangehender Politiker, Großneffe Caesars

Gaius TreboniusFeldherr und Politiker

Gnaeus Pompeius MagnusFeldherr und Politiker, Rivale Caesars

Gnaeus Pompeius Minorältester Sohn des Pompeius Magnus

Kleopatra VII.Königin von Aegypten

Lucius Volcatius TullusStatthalter von Cilicia

Marcus AntoniusFeldherr und Politiker, Freund Caesars

Marcus Aemilius LepidusPolitiker, Vertrauter Caesars

Marcus Iunius Brutusrepublikanischer Politiker

Marcus Porcius CatoPolitiker, der stoischen Lehre folgend

Marcus Terentius VarroPolitiker und Gelehrter

Marcus Tullius CiceroRechtsgelehrter und Politiker

Marcus Vipsanius AgrippaFeldherr, Freund von Octavius

NubiaLeibsklavin der Kleopatra

Orodes II.Herrscher des Partherreichs

Pakoros I.Orodes II. Sohn und Nachfolger

PorciaTochter Catos, zweite Gemahlin des Brutus

Publius Cornelius DolabellaFeldherr und Politiker

Publius Servilius CascaSenator, Verschwörer gegen Caesar

Quintus Fabius MaximusFeldherr und Politiker

Quintus LigariusSenator, Verschwörer gegen Caesar

Quintus Servilius CaepioPolitiker, Adoptivvater von Brutus

ServiliaGeliebte Caesars, Mutter von Brutus

Sextus PompeiusFeldherr, jüngerer Sohn des Pompeius

Magnus Silenuslycischer Sklave, Lehrer des Octavius

Thamyrisstummer Leibwächter der Fulvia

TiroLeibsklave Ciceros

Titus LabienusPolitiker, Gefolgsmann des Pompeius

UrsusSklave aus Calpurnias Haushalt

Liber I Inter Serpentes

Prolog

Es war still unter Wasser.

Sonnenlicht fiel in flirrenden Schäften durch die bewegte Oberfläche und warf unstete, leuchtende Muster auf den sandigen Boden des Flusses. Gras wiegte sich in der sanften Strömung, Forellen und Äschen huschten umher auf der Suche nach leichter Beute, ein Aal wühlte im weichen Sediment.

Es war ein Bild vollkommener Harmonie – in das im nächsten Moment der blanke Schrecken brach. Unruhe war plötzlich im Wasser. Pfeilschnell stoben die Fische auseinander, versteckten sich zwischen Grasbüscheln und moosbewachsenem Gestein. Selbst die Sonne schien sich mit einem Mal zu verbergen; die leuchtenden Muster verblassten und wichen blauer Dämmerung, dann durchstieß ein Pferdehuf die Oberfläche und trat auf den Grund, und ihm folgten viele weitere.

Sand wirbelte auf und trübte das klare Wasser, als ein Tier nach dem anderen das Flussbett durchquerte, gefolgt von sich wälzenden Wagenrädern, die tiefe Rinnen hinterließen, klaffenden Wunden gleich. Und mit ihnen kamen mit ledernen Riemen umwickelte Füße, die über den Flussboden stampften, nicht nur ein paar Dutzend, nein, Tausende.

In nicht enden wollenden Kolonnen durchquerten sie das Wasser, marschierten erbarmungslos voran, und als wäre er einem der Legionäre aus dem Packsack gefallen, tanzte inmitten der stampfenden Soldatenstiefel ein alea durch den aufgewühlten Sand, ein Spielwürfel, der mal auf die eine, dann die andere Seite rollte, je nachdem, wie er fiel, ehe er erneut aufgeworfen wurde und davonwirbelte.

Der Würfel war geworfen. Doch er kam nicht zur Ruhe, unaufhörlich drehte er sich im aufgewühlten Wasser, in das sich plötzlich schreiendes Rot mischte …

Blut!

In einem Moment war es nur ein dünner Faden, der sich durch die Strömung fraß. Dann, als würde sich eine schwärende Wunde öffnen, war der kostbare Lebenssaft plötzlich überall, färbte den Fluss und tränkte sein Bett, während die Füße der Soldaten unbeirrt weitermarschierten, fort und fort …

Nach Süden.

1

Feldlager bei Munda, Provinz Hispania Baetica Nacht zum 17. März 45 v. Chr.

Herr! Herr …!«

Eine Stimme drang an sein Ohr, wie aus weiter Ferne und durch dichten Nebel.

»Herr, kannst du mich hören?«

Er erkannte die Stimme. Sie gehörte Diomedes, seinem Diener, doch war er nicht in der Lage, zu antworten. Nicht an dem Ort, wo er sich befand.

Es war ein Sturm, der ihn in jenen Momenten ergriff, ein Ausbruch göttlicher Macht, dem ein Sterblicher nichts entgegenzusetzen hatte und der ihn wimmern und beben ließ, schutzlos und der Welt ausgeliefert wie ein neugeborenes Kind. Immer wenn der Sturm zu Ende ging und der Nebel sich wieder lichtete, fühlte er sich ebenso nackt und bloß, hilflos und ohne Orientierung. Oft fehlte ihm dann die Erinnerung an das, was zuvor geschehen war, bisweilen hatte er zu Beginn auch Probleme, die Sprache wiederzufinden.

So auch dieses Mal …

Seine Glieder entkrampften sich wieder, doch erst nach und nach fand er aus dem Zustand der Ergriffenheit heraus. Aus der Wirrnis um ihn herum schälten sich vertraute Gesichtszüge, die von ergrautem Haar umrahmt waren und aus denen ihm ein dunkles, aufmerksames Paar Augen entgegenblickte.

Sie gehörten Diomedes, seinem Leibdiener und persönlichen Sklaven, und wie stets in solchen Augenblicken stand ehrliche Sorge darin zu lesen.

»Herr«, sagte Diomedes leise und wie um sich selbst zu beruhigen, »es ist alles gut. Es ist vorbei …«

Gaius Iulius Caesar, noch immer am Boden liegend, auf den er sich krümmend gesunken war, nickte bedächtig. Dann streckte er dem Sklaven eine sehnige Hand entgegen, sodass dieser sie ergreifen und ihm auf das Lager helfen konnte. Es war kein bequemes lectus, keine gepolsterte Liege, sondern ein karges Feldbett, den Erfordernissen des Krieges angepasst. Vorsichtig griff Diomedes nach dem Stück Holz, das er seinem Herrn zu Beginn des Anfalls zwischen die krampfenden Kiefer geschoben hatte, damit er sich nicht die Zunge abbiss, und löste es.

»Hast du einen Wunsch, Herr?«

»Wein«, verlangte dieser krächzend.

Diomedes nickte, füllte einen Kelch mit Rebensaft und reichte ihn Caesar. Der nahm ihn entgegen und trank einige Schlucke. Als er seine ausgedörrte Kehle benetzte, kehrten allmählich nicht nur die Lebensgeister zurück, sondern auch das Bewusstsein dafür, wo er sich befand und was er im Begriff war zu tun.

Und was für ihn auf dem Spiel stand …

»War es wieder der Traum?«, wollte Diomedes wissen, mit jenem eigentümlichen Akzent, der ihm als Sohn von Hellas anhaftete. Obwohl er schon so viele Jahre unter Römern lebte, klammerte er sich an sein griechisches Erbe, vermutlich, weil es alles war, was ihm von seiner alten Heimat geblieben war. Caesar ließ ihn gewähren, stand Diomedes’ Treue doch außer Frage, und seine Belesenheit und Kenntnisse in Mathematik und anderen Wissenschaften konnten sich überdies mit denen eines jeden gebildeten Römers messen. Schon so viele Jahre war Diomedes in Caesars Besitz, hatte ihm auch während des gallischen Feldzugs zur Seite gestanden und war wichtiger als ein bloßer Diener und vielmehr ein enger Freund geworden. Als einer von wenigen teilte er das Wissen um die Krankheit seines Herrn und wusste, was zu tun war, wenn der göttliche Sturm ihn ergriff und ihn fortzureißen drohte …

»Derselbe Traum, in der Tat.« Caesar nickte und nahm einen weiteren Schluck Wein. »Vier Jahre liegt es schon zurück, dass ich die Entscheidung traf, jenen Fluss zu überschreiten, und doch verfolgt sie mich seither in meinen Träumen. Es ist, als müsste ich sie jede Nacht aufs Neue treffen.«

»Womöglich«, wandte Diomedes in seiner von Dialektik geprägten Denkweise ein, »haderst du tief im Inneren mit deiner Entscheidung, Herr?«

Der Blick, den Caesar ihm sandte, war belustigt und Warnung zugleich. »Solche Worte von ewig Gestrigen wie Cassius Longinus oder Marcus Cicero zu hören, die den Fortschritt bejammern und noch immer dem Traum von der Republik nachhängen, verwundert mich nicht weiter. Aber sie aus deinem Mund zu vernehmen, ist geradezu verstörend. Ich habe das Amt, das ich bekleide, nicht errungen, weil ich ein Zauderer wäre, sondern weil ich in der Lage bin, schneller zu verstehen, zu denken und zu entscheiden als jeder dieser Narren im Senat.«

»Ich bin nur um dein Wohlergehen besorgt, Herr«, versicherte der Sklave.

