Die Jahre - Virginia Woolf - E-Book

Die Jahre E-Book

Virginia Woolf.

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Beschreibung

Woolfs vorletzter Roman, mit dem sie große Erfolge feierte: Dieser drei Generationen umspannende Familienroman, der sich von 1880 bis in die 1930er Jahre erstreckt, erzählt das Leben der Londoner Offiziersfamilie Pargiter. Hierbei geht es um die Schicksale der Großeltern, Eltern und Kinder, die über Die Jahre begleitet werden. Die auf den ersten Blick für Woolf ungewöhnlich konventionelle Erzählweise wird durch wiederkehrende, das Gestern und das Heute verbindende Augenblicke aufgebrochen.-

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Virginia Woolf

Die Jahre

Übersetzt Herberth und Marlys Herlitschka

Saga

Die Jahre ÜbersetztHerberth und Marlys Herlitschka OriginalThe YearsCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1937, 2020 Virginia Woolf und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726643015

 

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

 

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

 

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

1880

Es war ein launischer Frühling. Unaufhörlich wechselnd, sandte das Wetter Wolken von Graublau und Violett über die Erde. Die Landwirte machten besorgte Gesichter, wenn sie ihre Felder ansahen; die Leute in London öffneten ihre Schirme, sahen zum Himmel auf und schlossen sie wieder. Doch im April war solches Wetter zu erwarten. Hunderte von Verkäufern und Verkäuferinnen bei Whiteley und in den Army & Navy Stores erlaubten sich diese Bemerkung, wenn sie adrett verschnürte Päckchen Damen in üppig berüschten Kleidern über den Ladentisch reichten. Endlose Züge von Kauflustigen im Westend, von Geschäftsleuten in der City fluteten auf den Gehsteigen hin und her, wie unaufhörlich wandernde Karawanen – so schien es denen, die aus irgendeinem Grund einen Augenblick stehnblieben, etwa, um einen Brief einzuwerfen, oder an einem Klubfenster in Piccadilly. Der Strom von Landauern, Viktorias und Hansoms versiegte nie; denn die Season nahm ihren Anfang. In ruhigeren Straßen verzapften Musikanten ihr dünnes, meist schwermütiges Gedudel, das hier in den Bäumen des Hyde Park, dort des St. James’s Park im Gezwitscher der Spatzen und den jähen Ausbrüchen der verliebten aber oft pausierenden Drossel sein Echo oder seine Parodie fand. In den Wipfeln der Gartenanlagen auf den Squares trippelten die Tauben hin und her, ließen ein Zweiglein oder zwei fallen und gurrten immer wieder ihr stets unterbrochenes Schlummerlied. Durch die Parktore beim Marble Arch und beim Wellingtonpalais drängten sich nachmittags Damen in bunten Kleidern mit dem neumodischen Cul-de-Paris und Herren im Gehrock, eine Nelke im Knopfloch, den Spazierstock in der Hand. Hier kam die Gemahlin des Prinzen von Wales, und wo sie vorbeifuhr, wurden Hüte gelüpft. In den Souterrains der langen Avenuen in den Wohnvierteln trafen Stubenmädchen in Häubchen und Schürze die Vorbereitungen zum Tee. Umwegig aus der Tiefe hinaufgetragen, wurde die silberne Teekanne auf den Tisch gestellt, und mit Händen, welche die offenen Wunden der Elendsquartiere von Bermondsey und Hoxton gestillt hatten, taten junge Mädchen und alte Jungfern sorgfältig abgemessene ein, zwei, drei, vier Löffelvoll Tee hinein. Sobald die Sonne unterging, öffneten sich tausende kleine Gasflammen, den Augen von Pfauenfedern gleichend, in ihren Glaskäfigen; dennoch blieben lange Strecken auf den Gehsteigen dunkel. Das vermischte Licht der Laternen und der untergehenden Sonne spiegelte sich in dem stillen Wasser des »Rundteichs« und der »Serpentine«. Außer Haus Speisende, die in Hansoms über die Brücke trabten, betrachteten sekundenlang den reizenden Ausblick. Allmählich stieg der Mond hoch, und seine blanke Münze, obgleich bisweilen von Wolkenwischen verdeckt, leuchtete heiter oder streng oder vielleicht völlig gleichgültig. Langsam kreisend, wiedie Strahlen eines Scheinwerfers, glitten die Tage, die Wochen, die Jahre, eins nach dem andern, über den Himmel.

 

Oberst Abel Pargiter saß nach dem Lunch in seinem Klub und plauderte. Da seine Gefährten in den Lederfauteuils Männer seines Schlags waren, Männer, die Offiziere oder Staatsbeamte gewesen und nun im Ruhestand waren, ließen sie mit alten Witzen und Anekdoten erst ihre Vergangenheit in Indien, Afrika, Ägypten wieder aufleben und kamen dann in ganz natürlichem Übergang auf die Gegenwart. Es handelte sich um irgendeine Ernennung, um eine mögliche Ernennung.

Plötzlich neigte sich der jüngste und flotteste der drei vor. Gestern beim Lunch mit ... Hier senkte der Sprechende die Stimme. Die andern beugten sich zu ihm; eine kurze Handbewegung Oberst Pargiters sandte den Diener weg, welcher die Kaffeetassen abräumte. Die drei schütter behaarten und angegrauten Köpfe blieben einige Minuten nahe beieinander. Dann warf sich Oberst Abel im Lehnstuhl zurück. Der sonderbare Schimmer, der in die Augen aller drei gekommen war, als Major Elkin seine Geschichte begann, war aus Oberst Pargiters Gesicht völlig verschwunden. Er saß und starrte vor sich hin, mit seinen hellblauen Augen, die ein wenig zusammengekniffen waren, als sähen sie noch immer in den Glast des Ostens, und an den Winkeln ein wenig umfältelt, als wäre noch immer Staub in ihnen. Ein Gedanke war ihm gekommen, der, was die andern sagten, für ihn uninteressant machte, sogar unangenehm. Er erhob sich und blickte durchs Fenster auf Piccadilly. Die Zigarre in der Hand, sah er hinab auf die Oberdecke der Omnibusse, auf die Hansoms, die Visavis, die Lieferwagen und Landauer. Ihn ging das alles nichts an, schien seine Haltung zu sagen; mit dieser Sache hatte er nichts mehr zu tun. Sein rotwangiges, männlich hübsches Gesicht verdüsterte sich, als er so dort stand und hinaussah. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Das mußte er sie fragen. Er wandte sich um; aber seine Freunde saßen nicht mehr da. Die kleine Gruppe hatte sich aufgelöst. Elkin eilte schon durch die Tür; Brand sprach dort drüben mit einem andern Herrn. Oberst Pargiter verschluckte, was er vielleicht gesagt hätte, und wandte sich wieder dem Fenster zu, aus dem man auf Piccadilly sah. JederMensch auf der menschenerfüllten Straße schien irgendein Ziel zu haben. Alle eilten, um irgendeine Verabredung einzuhalten. Sogar die Damen in den Visavis und Broughams, die da vorbeitrabten, hatten irgend etwas vor. Alle Welt kam nach London zurück, richtete sich auf die Season ein. Für ihn aber gäbe es keine Season; für ihn gab es nichts zu tun. Seine Frau lag im Sterben; doch sie starb nicht. Heute ging’s ihr besser; morgen ginge es ihr wieder schlechter; eine zweite Pflegerin war aufgenommen; und so ging es fort. Er ergriff eine Zeitung und blätterte sie durch. Er besah ein Bild der Westseite des Kölner Doms. Dann warf er die Zeitung unter die andern zurück. Früher oder später – das war sein Euphemismus für die Zeit, die nach dem Tod seiner Frau käme, – würde er von London wegziehn, dachte er, und auf dem Land leben. Aber da war das Haus; da waren die Kinder; und da war auch ... Seine Miene veränderte sich; sie wurde weniger unzufrieden; aber auch ein wenig verstohlen und unruhig.

Irgendwohin konnte er schließlich doch gehn. Während sie hier schwatzten, hatte er die ganze Zeit diesen Hintergedanken gehabt. Als er sich herumwandte und sah, daß die andern nicht mehr da waren, war das der Balsam gewesen, den er auf seine Wunde tat. Er wollte Mira besuchen gehn; Mira wenigstens würde sich freuen, ihn zu sehn. Und so wandte er sich, als er den Klub verließ, nicht nach Osten, wohin die beschäftigten Männer gingen, und auch nicht nach Westen, wo, in der Abercorn Terrace, sein Haus lag, sondern ging die festen Wege durch den Green Park entlang gegen Westminster. Das Gras war sehr grün; die Blätter begannen zu sprießen; kleine grüne Klauen, wie Vogelkrallen, kamen aus den Zweigen hervor; alles hatte etwas Funkelndes, Neubelebtes. Die Luft roch rein und scharf. Oberst Pargiter aber sah weder das Gras noch die Bäume. In seinem bis oben zugeknöpften Mantel marschierte er durch den Park und blickte geradeaus vor sich hin. Doch als er nach Westminster kam, blieb er stehn. Diesen Teil der Sache mochte er gar nicht. Jedesmal, wenn er sich der kleinen Gasse näherte, die am Fuß der gewaltigen Steinmasse der Abtei lag, dieser Gasse schäbiger kleiner Häuser mit gelblichen Vorhängen und Zu-Vermieten-Karten in den Fenstern, der Gasse, wo stets der Mann mit dem heißen Gebäck seine Glocke zu läuten schien, wo Kinder kreischten und über die weißen Kreidezeichen auf dem Gehsteig einund aushüpften, hielt er inne, blickte nach rechts, blickte nach links und ging dann sehr rasch auf Nummer dreißig zu und zog die Glocke. Er starrte geradeaus vor sich auf die Tür, während er, den Kopf etwas gesenkt, wartete. Er wollte nicht gesehen werden, wie er hier auf diesen Stufen stand. Er wartete nicht gern auf Einlaß. Er mochte es nicht, wenn ihm Mrs. Sims öffnete. Immer roch es in diesem Haus; immer hingen Wäschestücke an einer Leine im Hintergarten. Er ging die Treppe hinauf, verdrossen und schwerfällig, und betrat das Wohnzimmer.

