Die Julibraut - Monika Feth - E-Book

Die Julibraut E-Book

Monika Feth

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8,99 €

Beschreibung

Er ist der Mörder ihrer Freundin. Seit drei Jahren sinnt er auf Rache. Seine Zeit ist fast gekommen.

Vor drei Jahren verliebte sich Jette in den Erdbeerpflücker Georg Taban. Fast hätte er sie damals umgebracht, wie ihre Freundin Caro. Stattdessen sitzt Georg im Gefängnis – für immer aus ihrem Leben verbannt, meint Jette. Doch Georg hat noch nicht abgeschlossen mit ihr. Als Jette sonderbare Botschaften erhält und ihre besten Freunde Merle und Mike in Unfälle verwickelt werden, begreift sie, dass ihre Geschichte mit Georg noch lange nicht vorbei ist. Als sie sich an die Polizei wendet, nimmt der neue Kommissar ihre Befürchtungen nicht ernst. Doch Jette weiß, die Bedrohung ist real …

Die fulminante Spiegel-Bestsellereihe von Monika Feth begeistert Millionen Leser:innen. Die Jette-Thriller sind nervenzermürbend, dramatisch und psychologisch brilliant erzählt. Atemberaubende Spannung der Extraklasse!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 517




© Matthias Jung

Autorin

MONIKA FETH wurde 1951 in Hagen geboren, arbeitete nach ihrem literaturwissenschaftlichen Studium zunächst als Journalistin und begann dann, Bücher zu verfassen. Heute lebt sie in der Nähe von Köln, wo sie vielfach ausgezeichnete Bücher für Leser aller Altersgruppen schreibt.

Der sensationelle Erfolg der »Erdbeerpflücker«-Thriller machte sie weit über die Grenzen des Jugendbuchs hinaus bekannt. Ihre Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Mehr über die Autorin unter:

www.monikafeth-thriller.de

www.monika-feth.de

www.facebook.com/Monika.Feth.Schriftstellerin

Weitere lieferbare Bücher bei cbt:

Die »Erdbeerpflücker«-Thriller:

Der Erdbeerpflücker (Band 1)

Der Mädchenmaler (Band 2)

Der Scherbensammler (Band 3)

Der Schattengänger (Band 4)

Der Sommerfänger(Band 5)

Der Bilderwächter (Band 6)

Der Libellenflüsterer (Band 7)

Die »Romy«-Thriller:

Teufelsengel (Band 1)

Spiegelschatten (Band 2)

Blutrosen (Band 3)

Du auf der anderen Seite

Fee – Schwestern bleiben wir immer

Nele oder Das zweite Gesicht

Die blauen und die grauen Tage

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Monika Feth

Die Julibraut

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Originalausgabe April 2020

© 2020 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagkonzeption: init | Kommunikationsdesign, Bad Oeynhausen,

NahAufnahme © Karsten Molesch

he ∙ Herstellung: MJ

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-26110-8V001

www.cbj-verlag.de

wie viele

du

bist wie

fern

und tief

in meinem

ich

Caro

Das Schlimmste waren die Nächte. Die langen, quälenden Stunden, in denen er sich von einer Seite auf die andere wälzte, um seinen Gedanken zu entkommen. Die endlose Zeit allein mit sich selbst, zersplittert in unzählige Stunden schwärzester Furcht.

Er fühlte, wie seine Handflächen nass wurden und das Blut in seinem Kopf zu pochen begann.

Hektisch glitt sein Blick über die vertrauten Dinge in dem winzigen Raum: den Tisch, den Stapel Papier darauf, die Wasserflasche, das Glas. Schemen nur, nicht mehr als eine Andeutung der Dinge, aber sie beruhigten ihn allmählich.

Bis der Schrecken zurückkehrte.

Er schloss die Augen, um nicht zum Fenster zu sehen und nicht zur Tür. Trank die Luft wie ein Verdurstender.

Er stellte sich das Meer vor.

Darüber einen weit gespannten Himmel.

Es half immer nur für einen Augenblick, einen kurzen, köstlichen Moment, der in sich zusammenfiel, sobald er begann, sich zu entspannen.

Das Meer.

Bis zum Horizont.

Das Meer …

Doch das Blau verblasste. Die Stunden bauten sich vor ihm auf wie ein Gebirge. Drängten das Bild zurück. Bis nichts mehr da war, das ihm helfen konnte, diese Nacht zu überstehen.

*

Noch im Schlaf wusste ich, dass dies ein Albtraum war. Ich wollte aufwachen, aber es gelang mir nicht. Als ich den Mund aufriss, um zu schreien, merkte ich, dass meine Lippen zusammengewachsen waren.

»Jette! Jette, du träumst.«

Jemand rüttelte mich sanft an den Schultern. Ich erkannte Merles Stimme und blickte kurz darauf in ihr verschlafenes Gesicht. Ihre kurzen Haare standen störrisch in alle Richtungen ab.

Das Licht aus dem Flur lag in einem breiten Streifen auf dem Holzfußboden. Es hatte nicht genügend Kraft, um mein Zimmer zu erhellen. Sämtliche Farben waren erloschen, selbst das leuchtende Rot von Merles Haaren.

Als meine Freundin sich zu mir auf die Bettkante setzte, gab die Matratze seufzend nach. Merle breitete die Arme aus und zog mich an sich.

Ich atmete ihren Nachtduft ein, die vertraute Mischung aus einem Rest ihres Parfüms, Henna und Schlaf, und war froh, meinem Traum entkommen zu sein.

»Willst du reden?«

Merle hielt mich noch immer. Ihr Atem strich über meine Wange.

»Nein.« Ich löste mich von ihr und schüttelte den Kopf. Mein Traum hatte sich bereits verflüchtigt. Allerdings konnte ich die Angst immer noch schmecken. »Aber bleib noch ein bisschen, ja?«

Im nächsten Moment hatte Merle das Licht im Flur gelöscht und war zu mir unter die Bettdecke geschlüpft. Ihre Füße waren kalt, ihre Knie ebenfalls. Sie schmiegte sich an mich und gähnte.

»Gute Nacht«, flüsterte sie.

»Schlaf gut«, flüsterte ich zurück.

Ich fragte mich, ob alle Menschen im Dunkeln anfingen zu flüstern. Früher hatte ich geglaubt, in den finsteren Winkeln meines Zimmers lauerten Monster, die kleine Kinder fraßen und nur darauf warteten, dass ich einschlief, um sich auf mich zu stürzen.

Eines Tages hatte mein Vater mir einen großen Teddybären mitgebracht und mir versichert, das Tier habe magische Kräfte und sei in der Lage, mich vor sämtlichen Monstern der Welt zu beschützen. Von da an hatte ich meinen Teddy Nacht für Nacht fest umklammert gehalten.

Ich besaß ihn immer noch. Er thronte hoch oben auf meinem Bücherregal. Mein Bodyguard, dessen braunes Fell in meinen Armen brüchig und dünn geworden war.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis Merles Atem ruhig und gleichmäßig wurde. Sie hatte sich mir zugewandt und mir einen Arm über die Hüfte gelegt.

Wenn ich die Augen schloss, konnte ich mir vorstellen, es sei Luke, der da neben mir lag. Doch obwohl ich ihn vermisste, war es schön, Merle mal wieder so nah zu sein.

In unserem früheren Leben, als Caro noch da gewesen war, hatten wir oft bei Pizza, Cola, Chips und Schokolade im Bett Filme geguckt. Ein verschworenes Kleeblatt, bei dem männliche Wesen allenfalls eine dekorative Rolle gespielt hatten.

Serien. Liebesfilme. Horrorthriller. Wir hatten vor Aufregung die Augen zugekniffen, uns vor Entsetzen aneinandergeklammert oder vor Lachen ausgeschüttet.

Wir drei. Danach kam lange nichts. Und dann erst der Rest der Welt.

Aber plötzlich hatte Caro sich zum ersten Mal richtig verliebt. Ohne Netz und doppelten Boden.

In ihren Mörder.

Das war vor drei Jahren gewesen.

In dem Sommer, der alles verändert hatte.

Seitdem hatte Merle eine ernste Geschichte mit Claudio angefangen und ich war Luke begegnet.

Mittlerweile war unsere Wohngemeinschaft von damals auf sechs Personen angewachsen und wir hatten unsere kleine Mietwohnung in Bröhl gegen einen Bauernhof am Rand der Stadt getauscht.

Außer Merle und mir lebten jedoch nur noch Luke und Mike ständig in Birkenweiler. Ilka studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf und kam lediglich an den Wochenenden nach Hause. Mina war mit ihrem Freund Raoul in der therapeutischen WG nahe der Klinik hängen geblieben, in der sie beide behandelt wurden.

Wir hatten ihn bereits kennengelernt. Wie Mina litt er unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Einige seiner Persönlichkeiten hatten sich uns schon gezeigt. Es war eine Herausforderung, mit ihnen allen zurechtzukommen.

»Wenn Mina und Raoul beide hier sind«, hatte Luke einmal gesagt, »wird es in unserer Küche verdammt eng.«

Das stimmte. Ich fragte mich oft, wie es Mina und Raoul gelang, mit ihrer komplizierten Beziehung fertigzuwerden, in der ständig die unterschiedlichsten Persönlichkeiten aufeinanderprallten.

Aber es gelang ihnen bisher ganz gut. Wir alle waren froh darüber, denn wir fanden, sie hatten sich ein bisschen Glück verdient. Auch wenn das bedeuten konnte, dass Mina irgendwann nur noch Gast bei uns sein würde, wie es nun schon eine ganze Zeit lang der Fall war.

