Die Kaiserin der Rosen - Indu Sundaresan - E-Book
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Die Kaiserin der Rosen E-Book

Indu Sundaresan

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Beschreibung

Eine Herrscherin, die dem Schicksal die Stirn bietet: Der historische Roman »Die Kaiserin der Rosen« von Indu Sundaresan jetzt als eBook bei dotbooks. Indien, 1611: Als ihr Geliebter den Thron besteigen, scheint Prinzessin Mehrunissa am Ziel ihrer Wünsche angekommen zu sein: Gemeinsam mit Jaghangir, dem neuen Kaiser des Moghulreichs, herrscht sie über ein Land, dessen Schönheit seinesgleichen sucht. Doch ihr Glück ist von kurzer Dauer – denn in den Schatten des Palastes lauern Missgunst, Hass und Verschwörung: Mehrunissas Neider und alten Feinde haben sich geschworen, niemals einer Frau zu gehorchen! Schon bald wird aus den Intrigen bei Hofe blutiger Ernst, der das gesamte Reich ins Chaos zu stürzen droht. Wird Mehrunissa über sich selbst hinauswachsen können, um den Untergang der Dynastie zu verhindern? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der packende historische Roman »Die Kaiserin der Rosen« von Indu Sundaresan – das epische Finale einer zweibändigen Historiensaga über die bekannteste Herrscherin Indiens. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über dieses Buch:

Indien, 1611: Als ihr Geliebter den Thron besteigen, scheint Prinzessin Mehrunissa am Ziel ihrer Wünsche angekommen zu sein: Gemeinsam mit Jaghangir, dem neuen Kaiser des Moghulreichs, herrscht sie über ein Land, dessen Schönheit seinesgleichen sucht. Doch ihr Glück ist von kurzer Dauer – denn in den Schatten des Palastes lauern Missgunst, Hass und Verschwörung: Mehrunissas Neider und alten Feinde haben sich geschworen, niemals einer Frau zu gehorchen! Schon bald wird aus den Intrigen bei Hofe blutiger Ernst, der das gesamte Reich ins Chaos zu stürzen droht. Wird Mehrunissa über sich selbst hinauswachsen können, um den Untergang der Dynastie zu verhindern?

Über die Autorin:

Indu Sundaresan ist eine indischstämmige Amerikanerin, die für ihre historischen Romane weltbekannt wurde. Nach einem Studium der Volkswirtschaftslehre an der University of Delaware begann sie mit dem Schreiben. Ihr Werk wurde weltweit in 23 Sprachen übersetzt, heute lebt Indu Sundaresan mit ihrer Familie in Seattle.

Bei dotbooks veröffentlichte Indu Sundaresan ihre historischen Romane:

»Die Pfauenprinzessin«

»Die Tochter des Raja«

***

eBook-Neuausgabe Juni 2021

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2003 unter dem Originaltitel »The Feast of Roses« bei Simon & Schuster, New York.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2003 by Indu Sundaresan

First published by Atria Books/Simon & Schuster, New York

Translation rights arranged by The Sandra Dijkstra Literary Agency

All Rights Reserved

Translation Copyright © 2004 by Wolfgang Krüger Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2004 Wolfgang Krüger Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock / Kzenon / Katika / Banana Republic Images / Paul shuang sowie © pixabay / Simon

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)

ISBN 978-3-96655-671-2

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Indu Sundaresan

Kaiserin der Rosen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Marion Balenhol

dotbooks.

Für meinen Mann Uday ‒ ganz einfach für alles.

Die Maske fort ‒ der Zauber wirkt ‒ Und Selim in seinem Herzen birgt Seine Nurmahal, seines Harems Licht!

Sind der Stirne Runzeln erst verronnen, der Blick an Zauber hat gewonnen; liebreizender noch ist jedes aufgehende Lächeln, hat es doch sein Licht eine Weile verloren: und, glücklicher jetzt, trotz all der Seufzer, da sie ihn wieder kann liebkosen, flüstert sie ihm lachenden Auges zu »Vergiss es nie, das Fest der Rosen.«

Thomas Moore, La Ha Rookh

Kapitel 1

»Die Natur hatte sie mit einer raschen Auffassungsgabe ausgestattet, einem scharfen Verstand, einem unbeständigen Temperament und einem gesunden Menschenverstand. Bildung hatte die Gaben der Natur in ungewöhnlicher Weise weiterentwickelt.

Sie war versiert in persischer Literatur und dichtete Verse, klar und fließend, die ihr halfen, das Herz ihres Gemahls zu betören.«

Beni Prasad, Die Geschichte Jahangirs

Juni und Juli zogen ins Land. Der Monsunregen verzögerte sich in diesem Jahr ‒ Abend für Abend erwachte die Hoffnung auf Regen, wenn die würzige Luft leichte Abkühlung mit sich brachte und am Himmel Wetterleuchten zu sehen war. Doch wenn der Morgen anbrach, ging die Sonne erneut mit unbarmherziger Kraft auf und verspottete Agra und seine Einwohner.

Die Tage krochen dahin, unerträglich heiß, sodass jeder Atemzug mühsam, jede Bewegung anstrengend war, jede Nacht schweißdurchtränkt. In Tempeln fanden Beschwörungen statt, Muezzins riefen die Gläubigen mit melodischer, flehender Stimme zum Gebet, und die Glocken der Jesuitenkirchen läuteten. Doch das war den Göttern anscheinend gleichgültig. Die Reisfelder waren umgepflügt worden und harrten der Setzlinge; dauerte es noch lange, würde der Boden wieder hart sein.

Wenige Menschen gingen schleppenden Schrittes durch die Straßen von Agra. Nur im äußersten Notfall verließen sie ihre kühlen, mit Steinfliesen ausgelegten Häuser. Selbst die sonst so wilden Straßenköter lagen hechelnd auf den Treppen und bellten nicht einmal, wenn ein vorbeilaufender Bengel sie mit einem Stein bewarf.

Auch die Bazare waren menschenleer, die Läden verschlossen, die Ladenbesitzer zu erschöpft, um mit Kunden zu feilschen. Der Handel musste warten, bis es kühler geworden war. Die ganze Stadt schien zum Stillstand gekommen zu sein.

Stille senkte sich abends über die herrschaftlichen Paläste und Höfe, kein Schritt war auf den Gängen zu hören. Sklaven und Eunuchen wedelten mit schillernden Fächern aus Pfauenfedern und wischten sich mit der anderen Hand den Schweiß vom Gesicht. Die Damen des Harems schliefen unter der immer wieder aussetzenden Brise der Fächer, Kelche mit kaltem Sorbet, gewürzt mit khus und Ingwer, standen in Reichweite. Hin und wieder brachte eine Sklavin einen frischen Kelch herein, gefüllt mit neuen Eisstücken. Wurde die Herrin wach, was des Nachts häufig geschah, stünde ihr Getränk bereit. Das Eis, das in großen Blöcken in den Bergen des Himalaja gebrochen wurde, bedeckte man mit Jutesäcken und brachte es auf Ochsenkarren in die Ebenen. Es war ein Segen für alle, für Adlige und Bürger gleichermaßen. Doch bei dieser Hitze schmolz das Eis zu schnell und verschwand in einer Pfütze aus warmem Wasser unter Sägemehl und Jute.

In den Gemächern Jahangirs schwebte Musik durch den Hof, verstummte und klang in der stillen Nachtluft wieder auf, je nachdem, wie die vom Schweiß feuchten Finger der Musikanten über die Saiten ihrer sitar glitten.