Niemand war da; er war zu früh gekommen. Er sah sich mit Widerwillen in dem Raum um. Es stand zuviel Schnickschnack umher. Er fühlte sich nicht hierher gehörig und überhaupt viel zu groß, wie er so, sehr aufrecht, vor dem drapierten Kamin stand, einem Feuerschirm gegenüber, auf den ein Eisvogel gemalt war, der sich auf einige Binsen niederlassen wollte. Schritte eilten in dem Stockwerk über ihm hin und her. War jemand bei ihr? fragte er sich, während er lauschte. Kinder johlten draußen auf der Straße. Das Ganze hatte etwas Jämmerliches, etwas Gemeines, Verstohlenes. Früher oder später, sagte er sich ... Aber die Tür ging auf, und seine Mätresse, Mira, kam herein.

»Oh, Piffpaff! Liebster!« rief sie. Ihr Haar war sehr unordentlich; sie sah ein wenig schluderig aus; aber sie war viel, viel jünger als er und freute sich wirklich, ihn zu sehn, dachte er. Der kleine Hund sprang an ihr hinauf.

»Lulu, Lulu«, rief sie, packte das Hündchen mit der einen Hand, während sie mit der andern ihr Haar betastete, »komm und laß dich von Onkel Piffpaff ansehn!«

Der Oberst setzte sich in den knarrenden Korbstuhl. Sie hob den Hund auf seine Knie. Da sei ein roter Fleck – vielleicht ein Ekzem – hinter dem einen Ohr. Der Oberst setzte die Brille auf und beugte sich hinab, um sich das Ohr des Hundes zu besehn. Mira küßte ihn, wo der Kragen aufhörte, auf den Nacken. Dabei fiel ihm die Brille hinunter. Mira erhaschte sie und setzte sie dem Hund auf. Der alte Knabe war heute nicht bei Laune, das spürte sie. In dieser geheimnisvollen Welt der Klubs und des Familienlebens, von der er nie zu ihr sprach, war etwas nicht in Ordnung. Er war gekommen, bevor sie sich frisiert hatte. Und das war lästig. Aber es war ihr Pflicht, ihn zu zerstreuen. Also flatterte sie – ihre zwar stärker werdende Gestalt erlaubte ihr noch immer, zwischen Tisch und Stuhl durchzugleiten, – hierhin und dorthin; entfernte den Kaminschirm und zündete, bevor er sie abhalten konnte, das kärgliche Logierhausfeuer an. Dann hockte sie sich auf die Armlehne seines Sessels.

»O Mira«, sagte sie, sich in dem Wandspiegel betrachtend und die Haarnadeln umsteckend, »was für ein schrecklich unordentliches Ding du bist!« Sie löste eine lange Haarflechte und ließ sie über die Schulter fallen. Es war noch immer schönes, goldglänzendes Haar, obgleich sie sich den Vierzig näherte und, wenn man die Wahrheit wüßte, eine achtjährige Tochter bei Freunden in Bedford in Pflege hatte. Das Haar begann von selbst zu fallen, durch sein eigenes Gewicht, und Piflpaff, der das sah, neigte sich vor und küßte es. Eine Drehorgel hatte weiter unten in dem Gäßchen zu spielen begonnen, und die Kinder rasten alle in dieser Richtung davon und hinterließen eine jähe Stille. Der Oberst begann Miras Nacken zu streicheln. Er begann, mit der Hand, an der er zwei Finger verloren hatte, tiefer unten herumzutasten, wo der Nacken in die Schultern überging. Mira ließ sich auf den Fußboden gleiten und lehnte den Rücken an sein Knie.

Dann knarrten die Treppenstufen; jemand klopfte leise, wie um auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Mira steckte sogleich ihr Haar auf, erhob sich und schloß die Tür hinter sich.

Der Oberst begann auf seine methodische Art abermals das Ohr des Hundes zu untersuchen. War es ein Ekzem? Oder war es kein Ekzem? Er blickte auf den roten Fleck, stellte dann den Hund in den Korb auf die Füße und wartete. Dieses anhaltende Gewisper draußen auf dem Treppenabsatz mißfiel ihm. Endlich kam Mira zurück. Sie sah besorgt aus; und wenn sie besorgt aussah, sah sie alt aus. Sie begann unter Kissen und Überzügen umherzusuchen. Sie brauche ihr Handtäschchen, sagte sie; wo habe sie es nur hingetan? In diesem Durcheinander von Sachen, dachte der Oberst, mochte es überall sein. Es war ein mageres, nach Armut aussehendes Handtäschchen, das sich dann endlich unter den Kissen in der Sofaecke fand. Sie stürzte es. Taschentücher, zerknüllte Stückchen Papier, Silber- und Kupfermünzen fielen heraus, als sie es schüttelte. Aber zwanzig Schilling in Gold hätten darunter sein sollen, sagte sie, – ein Sovereign. »Ich hab’ ganz bestimmt gestern einen gehabt«, murmelte sie.

»Wieviel macht es?« fragte der Oberst.

Es mache ein Pfund – nein, ein Pfund, acht Schilling und sechs Pence, sagte sie und murmelte etwas von der Wäscherin. Der Oberst ließ zwei Sovereigns aus seinem kleinen goldnen Etui gleiten und reichte sie ihr. Sie nahm sie, und dann war wieder Geflüster auf dem Treppenabsatz zu hören.

»Wäscherin ...?« dachte der Oberst, in dem Zimmer umherblickend. Es war ein unsauberes kleines Loch von einem Zimmer; aber da er um so viel älter war als sie, ging es nicht an, die Wäscherechnung in Frage zu ziehn. Und hier war sie wieder. Sie flatterte durchs Zimmer und setzte sich auf den Boden und lehnte den Kopf an sein Knie. Das mißgünstige Feuer, das nur schwach geflackert hatte, war fast erloschen. »Laß es sein«, sagte er ungeduldig, als sie das Schüreisen ergriff. »Laß es ausgehn!« Sie legte das Schüreisen hin. Der Hund schnarchte; die Drehorgel leierte. Seine Hand begann ihre Wanderung, den Nacken hinauf und hinunter, ein und aus in dem langen, dichten Haar. In diesem kleinen Zimmer, so nahe den Häusern drüben, kam die Dämmerung schnell; und die Vorhänge waren halb geschlossen. Er zog Mira an sich; er küßte sie auf den Nacken; und dann begann die Hand, an der die zwei Finger fehlten, tiefer unten herumzutasten, wo der Hals in die Schultern überging.

 

Ein plötzlicher Regenschauer prasselte auf den Gehsteig, und die Kinder, die in ihren Kreidekäfigen ein- und ausgehüpft waren, rannten nach Hause. Der ältliche Straßensänger, der, auf dem Randstein entlangschwankend, eine Fischermütze keck auf den Hinterkopf zurückgeschoben, geschmettert hatte: »Drückt dich Angst und Sorge nieder – « schlug den Rockkragen hoch und suchte Zuflucht im Eingang eines Wirtshauses, wo er mit der Tröstung endete: » – morgen scheint die Sonne wieder«. Und dann schien die Sonne wieder und trocknete das Pflaster.

 

»Es kocht noch nicht«, sagte Milly Pargiter, auf den Teekessel blickend. Sie saß an dem runden Tisch in dem vordem Wohnzimmer des Hauses in der Abercorn Terrace. »Noch lange nicht«, wiederholte sie. Der Kessel war ein altmodisches Ding aus Messing mit einem gravierten Rosenmuster, das fast ganz verwischt war. Ein schwaches kleines Flämmchen flackerte darunter. AuchMillys Schwester Delia, die neben ihr in einen Fauteuil zurückgelehnt lag, beobachtete es. »Muß das Wasser kochen?« fragte sie nach einem Augenblick müßig, als erwartete sie keine Antwort, und Milly antwortete auch nicht. Sie saßen schweigend und beobachteten das Flämmchen über dem Büschel gelben Dochts. Auf dem Tisch standen viele Tassen und Teller, als würden noch Leute erwartet; aber für den Augenblick waren sie allein. Das Zimmer war vollerMöbel. Ihnen gegenüber stand eine holländische Vitrine mit blau gemustertem Porzellan auf den Borden; die Sonne des Aprilnachmittags malte hier und da einen hellen Fleck auf die Scheiben. Über dem Kamin lächelte das Porträt einer rothaarigen jungen Frau in weißem Musselin, einen Korb mit Blumen im Schoß, auf die beiden herab.

Milly zog eine Haarnadel aus ihrer Frisur und begann den Docht zu zerfransen, um die Flamme zu vergrößern.