»Ich weiß, mein guter Diomedes«, versicherte Caesar und leerte den Kelch bis zum Grund.

Trotz der kühlen Nacht in der hispanischen Ebene war Caesars Tunika schweißgetränkt. Er wies seinen Leibsklaven an, ihm eine frische anzulegen und wie zuvor die aus Leder und Filz gefertigte subarmalis darüber zu breiten, die Offiziere wie Legionäre unter dem Kettenhemd trugen. So angetan und mit dem purpurnen Umhang um die Schultern verließ der Feldherr sein Zelt; bei den ersten Schritten noch unsicher auf den Beinen, dann jedoch wieder vollständig Herr seiner selbst. Die Luft im Zelt kam ihm abgestanden und stickig vor, es verlangte ihn nach frischer Luft unter einem freien Himmel.

Als er hinaustrat, ging ein respektvoller Ruck durch die kräftigen, in Leder und Eisen gehüllten Gestalten, die zu beiden Seiten des Eingangs Wache hielten und in deren bronzenen Helmen sich die um das Zelt errichteten Fackeln spiegelten. Es waren altgediente Veteranen, die ihm schon in Gallien und Africa treu zur Seite gestanden hatten und es nun noch einmal taten, bei diesem letzten Kampf, den es zu führen galt. Die Wände des Zeltes waren dünn, und auch wenn Caesar alles daransetzte, dass ihm kein Laut über die Lippen kam, wenn ihn jener der Welt entrückte Zustand befiel, konnte er doch nicht wirklich kontrollieren, was dann mit ihm geschah … Vermutlich hatten die Wachen etwas mitbekommen. Aber natürlich stellten sie keine Fragen, und als ihr imperator und oberster Feldherr war er ihnen keinerlei Erklärung schuldig. Gerüchte würden wieder im Lager die Runde machen, gewiss. Doch da, wie es hieß, der große Alexander in derselben Weise von der Macht der Götter berührt gewesen war, tat das seinem Ruf als Anführer keinen Abbruch, rückte ihn im Gegenteil sogar in die Nähe des Göttlichen – und das wiederum konnte einem Mann vom Schlage und Ehrgeiz eines Iulius Caesar nur recht sein. Schon für ihren sterblichen Feldherrn waren seine Legionäre stets bereit gewesen, zu kämpfen und zu bluten – für einen Gott würden sie ohne Zögern in den Tod gehen.

Unter dem Baldachin des Zeltes trat Caesar ins Freie hervor. Ein klarer Nachthimmel wölbte sich weit und dunkel über ihm, übersät von Myriaden funkelnder Sterne. Gierig sog er die kühle Luft in seine Lungen und merkte, wie sie ihn ins Hier und Jetzt zurückholte und seinen Verstand wieder schärfte.

Den Mantel um die Schultern geschlungen, trat er bis an den Rand der Erhebung, auf der das Zelt des Feldherrn errichtet worden war. Ein weiter Ausblick bot sich von dort aus auf die im Mondlicht daliegenden endlos scheinenden Reihen der Zelte, in denen die einfachen Legionäre schliefen. Einen Augenblick lang beneidete Caesar sie um ihre Ruhe und um die Einfachheit ihres Lebens. Wenn im Morgengrauen die cornicines zum Sammeln bliesen, brauchten die Legionäre nur Befehlen zu gehorchen und für ihren imperator zu kämpfen: für den Sold, der ihnen zugedacht war, und für das Stück Land, das jeder von ihnen nach dem Ende seiner Dienstzeit bekommen würde. Weder ruhte auf ihren Schultern die Last der Verantwortung, noch hatten sie das Gewicht der Entscheidung zu tragen. Für den Feldherrn jedoch, der einsam auf seinem Hügel stand, während die Kälte der Nacht langsam unter seinen Umhang kroch, waren die letzten Stunden vor der Schlacht stets jene, in denen sich die Macht des Schicksals am deutlichsten manifestierte.

Sieg oder Niederlage, Triumph oder Untergang, Leben oder Tod – in diesen frühen Stunden war alles möglich.

Wie Caesar feststellte, war er nicht allein. Noch eine weitere Gestalt stand auf der Erhebung und blickte auf die sich jenseits des Lagers erstreckende Ebene, wo sich bei Tagesanbruch die feindlichen Heere begegnen würden. An der Art des Umhangs und der Weise, wie er getragen wurde, konnte man erkennen, dass es kein Römer war, der dort stand, sondern ein fremdländischer Verbündeter, König Bogos von Mauretania.

Schon in früheren Kämpfen hatte Bogos Caesar beigestanden – freilich nicht um der bloßen Freundschaft willen, sondern um sich einen Platz unter jenen zu sichern, die nach dem Ende des Bürgerkriegs in seiner Gunst stehen würden. Zudem hatten die verbliebenen Anhänger des Pompeius die Küsten von Bogos’ Reich geplündert und mit Verwüstung überzogen, sodass es für ihn auch um Rache ging. Auf Dutzenden von Schiffen waren seine Krieger über die Meerenge gekommen und verstärkten nun Caesars Legionen – und auch wenn er dies niemals offen eingestanden hätte, konnte Caesar die Unterstützung durch die mauretanischen Hilfstruppen wahrlich gut gebrauchen.

Nicht weniger als dreizehn Legionen hatten Titus Labienus sowie Sextus und Gnaeus Minor, die Söhne des Pompeius, aufgeboten; allesamt kampferprobte Männer. Demgegenüber hatte er, Caesar, lediglich acht Legionen unter seinem Befehl, die noch dazu in aller Eile ausgehoben worden waren und – von der ruhmreichen legio X einmal abgesehen – nicht über die Zähigkeit und Schlagkraft seiner gallischen Verbände verfügten. Wenn es also zur Schlacht gegen die verbliebenen Pompeianer kam, so waren Caesars Truppen nicht nur zahlenmäßig unterlegen, sondern auch an Schlagkraft und Erfahrung. Und das Moment der Überraschung, das ihm in der Vergangenheit in so vielen Kämpfen den Sieg eingetragen hatte, würde er diesmal ebenfalls nicht auf seiner Seite haben …

»Findet mein Waffenbruder keine Ruhe?«, sprach Caesar den Mauretanier an.

Bogos, ein untersetzter, breitschultriger Mann, dessen Augen schwarz wie Kohlen waren, grinste in seinen nicht weniger schwarzen Bart. »Findet der Löwe Ruhe, wenn er Beute wittert?«, fragte er in holprigem und etwas blumigem Latein dagegen.

Ein dünnes Lächeln spielte um Caesars hagere Gesichtszüge. Es war die Art des Mauretaniers, in Bildern zu sprechen, so wie es auch seine Art war, die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Caesar jedoch hatte Gallien und Teile Britanniens nicht erobert, weil er ein Träumer gewesen wäre, noch hatte er es zum mächtigsten Mann der römischen Republik gebracht, weil er sein Glück leichtfertig herausgefordert hätte; sondern weil er sich realistische Ziele gesetzt und stets über die Mittel verfügt hatte, diese zu erreichen.

Doch mit der Schlacht, die ihnen bevorstand, mochte all dies schon in wenigen Stunden vorbei sein …

»Bisweilen ist die Beute zäher, als man glaubt«, entgegnete er deshalb, im Bild des Verbündeten bleibend. »Ich habe Pompeius bei Pharsalus besiegt und seine Gefolgsleute bei Thapsus geschlagen und aus Africa vertrieben – und dennoch dauert dieser elende Krieg noch immer an. Die Söhne des Pompeius brennen darauf, sich für den Mord an ihrem Vater zu rächen, der hinterrücks und ohne mein Wissen geschah. Und Labienus setzt all die Finten und Taktiken ein, die ich selbst ihn einst lehrte.«

»Das ist die Folge, wenn Bruder gegen Bruder kämpft«, entgegnete Bogos bitter, um sich gleich darauf zu straffen. »Doch höre auf mich«, fügte er feierlich und in unbeirrtem Stolz hinzu, »denn ich sage dir, dass morgen um diese Zeit dein Krieg zu Ende sein wird. Denn morgen, Römer, werden sie Seite an Seite kämpfen, deine Legionen und meine Mauretanier, und du wirst einmal mehr einen großen Sieg erringen.«

Caesar sah Bogos von der Seite an, der Mondschein beleuchtete sein markantes Profil. »Mögen die Götter deine Worte hören, Freund«, entgegnete er schließlich. »Mögen die Götter sie hören …«

2

Ebene von Munda, Provinz Hispania Baetica 17. März 45 v. Chr.

Acht Stunden später war die Schlacht in vollem Gang.