Der Innenhof hatte eine klare, quadratische Form, errichtet mit der Präzision der Mogule und Perser. Eine spitz zulaufende, mit Bögen abgetrennte Veranda lief an einer Seite entlang, die anderen waren von Bäumen und Büschen gesäumt, die in der Dunkelheit nur schemenhaft auszumachen waren. In der Mitte befand sich ein quadratischer Teich, dessen Wasser still dalag. Von der Veranda führte eine Sandsteintreppe hinunter auf eine Marmorplattform, die wie eine kleine Halbinsel in den Teich hineinragte. Zwei Gestalten lagen hier schlafend unter dem gütigen Auge des nächtlichen Himmels. Die Musik wurde von dem mit einem Wandschirm versehenen Balkon über den Bögen der Veranda herabgetragen.

Als Mehrunnisa die Augen aufschlug, blickte sie in einen Himmel voller Sterne. Er erschien ihr wie eine Zimmerdecke aus Diamanten auf schwarzem Samt. Jahangir schlief an ihrer Seite, seine Stirn ruhte auf ihrer Schulter. Sein warmer, gleichmäßiger Atem strich sanft über ihre Haut. Jahangir, der Mogulkaiser, der Beherrscher Indiens und ‒ ihr Mann! Mehrunnisa konnte das Gesicht ihres Gemahls nicht sehen, nur die Haare, die flach am Schädel anlagen. Dort, wo tagsüber der herrschaftliche Turban saß, hatte sich ein Ring eingedrückt. Unendlich sanft berührte sie sein Gesicht, ihre Finger ruhten auf seinen Wangenknochen und kreisten über sein Kinn. Ohne ihn zu wecken, spürte sie sein Gesicht, suchte die vertrauten Züge, obwohl sich ihrem Gedächtnis jede Kontur und jede Falte genauestens eingeprägt hatten. Ein Glücksgefühl durchflutete sie. Er war es, er war wirklich bei ihr. So lange hatte sie dies in ihren Träumen ersehnt. Fast wollte sie jetzt noch daran zweifeln, dass es Wirklichkeit war.

Als Mehrunnisa sich schlafen gelegt hatte, war sie allein gewesen. Sie hatte auf Jahangir gewartet und dabei im Licht einer Öllampe gelesen. Doch schon bald waren ihr die Worte vor den Augen verschwommen und sie war, erschöpft von der Hitze, über dem Buch eingeschlafen. Er musste später zu ihr gekommen sein, ihr das Buch fortgenommen und sie mit einem leichten Baumwolltuch zugedeckt haben. Ihre Finger hielten auf dem Gesicht des Herrschers inne und glitten dann auf seine Brust, um dort liegen zu bleiben.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren wachte Mehrunnisa auf, ohne Furcht oder Besorgnis zu empfinden, ohne das Gefühl, dass ihrem Leben etwas fehlte. Zum ersten Mal auch hatte sie nicht im Halbschlaf mechanisch eine Hand nach ihrer Tochter Ladli ausgestreckt. Sie wusste, dass Ladli in einem Gemach in der Nähe sicher untergebracht war. Sie wusste, ohne darüber nachzudenken, dass der Herrscher vor dem Zubettgehen bei Ladli hereingeschaut hatte, sodass er ihr, falls sie wach wurde, mitteilen konnte, dass es ihrer Tochter gut gehe.

Sie lehnte sich mit dem Gesicht an seine Wange und atmete das schwere Aroma von Sandelholz ein. Diesen Duft verband sie mit Jahangir, mit Vertrautheit, mit Liebe. Ja, es war Liebe. Eine Art Liebe, von der sie gewusst hatte, dass es sie gab, die ihr aber für sich selbst immer unerreichbar schien. Viele Jahre lang hatte sie sich ein Kind gewünscht und endlich Ladli zur Welt gebracht. Und ihr Gefühl für Jahangir? Die Sehnsucht nach ihm war ihr so vertraut wie der eigene Herzschlag. Gegen alle Hoffnung hatte sie ihn begehrt, schon als Achtjährige, als sie sich verbotenerweise in den Palast geschlichen hatte. All die Jahre gab es für sie nur diesen Mann. Weil er sie dazu brachte, still vor sich hin zu lächeln, weil er Licht in ihr Leben brachte, ihm Bedeutung verlieh. Die Intensität dieses Gefühls überraschte sie erneut und flößte ihr gleichzeitig Angst ein.

Zwei Monate waren seit der Hochzeit vergangen, zwei lange, traumverlorene Monate, in denen die Zeit langsam um sie herum zu kreisen schien. Selbst die Geschäfte des Reiches traten in den Hintergrund und schwebten irgendwo am Rande. Am Abend zuvor jedoch war Jahangir zum ersten Mal gerufen worden. Das Reich ließ sich nicht länger hinhalt en.

Sanft bettete sie Jahangirs Kopf auf ein Seidenkissen, schob seinen Arm von ihrem Bauch und richtete sich auf. Die Eunuchen, die zu ihrer Linken unter den Bögen der Veranda standen, erstarrten. Sie betrachtete sie, diese halben Männer, die sich um das Wohl des Monarchen zu kümmern hatten. Es gab fünfzehn Eunuchen, unter jedem Sandsteinbogen einen. Breitbeinig standen sie da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den starren Blick am Teich vorbei in die tiefen Schatten des Gartens gerichtet. Die Wache in Jahangirs Nähe wechselte alle zwölf Stunden in jeweils anderer Zusammensetzung, um zu verhindern, dass zwei Männer eine Verschwörung anzettelten.

Während sie so dasaß und die Männer betrachtete, die gezielt über sie hinwegsahen, spürte sie, wie sie unter dem schweren Haar im Nacken zu schwitzen begann. Sie rieb sich den Rücken und löste den Zopf, bis ihr die Haare wie ein dichter Schleier um die Schultern lagen. Mehrunnisa ging an dem schlafenden Monarchen vorbei an den Rand des Beckens, setzte sich nieder und ließ die Beine ins Wasser baumeln. Eine Brise fegte durch den Innenhof und strich ihr übers Gesicht. Sie hob die Arme, damit der sanfte Wind die langen Ärmel ihrer Tunika kräuseln konnte. Er wehte den Geruch schwelender neem-Blätter aus den Kohlebecken auf der Veranda herbei, der die Moskitos fern hielt.

Auf dem Wasser schwammen Laternen aus banyan-Blättern, mit Hilfe von Stöckchen zu kleinen Schalen mit Sesamöl und einem Baumwolldocht zusammengesteckt. Uber das eine Ende des Teiches neigte sich ein parijat-Baum in voller Nachtblüte und ließ seine winzigen weißen Blumen auf das Wasser fallen. An den Stellen der Wasseroberfläche, die das Licht der Laternen nicht erreichte, waren auch die Sterne eingefangen. Mehrunnisa stieß sich vom Rand der Marmorplattform ab und glitt in den Teich.

Das Wasser war warm und schwer wie Honig, doch kühler als die Luft. Mehrunnisa tauchte unter und ließ sich die Haare um das Gesicht wirbeln. Laut sprach sie ihren neuen Namen aus. »Nur Jahan.« Ihre Stimme brach sich in der Dichte des Wassers, kleine Luftblasen stiegen an die Oberfläche und prickelten auf ihren Wangen.