»Aber das hilft doch nicht«, sagte Delia gereizt, während sie ihr zusah. Sie wurde ungeduldig. Alles schien so unerträglich viel Zeit zu brauchen. Dann kam Crosby herein und fragte, ob sie den Kessel in der Küche zum Kochen bringen solle, und Milly sagte nein. Wie könnte ich diesem Getändel und Gefummel nur ein Ende machen, fragte sich Delia, wäh rend sie mit einem Messer auf den Tisch klopfte und auf das schwache Flämmchen sah, das ihre Schwester mit einer Haarnadel weiter hervorzulocken versuchte. Eine Mückenstimme begann unter dem Kessel zu jammern; aber da ging die Tür abermals auf, und ein kleines Mädchen in einem gestärkten rosa Kleid stürmte herein.

»Ich finde, Nannie hätte dir eine reine Schürze umbinden können«, sagte Milly streng, die Art einer Erwachsenen nachahmend. Auf der Latzschürze der Kleinen war ein grüner Schmierfleck, als wäre sie auf Bäume geklettert.

»Sie ist noch nicht aus der Wäsche gekommen«, sagte Rose, das kleine Mädchen, mürrisch. Sie blickte auf den Tisch, aber dort sah es noch gar nicht nach Tee aus.

Milly zupfte abermals den Docht mit ihrer Haarnadel. Delia lehnte sich zurück und blickte über die Schulter aus dem Fenster. Von wo sie saß, konnte sie die Stufen vor der Haustür sehen.

»Also da ist Martin«, sagte sie düster. Die Haustür schlug zu; Bücher wurden auf den Tisch in der Halle hingeklatscht, und Martin, ein Junge von zwölf Jahren, trat ein. Er hatte das rötliche Haar der Frau auf dem Porträt, aber seins war zerzaust.

»Geh und mach dich ordentlich!« sagte Delia streng. »Du hast reichlich Zeit«, fügte sie hinzu. »Das Teewasser kocht noch nicht.«

Alle blickten sie auf den Kessel. Der ließ noch immer sein dünnes, melancholisches Summen ertönen, während das Flämmchen unter der schwingenden Messingwölbung flakkerte.

»Dieser verfluchte Kessel!« sagte Martin und wandte sich scharf ab.

»Mama wäre es nicht recht, daß du solche Worte gebrauchst«, verwies ihn Milly, als ahmte sie eine ältere Person nach; denn die Mutter war schon so lange krank, daß beide Schwestern es sich angewöhnt hatten, den Kindern gegenüber ihre Art anzunehmen. Die Tür öffnete sich abermals.

»Das Tablett, Miss ... « sagte Crosby, während sie die Tür mit dem Fuß am Zufallen hinderte. Sie hielt ein Betttischchen in den Händen.

»Das Tablett?« sagteMilly. »Ja, wer wird das Tablett hinauftragen?« Wieder ahmte sie die Art einer Erwachsenen nach, die taktvoll mit Kindern umgehn will. »Nicht du, Rose. Es ist zu schwer. Laß Martin es tragen, und du kannst mit ihm gehn. Aber bleibt nicht lange. Erzählt Mama nur, was ihr heute getan habt; und bis dahin wird das Wasser ... das Wasser ... «

Sie fuhr abermals mit der Haarnadel in den Docht. Ein schwaches Wölkchen von Dampf kam aus dem Schwanenhalsschnabel; erst in Abständen, dann wurde es allmählich immer stärker, bis, grade als sie Schritte auf der Treppe hörten, ein mächtiger Dampfstrahl hervorkam.

»Es kocht!« rief Milly. »Es kocht!«

 

Sie aßen schweigend. Die Sonne, nach den wechselnden Lichtern auf dem Glas der holländischen Vitrine zu schließen, schien sich zu verstecken und wieder hervorzukommen. Manchmal leuchtete eine Schale tiefblau; dann wurde sie fahl. Lichter ruhten verstohlen auf den Möbeln im andern Zimmer, das auf den Garten ging. Hier war ein Muster; hier war eine kahle Stelle. Irgendwo ist Schönheit, dachte Delia, irgendwo ist Freiheit und irgendwo, dachte sie, ist er – trägt seine weiße Blume im Knopfloch ... Aber in der Halle scharrte ein Stock.

»Das ist Papa!« rief Milly warnend.

Sogleich schlängelte sich Martin aus dem Armsessel seines Vaters; Delia setzte sich auf. Milly zog eilig eine sehr große, mit Rosen gesprenkelte Teetasse heran, die nicht zu den übrigen paßte.

Der Oberst stand in der Tür und überblickte beinahe grimmig die Gruppe. Seine kleinen blauen Augen sahn sie alle an, wie um etwas Tadelnswertes an ihnen zu finden; im Augenblick war nichts Besonderes an ihnen zu tadeln; aber er war schlecht gelaunt; sie wußten sogleich, noch bevor er sprach, daß er schlecht gelaunt war.

»Kleiner Schmierfink«, sagte er, Rose ins Ohr zwickend, während er an ihr vorbeiging. Sie deckte schnell die Hand über den Fleck auf ihrer Schürze.

»Alles in Ordnung mit Mama?« fragte er und ließ sich mit seiner ganzen Schwere in den großen Armsessel sinken. Er verabscheute Tee; aber er trank stets ein wenig aus der riesigen alten Tasse, die seinem Vater gehört hatte. Er hob sie und nippte gewohnheitsmäßig.

»Und was habt ihr alle getrieben?« fragte er. Er sah sie alle der Reihe nach an, mit dem argwöhnischen doch schlauen Blick, der heiter sein konnte, jetzt aber verdrossen war.

»Delia hat ihre Musikstunde gehabt, und ich war bei Whiteley –« begann Milly, fast als wäre sie ein Kind, das eine Lektion aufsagt.

»Geld ausgegeben, he?« sagte ihr Vater scharf aber nicht unfreundlich.

»Nein, Papa. Ich hab’s dir ja schon gesagt. Es sind die falschen Leintücher geliefert – «

»Und du, Martin?« fragte Oberst Pargiter, die Antwort seiner Tochter unterbrechend. »Klassenletzter wie gewöhnlich?«

»Erster!« brüllte Martin, das Wort hervorstoßend, als hätte er es mit Mühe bis zu diesem Augenblick zurückgehalten.

»Hm – was du nicht sagst!« erwiderte sein Vater. Seine Verdüsterung hellte sich ein wenig auf. Er fuhr mit der Hand in die Hosentasche und brachte eine Handvoll Silbergeld zum Vorschein. Seine Kinder beobachteten ihn, während er versuchte, ein Sechspencestück aus allen den großem Silbermünzen hervorzusuchen. Er hatte zwei Finger der rechten Hand im Indischen Aufstand verloren, und die Muskeln waren geschrumpft, so daß die Hand der Klaue eines alten Vogels glich. Er schupfte und scharrte; aber da er selbst die Verstümmelung stets unbeachtet ließ, wagten seine Kinder nicht, ihm zu helfen. Die glänzenden Fingerstümpfe faszinierten Rose.

»Hier, Martin«, sagte er endlich und reichte das Sechspencestück seinem Sohn. Dann nippte er wieder vom Tee und wischte sich den Schnurrbart.

»Wo ist Eleanor?« fragte er endlich, wie um das Schweigen zu brechen.

»Es ist ihr Mietertag«, erinnerte ihn Milly.

»Oh, ihr Mietertag«, murmelte der Oberst. Er rührte den Zucker in der Tasse rundum, als wollte er ihn zertrümmern.

»Die lieben altbekannten Levys«, sagte Delia versuchsweise. Sie war seine Lieblingstochter; aber bei seiner gegenwärtigen Stimmung war sie ungewiß, wieviel sie wagen könnte.

Er sagte nichts.

»Bertie Levy hat sechs Zehen an dem einen Fuß«, piepste Rose plötzlich. Die andern lachten. Aber der Oberst unterbrach sie scharf.

»Du beeil dich und mach, daß du zu deinen Hausaufgaben kommst«, sagte er mit einem Blick auf Martin, der noch immer kaute.

»Laß ihn doch aufessen«, sagte Milly, wiederum die Art einer Älteren nachahmend.

»Und die neue Pflegerin?« fragte der Oberst, auf die Tischkante trommelnd. »Ist sie gekommen?«

»Ja ... « begann Milly. Aber in der Halle entstand ein Geräusch, und Eleanor trat ein. Sehr zu ihrer aller Erleichterung; besonders Millys. Gott sei Dank, da ist Eleanor, dachte sie aufblickend, – die Besänftigerin, die Streitschlichterin, der Puffer zwischen ihr und den Spannungen und Zwistigkeiten des Familienlebens. Sie betete ihre Schwester an. Sie hätte sie eine Göttin genannt und sie mit einer Schönheit ausgestattet, die nicht die ihre war, mit Kleidern, die nicht die ihren waren, hätte Eleanor nicht einen Stoß kleiner marmorierter Büchlein und ein Paar schwarzer Handschuhe in der Hand getragen. Beschütze mich, dachte sie, ihr eine Teetasse reichend, die ich so ein mäuschenhaftes, unterdrücktes, untüchtiges kleines Ding bin, verglichen mit Delia, die immer alles für sich durchsetzt, während ich immer eins auf denMund kriege von Papa, der heute aus irgendeinem Grund brummig ist. Der Oberst lächelte Eleanor zu, und der goldrote Hund auf dem Kaminteppich sah auch auf und wedelte, als hätte er in ihr eins dieser zufriedenstellenden weiblichen Wesen erkannt, die einem einen Knochen geben und dann ihre Hände in Unschuld waschen. Sie war die älteste der Töchter, etwa zweiundzwanzig, keine Schönheit, aber von frischem Aussehen und, obgleich im Augenblick müde, von munterem Naturell.