Bereits vor Sonnenaufgang war der raue Ton der Kriegshörner erklungen und hatte die Legionäre zu den Waffen und aufs Feld gerufen. Mehrere Tage lang hatte Gaius Iulius Caesar nach einer Taktik gesucht, wie er seine zahlenmäßig unterlegenen Truppen gegen den übermächtigen Feind aufstellen sollte, ehe er sie hinaus auf die Ebene führte.

Die Stärke seines Heeres betrug acht Legionen, unter ihnen die verlässliche Zehnte, aber auch einige, die noch kaum Kampferfahrung hatten sammeln können; dazu rund achttausend Reiter und die Hilfstruppen aus Mauretania. Insgesamt verfügte er über knapp vierzigtausend Mann – die sich einer Übermacht von fast siebzigtausend auf der anderen Seite des Feldes gegenübersahen.

Den Feind zu überraschen, war nach den Tagen des Taktierens nicht mehr möglich. Indem sie ihn zu einer offenen Feldschlacht zwangen, die sie noch dazu von erhöhtem Gelände aus führten, hatten Titus Labienus und die Pompeiussöhne Caesar bereits einen Teilsieg abgerungen – der Rest wurde nun mit Eisen und Blut entschieden, Mann gegen Mann. Und die alte Regel, dass sich niemand im Kampf so erbittert gegenübersteht wie Soldaten, die in einem Bruderkrieg miteinander kämpfen, bestätigte sich einmal mehr.

In geordneter Formation hatten sich die feindlichen Kohorten einander genähert, und die Schlacht hatte ihren Lauf genommen. Die pila waren geworfen worden und hatten beim jeweiligen Gegner blutige Ernte gehalten, dann hatte der Nahkampf begonnen. Die milde Frühlingsluft erzitterte unter dem Geklirr der Waffen und den Schreien der Kämpfenden, Verwundeten und Sterbenden, während sich der karge Boden unter den Füßen der Legionäre dunkelrot färbte. Zunächst schlugen die Leichtbewaffneten, die hastati beider Heere, aufeinander ein, ehe die principes nachrückten – doch auch sie vermochten das Schlachtenglück für keine der beiden Seiten zu wenden. Die triarii schließlich, die in den Heeren das schwer gepanzerte Rückgrat bildeten, wichen nicht zurück, und so setzte ein zähes Kräftemessen ein, das die Männer beider Seiten mit viel Blut bezahlten und das die Pompeianer bald schon aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit für sich entscheiden würden, wenn nichts geschah …

Bis zur Mittagsstunde hatte Caesar dem Treiben zugesehen und gehofft, dass seine gallischen Veteranen die Wende brachten – doch als sich dies nicht abzeichnete und auf der rechten Flanke selbst seine gerühmte Zehnte Legion in Bedrängnis geriet, traf er eine Entscheidung. Er ließ sich von Diomedes sein Schwert bringen, bestieg sein Pferd und lenkte es ins tobende Schlachtgeschehen – geradewegs zur rechten Flanke, wo der Kampf verloren zu gehen drohte.

Eine klare Schlachtlinie gab es längst nicht mehr. Von der Hitze des Gefechts getrieben, hatten sich beide Heere ineinander verbissen, und da sie jeweils mit kurzem Schwert und Schild kämpften, war ein wildes Hauen und Stechen entbrannt. Caesar kannte das Kriegshandwerk, hatte als Feldherr Schlacht um Schlacht geschlagen. Doch die unmittelbare Nähe des Geschehens, das Gebrüll der Kämpfenden und der Gestank von Schweiß und Blut, die durchbohrten Körper und abgetrennten Gliedmaßen, die den zertrampelten Boden übersäten, machten ihm jäh bewusst, dass er an diesem Tag nicht einfach um einen weiteren Sieg kämpfte …

Sondern um das nackte Überleben.

Mit dem gladius in der Hand griff der Feldherr selbst in das Schlachtgeschehen ein – und die Männer der Zehnten, die ihn sahen, vom einfachen Legionär über die Centurionen bis hinauf zu den Tribunen, schöpften Kraft aus dem Wissen, dass ihr Anführer bei ihnen war. Mehr noch, nach allem, was er erreicht und erobert hatte, haftete Caesar der Ruf der Unbesiegbarkeit an, was seine Soldaten, wo einer abergläubischer war als der andere und die stets mit Talismanen und Glücksbringern versehen in die Schlacht gingen, als günstiges Omen nahmen.

Obschon er das Amt des Pontifex Maximus bekleidete, des obersten Priesters des Staates, hatte Caesar nie an übernatürliche Dinge geglaubt, aber er wusste, welch großen Einfluss Religiosität auf das Volk hatte und nicht zuletzt auf seine Soldaten – und er hatte gelernt, diesen Einfluss für sich zu nutzen.

»Caesar ist hier!«, geisterte es wie eine Zauberformel durch die Reihen.

»Der Feldherr selbst kämpft an unserer Seite!«

»Die Götter sind mit uns!«

»Für Caesar und Rom!«, brüllte irgendwer – und gab damit eine Losung aus, die andere aufnahmen und in ihrer Bedrängnis dem Feind entgegenschleuderten.

Nicht wenige Pompeianer fanden den Tod, als Caesars Legionäre neuen Mut fassten. Die Mahnungen der Unterführer, die Reihen zu schließen, verhallten nicht länger ungehört, ein Ruck schien durch die Legionäre zu gehen, und mit Unterstützung der schwer bewaffneten Triarier warf sich die Zehnte Legion mit neuer Kraft in die Schlacht …

Doch der Feind hielt stand.

Mehr noch – als die Pompeiussöhne, die wie Caesar ihren Platz hinter den Reihen verlassen hatten und selbst in der Schlacht kämpften, sahen, dass ihre linke Flanke in Bedrängnis war, zogen sie Truppen von der anderen Seite des Heeres ab, um sie zu verstärken.

Caesar reagierte augenblicklich.

Er hatte nicht Schlacht um Schlacht gewonnen, weil er einfältig gewesen wäre oder auf ein günstiges Schicksal gewartet hätte, sondern weil er in der Lage war, eine Möglichkeit zu erkennen, wenn sie sich bot, und jede Schwäche des Feindes gnadenlos zu nutzen.

Kaum entblößten die Pompeianer also ihre rechte Flanke, schickte Caesar seine Reiterei ins Gefecht, die er bislang noch zurückgehalten hatte: Die Ebene erzitterte, als achttausend gepanzerte equestri mit ihren langen Griechenspeeren auf die feindlichen Legionäre zuhielten und sie im Dutzend durchbohrten. Und noch während dies geschah, griffen die Hilfstruppen unter König Bogos von Mauretania das jenseits des Schlachtfelds gelegene Lager des Feindes an.

Nunmehr, da sich das zahlenmäßig überlegene Heer der Pompeianer gleich von zwei Seiten herausgefordert sah, entbrannte die Schlacht vollends zu einem blutigen Gemetzel, dessen Ausgang allerdings wieder völlig offen war.

Der Würfel war einmal mehr geworfen.

Wie würde er fallen?

3

Porta Fontinalis, Rom Mai 45 v. Chr

Habt ihr es gehört?«

»Boten haben Kunde aus Hispania gebracht …«

Die vermummte Gestalt, die sich in eine der dunklen Gassen drückte, die sich am südlichen Ende des Kapitols erstreckten, erstarrte innerlich. Mit angehaltenem Atem lauschte sie den Gesprächen der Posten, die an der Porta Fontinalis ihren Wachtdienst versahen, einem der altehrwürdigen Tore der Stadt.

»Es heißt, Labienus und die Söhne des Pompeius haben gesiegt«, fuhr der eine der beiden Wächter fort. Auf ihre Umhänge hatten sie infolge der lauen Frühsommernacht verzichtet, das Metall ihrer Kettenhemden leuchtete matt im Schein der Fackeln.

»Und Caesar?«, fragte der andere.

»Liegt erschlagen in seinem Blut. Angeblich hat er in vorderster Reihe mitgekämpft – das wurde ihm wohl zum Verhängnis.«

»Recht so«, meinte der andere Stadtsoldat und setzte ein breites Grinsen auf. »Warum soll’s ihm besser gehen als dem Rest von uns Legionären?«

»Was redest du da? Caesar war immer einer von uns, ein Mann aus dem Volk!«

»Du solltest nicht alles glauben, was an Latrinenwände gekritzelt wird, Quintus. Dieser Mistkerl ist niemals einer von uns gewesen, sondern Patrizier durch und durch.«

»Aber er hat stets gut für seine Soldaten gesorgt!«

»Glaubst du ernsthaft, dass es diesem Kerl je um etwas anderes gegangen ist als um sich selbst? Träum weiter, Quintus!«

»Vermutlich hast du recht«, meinte der erste Posten, »aber es ist Caesar nicht gut bekommen. Wie es heißt, ist Labienus bereits auf dem Weg nach Rom, und Caesars Kopf trägt er auf ein pilum gespießt als Trophäe vor sich her.«

»Mit oder ohne Lorbeerkranz?«, fragte der andere, und dann lachten beide derb – während der Vermummte in der Gasse vor Entsetzen fast vergehen wollte.

