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Als sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal jährte, suchte die Ev. Stadtakademie Bochum einen eigenen Zugang zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Aus ihrem Kreis von Mitgliedern, von bewährten Referenten und Fachhistorikern stellte sie für das Herbsthalbjahr 2014 ein umfassendes Programm zusammen. Vorträge, Diskussionsforen, Seminare und schließlich eine dreitägige Studienreise in die Picardie zu den Schlachtfeldern, Friedhöfen und Erinnerungsorten der Somme schufen eine um Anschauung bemühte innere Landkarte, die den Teilnehmenden ihre je eigene Orientierung ermöglichte. Von Anfang an war dabei klar, dass der Anteil des deutschen Protestantismus bei der Zurichtung einer Kriegsgesellschaft zentral beleuchtet werden müsste, auch als Akt der Selbstaufklärung unserer kirchlichen Geschichte. Gedanklicher Fluchtpunkt unserer Veranstaltungen war denn auch das Geschehen um die Schlacht an der Somme 1916, die vom 1. Juli an über mehrere Monate als wohl blutigste Schlacht des Ersten Weltkriegs bei den beteiligten britischen, französischen und deutschen Armeen weit über eine Million toter oder verwundeter Soldaten forderte, das Kriegsgelände in eine trostlose Wüstenei umpflügte und in einer zunehmenden und immer weniger steuerbaren Eigendynamik mehr und mehr den Übergang zum industrialisierten und globalisierten Massenkrieg kennzeichnete. So liegt uns viel daran, dass dieses Sammelwerk 100 Jahre nach der Schlacht an der Somme erscheinen kann.
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Seitenzahl: 375
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Evangelische Perspektiven
Eine Schriftenreihe des Kirchenkreises Bochum
In der Schriftenreihe sind bisher erschienen:
Heft 1:
Günter Brakelmann, Hitler und Luther 1933
1. Auflage Oktober 2008
ISBN 978-3-8370-7124-5
Heft 2:
Günter Brakelmann, Helmuth James von Moltke –
Briefe und Tagebücher aus den Gefängnissen in Berlin und Ravensbrück 1944
1. Auflage November 2009
ISBN 978-3-8391-3233-3
Heft 3:
Günter Brakelmann, Der Kirchenkampf in Harpen 1933 –1945
mit Originalaufnahmen von 1942 auf CD
1. Auflage Januar 2011
ISBN 978-3-8423-2854-9
Heft 4:
Nachdenken über das Böse
Stiepeler Lektionen I
1. Auflage September 2012
ISBN 978-3-8482-1900-1
Heft 5:
Günter Brakelmann, Evangelische Kirche in Bochum 1933
Zustimmung und Widerstand
1. Auflage Juli 2013
ISBN 978-3-7322-4504-8
Heft 6:
Günter Brakelmann, Wilhelm Schmidt: Bochumer Pfarrer in dramatischer Zeit
Eine biografische Dokumentation
1. Auflage September 2015
ISBN 978-3-7386-4039-7
Heft 7:
Die Illusion vom Krieg.
Der Erste Weltkrieg als kulturgeschichtlicher Umbruch
Herausgeber:
Evangelischer Kirchenkreis Bochum
Westring 26a, D - 44787 Bochum
Telefon 0234 - 962 904 - 0
http://www.kirchenkreis-bochum.de
In Kooperation mit der Evangelischen Stadtakademie Bochum
http://www.stadtakademie.de
Redaktion: Arno Lohmann
Zu diesem Buch
„Die Illusion vom Krieg“ – eine Einführung
Arno Lohmann und Rudolf Tschirbs
Historische Karte
Das Schlachtfeld an der Somme 1916/1917
Die Alberich-Bewegung 1917
„Vom deutschen Weg“
Bernd Faulenbach
Die Ideen von 1914 – deutsche Ideologie im europäischen Kulturkrieg
Ludger Joseph Heid
Davidstern und Eisernes Kreuz: Mit Gott für König und Vaterland – und Emanzipation
Deutschland und seine jüdischen Soldaten
„Krisen des Christentums“
Traugott Jähnichen
Der Erste Weltkrieg als Schrittmacher der Entkirchlichung
Eine Zäsur auch der Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte
Günter Brakelmann
Protestantismus im Epochenjahr 1917 und im Revolutionsjahr 1918
Das „Menschenschlachthaus“
Gerd Krumeich
Die Schlacht an der Somme: Geschichte und Erinnerung
Rudolf Tschirbs
Vom Nutzen und Nachteil historischer Filmdokumentationen: „The Battle of the Somme“ (1916)
Proteste gegen die Väter-Welt?
Horst Friedrichsmeier
Wie „Wandervögel“-Jugendliche den Ersten Weltkrieg erlebten
Hans-Jürgen Benedict
Gegen eine Welt von Feinden? Warum mein Vater nicht über seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg redete.
Eine persönliche Spurensuche
Abbilder und Prägungen
Harro Müller-Michaels
Thomas Mann „Der Zauberberg“ – Bilanz der Vorkriegszeit
Hartmut Schröter
Die Maler der Avantgarde und der Erste Weltkrieg
Moderne Kunst und Geschichte
Zu den Autoren
Als sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal jährte, suchte die Evangelische Stadtakademie Bochum einen eigenen Zugang zur „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Aus ihrem Kreis von Mitgliedern, von bewährten Referenten und Fachhistorikern stellte sie für das Herbsthalbjahr 2014 ein umfassendes Programm zusammen. Vorträge, Diskussionsforen, Seminare und schließlich eine dreitägige Studienreise in die Picardie zu den Schlachtfeldern, Friedhöfen und Erinnerungsorten der Somme schufen eine um Anschauung bemühte innere Landkarte, die den Teilnehmenden ihre je eigene Orientierung ermöglichte. Von Anfang an war dabei klar, dass der Anteil des deutschen Protestantismus bei der Zurichtung einer Kriegsgesellschaft zentral beleuchtet werden müsste, auch als Akt der Selbstaufklärung unserer kirchlichen Geschichte.
Gedanklicher Fluchtpunkt unserer Veranstaltungen war denn auch das Geschehen um die Schlacht an der Somme 1916, die vom 1. Juli an über mehrere Monate als wohl blutigste Schlacht des Ersten Weltkriegs bei den beteiligten britischen, französischen und deutschen Armeen weit über eine Million toter oder verwundeter Soldaten forderte, das Kriegsgelände in eine trostlose Wüstenei umpflügte und in einer zunehmenden und immer weniger steuerbaren Eigendynamik mehr und mehr den Übergang zum industrialisierten und globalisierten Massenkrieg kennzeichnete. So liegt uns viel daran, dass dieses Sammelwerk 100 Jahre nach der Schlacht an der Somme erscheinen kann.
