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Borderline ist eine Lebensbürde. Das Leben mit dieser psychischen Erkrankung haben sich die Betroffenen nicht ausgesucht und leiden selbst am meisten darunter. Doch wir brauchen kein Mitleid, sondern Verständnis von Menschen, die sich nicht von uns wegstoßen lassen und uns auf unserem Weg aus dem Schatten unseres Borderliners begleiten. Für unser Umfeld ist es oft nahezu unmöglich, unsere destruktiven Verhaltensweisen zu verstehen und nachzuvollziehen. Daher ist es mir ein Anliegen Betroffenen, Angehörigen, Lebenspartner*innen und Freund*innen, als auch Interessierten einen Einblick in unser Leben zu ermöglichen.
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Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2022
Betty Paessler
Die (in)stabile Welt des Borderliners
Vom Leben & Glücklichsein trotz einer psychischen Erkrankung
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Zu diesem Buch
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Nachworte
Impressum neobooks
Betty Paessler
Die (in)stabile
Welt des Borderliners
Vom Leben & Glücklichsein
trotz einer psychischen Erkrankung
Teil V
Über die Autorin
Sie wurde 1965 in Berlin (a.B.) geboren, wo sie nach dem Realschulabschluss an einer Gesamtschule, erfolgreich eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notariatsfachangestellten absolvierte. In diesem Beruf war die Mutter von drei Kindern viele Jahre tätig, bis sie im Jahr 2001 die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung erhielt, die zum Ausstieg aus dem Berufsleben und hinein in die Frührente führte.
Auch in diesem Buch gewährt sie uns wieder sehr intime Einblicke in ihr Leben als Borderlinerin, lässt uns Teilhaben an dem instabilen Leben mit einer psychischen Erkrankung und macht uns Mut bei unserem Vorhaben, gegen diese Erkrankung anzugehen und dem Borderliner in unserem Inneren die Stirn zu bieten.
Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2022
Copyright © der Originalausgabe Betty Paessler
Impressum:
Betty Paessler
c/o Autorenservice
Benninger Str. 26
87700 Memmingen
Kontakt: [email protected]
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile und des Covers, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die Quellen von Zitaten oder hier im Buch verwendete Veröffentlichungen von Autoren, Medizinern sowie Auszüge aus der Fachliteratur werden am Ende des Buches angegeben.
In Gedenken
an alle
Borderliner*innen
die es nicht geschafft haben,
um Hilfe zu bitten.
Im Laufe der Jahre habe ich vieles gelesen und zum Thema ‚Borderline‘ recherchiert. Ich wollte verstehen: mich und meine ‚Persönlichkeitsstörung‘.
Es wäre zu einfach zu sagen, der Borderliner ist so oder so. Jeder von uns ist ein einzigartiges Wesen mit einer einzigartigen Persönlichkeit – und auch das ‚Borderliner-Sein‘ ist einzigartig und viel zu komplex, um es mit Verallgemeinerungen beschreiben zu wollen. Denn jeder von uns hat seine eigene Geschichte – seine eigene Vergangenheit. Natürlich haben wir alle unsere Parallelen, die uns zu Menschen mit einer ‚Borderline-Persönlichkeits-störung‘ machen, die in der Fachliteratur beschrieben und vermeintlich erklärt wird.
Es geht mir um das Verstehen: sich selbst und die eigenen Handlungen; unerwartete und destruktive Handlungsweisen eines geliebten Menschen; den Menschen hinter der Borderliner-Persönlich-keitsstörung für Außenstehende – also Nicht-Betroffene…
Mir ist sehr wichtig, auf die Komplexität unserer Psyche einzugehen. Demzufolge habe ich mich dazu entschlossen, vieles von dem, was ich für mich ‚abgespeichert‘ habe, hier wiederzugeben. Wie ich bereits im vorherigen Teil geschrieben habe, ist es einer einzigen Person nicht möglich, alles über die Borderline-Persönlichkeitsstörung, Zusammenhänge und Hintergründe zu wissen. Und nichts liegt mir ferner als mich mit dem Wissen anderer zu schmücken.