»Tut mir leid, daß ich mich verspätet habe«, sagte sie. »Ich bin aufgehalten worden. Und ich hab’ nicht erwartet–« Sie sah ihren Vater an.

»Ich bin früher gekommen, als ich dachte«, sagte er hastig. »Die Sitzung – « Er brach ab. Es hatte wieder Krach mit Mira gegeben.

»Und was machen deine Mieter, he?« fügte er hinzu.

»Oh, meine Mieter ... « wiederholte sie; aber Milly reichte ihr die zugedeckte Schüssel.

»Ich bin aufgehalten worden«, sagte Eleanor abermals und nahm sich einen der warmen kleinen Kuchen. Sie begann zu essen; die Atmosphäre heiterte sich auf.

»Jetzt erzähl du uns, Papa«, sagte Delia kühn – sie war seine Lieblingstochter – »was du selbst getrieben hast. Irgendwelche Abenteuer gehabt?«

Es war eine unglückselige Frage.

»Es gibt keine Abenteuer für einen alten Kracher wie mich«, sagte der Oberst mürrisch. Er zermalmte die Zuckerkörnchen an der Wandung seiner Teetasse. Dann schien er seine Brummigkeit zu bereuen; er überlegte einen Augenblick.

»Ich traf den alten Burke im Klub; er hat mich aufgefordert, eine von euch zum Dinner mitzubringen; Robin ist zurück, auf Urlaub«, sagte er.

Er trank seinen Tee aus. Einige Tropfen fielen auf sein Spitzbärtchen. Er zog ein großes Seidentaschentuch hervor und wischte sich ungeduldig das Kinn. Eleanor sah von ihrem niedrigen Sessel aus eine merkwürdige Miene erst auf Millys, dann auf Delias Gesicht. Sie hatte den Eindruck von Feindseligkeit zwischen den beiden. Aber sie sagte nichts. Sie aßen und tranken weiter, bis der Oberst wieder seine Tasse hob, sah, daß nichts mehr darin war, und sie mit einem kleinen Klirren fest niedersetzte. Die Zeremonie des Nachmittagstees war vorbei.

»So, mein Junge, nun verschwinde und mach dich über deine Hausaufgaben!« sagte er zu Martin.

Martin zog die Hand zurück, die nach einer der Schüsseln ausgestreckt war.

»Vorwärts!« sagte der Oberst im Befehlston. Martin stand auf und ging, wobei er die Hand zögernd über die Stühle und Tischchen gleiten ließ, wie um seinen Abgang hinauszuschieben. Er schloß die Tür ziemlich geräuschvoll hinter sich. Der Oberst erhob sich und stand hoch aufgerichtet, in seinem eng zugeknöpften Gehrock.

»Auch ich muß gehn«, sagte er. Aber er hielt einen Augenblick inne, als gäbe es nichts Besonderes, zu dem er zu gehn hatte. Er stand sehr aufrecht unter ihnen, als wollte er irgendeinen Befehl erteilen, vermöchte sich aber im Augenblick keines zu entsinnen, den er erteilen könnte. Dann entsann er sich.

»Ich wollte, eine von euch«, sagte er unparteiisch zu seinen Töchtern, »würde daran denken, an Edward zu schreiben ... Sagt ihm, er soll Mama einen Brief schreiben.«

»Ja«, sagte Eleanor.

Er ging auf die Tür zu. Aber wieder blieb er stehn.

»Und laßt es mich wissen, sobald Mama mich zu sprechen wünscht«, warf er hin. Dann hielt er inne und zwickte seine jüngste Tochter ins Ohrläppchen.

»Kleiner Schmierfink«, sagte er und wies auf den grünen Fleck auf ihrer Schürze. Sie bedeckte ihn mit der Hand. An der Tür blieb er abermals stehn.

»Vergeßt nicht«, sagte er, am Türknauf herumtastend, »vergeht nicht, an Edward zu schreiben.« Endlich hatte er den Türknauf gedreht und war gegangen.

 

Sie schwiegen alle. Eine gewisse Spannung lag in der Luft, so fühlte Eleanor. Sie griff nach einem der Büchlein, die sie mitgebracht hatte, und legte es geöffnet auf ihr Knie. Aber sie sah nicht hinein. Ihr Blick richtete sich fast geistesabwesend in das andre Zimmer. Die Bäume im Hintergarten begannen auszuschlagen; kleine Blättchen, kleine ohrenförmige Blättchen zeigten sich an den Sträuchern. Die Sonne schien mit Unterbrechungen; sie versteckte sich und kam wieder hervor, beleuchtete bald dies, bald –

»Eleanor«, unterbrach Rose ihre Gedanken. Sie hielt sich auf eine Art, die wunderlich der des Vaters glich.

»Eleanor!« wiederholte sie leise, denn ihre Schwester hatte es nicht beachtet.

»Ja?« sagte Eleanor und sah sie an.

»Ich möchte zu Lamley gehn«, sagte Rose. Sie war das Abbild ihres Vaters, wie sie so dastand, die Hände auf dem Rücken.

»Es ist zu spät, um zu Lamley zu gehn«, entgegnete Eleanor.

»Die schließen nicht vor sieben.«

»Dann bitte Martin, daß er mit dir geht«, sagte Eleanor.

Das kleine Mädchen schob sich langsam der Tür zu. Eleanor griff wieder nach ihren Haushaltungsbüchern.

»Aber du darfst nicht allein gehn, Rose; du darfst nicht allein gehn«, sagte sie, von ihnen auf blickend, als Rose die Tür erreichte. Rose nickte wortlos und verschwand.

 

Sie ging die Treppe hinauf. Vor dem Schlafzimmer ihrer Mutter blieb sie stehn und schnupperte den süßsäuerlichen Geruch, der um die Krüge, die Gläser, die zugedeckten Schalen zu hängen schien, die da auf dem Tisch neben der Tür standen. Noch eine Treppenflucht, und sie hielt vor dem Lernzimmer inne. Sie wollte nicht hineingehn, denn sie hatte mit Martin gestritten. Sie hatten zuerst wegen Erridge gestritten und wegen des Mikroskops und dann wegen des Schießens auf die Katzen von Miss Pym nebenan. Aber Eleanor hatte ihr befohlen, ihn zu bitten. Sie öffnete die Tür.

»Hallo, Martin –« begann sie.

Er saß am Tisch, ein Buch vor sich aufgestützt, und murmelte – vielleicht war es Griechisch, vielleicht war es Latein.

»Eleanor hat mir aufgetragen – « begann sie und merkte, wie gerötet seine Wangen waren und wie sich seine Hand um ein Stückchen Papier schloß, als wollte er es zu einer Kugel zusammenknüllen. »Ich soll dich bitten ... « begann sie abermals und straffte sich, den Rücken an die Tür gestemmt.

 

Eleanor lehnte sich im Sessel zurück. Die Sonne lag jetzt auf den Bäumen im Hintergarten. Die Knospen begannen zu schwellen. Freilich ließ das Frühlingslicht deutlicher sichtbar werden, wie abgenützt die Sesselpolsterungen waren. Der große Lehnstuhl hatte einen dunkeln Fleck, wo ihr Vater den Kopf anzulehnen pflegte, so gewahrte sie. Aber wieviele Stühle es hier gab – wie geräumig, wie luftig es hier war, nach diesem Schlafzimmer, wo die alte Mrs. Levy ... Doch Milly und Delia sprachen kein Wort. Wohl wegen der Abendgesellschaft, erinnerte sie sich. Welche von ihnen sollte gehn? Beide wollten sie hingehn. Sie wünschte, die Leute würden nicht sagen: »Bringen Sie eine von Ihren Töchtern mit.« Warum konnten sie nicht sagen: »Bringen Sie Eleanor mit« oder »Bringen Sie Milly mit« oder »Bringen Sie Delia mit«, statt sie alle zusammenzuwerfen? Dann gäbe es nichts zu entscheiden.

»Na«, sagte Delia unvermittelt, »ich werde ... «

Sie stand auf, als wollte sie gehn. Aber sie hielt inne. Dann schlenderte sie zum Fenster und sah auf die Straße hinaus. Die Häuser gegenüber hatten alle dieselben Vorgärtchen; dieselben Eingangsstufen; dieselben zwei Säulen vor der Haustür, mit dem Balkon darüber; denselben Runderker. Jetzt aber sank die Dämmerung, und sie sahn in dem gedämpften Licht geisterhaft und körperlos aus. Lampen wurden angezündet; eine leuchtete sanft in dem Salon gegenüber; dann wurden die Vorhänge vorgezogen, und das Zimmer war ausgelöscht. Delia stand und sah auf die Straße hinab. Eine Frau der untern Schichten schob einen Kinderwagen vor sich her; ein alter Mann tatterte dahin, die Hände auf dem Rücken. Dann war die Straße leer; es gab eine Pause. Aber ein Hansom kam bimmelnd die Straße herauf. Delias Anteilnahme wurde für einen Augenblick wach. Bliebe es vor ihrer Tür stehn oder nicht? Sie schaute angespannter. Dann aber, zu ihrem Bedauern, schnellte der Kutscher die Zügel, das Pferd stolperte weiter; der Wagen hielt vor dem zweitnächsten Haus.