Dass der Krieg, einmal begonnen, eine fundamentale Änderung auch unseres Menschenbildes bewirke, hatte schon im Jahr 1915 der Psychoanalytiker Sigmund Freud in seiner Schrift „Die Enttäuschung des Krieges“ diagnostiziert: „Der Krieg, an den wir nicht glauben wollten, brach nun aus, und er brachte die – Enttäuschung. Er ist nicht nur blutiger und verlustreicher als einer der Kriege vorher, infolge der mächtig vervollkommneten Waffen des Angriffs und der Verteidigung, sondern mindestens ebenso grausam, erbittert und schonungslos wie irgendein früherer. Er setzt sich über alle Einschränkungen hinaus, zu denen man sich in friedlichen Zeiten verpflichtet, die man das Völkerrecht genannt hatte, anerkennt nicht die Vorrechte des Verwundeten und des Arztes, die Unterscheidung des friedlichen und des kämpfenden Teiles der Bevölkerung, die Ansprüche des Privateigentums. Er wirft nieder, was ihm im Wege steht, in blinder Wut, als sollte es keine Zukunft und keinen Frieden unter den Menschen nach ihm geben. Er zerreißt alle Bande der Gemeinschaft unter den miteinander ringenden Völkern und droht eine Erbitterung zu hinterlassen, welche ein Wiederanknüpfung derselben für lange Zeiten unmöglich machen wird.“1
Wenn Freud im Folgenden annimmt, dass der „Kulturweltbürger“ ratlos dastehe, „in der ihm fremd gewordenen Welt, sein großes Vaterland zertrümmert, die gemeinsamen Besitztümer verwüstet, die Mitbürger entzweit und erniedrigt!“, so konnte er sich noch nicht ausmalen, dass die kulturellen Repräsentanten der beteiligten Nationen keineswegs schon bereit waren, von ihren Illusionen vom Krieg abzulassen. Die Eliten nicht nur im Deutschen Reich – Professoren, Philosophen, Historiker, Theologen, Pädagogen, Künstler, Schriftsteller und vor allem Politiker und Wirtschaftsmagnaten – sahen wenig Anlass, der Massentötung der männlichen Jugend ihrer Nationen Einhalt zu gebieten. Im Gegenteil: Je länger der Krieg dauerte, umso radikaler wurden die Kriegsziele formuliert, und umso größer wurde der Machtbereich des Molochs des Krieges. Die Einsichten, die Freud von Wien aus erkennen konnte, blieben beim „Kulturweltbürger“ ohne Widerhall: „Zur Kritik seiner Enttäuschung wäre einiges zu bemerken. Sie ist, streng genommen, nicht berechtigt, denn sie besteht in der Zerstörung einer Illusion. Illusionen empfehlen sich uns dadurch, dass sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen genießen lassen. Wir müssen es dann ohne Klage hinnehmen, dass sie irgendeinmal mit einem Stücke der Wirklichkeit zusammenstoßen, an dem sie zerschellen.“
Die „Illusion vom Krieg“ blieb für die Eliten der deutschen Bevölkerung handlungsleitend. So erwies sich der Krieg auch als ein Prüffeld der Mentalitätengeschichte, die Fragen stellt nach kollektiven Weltbildern und Einstellungen, nach alltagsweltlich verankerten Orientierungsmustern, die Haltungen und Handlungen von Menschen bestimmen.2 Dass sie in der Regel unbewusst sind und sich gewöhnlich nur langsam ändern, gilt nicht unbedingt für die vier Kriegsjahre. Der Krieg wirkte verdichtend, akzelerierend, aber auch verhärtend auf kollektive Mentalitäten ein, und es erscheint, nach unseren Erkenntnissen auf der Basis der Veranstaltungsreihe, eher die Ausnahme, dass es zu „mentalen Umbrüchen“ kam.
Denn der „Große Krieg“, wie er noch heute bei unserem westlichen Nachbarn heißt, entwickelte eine Eigendynamik, die alle Vorstellungen von Intentionalität und Planbarkeit buchstäblich zerbröselte, ja nicht einmal Ausstiegsszenarien als realistisch erscheinen ließ. Die bellizistische Perpetuierung erfasste nicht lediglich die mentalen Dispositionen der Akteure, sondern basierte insbesondere auf der Selbstentfaltung technischer Prozesse, ja auf einer Art Selbstfortschreibung der Waffenarsenale. Nicht nur in den basalen Kriegsformationen zu Land und zur See, auch im neu eroberten Luftraum kam es zur Eskalationsspirale eines zerstörerischen Erfindungsgeistes, die man nur unter Vorbehalt als „Modernisierung“ bezeichnen möchte. Zu den bekannten Maschinengewehren, Granatwerfern und Haubitzen kamen die Tanks hinzu, der U-Boot-Bau intensivierte sich, und die Luftwaffe nahm kriegsstrategische Bedeutung an. Selbst der chemische Krieg per Gas-Einsatz entfaltete sein tödliches Potential, und es hat beinahe Symbolcharakter, dass Gas-Attacken oftmals mehr Opfer unter den eigenen Truppen forderten als beim Kriegsgegner. Der Architektur des Brückenbaus wurde die metaphorische Nebenbedeutung genommen: Der menschliche Erfindungsgeist stellte deren rasante Fortentwicklung gleichfalls in den Kanon der zivilisatorischen Selbstzerstörung.
Um dem Antlitz des Krieges die Maske der Illusion abzureißen, gilt es nicht nur, seine gesellschaftlichen Antriebskräfte als Ideologie im engeren Sinne, nämlich als sekundäre Rationalisierungen von Machtpolitik und kollektiver Gewaltbereitschaft, zu begreifen; auch die nachträgliche Sinngebung des Sinnlosen fordert zu schonungsloser Kritik auf, und zwar bei allen beteiligten Nationen. Das gilt für die uns Heutigen als geradezu grotesk erscheinenden Zuschreibungen vom Krieg als „Befreier zur existentiellen Eigentlichkeit“, vom Krieg als „Läuterung“, vom Krieg als „Leidensnachfolge Christi“ gleichermaßen. Bezeichnenderweise hat hier der religiös konnotierte Begriff des „Opfertodes“ des gemeinen Soldaten seinen argumentativen Ort, und selbst der in der kritischen Kriegsliteratur entfaltete Nimbus der Gefallenen, deren Schicksal „ergreifend“ anmutet, erscheint im Rückblick problematisch.
Zwei unserer Autoren befassen sich mit dem „deutschen Weg“. Bernd Faulenbach weist bei den deutschen Gelehrten und Publizisten die Vorstellung eines eigenständigen deutschen Weges der Verfassungsentwicklung nach; die „Ideen von 1914“ schließlich wurden mit Nachdruck vertreten und den „Ideen von 1789“ – der Forderung nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – gegenübergestellt. So wurde die Welt der Gelehrten, der Professoren und Intellektuellen vom Krieg erfasst, der sie zu Propagandisten werden ließ. Es waren wenige „Vernunftrepublikaner“, wie Ernst Troeltsch und Friedrich Meinecke, die schließlich die Republik von Weimar als Weg eines Ausgleichs zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft bejahten. Die sozialdemokratischen Arbeitsrechtler sprachen hernach zu Recht vom Versuch einer „Einbürgerung“ des Arbeiters, wodurch sich, kontrastierend zum „deutschen Weg“, die Linie der Sozialstaatlichkeit als Erbe Weimars in der bundesrepublikanischen Gesellschaft entfalten konnte.
Ludger Joseph Heid zeichnet den Weg einer andern Illusion nach: Dass sich durch den aktiven Militärdienst, von den Befreiungskriegen gegen Napoleon bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, ein Weg zur abschließenden Integration der deutschen Juden in die Gesellschaft eröffnen würde. Der „Traum von der Assimilation“ endete in herber Desillusionierung. Der Aufruf, dass „jeder deutsche Jude zu den Opfern an Gut und Blut bereit sei“, wurde durch die Bösartigkeit im preußisch-deutschen Militarismus völlig entwertet. Die 12.000 gefallenen jüdischen Soldaten opferten demnach ihr Leben für ein Land, das sie nach wie vor als Menschen minderen Ranges verachtete.
Von den „Krisen des Christentums“ schließlich berichten Traugott Jähnichen und Günter Brakelmann. Jähnichen kann nachweisen, dass schon während des Ersten Weltkrieges eine starke Distanzierung der Soldaten und der Zivilgesellschaft von der protestantischen Kirche und ihren Predigern einsetzte und eine erste große Welle von Kirchenaustritten ausgelöst wurde. So sei der Erste Weltkrieg als wesentlicher Schrittmacher der Entkirchlichung im 20. Jahrhundert zu verstehen. Ein besonders bemerkenswertes Resultat dieses Prozesses sei ein Mentalitätswandel der Soldaten gewesen, der als „heroischer Säkularismus“ umschrieben wird. Günter Brakelmann erinnert daran, dass das Jahr 1917 das große Reformationsjubiläum hatte sein sollen. Tatsächlich wurde die Vergegenwärtigung Luthers für aktuelle Zwecke der letzte Versuch, die abnehmende Bedeutung des Protestantismus gegenüber dem politischen Katholizismus und dem deutschen Sozialismus aufzuhalten und eine Renaissance des Protestantismus vorzubereiten. Die Mehrheit der Pfarrer und Gemeinden, so Brakelmann, verstand sich als der religiöse und diakonische Arm der deutschen Heeresleitung. Über das Kriegsende hinaus wurde an der schweren Hypothek für die Republik gearbeitet: „Nicht Gott hat unser Volk verlassen, sondern unser Volk hat ihn verlassen.“ Selbstkritik fand, mit verhängnisvollen Folgen, im deutschen Protestantismus nicht statt.