Vor zwölf Tagen hatte er Rom verlassen, um dem aus Hispanien heimkehrenden Caesar entgegenzureiten und ihn gebührend zu begrüßen. Doch unterwegs hatte es bereits erste Gerüchte gegeben, dass der Kampf gegen die Söhne des Pompeius nicht zu Caesars Gunsten ausgegangen war, dass den glanzvollen Siegen, die er gegen die Verteidiger der Republik errungen hatte, nun eine bittere Niederlage gefolgt war. In Bononia schließlich war zur Gewissheit geworden, was der Vermummte bis dahin nur befürchtet hatte, und so hatte er den Oberbefehl über seine Einheit seinem Unterführer übergeben, sich selbst jedoch auf den Weg zurück nach Rom gemacht – nicht länger in Rüstung und Ornat eines militärischen Legaten, die ihn auf den ersten Blick verraten hätten, sondern angetan mit einer verlausten, stinkenden paenula, die er im Vorbeireiten einem Bauern abgeknöpft hatte. So verkleidet, die Kapuze tief ins mit Ruß und Schmutz geschwärzte Gesicht gezogen, sodass nur das bärtige Kinn zu sehen war, war er bei Sonnenuntergang unbemerkt in die Stadt gelangt – zu der Zeit, da der Wachwechsel nahte und die Posten begierig waren, die Tore zu schließen. Kaum hatte er die Pforte passiert, war er in eine dunkle Nische geschlüpft und hatte den Einbruch der Dunkelheit abgewartet – nun, da es dunkel geworden war, war es endlich an der Zeit, noch den Rest des Weges zurückzulegen.

Nicht, dass es ungefährlich gewesen wäre, sich des Nachts auf den Straßen von Rom zu bewegen – während die Tiberstadt am Tage vor Leben und Betriebsamkeit überquoll, verkam sie bei Nacht zu einem dunklen Monstrum, in dessen stinkenden Eingeweiden Schläger und Räuberbanden ihr Unwesen trieben. Dennoch war der Vermummte bereit, das Risiko einzugehen – die Gefahr einer Entdeckung wog für ihn ungleich schwerer.

Die westlichen Ausläufer des Armenviertels mied er dennoch; am Atrium Libertatis vorbei, wo die Aufzeichnungen der censores lagerten, gelangte er zum Forum, das als einer der wenigen Plätze der Stadt beleuchtet war. In den umgebenden Straßen und Gassen dagegen herrschte teerige Schwärze.

Der Vermummte wich einer Gruppe von Betrunkenen, die lauthals grölend um die Häuser zogen, ebenso aus wie den Posten vor den Tempeln. Mit heftig pochendem Herzen erreichte er den Palatin und bog in die vertrauten Straßen ein, die sich dort zwischen den Herrenhäusern erstreckten – den letzten Rest des Weges hätte er auch mit verbundenen Augen gefunden. Trotz aller Sorgen, der Erschöpfung und der durchlittenen Strapaze verfiel er in Laufschritt, als er in Sichtweite seines Hauses kam. Hoch und dunkel ragte die Außenmauer auf, das darin eingelassene Tor kam ihm vor wie eine Verheißung. Sein Herz schlug heftig, als er gegen die Pforte pochte, im Vertrauen darauf, dass der Haussklave, der neben dem Eingang schlief, erwachen und seine Pflicht tun würde.

Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis Schritte zu hören waren und der in das Holz der Tür eingelassene Sehschlitz geöffnet wurde. Im Schein einer Öllampe erschien ein vertrautes Augenpaar, das allerdings keine Anstalten machte, auch ihn zu erkennen.

»Lass mich ein«, verlangte der Vermummte drängend.

Der Mann hinter der Tür ließ ein verächtliches Schnauben vernehmen. »Glaubst du, das hier ist Subura? Du Trottel hast dich an der Tür geirrt!«

»Ganz sicher nicht«, versicherte der Vermummte und zog seine Kapuze so weit zurück, dass sein Gesicht zu sehen war. Selbst jetzt brauchte der Diener noch einen Moment, um zu erkennen, wer vor ihm stand. Dann allerdings hellten sich seine Züge plötzlich auf – ehe sie sich mit blankem Entsetzen füllten, weil ihm sein Irrtum klar wurde.

»Herr«, stieß er entsetzt hervor und öffnete sogleich die Tür. »Bitte verzeiht, ich habe Euch nicht erkannt …«

Der Vermummte erwiderte nichts darauf, sondern huschte nur hinein. Er wartete, bis der Sklave – ein Syrer, den er vor allem seiner Muskelkraft, nicht aber seines Verstandes wegen gekauft hatte – die Tür wieder geschlossen und verriegelt hatte. Dann holte er aus und schlug mit aller Kraft zu.

»Mein … mein Ohr«, stöhnte der Mann, während er benommen niederging.

»Nennst du deinen Herrn noch einmal einen Trottel, werde ich es nicht bei einer einzelnen Ohrfeige bewenden lassen«, stellte der heimgekehrte Hausherr mitleidlos klar. »Wo ist die domina des Hauses? In ihrem Schlafgemach?«

»J-ja, Herr«, stieß der Syrer wimmernd hervor, sich die Stelle reibend, wo ihn die Faust getroffen hatte.

»Wecke Primus. Er soll vier Sklaven am Tor zur Wache aufstellen und zwei weitere vor dem Gemach der Herrin.«

»Ver-verstanden, H-herr«, beeilte sich der Syrer zu stottern und eilte davon.

Den Umhang, den er dem Bauern abgenommen und der ihn bis zur Schwelle seines Hauses vor Entdeckung geschützt hatte, warf der Hausherr achtlos ab. Dann griff er nach einer brennenden Öllampe, schritt den kurzen Gang hinab und durchquerte das nach oben offene Atrium des Hauses, auf dessen anderer Seite eine schmale Treppe in den ersten Stock führte, zum Schlafgemach der Herrin.

Hastig nahm Antonius die Stufen, dann öffnete er leise die Tür und schlich hinein, ohne das bärtige, schmutzige Gesicht gereinigt oder die von der Reise staubige Tunika abgelegt zu haben.

Mondlicht fiel durch das schmale Oberlicht und beleuchtete das Bett, in dem Fulvia lag – genauso schön und begehrenswert, wie er sie in Erinnerung hatte. Feuerrotes Haar umrahmte ein bleiches, anmutiges Gesicht, ihr halb geöffneter Mund lud ihn ein, seine Lippen darauf zu pressen und sie gebührend zu begrüßen … doch dazu kam es nicht.

Denn kaum näherte er sich ihrem Lager und beugte sich vor, schlug sie die Augen auf. Im Halbdunkel sah sie wenig mehr als ein bärtiges Antlitz über sich schweben, begleitet von einem fremden, barbarischen Geruch. Ihre Augen weiteten sich und ihr Mund öffnete sich zu einem entsetzten Schrei, der ihr jedoch nie über die Lippen kam, denn seine Rechte schoss vor und versiegelte ihren Mund.

»Schhh«, machte er – doch das half nichts.

In einem Ausbruch roher Kraft, den er so nicht von ihr erwartet hatte, bäumte sie sich auf, warf sich herum und griff nach einem Gegenstand, der neben dem Bett auf dem Beistelltisch lag. Der Dolch blitzte im fahlen Mondlicht, dann stach sie auch schon damit zu – doch gegen den erfahrenen Soldaten hatte sie keine Chance.

Mit einer geübten Bewegung entrang er ihr die Klinge und warf sie auf den Boden, wo sie klirrend landete.

»Bei allen Göttern!«, rief er aus. »Hast du den Verstand verloren, Weib, dass du so deinen Ehemann begrüßt?«

»Meinen …?«, wiederholte sie nur keuchend, während sie auf die andere Seite des Lagers zurückwich. »Mar-Marcus?«

Er ließ sich auf der Bettkante nieder und hielt die Öllampe so, dass sie sein Gesicht beleuchtete.

Es war ein ramponiertes, bärtiges und von Schrecken und Strapazen gezeichnetes Gesicht, das noch dazu mit Dreck beschmiert war. Dennoch begriff Fulvia in diesem Moment, dass das Antlitz, in das sie mit furchtgeweiteten Augen starrte, keinem anderen als ihrem Ehemann Marcus Antonius gehörte – und ihm ging einmal mehr auf, dass er sie nicht nur ihres Geldes wegen geheiratet hatte, sondern auch um ihrer Schönheit willen. Tiefe Entrüstung sprach aus ihrem Gesicht, ließ es jedoch nur noch schöner werden.