Sie war Nur Jahan. »Das Licht der Welt«. Auf ihr ruhte der Glanz des Himmels. Das zumindest hatte Jahangir gesagt, als er ihr am Tag ihrer Vermählung diesen Titel verlieh. Vom heutigen Tage an wird meine geliebte Herrscherin Nur Jahan genannt werden. Nicht mehr Mehrunnisa, der Name, den ihr Vater ihr bei ihrer Geburt gegeben hatte. Nur Jahan war ein Name für die Öffentlichkeit, so sollte man sie anreden. In diesem Namen ergingen Befehle, er flößte Respekt ein und verlangte Aufmerksamkeit. Die nützlichen Eigenschaften, die ein Name haben sollte. Der Mogulkaiser zeigte damit dem Hof, dem Reich und den anderen Frauen des herrschaftlichen Harems, dass Mehrunnisa keine unbedeutende Tändelei war.

Sie stieß sich mit den Füßen von der Plattform ab und schwamm. Unter dem parijat lehnte sie sich an die Mauer und betrachtete die weißen Blüten, die wie Schneeflocken herabfielen. Sie schaute nicht nach links zu den verschwommenen Gestalten auf der Veranda. Falls diese sie beobachteten, ließen sie es sich durch keinerlei Regung anmerken. Würde sie jedoch zu lange mit dem Kopf unter Wasser bleiben, wäre sofort eine Hand zur Stelle, die sie wieder herausziehen würde. Denn in den Augen dieser Männer war sie jetzt Jahangirs wertvollster Besitz. Mehrunnisa trat unruhig mit den Füßen im Wasser. Sie sehnte sich nach Bewegung, nach etwas, das die Eunuchen nicht sehen konnten, etwas, das nicht schon morgen im gesamten Harem bekannt wäre.

Diese dauernde Beobachtung störte sie, zehrte an ihrer Kraft, denn sie fragte sich andauernd, ob sie sich richtig verhielt. Jahangir machten die Menschen in seiner Nähe nichts aus ‒ er war mit ihnen groß geworden und hatte eingesehen, dass sie dazugehörten. Er dachte so wenig über sie nach, als handele es sich um Diwane oder Kissen oder Weinkelche. Würde ihr das auch irgendwann gelingen? Sie hatte noch so viel zu lernen, dachte Mehrunnisa, bis sie wirklich Nur Jahan war, Jahangirs Kaiserin.

Sie wandte sich ab und wischte mit der nassen Hand die parijat-Blüten vom Steinrand des Beckens. Dann fischte sie die Blüten wieder aus dem Wasser und legte sie in eine Reihe. Anschließend reihte sie weitere Blüten auf, wobei die Blütenblätter nach innen zu ihr hin schauten. Das war der Innenhof des Thronsaals. Hier standen die Kriegselefanten im Hintergrund, die Bürgerlichen davor, dann die Kaufleute, die Adligen und ganz vorn der Thron, auf dem Jahangir saß. An die eine Seite legte sie noch zwei Blüten, die eine hinter den Monarchen, die andere zu seiner Rechten. Sie zupfte die Blätter von einigen parijat-Blüten und legte die orangefarbenen Stängel hintereinander um die letzten beiden Blüten. Das war der Haremsbalkon: die Stängel stellten das marmorne Gitterwerk des Wandschirms dar, der die Haremsdamen vor den Männern im Thronsaal verbarg, sodass sie weder zu sehen noch zu hören waren.

Jahangir hatte wieder mit seinen täglichen darbars begonnen, öffentlichen Audienzen, auf denen er sich auch mit seinen Höflingen besprach. Mehrunnisa saß hinter ihm auf dem Balkon der zenana und sah zu, wie der Monarch seinen täglichen Geschäften nachging. Manchmal meldete sie sich beinahe zu Wort, wenn ihr eine Idee kam, hielt sich dann jedoch zurück, denn sie wusste, dass der Wandschirm ihr einen anderen Platz zuwies. Dass er sie zu einer Frau machte. Zu einer Person ohne Stimme und ohne eigene Meinung.

Doch was wäre, wenn … Sie nahm eine der Haremsblüten und legte sie mitten in den Hof, direkt vor den Thron. Viele Jahre lang, als sie mit Ali Quli verheiratet und Jahangir nur ein ferner Traum gewesen war, hatte Mehrunnisa sich über die Einschränkungen geärgert, denen sie damals unterworfen war. Nichts hatte sie mehr gewünscht, als auf dem Balkon der zenana zu sein, und zwar nicht nur als Zuschauerin, sondern als Angehörige des herrschaftlichen Harems ‒ nicht bloß Dienerin, sondern Herrscherin. Nun stand sie auf dem Balkon. Aber was bedeutete das? Sie schob die Blüte wieder hinter die Grenzen der orangefarbenen Stängel, die den Wandschirm auf dem Balkon darstellten. Konnte sie mehr verlangen? Würde Jahangir ihr das geben, worum sie ihn bat? Würde er sich jenen ungeschriebenen Regeln widersetzen, die ihr Leben als seine Monarchin, als seine Gemahlin, als Frau einschränkten?

Mit zitternder Hand nahm sie die Blüte wieder auf und legte sie neben Jahangir. Da saßen sie nun, zwei duftende parijat-Blüten, Seite an Seite auf dem kaiserlichen Thron. Mehrunnisa stützte ihr Kinn auf den Steinrand und schloss die Augen. Schon immer hatte sie sich gewünscht, wie ein Mann zu leben ‒ mit der Freiheit, zu gehen, wohin sie wollte, zu tun, was sie wollte, und zu sagen, was ihr in den Sinn kam ‒ ohne sich vor den Folgen fürchten zu müssen. Sie war immer nur Beobachterin gewesen, unfähig, die Richtung ihres Lebens selbst zu bestimmen. Bis jetzt …

Mit einer zarten Handbewegung schob sie ihre Blüte wieder ein Stück zurück, sodass sie direkt hinter Jahangir zu liegen kam, doch noch immer mit freiem Blick auf den Hof.

Auf der Palaststraße ging ein Nachtwächter vorüber und rief die Stunde aus. »Zwei Uhr und alles ist gut.« Mehrunnisa vernahm ein unterdrücktes Husten und sah, wie ein Eunuch die Hand vor den Mund legte. Unwillig runzelte sie die Stirn. Die Zeit würde kommen, da sie als Einzige von den spähenden Blicken der Diener und Spione in der zenana ausgenommen wäre ‒ wenn sie erst Mogulkaiserin wäre, die Erste Dame im Reich. Jetzt gehörte dieser Titel noch Jagat Gosini.

Sie schwamm durch das warme Wasser zurück zur Plattform, stützte dort die Ellbogen auf den Marmor, legte den Kopf in die Hände und betrachtete Jahangir. Sie streckte die Hand aus, ließ einen Finger über seine Stirn gleiten und berührte dann ihre Lippen, um seine Haut zu schmecken. Er bewegte sich.

»Kannst du nicht schlafen?«

So wachte er immer auf, ganz ohne Träume abschütteln zu müssen. Sie hatte ihn einmal nach dem Grund gefragt, und seine Antwort lautete, wenn sie wolle, würde er auf den Schlaf verzichten.