Unter der Rubrik „Das Menschenschlachthaus“ befassen sich zwei Autoren mit der Schlacht an der Somme: realgeschichtlich zum einen, auf der Ebene der filmischen Repräsentation zum anderen. Gerd Krumeich arbeitet die Mechanismen der „Abnützungsschlacht“ heraus, die sich des „Menschenmaterials“ bediente. In den Offizierskreisen aller beteiligten Nationen fanden sich dafür entsprechende Neologismen. In der deutschen Feindpropaganda schließlich mutierte die Somme-Schlacht zum Verteidigungskampf, wo das deutsche Heer dem Ansturm der Alliierten standgehalten und mit höchster Opferbereitschaft dafür gesorgt hätte, dass der Krieg nicht nach Deutschland gelangen konnte. Rudolf Tschirbs erörtert am Beispiel des britischen Dokumentarfilms „The Battle of the Somme“ das Problem der filmischen Erzählbarkeit des Krieges, wobei er kontrastierend „Spielfilme gegen den Krieg“ mit einbezieht. Er weist nach, dass der Dokumentarfilm die Auffassung konservierte, als ließe sich der Krieg im Zeitalter der Massenheere und des entfesselten Maschinenzeitalters in intentionalen Strukturen abbilden. In einer Erweiterung der Perspektive von einer filmdokumentarischen Repräsentation der Somme-Schlacht auf die Ebene der sogenannten Kriegsstrategen führt er vor Augen, wie komplex ein Verfahren aussehnen müsste, den Weltkrieg als „Ganzes“ zu verstehen.
Der Zwischentitel „Proteste gegen die Väter-Welt?“ richtet den Blick zunächst auf die Weise, wie Wandervögel-Jugendliche den Ersten Weltkrieg erlebten. Insgesamt kommt Horst Friedrichsmeier zu dem Ergebnis: Das Denken der Jugendlichen bewegte sich in der religiösen und philosophischen Dimension. Reale Kriegserlebnisse waren so nur der äußere Reiz, der einen inneren Reifungsprozess stimulieren sollte. Ansätze einer Desillusionierung über das verrohte Offizierskorps mündeten lediglich in Klagen über die „unkultivierte Masse“. Nur wenige wurden zu Pazifisten, die meisten dagegen eher militaristisch und radikalnationalistisch, um sich als „Volkserzieher“ neuen Illusionen hinzugeben. Auf eine persönliche Spurensuche begibt sich Hans-Jürgen Benedict, der den schweigsamen Vater nach dessen Tod nur indirekt zum Sprechen über den Krieg bringen kann. Aus kulturgeschichtlichen Fragmenten setzt er mosaikartig eine Bild des traumatisierten Vaters an der Front zusammen.
„Abbilder und Prägungen“, so das letzte Kapitel, führt in die Welten von Literatur und Kunst ein. Harro Müller-Michaels bilanziert an Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ die Neigung von Intellektuellen, von einer Notwendigkeit des Krieges zu sprechen, von dem sie sich eine Reinigung von all der Dekadenz versprachen, die sich in der Gesellschaft des Westens breit gemacht hätte. Hans Castorp wird am Ende des Romans, als Zeuge tausendfachen Sterbens, den Verlust jeder Menschlichkeit und den würdelosen Tod nur wahrnehmen, nicht aber verstehen. Thomas Mann hingegen habe mit dem Krieg und der Arbeit an diesem Roman an Einsicht gewonnen; Krieg könne kein Mittel der Politik mehr sein, vielmehr müsse Humanität leitendes Ziel politischen Handelns werden. Die verwandten Logiken des Traums und der Dichtung könnten dabei widerspruchsvolle Leitmedien sein.
Der große Essay von Hartmut Schröter über die Maler der Avantgarde beschließt diesen Band. Der Autor konstatiert, dass die wesentlichen Umbrüche in der künstlerischen Bildauffassung schon vor dem Krieg lagen. Den Geschichtsbezug sucht er im Folgenden nicht vornehmlich im Dargestellten, sondern in der Darstellungsweise. Die Anerkennung der Dominanz in der Entfaltung formaler Strukturen führt ihn zu innovativen Einsichten. Die expressionistischen Künstler hätten im und durch den Krieg entdeckt, dass sich die zuvor schon ausgebildeten Mittel zur Darstellung der apokalyptischen Erfahrungen eigneten: Einige der großen Exponenten, wie Beckmann und Dix, ließen sich vom Gewaltmäßigen des kriegerischen Ausbruchs faszinieren. Das hätte einen tiefen, düstern, als typisch Deutsch empfundenen tragischen Grundton hervorgebracht. An Otto Dix kann Schröter exemplarisch zeigen, wie ein am gesamten Krieg Beteiligter vermied, Kampfsituationen darzustellen. Sachlichkeit und Vermeidung von Propaganda und von Mitleiderregung – das waren die Maximen von Dix, dem es um die Darstellung von „Zuständen“ ging. Bei Max Beckmann schließlich lässt sich die Ersetzung der weichen Lithokreide durch die Schärfe der Radiernadel nachweisen: Die Zuspitzung des Krieges erzwang einen Umbau auch in den künstlerischen Mitteln.
Unser Dank gilt den beteiligten Autoren, die uns ungewöhnliche Blicke auf das vermeintlich Bekannte gestatten. In der Fülle der Literatur zum Ersten Weltkrieg mag die Konzentration auf die durchgängige „Illusion vom Krieg“ neue Einblicke ermöglichen.
Renate Blätgen und Dr. Rudolf Tschirbs haben sich um die – mitunter mühsame – Textredaktion verdient gemacht. Gedankt sei auch Jean-Luc Malvache, der ein materialreiches Kompendium für die Fahrt in die vormalige Kriegsregion an der Somme zusammenstellte. Für Renate Lintfert war insbesondere das aufwendige Bildmaterial eine beachtliche Herausforderung. Ihre ästhetische Gestaltung der komplexen Text- und Bilderwelt möge beim Leser dazu beitragen, sich den Zumutungen des Inhalts und der Einsichten mit Gewinn auszusetzen. Vielleicht teilt der Leser mit dem Herausgeber die Einsicht, dass sich nicht wenige Erkenntnisse aus dem historischen Feld auch zur Analyse heutiger Gegenwartskonflikte eignen, die nach wie vor in brutalsten Kriegen mit den entsprechenden Illusionen ausgetragen werden.
Arno Lohmann Dr. Rudolf Tschirbs
1 Sigmund Freud: Zeitgemäßes über Krieg und Tod. I. Die Enttäuschung des Krieges. In: Imago (1915), zit. nach der Ausgabe bei Reclam, hrsg. von Hans-Martin Lohmann, Stuttgart 2012, S. 12 und 15.
2 Diese Formulierungen folgen Bemerkungen des Konstanzer Historikers Rudolf Schlögl: Mentalitätengeschichte. In: Online-Tutorium. Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz, 2001.
Bernd Faulenbach
Der 2014 zum 100. Male jährende Ausbruch des Ersten Weltkrieges interessiert als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George Kennan) in mehrfacher Hinsicht. Die erste Frage lautet: Was war das eigentlich Neue, Spezifische, Schreckliche, das den Ersten Weltkrieg für die Zeitgenossen zur Zäsur gemacht hat, so dass sie den Krieg als einen Epochenbruch empfanden? Das zweite ist: Wie wirkte dieser Krieg nach, in welchem Verhältnis stand er zum Durchbruch und dann zum Scheitern der Demokratie in der Zwischenweltkriegszeit, vor allem zu dem, was Eric Hobsbawm das „Zeitalter der Extreme“ genannt hat, was im Hinblick auf Deutschland vor allem heißt: Welchen Einfluss übte der Krieg auf die Etablierung der NS-Herrschaft, die NS-Politik und auf den Zweiten Weltkrieg aus? Das dritte, um das es derzeit geht, ist die Frage: Was haben wir aus dem damaligen Geschehen für die Gegenwart gelernt, oder besser: Was sollten wir gelernt haben?