Und jetzt war wieder Sommer.

Ganz Birkenweiler duftete nach Blüten und Früchten. Die Wege staubten unter den Schritten. Das Gras in den Gärten wurde allmählich gelb von der andauernden Hitze, die das Rheinland in Atem hielt. Kühe und Schafe drängten sich im Schatten der Bäume zusammen, während die Menschen bei geschlossenen Rollläden in der Kühle ihrer Häuser verharrten.

Sommer.

Wie damals.

Vor drei Jahren.

»An was denkst du?«, riss Merles schläfrige Stimme mich aus meinen Erinnerungen.

»An nichts«, wich ich aus. »Schlaf weiter.«

Ich wollte nicht über damals reden. Wollte nicht mal daran denken.

Schlimm genug, dass ich immer noch davon träumte.

*

Mike hatte die Musik so laut aufgedreht, dass die Bässe wummerten. Die Werkstatt, die er sich im ausgebauten Schweinestall eingerichtet hatte, war durch die dicken Mauern hervorragend isoliert, sodass er niemanden störte. Nicht mal um acht Uhr früh.

Er liebte die Bohemian Rhapsody und bekam Gänsehaut, wenn Freddie Mercurys Stimme sich in die Höhe schraubte, bis sie klang wie blitzendes Metall. Auch die Stones hörte er gern. David Bowie. Prince.

Ilka machte sich häufig über seinen Musikgeschmack lustig.

»Der ist dermaßen retro«, hatte sie erst gestern zu ihm gesagt, »dass er schon wieder in ist.«

Retro.

Okay. Solange Ilka ihn dabei ansah wie in solchen Momenten und ihn danach auf diese unwiderstehliche Art und Weise küsste und nicht wieder losließ, so lange war alles in bester Ordnung.

Retro passte doch genau zu dem, was er hier tat.

Er hatte seinen Traum verwirklicht und restaurierte alte Möbel. Schöne Stücke, von denen jedes seine eigene Geschichte erzählte. Vertikos, Nähtischchen und Sekretäre, Stühle, Sofas, Spiegel. Einmal hatte er sich sogar an ein Gemälde gewagt.

Längst wurde er weiterempfohlen und hatte sich schon eine Stammkundschaft aufgebaut. Dennoch überlegte er seit Kurzem, vielleicht doch eine Ausbildung zu machen und professionell in diesen Beruf einzusteigen.

Aber was hieß schon professionell? Und war es nicht genau die Freiheit in dem, was er tat, die ihn reizte? Aus welchem Grund sollte er sich Fesseln anlegen?

Um besser zu werden. Sicherer vor allem.

Learning by doing war zwar spannend und befriedigend, verschlang jedoch eine Menge Zeit, die er einsparen könnte, wenn er den Beruf von Grund auf erlernt hätte.

Dann wieder sagte sich Mike, dass die Geschäfte endlich angefangen hatten zu laufen. Er häufte nicht gerade Reichtümer an, verdiente aber doch so viel, dass er einigermaßen davon leben konnte. Warum riskieren, die Kunden während der Ausbildung wieder zu verlieren?

Seine Überlegungen verliefen immer wieder im Kreis.

Für heute hatte er sich vorgenommen, ein bisschen klar Schiff zu machen. Er war bei dem letzten Auftrag höllisch unter Zeitdruck geraten und hatte die Werkstatt ziemlich zugemüllt. Neu gelieferte Möbelstücke standen im Weg. Verpackungsmaterial wartete darauf, entsorgt zu werden. Die leeren Farbbehälter, die sich in einer Ecke stapelten, drohten bei der nächsten Gelegenheit umzukippen und das Chaos komplett zu machen.

Mike wusste, dass er das Zeug nicht mit einer einzigen Fuhre zur Müllkippe schaffen konnte, und hatte deshalb genügend Zeit eingeplant.

Es war ein schöner Morgen mit blauem Himmel und klarer Luft. Die Vögel veranstalteten ein Heidenspektakel. Sicherlich befand sich eine der Katzen auf der Jagd. Oder alle zusammen, was ab und zu auch vorkam.

Mittlerweile waren es vier: Donna, Julchen, Smoky und Klecks, und wenn es nach Merle ginge, wären es noch mehr. Merle sah bei ihrer Arbeit im Albert-Schweitzer-Tierheim und bei ihren Einsätzen für den militanten Tierschutz so viel Elend, dass sie es manchmal kaum aushielt. Immer wieder brachte sie Tiere mit, die bei einer Aktion aus einem Versuchslabor befreit oder aus schlechter Haltung gerettet worden waren.

Sie päppelten sie auf und behielten sie in Pflege, bis die Tierschützer ein Zuhause für sie gefunden hatten. Doch dann mussten sie sich von ihnen trennen. Sie konnten unmöglich alle behalten.

Das war einer der vielen Vorteile des Bauernhofs – er bot enorm viel Platz. Es verging kein Tag, an dem Mike sich nicht darüber gefreut hätte, hier zu wohnen. Zwar vermisste er Ilka, doch wenn die Sehnsucht während der Woche zu groß wurde, schwang er sich einfach ins Auto und besuchte sie.

Das hatte etwas von einer heimlichen Liebesgeschichte.

Er verbrachte den Abend und die Nacht mit Ilka und verließ sie im Morgengrauen wieder. Seltsamerweise hatten sie beide oft das absurde Gefühl, etwas Verbotenes zu tun und jemanden zu betrügen, den es überhaupt nicht gab.

Ab und zu schwänzte Ilka eine Veranstaltung, dann blieb er länger, ein seltenes Geschenk, das sie beide genossen. Besuchte er sie an einem Wochenende, zeigte sie ihm die Stadt, führte ihn durch die Kunstakademie und stellte ihn den Leuten vor, die das Glück hatten, täglich mit ihr zusammen zu sein.

Mike machte sich keine Gedanken darüber, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Es würde weitergehen. Irgendwie. Das war alles, was er wissen musste.

Er belud den Anhänger, verscheuchte Klecks, der es sich gerade auf einem zusammengerollten alten Teppich zwischen Elektroschrott und verbeulten leeren Farbdosen bequem machen wollte, und ging, nachdem er die Abdeckplane sorgfältig zugezurrt hatte, in die Küche, um sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank zu holen.

Es würde ein Jahrhundertsommer werden, wenn man den Meteorologen glauben wollte, die ständig neue Superlative aus dem Ärmel zauberten: der kälteste März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, der wärmste Blabla, der nasseste Blablabla …

Und jetzt eben der heißeste Sommer.

Allmählich fühlte Mike sich schon ausgelaugt, wenn ihn beim Aufwachen die Sonnenstreifen an der Nase kitzelten, die durch das Rollo in sein Zimmer fielen. Er sehnte sich nach ein paar Tropfen Regen und ein bisschen Kühle.

Jette saß mit ihrem Laptop am Küchentisch und blickte auf, als er eintrat.

»Hi, Mike.«

»Hi, du.«

Merles Job im Tierheim, Mikes Arbeit, Minas Therapie und Ilkas, Jettes und Lukes Studium hatten das Zusammenleben der WG auf den Kopf gestellt. Die Küche war bisher immer der Ort gewesen, an dem sich alle getroffen hatten, der eigentliche Dreh- und Angelpunkt ihres Zusammenlebens. Jetzt saß Mike manchmal ganz allein hier.

Er ging zur Espressomaschine, um sich einen Kaffee zu machen. Ein paar Minuten mit Jette würden ihm guttun. Ilka war am Vorabend wieder nach Düsseldorf gefahren und er vermisste sie schon jetzt.

»Auch einen?«, fragte er über die Schulter.

»Wenn du schon mal dabei bist.«

Er stellte ihr die dampfende Tasse hin. Sie klappte den Laptop zu, lehnte sich zurück und lächelte ihn an.

»Für die Uni?«, fragte er mit einer Kopfbewegung in Richtung Laptop und zog sich einen Stuhl heran.

»Nee.« Sie schüttelte den Kopf. »Luke.«

Jette konnte das: gleichzeitig glücklich und traurig aussehen. Mike fragte sich, ob das bei ihm auch so war.

»Wie gefällt es ihm da unten in München?«

Luke, der neben seinem Jurastudium wieder bei Kerres und Söhne jobbte, befand sich für ein paar Tage zur Fortbildung im Mutterhaus des Immobilienmaklers, der nicht nur im Rheinland eine Riesennummer war.

»Er langweilt sich zu Tode.«

»Logisch.« Mike grinste. »Aus Luke wird nie im Leben ein Makler. Ihm fehlt das Schmierige und zu clever ist er außerdem.«

Er bewunderte Luke, der vor Energie nur so vibrierte und ständig unterfordert schien. Neben dem Jurastudium und dem Job kümmerte er sich intensiv um sein Jiu-Jitsu-Training und unterrichtete neuerdings sogar selbst. Dennoch fand er immer noch Zeit für Jette und war für jeden in der WG ansprechbar.

»Aber der Job hat seine Vorteile«, erinnerte Jette ihn und hob schmunzelnd die Tasse an die Lippen.

Sie hatte Luke auf der Suche nach einer neuen Bleibe für die WG kennengelernt. Zusammen mit einer Kollegin hatte er Jette und Merle durch diesen Bauernhof geführt und ihnen alles gezeigt.

Jette hatte sich damals rettungslos verliebt.

In den Hof und in Luke.