»Es ist zu warm, Majestät.«

Jahangir strich ihr sanft die nassen Haare aus der Stirn, wobei seine Hand auf der Rundung ihrer Wange verweilte. »Manchmal kann ich nicht glauben, dass du hier bei mir bist.« Er schaute sie durchdringend an und griff dann im Wasser nach einer Blattlampe. Er hielt sie ihr nah ans Gesicht und fragte: »Was ist mit dir?«

»Nichts. Nur die Hitze, sonst nichts.«

Der Mogulkaiser setzte die Laterne wieder ins Wasser und stieß sie an. Er reichte Mehrunnisa die Hand und zog sie aus dem Teich. Schon war ein Eunuch zur Stelle und hielt ihr seidene Handtücher hin. Mehrunnisa kniete sich an den Rand der Plattform, hob die Arme und ließ sich von Jahangir aus ihrer kurta helfen. Langsam tupfte er ihren Körper ab und beugte sich vor, um den Duft ihrer Haut einzuatmen. Dann rieb er ihre Haarsträhnen mit einem Handtuch, bis sie feucht um ihre Schultern lagen. All das geschah mit großer Hingabe. Folgsam wartete sie, bis er fertig war und die warme Nachtluft ihr über Schultern, Hüfte und Beine strich.

»Komm her.« Jahangir zog sie zu sich herunter, und sie schlang die Beine um seine Taille. Er legte die Hände um ihr Gesicht und zog es nah zu sich heran. »Bei dir ist nie nichts, Mehrunnisa. Was willst du? Eine Kette? Eine Länderei?«

»Ich will, dass sie hier verschwinden.«

»Sie sind weg«, antwortete er, denn er wusste, was sie meinte. Ohne sich umzublicken, löste Jahangir eine Hand von ihrem Gesicht, um den Eunuchen zu signalisieren, dass sie entlassen waren. Doch Mehrunnisa ergriff seine Hand und zog sie zurück.

»Ich will es tun, Majestät.«

»Du bist dazu ebenso berechtigt wie ich, meine Liebe.«

Während sie ihn unverwandt anschaute, hob sie die Hand. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie die Eunuchen sich anspannten, innehielten und einander fragende Blicke zuwarfen. Sie hatten die strikte Anweisung, sich nicht aus der Nähe des Herrschers zu entfernen, es sei denn, er befehle es ihnen … und nur er. Keine Gemahlin, keine Konkubine, keine Mutter hatte diese Macht. Doch diese Frau war anders. Daher warteten sie auf ein Zeichen von Jahangir. Er rührte sich aber nicht, brachte sein Einverständnis nicht durch Kopfnicken zum Ausdruck. So verging eine Minute, dann trat einer der Eunuchen aus der Reihe, verneigte sich vor dem königlichen Paar und schlurfte von der Veranda. Die anderen folgten ihm.

Mehrunnisa ließ die Hand sinken.

»Sie sind fort, Majestät«, sagte sie verwundert.

»Wenn du Befehle erteilst, Mehrunnisa«, sagte Jahangir, »dann mit der gebotenen Autorität. Glaube nie, dass man dich ignoriert, dann wirst du auch nicht übersehen.«

»Danke.«

Die Zähne des Herrschers blitzten auf. »Wenn ich dir für alles danken sollte, was du mir gegeben hast, dann müsste ich den Rest meines Lebens damit verbringen.« Seine Stimme klang nah an ihrem Ohr. »Was willst du? Sag es mir, sonst wirst du dich deswegen ärgern.«

Sie schwieg, denn sie wusste nicht, wie sie fragen sollte, wusste eigentlich nicht, worum sie bitten sollte. So lange hatte sie sich nach der Erfüllung ihrer Träume gesehnt, und nun war sie hier, in Jahangirs Armen. Ihr Schicksal war mit dem seinen verbunden. Genau aus diesem Glück aber erwuchs ihre Unruhe. Sie wollte stärker an seinem Leben teilhaben, und nicht nur hier, innerhalb der Mauern der zenana.

»Ich möchte …«, sagte sie langsam, »ich möchte morgen mit dir auf die jharoka gehen.«

Zu Beginn seiner Herrschaft hatte Jahangir zwölf Verhaltensmaßregeln für das Reich aufgestellt. Zu diesen Regeln gehörten viele, an die er sich nicht hielt ‒ das Verbot, Alkohol zu trinken, war eines davon. Doch diese Regeln, so dachte er, verschafften dem Land einen Rahmen, nicht ihm. Er stand darüber. Da er seinen Untertanen gegenüber gerecht und unparteiisch auftreten wollte, richtete er das Ritual der jharoka ein, etwas, das sein Vater, Großmogul Akbar, nicht getan hatte.

Er hatte es so genannt ‒ jharoka ‒, was so viel hieß wie »ein kurzer Blick«. Jeder Untertan sollte zum ersten Mal seit der Eroberung Indiens durch die Mogule vor etwa hundert Jahren persönlich einen Blick auf den Monarchen werfen können.

Die jharoka waren prachtvolle Balkone, die in die äußeren Befestigungsanlagen des Forts in Agra eingebaut waren. Hier hielt Jahangir dreimal am Tag eine Audienz für das Volk ab. Früh am Morgen, bei Sonnenaufgang, präsentierte er sich auf dem Balkon an der Ostseite des Forts, mittags an der Südseite und um fünf Uhr nachmittags, wenn die Sonne im Westen unterging, an der Westseite. Jahangir betrachtete dies als seine oberste Pflicht. Hierher kamen die gewöhnlichen Bürger mit ihren Petitionen, hier hörte er sich ihre Bitten an, ob wichtig oder nicht. Auf dem Balkon stand er allein, seine Minister und die Bürger direkt darunter.

»Aber du kommst doch mit mir auf die jharoka, Mehrunnisa«, sagte Jahangir. Es ging um mehr. Er war jetzt auf der Hut. In den vergangenen Wochen hatte Mehrunnisa hinter dem Bogen des Balkons neben den Eunuchen gestanden, die hinter seinem Rücken Wache standen, hatte zugehört und anschließend mit ihm über die Petitionen gesprochen.

»Ich möchte neben dir auf dem Balkon stehen, vor den Adligen und Bürgern.« Sie sprach leise, aber ohne zu zögern. Bitte mit Autorität, und man wird dich nicht überhören, hatte er gesagt.

Wolken zogen am Himmel auf und bedeckten die Sterne. Hinter ihnen zuckten Blitze auf, verästeltes silbernes Licht mit grauen Tupfern. Nackt saß sie in seinen Armen, bedeckt nur von den inzwischen trockenen Haaren, die ihr über die Schultern bis auf die Hüfte hinab fielen.

»Das hat es noch nie gegeben«, sagte Jahangir schließlich. Und das stimmte. Die Frauen seiner zenana waren immer hinter den Haremsmauern geblieben, ungeachtet ihres Verhältnisses zu ihm. Man nahm sie in der Außenwelt nur durch die Befehle wahr, die sie den Dienerinnen, Sklavinnen und Eunuchen erteilten. »Warum willst du das?«

Sie antwortete mit einer Gegenfrage: »Warum sollte ich nicht?«

Jahangir lächelte. »Ich sehe schon, dass du mir Probleme bereiten kannst, Mehrunnisa. Sieh mal«, er hob die Augen zum Himmel, und sie folgte seinem Blick, »meinst du, es wird regnen?«

»Wenn ja …«, sie hielt kurz inne. »Wenn es regnet, kann ich dann morgen mit auf die jharoka kommen?«

Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen. Die Wolken sahen aus wie alle anderen, dick und schwer von Regen, aus denen jedoch nur hin und wieder ein paar Tropfen auf Agra niederfielen. Doch dann trug ein Wind sie davon und fegte den Himmel frei für den Sonnengott, auf dass er wieder in seinem Streitwagen Vorfahren konnte. Mehrunnisa erteilte dem Monsunregen einen Befehl. Sie lächelte. Warum auch nicht? Zuerst den Eunuchen, dann dem nächtlichen Himmel.

