Ein Zimmer für sich allein - Virginia Woolf - E-Book

Ein Zimmer für sich allein E-Book

Virginia Woolf.

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Beschreibung

Hätte Shakespeare eine Schwester gehabt, ebenso begabt wie er, wie wäre es ihr ergangen? Welche Widerstände mussten Jane Austen oder die Brontë-Schwestern überwinden? Im Oktober 1928 hielt Virginia Woolf zwei Vorträge am ersten Frauencollege Großbritanniens an der Universität Cambridge. Ob ihnen bewusst sei, fragte Woolf ihre Zuhörerinnen, dass sie vielleicht "das am häufigsten abgehandelte Tier des Universums" seien? Schließlich wurde Literatur über Frauen fast ausschließlich von Männern verfasst. Aus Woolfs Vorträgen entstand der Essay "Ein Zimmer für sich allein", den sie ein Jahr später veröffentlichte. Zu Woolfs Lebzeiten bereits hochgelobt, wurde ihre Abhandlung über Frauen und Literatur zu einem der meistrezipierten und wegweisenden Texte der Frauenbewegung. Engagiert und poetisch, erfahrungssatt und ironisch analysiert Woolf Geschlechterdifferenzen und führt aus, was Frauen brauchen, um künstlerisch tätig zu sein, große Literatur zu produzieren: ein gewisses Maß an finanzieller, vor allem aber geistige Unabhängigkeit, im viktorianischen England symbolisiert durch ein eigenes Zimmer.

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Virginia Woolf

Ein Zimmer für sich allein

Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Antje Rávik Strubel

Kampa

Kapitel 11

Aber, werden Sie sagen, wir haben Sie gebeten, über Frauen und Literatur zu sprechen – was hat das mit einem Zimmer zu tun, das man für sich allein hat? Ich werde versuchen, es zu erklären. Als Sie mich baten, über Frauen und Literatur zu sprechen, setzte ich mich ans Ufer eines Flusses und begann zu überlegen, was diese Worte bedeuten könnten. Sie könnten bedeuten, einfach ein paar Bemerkungen über Fanny Burner zu machen; einige weitere über Jane Austen; die Brontës zu würdigen und das schneebedeckte Pfarrhaus von Haworth zu skizzieren; etwas möglichst Witziges über Miss Mitford zu sagen; respektvoll auf George Eliot anzuspielen; auf Mrs Gaskell hinzuweisen, und man wäre fertig.[1] Aber auf den zweiten Blick schienen die Worte nicht mehr so einfach zu sein. Der Titel Frauen und Literatur könnte bedeuten, und so könnten Sie ihn gemeint haben, Frauen und wie sie sind; oder er könnte bedeuten, Frauen und die Literatur, die sie schreiben; oder er könnte Frauen und die Literatur, die über sie geschrieben wird, bedeuten, oder er könnte bedeuten, dass alle drei irgendwie unauflösbar miteinander vermischt sind und dass Sie von mir erwarten, sie in diesem Licht zu betrachten. Als ich aber in letztgenannter Weise über das Thema nachzudenken begann, weil sie mir die interessanteste zu sein schien, begriff ich schnell, dass sie einen schwerwiegenden Nachteil hatte. Ich wäre nie in der Lage, zu einem Schluss zu kommen. Ich wäre nie in der Lage, die aus meiner Sicht wichtigste Aufgabe einer Rednerin zu erfüllen – Ihnen nach einem einstündigen Vortrag ein Körnchen reiner Wahrheit zu überreichen, das Sie zwischen die Seiten Ihrer Notizbücher stecken und für immer auf den Kaminsims legen können. Ich kann Ihnen nur eine Meinung zu einer Nebensache anbieten – eine Frau braucht Geld und ein eigenes Zimmer, um schreiben zu können; und das lässt, wie Sie sehen werden, das große Problem der wahren Natur der Frau und der wahren Natur der Literatur ungelöst. Ich habe mich vor der Aufgabe, in diesen beiden Fragen zu einem Schluss zu kommen, gedrückt – Frauen und Literatur bleiben, was mich betrifft, ungelöste Probleme. Aber um das ein wenig auszugleichen, werde ich tun, was ich kann, um Ihnen zu zeigen, wie ich zu dieser Meinung über das Zimmer und das Geld kam. Ich werde in Ihrem Beisein meinen Gedankengang, der zu dieser Ansicht führte, so vollständig und frei entfalten wie möglich. Wenn ich die Vorstellungen und die Vorurteile bloßlege, die dieser Aussage zugrunde liegen, werden Sie eventuell feststellen, dass sie eine gewisse Auswirkung auf Frauen und eine gewisse Auswirkung auf die Literatur haben. Keinesfalls aber kann man darauf hoffen, die Wahrheit zu sagen, wenn ein Thema höchst umstritten ist – und das ist jede Frage zum Geschlecht. Man kann nur zeigen, wie man zu seiner Meinung kam, wie auch immer sie ausfällt. Man kann seinen Zuhörerinnen nur die Möglichkeit geben, eigene Schlüsse zu ziehen, während sie die Grenzen, die Vorurteile und Idiosynkrasien der Rednerin im Blick haben. Hier enthält die Fiktion wahrscheinlich mehr Wahrheit als die Fakten. Deshalb schlage ich vor, Ihnen unter Ausnutzung aller Freiheiten und Rechte einer Romanschriftstellerin die Geschichte der zwei Tage zu erzählen, die meiner Ankunft hier vorausgingen – wie ich, niedergebeugt vom Gewicht des Themas, das Sie mir aufgeladen haben, darüber nachsann und es meinen Alltag durchdringen ließ. Ich brauche nicht zu sagen, dass das, was ich beschreiben werde, nicht existiert; Oxbridge ist eine Erfindung, genau wie Fernham; ich ist nur ein brauchbares Wort für jemanden, den es nicht wirklich gibt. Lügen werden über meine Lippen fließen, aber vielleicht hat sich ein bisschen Wahrheit daruntergemischt; es liegt an Ihnen, diese Wahrheit ausfindig zu machen und zu entscheiden, ob irgendetwas daran bewahrenswert ist. Wenn nicht, werden Sie das Ganze selbstverständlich in den Papierkorb werfen und völlig vergessen.