Alles, was ich an zusammengetragenem Wissen hier wiedergebe, wird von mir auch mit der entsprechenden Quelle gekennzeichnet.
So zum Beispiel sehr viele Artikel, die ich auf der Seite www.firstlife.de gelesen habe und die ich hier wiedergeben möchte.
f1rstlife ist das Online-Magazin für junge Gestalter, Innovatoren und Antreiber. Menschen aus allen unterschiedlichen Ländern, Religionen und Überzeugungen finden dort im Rahmen der Menschenwürde und Solidarität den Platz für ihre Artikel. f1rstlife will Mut machen, sich stark und proaktiv mit verschiedenen Themen zu beschäftigen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf sozialem Engagement.
Einige Beiträge wurden von ‚ehemaligen Autoren‘ verfasst. Zitat von f1rstlife.de: Die Wege führen weiter. ‚Nicht jeder schreibt ein Leben lang für f1rstlife. Trotzdem sind viele Inhalte zu schade, um einfach vergessen zu werden. Deshalb gibt es hier alle Beiträge unserer ehemaligen Autoren zu lesen.‘
Dazu zählen auch sehr viele Beiträge zum Thema ‚Borderline‘, zu denen ich als Quelle nicht den ursprünglichen Verfasser benennen kann, so dass ich mich dazu entschieden habe, f1rstlife.de als Quelle zu benennen, wofür ich um Verständnis bitte.
Wie aber in den anderen Teilen aus der Reihe ‚Vom Leben & Glücklichsein trotz einer psychischen Erkrankung‘ auch, berichte ich aus meinem Leben und gewähre zum Teil tiefe Einblicke…
Immer in der Hoffnung, dass ich Mut machen kann, sich dieser Erkrankung zu stellen.
Ich wünsche dir von Herzen alles Gute,
Betty
Du wirst es nie schaffen,
einen Menschen, der in seiner Welt
des Leidens gefangen ist,
herauszuholen,
solange er selbst nicht
nach dem Ausgang sucht.
(Ana Blom)
„Es war schön, dich wiederzusehen. Treffen wir uns nächste Woche? Hier, zur gleichen Zeit? Ich freue mich schon!“
Worte, die lieb gemeint erscheinen, in mir jedoch eine Welle an Gefühlen lostreten, die mein Gegenüber nicht einmal erahnen kann. Ich lächle, lasse die herzige Umarmung zum Abschied zu und weiß bereits jetzt, dass es kein Wiedersehen geben wird.
Denn obwohl ich mich auf dieses Treffen wirklich gefreut hatte und ich es sogar war, die diese Zusammenkunft mit Tag und Uhrzeit vorgeschlagen hat, ist mir diese Nähe schon wieder zu viel. Sie beginnt mich zu erdrücken und katapultiert mich in einen emotionalen Ausnahmezustand.
Außerdem weiß ich doch heute noch gar nicht, wie es mir übernächste Woche gehen wird. Ich möchte nicht so weit im Voraus planen, denn der innere Druck, der sich während dieser Zeit bis zur Verabredung aufbauen würde, ist von mir letztendlich kaum auszuhalten.
Der Wunsch nach Nähe und das Aufbauen von Distanzen. Unser tägliches Leid.
Da ich schon lange nicht mehr bereit bin, mich nur als ‚die Borderlinerin‘ zu sehen, ist es für mich höchst interessant, informativ und zugleich lehrreich gewesen, tiefer in ‚psychologische Betrachtungsweisen‘ von Gefühlen, Gedanken und Handlungen vorzudringen.