Er sagte: »Mach die Augen zu.«

Sie gehorchte. Auch Jahangir schloss die Augen, ließ sich von ihrem Duft leiten und beugte sich zur Rundung ihres Halses vor. Sie schlang ihre Haare um ihn. Sie schlug die Augen nicht auf, spürte nur die Wärme seines Atems, spürte, wie er mit dem Mund einem Schweißtropfen folgte, der vom Haaransatz über ihr Gesicht gelaufen war, um sich an ihrer Halsbeuge festzusetzen. Ein Schauer überlief sie, als seine rauen Fingerspitzen über ihre Brüste strichen. Sie sprachen nicht mehr.

Am nächsten Morgen wachten sie von der Sonne auf, einer flachen goldenen Spur hinter purpurnen Wolken am Horizont. Mehrunnisa hob den Kopf von einem Samtkissen und betrachtete das Spiel des Lichts am Himmel. Die Wolken hingen dicht über ihr, aber es regte sich kein Lüftchen. Feucht war es, der Regen ließ jedoch auf sich warten.

Die Eunuchen waren wieder auf ihre Plätze unter den Verandabögen zurückgekehrt, und junge Sklavinnen kamen leise mit Messingkannen voll Wasser herbei. Mehrunnisa und Jahangir putzten sich die Zähne mit einem neem-Zweig, und als die Stimme des Muezzins von der Moschee aus zum Gebet rief, knieten sie Seite an Seite auf Gebetsteppichen nieder und hoben die Hände nach Mekka.

Dann verließen der Mogulkaiser und seine neue Gemahlin ihre Gemächer, um sich durch die Korridore des Palastes zur ersten jharoka des Tages zu begeben.

Schweigend gingen sie nebeneinander her, Hand in Hand, ohne sich anzusehen. Die Diener folgten ihnen auf weichen, bloßen Füßen. Mehrunnisa, deren Rock über den glatten Marmor schleifte, brachte es nicht über sich, Jahangir noch einmal zu bitten. Würde sie hinter dem Bogen des Balkons stehen oder neben dem Mogulkaiser? In einer plötzlichen Anwandlung von Aberglauben schaute sie im Vorübergehen noch einmal zum Himmel auf, doch nein, die massiven Wolken breiteten sich träge über ihnen aus, legten sich wie eine Last auf Mehrunnisa, und sie schleppte sich nur mühsam voran.

Sie gelangten an den Eingang des Balkons, wo sich die Eunuchen der zenana in zwei Reihen aufstellten. Sobald Jahangir den Balkon betrat, würden sie die Reihen hinter ihm schließen.

Hoshiyar Khan stand vorn, größer als die meisten anderen Männer in seiner Nähe. Auch so früh am Morgen war er bereits makellos wie ein König gekleidet. Die Haare waren glatt unter den Turban gekämmt, sein ernstes Gesicht strahlte Verantwortungsbewusstsein aus, seine Haltung war tadellos. Hoshiyar war inzwischen seit fünfundzwanzig Jahren Erster Eunuch in Jahangirs Harem. Viele Jahre lang, praktisch die ganze Zeit über, war Hoshiyar der Schatten hinter Mogulkaiserin Jagat Gosini gewesen. Er hatte ihr zur Seite gestanden, sie beraten und unterstützt. Einen Monat vor ihrer Hochzeit hatte Mehrunnisa sich ein Herz gefasst und darum gebeten, er möge ihr persönlicher Eunuch werden. So war Hoshiyar an ihre Seite gewechselt, was auch seinem Wunsch entsprach.

Er verneigte sich. »Ich hoffe, Eure Majestät hatten eine gute Nacht?«

Er wusste sehr wohl über alles Bescheid, was geschehen war, wusste auch, dass Mehrunnisa seine Männer von der Veranda geschickt hatte, wusste, dass sie auf ihren Befehl hin gegangen waren. Mehrunnisa kam es vor, als nicke er kurz, vielmehr zuckte nur ein Augenlid, und der Anflug eines Lächelns lag auf seinen Lippen, ehe er sich dem Herrscher zuwandte.

Hoshiyar lehnte sich aus dem Verandabogen und hob die Hand. Die königliche Kapelle setzte ein und verkündete damit die Ankunft des Herrschers. Die Flöten trillerten, Trommeln wurden geschlagen, und von fern ertönte der harmlose Donner einer Kanone.

Mehrunnisa hätte beinahe das Wort ergriffen, öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. Sobald das Orchester zu spielen begann, griff der Herrscher nach dem indigoblauen Schleier, der ihr wie ein Schal um die Schultern lag; er hob ein Ende und warf ihn ihr übers Gesicht. Als Jahangir in den Glanz des heller werdenden östlichen Himmels auf den Balkon hinaustrat, zog er Mehrunnisa mit sich.

Als Erstes fiel ihr auf, dass das marmorne Sims des Balkons, in das Ranken aus Jasminblüten geschnitzt waren, ihr bis zur Taille reichte. Es verbarg ihrer beider Hände, die noch immer ineinander verschränkt waren. Dann erst schaute Mehrunnisa hinab auf die gebeugten Rücken, alle bekleidet mit dünnem, von Goldbrokat verziertem Baumwollstoff. Adlige und Bürgerliche, die Kapelle, Sklaven, die mit Speeren und Musketen bewaffneten Wachen ‒ nicht ein einziges Auge war auf sie gerichtet, alle verneigten sich vor ihrem Herrscher.

Selbst der Zeremonienmeister hielt den Kopf gesenkt. Er durfte ihn jedoch zuerst heben, sah als Erster den Monarchen und die Frau an seiner Seite. Als er seine Stimme wieder gefunden hatte, krächzte er: »Lang lebe Kaiser Jahangir!«

Die Adligen richteten sich auf und erblickten die verschleierte Gestalt an Jahangirs Seite. Unwillkürlich hielten die meisten Männer vor Erstaunen die Luft an. In dem stillen Innenhof, in dem Trommeln und Trompeten schwiegen, klang es wie ein Windstoß, der im nächsten Augenblick verflogen war.

Mehrunnisa hielt sich an Jahangirs Hand fest. Ohne darüber gesprochen zu haben, war ihnen beiden klar, dass Jahangir ihr ein ungeheures Privileg einräumte, und Mehrunnisa erkannte es schweigend an. Dieses Privileg würde sie nicht missbrauchen. Es erfüllte ihr Herz mit Stolz, dass er sie auf die jharoka mitnahm, ohne zu bedenken, was für Folgen das für ihn haben würde.

Mehrunnisa betrachtete die Männer von oben, wohl wissend, dass niemand ihr Gesicht sah. So ein Leben hinter dem Schleier hatte durchaus seine Vorteile. Ihre Hände waren kalt. Zum ersten Mal war eine Frau aus dem Harem des Moguls in der Öffentlichkeit aufgetreten, verschleiert zwar, doch unerschrocken und präsent. Jahangir trat mit geradem Rücken vor sie, die Schultern gestrafft, den herrschaftlichen Turban fest auf dem Kopf. In diesen Minuten war er der Monarch, nicht mehr der Mann, der sich in ihren Armen entspannte.