So also saß ich (nennen Sie mich Mary Beton, Mary Seton, Mary Carmichael oder wie immer es Ihnen gefällt – das ist nicht von Bedeutung) vor ein oder zwei Wochen bei schönem Oktoberwetter gedankenversunken am Ufer eines Flusses. Das Joch, von dem ich sprach, Frauen und Literatur, das Bedürfnis, bei einem Thema, das alle möglichen Vorurteile und Leidenschaften aufruft, zu einem Schluss zu kommen, drückten mich nieder. Rechts und links irgendwelche Büsche, golden und purpurn, die Farbe ließ sie glühen, schienen sogar verbrannt in der Hitze, vom Feuer. Weiter unten am Ufer weinten die Weiden mit unaufhörlichem Gejammer, ihr Haar um die Schultern. Der Fluss spiegelte, was immer er von Himmel, Brücke und brennendem Baum auswählte, und als der Student sein Boot durch die Spiegelungen gerudert hatte, fügten sie sich wieder zusammen, so vollständig, als hätte es ihn nie gegeben. Dort hätte man rund um die Uhr so in Gedanken versunken sitzen können. Die Gedanken – um einen stolzeren Namen zu verwenden, als sie es verdienten – hatten ihre Angelschnur in den Strom hinuntergelassen. Sie schaukelte Minute um Minute zwischen den Spiegelungen und den Wasserpflanzen hin und her, ließ sich vom Wasser heben und senken, bis – Sie kennen das kleine Zupfen – plötzlich die Verdichtung einer Idee am Ende der Schnur: und dann das vorsichtige Einholen und sorgsame Auslegen? Ach, wie klein, wie unbedeutend mein Gedanke im Gras liegend aussah; die Sorte Fisch, die ein guter Angler zurück ins Wasser setzt, damit er fetter werden kann und es sich eines Tages lohnt, ihn zu kochen und zu essen. Ich werde Sie jetzt nicht mit diesem Gedanken belästigen, aber bei aufmerksamem Hinschauen könnten Sie im Laufe dessen, was ich sagen werde, selbst darauf stoßen.