Die Zusammenhänge und Ursachen zu verstehen um die Erkrankung/Persönlichkeitsstörung in ihrer Gesamtheit zu begreifen – dazu möchte ich mit meinen persönlichen Erfahrungen und dem fachlichen Wissen anderer in diesem Teil beitragen.
Diagnose der emotional-instabilen
Persönlichkeitsstörung vom Typ Borderline
Die Diagnose einer Borderline-Störung erfolgt klinisch, d.h. durch Beobachtungen und Untersuchungen durch einen Psychiater oder Psychologen. Betroffene fallen meist schon im Jugendalter durch impulsives Verhalten und labilen Affekt auf, auch wenn die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung erst im Erwachsenenalter erfolgen darf.
Borderline-Patienten leiden unter starken Ängsten verlassen zu werden und reagieren panisch, wenn sie Zeichen von Distanzierung bei ihren Beziehungspartnern bemerken. Sie dichotomisieren, d.h. sie neigen dazu die Welt in schwarz und weiß zu unterteilen und vermögen es kaum, auch Zwischentöne zu empfinden. Sie idealisieren andere rasch, um dann abrupt in eine völlige Ablehnung und Abwertung überzugehen.
Symptome der emotional-instabilen Persönlichkeits-störung vom Borderline-Typ:
emotionale Dysregulation und labiler Affekt
labiles Selbstbild und verzweifelte Bemühungen nicht verlassen zu werden
zum Teil sehr intensive, aber instabile Beziehungsmuster
rasche Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung anderer Personen
wechselhaftes Selbstwertgefühl
ausgeprägte Impulsivität, selbstschädigendes Verhalten wie Risikosport, ungeschützter Sex, rücksichtsloses fahren oder ‚sensation seeking‘
selbstverletzendes und/oder suizidales Verhalten
Zustände hoher Anspannung, die durch Schmerzen reduziert werden können
Anhaltendes Gefühl der Leere
Schwierigkeiten Wut und Ärger zu kontrollieren
Geringe Stresstoleranz
In belastenden Situationen können vorübergehend Psychose ähnliche Symptome wie Paranoia oder auch Wahnvorstellungen auftreten, ohne dass die Kriterien einer Psychose erfüllt wären.1
Atmen und Fühlen – Essenzielle Grundbausteine der Borderline-Therapie
Ein Mensch mit Borderline-Störung hat Schwierigkeiten, seine Emotionen bewusst wahrzunehmen und adäquat zu regulieren. Eine Therapie kann dem Betroffenen helfen, seine (wahren) Gefühle wieder ins Bewusstsein zu rufen. Der Schlüssel heißt: Atmen & Fühlen
Eine Differenzierung der Begrifflichkeiten „Gefühl“ und „Emotion“ schafft eine bessere Verständlichkeit für die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Ein „Gefühl“ ist per Definition eine Wahrnehmung durch Sinne (-seindrücke) oder auch Empfindungen genannt. Unter der „Emotion“ verstehen Neurowissenschaftler psychische Prozesse, die durch äußere Reize ausgelöst werden und eine Handlungsbereitschaft zur Folge haben. Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung zeichnet sich durch unbewusste, nicht durchdachte Handlungen des Betroffenen aus, welche zumeist negative Konsequenzen zur Folge haben. Kündigungen, Freundschaftsabbrüche oder Liebesbeziehungen, die im Desaster enden stellen nur einige der vielen Beispiele dar. Doch hätte man diese langfristigen Konsequenzen, resultierend aus dem destruktiven Verhalten des Borderliners abwenden können? Nein.
Es ist geschehen, weil dem Menschen mit Borderline-Erkrankung eines fehlte: Das Wissen um seine Erkrankung. Kann dies durch die Bewusstwerdung besser werden? Ein eindeutiges: „Ja!“
Bewusstwerdung ist der Schlüssel!