Uns interessiert hier in besonderer Weise eine Dimension des Krieges, die heute teilweise vergessen ist: der Erste Weltkrieg als Kulturkrieg. In diesem Krieg ging es um Macht, Vorherrschaft und Hegemonie, um staatliche Grenzen und Territorien, doch auch um die Ordnung in Europa. Der existentielle Kampf, der Ausmaße annahm und mit Mitteln geführt wurde wie nie zuvor, ließ die Frage nach dem letzten Sinn des Krieges entstehen. Und manche glaubten eben diesen Sinn in der tiefen Unterschiedlichkeit der Staaten und ihrer Kulturen zu sehen. Deshalb war es für sie auch letztlich ein „Kulturkrieg“. Wir schauen uns dabei die deutsche Ausformung dieses Kulturkrieges an, werfen aber auch einen Blick auf die anderen, vor allem auf den Westen.
Hintergrund des Geschehens ist der Nationalismus im Zeitalter des Imperialismus, der mehr oder weniger alle Schichten erfasst hatte und durchdrang, insbesondere auch die Kultureliten und die Gelehrten, deren Ideen und Rolle von uns in den Vordergrund gerückt wird. Es handelt sich um eine Zeit, in der die Gelehrten, die Professoren und anderen akademischen Menschen ein unvergleichlich hohes gesellschaftliches Prestige hatten. Und dies gilt in besonderer Weise für die deutschen Gelehrten (für die deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen), die auch international angesehen waren und Weltgeltung besaßen. Dies lässt sich in gleicher Weise für die Naturwissenschaften wie für die Geisteswissenschaften sagen. Hier geht es um das politische Engagement von Philosophen, Theologen und Historikern, um ihre Parteinahme und ihre Ideen.
Sicherlich ist der konkrete Einfluss dieser Gelehrten für den rückblickenden Historiker nicht leicht zu bestimmen – etwa im Hinblick auf die bildungsferneren Schichten und die organisierte Arbeiterbewegung. Es kann aber kein Zweifel bestehen, dass die Gelehrten – insbesondere in den bürgerlichen Schichten – bis in den Weltkrieg hinein als geistige Führer der Nation betrachtet wurden und sich vielfach auch selbst so verstanden. Zweifellos handelt es sich um ein spezifisches Phänomen des Ersten Weltkrieges, das für die verschiedenen Länder sich jeweils in besonderer Weise dargestellt hat, doch insgesamt gesehen eine transnationale Dimension hatte und eine eigene Konfliktebene war.
Es wird folgendermaßen vorgegangen: Zunächst wird der Begriff „Ideen von 1914“ samt seinem Entstehungshintergrund erläutert, dazu dann die Vorstellung eines besonderen deutschen Weges als Kontext herangezogen. Danach werden einige Repräsentanten und ihre Konzepte der „Ideen on 1914“ etwas näher vorgestellt – es gibt durchaus verschiedene Varianten: Rudolf Eucken, Johann Plenge, Werner Sombart, Ernst Troeltsch, Thomas Mann. In einem weiteren Schritt ist ein Blick auf die ausländische intellektuelle Kritik an den Deutschen zu werfen. Schließlich sind die Nachwirkungen der „Ideen von 1914“ in der Weimarer Zeit und im Dritten Reich anzusprechen und ist das Gesamtphänomen historisch einzuordnen. Über den ganzen Themenkomplex ist in den letzten Jahrzehnten relativ wenig gearbeitet worden. Für mich selbst stellt sich die Frage, ob ich darüber heute noch ähnlich urteile wie im Zeitklima der 1970er Jahre, als ich ein Buch über die „Ideologie des deutschen Weges“ geschrieben habe.
Der Begriff „Ideen von 1914“ – eine Analogiebildung zu den „Ideen von 1789“ – entstand schon 1914/15 und lässt sich bereits 1915 in einer ganzen Reihe von Publikationen nachweisen. Als Schöpfer des Begriffs gilt der mit dem deutschen Denken eng verbundene schwedische Staatsrechtler Rudolf Kjellén. Sehr früh verwandt wurde er auch von dem Münsteraner Staatsrechtler Johann Plenge und auch von dem bedeutenden Theologen und Philosophen Ernst Troeltsch, der schon 1915 über die Entstehungshintergründe zu reflektieren begann. Aus seiner Sicht entstanden die Ideen auf dem Hintergrund des existentiellen Kampfes bei den Deutschen durch das dadurch bewirkte Bemühen, die Ideen zu bestimmen, die recht eigentlich die Deutschen leiteten und von den anderen Nationen und Staaten, d.h. den Kriegsfeinden, unterschieden. Sie waren dabei aus der Sicht der Gelehrten Ausdruck eines neuen politisch-gesellschaftlichen Denkens, das zwar in der deutschen Geistesgeschichte vorbereitet worden war, doch jetzt zum Durchbruch kam und dessen Bedeutung deutlich über den deutschen Zusammenhang hinauswies. Dieses Denken, in dessen Zentrum im weitesten Sinne die Gemeinschaft stand und nicht das Individuum, galt als charakteristisch für das neue, das 20. Jahrhundert. Es wies demnach unverkennbar eine antiliberale Tendenz auf.
Vereinfachend lassen sich folgende Merkmale nennen: In den „Ideen von 1914“ wurde der deutsche Geist und damit die deutsche Identität manifest, die sich deutlich unterschieden vor allem vom westlichen Denken, doch auch von Russland. Die „Ideen von 1914“ waren im Zeitalter der Befreiungskriege vorbereitet worden („Ideen von 1813, auf die jetzt häufig Bezug genommen wurde), eine wichtige Station ihrer Vorgeschichte war die deutsche Reichsgründung mit den „Ideen von 1870“, während die „Ideen von 1848“ – entgegen der Forderung des Historikers Friedrich Meinecke – meist nicht als Teil der Vorgeschichte betrachtet wurden, was die Distanz dieser Linie nicht nur zum Liberalismus, sondern auch zur Demokratie signalisierte. Die „Ideen von 1914“ waren aus der Sicht ihrer Protagonisten Ausdruck des welthistorischen Umbruchs des Ersten Weltkrieges, der als Revolution begriffen wurde, durch die die „Ideen von 1789“, die Ideen der Französischen Revolution und des 19. Jahrhunderts überwunden wurden und sich die Ideen des 20. Jahrhunderts konstituierten.
Dabei gab es im Niveau der Argumentation erhebliche Unterschiede. Manche Schriften, die dieses Denken proklamierten, waren apologetisch oder schlicht chauvinistisch und angesichts der Bedeutung der Autoren einfach beschämend, doch galt dies keineswegs für alle. Herausgefordert sahen sich etliche auch, als die alliierte Propaganda die Verletzung der Neutralität Belgiens und Zerstörungen wie die der Bibliothek in Löwen oder auch des Domes in Reims zum Anlass nahmen, die Deutschen pauschal als Barbaren zu bezeichnen, worauf 93 führende Wissenschaftler und Künstler sich im Oktober protestierend an die Kulturwelt wandten. Bevor die „Ideen von 1914“ etwas näher beleuchtet werden, muss kurz der intellektuelle Bedingungsrahmen dieses Denkens, die Vorstellung eines besonderen deutschen Weges knapp dargestellt werden.
Das politische Denken des 19. Jahrhunderts war in erheblichem Maße durch einen Nationalismus geprägt, der zunehmend die nationalen Besonderheiten betonte. Dies galt im Grunde für alle Nationen. Doch gab es gleichzeitig ein Entwicklungsgefälle von Westen nach Osten in Europa, das die Neigung förderte, bloße Rückständigkeiten in nationale Besonderheiten umzudefinieren.