»Dasselbe könnte ich dich fragen«, erwiderte sie dann mit jenem wilden Feuer, das er so an ihr schätzte. »Was fällt dir ein, dich in mein Gemach zu schleichen wie ein gemeiner Dieb, noch dazu in dieser Aufmachung? Du stinkst, als hättest du in der Cloaca Maxima gebadet.«

»Nicht freiwillig, mein Herz« beteuerte Antonius schnaubend. »Ich musste fliehen, mehrere Tage lang habe ich mich vor den Pompeianern versteckt. Selbst jetzt kann ich mir nicht sicher sein, dass mir niemand gefolgt ist.« Er erhob sich wieder, legte den Kopf in den breiten Nacken und lauschte. Ein Hund bellte irgendwo weit draußen, aber kein Lärm drang aus den umliegenden Straßen.

Auf dem Palatin schien alles ruhig zu sein.

Verdächtig ruhig …

»Was ist hier los?«, wollte Antonius wissen. »Ist die Kunde noch nicht bis nach Rom gedrungen?«

»Welche Kunde?« Ihre hohe Stirn legte sich in Falten. »Wovon sprichst du?«

Er wandte sich ab, weil er nicht wollte, dass sie ihm seine Betroffenheit ansah. Dabei schnaubte er wie ein Stier. »Ich war in Bononia, als ich es erfuhr«, begann er dann. »Zuerst hielt ich es nur für Gerüchte, aber dann …«

»Gerüchte? Worüber?«

»Caesar«, stieß Antonius hervor. »Bei Munda ist sein Heer auf Labienus und die Söhne des Pompeius getroffen und bis auf den letzten Mann vernichtet worden. Der dictator ist tot, sein Kopf steckt auf einem Spieß, den Labienus vor sich herträgt.«

Wieder schnaubte er.

Alles war gesagt. Es war das erste Mal, dass er all dies laut ausgesprochen hatte, aber wenn er geglaubt hatte, dass es ihm Erleichterung verschaffen würde, so hatte er sich gründlich geirrt.

Fast völlige Stille herrschte im Schlafzimmer, nur ein leises Wimmern war zu hören – Fulvia, die den Tod des Mannes betrauerte, der Antonius’ Freund und Mentor gewesen war, sein Förderer in politischen Ämtern. So gut wie alles, was Antonius erreicht hatte, hatte er Iulius Caesars Gunst zu verdanken, und auch wenn sie zuletzt ein wenig nachgelassen hatte …

Plötzlich stutzte er.

Etwas stimmte nicht. Es war kein Wimmern, das Fulvia da von sich gab, kein leises Wehklagen – sondern ein albernes, mädchenhaftes Kichern!

»Was, bei Mars …?«, stieß er hervor – als Fulvia in lautes Gelächter ausbrach und sich geradezu ausschütten wollte. Eine wahre Eruption von Heiterkeit brach aus ihr hervor und ließ ihn an ihrem Verstand zweifeln. War die schlechte Nachricht zu viel für sie gewesen?

»Ach, Marcus«, rief sie, »Caesar ist am Leben!«

»Was?« Er glaubte, nicht recht zu hören.

»Es ist wahr, dass die feindlichen Heere in Hispanien aufeinandergetroffen sind und dass Caesars Streitmacht an Zahl und Schlagkraft unterlegen war – doch der alte Fuchs hat es einmal mehr geschafft, das Schlachtenglück zu wenden und einen weiteren Sieg zu erringen. Titus Labienus starb in der Schlacht, ebenso wie der ältere der beiden Pompeiussöhne …«

»Also ist es nicht Caesars Kopf, der auf der Lanze streckt, sondern der einfältige Schädel von Gnaeus Minor?« Ein zufriedenes Grinsen huschte über Antonius’ Züge. Er hatte den jüngeren Sohn des Pompeius nie leiden können – in seinen Augen war er ein Gernegroß, der sich stets auf den Namen des großen Vaters verließ, selbst aber nichts leistete und seine Nase entschieden zu weit oben trug.

»Das ist anzunehmen«, stimmte Fulvia zu. »Nur Sextus Pompeius ist entkommen, doch das ändert nichts daran, dass der Sieg unser ist. Schon bald wird Caesar nach Rom zurückkehren – und dann, mein Gemahl, wird es Zeit, dass du dein verdientes Recht als sein Stellvertreter einforderst!«

»Caesar lebt«, wiederholte Antonius wie ein Echo, während er all das zu begreifen versuchte. Sechs Tage und Nächte lang hatte er in der Überzeugung gelebt, dass sein mächtigster Verbündeter tot und all seine Pläne zusammen mit ihm gescheitert waren, doch nun standen ihm wieder alle Möglichkeiten offen. »Und du bist dir ganz sicher?«, fragte er in einem letzten Anflug von Zweifel.

»Dies ist Rom«, entgegnete sie nur, und ein betörendes Lächeln huschte dabei über ihr blasses Gesicht. »Hierher führen alle Straßen und Handelswege – was immer in der Welt geschieht, wirst du hier als Erstes erfahren. Vorausgesetzt, man hat verlässliche Informanten.«

Antonius nickte – das stimmte freilich. Im Hafen von Ostia landeten jeden Tag Schiffe an, die Güter aus der hispanischen Provinz nach Italien brachten – und zusammen mit ihnen auch die neuesten Nachrichten …

In diesem Moment waren draußen Schritte zu hören.

»Was ist da los?«, wollte Fulvia wissen.

»Ich habe Primus wecken lassen«, gestand Antonius achselzuckend. »Er sollte … das Haus bewachen …«

»Gut so«, stimmte sie zu. »Wenn er schon auf den Beinen ist, kann er sich nützlich machen und Wein bringen. Vom guten Falerner.«

»Wein?« Antonius sah sie zweifelnd an.

»Wir sollten feiern«, bestätigte sie und schlug das Laken zurück, um ihm zu offenbaren, dass sie außer einem aufreizenden Lächeln nichts am Leibe trug. »Willkommen zu Hause, mein Gemahl …«

4

Forum Romanum, Rom Wenige Tage später

»… und nach allem, was man hört, hat die stolze Fulvia ihrem heimgekehrten Gemahl in dieser Nacht bereitwillig das Tor geöffnet«, schloss der kleine Mann mit dem runden Kopf, auf dem ein dünnes Gespinst weißer Haare gedieh, seinen Bericht, sehr zur Belustigung der in noch weißere Togen gekleideten Senatoren, die um ihn versammelt standen und begierig lauschten.

»Wie es heißt, soll er sich als Bauer verkleidet haben, um ungesehen in die Stadt zu gelangen«, wusste ein anderes Mitglied des Rates zu berichten, worauf es noch mehr Gelächter gab. »Der gute Antonius glaubte wohl, Caesar wäre geschlagen und sein letztes Stündlein gekommen.«

Wieder lachten die sieben Männer, die sich auf den Stufen des Tempels von Castor und Pollux trafen – dass das Haus der Dioskuren in letzter Zeit öfter die Sitzungen des Senats zu beherbergen hatte, war den fanatischen Anhängern des Volkstribuns Publius Clodius Pulcher zu verdanken, die im Zuge seines Begräbnisses die alte Kurie in Brand gesteckt und in ein gewaltiges Totenfeuer verwandelt hatten. Nicht unerheblichen Anteil daran hatte Clodius’ Gattin Fulvia gehabt, die die ohnehin schon rasende Menge zu der Untat angestiftet hatte – dieselbe Fulvia, die nun das Bett von Marcus Antonius wärmte …

»Dieses Weib ist unberechenbar«, merkte ein weiterer Senator an. »Antonius sollte aufpassen, dass sie nicht auch ihm das Haus über dem Kopf anzündet!«

Erneut gab es Gelächter – nur einer der sieben lachte nicht. Im Gegenteil, Zornesfalten hatten sich auf der Stirn des Mannes gebildet, dessen Erscheinung etwas Finsteres hatte. Im vierzigsten Jahr seines Lebens stehend, hatte er rabenschwarzes, nach alter Art kurz geschnittenes Haar, das sich an den Schläfen grau färbte. Aus seinen Augen jedoch sprachen gleichermaßen Trotz und jugendliche Kampfeslust. »Wer seid ihr, dass ihr euch am Straßenklatsch erfreut?«, fragte er giftig. »Römische Senatoren oder Waschweiber, die sich am Brunnen treffen?«

»Was fällt dir ein?«, erinnerte sich einer der älteren Senatoren nun plötzlich wieder seiner Würde.