Inzwischen hatte Imke Thalheim das Anwesen gekauft. Als Geldanlage, wie sie behauptete, denn als Bestsellerautorin verdiente sie ein Vermögen mit ihren Krimis. Jette allerdings, die es hasste, wenn ihre berühmte Mutter sich in ihr Leben einmischte, nahm ihr das immer noch übel. Sie bestand darauf, dass sie die ortsübliche Miete zahlten, und versuchte ansonsten zu vergessen, dass ihre Mutter auch ihre Vermieterin war.

»Irgendwie ist es hier ziemlich still geworden.« Jette sah sich in der Küche um, die Tasse noch in der Hand. »Ich hätte nie gedacht, dass ich den Trubel mal so vermissen würde.«

Wie aufs Stichwort meldete sich ihr Smartphone.

»Hey, Süßer …« Sie sah Mike mit einem glücklichen Lächeln an. »Leider nicht. Nur Mike und ich. Wir haben gerade darüber gesprochen, dass wir dich und die andern ziemlich vermissen.«

Mike nahm seinen Kaffee, stand auf und beugte sich zu Jette hinunter. Das hier würde länger dauern.

»Morgen, Luke, du schmerzlich Vermisster«, rief er ins Smartphone, gab Jette einen Kuss auf die Wange und ging zur Tür.

»Moment, Luke.« Jette ließ das Smartphone sinken. »Du, Mike, das hätte ich fast vergessen: Kannst du irgendwann mal nach der kleinen Hoflampe gucken? Da hat sich irgendwas gelockert.«

Mike nickte ergeben. Er durchquerte die Küche und öffnete die Tür zum Innenhof. Seit er Möbel restaurierte, wurde er für alles Handwerkliche herangezogen. Erst wenn er nicht klarkam, wandten sie sich an einen Fachmann.

Tatsächlich hing die kleine Wandlampe, die den schönen alten Brunnen, die efeubewachsenen Bruchsteinmauern und die üppigen Pflanzen bei Dunkelheit in ein so geheimnisvolles Licht tauchte, ein wenig schief in den Angeln.

Mike untersuchte sie und stellte fest, dass eine der beiden Schrauben, mit der sie befestigt war, begonnen hatte, sich aus dem Mauerwerk zu lösen. Er stellte die Kaffeetasse ab, ging in seine Werkstatt und nahm die Bohrmaschine von der Wand, an der seine elektrischen Geräte hingen.

Keine große Sache.

Er würde nicht mal eine Leiter brauchen, um die Schraube wieder festzudrehn.

*

Zuerst dachte ich, eine unserer Katzen draußen gehört zu haben. Die wurden immer mal wieder in Revierstreitigkeiten mit den Dorfkatzen verwickelt und lieferten sich die erbittertsten Kämpfe.

Insbesondere Klecks, der durch seine entsetzlichen Erfahrungen in der Vergangenheit schwer traumatisiert war, ausgerechnet er zog die Aggressionen förmlich an. Er hatte bereits ein zerfetztes Ohr und sein armer kleiner Körper war mit Narben übersät.

Ich lauschte.

Hier auf dem Land gab es die seltsamsten Laute. Wenn man aus der Stadt kam, so wie wir, brauchte man eine ganze Weile, um sich an sie zu gewöhnen und sie auseinanderzuhalten. Sie platzten in die Stille und waren schon wieder verweht, bevor man sie richtig wahrgenommen hatte.

Das Geräusch wiederholte sich nicht.

Achselzuckend ging ich in mein Zimmer und raffte die Unterlagen zusammen, die Isa mir mitgegeben hatte. Ich steckte zwar bis zum Hals in den Vorbereitungen für die Klausuren, aber ich hatte den Studentenjob erst im Frühjahr ergattert und befand mich noch in einer Art Probezeit. Da wollte ich ihn nicht gleich wieder verlieren.

Ich arbeitete jetzt tatsächlich bei den Bullen, wie Merle Polizeibeamte abfällig nannte. Lediglich den Kommissar, der uns schon einige Male aus brenzligen Situationen gerettet hatte, nahm sie dabei aus. Dass ich nun auch irgendwie zu dem Verein gehörte, steckte sie nicht so leicht weg. Mein Traum, nach dem Psychologiestudium zur Polizei zu gehen, war für sie unbegreiflich.

Mit viel Glück hatte ich eine Stelle bei einer leibhaftigen Polizeipsychologin bekommen. Isa Kornblum, eine Kollegin des Kommissars aus den Zeiten vor seinem Wechsel nach Köln, war bereit gewesen, es mit mir zu versuchen, obwohl mein zweites Semester gerade erst angefangen hatte.

Ich hatte bestimmte Vorstellungen von diesem Beruf mitgebracht. Manche davon trafen zu, andere hatten mit dem Alltag einer Polizeipsychologin wenig oder gar nichts zu tun.

Isa war in vielen Fragen Ansprechpartnerin der Polizeibeamten, betreute sie nach besonders belastenden Einsätzen und bei persönlichen Problemen, machte sie fit für den Umgang mit Extremsituationen und wurde bei Befragungen hinzugezogen.

In meiner Fantasie hatte ich mich immer dabei gesehen, irgendwann einmal Täterprofile zu erstellen, doch Isa hatte mir erklärt, dass es den Profiler amerikanischer Serien in Deutschland überhaupt nicht gab. Ihre Entsprechung seien die Fallanalysten beim BKA, beim LKA und ansonsten höchstens in den großen Polizeipräsidien.

Doch eben das hatte ich ja in Erfahrung bringen wollen – was wirklich zu den Aufgaben einer Polizeipsychologin zählte. Ich hatte den Job mittlerweile seit fast drei Monaten, und auch wenn ich Isa lediglich zuarbeitete, merkte ich immer deutlicher, wie sehr sich mein Berufswunsch verfestigte.

Mit den Unterlagen und einigen Büchern beladen, machte ich mich auf den Weg in die Küche. Ich wollte mich in den Innenhof setzen, wo es schattig und noch einigermaßen kühl war. Als ich die Tür öffnete, die nach draußen führte, wäre ich fast über Klecks gestolpert, der panisch an mir vorbei ins Haus schoss.

»Hey!«

Ich legte alles auf dem Küchentisch ab. Vielleicht war der Kater wieder einmal verletzt und musste verarztet werden. Besorgt folgte ich ihm in Ilkas Zimmer, wo er sich meistens verkroch, wenn irgendwas mit ihm nicht stimmte.

Klecks hatte sein Herz an Ilka verloren und wartete Tag für Tag geduldig, bis sie an den Wochenenden nach Hause kam. An einen Umzug nach Düsseldorf war für ihn jedoch nicht zu denken.

Vor einem Jahr hatte er als Einziger das Massaker in der Katzenstation des Tierheims überlebt und wir hatten ihn damals zu uns genommen. Der liebe alte Herzensbrecher mit seinem schwarzen Fell und dem schneeweißen Fleck über der Nase hatte sich prächtig entwickelt, aber es würde noch lange dauern, bis seine verwundete Seele heilte, falls sie überhaupt jemals wieder gesund werden konnte.

Er hatte sich ganz oben auf Ilkas Regal geflüchtet, wo immer ein weiches Tuch für ihn bereitlag, für den Fall, dass er sich in Sicherheit bringen musste. Auch auf der Fensterbank hatte Ilka ein Tuch für ihn ausgebreitet, denn er liebte es, dort zu liegen und nach draußen zu schauen.

»Hallo, mein Kleiner.« Ich hielt ihm die Hand hin, wobei ich mich auf die Zehenspitzen stellen musste. »Was ist denn los?«

Zuerst fauchte er halbherzig, dann schnupperte er an meinen Fingern, ließ jedoch die Tür nicht aus den Augen.

Etwas hatte ihn zu Tode erschreckt.

Noch vor einem Jahr hätte ich jetzt augenblicklich nach der Ursache für sein Verhalten geforscht, doch Klecks geriet häufig aus der Fassung und konnte sich sogar vor Schatten fürchten. Mehr noch als unsere anderen Katzen, die ja alle ein verwundetes Leben mit Verwahrlosung und Gewalt hinter sich hatten.

Deshalb beließ ich es dabei, eine Weile sanft auf ihn einzureden.

Endlich ließ er den Kopf auf die Pfoten sinken und fing leise an zu schnurren. Ich ging zur Tür und drehte mich noch einmal nach ihm um. Klecks sah mir aus schmalen Augen nach. Er hatte sich wieder beruhigt.

Mit den Unterlagen trat ich in den Hof hinaus. Mein Blick war auf den Tisch gerichtet, an den ich mich setzen wollte, als ich aus den Augenwinkeln etwas wahrnahm, das mich irritierte.

Als ich mich umwandte, entdeckte ich Mike. Er kauerte auf dem Boden, bleich, die Arme um den Körper geschlungen, und sah mich mit einem Ausdruck von Schrecken und Schmerz an, der mich alles fallen lassen ließ, was ich in den Händen hielt.

»Mike!« Ich lief zu ihm und warf mich neben ihm auf die Knie. »Was ist passiert?«

Er drehte vorsichtig den Kopf, bewegte langsam die Arme, die Finger, betastete behutsam sein Gesicht.

»Ein Stromschlag.« Er blickte zu der immer noch schief hängenden Lampe. »Es hat mich komplett von den Füßen gehauen.«

Verwundert sah er mich an. Als könnte das jedem zustoßen, aber doch nicht ihm.

Jetzt erst merkte ich, dass es verbrannt roch. Die Bohrmaschine lag auf dem Boden, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Ich wollte nach ihr greifen, doch Mike hielt mich zurück.

»Nicht!«

Die Schärfe in seiner Stimme machte mir bewusst, in welcher Gefahr er geschwebt hatte. Ich rückte mich neben ihm auf den schon jetzt aufgeheizten Pflastersteinen zurecht.