Anfang des 20. Jahrhunderts standen parlamentarische Systeme in England und Frankreich einem eher dualistischen konstitutionellen System in Deutschland (mit monarchischem Prinzip auf der einen Seite und gleichem Wahlrecht zum Reichstag auf der anderen Seite) und autokratischen Strukturen im Osten (in Russland) gegenüber. Mit dem Ausgreifen der Deutschen in die Weltpolitik – sie wollten nun entschieden wie die anderen „Weltvolk“ sein – verstärkten sich die Gegensätze zum Westen, insbesondere zu England, das nun – was seine Rolle in der Welt anging – Referenzgesellschaft war. Zugleich erhielt die beginnende Rivalität eine politisch-kulturelle Dimension.
Imperialistische Kreise in Deutschland glaubten, England Zug um Zug aus seiner hegemonialen Rolle verdrängen und ein Gleichgewicht im Weltstaatensystem herstellen zu können. Zugleich begann die deutsche Öffentlichkeit England klischeehaft wahrzunehmen; die angebliche Dominanz des Kommerziellen in England spielte dabei eine besondere Rolle. Gleichzeitig entstand aber auch in England eine germanophobe Strömung mit z.T. irrationalen Zügen. Von einer deutschen Gegensätzlichkeit zu Frankreich ging man zugleich aus; hier wurde der Gegensatz zum französischen Rationalismus besonders hervorgehoben. Und was Russland anging, so wuchs – ungeachtet des besonderen Interesses an russischer Literatur nach der Jahrhundertwende – eine Ablehnung der russischen Autokratie, die selbst in der Sozialdemokratie anzutreffen war.
Auf diesem Hintergrund entwickelte sich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Vorstellung eines eigenständigen Weges der Verfassungsentwicklung, der sich vom Westen wie vom Osten unterschied. Wesentliches Merkmal war ein gegenüber der Gesellschaft selbstständiger überparteilicher Staat mit einem Beamtentum, das – nach Überzeugung nicht weniger – eine vernünftige Modernisierung im Sinne des nationalen Gesamtwohls besser gewährleisten konnte als ein reiner Parlamentarismus, in dem partikulare, nicht zuletzt spezifische ökonomische Interessen zum Zuge kamen, oder gar als ein autokratisches System, das nach verbreiteter Überzeugung der Reaktion diente.
Der Historiker Hans Delbrück etwa, der gleichzeitig ein Kritiker der wilhelminischen Epoche war und sich gegen die Repression von Minderheiten und Sozialdemokraten wandte, hob die Vorzüge der konstitutionellen Monarchie in Deutschland hervor, die mit ihrem dualistischen System die Herrschaft des Beamtentums, das er als „organisierte Intelligenz“ bezeichnete mit einem vom Volk gewählten Parlament, in dem die politisch-gesellschaftlichen Interessen zum Ausdruck gebracht wurden, kombiniere. Besonders hervorgehoben wurden die Rolle des Staates und die Entstehung wohlfahrtsstaatlicher Institutionen, die als Vorzüge der deutschen Entwicklung betrachtet wurden (häufig als „Staatssozialismus“ bezeichnet). Die Verbindung demokratischer und autokratischer Elemente, die aus heutiger Sicht ein wesentliches Problem des Kaiserreichs war, galt als Ausweis einer gegenüber dem Westen und dem Osten eigenständigen Staatsentwicklung, die gleichsam ein Stück weit die Tradition des aufgeklärten Absolutismus in zeitgemäßer Form fortführte; sie schien die durch die Industrialisierung wesentlich bestimmte gesellschaftliche Entwicklung ungleich erfolgreicher zu gestalten als der westliche Parlamentarismus.
Dabei wurden die Schattenseiten des Systems, die besondere Rolle des preußischen Systems und der dieses tragenden gesellschaftlichen Schichten, die unzureichende Partizipation der Gesellschaft an der Politik und die begrenzte Integrationsleistung, ja teilweise Ausgrenzung wichtiger Gruppen, ausgeblendet. – Doch keine Frage, die deutsche Struktur erschien manchem deutschen Gelehrten und Publizisten geradezu als Modell. Die Linie dieses Denkens führten die Gelehrten fort, wenn sie im Ersten Weltkrieg ihre „Ideen von 1914“ mit Emphase formulierten und zu einer Bedeutung erhoben, die mit den „Ideen von 1789“ – der Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – vergleichbar waren.
Etliche bedeutende Köpfe der akademischen Welt sahen sich im Ersten Weltkrieg aufgefordert, sich zu den Zeitläuften zu äußern und Orientierung zu bieten. Für manche ging es tatsächlich um Selbstvergewisserung. Der Philosoph Rudolf Eucken etwa, der 1908 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, forderte die Rückbesinnung auf die idealistische Vergangenheit deutschen Denkens, eine Rückbesinnung, die auf die deutsche Art und deutsches Wesen zurückführen sollte. Zugleich aber kamen dabei auch die Feinde mit ihrer Besonderheit in den Blick. So meinte der Philosoph Max Scheler in seiner Schrift „Der Genius des Krieges und der Deutsche Krieg“ (1915), dass der Krieg gegen England, „das Mutterland des modernen Hochkapitalismus“, auch ein Krieg gegen den Kapitalismus und seine Auswüchse“ sei, eine These, die Deutschland als nicht durch den Kapitalismus beherrscht begriff, vielmehr als Gegenmodell. Wie andere meinte er: Gegen England sei man in der Pflicht zu einem radikalen, „Europa Freiheit und Autonomie zurückgebenden Kriege“. Im Krieg gegen Russland aber verteidige das Reich in einem Heiligen Krieg die europäische Kultur gegen Despotie und Barbarei. Gegen Frankreich führe man dagegen einen ehrenhaften Krieg, der möglichst bald durch einen Separatfrieden beendet werden sollte.
Die Vertreter der „Ideen von 1914“ formulierten Prinzipien, die an die Stelle der „Ideen von 1789“ treten sollten, und politische Konzepte, die, so vage sie auch waren, doch eine neue politische Philosophie enthielten, die vermeintlich im 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen würde.
Der schon genannte schwedische Staatsrechtler Rudolf Kjellén setzte den Ideen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ der Französischen Revolution die deutschen Organisationsprinzipien „Pflicht, Ordnung und Gerechtigkeit“ entgegen, um die neue gemeinschaftsbezogene antiliberale politische Philosophie zu charakterisieren. Er sah in der damaligen Gegenwart die Schlagwörter der Französischen Revolution als verbraucht an und konstatierte einen Kampf zwischen 1789 und 1914, d.h. zwischen Ideen, die er teils Frankreich und England, teils Deutschland zuordnete. „Ordnung“ sollte die „Zügellosigkeit entarteter Freiheit von 1789“ ausschalten, indem eine organische Gestaltung der Gesellschaft nach Rang und Persönlichkeit durchgesetzt werde. Das damalige Deutschland – so glaubte er – könne sich in diese Richtung entwickeln. 1914 sei in Deutschland ein Stern aufgegangen: „der kalte, aber helle Stern der Pflicht, der Ordnung, der Gerechtigkeit“. Seine ideenpolitische Militanz wird deutlich, wenn er erklärt: „Nur wer bereits unter der Anziehungskraft dieses Himmelskörpers steht, kann die Tiefe und den Umfang des Ekels erfassen, mit dem sich die Bekenner der neuen Ideen in der übernächtigen Luft von 1789 noch zurechtfinden.“
Eine besondere Rolle bei der Formulierung spielte der Volkswirtschaftler Johann Plenge, der den Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus als Kern des Kriegsgegensatzes sah. Auch er hob – eine staatlich organisierte politisierte Volkswirtschaft vor Augen – die Organisation als besonderes deutsches Moment hervor; der Kriegssozialismus war geradezu sein Leitbild. Der Einzelne sollte sich als Glied der Gemeinschaft begreifen. Unter dem Eindruck des Krieges – so resümierte er bald – habe die „Selbstbehauptung unserer Nation“ für die Menschheit die neuen Ideen von 1914, die Idee der deutschen Organisation, „die Volksgenossenschaft des nationalen Sozialismus“ hervorgebracht. Der „neue deutsche Staat“ sei eine „Verwirklichung des deutschen Denkens“, die sich über den Trümmern eines individualistischen Freiheitsbegriffs“ erheben werde.