»Häme ist die Freude des kleinen Mannes«, verteidigte sich der Senator mit dem runden Kopf. »Wusstest du das nicht, Freund Cassius?«

»Du sagst es, Cicero«, bestätigte der Finstere. »Und wie klein willst du dich noch vor Caesar machen?«

»Hast du die Nachrichten aus Hispanien denn nicht gehört?«, fragte der Gescholtene dagegen. »Caesar ist siegreich gewesen. Titus Labienus und ein Sohn des Pompeius sind tot, der andere befindet sich auf der Flucht. Ist Caesar erst zurück in Rom, wird seine Macht nahezu unbegrenzt sein – und wir alle tun gut daran, dies anzuerkennen. Selbst wenn uns das Herz dabei bluten mag.«

»Ist das deine Überzeugung?« Cassius schnaubte verächtlich. »Hattest du es deshalb so eilig, Caesars Gnade zu erbitten, nachdem wir bei Thapsus geschlagen waren?«

»Nun«, entgegnete Cicero gelassen, »wenn ich mich recht entsinne, werter Cassius, hast du dich ebenfalls der Gnade Caesars ausgeliefert, ebenso wie dein getreuer Schwager Iunius Brutus. Und irre ich mich, oder hat er seine Machtfülle dazu genutzt, euch beide zu Praetoren zu machen? Mehr noch, wie mir zu Ohren gekommen ist, plant Caesar, dich aufgrund deines Wissens und deiner Erfahrung beim bevorstehenden Feldzug gegen die Parther zum Tribun zu ernennen …«

»Deine Ohren dienen dir trefflich, werter Cicero, das ist schon immer so gewesen«, räumte Cassius ein. »Aber eine Gnade anzunehmen, bedeutet nicht, sie zuvor erbeten zu haben. Ich tue lediglich, was nötig ist, um zu überleben.«

»Wir alle tun das – wäre es nicht so, würden wir alle enden wie Cato, der lieber den Freitod wählte, als Caesars clementia anzunehmen. Ein zwar überaus ehrenhaftes, jedoch auch ziemlich endgültiges Unterfangen.«

Beifälliges Nicken machte die Runde, denn leider war es nur zu wahr: Marcus Porcius Cato, von allen Gegnern Caesars der erbittertste, hatte in der Niederlage seinem Leben lieber ein Ende gesetzt, als seinem Feind Gelegenheit zu geben, ihm gegenüber Milde zu zeigen. Damit hatte er ein heroisches Beispiel gegeben … auch wenn das Ende selbst nicht sehr glorreich ausgefallen war.

Denn als ein Arzt gekommen war, um die Bauchwunde, die Cato sich selbst zugefügt hatte, wieder zu schließen, hatte dieser kurzerhand in die offene Wunde gegriffen und sich mit bloßen Händen die Eingeweide herausgerissen. Daraufhin, so hieß es, sei er elend verblutet. So sehr die Senatoren, die an diesem Morgen auf den Tempelstufen standen, sein Vorbild auch preisen mochten, verspürte doch keiner von ihnen das Verlangen, es ihm gleichzutun …

»Sieh dich doch nur einmal um, Cassius«, forderte Cicero den Jüngeren auf und ließ dabei selbst den Blick über das Forum schweifen. Nach Süden hin sah der ehrwürdige Platz noch immer aus wie zu den Tagen der Scipionen: Mächtige Tempel und ausgedehnte Markthallen reihten sich bis hinab zum kreisförmigen Tempel der Vestalinnen aneinander. Auf der anderen Seite jedoch, wo sich zwischen Kapitol und Quirinal ein breiter Sattel formte, war rege Bautätigkeit im Gang: Gerüste waren errichtet worden, auf denen Steinmetze und Maurer fieberhaft arbeiteten, während Tagelöhner und Sklaven das dazu benötigte Material herbeischleppten.

»Es sind Caesars Mauern, die dort emporgezogen werden, um auf sein Geheiß das Forum zu erweitern«, erläuterte Cicero dazu. »Ein weiterer Platz kommt hinzu, und eine neue Säulenhalle sowie eine neue Versammlungshalle für den Senat werden errichtet, die ihrem Erbauer zu Ehren den Namen ›Curia Iulia‹ tragen wird. Und weil das der Ehre noch nicht genug ist, wird ihr gegenüber ein neuer Tempel errichtet, der Venus Genetrix geweiht – jener Göttin, die der Sage nach den Helden Aeneas nach der Zerstörung von Troia an die italischen Gestade geführt und ihn zum Begründer eines neuen Geschlechts machte, nämlich gerade jener Iulier, denen auch Caesar angehört.«

Cassius gab sich demonstrativ unbeeindruckt. »Na und?«, fragte er. »Was willst du damit sagen?«

»Damit will ich sagen, dass das Rom dieser Tage ein Abbild der Republik ist, mein Freund. Teile des Alten sind noch immer vorhanden, aber Caesar ist dabei, es in Windeseile zu verwandeln und uns alle vor vollendete Tatsachen zu stellen. So wie er steinerne Bauten errichtet, erlässt er auch seine Gesetze – auf dass sie ewig Bestand haben sollen.«

»Noch nicht«, widersprach Cassius leise.

»Was meinst du?«

»Caesar mag bei Munda gesiegt haben, doch noch ist das Reich nicht befriedet. Vergesst nicht, dass Sextus Pompeius entkommen ist – genau wie sein Bruder hat er Caesar Rache für den Tod ihres Vaters geschworen, und er wird keine Ruhe geben. Und in Iudaea sind Unruhen ausgebrochen, seit Quintus Bassus Caesars dortigen Statthalter ermorden ließ und seine Legionen im Handstreich an sich gebracht hat.«

»Und?«, fragte einer der Senatoren dagegen. »Bassus ist weniger interessiert daran, die Republik wiederherzustellen, als sich selbst die Taschen zu füllen.«

»Dennoch wird Caesar nichts übrigbleiben, als darauf zu reagieren«, beharrte Cassius. »Selbst wenn er demnächst nach Rom zurückkehren sollte, wird er nicht lange bleiben können und schon bald wieder nach Osten aufbrechen, zumal er auch gegen die Parther zu Felde ziehen will.«

»Natürlich«, pflichtete einer der anderen Senatoren bei. »Caesar träumt davon, ihr Reich ebenso zu unterwerfen, wie er es zuvor mit den Galliern tat, und so die Schmach zu tilgen, die unseren Legionen bei Carrhae widerfahren ist.«

»Nicht von ungefähr ist dies sein Traum«, meinte Cicero, »denn sollte ihm dieses Kunststück gelingen, wird sein Ruhm unsterblich sein. Man wird seinen Namen in einem Atemzug mit Iupiter selbst nennen, und der nächste Tempel, den man in Rom errichtet, wird ihm gewidmet sein.«

»Vielleicht«, meinte Cassius, und ein wölfisches Lächeln spielte dabei um seine hageren Züge, »aber ehe es nicht so weit ist, ist Caesar in Rom noch angreifbar – und das sollten wir niemals vergessen.«

5

Domus Publica, Rom Sextil 45 v. Chr.

Calpurnia wartete.

Früher, als junges Mädchen, hatte die Tochter des einflussreichen Senators Lucius Calpurnius Piso Caesoninus mannigfaltige Interessen gehabt; sie hatte sich für Dichtkunst und Philosophie begeistert und war ihrem Vater dankbar dafür, dass er ihr die häusliche Bibliothek geöffnet und ihr Zugang zu all diesen Dingen verschafft hatte; doch seit sie im Alter von achtzehn Jahren mit Gaius Iulius Caesar verheiratet wurde, war geduldiges Warten zu ihrer eigentlichen Beschäftigung geworden. Sie konnte von sich behaupten, es darin zur Meisterschaft gebracht zu haben.

Es war keine Liebesheirat gewesen.

Die Ehe, von ihrem Vater angebahnt und gestiftet, hatte vor allem der Verbindung zweier mächtiger Männer dienen sollen. Nicht von ungefähr hatte Caesar zugleich auch seinem damaligen Verbündeten Gnaeus Pompeius seine Schwester Iulia in die Ehe gegeben. Natürlich hatte ebenso die Überlegung eine Rolle gespielt, dass eine neue, in der Blüte ihrer Jugend stehende Gemahlin die Verbindung um Nachkommen bereichern würde …

Das war vor vierzehn Jahren gewesen.

Obwohl ihr Ehemann ihr oftmals beigewohnt hatte, hatte Calpurnias Schoß seither keinen Erben geboren. Ihre Ehe war kinderlos geblieben, und natürlich redeten die Leute, zerrissen sich das Maul darüber, woran es liegen mochte. Nach allem, was Calpurnia hin und wieder von ihren Sklavinnen zugetragen wurde, gab es wohl zwei vorherrschende Meinungen: Die einen waren der Ansicht, dass der ehrgeizige Caesar das Schicksal und die Götter zu oft herausgefordert hätte, als dass sie ihm auch noch diesen Wunsch erfüllen wollten. Die andere, für Calpurnia nicht eben schmeichelhafte Version besagte, dass es an ihr liege … dass der Ort zwischen ihren Beinen so trocken sei wie die syrische Wüste und ihr Schoß nicht in der Lage, ein Kind zu gebären. Dass es die Lenden des dictator sein könnten, die ihren Dienst versagten, argwöhnte niemand, gab es doch einen springlebendigen, zwei Jahre alten Beweis dafür, dass Caesars Zeugungskraft ungebrochen war.