»Mein gutes Volk«, begann Jahangir, und seine Stimme ließ keinen Zweifel an seiner Autorität, »wie ihr seht, geht es mir bestens, und ich habe diese Nacht gut geruht.« Er wandte sich an den Hofmarschall. »Lass die Bittsteller vortreten.«

In den nun folgenden dreißig Minuten rief der Hofmarschall die Namen der im Hof versammelten Adligen auf, dass sie ihre Bitten dem Monarchen vortrügen. Sie traten vor, verneigten sich dreimal tief und überreichten dem Mogulkaiser ein Geschenk. Je nach Wert oder Einmaligkeit des Geschenks erteilte Jahangir ihnen mit einer Geste das Wort. Seine Bittsteller wählte er sich unter den Bürgerlichen nach dem äußeren Anschein aus, je nach Farbe eines Turbans, nach dem Standort im Hof oder nach der Blickrichtung. Diese launenhafte Auslese war die einzige Möglichkeit, in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit möglichst viele von ihnen anzuhören. Angesichts der Menge wurden die meisten wieder fortgeschickt; sie kehrten Tag für Tag zurück in der Hoffnung, ihr Gesicht möge dem Monarchen eines Tages vertraut erscheinen.

Still beobachtete Mehrunnisa die beiden Männer zur Rechten der jharoka. Mahabat Khan und Mohammed Sharif waren die beiden wichtigsten Männer bei Hofe. Sowohl ihre Position als auch ihr Einfluss auf den Mogul verlieh ihnen Macht. Mahabat Khan war ein intelligenter Mann, dabei jedoch habgierig und verschlagen. Es hieß, er habe auf den Rang verzichtet, den Sharif jetzt innehatte, den des Ersten Ministers und Großwesirs, da er es vorziehe, ohne Titel zu herrschen.

Ein Bittsteller trat vor. Mehrunnisa hörte sich an, was er zu sagen hatte, und hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ihr der Name bekannt vorkam. Ja, er war Mahabat Khans Vetter. Genauso war es auch während der täglichen Audienz gewesen. Vettern, Freunde, Brüder ‒ ihnen waren Ehren, Güter und Verträge zuteil geworden, während andere leer ausgingen.

Mehrunnisa konnte sich nicht zurückhalten und legte Jahangir eine Hand auf den Arm. »Majestät.«

Der Mogulkaiser wandte sich ihr zu.

»Vielleicht wäre es besser, diese Sache später zu entscheiden. Es gibt noch andere, die bedürftiger sind. Dieser Mann besitzt bereits eine Kavallerie von sechshundert Pferden; es würde wenig nützen, sie jetzt zu erweitern«, sagte sie. Sie sprach leise. Jahangir zögerte, dann ließ er den Blick wieder zum Zeremonienmeister wandern. Damit hatte er den Bittsteller entlassen.

Im Hof unten lief Mahabat Khan zornesrot an und drehte sich abrupt zu Mehrunnisa um. Hinter ihrem Schleier hielt Mehrunnisa seinem Blick stand und zwang sich, nicht zusammenzuzucken.

Als die jharoka vorüber war, verließen Mehrunnisa und Jahangir den Balkon gemeinsam; das Publikum war still, aufmerksam. Tief in Gedanken versunken kehrte Mehrunnisa in ihre Gemächer zurück. Sie hatte die Stimme gegen Mahabat Khan erhoben. Das würde er ihr nicht so schnell vergessen. Mahabat wäre ein gefährlicher Feind, einer, der im Auge zu behalten war.

Ihre Schritte wurden langsamer. Warum hatte sie auf der jharoka nur das Wort ergriffen? Sie, Mehrunnisa, die dort allein unter diesen mächtigen Männern des Reiches stand, über diesen Männern, hatte nicht widerstehen können, ihre Macht offen zur Schau zu stellen. Mahabat würde die jharoka dieses Morgens nie vergessen. Sie ebenso wenig, dachte Mehrunnisa.

Sie schritt durch die weiten Türen ihrer Gemächer und ließ sich von den Sklavinnen entkleiden, um ein Bad zu nehmen.

Hoshiyar hatte ihr einmal erzählt, Mahabat habe versucht, den Mogulkaiser davon abzubringen, sie zu heiraten. Warum? Was gingen Mahabat die Frauen des herrschaftlichen Harems an? Er stand ihrem Vater oder ihrem Bruder nicht feindselig gegenüber, und trotzdem hatte er sich gegen sie ausgesprochen. Warum?

Es war so, als wäre Mahabat der Herrscher, nicht Jahangir. Er besaß keinen besonderen Titel, und dennoch hatte es Zeiten gegeben, da ein Wort von Mahabat genügte, um das Reich zum Stillstand zu bringen. Das hatte Mehrunnisa bei ihrer übereilten Wortmeldung auf der jharoka vergessen. Es spielte keine Rolle, sagte sie sich. Es durfte keine Rolle spielen. Sollte sie in der zenana und am Hofe eine führende Stellung einnehmen, würde sie sich Feinde machen. Das hatte sie schon immer gewusst.

Eine leichte Kühle strich über ihre Haut, und sie drehte sich zum Fenster um. Eine der Sklavinnen, etwa so alt wie ihre Tochter, lief aufgeregt auf den Balkon. Drohende, schwarze Wolken verdunkelten die bleiche Morgensonne. Als Mehrunnisa in ihr Bad stieg, begann es zu regnen. Kein einfacher Sprühregen ‒ nein, es war ein heftiger, nach Sturm riechender Regen, der niederprasselte, als würden tausend Trommeln auf einmal geschlagen.

Während sie dort lag, dem Regen lauschte und nach draußen schaute, wurde Mehrunnisa leicht ums Herz. Es würde nicht einfach sein, den Einfluss, den Mahabat auf den Herrscher ausübte, zu brechen. Ihre Verbundenheit reichte weit in die Vergangenheit zurück. Doch letzten Endes konnte man alles brechen, dachte Mehrunnisa.

Noch ehe die jharoka beendet war, wusste die gesamte zenana über Mehrunnisas Anwesenheit auf dem Balkon Bescheid. Eunuchen und Dienerinnen waren sehr eifrig gewesen. Schon als die neue Herrscherin den Balkon verließ, lief das Gerücht über dieses unvorstellbare Ereignis durch die Paläste.

Der herrschaftliche Harem hatte viele Paläste, und sie lagen weit verstreut, verbunden durch ein Labyrinth vorzüglich angelegter, mit Ziegelsteinen gepflasterter Innenhöfe und üppiger, grüner Gärten innerhalb des Roten Forts von Agra. Im Harem lebten die dreihundert Frauen, die mit dem Monarchen verbunden waren.

Die Hierarchie war einfach. Die Gemahlinnen des herrschenden Moguls hatten den Vorrang vor allen anderen Frauen in der zenana. Unter ihnen gab es immer eine dominierende Persönlichkeit ‒ die Mogulkaiserin. Mit diesem Titel ging die Vorherrschaft über die gesamte zenana einher, die Macht, zu beobachten, Intrigen in das Leben der Frauen zu weben, ihre Finanzen zu überprüfen, ja, ihr ganzes Leben zu beherrschen.