»Jemand macht Besuch bei den Stapletons«, rief sie über die Schulter zurück, während sie den Musselinvorhang beiseite hielt. Milly kam und trat neben ihre Schwester, und zusammen beobachteten sie durch den Spalt, wie ein junger Mann mit Zylinder aus dem Wagen stieg. Er streckte die Hand hoch, um den Kutscher zu zahlen.

»Gebt acht, daß man euch nicht gucken sieht!« sagte Eleanor warnend. Der junge Mann eilte die Stufen hinauf ins Haus; die Tür schloß sich hinter ihm, und der Wagen fuhr weg.

Aber eine Weile standen die beidenMädchen noch am Fenster und sahn auf die Straße. Die Krokusse in den Vorgärten waren gelb und lila. Die Mandelbäume und Ligustersträucher hatten grüne Spitzchen. Ein jäher Windstoß fuhr durch die Straße, blies ein Stück Papier den Gehsteig entlang und einen kleinen Wirbel trocknen Staubs hinterdrein. Über den Dächern malte sich einer dieser roten, zuckenden Londoner Sonnenuntergänge, die Fenster nach Fenster golden brennen machen. Es war etwas Wildes in dem Frühlingsabend; sogar hier, in der Abercorn Terrace, wechselte das Licht von Gold zu Schwarz, von Schwarz zu Gold. Delia ließ den Vorhang fallen, wandte sich hemm und sagte, in die Mitte des Zimmers zurückkommend, plötzlich:

»O mein Gott!«

Eleanor, die wieder ihre Büchlein vorgenommen hatte, blickte gestört auf.

»Acht mal acht ... « sagte sie laut. »Wieviel sind acht mal acht?«

Mit dem Finger die Stelle auf der Seite bezeichnend, sah sie ihre Schwester an. Wie die so dastand, den Kopf zurückgeworfen und das Haar rötlich im Glühn des Sonnenuntergangs, sah sie einen Augenblick herausfordernd aus, ja sogar schön. Neben ihr wirkte Milly mausfarben und unscheinbar.

»Schau, Delia«, sagte Eleanor, ihr Büchlein zuklappend, »du brauchst doch nur zu warten ... « Sie meinte, vermochte es aber nicht auszusprechen, »bis Mama gestorben ist.«

»Nein, nein, nein«, sagte Delia und streckte die Arme. »Es ist hoffnungslos – « begann sie und unterbrach sich, denn Crosby war hereingekommen. Sie trug einTablett. Eins nach dem andern, mit einem auf die Nerven gehenden kleinen Klirren, räumte sie die Tassen, die Teller, die Messer, die Konfitürengläser, die Kuchenschüsseln und die Butterbrotkörbchen auf das Tablett. Dann ging sie, es vorsichtig vor sich balancierend, hinaus. Es entstand eine Pause. Abermals kam sie herein und faltete das Tischtuch und rückte die Tischchen. Abermals entstand eine Pause. Ein paar Augenblicke später war sie nochmals da und brachte zwei Lampen mit Seidenschirmen. Sie stellte eine ins Vorderzimmer, eine ins Hinterzimmer. Dann ging sie in ihren knarrenden billigen Schuhen zum Fenster und zog die Vorhänge vor. Sie glitten mit einem vertrauten Klappern die Messingstange entlang, und alsbald waren die Fenster verdeckt von dicken, wie gemeißelten Falten aus bordeauxrotem Plüsch. Als sie die Vorhänge in beiden Zimmern vorgezogen hatte, schien sich eine tiefe Stille auf den Raum zu senken. Die Welt draußen schien durch eine dicke Schicht völlig abgeschnitten zu sein. Weit weg in der nächsten Straße hörten sie die Stimme eines Hausierers leiern; die schweren Hufe von Lastwageripferden klopften langsam die Fahrbahn entlang. Einen Augenblick knarrten Räder auf dem Pflaster; dann erstarb das Geräusch, und die Stille war vollkommen.

Zwei gelbe Kreise von Licht fielen unter die Lampen. Eleanor zog ihren Stuhl unter die eine, neigte den Kopf und setzte den Teil ihrer Arbeit fort, den sie immer bis zuletzt Heß, weil sie ihn so gar nicht mochte, – das Zusammenzählen. Ihre Lippen bewegten sich, und ihr Bleistift machte kleine Punkte aufs Papier, während sie Achter und Sechser, Fünfer und Vierer zusammenzählte.

»So!« sagte sie endlich. »Das wäre getan. Jetzt werd’ ich zu Mama gehn und ein wenig bei ihr bleiben.«

Sie bückte sich, um ihre Handschuhe aufzuheben.

»Nein«, sagte Milly, ein Magazin, das sie geöffnet hatte, beiseite werfend, »ich werd’ gehn ... «

Delia tauchte plötzhch aus dem Hinterzimmer auf, wo sie sich herumgedrückt hatte.

»Ich hab’ gar nichts zu tun«, sagte sie kurz. »Ich werd’ gehn.«

 

Sie ging die Treppe hinauf, sehr langsam, Stufe nach Stufe. Als sie zu der Schlafzimmertür mit den Krügen und Gläsern auf dem Tischchen daneben kam, blieb sie stehn. Der süßsäuerliche Geruch von Krankheit machte ihr ein wenig übel. Sie vermochte nicht, sich zum Eintreten zu entschließen. Durch das kleine Fenster am Ende des Gangs konnte sie flamingofarbene Wolkenlocken auf einem blaßblauen Himmel liegen sehn. Nach der Dämmerung des Wohnzimmers waren ihre Augen geblendet. Es war, als hielte das Licht sie hier fest. Dann hörte sie Kinderstimmen im nächsten Stockwerk oben – Martin und Rose; sie stritten.

»Also laß es bleiben!« hörte sie Rose sagen. Dann schlug eine Tür zu. Sie lauschte, holte tief Atem, blickte abermals auf den feurigen Himmel und klopfte an die Schlafzimmertür.

Die Pflegerin erhob sich lautlos, legte den Finger an die Lippen und verließ das Zimmer. Mrs. Pargiter schlief. In einer Kissenschlucht liegend, die eine Hand unter der Wange, stöhnte Mrs. Pargiter leise, als wanderte sie in einer Welt, wo sich ihr sogar im Schlaf kleine Hindernisse in den Weg stellten. Ihr Gesicht war schlaff und plump; die Haut hatte braune Flecke; das einst rote Haar war jetzt weiß, nur daß seltsame gelbe Stellen darin waren, als wären manche Strähnen in das Dotter eines Eis getaucht worden. Von allen Ringen, bis auf den Ehering, entblößt, schienen schon ihre Finger anzudeuten, daß sie die Geheimwelt des Krankseins betreten hatte. Aber sie sah nicht aus, als wäre sie am Sterben; sie sah aus, als würde sie in diesem Grenzland zwischen Leben und Tod ewig fortexistieren. Delia konnte keine Veränderung an ihr gewahren. Als sie sich setzte, schien alles in ihr selbst in voller Flut zu sein. Ein hoher schmaler Spiegel neben dem Bett warf einen Ausschnitt des Himmels zurück; er war im Augenblick von rötlichem Licht beglänzt. Der Toilettetisch war davon beleuchtet. Das Licht fiel auf Silberflakons und auf Glasfläschchen, alle in der vollkommenen Ordnung von Dingen aufgestellt, die nicht [verwendet werden. Um diese Abendstunde hatte das Krankenzimmer etwas unwirklich Sauberes, Stilles und Ordentliches. Hier neben dem Bett stand ein Tischchen mit einer Brille, einem Gebetbuch und einer Vase voll Maiglöckchen darauf. Auch die Blumen sahn unwirklich aus. Es gab nichts zu tun, als zu schauen.

Sie starrte auf die gelbliche Porträtzeichnung ihres Großvaters mit dem Glanzlicht auf der Nase; auf die Photographie von Onkel Horace in seiner Uniform; auf die hagere, verkrümmte Gestalt an dem Kruzifix zur Rechten.

»Aber du glaubst es doch selber nicht!« dachte sie wild und blickte auf ihre in Schlaf versunkene Mutter. »Du willst ja gar nicht sterben.«

Sie wartete sehnsüchtig, daß die Mutter stürbe. Da lag sie – schlaff, verfallen, aber ewigdauernd – in der Kissenschlucht; ein Hindernis, eine Vereitelung, ein Hemmnis alles Lebens. Delia versuchte, irgendein Gefühl der Zuneigung, des Mitleids in sich aufzupeitschen. Zum Beispiel diesen Sommer, sagte sie sich, in Sidmouth, als sie mich die Gartentreppe heraufrief ... Aber die Szene zerfloß, als sie sie zu betrachten versuchte. Und natürlich war die andre Szene da – der Mann im Gehrock mit der Blume im Knopfloch. Doch sie hatte sich geschworen, bis zur Schlafenszeit nicht daran zu denken. Aber woran sonst sollte sie denken? An den Großvater mit dem Glanzlicht auf der Nase? An das Gebetbuch? Die Maiglöckchen? Oder den Spiegel? Die Sonne war in Wolken versunken; der Spiegel war matt und warf jetzt nur einen graubraunen Fleck Himmel zurück. Sie konnte nicht länger widerstehn.