Plenge hob auf die deutschen Besonderheiten ab, die ermöglichten, dass Deutschland eine historische Mission wahrnehme. Da in Deutschland demokratische und liberale Ideen nicht zu voller Herrschaft gelangt seien, sei es dafür prädestiniert, „der höheren Idee des Sozialismus als Subjekt zu dienen“ (Lübbe). Aus dem scheinbaren Rückstand wurde ein deutscher Vorsprung. Für Deutschland sei der Krieg „ein Kreuzzug im Dienste des Weltgeistes“. Die Deutschen stünden für das 20. Jahrhundert: „In uns ist das 20. Jahrhundert.“
Offen chauvinistische Züge wurden bei dem Nationalökonomen und Soziologen Werner Sombart in dessen Schrift „Händler und Helden. Patriotische Besinnungen“ (1915) deutlich. Deutschland kämpft gegen England; Sombart sieht den Krieg als Aufstand des deutschen Heldentums gegen englische Händlergesinnung. Ist die deutsche Haltung durch Pflicht und Einsatzbereitschaft für das Ganze charakterisiert, so die englische durch den persönlichen kommerziellen Vorteil. Sombarts Skizze der englischen Geistesgeschichte – den Utilitarismus nennt er z.B. ein „hundsgemeines Ideal“ – hat eine geradezu diffamierende Tendenz, wie der Philosoph Hermann Lübbe retrospektiv gemeint hat. Bei Sombart wird der Stil wissenschaftlicher Kommunikation endgültig verlassen.
Auf ganz anderem Niveau hat sich der Theologe und Philosoph Ernst Troeltsch mit seinen publizistischen Beiträgen über den „deutschen Geist und Westeuropa“ bewegt. Er stellt nicht nur die englische, die französische und deutsche Geistesgeschichte differenziert und kenntnisreich dar (Russland ist auch für ihn kein Thema), verliert niemals die historische Perspektive aus dem Auge, die um Ursachen von Prägungen weiß, sondern spricht sich auch gegen eine Abschottung des deutschen Denkens gegenüber dem Westen aus. Doch auch er betrachtet den Krieg wesentlich als Kulturkrieg und arbeitet ein deutsches Denken heraus, das sich vom westlichen Denken unterscheidet, über den deutschen Rahmen hinaus Bedeutung hat und geeignet ist, die politisch-soziale Entwicklung voranzubringen. Troeltsch stellt das deutsche Freiheitsverständnis dem westlichen Freiheitsbegriff gegenüber. Er kritisiert eine Vorstellungswelt, in der es ausschließlich um das Individuum geht und der Regierungswillen nur als „Summierung der Einzelwillen verstanden“ wird. Troeltsch plädiert für einen deutschen Freiheitsbegriff, der Freiheit und Pflichten zusammensieht, d.h. den freiwilligen Gehorsam gegenüber den Geboten der Pflicht einschließt, allerdings - anders als andere Vertreter der „Ideen von 1914“ – individualistische Freiheit nicht ablehnt.
Troeltsch stellt vergleichende Betrachtungen der deutschen und westlichen Geistesgeschichte, auch der Politik- und Gesellschaftsgeschichte an und kommt von hierher zu dem Ergebnis, dass die Völker durch die Geschichte sehr unterschiedlich geprägt seien. Er sieht die Deutschen als „monarchisches“, als „militärisches“, als „arbeitsames“ und „pflichtbewußtes Volk“. Auf diesem Hintergrund wurde aus seiner Sicht die „deutsche Idee der Freiheit“ herausgebildet. Die „deutsche Idee der Freiheit“ sei etwas anderes als die Freiheitsidee der Westvölker, für die der Individualismus des englischen Herrenmenschen ebenso charakteristisch sei wie die Gleichheitsidee der Menschenrechte, die im Puritanismus und der Philosophie Rousseaus wurzele. Für die im „eigentümlichen deutschen Geiste“ gründende Freiheit – ich zitiere – „ist die Freiheit einer selbständigen und bewußten Bejahung des überindividuellen Gemeingeistes, verbunden mit der lebendigen Anteilnahme an ihm, die Freiheit einer freiwilligen Verpflichtetheit für das Ganze und einer persönlichen lebendigen Originalität des Einzelnen innerhalb des Ganzen, die Freiheit des Gemeinsinns und der Disziplin, beide zusammen beruhend auf der Selbsthingabe an die Ideen und darum eng zusammenhängend mit unserem ganzen ethisch-religiösen Wesen, das vom englischen und französischen so tief verschieden ist“ (Die Ideen von 1914: in: Deutscher Geist und Westeuropa, S. 48f.).
1916 meinte dann Troeltsch, dass Freiheitsideen englischer und französischer Provenienz auch in Deutschland eine Macht seien. Die Sozialdemokratie zeige, dass sie den Sozialismus mit den westlichen Freiheitsideen zu verbinden strebe. Doch auch sie versuche, diese Ideen zu beschränken, was für Troeltsch charakteristisch für den deutschen Geist ist. Und er insistiert weiter auf der Unterschiedlichkeit der Freiheitsbegriffe. So sieht er etwa die Autonomie des Geistes durch den französischen Klassizismus oder durch puritanische Prüderie und Konventionen eingeschränkt. Am Ende gelangt er bei der Charakterisierung der deutschen Freiheit zu „organisierter Volkseinheit auf Grund einer pflichtmäßigen und zugleich kritischen Hingabe des Einzelnen an das Ganze, ergänzt und berichtigt durch Selbständigkeit und Individualität der freien geistigen Bildung“, was er auf die Formel bringt: „Staatssozialismus und Bildungsindividualismus“ (S. 103).
Die für das deutsche Denken charakteristische Hochschätzung von Individualität habe aber in der Übertragung auf die Völkerwelt „ein System gegenseitiger Achtung und freier Entwicklung der Völkerindividualitäten“ zur Konsequenz. Demgegenüber neigten die westlichen Länder zu einer Normierung der inneren Ordnungen im demokratisch-parlamentarischen Sinne. Die Deutschen fordern dagegen das Recht auf eine eigenständige Entwicklung. – Schon 1915 hatte Troeltsch gemeint, dass das deutsche Denken sich gegen Weltherrschaft und Gewalt- und Monopolpolitik wende, stattdessen „freie gegenseitige Ergänzung nationaler Geister bei gleichzeitiger selbständiger Entfaltung jedes einzelnen“ wolle (S. 53). Der verbündete Machtblock unter deutscher Führung fordere den „Schutz aller individuellen Geister und ihrer freien Entwicklung“. Dabei war Troeltsch nicht weit von Friedrich Naumanns Mitteleuropaideen entfernt.
Keine Frage, dass die von Troeltsch herausgearbeiteten Positionen mit dem – dann auch von den USA propagierten – Vordringen demokratischer Ideen und mit wachsenden Problemen angesichts der Kriegsdauer ins Hintertreffen geraten mussten. Troeltsch hat dann selbst demokratische Reformen gefordert und in der Weimarer Zeit eine Kultursynthese von deutschen Geiste und Westeuropa postuliert.