Wie klein er auch war, besaß er doch die geheimnisvolle Eigenschaft, die dieser Sorte zu eigen ist – zurück in den Kopf gesetzt, wurde er sofort sehr aufregend und wichtig; und als er losschoss und abtauchte und hierhin und dorthin flitzte, löste er einen solchen Wirbel und Tumult an Ideen aus, dass es unmöglich war, stillzusitzen. So kam es, dass ich mich dabei ertappte, wie ich äußerst schnell über eine Grasfläche ging. Augenblicklich tauchte die Gestalt eines Mannes auf, um mich aufzuhalten. Zuerst verstand ich gar nicht, dass das Gestikulieren eines eigentümlich aussehenden Gebildes in Gehrock und Frackhemd mir galt. Sein Gesicht drückte Entsetzen und Empörung aus. Instinkt, eher als Vernunft, kam mir zu Hilfe; er war ein Pedell, ich war eine Frau. Hier war der Rasen, dort war der Weg. Hier sind nur die Fellows und Gelehrten zugelassen, mein Platz ist der Kies. Solche Gedanken entstehen im Augenblick. Als ich den Pfad wieder erreichte, ließ der Pedell die Arme sinken, in sein Gesicht kehrte die übliche Ruhe zurück, und obwohl es sich auf Rasen besser geht als auf Kies, war kein besonders großer Schaden entstanden. Das Einzige, was ich den welchem College auch immer angehörenden Fellows und Gelehrten vorzuwerfen hatte, war, dass sie zum Schutz ihres seit dreihundert Jahren unablässig gewalzten Rasens meinen kleinen Fisch vertrieben hatten.