An die Hauswand gelehnt, saßen wir nebeneinander und die Sonne brannte auf uns nieder. Zwei Meter weiter war wohltuender Schatten, aber wir hatten beide nicht die Energie, uns dort hin zu schleppen.

»Ich versteh das nicht«, murmelte Mike.

»Kurzschluss?«, fragte ich.

»Wahrscheinlich. Aber wieso?«

Sämtliche Maschinen, die Mike benutzte, waren in die Jahre gekommene Schnäppchen, die er irgendwo aufgetan hatte. Es war fast schon ein Sport für ihn, sie so günstig wie möglich zu ergattern. Ständig hing er im Netz, auf der Jagd nach irgendwas.

»Die Bohrmaschine hatte bestimmt schon etliche Jahre auf dem Buckel«, vermutete ich.

Mike nickte. Doch er schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein.

»Du musst zum Arzt.«

»Quatsch.«

»Bitte, Mike! Du musst dich untersuchen lassen.«

»Mir geht’s wieder gut.«

Gut? So kläglich, wie er da hockte?

»So ein Unfall kann Folgeschäden haben.«

»Ich brauch nur ein bisschen Zeit, Jette. Sobald mir irgendwas komisch vorkommt, geh ich zum Arzt, versprochen.«

Ich rappelte mich auf und zupfte mir ein knisterndes Ahornblatt vom Rock. Wenn das so weiterging, würde der Herbst dieses Jahr schon im Sommer stattfinden.

»Komm.« Ich streckte die Hand aus.

»Nee, lass mal.« Mike schüttelte unmerklich den Kopf. »Ich brauch noch einen Moment.«

Er hatte offenbar nach wie vor Schmerzen, und der Schock saß tiefer, als er mir oder sich selbst eingestand.

Ich sammelte meine Unterlagen auf und trug sie zum Tisch. Gut, dass ich mir vorgenommen hatte, heute Morgen zu Hause zu arbeiten. Ich würde ein Auge auf Mike haben.

Doch es gelang mir nur schwer, mich auf den Prüfungsstoff zu konzentrieren. Auch nachdem Mike die Bohrmaschine mit ins Haus genommen hatte und etwa eine Stunde später zur Müllkippe aufbrach, ließ sich das Gefühl nicht vertreiben, das sich in mir eingenistet hatte:

Etwas an der Sache stimmte nicht.

Georg war froh, dass er für die Arbeit in der Gärtnerei eingeteilt war. Nicht, dass er viel über Pflanzen und ihre Bedürfnisse gewusst hätte, aber er hatte sein Geld lange genug als Erntehelfer verdient, um ein beachtliches Durchhaltevermögen zu entwickeln, das ihm hier zugutekam.

All die Jahre, in denen er als Saisonarbeiter durch Deutschland gereist war, hatten ihn stark und widerstandsfähig gemacht. Es konnte stürmen und regnen, es konnte so neblig sein, dass man die Hand vor Augen kaum sah, der Himmel konnte vor Hitze flirren – ihn kümmerte das nicht.

Er tat seine Arbeit mit der Präzision eines Uhrwerks.

Auch an den Umgang mit ständig wechselnden Kollegen und Kolleginnen war er gewöhnt. Wenn er die Augen schloss, sah er die Erdbeerpflücker seiner letzten Saison auf dem weiten Grün der Felder. Ihre Rufe glitten über die endlosen Pflanzenreihen wie Wolkenschatten.

Polen. Rumänen. Deutsche. Der Zufall führte sie zusammen und trennte sie wieder. Als würde ein Gott sie wie Würfel in einem riesigen Becher schütteln und willkürlich irgendwo auskippen.

Georg hatte sie sich vom Leib gehalten. Nie hatte er mit ihnen die Unterkünfte der Bauern geteilt, die für das Zusammenleben etlicher Menschen auf engem Raum eingerichtet waren und keinerlei Annehmlichkeit boten.

Nur Enge, Aggression und Überdruss.

Bei jeder neuen Arbeit hatte er sich ein günstiges Zimmer in einer Pension oder einem kleinen Hotel gemietet, wo er seine Ruhe hatte und vor neugierigen Blicken sicher war.

Auch vor den Frauen, die anfangs noch versuchten, ihn anzumachen, auf eine billige, widerwärtige Art und Weise, die bei ihm Übelkeit erregte.

Und Wut.

Diese Wut begleitete ihn schon sein Leben lang. Sie strömte ihm aus sämtlichen Poren. Oft musste er den Blick gesenkt halten, damit sie nicht in ihm explodierte und ihn Dinge tun ließ, die er nicht kontrollieren konnte.

Niemand durfte ihm zu nahe kommen.

Nur einen ließ er jeweils an sich heran. Jedes Mal nur einen einzigen Kollegen. Er machte ihn von sich abhängig, bis er bereit war, Handlangerdienste für ihn zu erledigen, ihm jeden Gefallen zu tun und im Notfall die Kohlen für ihn aus dem Feuer zu holen.

Beim letzten Mal war es Malle gewesen.

Malle Klestof.

Einer, der seine Ohren überall hatte. Der gutmütig und bösartig zugleich sein konnte, gefährlich sogar, wenn er getrunken hatte, und er trank viel. Malle mit seinem undefinierbaren Akzent und seinem meckernden Lachen, den Schaufelhänden und den Baseballkappen, die er ständig trug.

Malle, lästig wie ein Floh und dennoch wertvoll und unverzichtbar.

Und hier gab es wieder einen wie ihn. Der gleiche Typ. Einer, der nach oben buckelte und nach unten trat.

Er hieß Janus.

Der Name hatte Georg augenblicklich fasziniert.

Janus.

Der Gott mit den zwei Köpfen.

Und so war der Kerl tatsächlich. Er konnte von einem Moment auf den andern ein völlig anderes Gesicht zeigen, was ihn absolut unberechenbar machte.

Seine Stärke war sein phänomenales Organisationstalent. Er beschaffte einem alles, wirklich alles, was man brauchte, ob es sich um Alkohol, Handys oder Drogen handelte.

Das Geld, das er mit seinen krummen Geschäften verdiente, verlieh er zu horrenden Bedingungen, die von seinen Schlägern, zwei hünenhaften Typen ohne jegliche Skrupel, konsequent durchgesetzt wurden.

Janus selbst war eher schmächtig, wurde jedoch nie angegriffen.

»Die wahre Macht kommt von hier«, sagte er gern und zeigte auf seine Stirn, die von tiefen Linien gefurcht war, obwohl er die vierzig noch nicht überschritten hatte.

Janus war für Raub mit Todesfolge zu elf Jahren verurteilt worden, von denen er knapp fünf Jahre abgesessen hatte. Über seine Tat verlor er kein Wort. Alles, was Georg darüber wusste, hatten andere ihm zugetragen.

Doch Einzelheiten interessierten ihn ohnehin nicht. Das Einzige, was ihn vom ersten Tag an beschäftigt hatte, war Janus selbst und die Frage, wie er ihn für seine Zwecke gewinnen konnte.

Es war ihm nicht schwergefallen, ihn zu beeindrucken. Janus, ein zutiefst zerrissener, gehetzter Mensch, schien in Georg all das zu erkennen, was er nicht war und niemals sein würde. Er bewunderte offenbar vor allem seine Fähigkeit, andere einzuschüchtern und sie konsequent auf Abstand zu halten – ohne jemals die Hand gegen irgendwen zu erheben.

Natürlich kannten alle Georgs Geschichte, zumindest das, was darüber in den Zeitungen gestanden hatte. Der Begriff Serienmörder hatte immer noch einen bedrohlichen Klang. Das und Georgs Nähe zu Janus schützte ihn und verlieh ihm hier im Knast den Status eines Unantastbaren.

Mit Janus war es nicht viel anders gelaufen als mit all den Handlangern, die Georg zuvor an sich gebunden hatte. Nur dass Janus mehr war als ein Handlanger.

Intelligenter. Ehrgeiziger. Machtvoller.

Ein Glücksfall, auf den Georg nicht zu hoffen gewagt hätte.

Wie Malle und jeder seiner Vorgänger sehnte Janus sich nach Anerkennung. Und nach Freundschaft.

Das war der Schlüssel.

Als Dealer hatte Janus kaum ernsthafte Konkurrenz innerhalb dieser Mauern, sodass fast jeder irgendwann einmal auf seine Dienste angewiesen war, wenn er sich illegale Dinge beschaffen wollte.

Und doch verabscheute ihn jeder.

Er hatte etwas Schleimiges an sich, das Georg nur schwer definieren konnte. Es war die Art, wie er einen anschaute, immer so ein bisschen von unten herauf. Er hielt dabei den Kopf leicht zur Seite geneigt und in seinem Blick lag ein flehentliches Lauern. Als wartete er auf ein persönliches Wort, das über den Handel hinausging.

Aber es war nur Georg, der sich beim Essen neben ihn setzte. Georg, der ihn raushaute, als Janus von rivalisierenden Häftlingen reingelegt werden sollte. Georg, der ihm zuhörte, als sei er wirklich an dem interessiert, was Janus zu sagen hatte.

Janus war nicht naiv. Ihm war garantiert bewusst, dass es nicht wirkliche Freundschaft war, die ihn mit Georg verband. Doch der Spatz in der Hand war ihm lieber als die Taube auf dem Dach.

Auf diese Weise hatte sich eine für beide lohnende Zweckgemeinschaft ergeben. Jeder benötigte etwas vom andern, um in der Parallelgesellschaft des Knasts bestehen zu können.