Mogulkaiserin Jagat Gosini, die zweite Gemahlin, hatte Jahangir vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet, als er noch ein Prinz war. Damals war Jagat Gosini ein junges Mädchen mit klassischen Zügen und arrogantem Verhalten gewesen. Die Erste Gemahlin des Mogulkaisers Akbar ‒ Ruqayya ‒ hatte mit angesehen, wie steif Jagat Gosini die Begrüßungszeremonie vor ihr vollzog, wie sie eine Augenbraue hob, wenn etwas sie anwiderte, und diese Arroganz mit erhöhter Wachsamkeit beobachtet.

So kam es, dass sich diese beiden Frauen zu befehden begannen. Sie fochten nie in der Öffentlichkeit, vielmehr leiteten sie einen Feldzug um die Vorherrschaft ein, peinigten einander mit sarkastischen, verletzenden Gerüchten, die sie in Umlauf brachten. Solange Akbar noch lebte, war Ruqayya die absolute Herrscherin der zenana; sobald Jahangir den Thron bestieg, musste sie ihren Platz für Jagat Gosini räumen. Obwohl Jahangir zu der Zeit, da er Mogulkaiser wurde, bereits mit vielen Frauen verheiratet war, hatte Jagat Gosini, die selbst eine geborene Prinzessin und Tochter eines mächtigen Königs war, keine Schwierigkeiten, sich an der Spitze seines Harems zu etablieren.

Am Abend der folgenschweren jharoka ging Mehrunnisa die Mogulwitwe besuchen. Sechs Paläste in den Mauern des Forts gingen auf den Yamuna-Fluss hinaus, und jeder hatte einen einzigartigen Stil, der auf die jeweilige Bewohnerin hindeutete. Manche hatten Marmorbalkons und Veranden, die in die Befestigungen des Forts eingebaut waren, andere wiederum waren aus demselben roten Sandstein, der die Mauern des Forts schmückte. Mehrunnisa besaß noch keinen; doch wenn es an der Zeit war, wollte sie mit ihrer Stimme jeden Stein an seinen Platz dirigieren und selbst das Polieren der Marmorböden beaufsichtigen.

Unter den Symbolen herrschaftlicher Wertschätzung stand dieses Wohnhaus aus Sandstein, Marmor, Emaille und Spiegelarbeiten in der Welt der zenana an der Spitze. Die Wohnsitze waren jedoch nur Leihgaben, solange der Mogulkaiser lebte; zuweilen, wenn eine Frau dumm genug war, sich seine Gunst zu verscherzen, verlor sie den Anspruch auch schon vorher. Sobald die Krone auf den Erben überging, verjagte dessen Harem die derzeitigen Bewohnerinnen.

Und doch besaß die Mogulwitwe Ruqayya einen Palast ‒ eine Frau, die nicht einmal Jahangirs Mutter war, sondern nur die Lieblingsgemahlin seines Vaters.

Als Mehrunnisa eintrat, ruhte Ruqayya in ihrer üblichen Haltung auf dem Diwan, paffte an einer Wasserpfeife und schaute den Possen eines chinesischen Schoßhunds zu, den ihr jemand geschenkt hatte. Die Wasserpfeife blubberte, wenn sie daran zog. Blaue Rauchschwaden waberten durch den Raum und verbreiteten einen süßlichen Duft nach Opium.

Ruqayya sah Mehrunnisa auf der Schwelle. Man konnte ihre Gegenwart schwerlich ignorieren, denn alle Dienerinnen hatten sich erhoben und verneigten sich. Doch Ruqayya wandte ihre Aufmerksamkeit dem Hund zu, legte die Pfeife beiseite, um mit kindlicher Begeisterung zu klatschen. Dann rief sie das hässliche kleine Tier zu sich und streichelte es. Mehrunnisa blieb ein paar Minuten wartend an der Tür stehen, während Ruqayya sich mit dem Hund beschäftigte, der um sie herumsprang und die eingetretene Stille im Raum mit spitzem Bellen durchbrach.

Endlich wandte sich die Mogulwitwe an einen ihrer Eunuchen. »Soso, da kommt sie also, nach all der Zeit. Man sollte meinen, ihr seien Hörner des Stolzes gewachsen, als sie den Mogulkaiser heiratete. Manche Menschen vergessen, dass ich lange Jahre Mogulkaiserin war, viel länger als sie.«

Mehrunnisa lachte und verneigte sich formvollendet vor Ruqayya, wobei sie die rechte Hand an die Stirn legte und sich aus der Hüfte heraus verbeugte. »Wie könnte ich das vergessen, Eure Majestät?«

Sie richtete sich auf und sah, wie Ruqayya sich bemühte, ihr Stirnrunzeln beizubehalten. Dann gab sie auf und lachte ebenfalls. »Ach, Mehrunnisa, es tut gut, dich zu sehen. Musste es denn Monate dauern, eine alte Freundin zu besuchen? Hat unser aller Herrscher dich derart umgarnt?«

Mehrunnisa setzte sich neben sie. »Nur ein wenig. Soweit ich weiß, heißt es in der zenana, ich hätte ihn umgarnt. Und nicht nur umgarnt, sondern durch Hexerei verzaubert, um ihn an meiner Seite zu halten. Ich bin eine einfache Frau, Eure Majestät. Woher sollte ich Zugang zu solchen Tücken haben?«

Ruqayya lachte abermals ihr sattes, kehliges Lachen. »Du und einfach? An dir war noch nie etwas Einfaches, Mehrunnisa. Seit deinem neunten Lebensjahr nicht, als du dich weigertest zu weinen, nachdem die Konkubine dich geschlagen hatte.«

»Und Ihr habt mich damals gerettet, indem Ihr sie gescholten habt.«

»Stimmt.« Ruqayyas Augen nahmen einen verschlagenen Ausdruck an. »Das war eine Kleinigkeit. Doch dass du Mogulkaiserin wurdest, hast du auch mir zu verdanken. Das solltest du nie vergessen, Mehrunnisa.«

Mehrunnisa schüttelte den Kopf. »Das werde ich auch nicht, Eure Majestät. Es gibt nur wenig, was ich vergesse, und das gehört bestimmt nicht dazu.«

Eine Dienerin stellte eine Wasserpfeife aus Kupfer und Silber neben Mehrunnisa. Ruqayya beugte sich vor und stützte sich mit einem Ellbogen schwer auf dem Diwan ab. »Willst du nicht ein wenig Opium rauchen?«

»Nein, Eure Majestät. Ich bin hier, um zu reden. Habt Ihr von der jharoka heute Morgen gehört?«

Ruqayya nickte. »Alle wissen darüber Bescheid. Warte.« Sie schnippte mit den Fingern, woraufhin die Sklavinnen und Eunuchen unter Verbeugungen den Raum verließen und den Hund mitnahmen. Als sie gegangen waren, fuhr sie fort: »War das klug? Der Platz einer Frau ist im Harem, hinter den Mauern der zenana. Selbst ich habe Akbar nie um einen solchen Gefallen gebeten.«

»Aber Ihr habt Euch andere Dinge ausbedungen, Eure Majestät«, sagte Mehrunnisa leise. »Khurram zum Beispiel.«

Prinz Khurram war der Sohn der Mogulkaiserin Jagat Gosini. Als er ein Jahr alt war, forderte Ruqayya, die selbst keine Kinder hatte, von Jagat Gosini die Aufsicht über den Prinzen und bekam sie, denn Akbar verweigerte ihr nur selten etwas. Daher war Khurram bei Ruqayya aufgewachsen und hielt sie für seine Mutter, Jagat Gosini hingegen für eine untergeordnete Prinzessin. Der Machtwechsel im Harem hatte Khurrams Zuneigung nicht verändert. Obwohl er inzwischen zwanzig war und wusste, dass Jagat Gosini seine Mutter und Ruqayya seine Stiefgroßmutter war, redete er Ruqayya noch immer mit »Ma« an. Jagat Gosini würde dies Ruqayya nie verzeihen.