An die Idee, die mich zu so kühner Übertretung veranlasst hatte, konnte ich mich jetzt nicht mehr erinnern. Der Geist des Friedens sank wie eine Wolke vom Himmel herab, denn wenn der Geist des Friedens irgendwo haust, dann in den Gebäuden und Innenhöfen von Oxbridge an einem schönen Oktobermorgen. Beim Schlendern zwischen jenen Colleges, vorbei an diesen uralten Hallen, schien die Rauheit der Gegenwart geglättet; der Körper schien in eine wundersame Glasvitrine eingeschlossen, die kein Laut durchdringen konnte, und der Geist, ohne jede Berührung mit der Wirklichkeit (es sei denn, man betrat noch einmal den Rasen), war frei, sich jeglicher Betrachtung hinzugeben, die mit dem Augenblick im Einklang stand. Wie der Zufall es wollte, brachte mir eine abseitige Erinnerung an einen alten Essay über ein Wiedersehen mit Oxbridge in den großen Ferien Charles Lamb in den Sinn – Saint Charles, sagte Thackeray und hielt sich einen Brief von Lamb an die Stirn. Tatsächlich, unter all den Toten (ich gebe Ihnen meine Gedanken so wieder, wie sie mir kamen) ist Lamb einer der angenehmsten; einer, den man gern gefragt hätte: Sagen Sie, wie haben Sie eigentlich Ihre Essays geschrieben? Denn seine Essays sind sogar denen von Max Beerbohm mit all ihrer Perfektion überlegen, dachte ich, weil es mittendrin dieses wilde Aufleuchten der Fantasie, das blitzartige Aufzucken der Genialität gibt, das sie mangelhaft und unvollkommen macht, aber mit funkelnder Poesie übersät.[2] Lamb kam also vor vielleicht hundert Jahren nach Oxbridge. Jedenfalls schrieb er einen Essay – der Titel ist mir entfallen – über die Handschrift eines Gedichts von Milton, die er hier fand. Vielleicht war es Lycidas, und Lamb schrieb, wie sehr ihn der Gedanke schockierte, irgendein Wort in Lycidas könnte zuvor anders gelautet haben als jetzt. Sich vorzustellen, Milton könnte Wörter in diesem Gedicht geändert haben, erschien ihm wie ein Sakrileg. Da erinnerte ich mich an das, was ich noch von Lycidas wusste, und stellte zu meinem eigenen Vergnügen Mutmaßungen darüber an, welches Wort Milton geändert haben könnte und warum. Dann fiel mir ein, dass genau dieselbe Handschrift, die Lamb sich angeschaut hatte, nur wenige Meter entfernt zu finden war, sodass man in Lambs Fußstapfen über den Innenhof zu jener berühmten Bibliothek hinübergehen konnte, in der der Schatz aufbewahrt wird. Außerdem, erinnerte ich mich, während ich den Plan in die Tat umsetzte, wird in dieser berühmten Bibliothek auch die Handschrift von Thackerays Esmond aufbewahrt. Esmond, behaupten die Kritiker oft, sei Thackerays vollkommenster Roman. Aber der affektierte Stil, der das achtzehnte Jahrhundert nachahmt, stört, soweit ich mich erinnere, es sei denn, der Stil des achtzehnten Jahrhunderts wäre der Thackeray gemäße – etwas, was sich überprüfen ließe, indem man sich die Handschrift anschaute und nachsähe, ob die Änderungen zugunsten des Stils oder des Sinns gemacht wurden. Dann aber müsste man entscheiden, was Stil und was Sinn heißt, eine Frage, die – aber hier stand ich tatsächlich vor der Tür, die zur Bibliothek führt. Ich muss sie geöffnet haben, denn augenblicklich erschien wie ein Schutzengel, der den Weg mit dem Geflatter eines schwarzen Talars anstelle weißer Flügel verstellte, ein abwehrender, silbriger, freundlicher Herr, der, während er mich mit wedelnder Hand zurückscheuchte, in leisem Ton bedauerte, dass Damen zur Bibliothek nur Zutritt hätten, wenn sie von einem Fellow des Colleges begleitet oder ein Empfehlungsschreiben bei sich haben würden.