Wann immer Calpurnia daran dachte, verspürte sie einen schmerzhaften Stich, doch das änderte nichts daran, dass sie ihrem um dreiundzwanzig Jahre älteren Gemahl, der seine damalige Frau verlassen hatte, um die Verbindung mit ihr eingehen zu können, von Herzen zugetan war.

Dabei war es nicht die Stärke, die sie an ihm bewunderte, und auch nicht seine Macht oder die Tatsache, dass er im Begriff war, der römischen Republik ein neues Gesicht zu geben und sie dadurch vor der Gier einzelner Senatoren zu retten; es war der Mensch, dem ihre Liebe galt, jenem klugen, einsichtigen und fürsorglichen Mann, den außerhalb der Mauern dieses Hauses kaum jemand kannte. Tief unter der Rüstung aus Härte und Entschlossenheit, die er angelegt hatte, um in der Welt nicht nur bestehen, sondern der Erste sein zu können, hatte sie ihn irgendwann entdeckt, den anderen Caesar, und ihn kennen und lieben gelernt.

Bedauerlicherweise war sie nicht die Einzige …

Calpurnia wartete einmal mehr, auf einer steinernen Bank in der Säulenhalle der Domus Publica sitzend – eines großzügigen, am Forum gelegenen Wohnhauses, das dem Pontifex Maximus vorbehalten war und das Caesar seit seiner Berufung in dieses Amt bewohnte. Sie trug das neue Kleid, das sie sich eigens für diesen Tag hatte anfertigen lassen und das aus einer bodenlangen Tunika und einer um die Schultern gelegten Stola in aufeinander abgestimmten Blautönen bestand. Sie hatte den Schmuck angelegt, den Caesar ihr zuletzt geschenkt hatte, die goldenen Ohrringe und die Halskette mit dem Smaragd; sogar eine ornatrix hatte sie eigens ins Haus kommen lassen, die ihr die Haare geschnitten und ihr eine Frisur nach der neuesten Mode gestaltet hatte, streng zurückgekämmt und von einer goldenen Spange gehalten; das Gesicht hatte sie ihr mit Eselsmilch gewaschen, die Haut mit Bleiweiß gepudert und Lippen und Wangen mit Purpur hervorgehoben.

Calpurnia wollte schön sein, wenn sie ihrem Gemahl zum ersten Mal nach beinahe einem Jahr wiederbegegnete – doch es war nicht der einzige Grund, weshalb sie nach der ornatrix gerufen hatte. Die zurückliegenden Monate hatten Spuren hinterlassen, und die perfekte Maske war auch dazu da, die Erschöpfung zu verbergen und die Falten von Gram und Sorge, die sich tief in ihr Gesicht gegraben hatten.

Die ganze Zeit über, seit er Rom im vergangenen Jahr verlassen hatte, war sie in ihren Gedanken bei ihrem Gemahl gewesen, hatte gehofft und vor den Göttern für ihn gebetet, während sie bange auf neue Kunde aus Hispanien gewartet hatte. Als dann im Frühsommer kurzzeitig Gerüchte aufgetaucht waren, die Pompeianer hätten bei Munda gesiegt und ihr Gemahl wäre auf dem Schlachtfeld erschlagen worden, hatte sie erwogen, ihrem Leben ein Ende zu setzen – nicht nur aus Schmerz über den Tod ihres Caesars, sondern auch, weil ihr klar gewesen war, dass sie von seinen Feinden nichts Gutes zu erwarten hatte. Es waren nicht ihre Entscheidungen, die zu jener erbitterten Feindschaft und zum Zusammentreffen auf dem Schlachtfeld geführt hatten, aber als Frau an Caesars Seite bekannte sie sich dazu und war bereit gewesen, ihm in den Tod zu folgen. Doch dann war neue Nachricht eingetroffen, Kunde von einem glorreichen Sieg – und nun war der Sieger nach Rom zurückgekehrt.

Calpurnia wartete.

Wie lange das Warten gedauert hatte, wusste sie später nicht mehr genau zu sagen, aber irgendwann – es mochte um die fünfte Stunde gewesen sein, vernahm sie Stimmengewirr, das vom Forum herüberdrang, und dazu den festen Tritt genagelter caligae, wie Soldaten sie trugen. Aufgeregt wie ein Kind sprang sie von ihrer Bank auf, konnte nicht verhindern, dass ihr Herz plötzlich schneller schlug, aller Geduld zum Trotz, die sie sich über die Jahre selbst anerzogen hatte.

Die Pforte wurde geöffnet und die Segenswünsche für den zurückgekehrten Hausherrn gesprochen – und kurz darauf trat ihr aus dem Dunkel des Ganges eine hagere, in eine purpurverbrämte Toga gehüllte Gestalt entgegen, die ihr zugleich fremd war … und vertraut.

Caesar war älter geworden.

Nicht nur um dies eine Jahr, sondern gereift an Dingen, die er gesehen, und an Entscheidungen, die er getroffen hatte. Das Haar auf seinem Kopf war noch spärlicher geworden und ein gutes Stück grauer; seine Gesichtszüge waren schmal und asketisch, und am Blick seiner Augen konnte Calpurnia erkennen, dass sie noch mehr Tod und Grauen gesehen hatten. Seine Miene jedoch war die altvertraute, und ein freundliches Lächeln spielte um die schmalen Mundwinkel.

In respektvollem Abstand vor ihr blieb Caesar stehen. »Guten Tag, Calpurnia«, sagte er nur.

So lange hatte sie gewartet, sich unzählige Male ermahnt, nicht selbstsüchtig oder undankbar zu sein. Jetzt hielt sie es nicht mehr aus. Zu einer Erwiderung des Grußes war sie nicht fähig, stattdessen trat sie nur auf ihn zu, das Haupt gesenkt, damit er die Tränen in ihren Augen nicht sah. Dann umarmten sie einander, lange und innig, so als wollte sich jeder des anderen versichern in einer Welt, in der so vieles unsicher war.

Als sie sich wieder voneinander lösten und er ihr Kinn hob, um ihr ins Gesicht zu sehen, waren die Tränen unübersehbar. In gezackten Rinnsalen liefen sie über ihre Wangen und zerstörten das vollkommene Antlitz, das die ornatrix geschaffen hatte, aber Calpurnia konnte nicht anders. Nachdem sie so lange tapfer ausgeharrt hatte, überwältigten sie jetzt ihre Gefühle, und sie war glücklich, ihren Gemahl wieder bei sich zu wissen. Und mit ihm auch die Sicherheit, die seine Nähe brachte …

»Den Göttern sei Dank«, hauchte sie nur, ein ums andere Mal. »Den Göttern sei Dank.«

»Mars hat mir den Sieg geschenkt und Venus hat mich wohlbehalten zu dir zurückgebracht«, erwiderte Caesar leise. »Verzeih, wenn ich dir Schmerz bereitet habe.«

»Verzeihen?« Sie sah ihm in die Augen. »Da gibt es nichts zu verzeihen, mein Gemahl.«

»Nein? Ich sehe Tränen in deinen Augen«, erwiderte er, »und ich kenne den Grund dafür. Während ich in der Fremde war, hast du das Haus und seine Gemeinschaft gehütet. Dafür gebühren dir mein Dank, mein Respekt und meine Liebe … und die Geschenke, die ich dir aus Hispanien mitgebracht habe. Wünschst du, sie zu sehen?«

»Später, mein Gemahl«, erwiderte sie, während sie ihn sanft am Arm fasste und zu der Bank zog, auf der sie zuvor noch allein gesessen war. »Zuerst möchte ich wissen, wie es dir ergangen ist. Ich wünsche, alles zu erfahren.«

»Ich fürchte, viel gibt es da nicht zu erzählen«, entgegnete Caesar, während er sich niederließ – auch das, wie sie bemerkte, ein wenig langsamer als noch ein Jahr zuvor. »Es war ein Feldzug wie andere, auch wenn ich noch nie so erbittert kämpfen musste wie dieses Mal. Es war eine Schlacht unter Brüdern, ein elendes Morden, und bisweilen glaubte ich, dass ich nicht zu dir zurückkehren würde. Doch hier bin ich, mein Herz, und einmal mehr bin ich siegreich geblieben.«

»Dann ist es nun also vorbei?« Calpurnia sah ihn hoffnungsvoll an, die Tränen hatte sie mit dem Saum ihrer Stola getrocknet. »Die Pompeianer sind besiegt, alle Macht liegt nun in deinen Händen? So wie du es immer wolltest, zum Wohl der Republik?«

Ein leises, freudloses Lachen entrang sich Caesars Kehle. »Ich wünschte, es wäre so«, gestand er. »Aber Sextus ist entkommen, und im Osten regt sich schon neuer Widerstand. Von den Parthern, die jenseits unserer Grenzen darauf warten, auf ihren Platz verwiesen zu werden, ganz zu schweigen …«

»Aber nicht jetzt«, widersprach Calpurnia leise.