»Eine weiße Blume im Knopfloch«, begann sie sich zu sagen. Es brauchte einige Minuten Vorbereitung. Ein Saal mußte da sein; und Bankette von Palmen; und zu ihren Füßen ein Parkett mit den dichtgedrängten Köpfen von Leuten. Der Zauber begann zu wirken. Sie wurde von köstlichen Wellen schmeichelhafter und aufregender Gefühle durchdrungen. Sie saß auf dem Podium; eine riesige Zuhörerschaft war da; alles schrie, winkte mit Taschentüchern, applaudierte, zischte, pfiff. Dann erhob sie sich. Sie stand, ganz in Weiß, mitten auf dem Podium; Mr. Parnell war an ihrer Seite.

»Ich spreche für die Sache der Freiheit«, begann sie, die Arme ausbreitend, »für die Sache der Gerechtigkeit, für Irland ... « Seite an Seite standen sie da. Er war sehr bleich, aber seine dunkeln Augen glühten. Er wandte sich zu ihr und flüsterte ...

Plötzlich eine Unterbrechung. Mrs. Pargiter hatte sich ein wenig aus den Kissen aufgerichtet.

»Wo bin ich?« rief sie. Sie war verängstigt und verwirrt, wie so oft beim Erwachen. Sie hob die Hand; sie schien um Hilfe zu flehn. »Wo bin ich?« wiederholte sie. Für einen Augenblick war auch Delia verwirrt. Wo war sie?

»Hier, Mama! Hier!« sagte sie blindlings. »Hier, in deinem Zimmer.« Sie legte die Hand auf die Bettdecke.

Mrs. Pargiter umklammerte sie nervös. Sie sah sich in dem Zimmer um, als suchte sie jemand. Sie schien ihre Tochter nicht zu erkennen.

»Was ist denn?« fragte sie. »Wo bin ich?« Dann sah sie Delia an und erinnerte sich, »Oh, Delia – ich hab’ geträumt«, murmelte sie, halb wie sich entschuldigend. Sie lag eine kleine Weile und sah durchs Fenster hinaus. Die Laternen wurden angezündet, und ein plötzliches mildes Licht ging in der Straße draußen auf.

»Es war ein schöner Tag ... « sie zögerte » ... für ... « Sie schien sich nicht erinnern zu können, wofür.

»Ein herrlicher Tag, ja, Mama«, wiederholte Delia mit mechanischer Munterkeit.

» ... für ... « versuchte es ihre Mutter abermals.

Was für ein Tag war es? Delia konnte sich nicht erinnern.

» ... für Onkel Digbys Geburtstag«, brachte Mrs. Pargiter endlich hervor. »Sag ihm von mir – sag ihm, wie sehr ich mich freue.«

»Ich werd’s ihm sagen«, erwiderte Delia. Sie hatte vergessen, daß ihr Onkel Geburtstag hatte; aber ihre Mutter war sehr genau in solchen Dingen.

»Tante Eugénie ... « begann sie.

Ihre Mutter jedoch starrte auf den Toilettetisch. Ein Schimmer von der Laterne draußen ließ das weiße Tuch darauf äußerst weiß aussehn.

»Schon wieder ein frisches Tuch!« murmelte Mrs. Pargiter grämlich. »Was das kostet, Delia, was das kostet – das ist’s, was mir Sorge macht.«

»Es ist schon recht, Mama«, sagte Delia matt. Ihre Augen waren auf das Porträt des Großvaters gerichtet; warum, fragte sie sich, hatte der Künstler einenTupfen weißer Kreide auf seine Nasenspitze gesetzt?

»Tante Eugénie hat dir Blumen gebracht«, sagte sie.

Irgend etwas schien Mrs. Pargiter heiter zu stimmen. Ihr Blick ruhte versonnen auf dem reinen weißen Tuch, das sie einen Augenblick zuvor an die Wäscherechnung gemahnt hatte.

»Tante Eugénie ... « sagte sie. »Wie gut ich mich an den Tag erinnere« – ihre Stimme schien voller und runder zuwerden – »an dem ihre Verlobung bekanntgegeben wurde. Wir waren alle im Garten; da kam ein Brief.« Sie machte eine Pause. »Da kam ein Brief«, wiederholte sie. Dann sagte sie eine Weile nichts mehr. Sie schien einer Erinnerung nachzuhängen.

»Der liebe kleine Bub ist gestorben, aber abgesehn davon ... « Wieder hielt sie inne. Sie schien heute abend schwächer zu sein, dachte Delia, und etwas wie Freude sprang in ihr auf. Die Sätze waren noch unzusammenhängender als sonst. Welcher kleine Bub war gestorben? Sie begann die Wülste der Steppdecke zu zählen, während sie wartete, daß ihre Mutter weiterspreche.

»Weißt du, alle Cousinen und Cousins pflegten im Sommer zusammenzukommen«, nahm ihre Mutter den Faden plötzlich wieder auf. »Dein Onkel Horace ... «

»Der mit dem Glasaug’?« fragte Delia.

»Ja, er hat sich das Aug’ auf dem Schaukelpferd verletzt. Die Tanten hielten so viel von Horace. Sie sagten immer ... « Nun kam eine lange Pause. Sie schien zu tasten, um die genauen Worte zu finden.

»Wenn Horace kommt ... vergiß nicht, ihn wegen der Eßzimmertür zu fragen.«

Eine seltsame Belustigung schien Mrs. Pargiter zu erfüllen. Sie lachte tatsächlich. Sie mußte wohl an einen Familienscherz von einst denken, vermutete Delia, als sie dieses Lächeln flackern und verschwinden sah. Dann war völlige Stille. Ihre Mutter lag mit geschlossenen Augen; die Hand mit dem einzigen Ring, diese weiße, abgezehrte Hand, ruhte auf der Steppdecke. In der Stille konnte sie ein Stückchen Kohle zwischen den Roststäben klickern hören und draußen das Plärren eines Hausierers die Straße entlang. Mrs. Pargiter sagte nichts mehr. Sie lag vollkommen still. Dann seufzte sie tief.

Die Tür öffnete sich; die Pflegerin trat ein. Delia erhob sich und ging. Wo bin ich? fragte sie sich und starrte dabei auf einen weißen Krug, der von der untergehenden Sonne rosig getönt war. Einen Augenblick lang schien sie in einem Grenzland zwischen Leben und Tod zu sein. Wo bin ich? fragte sie sich, den rosa Krug anstarrend; denn alles sah seltsam aus. Dann hörte sie im obern Stockwerk Wasser rauschen und kleine Füße trappeln.

 

»Da bist du ja, Rosie«, sagte Nannie und sah vom Rad der Nähmaschine auf, als Rose eintrat.

Das Kinderzimmer war hell erleuchtet; auf dem Tisch stand eine Lampe ohne Schirm. Mrs. C., die jede Woche mit der Wäsche kam, saß in dem Lehnstuhl, eine Teetasse in der Hand. »Geh und hol deine Näharbeit wie ein braves Mädel!« sagte Nannie, als Rose Mrs. C. die Hand reichte. »Oder du wirst nie damit fertig werden bis zu Papas Geburtstag«, fügte sie hinzu und räumte auf dem Tisch einen Platz frei.

Rose zog die Tischlade auf und nahm den Schuhsack heraus, den sie für den Geburtstag ihres Vaters mit einem Muster blauer und roter Blumen bestickte. Es waren noch mehrere Büschel kleiner, mit Bleistift vorgezeichneter Rosen auszufüllen. Sie breitete ihn auf den Tisch und betrachtete ihn, während die Kinderfrau weiter Mrs. C. von Mrs. Kirbys Tochter erzählte. Aber Rose hörte nicht zu.

Dann werd’ ich allein gehn, entschied sie und strich den Schuhsack glatt. Wenn Martin nicht mit mir kommen will, dann werd’ ich allein gehn.

»Ich hab’ meine Nähschachtel unten im Wohnzimmer gelassen«, sagte sie.

»Na, dann geh und hol sie dir!« sagte Nannie achtlos; sie wollte fortsetzen, was sie Mrs. C, über die Tochter des Grünzeughändlers erzählt hatte.

Nun hat das Abenteuer begonnen, sagte sich Rose, als sie auf den Zehenspitzen zum Kinderschlafzimmer schlich. Nun mußte sie sich mit Munition und Proviant versehn; sie mußte Nannie den Hausschlüssel stibitzen; aber wo war der? Jeden Tag wurde er an einem andern Platz versteckt, aus Furcht vor Einbrechern. Er wäre entweder unter dem Taschentuchbehälter oder in der kleinen Schachtel, wo Nannie die goldene Uhrkette ihrer Mutter aufbewahrte. Und da war er auch. Nun hatte sie ihre Pistole und ihr Pulver und Blei, dachte sie, während sie ihre eigne Geldbörse aus ihrer eignen Lade nahm, und genug Proviant, dachte sie, als sie ihren Hut und Mantel über den Arm hängte, für zwei Wochen.