Dass eine berühmte Bibliothek von einer Frau verflucht worden ist, ist einer berühmten Bibliothek völlig gleichgültig. Ehrwürdig und gelassen, alle ihre Schätze sicher in der Brust verschlossen, schläft sie selbstzufrieden und wird, was mich betrifft, für immer so schlafen. Nie werde ich diese Echos wecken, nicht noch einmal um Gastfreundschaft bitten, schwor ich, als ich voller Zorn die Stufen hinabstieg. Bis zum Lunch blieb immer noch eine Stunde, und was sollte man damit anfangen? Über die Wiesen schlendern? Am Fluss sitzen? Gewiss, der Herbstmorgen war herrlich; die Blätter flatterten rot zu Boden, und weder das eine noch das andere verlangte eine besondere Anstrengung. Aber Musik drang nun an mein Ohr. Ein Gottesdienst oder eine Feier fand statt. Die Orgel klagte prächtig, als ich an der Kirchentür vorbeiging. Sogar das Leid der Christenheit klang in dieser friedlichen Luft mehr wie eine Erinnerung an das Leid als wie das Leiden selbst; sogar das Ächzen der uralten Orgel schien in Frieden gehüllt. Ich hatte nicht den Wunsch, hineinzugehen, falls ich das Recht dazu gehabt hätte, und diesmal hätte mich wohl der Küster aufgehalten und vielleicht meinen Taufschein verlangt oder ein Empfehlungsschreiben des Dekans. Aber das Äußere dieser prächtigen Gebäude ist oft so schön wie das Innere. Außerdem war es unterhaltsam genug, zuzuschauen, wie die Gemeinde sich versammelte, hineinging und wieder herauskam, geschäftig vor der Kirchentür herumschwirrte wie Bienen vor dem Eingang zum Bienenstock. Viele trugen Doktorhut und Talar, manche hatten einen Pelzbesatz auf den Schultern, andere wurden im Rollstuhl hineingeschoben, wieder andere, obwohl noch nicht jenseits der mittleren Jahre, wirkten so eigenartig zerknittert und zerknautscht, dass ihre Gestalten an jene riesigen Krabben und Krebse erinnerten, die sich mit Mühe über den Sand eines Aquariums schleppen. Als ich mich an die Mauer lehnte, wirkte die Universität tatsächlich wie ein Refugium, in dem seltene Arten erhalten werden, die bald aussterben würden, wären sie dem Überlebenskampf auf dem Straßenpflaster des Strand[3] ausgesetzt. Alte Geschichten von alten Dekanen und alten Doktoren fielen mir wieder ein, aber bevor ich den Mut aufbrachte zu pfeifen – es hieß, dass beim Klang eines Pfiffs der alte Professor sogleich in einen Galopp fiel –, war die ehrwürdige Gemeinde im Inneren verschwunden. Das Äußere der Kirche blieb. Wie Sie wissen, wirken ihre hohen Kuppeln und Spitztürme wie ein beständig reisendes, nie ankommendes Segelschiff, nachts hell erleuchtet und meilenweit zu sehen, bis weit hinter die Hügel. Vermutlich war dieser Innenhof mit seinen glatten Rasenflächen, wuchtigen Gebäuden und der Kirche selbst einst ebenfalls Sumpfland, in dem die Gräser wogten und die Schweine wühlten. Pferde- und Ochsengespanne, dachte ich, mussten die Steine in Fuhrwerken aus entlegenen Grafschaften herangekarrt haben, und dann wurden die grauen Quader, in deren Schatten ich jetzt stand, in unermüdlicher Arbeit einer ordentlich auf den anderen geschichtet, und dann brachten Maler ihr Glas für die Fenster, und die Maurer waren jahrhundertelang dort oben auf dem Dach mit Kitt und Mörtel beschäftigt, mit Schaufel und Kelle. Bestimmt hatte jemand jeden Samstag Gold und Silber aus einer ledernen Geldbörse in ihre uralten Fäuste geschüttet, denn am Abend hatten sie bei Bier und Kegelspiel vermutlich ihren Spaß. Ein endloser Strom aus Gold und Silber, dachte ich, musste fortwährend in dieses Gebäude geflossen sein, damit die Steine weiterhin kamen und die Maurer weiterhin arbeiteten; ebneten, aushoben, gruben und entwässerten. Aber es war das Zeitalter des Glaubens, und das Geld wurde großzügig ausgeschüttet, um diese Steine auf ein starkes Fundament zu setzen, und als die Steine errichtet waren, floss noch mehr Geld aus den Schatztruhen von Königen und Königinnen und Fürsten hinein, um sicherzustellen, dass Hymnen hier gesungen und Gelehrte unterrichten würden. Ländereien wurden bewilligt; Zehnte wurden bezahlt. Und als das Zeitalter des Glaubens vorbei und das Zeitalter der Vernunft angebrochen war, floss derselbe Strom aus Gold und Silber weiter; Stipendien wurden gestiftet; Professuren eingerichtet; nur dass das Gold und Silber jetzt nicht mehr aus den Schatztruhen des Königs, sondern aus den Kassen von Kaufleuten und Fabrikanten, aus den Geldbörsen von Männern floss, die ein Vermögen etwa als Unternehmer gemacht hatten und in ihren Testamenten einen ordentlichen Anteil davon zurückgaben, um weitere Lehrstühle, weitere Professuren, weitere Stipendien in der Universität einzurichten, an der sie ihr Handwerk gelernt hatten. Daher die Bibliotheken und Labore; die Observatorien; die großartige Ausstattung mit teuren und empfindlichen Instrumenten, die jetzt in Glasregalen stehen, wo vor Jahrhunderten Gräser wogten und Schweine wühlten. Sicher, als ich im Hof umherschlenderte, schien das Fundament aus Gold und Silber stark genug; das Pflaster stabil über den wilden Gräsern zu liegen. Männer mit Tabletts auf dem Kopf gingen geschäftig von einem Treppenhaus zum anderen. Farbenprächtige Blumen blühten in Kästen vor den Fenstern. Die Töne eines Grammophons schallten aus den Zimmern. Es war unmöglich, sich nicht zu überlegen – die Überlegung, welche auch immer, wurde gekappt. Die Uhr schlug. Es war Zeit, sich zum Lunch einzufinden.