Als letztes – etwas aus dem Rahmen fallendes – Beispiel sei hier Thomas Mann genannt, der große Schriftsteller, Autor der „Buddenbrooks“, der den Krieg geprägt sah durch den Kampf zwischen deutscher Kultur und westlicher Zivilisation. Schon im September 1914 begriff er „den Anspruch der westlichen Völker, den deutschen Barbaren die Zivilisation, die Demokratie bringen zu müssen und sie ihrer ‚Gewaltherrschaft‘ und ihres ‚Militarismus‘ ein für allemal zu entwöhnen“, als „unerhörte Beleidigung des Deutschtums“ (Sontheimer, S. 16). Mann verteidigte den deutschen Obrigkeitsstaat, weil er das tiefste und innerste Wesen Deutschlands, wie es sich in Philosophie, Dichtung und Musik ausdrücke, abschirme gegen Zivilisation, Demokratie und Politisierung. Ausführlich hat er seine Position des gewollt Unpolitischen dargelegt in den 1915 begonnenen, 1918 dann erschienenen „Betrachtungen eines unpolitischen Deutschen“. Er sah den Obrigkeitsstaat als Ausdruck von „Sachlichkeit, Ordnung und Anstand“ (zitiert nach Sontheimer S. 30). Und er verteidigte auch den Militarismus: „Es ist wahr, der deutschen Seele eignet etwas Tiefstes und Irrationales, was sie dem Gefühl und Urteil anderer, flacherer Völker störend, beunruhigend, fremd, ja widerwärtig und wild erscheinen läßt. Es ist ihr ‚Militarismus‘, ihr sittlicher Konservativismus, ihre soldatische Moralität – ein Element des Dämonischen und Heroischen, das sich sträubt, den zivilen Geist als letztes und menschenwürdigstes Ideal anzuerkennen.“ Thomas Mann, der sich während des Krieges mit seinem Bruder Heinrich, dem ‚Zivilisationsliteraten‘, heftig auseinandersetzte, sah sich selbst als Träger dieses deutschen Geistes. Auch er bezog in der Weimarer Republik neue Positionen, trat jetzt für eine konservative Demokratie ein und engagierte sich schließlich sogar für die Sozialdemokratie.
Festzuhalten ist freilich: Die „Ideen von 1914“ wurden keineswegs nur von Professoren und Schriftstellern, die politisch rechts standen, vertreten. Auch um Ausgleich und eine Integration der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung bemühte Leute wie Ernst Troeltsch und Friedrich Meinecke traten für diese Ideen ein. Eher kritisch äußerte sich dagegen der große Soziologe Max Weber, der meinte, geistreiche Leute hätten sich zusammengetan und die „Ideen von 1914“ erfunden, doch sei ihr Inhalt nicht sehr klar: „Sich im Krieg zusammenzuschließen und zu organisieren, dazu braucht man keine neuen Ideen“ (Mommsen, S. 100). Entscheidender sei, innere Reformen in Gang zu bringen, die sicherstellten, dass die heimkehrenden Soldaten gleiches Recht für alle Staatsbürger vorfinden würden.
Evident ist, dass diese Ideen nicht nur der antiliberalen Tendenz der Zeit entsprachen, sondern auch die Frage der Partizipation selbstständiger politisch-gesellschaftlicher Kräfte als aktuelles Problem weitgehend verkannten.
In England und in Frankreich gingen Gelehrte eher noch selbstverständlicher als ihre deutschen Kollegen von einer Überlegenheit ihres, d.h. des parlamentarisch-demokratischen Systems aus. Allerdings führten sie den Krieg nur sehr bedingt für die Demokratie.
Schon das Bündnis mit Russland, das allerorten als Hort der Autokratie oder Despotie galt, ließ das Kriegsziel Demokratie nicht unbedingt opportun escheinen. Auch war England zwar das Land mit großer parlamentarischer Tradition, doch war es im Hinblick auf die Demokratie nicht über jede Kritik erhaben. Hier gab es noch nicht das allgemeine gleiche Männerwahlrecht zum Unterhaus, das zum Deutschen Reichstag schon seit 1870 galt. Allerdings erhob dann der amerikanische Präsident Woodrow Wilson die Durchsetzung von Selbstbestimmung und Demokratie zum Kriegsziel.
In England und Frankreich aber stand im Kulturkrieg die Kritik am preußisch-deutschen Militarismus im Vordergrund. Kritisch thematisierte der Historiker Leonard Trelawny Hobhouse die deutsche geistige Sonderentwicklung. Er sah die deutsche politische Tradition durch eine bestimmte Idee vom Staat geprägt, die seine Beziehung zum Individuum beeinflusse und seine Rechte gegenüber dem Rest der Welt stütze.
Schon im Ersten Weltkrieg kam in der englischen Öffentlichkeit die Gleichsetzung der Deutschen mit den Hunnen auf, ein Wort, das auch im Zweiten Weltkrieg der Kennzeichnung der Deutschen durch die Briten diente. In Frankreich wurden die Deutschen nach der Verletzung der Neutralität Belgiens, den Zerstörungen und Gräueln und nach der Zerstörung der Kathedrale in Reims als Barbaren bezeichnet, was dann auch bei dem Philosophen Henri Bergson auftaucht. Scharf setzten sich der Historiker Ernest Lavisse und der Germanist Charles Andler mit Karl Lamprecht und dem deutschen Militarismus auseinander, in dem sich aus ihrer Sicht eine ganze Reihe von Komponenten verbanden – materielle Interessen, barbarische Brutalität, übersteigerter Patriotismus und ein vielschichtiger Mystizismus. – Emile Durkheim schließlich sprach von einem machtversessenen Pangermanismus.
Teilweise wurde im Westen geradezu ein Kreuzzug gegen den preußisch-deutschen Militarismus gepredigt. Deutsche Gelehrte verteidigten den Militarismus mit dem Argument, dass Kultur und Wissenschaft nur im Schutz starker Waffen sich entwickeln konnten, oder glaubten, den Militarismus auf die allgemeine Wehrpflicht reduzieren zu können.
Origineller als die meisten Kritiker des deutschen Weges war der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen, der den deutschen Sonderweg dadurch charakterisiert sah, dass sich in ihm technisch-ökonomische Modernität mit einem rückständigen Regierungssystem verband. Für ihn blieben die Deutschen das Volk ohne erfolgreiche Revolution. Geführt aber wurde aus Veblens Sicht das Reich durch den aggressivsten Einzelstaat, der durch das ostelbische Junkertum geprägt war. – Veblens Interpretation wurde dann in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts durch Ralf Dahrendorf und Hans-Ulrich Wehler bei ihren Versuchen, den deutschen Sonderweg, insbesondere die Hindernisse für Liberalisierung und Demokratisierung, kritisch zu thematisieren („Partielle Modernisierung“), wieder aufgegriffen.
Die deutsche Publizistik hatte – so ist zu konstatieren – ihre Entsprechung in der Publizistik von Gelehrten in Frankreich und England. Allerdings gab es wohl nirgendwo sonst einen derart angestrengten Versuch, die eigene Identität zu klären und eine nationale politisch-kulturelle Mission zu proklamieren. Nicht zu übersehen ist, dass die „Ideen von 1914“ – so abwegig sie auch erscheinen mögen – auf die Schwierigkeiten verweisen, in die das Reich geraten war, so dass Herfried Münkler in seinem vielbeachteten Buch zum Ersten Weltkrieg sogar eine defensive Motivation dieser Ideen glaubt konstatieren zu können.
Die „Ideen von 1914“ wirkten in der Zeit der Weimarer Republik und in der NS-Zeit in der Ideologie eines besonderen deutschen Weges weiter. Teilweise wurden die Ideen dabei radikalisiert und frontal der Weimarer Republik gegenübergestellt, die mit ihrem parlamentarischen System von der alten und neuen Rechten als Import aus dem Westen, d.h. als „undeutsch“ diffamiert wurde. Der Gegensatz zwischen Deutschland und dem Westen wurde damit endgültig ein innerdeutsches Problem.
In Oswald Spenglers „Preußentum und Sozialismus“ (1920) ist bereits die antidemokratische und illiberale Stoßrichtung offensichtlich. Bei Spengler heißt es: „Dieser echte Sozialismus“, der im August 1914 „aufgestanden“ sei und sich „im letzten Ringen an der Front bewährt“ habe, sei – wie er sich ausdrückte – vom marxistisch-sozialistischen „Pack mit Literatengeschmeiß an der Spitze“ im November 1918 „verraten“ worden.