»Ey! Keine Augen im Kopf?«

Wortlos trat Georg beiseite, um den Vollzugsbeamten vorbeizulassen. Ole Pirol. Einer von denen, mit denen man sich besser nicht anlegte. Es war nur sein Name, der komisch klang. Er selbst besaß nicht einen Funken Humor, dafür aber Aggressionen im Überfluss.

Mit Georg kam er, wie die meisten Wärter, absolut nicht klar. Er hasste und fürchtete ihn und tat alles, um das nicht zu zeigen. Im Vorbeigehen rempelte er ihn an, obwohl Platz genug für beide war, und verschwand leise fluchend im Gewächshaus.

Georg schluckte seine Wut hinunter und wandte sich wieder der Arbeit zu. Er hatte noch jede Menge zu tun und würde seine Kraft nicht an Arschlöcher wie Pirol verschwenden.

Irgendwann, dachte er, während er damit fortfuhr, die tiefroten, glänzenden Cherrytomaten zu ernten und vorsichtig in den dafür vorgesehenen Eimer zu legen, irgendwann würde seine Zeit kommen. Dann würde er sich dieses Schwein schnappen und ihm zurückzahlen, was er hier hatte einstecken müssen.

Auge um Auge. Zahn um Zahn.

Das hatte ihm seine Großmutter beigebracht, dieses bigotte Weibsstück, das ihn nicht ein einziges Mal vor den Attacken ihres sadistischen Mannes beschützt hatte. Die ihn eine erbärmliche Kindheit lang mit Bibelzitaten, Kirchenliedern und frommen Sprüchen malträtiert hatte, nachdem schon seine Mutter von ihrer Biederkeit aus dem Haus getrieben worden war.

Auge um Auge.

Zahn um Zahn.

Erst jetzt merkte Georg, dass er die eben gepflückten Tomaten in der Hand zerquetscht hatte. Rasch sah er sich um.

Keiner in der Nähe. Niemand hatte es bemerkt.

Er duckte sich tiefer über den Tomatenstock und stopfte sich den Brei in den Mund.

Der heiße Sommer tat den Früchten gut. Sie schmeckten warm und süß, beinah so süß wie die Erdbeeren des Sommers vor drei Jahren.

Hör auf!

Er durfte nicht daran denken. Nicht jetzt. Nicht hier, wo ihn jeder beobachten konnte. Er musste die Kontrolle behalten. Davon hing alles ab. Alles …

Er musste diesen Vormittag überstehen. Dann den Nachmittag.

Und schließlich die Nacht.

Immer und immer wieder aufs Neue. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Durchhalten. Nicht schwach werden. Er musste stark sein für das, was sein einziger Grund zum Weiterleben war.

*

Bei den Unterlagen, die Isa mir mit nach Hause gegeben hatte, war auch ein Vortrag, den ich gegenlesen sollte. Sie wollte ihn auf einem Kongress zum Thema »Psychopathie und Dissoziale Persönlichkeitsstörung« halten. Ich war enorm stolz darauf, dass sie mir zutraute, ihn überhaupt zu verstehen.

Es ging das Gerücht um, Isa werde über kurz oder lang den Polizeidienst verlassen und auf die wissenschaftliche Seite wechseln. Niemand sprach es offen aus, doch hinter vorgehaltener Hand wurde getuschelt.

Dieser Gedanke raubte mir ein bisschen die Vorfreude auf ihren Vortrag. Doch nachdem ich angefangen hatte zu lesen, war von Vorfreude sowieso nichts mehr zu spüren. Ich musste mich zusammenreißen, um die Mappe nicht einfach zuzuklappen, meine Laufschuhe anzuziehen, um mich zwischen den Feldern auszupowern.

Charmant. Gefühlskalt. Gewissenlos. Manipulativ. Egozentrisch.

Mangel an Reue oder Schuldbewusstsein.

Diese Wesenszüge waren mir nur allzu vertraut.

Es gelang mir nicht, mich zu konzentrieren, weil ich vollauf damit zu tun hatte, die Flashbacks abzuwehren, die mich in meine Zeit mit Gorg zurückkatapultierten.

Vielmehr Georg, wie er eigentlich hieß.

Er hatte mich von Anfang an in allem belogen. Nicht mal seinen richtigen Namen hatte er mir genannt. Ich hatte mich nicht in einen Mann aus Fleisch und Blut verliebt, sondern in ein Phantom.

geb dir

mein lachen

meine tränen

was du willst

du kannst es haben

gedanken

träume

mein ich

bedien dich

geliebter

hier ist mein leben

für dich

Die Gedichte, die Caro geschrieben hatte, waren unauslöschlich in meinem Gedächtnis gespeichert. Es haute mich um, wie klar sie ihren Mörder gesehen hatte, ohne ihn zu erkennen.

Genau wie ich. Später.

Dissoziale oder antisoziale Persönlichkeit.

Als würde das irgendwas erklären.

Sein böses Schweigen, wenn ich ihn verärgert hatte. Die Geschicklichkeit, mit der er mir meine Geheimnisse entlockte. Wie er selbst jedoch seine Vergangenheit vor mir versteckte. Mich von meinen Freunden fernhielt. Einen undurchdringlichen Kokon um uns spann.

Und ich hatte es nicht bemerkt.

Ich rief Mike an.

»Ja?«

Seine Stimme klang am Telefon immer leicht abweisend. Als hätte man ihn bei etwas äußerst Wichtigem gestört.

»Geht es dir gut?«

»Jaaa, Mama.«

Seine schlaksige Sorglosigkeit konnte einen wirklich nerven.

»Sei doch bitte mal ernst, Mike.«

Sofort veränderte sich seine Stimme und wurde ganz weich.

»Alles okay, Jette, ehrlich. Mir geht’s prima. Ich räume in aller Ruhe den Anhänger leer und komme dann ganz gemütlich zurückgetuckert.« Ich konnte sein jungenhaftes Lächeln spüren. »Und wenn du irgendwas vorhast, dann bleib bloß nicht zu Hause sitzen, um auf mich zu warten.«

Fünf Minuten später stürmte ich über die Felder. Zum Joggen war es eigentlich viel zu heiß, doch ich empfand sogar den Schweiß, der mir übers Gesicht lief, als befreiend.

Ich spürte mich. Jetzt. Hier. Und endlich wurde mein Kopf leer und leicht. Bis ich nur noch Körper und Bewegung war.

Das Licht lag wie ein Versprechen auf den Wiesen und Feldern und es glitzerte verheißungsvoll in den Kronen der Bäume. Ich entschied mich für die große Runde, denn ich hatte Sehnsucht nach dem Wäldchen und seinem kühlen Schatten.

Mike war offenbar wirklich wieder okay. Seine Stimme hatte ganz stabil geklungen. Ich beschleunigte meine Schritte und hörte meinem Atem zu. Es gab keinen Grund, mir Sorgen zu machen.

Keinengrundkeinengrundkeinengrund, hämmerte ich mir im Takt meiner Schritte ein. Keinenkeinenkeinengrund.

Probleme konnte man auch herbeireden.

*

Heute waren Merle und Robbie allein im Tierheim. Zu zweit brauchten sie wesentlich länger, um die Gehege zu reinigen und die Tiere mit Futter und frischem Wasser zu versorgen. Als sie endlich damit fertig waren, hatten sie deshalb nur für einen schnellen Kaffee Zeit.

Ein am Vortag abgegebener Wurf wilder Jungkatzen musste untersucht werden. Außerdem bereitete ihnen einer der Hunde Kummer. Er hatte sich offenbar irgendetwas eingefangen, denn er lag seit dem vergangenen Abend apathisch in der Ecke und verweigerte die Nahrung.

Es hatte sich vieles verändert.

Merles bisherige Chefin hatte die beneidenswerte Chance erhalten, in Thüringen ein neues Tierheim aufzubauen. Sie war vom ersten Schritt an in die Planung eingebunden und hatte zunächst einmal die Leitung des alten Heims vor Ort übernommen, das schließlich in dem neuen, mit viel Geld privater Sponsoren errichteten aufgehen würde.

Die Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger erwies sich als schwierig und so war Merle mit der kommissarischen Leitung beauftragt worden. Das war nur möglich, weil das Albert-Schweitzer-Tierheim relativ klein und überschaubar war, sich hauptsächlich privat finanzierte und über zwei, drei Gönner freuen konnte.

»Du musst das weitermachen«, sagte Robbie zum wohl tausendsten Mal und schob die Zeitschriftenstapel auf dem großen Tisch auseinander, damit die Kaffeetassen dazwischen Platz fanden. »You’re really the best for this job.«

Er stammte aus Yorkshire und war der Liebe wegen für ein Jahr nach Deutschland gekommen. Die hatte zwar nicht gehalten, doch dann hatte er sich in Ann verliebt. Und war geblieben. Beide lebten mittlerweile zusammen, ein eingespieltes Team, nicht nur bei der Arbeit.

Merle wagte nicht, daran zu denken, dass sie eines Tages weiterziehen könnten, um ein Studium oder eine Berufsausbildung zu beginnen. Das Tierheim war von Anfang an lediglich als Zwischenstation gedacht gewesen und bot keine wirkliche Perspektive für ihre Zukunft.

Sie holte die Milch aus dem Kühlschrank und dachte wehmütig daran, dass Frau Donkas sich im fernen Thüringen bestimmt eine richtige Spülküche einrichten würde.

»Ich bin nicht der Typ für so was«, murmelte sie.

Jetzt erst hatte sie gemerkt, was Frau Donkas alles geleistet hatte, ohne es an die große Glocke zu hängen.