Es ist eine seltsame Sache, wie gut Romanschriftsteller sich darauf verstehen, uns glauben zu lassen, Lunchgesellschaften wären ausnahmslos denkwürdig, weil etwas besonders Geistreiches gesagt wurde oder etwas sehr Weises geschah. Aber selten verlieren sie ein Wort über das, was gegessen wurde. Es gehört zu den Konventionen des Schriftstellers, Suppe, Lachs und Ente nicht zu erwähnen, als wären Suppe, Lachs und Ente nicht von geringster Bedeutung, als hätte niemand je eine Zigarre geraucht oder ein Glas Wein getrunken. Ich nehme mir hier aber die Freiheit, mich über diese Konvention hinwegzusetzen und Ihnen zu erzählen, dass das Mittagessen bei dieser Gelegenheit mit Seezunge in einer tiefen Schüssel begann, über die der College-Koch eine Decke aus weißester Sahne gebreitet hatte, nur hier oder da versehen mit braunen Flecken wie die Flecken auf den Flanken einer Hirschkuh. Danach kamen die Rebhühner, aber wenn Sie dabei an ein paar kahle, braune Vögel auf einer Platte denken, liegen Sie falsch. Die Rebhühner, zahlreich und verschieden, kamen mit ihrem gesamten Gefolge an Soßen und Salaten, den scharfen und den süßen, jede in der entsprechenden Reihenfolge; mit ihren Kartoffeln, dünn wie Münzen, aber nicht so hart; ihrem Rosenkohl, die Blättchen wie Rosenknospen, nur saftiger. Und kaum waren der Braten und sein Gefolge beendet, setzte uns schon der stumme servierende Diener, vielleicht der Pedell höchstpersönlich, nur in sanfterer Erscheinungsform, eine von Servietten umhüllte Nachspeise vor, die wie ein Zuckerberg aus den Wellen ragte. Sie als Pudding zu bezeichnen und so mit Reis und Tapioka in Verbindung zu bringen wäre eine Beleidigung. Unterdessen hatten die Weingläser gelb aufgeleuchtet und rot aufgeleuchtet; waren geleert worden; waren gefüllt worden. Und so wurde nach und nach in der Mitte der Wirbelsäule, dort, wo die Seele wohnt, nicht das harte, kleine elektrische Licht entzündet, das wir als Scharfsinn bezeichnen, wenn es zwischen unseren Lippen auftaucht, sondern das tiefere, subtile und untergründige Glühen der satten gelben Flamme vernünftigen Austauschs. Keine Notwendigkeit zur Eile. Keine Notwendigkeit, zu glänzen. Keine Notwendigkeit, jemand anderes zu sein als man selbst. Wir kommen alle in den Himmel, und van Dyck ist mit von der Partie – mit anderen Worten, wie gut das Leben schien, wie süß seine Belohnungen, wie banal dieser Neid oder jener Groll, wie wunderbar die Freundschaft und Gesellschaft Gleichgesinnter, während man sich eine gute Zigarre anzündete und in die Sitzkissen am Fenster sank.