Im Rahmen der Therapie lernt ein Borderliner seinen eigenen Verantwortungsbereich kennen und mit seinen Gefühlen und Emotionen besser umzugehen. Ein Trigger von außen ist erst einmal nur Auslöser für ein Gefühl, welches in ihm eingeschlossen ist und noch nicht aufgelöst wurde. Sobald der Betroffene gelernt hat, seinen Handlungsimpuls nicht immer auszuführen, sondern in sich hineinhorcht und so seinem Gefühl auf den Grund geht, hat er schon einiges gewonnen. Doch wie funktioniert es, seinen wahren Gefühlen auf den Grund zu gehen und diese adäquat zu benennen? Und wie kann der Erkrankte seine Gefühle regulieren, ohne in dysfunktionale Verhaltensweisen zu fallen und sich und seinem Umfeld zu schaden?
Die Antwort ist simpel:
Atmen und fühlen!
Atmen hilft uns, inne zu halten und in den Kontakt mit uns selbst zu gehen. Meditation und kohärentes Atmen ist ein Hilfsmittel, welches bereits im Buddhismus Anwendung findet, um sich seiner selbst bewusst zu werden.
Verdrängte Gefühle als Ursache für schädigende Verhaltensweisen
Menschen mit Borderline haben in den meisten Fällen ihre Gefühle abgespalten und in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins verdrängt, um sie dort nie wieder spüren zu müssen. So allerdings beraubt der Betroffene sich aller Gefühle und kratzt jede Emotion und jedes Gefühl lediglich an der Oberfläche an – auch die positiven. Es gilt sich und seine Gefühlswelt und sein Gefühls(er-)leben zu erhalten. Natürlich oder leider geht es nicht im Alleingang, seinen wahren Gefühlen auf den Grund zu gehen. Die Psychotherapie mit einer/einem im besten Fall erfahrenen Therapeuten/Therapeutin hilft in vielen Fällen, in dieses Gefühl rein zu atmen und es so an die Oberfläche zu holen und schlussendlich in einer Analyse aufzulösen und zu verarbeiten. So beginnt der Betroffene sich und seine Verhaltensweisen besser zu verstehen und bekommt allgemein ein positiveres Grundgefühl für sich selbst. Er muss sich nicht weiter selbst verurteilen für unverhältnismäßige Verhaltensweisen, bei welchen er anderen und sich selbst eventuell geschadet hat.
Gefühle Beiseiteschieben – Die Königsdisziplin des Borderliners
Im fortgeschrittenen Stadium seiner Therapie kann der Borderliner mithilfe seiner erlernten Skills seinen Gefühlen und Emotionen langsam im Alleingang auf den Grund gehen und lernt immer mehr, sich selbst besser zu regulieren.
Ich selbst hatte und habe noch heute manchmal ein Problem mit der Wahrnehmung meiner Gefühle. Ich bin erstens nicht immer bereit dazu, mich meinen Gefühlen hinzugeben oder diese anzuhören noch habe ich die Zeit, mich diesen zuzuwenden, weil ich weiß, dass ich dann in emotionale Nöte gerate und nicht mehr effektiv am Tagesgeschehen teilnehmen kann.
Also packe ich diese erst einmal bei Seite und widme mich diesen zu einem späteren Zeitpunkt. Ich musste lernen, mein Verhalten und Handeln so anzupassen, damit mein inneres Kind, der verletzte Anteil meiner selbst, nicht in Vergessenheit gerät und sich dann an anderer Stelle impulsiv entlädt.
Der Schlüssel, um innere Gefühlsblocken zu lösen: Atmen!
Um diesen Gefühlen auf den Grund zu gehen, muss man atmen. Dies kommt in den Tagesabläufen meist zu kurz. Oft atmet man mehr flach im Hals als in die Brust hinein. Doch so hat man sich unter Kontrolle. Eine Möglichkeit richtig zu atmen, könnte man das Joggen in den Tagesablauf integrieren. Bei dieser Aktivität hat man die Möglichkeit, tief in sich hinein zu atmen und nebenbei die (An-)Spannungszustände stückweise zu lösen. Oder die Meditation, das achtsame Spazieren durch den Wald, der Genuss eines Heißgetränks, um die Achtsamkeit wieder auf die eigene Person zu lenken.