»Du bist exactly der Typ!« Robbie sprach ausgezeichnet Deutsch, verfiel jedoch immer mal wieder kurz in seine Muttersprache oder verzwirbelte den einen oder anderen Satz. »Und du hast ja auch noch Ann und mich.«

Ann war unterwegs, um die Supermärkte der Umgebung nach Futterspenden abzugrasen. Sie eignete sich am besten dafür, denn sie hatte ein echtes Talent, den Leuten den letzten Euro aus der Tasche zu ziehen. Sie brauchte einen Filialleiter nur anzulächeln, dann legte er zusätzlich noch ein paar Tüten Trockenfutter drauf.

Ihr Charme verfing auch bei Frauen. Ann war ein Mensch, dem man schlecht einen Wunsch abschlagen konnte, und wenn sie das Elend der Tiere in düstersten Farben schilderte, trieb es jedem die Tränen in die Augen.

»Bisher konnten wir alle so schön auf die Donkas sauer sein. Jetzt habt ihr nur noch mich, über die ihr euch aufregen könnt«, sagte Merle.

»Aber dich lieben wir.«

Merle lächelte. Frau Donkas war wirklich nicht der Mensch, dem die Sympathien zuflogen, aber sie gab alles für die Tiere und opferte dieser Aufgabe sogar ihr Privatleben.

Dazu wäre sie selbst nicht fähig. Da waren ihre Freunde. Da war die Tierschutzgruppe, für die sie weiterhin die Aktionen plante. Und da war Claudio, der ständig beleidigt war, weil sie kaum noch Zeit fand, in seinem Pizzaservice auszuhelfen.

Während sie ihren Kaffee tranken, legten sie die nächsten Schritte des Tages fest. Merle würde dem Tierarzt zur Hand gehen, während Robbie im Büro die Stellung hielt. Sie erwarteten eine Lieferung von Regalen, die Möbel Braucker gespendet hatte. Wenn es einigermaßen ruhig blieb, wollte Robbie sie gleich im Katzenhaus aufbauen.

Der Himmel war von einem milchigen Weiß überzogen, hinter dem die Sonne bereits ihre Kraft entfaltete. Noch war ein wenig von der Kühle der Nacht spürbar, doch sie verlor sich von Minute zu Minute mehr.

»Okay.« Merle warf einen Blick auf die hässliche, aber zuverlässige Plastikuhr an der Wand, das Werbegeschenk einer Firma, die Tierspielzeug vertrieb. »Dann wollen wir mal.«

Sie schob den Stuhl zurück, trug ihre Tasse zur Spüle und trat in den dunstigen Morgen hinaus. Noch hielten sich die meisten Hunde in den Außengehegen auf, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis sie sich drinnen verkrochen.

Selbst den Katzen wurde die Hitze allmählich zu viel. Sie zogen sich zurück in die Räume des Katzenhauses, in denen es sich gut aushalten ließ, weil die dicken Mauern des alten Gebäudes wie eine natürliche Klimaanlage wirkten.

Die Tiere waren entspannt. Bis zum Nachmittag blieb das Tierheim geschlossen, erst am Nachmittag wurde für Besucher geöffnet.

Manche der Tiere reagierten gestresst, wenn die Leute an den Gehegen entlangspazierten und sie prüfend musterten. Andere schienen erfreut, dass endlich was los war. Und einige wenige spürten offenbar ganz genau, dass es hier um ihre Zukunft ging.

Besuche waren immer mit Aufregung verbunden.

Merle betrat den Auffangraum der Katzenstation, in dem neu eingetroffene Tiere untergebracht wurden, bis der Tierarzt sie untersucht und für gesund befunden hatte. Die wilden Katzenjungen waren satt und zufrieden. Aneinandergekuschelt schliefen sie in einer weich ausgekleideten Transportbox.

Was sich änderte, sobald sie Merle bemerkten.

Ihr Fell sträubte sich. Sie fauchten und spuckten und drückten sich zitternd aneinander.

Merle redete ihnen beruhigend zu, während sie die Oberfläche des Untersuchungstisches noch einmal desinfizierte, damit der Arzt keinen Grund zur Beanstandung fand.

Die Ärztin, die das Tierheim bisher betreut hatte, war zu ihrem Freund gezogen und hatte eine Praxis in Oberhausen übernommen. Ihr Nachfolger war Geschmackssache. Im Prinzip ein wortkarger Typ, neigte er dennoch dazu herumzupoltern, wenn ihm etwas nicht passte.

Allerdings, und das war die Hauptsache, war er ein Tierflüsterer.

Der aggressivste Hund verhielt sich wie ein Lamm, sobald er in der Nähe war. Die ängstlichste Katze wagte sich freiwillig aus ihrem Versteck hervor. Die Meerschweinchen und Kaninchen liebten ihn heiß und innig.

Merle war gespannt, wie die jungen Katzen auf ihn reagieren würden.

Sie beschloss, noch einmal nach dem kranken Hund zu sehen. Sie hatten ihn an der Autobahn eingefangen, wo er verwirrt und ausgehungert umhergeirrt war. Niemand schien ihn zu vermissen. Wahrscheinlich hatte man ihn ausgesetzt.

Er lag da und schlug kraftlos mit dem Schwanz, als Merle sich über ihn beugte. Sie hatten ihn in einem Einzelgehege untergebracht, damit er ein wenig Ruhe fand und andere nicht anstecken konnte. Seine Augen waren trübe. Die Nase fühlte sich heiß und trocken an.

Als Merle den Wagen des Tierarztes hörte, ging sie ihm erleichtert entgegen.

Dr. Kappke stieg aus und hob den Arztkoffer aus dem Wagen. Nachdem er Merle eher beiläufig die Hand geschüttelt hatte, erkundigte er sich nach den Symptomen des Hundes. Er quittierte Merles Aufzählung mit einem knappen Nicken. Den Rest des kurzen Wegs legten sie schweigend zurück.

Merle fühlte sich unwohl. Die pedantische Genauigkeit, mit der Dr. Kappke jede Einzelheit zu registrieren schien, entging ihr nicht.

Als hakte er eine Liste ab.

Baulicher Zustand der Gebäude: mangelhaft. Sauberkeit: mangelhaft. Engagement der Mitarbeiter: ungenügend.

»Er ist ein Fundhund und noch ziemlich ängstlich«, unterbrach sie das Schweigen, ohne eine Antwort darauf zu bekommen.

Sobald der Arzt das Gehege betreten hatte, wurde aus ihm ein anderer Mensch. Seine gesamte Aufmerksamkeit war auf das Tier gerichtet. Alles andere blendete er aus. Das war bei jeder Untersuchung so. Merles Anwesenheit würde er erst dann wieder zur Kenntnis nehmen, wenn er ihre Hilfe benötigte.

»Na, mein Alter? Wie geht es dir?«

Der Hund hob mühsam den Kopf und ließ ihn ermattet wieder sinken.

»So schlecht? Dann will ich mal sehen, wie ich dir helfen kann.«

Er hörte und tastete ihn ab, kontrollierte Augen, Ohren und Nase, warf einen Blick auf die kräftigen weißen Zähne und das rosige Zahnfleisch und maß die Temperatur. Das alles tat er mit großer Behutsamkeit, während er dem Hund immer wieder beruhigend über den großen Kopf strich.

Schließlich zog er eine Spritze auf, die der Hund mit einem nur leichten Zucken über sich ergehen ließ.

Dr. Kappke teilte Merle mit, dass er von einem Magen-Darm-Virus ausgehe, der Hund davon abgesehen aber kerngesund sei. Mit der Spritze habe er ein Langzeitantibiotikum verabreicht, das das Fieber rasch senken werde.

Kurz und bündig.

Fasziniert beobachtete Merle wenig später, wie die kleinen Katzen bloß halbherzig fauchten, als der Arzt sie eine nach der andern aus der Box hob. Ausnahmslos unterlagen sie seinem gut versteckten Charme und ließen sich zwar widerstrebend, aber ohne nennenswerte Gegenwehr untersuchen.

Der Mann war ein Phänomen.

Er schätzte das Alter der Tiere auf circa acht Wochen, entflohte und entwurmte sie und besprach mit Merle das weitere Vorgehen. Im nächsten Moment saß er wieder in seinem Auto und brauste davon.

Merle wusste nicht, ob sie jemals Zugang zu ihm finden würde, aber jemand, der den Tieren so guttat, hatte es verdient, dass sie es zumindest versuchte.

Bevor sie ins Büro zurückging, um Robbie abzulösen, machte sie einen Schlenker zur Scheune, die komplett ausgeräumt werden musste, damit die Handwerker sie in der kommenden Woche renovieren konnten.

Die an einigen Stellen brüchige Holzkonstruktion des Heubodens sollte verstärkt, das Holz mit einem speziellen Öl behandelt werden. Außerdem war das Dach an manchen Stellen undicht und der Wind pfiff durch sämtliche Ritzen.

Der Termin stand fest, doch sie wussten noch immer nicht, wohin mit all dem Krempel, der sich hier türmte.

Es waren hauptsächlich Dinge, die nach wie vor in Gebrauch waren. Transportkörbe. Anhänger in unterschiedlichen Größen. Zusammengelegte Marktstände für die hier regelmäßig stattfindenden Feste und Trödelmärkte. Etliche Säcke mit Katzenstreu und Trockenfutter. Baumaterialien, die von früheren Arbeiten übrig geblieben waren.

Und jede Menge Kram, der nicht gesichtet werden konnte, bevor man nicht das Zeug wegräumte, das den Weg dorthin versperrte.