Wenn durch einen glücklichen Zufall ein Aschenbecher zur Hand gewesen wäre und man die Asche in Ermangelung dessen nicht aus dem Fenster geschnippt hätte, wenn die Dinge ein wenig anders gewesen wären, als sie waren, hätte man vermutlich die Katze ohne Schwanz nicht gesehen. Der Anblick dieses unerwartet kupierten Tiers, das auf leisen Pfoten durch den Innenhof strich, veränderte durch eine Zufallsregung des unbewussten Intellekts das emotionale Licht für mich. Als hätte jemand ein Rouleau heruntergelassen. Vielleicht ließ die Wirkung des vorzüglichen Weißweins nach. Natürlich, als ich zusah, wie die Manx-Katze mitten auf dem Gras anhielt, als würde auch sie das Universum in Frage stellen, schien etwas zu fehlen, schien etwas anders zu sein. Aber was fehlte, was war anders, fragte ich mich, während ich der Unterhaltung zuhörte. Und um diese Frage zu beantworten, musste ich mich aus dem Zimmer hinausdenken, zurück in die Vergangenheit, sogar bis in die Zeit vor dem Krieg, und mir das Muster einer anderen Lunchgesellschaft vor Augen führen, die in nicht weit entfernt gelegenen, aber anderen Zimmern stattgefunden hatte. Alles war anders. Inzwischen ging die Unterhaltung unter den Gästen weiter, die zahlreich und jung waren, die einen diesen, die anderen jenen Geschlechts; sie ging geschmeidig weiter, sie ging einvernehmlich weiter, frei, lebendig. Und während sie weiterging, hörte ich sie vor dem Hintergrund dieser anderen Unterhaltung, und als ich beide übereinanderlegte, hatte ich keinen Zweifel, dass die eine die Nachfahrin der anderen war, ihre rechtmäßige Erbin. Nichts hatte sich gewandelt; nichts war anders, außer – hier hörte ich mit großen Ohren nicht ausschließlich auf das, was gesagt wurde, sondern auf das Raunen oder die Strömung dahinter. Ja, das war es – das war der Wandel. Vor dem Krieg hätten die Leute bei einer Lunchgesellschaft genau die gleichen Dinge gesagt, aber sie hätten sich anders angehört, denn damals wurden sie von einer Art Summen begleitet, nicht deutlich, aber melodisch, aufregend, das den Wert der Worte veränderte. Könnte man dieses Summen in Worte fassen? Mithilfe der Dichter könnte man das vielleicht. Ein Buch lag neben mir, und als ich es aufschlug, blätterte ich eher unabsichtlich zu Tennyson. Und stieß auf etwas, was Tennyson sang:

Von Passionsblumenranken am Tor

Rinnt eine Träne ins Moos.

Ah, sie kommt, die mein Herz sich erkor,

Sie kommt, mein Leben, mein Los.

Rotrose ruft: »Sie ist nah, sie ist nah«,

Weißrose weint: »Verspätet sie sich?«

Rittersporn lauscht: »Sie ist da, sie ist da«,

Lilie flüstert: »Gedulde dich.«

War es das, was Männer vor dem Krieg bei Lunchgesellschaften summten? Und die Frauen?

Mein Herz ist wie ein Vogel heut’

Dem dichtes Laub sein Nest umflicht;

Mein Herz ist wie ein Apfelbaum,

Dem jeder Ast von Früchten bricht;

Mein Herz ist wie ein Muschelhaus,

Das schwimmt im tiefdurchsonnten Meer,

Und noch viel froher ist mein Herz,

Mein Liebster kam zu mir daher.[4]

War es das, was Frauen bei Lunchgesellschaften vor dem Krieg summten?

Die Vorstellung, dass vor dem Krieg Menschen solche Dinge, wenn auch nur unter vorgehaltener Hand, bei Lunchgesellschaften gesummt hatten, war so skurril, dass ich auflachte und mein Gelächter erklären musste, indem ich auf die Manx-Katze zeigte, die tatsächlich ein wenig absurd aussah, armes Tier, ohne Schwanz, mitten auf dem Rasen. War sie wirklich so geboren worden, oder hatte sie ihren Schwanz bei einem Unfall verloren? Die schwanzlose Katze ist seltener, als man denkt, obwohl es einige von ihnen auf der Isle of Man geben soll. Sie ist ein eigenartiges Tier, eher bizarr als hübsch. Es ist seltsam, was ein Schwanz für einen Unterschied bedeutet – Sie wissen schon, was man so sagt, wenn sich die Lunchgesellschaft auflöst und die Leute sich ihre Hüte und Mäntel holen.