Sie schlich sich am Kinderzimmer vorbei die Treppe hinunter. Sie lauschte angestrengt, als sie an der Lernzimmertür vorbeikam. Sie mußte vorsichtig sein und nicht auf einen dürren Ast treten und kein Zweiglein unter ihrem Tritt knacken lassen, sagte sie sich, während sie auf den Zehenspitzen dahinging. Wieder blieb sie stehn und lauschte, als sie an der Tür von Mamas Schlafzimmer vorbeikam. Alles war still. Dann stand sie einen Augenblick auf dem Treppenabsatz und blickte in die Halle hinab. Der Hund lag auf der Matte und schlief; die Luft war rein; die Halle war leer. Aus dem Wohnzimmer hörte sie Stimmengemurmel.

Sie öffnete die Haustür mit größter Behutsamkeit und schloß sie hinter sich mit kaum einem Klicken. Bis sie um die Ecke war, duckte sie sich dicht an der Mauer entlang, damit niemand sie sehn könne. Als sie die Ecke unter dem Goldregenstrauch erreichte, richtete sie sich auf.

»Ich bin Pargiter von Pargiters Reiterei«, sagte sie, die Hand schwenkend, als zöge sie einen Säbel, »und ich reite zum Entsatz!«

Sie ritt bei Nacht auf eine verzweifelte Unternehmung, zu einer belagerten Garnison, sagte sie sich. Sie hatte einen geheimen Rapport – sie krampfte die Faust um ihre Börse – dem General persönlich zu überbringen. Das Leben aller hing davon ab. Die britische Flagge flatterte noch immer auf dem Mittelturm – Lamleys Laden war der Mittelturm; der General stand auf dem Vordach von Lamleys Laden, das Fernrohr am Auge. Das Leben aller hing davon ab, daß sie durch Feindesland zu ihnen ritt. Und hier galoppierte sie nun durch die Wüste. Sie begann zu hopsen. Es wurde dunkel. Die Straßenlaternen wurden angezündet; der Laternenanzünder steckte seine Stange durch das Falltürchen hinauf. Die Bäume in den Vorgärten warfen ein schwankendes Netzwerk von Schatten auf den Gehsteig; der Gehsteig erstreckte sich breit und dunkel vor ihr. Dann kam der Straßenübergang; und dann kam Lamleys Laden auf der kleinen Insel von Kaufläden gegenüber. Sie brauchte bloß die Wüste zu durchqueren, den Fluß zu durchfurten, und sie war in Sicherheit. Die Hand schwenkend, die die Pistole hielt, gab sie ihrem Pferd die Sporen und galoppierte die Melrose Avenue entlang. Als sie an der Briefkastensäule vorbeilief, tauchte unter der Gaslaterne plötzlich die Gestalt eines Mannes auf.

»Der Feind!« rief Rose sich zu. »Der Feind! Bums!« rief sie, zog am Hahn ihrer Pistole ab und sah ihm voll ins Gesicht, als sie an ihm vorbeikam. Es war ein abscheuliches Gesicht: bleich, wie abgeschält, blatternarbig; es grinste sie schauerlich an. Er streckte den Arm aus, als wollte er sie aufhalten. Fast hätte er sie erwischt. Sie raste an ihm vorbei. Das Spiel war aus.

Sie war wieder sie selbst, ein kleines Mädel, das seiner Schwester nicht gehorcht hatte, in Hausschuhen, und nun in Lamleys Laden Zuflucht suchend.

Mrs. Lamley mit ihrem frischen Gesicht stand hinter dem Ladentisch und faltete die Abendzeitungen. Sie überdachte, hier zwischen ihren Zweipenny-Uhren, auf Karton aufgenähten Scheren und Nagelfeilen, den Spielzeugschiffchen und Schachteln billigen Briefpapiers, irgend etwas Angenehmes, wie es schien, denn sie lächelte. Da stürzte Rose herein. Fragend sah Mrs. Lamley auf.

»Hallo, Rosie!« rief sie. »Was willst du denn, mein Kind?«

Sie ließ die Hand auf dem Stoß Zeitungen ruhn. Rose stand da und keuchte. Sie hatte vergessen, weswegen sie gekommen war.

»Ich möcht’ die Schachtel mit den Enten in der Auslage«, erinnerte sich Rose endlich.

Mrs. Lamley watschelte hinter dem Ladentisch hervor, um sie zu holen.

»Ist’s nicht eigentlich sehr spät für ein kleines Mädel wie dich, um allein aus zu sein?« fragte sie und sah sie an, als wüßte sie, daß sie in Hausschuhen gekommen war und ihrer Schwester nicht gehorcht hatte.

»Gute Nacht, mein Kind, und jetzt lauf schön nach Haus!« sagte sie, als sie ihr das Päckchen reichte. Die Kleine schien auf der Schwelle zu zögern; sie stand da und starrte auf die Spielsachen unter der Petroleum-Hängelampe; dann trat sie widerstrebend auf die Straße hinaus.

Ich hab’ meine Botschaft dem General persönlich überbracht, sagte sie sich, als sie wieder draußen auf dem Gehsteig stand. Und das ist die Trophäe, sagte sie, die Schachtel fest unter den Arm klemmend. Ich kehre im Triumph zurück, mit dem Kopf des Haupträdelsführers, sagte sie sich, das Stück der Melrose Avenue vor sich überblickend. Ich muß meinem Pferd die Sporen geben und galoppieren. Aber die Geschichte wirkte nicht mehr. Die Melrose Avenue blieb die Melrose Avenue. Sie blickte das lange Stück leerer Straße vor sich entlang. Die Bäume ließen ihre Schatten über den Gehsteig zittern. Die Laternen standen weit auseinander, und zwischen ihnen waren Tümpel von Dunkelheit. Sie begann zu traben. Plötzlich, als sie an der Briefkastensäule vorbeikam, sah sie den Mann abermals. Er lehnte mit dem Rücken an dem Laternenpfahl, und das Gaslicht flackerte über sein Gesicht. Als sie vorbeikam, zog er die Lippen ein und schnellte sie wieder vor. Er stieß einen miauenden Laut aus. Aber seine Hände griffen nicht nach ihr; die knöpften seine Kleider auf.

Sie floh an ihm vorbei. Sie glaubte, ihn ihr nachkommen zu hören. Sie hörte seine Füße auf dem Gehsteig tappen. Alles schwankte, während sie lief; rote und schwarze Pünktchen tanzten vor ihren Augen, als sie die Türstufen hinaufrannte, den Schlüssel ins Schloß steckte und die Haustür öffnete. Es war ihr gleich, ob sie Lärm machte oder nicht. Sie hoffte, jemand werde herauskommen und zu ihr sprechen. Aber niemand hörte sie. Die Halle war leer. Der Hund schlief auf der Matte. Stimmen murmelten noch immer im Wohnzimmer.

 

»Und wenn es fängt«, sagte Eleanor, »wird es viel zu heiß werden.«

Crosby hatte die Kohlen zu einem großen schwarzen Vorgebirge gehäuft. Eine Fahne gelben Rauchs umschlängelte es verdrossen; die Kohlen begannen zu brennen, und sobald sie richtig brennen würden, wäre es viel zu heiß.

»Sie kann sehn, wie die Pflegerin Zucker stiehlt, behauptet sie. Sie kann ihren Schatten an der Wand sehn«, sagte Milly. Sie sprachen von ihrer Mutter.

»Und dann«, fügte sie hinzu, »daß Edward nichts von sich hören läßt ... «

»Das erinnert mich«, sagte Eleanor. Sie durfte nicht vergessen, Edward zu schreiben. Aber dazu wäre nach dem Dinner Zeit. Sie hatte keine Lust zu schreiben; sie hatte keine Lust zu reden; so oft sie von ihren Mietern zurückkam, hatte sie ein Gefühl, als ginge mehreres zugleich vor. Worte wiederholten sich immerzu in ihrem Geist – Worte und Bilder. Sie dachte an die alte Mrs. Levy, wie sie aufgestützt im Bett saß, mit ihrem weißen Haar in einer dichten Masse wie eine Perücke, und das Gesicht rissig wie ein alter glasierter Topf.

»Die was gewesen sind gut zu mir, auf die erinner’ ich mich ... Die was gefahren sind in ihre Kutschen, wie ich gewesen bin eine arme Witfrau, die was hat den Boden gerieben und die Wäsche gewaschen –« Hier hatte sie den Arm ausgestreckt, der gewrungen und weiß war wie eine Baumwurzel. »Die was gewesen sind gut zu mir, auf die erinner’ ich mich ... « wiederholte Eleanor, während sie ins Feuer blickte. Dann war die Tochter hereingekommen, die bei einem Schneider arbeitete. Sie trug perien so groß wie Hühnereier; sie hatte sich angewöhnt, sich das Gesicht zu schminken; sie war wunderhübsch. Aber Milly machte eine kleine Bewegung.

»Ich hab’ mir grade gedacht«, sagte Eleanor, einer plötzlichen Eingebung folgend, »daß die Armen das Leben mehr genießen als unsereins.«

»Die Levys?« fragte Milly geistesabwesend. Dann hellte sich ihr Gesicht auf. »Erzähl mir doch von den Levys«, fügte sie hinzu. Eleanors Beziehungen zu »den Armen« – den Levys, den Grubbs, den Paravicinis, den Zwinglers und den Cobbs – belustigten sie stets. Eleanor aber sprach nicht gern von »den Armen« wie von Leuten in einem Buch. Sie hegte große Bewunderung für Mrs. Levy, die an Krebs dahinstarb.