Merle drückte auf den Schalter, der das mächtige Rolltor knarrend und knirschend hochfahren ließ, und betrat die Scheune.

Der Morgen war so hell, dass sie kein Licht machen musste. Es roch nach Hitze und Staub. Eine Wespe surrte herein. Ihr Flug war taumelig, als wäre schon Spätsommer, und eigentlich stimmte das ja auch. Die lange Hitzewelle mit ihrer ungewöhnlichen Trockenheit hatte der Natur schwer zugesetzt und die Jahreszeiten verschoben.

Sie würden einen Teil dessen, was sich hier angesammelt hatte, auf die Kellerräume verteilen und den Rest einfach nach draußen stellen. Regen war auf lange Zeit nicht in Sicht. So war die gefährliche Dürre wenigstens für etwas gut.

Als Merle die Scheune gerade wieder verlassen wollte, meldete sich ihr Handy.

Robbie.

Das Tierheimgelände war zu weitläufig, um für jeden Handgriff hin und her zu rennen. Deshalb hatten sie sich angewöhnt, miteinander zu telefonieren, wenn es etwas zu besprechen gab.

Merle war im Begriff, den Anruf entgegenzunehmen, als sie eine dunkle, mächtige Bewegung über sich spürte und gleichzeitig ein Geräusch hörte, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Im nächsten Moment machte sie einen Satz ins Freie.

Sie saß noch auf dem staubigen Boden und rieb sich die Schulter, die sie sich bei dem Sturz geprellt haben musste, da fiel Robbies Schatten auf ihr Gesicht.

»What the fuck …« Sein entsetzter Blick tastete ihr Gesicht ab. »Was ist passiert?«

Das hätte Merle auch gern gewusst. Sie starrte das Rolltor an, das mit voller Wucht heruntergerasselt war.

»Das Tor«, stammelte sie. »Es hat mich fast erschlagen.«

»Scheißtechnik!« Robbie nahm sie bei der Hand und zog sie auf die Füße. »Das kommt davon, wenn man an allem sparen muss.«

Auf wackligen Beinen kehrte Merle ins Büro zurück und setzte sich hin.

Erst jetzt fing sie an zu zittern.

Manchmal überkam ihn das Bedürfnis, blind um sich zu schlagen, mit solcher Wucht, dass es ihn eine ungeheure Kraft kostete, sich zu beherrschen. Er konnte den Anblick der vergitterten Fenster nicht länger ertragen, nicht den der hohen Mauern oder den der schweren Zellentüren.

Zwar hatte er das Glück, in einem sogenannten sozialtherapeutischen Knast einzusitzen, in dem die Häftlinge sich tagsüber frei bewegen durften. Doch am Abend wurden die Türen auch hier verschlossen.

Und die Nächte dehnten sich mit ungebremster Grausamkeit aus.

Hätte Georg an einen Gott geglaubt, hätte er ihm auf Knien dafür gedankt, dass die Inhaftierten in Einzelzellen untergebracht waren. Das war überlebensnotwendig für ihn, der die Gegenwart anderer Menschen kaum ertrug. Schlimm genug, dass er sie tagsüber in seiner Nähe dulden musste.

Eine grauenvolle Vorstellung, nachts bei seinen Albträumen belauscht zu werden! Wenn sich herumspräche, was in seinem Kopf vor sich ging – die Mithäftlinge würden ihm die Hölle auf Erden bereiten.

Hierher schickte man hauptsächlich die harten Fälle. Vergewaltiger, Totschläger und Mörder. Wiederholungstäter. Unverbesserliche, die man dennoch zu bessern versuchte.

Bessern.

Was wollten sie denn bessern? Den Abschaum, der hinter diesen Mauern gestrandet war? All die gestörten Typen, die im Knast genauso weitermachten wie in der Vergangenheit?

Räuber? Dealer? Erpresser? Zuhälter?

Und was war mit ihm selbst?

Was wollten sie da bessern?

Seine Sehnsüchte? Seine Hoffnungen?

Die ganze verdammte Welt, mit der er sich im Clinch befand?

Er hatte für seine Taten bezahlt. Er hatte mit der furchtbaren Trauer um jedes Mädchen bezahlt, das er getötet hatte. Die ihm niemand glaubte, auch die Therapeutin nicht, die ihm in unzähligen Gruppen- und Einzelstunden auf die Pelle rückte.

Ausgerechnet eine Frau.

Eine ziemlich junge noch dazu. Sah aus wie frisch von der Uni. Um die dreißig, aber vom Leben keinen Plan.

Okay. Sollte sie nur immer wieder versuchen, seinen Panzer zu knacken. Es würde ihr nicht gelingen, in hundert Jahren nicht.

Es war ihr Job. Ihre Aufgabe in diesem Vorzeigeknast, auf den die Gutmenschen da draußen so stolz waren. Doch weder sie noch irgendwer oder irgendwas sonst würde zu ihm vordringen.

Er hatte zu lange daran gearbeitet, sein Innerstes zu verbergen, um es jetzt vor aller Welt preiszugeben.

Aus gutem Grund. Denn jedes Mal, wenn er sich in der Vergangenheit am Ziel geglaubt und einer Frau sein Herz geöffnet hatte, war er von ihr verraten worden.

Er hatte nichts als Liebe gewollt und sie hatten seine Gefühle in den Schmutz getreten. Das würde ihm nie wieder passieren.

Sie hatten ihren Tod verdient.

Alle.

*

Als ich in unsere Straße bog, war ich schweißgebadet. Das völlig durchweichte T-Shirt flappte mir an Rücken und Bauch. Ich hatte ein ziemliches Tempo vorgelegt und spürte meine Beine nicht mehr, als unser Bauernhof endlich in Sicht kam.

Die Wasserflasche war längst leer, und die Zunge klebte mir am Gaumen, sodass mein erster Weg mich in die Küche und zur Spüle führte. Ich hielt ein Glas unter den Wasserhahn, trank es in einem Zug aus und goss mir ein zweites ein.

Als mein Durst gestillt war, rief ich nach Mike, und als ich keine Antwort bekam, ging ich zu seiner Werkstatt. Mein nasses T-Shirt kühlte ab und schickte mir unangenehme Schauer über den Rücken.

Die Ruhe und vor allem das Fehlen von Musik verrieten mir, dass Mike nicht zu Hause war. Wahrscheinlich war er wieder zur Müllkippe gefahren, um eine weitere Fuhre Abfall zu entsorgen.

Er hatte ganze Arbeit geleistet. Die Schönheit des großen Raums war endlich wieder zu erkennen, weil nicht mehr so viel Zeug herumstand und die Sicht verbaute.

Ich öffnete die Tür zu Lukes Zimmer, das durch das Einziehen einer Trennwand im zweiten Stall entstanden war. Auf der Schwelle blieb ich stehen.

Luke sagte immer, er liebe Ordnung und klare Strukturen, und das erkannte man auf den ersten Blick. In diesem Raum war nichts zu viel. Er war sparsam und schlicht eingerichtet, ohne Schnörkel und Firlefanz. Die Bücher standen sorgsam aufgereiht im Regal, nichts lag herum, nicht mal ein Kugelschreiber oder ein Päckchen Kaugummi oder was sonst in Zimmern so zu finden ist.

Ich verstand inzwischen, dass Luke die äußere Leere brauchte, um Ruhe zu finden. Es zeigte mir einmal mehr, wie unterschiedlich Menschen waren, wie unterschiedlich wir alle in unserer WG sein durften, ohne dass wir irgendetwas erklären mussten.

Mein Abi war gut zwei Jahre her, aber erst allmählich schien ich erwachsen zu werden.

»Erwachsen«, hatte Merle mir verächtlich hingeworfen, als ich kürzlich mit ihr darüber gesprochen hatte. »Da gibt es doch wirklich bessere Ziele.«

»Reif?«, bot ich als Alternative an.

Daraufhin waren wir in Gelächter ausgebrochen und hatten das Thema nicht mehr berührt.

Ich ging ins Bad, streifte die nassen Sportklamotten ab und stellte mich unter die Dusche. Das heiße Wasser beruhigte meine Muskeln und entspannte mich. Mein Kopf, der beim Laufen angenehm leer geworden war, füllte sich zögernd wieder mit Gedanken. Ich versuchte, sie auf Isas Vortrag zu lenken.

Keinesfalls wollte ich dieses diffuse Gefühl von Bedrohung wieder hochkommen lassen.

Erst recht nicht die Erinnerungen, die mich auf die Felder getrieben hatten.

Es funktionierte so halbwegs. Ich trocknete mich ab und schlüpfte in eine bequeme weiße Leinenhose und mein rotes Lieblings-T-Shirt. Barfuß kehrte ich in die Küche zurück, um mir ein Brot zu schmieren, als mein Smartphone sich meldete.

»Stell dir vor, was mir passiert ist«, erzählte Merle mit einem komischen Lachen in der Stimme. »Mich hätte es fast erwischt.«

Ab und zu kam es vor, dass eine Katze die Krallen ausfuhr oder einer der Hunde zuschnappte. Tierheimmitarbeiter müssen hart im Nehmen sein.

»Eins der neuen Tiere?«, fragte ich.

»Nee. Ich wär fast von unserm Scheunentor erschlagen worden.«

Sie fing an zu erzählen und mit der Entspannung war es vorbei.

Eilig packte ich meine Tasche und setzte mich in meinen Peugeot. Obwohl das Bilderbuchwetter förmlich nach einer Fahrt mit offenem Verdeck schrie, verzichtete ich darauf. Wenn ich mich beeilte, konnte ich noch einen Abstecher ins Tierheim machen, bevor ich zur Polizei fuhr, um mich um meinen Nebenjob zu kümmern.