Diese hatte dank der Großzügigkeit des Gastgebers bis weit in den Nachmittag hinein gedauert. Der schöne Oktobertag verblasste, und die Blätter fielen von den Bäumen der Allee, die ich entlang ging. Hinter mir schien sich ein Tor nach dem anderen mit sanfter Endgültigkeit zu schließen. Unzählige Pedelle steckten unzählige Schlüssel in gut geölte Schlösser; das Haus der Schätze wurde für eine weitere Nacht gesichert. Von der Allee kommt man auf eine Straße – ich vergesse immer ihren Namen –, die, wenn man richtig abbiegt, weiter nach Fernham führt. Aber es war noch viel Zeit. Dinner gab es nicht vor halb acht. Nach einem solchen Mittagessen wäre man auch gut ohne Dinner ausgekommen. Es ist seltsam, wie der Fetzen eines Gedichts in Gedanken arbeitet und die Beine im Takt dazu die Straße entlanggehen lässt. Diese Worte –

Von Passionsblumenranken am Tor

Rinnt eine Träne ins Moos.

Ah, sie kommt, die mein Herz sich erkor –

sangen mir im Blut, als ich schnell in Richtung Headingley ging. Und dann, in das andere Versmaß umschaltend, sang ich beim aufgewühlten Wasser am Wehr:

Mein Herz ist wie ein Vogel heut’

Dem dichtes Laub sein Nest umflicht;

Mein Herz ist wie ein Apfelbaum …

Was für Dichter, rief ich laut aus, wie man es in der Dämmerung eben tut, was für Dichter sie waren!

 

Mit Blick auf unser eigenes Zeitalter fragte ich mich wohl mit einer gewissen Eifersucht, so albern und absurd solche Vergleiche auch sind, ob man tatsächlich zwei lebende Dichter von der Größe nennen könnte, die Tennyson oder Christina Rossetti einst hatten. Es ist offenkundig unmöglich, sie zu vergleichen, dachte ich, während ich ins schäumende Wasser blickte. Der Grund, warum uns diese Lyrik so maßlos, so überschwänglich begeistert, liegt darin, dass sie ein Gefühl feiert, das man einmal hatte (etwa bei Lunchgesellschaften vor dem Krieg), und demzufolge leicht und in vertrauter Weise darauf reagiert, ohne sich die Mühe machen zu müssen, das Gefühl zu überprüfen oder es mit einem zu vergleichen, das man jetzt hat. Die lebenden Dichter dagegen drücken ein Gefühl aus, das gerade im Entstehen ist und uns augenblicklich entrissen wird. Zuerst ist es nicht zu erkennen; oft fürchtet man es aus irgendeinem Grund; beobachtet es scharf und vergleicht es eifersüchtig und argwöhnisch mit dem alten Gefühl, das man kannte. Daher die Schwierigkeit moderner Lyrik; und aufgrund dieser Schwierigkeit erinnert man sich an nicht mehr als zwei aufeinanderfolgende Zeilen eines beliebigen guten modernen Dichters. Aus diesem Grund – dass mein Gedächtnis mich im Stich ließ – ging meinem Argument wegen Mangel an Material die Luft aus. Aber warum, fuhr ich fort, während ich in Richtung Headingley weiterging, haben wir aufgehört, bei Lunchgesellschaften leise vor uns hin zu summen? Warum singt Alfred nicht länger

Ah, sie kommt, die mein Herz sich erkor.

Warum hat Christina aufgehört zu erwidern

Und noch viel froher ist mein Herz,

Mein Liebster kam zu mir daher.

Sollen wir dem Krieg die Schuld geben? Als die Geschütze im August 1914