Weiterhin führe ich oft einen inneren Dialog mit mir selbst und frage mich, was ich jetzt genau brauche. Es ist mein inneres Kind, welches mir dann die Antwort gibt.
Im Rahmen der Selbstfürsorge kann ich mir dann selbst etwas Gutes tun und brauche keinen anderen Menschen mehr, welcher mein derzeitiges vorherrschendes Bedürfnis stillen muss. Sagen wir, ich fühle mich ungeliebt und brauche nun Bestätigung eines geliebten Menschen und sende diesem ein ‚Ich vermisse dich‘ in der Hoffnung, ebendies zurück zu erhalten, dann handelt es sich hier um eine manipulative Handlung. Die Krönung ist dann den anderen anzugehen, wenn nicht die gewünschte Reaktion zurückkommt. Hat nicht viel mit bedingungsloser Liebe zu tun.
Einen anderen Menschen zu (be-)nutzen, um seine eigenen Bedürfnisse zu stillen, ist ebenso Missbrauch, wie viele Borderliner in ihrer Kindheit erleben mussten.2
Wenn du etwas wagst,
wächst dein Mut,
wenn du zögerst,
deine Angst.
(Buddha)
Wenn Gefühle Wunden hinterlassen –
emotionaler Teufelskreislauf
Das Problem des Borderliners ist, dass er sich sehr oft angetriggert fühlt. Ein Auslöser im Jetzt katapultiert ihn in ein Gefühl, welches er als Kind oder Jugendlicher gehabt hat. Und dann gerät er in eine Kampf- oder Abwehrhaltung, um sich und sein Leben zu schützen. Dies kann man sich als eine Art emotionaler Teufelskreislauf vorstellen. Als wehrloses Kind war man einer Gefahr ausgesetzt – das Gefühl dazu ist immer noch im Innen manifestiert und nun fühlt sich der Borderliner durch den Trigger zurückversetzt.
Diese Erlebnisse in Kindheit und Jugend hinterlassen tiefe Wunden. Die meisten von ihnen heilen im Laufe der Zeit und eine Narbe bildet sich. Oh ja, Wunden heilen, doch die Narbe bleibt ein Leben lang sichtbar. Das Berühren dieser Narbe weckt die Erinnerungen an diese Wunde. Bei ‚gesunden‘ Menschen verklingt die Erinnerung an das Geschehnis unter der Narbe und so verblast auch die Narbe als solche mit der Zeit mehr und mehr bis nahezu zur Unkenntlichkeit. Doch nicht so bei einem Borderliner. In meinem vorherigen Buch ‚(K)ein Leben auf Schienen‘ schrieb ich über das emotionale Gedächtnis.
Nun, auch bei diesen Wunden setzt dieses emotionale Gedächtnis ein, welches nur allzu oft durch äußere Einflüsse, also durch Dritte, getriggert wird. Dieses Auslösen der Erinnerung an ein Geschehnis aus vermeintlich weiter Ferne reißt diese Narbe wieder auf und jedes gesprochene Wort kann wie Salz in dieser Wunde sein und entgegen dem Bewusstsein eines ‚gesunden‘ Menschen, der um die Vergangenheit weiß, ist für den Borderliner der Unterschied zwischen dem ‚damals‘ und dem ‚jetzt‘ nicht begreifbar, so dass die Wunde jetzt ebenso schmerzt, wie zum Zeitpunkt, als sie uns zugefügt wurde.
Die Narbe reißt auf und schmerzt wieder so unendlich, dass wir uns verteidigen müssen. Denn jeder, der diesen Trigger auslöst, wird innerlich zum Gegner erklärt.