Der Weg war mir so vertraut, dass ich ihn im Schlaf gefunden hätte. Oft wusste ich am Ziel kaum noch, wie ich überhaupt dorthin gelangt war. Als wäre ich in Trance gefahren. Keine Erinnerungen an Situationen, Gebäude, Fahrzeuge, Menschen. Nichts.

Auch diesmal war es so. Auf einmal tauchte das Tierheim vor mir auf, und ich wunderte mich fast darüber, dass ich schon angekommen war.

Robbie machte mir das Gittertor auf und verschloss es wieder. Noch war keine Besuchszeit.

Die wenigen Hunde, die in den aufgeheizten Außengehegen gedöst hatten, veranstalteten das übliche Begrüßungsspektakel, worauf auch die andern herausgeschossen kamen.

Die meisten kannten mich und ich kannte sie. Doch heute war keine Zeit, um sie anständig zu begrüßen. Ich hörte Robbie zu, der mir genau berichtete, was vorgefallen war.

»Und dann ist – WHAM – das Rolltor runtergekracht.« Er überschlug sich beim Sprechen beinahe. »We’re still shocked.«

»Und Merle ist wirklich nichts passiert?«

»Nichts.« Er schüttelte zur Bekräftigung den Kopf. »Sie hat ein Riesenglück gehabt.«

Merle saß vor ihrem überladenen Schreibtisch am PC, als wär nichts gewesen.

»Da hab ich schon ganz andere Sachen erlebt«, begrüßte sie mich beiläufig, tippte seelenruhig den Satz zu Ende, den sie gerade schrieb, und lehnte sich dann in dem schäbigen Schreibtischsessel zurück, gespendet von irgendwem, wie vieles hier. »Hast du Durst?«

Vielleicht war sie noch ein bisschen blass um die Nase, aber sie tat alles, um mich davon abzulenken.

»Wie geht es dir?« Ich hatte nicht vor, mich von ihrer Guck-mal-wie-tough-ich-bin-Einlage hinters Licht führen zu lassen. »Bist du verletzt?«

»Nicht der Rede wert«, wiegelte sie ab. »Deswegen hättest du nicht herkommen müssen.« Sie sah mir forschend in die Augen. »Aber … das ist nicht der einzige Grund dafür, dass du hier bist, stimmt’s?«

»Mike hatte heute Morgen auch einen Unfall«, fiel ich mit der Tür ins Haus, statt die beiden schonend auf die Mitteilung vorzubereiten.

Meine Worte schlugen ein wie eine Bombe. Sekundenlang war es so still, dass wir die Fliege hörten, die irgendwo hinten beim Regal umhersummte.

Merle, die sich schon halb von ihrem Sessel erhoben hatte, hielt mitten in der Bewegung inne, die Hände auf die Armlehnen gestützt, den Oberkörper über die Tastatur gebeugt.

»Was?«

»Stromschlag.« Ich setzte mich auf den einzigen Stuhl am Besprechungstisch, der nicht mit irgendwelchem Zeug vollgepackt war. »Es geht ihm aber wieder gut«, fügte ich schnell hinzu.

»Stromschlag?« Robbie war gerade dabei gewesen, sich einen Stuhl freizuräumen. Er stockte, bevor er den Stapel alter Zeitungen, den er aufgenommen hatte, zu dem übrigen Chaos auf den Tisch wuchtete. »Mike?«

Merle ließ sich wieder auf den Schreibtischsessel sinken und rollte zu uns an den Tisch. Ich sah jetzt, dass ihre Jeans und die Bluse schmutzig waren, offenbar von dem Sturz, mit dem sie sich gerettet hatte. An ihrem linken Handgelenk klebte ein Pflaster, bei dem das Blut durchgesickert war.

»Ich hab ihm hundert Mal gesagt, er soll sich vernünftiges Werkzeug anschaffen«, wetterte sie. »Und was macht er? Jagt Schnäppchen auf Flohmärkten und lässt sich von windigen Onlinehändlern übers Ohr hauen.«

»Nicht alle Onlinehändler sind …«

»Weiß ich, Robbie! Aber hast du mal einen Blick auf Mikes Elektrosägen, die Schleif- und Bohrmaschinen und den ganzen anderen Kram in seiner Werkstatt geworfen?«

»Das nicht …«

»Mike ist ein Tüftler, und er hat den bescheuerten Ehrgeiz, immer alles wieder hinzukriegen. Der kauft sogar kaputte Sachen. Und bingo! Das kommt dabei raus. Er ist so ein verdammter …«

Bevor sie sich in Rage reden konnte, wie es ihre Art war, wenn sie sich richtig aufregte, fasste ich sie am Arm.

»Was?«, fuhr sie mich an.

»Ihr hattet beide einen Unfall«, erinnerte ich sie.

»Was soll das denn jetzt?« Genervt sah sie mich an. »Wieso lenkst du immer ab, sobald ich bei Mike mal den Finger auf die Wun…«

»BEIDE, Merle. Mike und du.«

»Fuck!« Robbie hatte sofort verstanden. »Ein irrer Zufall.«

»Zufall? Das glaubst du wirklich?«

»Was denn sonst?« Merle schickte einen gereizten Blick an die Decke. »Schicksal etwa?«

Robbie ging zum Kühlschrank und spendierte eine Runde eisgekühlter Fruchtsmoothies, nach denen er neuerdings süchtig war. Ich erwischte Erdbeer-Rhabarber und merkte erst jetzt, wie ausgedörrt meine Kehle war.

»Und wenn es gar keine Unfälle gewesen sind?« Ich leckte mir den Saft von den Lippen, schraubte die Flasche wieder zu und stellte sie auf einem Stapel Tierheimprospekte ab. »Wenn jemand sie inszeniert hat?«

»Hör auf!« Merle warf die Hände in die Luft. »Du bist so eine Dramaqueen, Jette. Die Tierheimgebäude sind über hundert Jahre alt und das Rolltor ist auch nicht wesentlich jünger. Da kann immer mal was passieren.«

»Und es ist ja auch glimpflich davongegangen«, sekundierte Robbie und widmete sich wieder seinem Banane-irgendwas-Smoothie.

»Abgegangen«, korrigierte ihn Merle.

Ihre Gleichgültigkeit brachte mich auf die Palme. Sahen sie denn wirklich nicht, dass meine Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen waren?

»Merle«, versuchte ich es noch einmal, »ich verstehe ja, dass der Schreck noch zu tief sitzt, um über diesen eigenartigen Unfall nachzudenken …«

Sie schraubte ihre Flasche auf, grinste mich entwaffnend an und prostete mir zu. »Seit du bei den Bullen arbeitest, witterst du hinter jeder Kleinigkeit ein Verbrechen, Schätzchen.«

Merle war nicht so abgebrüht, wie sie in diesem Augenblick tat. Sie meinte nur immer, sich in möglichst jeder Situation stark und unabhängig präsentieren zu müssen. Das lag wahrscheinlich an ihrer Arbeit für den Tierschutz. Mit Samthandschuhen und Sensibilität gewann man im Kampf gegen Massentierhaltung, Tierversuche und jegliche Art von Tierquälerei keinen Blumentopf.

Trotzdem verletzte mich ihre Kaltschnäuzigkeit.

Wir hatten gemeinsam so viele Gefahren überstanden, verließen uns in jeder Lage blind aufeinander, da konnte sie doch nicht ernsthaft an meinem Instinkt zweifeln.

Tut sie auch gar nicht, kam es mir in den Kopf. Sie will die Sache nur nicht an sich heranlassen.

Ich schaute sie mir genauer an und sie wich meinem Blick aus. Es hatte keinen Sinn, sie in diesem Moment zu fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, zur Polizei zu gehen. Der Abend war ein passenderer Zeitpunkt dafür.

»Wo du mich gerade daran erinnerst«, sagte ich und schob meinen Stuhl zurück. »Ich hab noch zu tun. Die Bullen warten auf mich.«

Hoch aufgerichtet verließ ich das Büro, gefolgt von einem völlig zu Unrecht schuldbewusst wirkenden Robbie, der mich mit einer Umarmung verabschiedete und dann wieder das Tor mit einem metallischen Scheppern hinter mir schloss.

Es war Mittag, wie ich am Schlag der nahen Kirchturmuhr hören konnte.

Mittag.

Und ich hatte noch nichts zustande gebracht. Weder für meinen Job noch für die Klausuren, die sich unweigerlich näherten. Ich merkte, wie die ständig im Hintergrund lauernde Nervosität meinen Magen zusammenquetschte.

Dieser Montag war einfach nicht mein Tag. Er würde es auch nicht mehr werden. Dennoch biss ich die Zähne zusammen, setzte mich ins Auto und fuhr los. Ich wusste nicht, wann Mike zurückkommen würde, und auf gar keinen Fall wollte ich jetzt allein zu Hause sitzen. Dann lieber bei Isa im Büro, wo ich sowieso noch ein paar Sachen zu tun hatte.

Ich fuhr zu schnell, hörte zu laut Musik und konnte das Karussell meiner Gedanken doch nicht stoppen. Ein Fahrradfahrer schimpfte wild gestikulierend hinter mir her, ohne dass ich auch nur den Hauch einer Ahnung hatte, wieso.

Ich schimpfte zurück, bis er zu einem winzigen Punkt im Rückspiegel geschrumpft war.

Doch auch danach fühlte ich mich nicht besser.

*

Als Merle am Abend nach Hause kam, war sie mit den Nerven am Ende.