Vielfach wurde – wie Historiographie und Publizistik zeigen – an zwei unterschiedlichen Denktypen – dem deutschen und dem des Westens – festgehalten, übrigens auch von Ernst Troeltsch in seinem Vortrag über „Naturrecht und Humanität in der Weltpolitik“ (1922). Doch war dies bei ihm jetzt damit verbunden, dass er Einseitigkeiten und Fehlentwicklungen des deutschen Denkens kritisierte und dem deutschen Denken empfahl, die Idee der Mündigkeit, Verantwortung und Autonomie der Persönlichkeit stärker hervorzuheben und auch den moralischen Kern universaler Konzepte und Prinzipien stärker zu berücksichtigen.
Troeltsch, Meinecke und andere „Vernunftrepublikaner“ bejahten die Republik als Weg eines Ausgleichs zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft. Und unter den Gelehrten gab es im Weimarer Kreis republiktreuer Hochschullehrer auch überzeugte Anhänger der Republik. Und doch hat eine breitere Publizistik, an der sich eine ganze Reihe von Historikern beteiligte, betont, dass die geopolitische Lage in der Mitte Europas, die Erfahrungen deutscher Geschichte und die Spezifika der fragmentierten Gesellschaft und des zersplitterten Parteiensystems die westliche Demokratie für Deutschland ungeeignet mache. Man suchte deshalb autoritäre Tendenzen zu fördern, den institutionellen staatlichen Rahmen zu stärken und den zentrifugalen Kräften entgegenzuwirken und an die deutschen politischen Traditionen anzuknüpfen. Unter Rückgriff auf Geschichte und Philosophie forderte man die Stärkung des Reichspräsidenten und des Staates über den Parteien. Man sah sich nach Alternativen zur parlamentarischen Regierungsweise um und suchte nach einem besonderen deutschen Weg. Die gesamte Denkströmung der sog. „konservativen Revolution“ ist in diesem Kontext zu sehen, die vielfach an die „Ideen von 1914“ erinnert.
Sicherlich führt kein gerader Weg von den „Ideen von 1914“ zu den „Ideen von 1933“, d.h. ins Dritte Reich hinein. Das Ideal der durchorganisierten Einheit der Nation und die Suche nach einem deutschen Weg machten es bei wachsendem antiliberalen, antiparlamentarischen und antidemokratischen Denkströmungen der Republik von Weimar jedoch schwer sich zu behaupten. Mittelbar kam es der NS-Machtübernahme zugute. Und die Volksgemeinschaftspropaganda des Dritten Reiches nutzte dieses Ideal.
Abschließend einige einordnende Bemerkungen. Der Erste Weltkrieg mobilisierte nicht nur mehr Kombattanten als jeder Krieg vorher, sondern er erfasste selbst die Welt der Gelehrten, der Professoren und Intellektuellen, die bei ihrem Engagement z.T. nicht selten die Regeln der Wissenschaft außer Acht ließen und zu Propagandisten wurden. Es handelte sich dabei um ein Phänomen, das in allen beteiligten großen Staaten anzutreffen ist, doch in Deutschland, in der „verspäteten Nation“ (Helmuth Plessner), besonders groteske Formen angenommen hat. Das Phänomen ist in die Inkubationsphase des „Zeitalters der Extreme“ einzuordnen.
Die Formulierung der „Ideen von 1914“ lässt die Problematik einer politischen Kultur voller Widersprüche erkennen. Einerseits wurden manche Züge der Besonderheiten der deutschen politischen Geschichte und Geistesgeschichte und ihrer Unterschiede zu den westlichen Nationen zutreffend gesehen, andererseits wurden diese Spezifika ideologisiert und zum Programm für Gegenwart und Zukunft erhoben, wobei auch Momente der Rückständigkeit eingeschlossen waren. Zugleich fällt auf, dass vor allem bestimmte Züge zur Norm erhoben wurden, die geeignet erschienen, Geschlossenheit, Einordnung und Dienst am Ganzen zu gewährleisten, während das Bestreben nach Partizipation und Mitbestimmung, das in Deutschland durchaus vorhanden war und nicht zuletzt von der Sozialdemokratie artikuliert wurde, allzu sehr ausgeblendet worden ist.
Vielleicht macht man es sich jedoch zu leicht, wenn man die „Ideen von 1914“, wie Wolfgang Mommsen vor 25 Jahren und Joachim Müller vor 13 Jahren (im Hinblick auf Plenge), ausschließlich als „Phantasieprodukt akademischer Gelehrter“ bzw. als „eine ideologische Hypostase der verfassungsrechtlichen Konstruktion und soziopolitischen Realität des Wilhelmischen Reiches“ bezeichnet – gewiss waren sie dies auch. Doch hat jüngst Herfried Münkler den aus seiner Sicht – mit bestimmten Grundanliegen der „Ideen von1914“ verwandten – Einspruch des Kommunitarismus gegen den Kontraktualismus als aus seiner Sicht berechtigt bezeichnet. Der Kommunitarismus hat bekanntlich während der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts gegen den radikalen Individualismus liberaler Gesellschaftskonzeptionen die Bedeutung der Gemeinschaft und des sozialen Zusammenhalts betont (und ist teilweise auch in die politische Programmatik eingegangen). Auch wird man fragen können, ob ungeachtet der prinzipiellen universalen Geltung der Menschen- und Bürgerrechte historisch-politischer Realismus nicht doch auch die Pfadabhängigkeiten von Entwicklungen und das Recht auf eigene Entwicklungen anerkennen und zumindest die Wirkungsmacht von Traditionen und nationalen Unterschieden berücksichtigen muss.
Ungeachtet dieser Fragen und der auch heute noch wirksamen Intensität der Kommunikation auf der jeweiligen nationalen Ebene kommt man jedoch gleichzeitig nicht an der Einsicht vorbei, dass es in einer Zeit wachsender internationaler und transnationaler Kommunikation und Interdependenz ein prinzipielles Abkoppeln der Einzelstaaten – auch großer Einzelstaaten – von den Entwicklungstendenzen der modernen Welt schwerlich geben kann. Insofern waren die „Ideen von 1914“ – aus meiner Sicht – eben guten Teils bereits bei ihrer Entstehung historisch obsolet, es sei denn, man interpretiert sie als Antizipation totalitärer Ideen. Doch wird man immer noch mit Ernst Fraenkel sagen können, dass die Sozialstaatlichkeit in gewisser Weise der deutsche Beitrag zur Entwicklung des modernen demokratischen Verfassungsstaates war, zu dem ich auch in der Gegenwart keine humane Alternative sehen kann.
Das Thema „Ideen von 1914“ ist deshalb nicht nur historisch, sondern auch ideenpolitisch von Interesse. So abwegig sie auch sind, so wirken sie teilweise doch auch angesichts der Ambivalenzen der Moderne irritierend.
Mann, Thomas: Betrachtungen eines Unpolitischen. [1918], Frankfurt a.M. 1983.
Meinecke, Friedrich: Die deutsche Erhebung von 1914. Vorträge und Aufsätze, Stuttgart und Berlin 1915.
Plenge, Johann: 1789 und 1914. Die symbolischen Jahre des deutschen Geistes, Berlin 1916.
Sombart, Werner: Händler und Helden. Patriotische Besinnungen, München und Leipzig 1915.
Troeltsch, Ernst: Deutscher Geist und Westeuropa: Gesammelte kulturphilosophische Aufsätze und Reden; hrsg. v. Hans Baron, Tübingen 1925 (Neudruck Aalen 1966).
Faulenbach, Bernd: Ideologie des deutschen Weges, München 1980.
Faulenbach, Bernd: „Deutscher Sonderweg“. Zur Geschichte und Problematik einer zentralen Kategorie des deutschen geschichtlichen Bewußtseins. In: APuZ B33 1981, S. 3-21.
Leonard, Jörn: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014.
Lübbe, Hermann: Philosophische Ideen von 1914. In: Ders.: Politische Philosophie in Deutschland. Studien zu ihrer Geschichte, Basel/Stuttgart 1963, S. 173-238.