»Oh, es geht ihnen ganz wie immer«, antwortete sie scharf. Milly warf einen Blick auf sie. Eleanor ist »brütig«, dachte sie. Es war ein Familienscherz: »Vorsicht, Eleanor ist brütig. Es ist ihr Mietertag.« Eleanor schämte sich dessen, aber sie war aus irgendeinem Grund immer reizbar, wenn sie von ihren Mietern zurückkam, – so viel Verschiedenes ging ihr gleichzeitig im Kopf herum: Canning Place; Abercorn Terrace; dieses Zimmer hier; das Zimmer dort. Dort saß die alte Jüdin aufrecht im Bett, in ihrem stickigen kleinen Zimmer; dann kam man hierher zurück, und hier war Mama krank, Papa brummig, und Delia und Milly stritten wegen einer Abendgesellschaft ... Aber sie unterbrach sich. Sie sollte versuchen, etwas zu sagen, was ihre Schwester amüsieren würde.

»Mrs. Levy hatte den Mietzins bereit, erstaunlicherweise«, sagte sie. »Lily trägt dazu bei, arbeitet bei einem Schneider in Shoreditch. Sie kam herein, ganz mit Perlen und so Zeug behangen. Sie sind putzsüchtig – die Jüdinnen«, fügte sie hinzu.

»Die Jüdinnen?« fragte Milly. Sie schien den Geschmack der Jüdinnen zu prüfen und ihn dann abzulehnen. »Ja«, sagte sie. »Aufgedonnert.«

»Sie ist außerordentlich hübsch«, sagte Eleanor und dachte an die rosigen Wangen und die weißen Perlen.

Milly lächelte; Eleanor trat immer für die Armen ein. Sie hielt Eleanor für den besten, den weisesten, den großartigsten Menschen, den sie kannte.

»Ich glaube, dorthin zu gehn, ist dir lieber als alles andre«, sagte sie. »Ich glaube, du würdest am liebsten hinziehn und dort leben, wenn es nach dir ginge«, fügte sie mit einem kleinen Seufzer hinzu.

Eleanor rückte im Sessel. Sie hatte ihre Träume, ihre Pläne, selbstverständlich; aber sie wollte sie nicht besprechen.

»Vielleicht wirst du’s tun, wenn du verheiratet bist?« meinte Milly. Es war etwas Mürrisches und doch Klägliches in ihrem Ton. Die Abendgesellschaft; die Abendgesellschaft bei den Burkes, dachte Eleanor. Sie wünschte, Milly würde das Gespräch nicht immer aufs Heiraten wenden. Und was wissen sie vom Heiraten? fragte sie sich. Sie bleiben zuviel zu Hause, dachte sie; siesehn niemals jemand außerhalb ihres eignen Kreises. Hier hocken sie im Pferch – tagaus, tagein ... Darum hatte sie gesagt: »Die Armen genießen das Leben mehr als unsereins.« Es war ihr eingefallen, als sie zurückkam in dieses Wohnzimmer mit allen den Möbeln und den Blumen und den Krankenpflegerinnen ... Wieder unterbrach sie sich. Sie mußte warten, bis sie allein wäre – bis sie sich abends die Zähne putzte. Wenn sie mit den andern beisammen war, mußte sie sich davon zurückhalten, an zwei Dinge zugleich zu denken. Sie nahm das Schüreisen und schlug auf die Kohlen.

»Schau! Wie schön!« rief sie aus. Eine Flamme tanzte auf den Kohlen, ein leichtfüßiges, nichtsnutziges Flämmchen. Es war so eine Flamme, wie sie sie als Kinder hervorzurufen pflegten, indem sie Salz aufs Feuer streuten. Abermals schlug sie auf die Kohlen, und ein Schauer goldäugiger Funken stob prasselnd in den Rauchfang auf. »Erinnerst du dich«, sagte sie, »wie wir Feuerwehr spielten und Morris und ich den Rauchfang in Brand setzten?«

»Und Pippy lief und holte Papa«, sagte Milly. Sie hielt inne. Geräusche wurden aus der Halle hörbar. Ein Stock scharrte; jemand hängte einen Mantel auf. Eleanors Augen erhellten sich. Das war Morris – ja; sie erkannte ihn an den Geräuschen. Nun kam er herein. Sie sah sich lächelnd um, als die Tür aufging. Milly sprang auf.

Morris versuchte, sie zurückzuhalten. »Geh nicht – « begann er.

»Doch!« rief sie. »Ich werd’ gehn und ein Bad nehmen«, fügte sie, einem plötzlichen Einfall folgend, hinzu. Sie verließ die beiden.

 

Morris setzte sich auf den Sessel, von dem sie aufgestanden war. Er war froh, mit Eleanor allein zu bleiben. Für einen Augenblick sprach keins. Sie betrachteten die gelbe Rauchfahne und die kleine Flamme, die leichtfüßig und nichtsnutzig, bald da, bald dort, auf dem schwarzen Vorgebirge von Kohlen tanzte. Dann stellte er die übliche Frage:

»Wie geht’s Mama?«

Sie sagte es ihm; keine Veränderung, »nur, daß sie öfter schläft«, sagte sie. Er runzelte die Stirn. Er verliert sein knabenhaftes Aussehn, dachte Eleanor. Das sei das Schlimme am Barreau, so sagten alle; man müsse warten. Er machte den Neger für Sanders Curry; und es war eine trübselige Arbeit, bei der man den ganzen Tag in den Gerichtshöfen herumwarten mußte.

»Was macht der alte Curry?« fragte sie; der alte Curry hatte seine Launen.

»Ein bißchen gallig«, sagte Morris grimmig.

»Und was hast du den ganzen Tag getan?« fragte sie.

»Nichts Besonderes«, antwortete er.

»Noch immer Evans contra Carter?«

»Ja«, sagte er kurz.

»Und wer wird gewinnen?« fragte sie.

»Carter natürlich«, erwiderte er.

Warum »natürlich«? wollte sie fragen. Aber erst neulich hatte sie etwas Dummes gesagt, etwas, das zeigte, daß sie nicht aufgepaßt hatte. Sie brachte Sachen durcheinander; zum Beispiel, was war der Unterschied zwischen gemeinem Recht und der andern Art von Recht? Also fragte sie nicht. Sie saßen schweigend und sahn zu, wie die Flamme über die Kohlen tanzte. Es war eine grüne Flamme, leichtfüßig, nichtsnutzig.

»Was glaubst du, war ich ein schrecklicher Narr?« fragte er plötzlich. »Mit dieser Krankheit jetzt und dem, was Edward und Martin kosten, – Papa muß es doch ein wenig schwerfallen.« Er runzelte die Stirn auf die Art, die sie veranlaßt hatte, sich zu sagen, daß er sein knabenhaftes Aussehn verliere.

»Selbstverständlich nicht«, sagte sie mit Nachdruck. Selbstverständlich wäre es widersinnig gewesen, wenn er Kaufmann geworden wäre; bei seiner Leidenschaft für die Juristerei!

»Du wirst noch Lordkanzler werden eines schönen Tags«, sagte sie. »Ich bin überzeugt davon«. Er schüttelte lächelnd den Kopf.

»Ganz überzeugt«, sagte sie und sah ihn an, wie sie ihn angesehn hatte, wenn er zu den Ferien heimgekommen war und Edward alle Preise gewonnen hatte und er stumm dasaß – sie konnte ihn jetzt noch vor sich sehn – und sein Essen herunterschlang und niemand ihn viel beachtete. Aber noch während sie ihn ansah, überkamen sie Zweifel. Lordkanzler hatte sie gesagt. Hätte sie nicht Lord-Oberrichter sagen sollen? Sie konnte die beiden nie unterscheiden; und das war auch ein Grund, daß er nicht über Evans contra Carter mit ihr sprechen wollte.

Sie hinwieder erzählte ihm nie von den Levys, oder nur witzelnd. Das war das Schlimmste am Heranwachsen, dachte sie; sie konnten vieles nicht mehr miteinander teilen, so wie früher. Wenn sie zusammenkamen, hatten sie nie Zeit zu reden, wie sie es gewohnt gewesen waren, – über Dinge im allgemeinen; sie sprachen stets von Tatsachen – unbedeutenden Tatsachen. Sie schürte das Feuer. Plötzlich schallte ein Geschmetter durch das Zimmer. Es war Crosby, die in der Halle das Gong bearbeitete. Sie war wie eine Wilde, die an einem ehernen Opfer Rache nahm. Wellen rohen Schalls tönten durch den Raum. »Himmel, es ist Zeit zum Umkleiden!« sagte Morris. Er stand auf und streckte sich. Er hob die Arme und hielt sie einen Augenblick über seinem Kopf. So wird er aussehn, wenn er einmal Familienvater ist, dachte Eleanor. Er ließ die Arme sinken und ging aus dem Zimmer. Vor sich hinbrütend blieb sie einen Augenblick sitzen; dann raffte sie sich auf. Was darf ich nicht vergessen? fragte sie sich. An Edward zu schreiben, besann sie sich, während sie zum Schreibtisch ihrer Mutter hinüberging. Er wird jetzt bald mein Schreibtisch sein, dachte sie und blickte dabei auf den Silberleuchter, die Miniatur ihres Großvaters, die Lieferantenbücher – auf das eine war eine goldene Kuh geprägt – und das gefleckte Walroß mit einem Bürstchen im Rücken, das Martin der Mutter zum letzten Geburtstag geschenkt hatte.