»Nein, nicht jetzt«, gestand er zu. »Jetzt bin ich nur hier bei dir, als dein Ehemann.«

Sie nickte, dann beugte sie sich zu ihm und küsste ihn, zunächst auf die Wange, dann auf den Mund, und er erwiderte ihre Zärtlichkeit, sanft und liebevoll … aber ohne jede Leidenschaft. Und wieder verspürte Calpurnia diesen schmerzhaften Stich …

»Warst du … bei ihr?«, flüsterte sie.

»Warum sollte ich nicht?«, fragte er etwas ungehalten. »Mein Landgut befindet sich geradewegs auf dem Weg nach Rom, wie du weißt. Wir machten dort Halt, um uns zu stärken und die Pferde zu tränken …«

»Nur die Pferde?«

Der Blick, den er ihr aus seinen graubraunen Augen sandte, war schwer zu deuten. »Was soll das, mein Herz? Soll es weitergehen, wie es geendet hat?«

Einen Moment lang hielt sie seinem Blick stand, erwog sogar, nach allem, was sie während der vergangenen Monate durchstanden und durchlitten hatte, trotzig zu nicken …

»Nein«, sagte sie dann jedoch und senkte das Haupt mit dem parfümierten Haar und der goldenen Spange. »Aber ich hoffe, du wirst eine Weile in deinem Haus verbleiben, ehe du wieder aufbrichst. Ich habe ein Gastmahl zu deinen Ehren geplant.«

»Und nichts in der Welt könnte mich davon abhalten, daran teilzunehmen«, versicherte er, nun wieder mit demselben freundlichen Lächeln, mit dem er zuvor eingetreten war. »Ich bin dankbar und glücklich, wieder in Rom zu sein.«

»Ich freue mich ebenso«, versicherte Calpurnia, und das war die Wahrheit – doch wusste sie auch, dass Iulius Caesar nicht zu ihr allein zurückgekehrt war.

Vieles mochte in diesen Tagen im Umbruch begriffen sein, vieles sich bereits geändert haben.

Aber manches, sagte sie sich bitter, ist wohl gleich geblieben.

6

Palatin, Rom Am nächsten Morgen

Die Lage war verfahren.

Die Grauen waren in die Ecke gedrängt, eingekreist von den Schwarzen, die ihnen keine Möglichkeit zum Ausbruch ließen. Ein Debakel stand bevor, ein Massaker, wie Gaius Octavius es noch selten erlebt hatte … oder jedenfalls schon sehr, sehr lange nicht mehr.

»Nun, Herr?«, fragte Silenus.

»Gleich, nur noch einen Augenblick …« Gaius Octavius starrte auf das hölzerne Spielbrett, das zwischen ihnen auf dem Tischchen stand. Wenn man nur flüchtig hinsah, schien Gleichstand zu herrschen – die Anzahl der Steine, die die Kontrahenten einander abgenommen hatten und die nun neben dem Spielbrett aufgereiht lagen, war ungefähr gleich. Dennoch war Silenus fraglos im Vorteil, hatte Octavius’ Steine an den Rand gedrängt und eingekreist. Das Ende des Spiels schien in der Luft zu liegen, mit dem alten Mann als Sieger.

Aber Octavius dachte nicht daran, aufzugeben.

Noch nicht, sagte er sich.

Es musste eine Möglichkeit geben.

Es gab immer eine Möglichkeit …

»Herr?«, fragte Silenus noch einmal.

»Ja doch, dräng mich nicht«, knurrte Octavius unwirsch. »Ich muss nachdenken.«

»Ich bin es nicht, der dich drängt, es sind die Regeln des Spiels«, brachte der Hauslehrer in Erinnerung.

Mit der sanften Hand, die in ihrem Leben nie etwas anderes getan hatte als Schreibgriffel zu halten oder an Schriftrollen zu drehen, deutete er auf die kleine Wasseruhr, die neben dem Spielbrett stand.

Octavius stieß ein Schnauben aus – tatsächlich, die Bedenkzeit, die jeder der beiden Spieler zur Vorbereitung des nächsten Zuges hatte, war verstrichen. Eine Lösung des Dilemmas, ein Ausweg, wie er seinen Soldaten auf dem Brett zum Ausbruch verhelfen konnte, war nicht in Sicht. Dennoch sträubte sich alles in ihm dagegen, seinem alten Lehrer den Sieg zuzugestehen. Es musste noch eine andere Möglichkeit geben, irgendeine, mit der sich die Schmach vermeiden ließ …

In diesem Moment näherten sich Schritte von der anderen Seite des Peristyls, in dessen Schatten die beiden Spieler saßen. Octavius brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass es seine Mutter Atia war; er erkannte sie am stets hektischen Klang ihrer Schritte und dem Duft von Narde, in den sie sich gern hüllte und der ihr wie ein Bote vorauszueilen pflegte. »Guten Morgen, Mutter«, sagte er, ohne seinen Blick von den Steinen zu wenden.

»Hier finde ich dich? Beim Spiel mit deinem Sklaven?« Atia legte den Kopf schief. Ihr üppiges dunkelbraunes Haar, das nach alter Art gebändigt war, sodass es sich wie ein Helm über ihrem Kopf wölbte, bebte in wirrer Ungeduld. »Hat ein junger Mann von siebzehn Jahren nichts Wichtigeres zu tun?«

»Beinahe achtzehn«, verbesserte Octavius und würdigte sie auch weiterhin keines Blickes. »Außerdem lehrt mich das Soldatenspiel alles, worauf es ankommt. Die hohe Kunst der Kriegsführung, des Angriffs und der Verteidigung …«

»… sowie der Niederlage«, fügte Silenus mit nachsichtigem Lächeln hinzu.

Für einen Moment blickte Octavius vom Spielbrett auf. Wäre es nicht dieser Sklave gewesen, der eine solche Bemerkung machte, hätte er ihn scharf getadelt. Für Silenus jedoch galten andere Regeln. Der aus Lycia in Kleinasien stammende Hauslehrer war schon als junger Mann in den iulischen Haushalt gekommen. Da er seinen tatsächlichen Namen als unaussprechlich empfunden hatte, hatte Octavius’ Vater ihm kurzerhand den Namen Silenus gegeben, nach dem Satyr, der den Weingott Bacchus unterrichtet hatte. Solange Octavius zurückdenken konnte, war der Lykier sein Lehrer gewesen – und nach dem frühen Tod seines Vaters auch mehr als das. Silenus war beschlagen in Mathematik und Philosophie und nicht nur des Lateinischen, sondern ebenso des Griechischen in Schrift und Sprache mächtig, und was er wusste, das hatte er seinem Schüler beigebracht; in Momenten wie diesem fühlte sich Octavius ihm jedoch noch immer unterlegen.

Und er hasste dieses Gefühl …

Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke – nämlich das ungebetene Auftauchen seiner Mutter zum Anlass zu nehmen, die in eine Sackgasse geratene Partie ohne Gesichtsverlust zu beenden. Wenn man das Spiel nicht gewinnen konnte, so sagte er sich, dann änderte man die Regeln …

»Was also gibt es, Mutter?«, fragte er deshalb und wandte seine Aufmerksamkeit demonstrativ vom Spielbrett ab und seiner Mutter zu. »Was kann ich für dich tun?«

»Wir haben eine Einladung erhalten«, erklärte Atia schlicht.

»Schon wieder?« Octavius’ Begeisterung hielt sich in engen Grenzen. Er konnte diesen Gastmahlen nichts abgewinnen, bei denen man zu Tisch lag und sich mästete, während geistlose Konversation betrieben wurde. Alte Senatoren und Emporkömmlinge, die mehr Geld hatten als Verstand, tummelten sich dort und fraßen sich die Wänste voll, und dabei spielte es keine Rolle, auf welcher Seite des Bürgerkriegs sie standen …

»Iulius Caesar ist nach Rom zurückgegehrt, wie du weißt«, wies Atia ihren Sohn zurecht. »Aus diesem Anlass und zu seinen Ehren findet in der Domus Publica ein großes Gastmahl statt – und zu den erlesenen Gästen sollst auch du gehören. Ist das nicht reizend?«

»Reizend, in der Tat«, bestätigte Octavius. Eine Grimasse knitterte sein bartloses, noch immer knabenhaftes Gesicht.

Nicht, dass er über die wohlbehaltene Rückkehr seines Großonkels nicht froh gewesen wäre – Octavius stand auf Caesars Seite und unterstützte seine Politik aus Überzeugung. Aber in den nächsten Tagen würde er ihn ohnehin treffen, um mit ihm über Politik zu sprechen, das also, was wirklich wichtig und von Interesse war. Auf dem Gastmahl hingegen würde davon nichts zu hören sein – nur geistloses Geplänkel und eine unerträgliche Zurschaustellung von Prunk und Besitz.

Atias Blick wurde streng. »Ich erwarte etwas mehr Begeisterung«, stellte sie klar. »Immerhin hat mein geliebter Onkel dein Fortkommen stets sehr gefördert.«