Die Mogulwitwe schaute Mehrunnisa durchdringend an; dann huschte plötzlich ein Lächeln über ihr runzliges Gesicht. »Du bist boshaft, Mehrunnisa. Aber das macht nichts. Ich glaube, ich selbst habe dich gelehrt, boshaft zu sein. Auch das schuldest du mir. Und sieh dich vor Jagat Gosini vor; sie ist immer noch die Mogulkaiserin.«

»Das weiß ich wohl, Eure Majestät. Heute bin ich auf die jharoka gegangen. Wer weiß, vielleicht wird morgen auch dieser Titel mir gehören. Kommt Zeit, kommt Rat.« Mehrunnisa nahm zwei Cashewkerne aus einer Silberschale und steckte sie in den Mund. »Das habt Ihr Euch doch immer gewünscht, nicht wahr?«

Ruqayya lehnte sich zurück und sog an der Pfeife, aus der träge Rauchkringel emporstiegen. Tatsächlich war das jetzt Ruqayyas Wunsch. Es hatte jedoch eine Zeit gegeben, da die Mogulwitwe Akbars Entscheidung unterstützt hatte, Mehrunnisa mit dem Soldaten Ali Quli zu vermählen, obwohl Jahangir, der damals noch Prinz war, großes Interesse an ihr hatte. Es war eine heftige Leidenschaft, die beide gegen alle Regeln des Hofes verband und die sie nie vergessen würde. Ein Wort von Ruqayya hätte den Lauf der Dinge vielleicht verändert … Doch die Mogulwitwe hatte einen grausamen Zug an sich, weshalb sie sich zuweilen gegen diejenigen wendete, die sie liebte.

Als Mehrunnisa indes nach Ali Qulis Tod als Witwe wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt war, hatte Ruqayya sie als Zofe in die zenana geholt, gegen den ausdrücklichen Wunsch Jagat Gosinis. Ruqayya war es auch, die dafür gesorgt hatte, dass Jahangir und Mehrunnisa sich nach all den Jahren beim Mina Basar wieder begegneten. Das sollte Mehrunnisa nach dem Willen der Mogulwitwe stets bedenken. Eigentlich wollte sie sagen, vergiss nicht, wer dir die Krone auf den Kopf gesetzt hat, Mehrunnisa ‒ wäre ich nicht gewesen, wärst du noch immer eine Magd in der zenana des Herrschers.

Das war auch der Grund, warum Ruqayya sie mit ihrem alten Namen anredete, Mehrunnisa.

Doch sie war aus einem anderen Grund hier.

»Eure Majestät, erzählt mir etwas über Mirza Mahabat Khan«, sagte Mehrunnisa.

Ruqayya richtete sich auf. »Aha, du hast ihn also auf der jharoka verärgert.«

Mehrunnisa nickte. »Warum ist er gegen mich? Ich kann seine Position nicht angreifen. Dennoch war er gegen meine Heirat mit dem Mogulkaiser. Warum?«

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte Ruqayya bedächtig und kaute am Mundstück der Wasserpfeife. »Aber ich habe gehört, es liege an Jagat Gosini. Sie hat dich nie in der zenana haben wollen, das musst du wissen. Ich frage mich, ob sie sich womöglich in dieser Angelegenheit seiner Hilfe versichert hat. Doch mit welchem Argument hat sie ihn überzeugt? Dass sie deine Intelligenz vorhergesehen hat? Deine Schönheit? Würde ein mächtiger Minister einer solchen Logik folgen?«

So kam es, dass die beiden Frauen bis spät in die Nacht hinein miteinander redeten. Die Erinnerung der Mogulwitwe war höchst präzise. Sie schaute zurück auf Ereignisse aus der Kindheit des Monarchen, als Mahabat etwas Ungewöhnliches gesagt oder getan hatte. Sie erzählte Mehrunnisa von seinem Einfluss auf Jahangir, von der tiefen Zuneigung, die Jahangir für Mahabat empfand und die ihn zuweilen für seine Fehler blind machte. Mehrunnisa hörte aufmerksam zu, denn sie wollte alles über ihn erfahren. Es wurde Nacht, und der Palast hatte sich zur Ruhe begeben. Plötzlich fragte Ruqayya: »Es ist spät. Warum bist du nicht beim Herrscher?«

»Er braucht seinen Schlaf, Eure Majestät.«

Ruqayya lächelte. Ein wissendes Lächeln. Sie berührte Mehrunnisas Gesicht. »Du weißt, das wird nicht immer so bleiben.«

Mehrunnisa wich zurück. »Mein Gesicht oder meine Beziehung zum Mogulkaiser?«

»Beides, meine Liebe. Du wirst viel mehr haben müssen. Sei also auf der Hut. Suche in deinem Gesicht nach Spuren des Alters. Hüte auch deine Zunge. Jahangir mag keine Frau, die zu geistreich oder zu intelligent ist.«

Jahangirs Gemahlin ließ sich äußerlich nichts anmerken, doch innerlich flammte bei Ruqayyas Worten helle Wut auf. Sie hätte Ruqayya vieles über Jahangir erzählen können, das ihr unbekannt war oder was sie bereitwillig übersah. Die Mogulwitwe war aus vielen Gründen voreingenommen ‒ die meisten hingen mit Jahangirs einstiger Rebellion gegen seinen Vater zusammen, als er noch Prinz war. Ein Aufstand, der nach Ruqayyas Dafürhalten Akbars Tod beschleunigt hatte. Mehrunnisa sagte nichts, denn sie befürchtete im Stillen, dass das, was Ruqayya behauptete, stimmen könnte. Schließlich hatte keine andere Frau in der zenana so viele Gunstbeweise von Jahangir erhalten wie Ruqayya … Und so tauchten die kleinen, quälenden Zweifel auf, die Mehrunnisa zu unterdrücken versuchte, wie immer, wenn sie mit Ruqayya sprach.

Die Mogulwitwe hatte sich wieder auf dem Diwan ausgestreckt und beobachtete Mehrunnisa mit verschlagenem Blick. »Geh jetzt«, sagte sie. »Geh wieder in deine Gemächer zurück. Du musst schlafen.«

Nachdem Mehrunnisa ihr die Hand geküsst hatte und sich erhob, sagte Ruqayya: »Es war schön, dich wieder bei mir zu haben, Mehrunnisa.«

Mehrunnisa verneigte sich vor der Herrscherwitwe. An der Tür drehte sie sich um. »Ich habe jetzt einen neuen Titel, Eure Majestät, ich bin nicht mehr Mehrunnisa.«

»Sei auf der Hut, Mehrunnisa. Nimm dich in Acht, wie du mit mir redest. Bedenke, was ich für dich getan habe.«

Jahagirs neueste Gemahlin schüttelte den Kopf. Noch zwei Monate zuvor hätten Ruqayyas Worte sie eingeschüchtert. Doch jetzt war nichts mehr so wie früher. »Ich werde nie vergessen, was ich Euch schulde. Doch heute bin ich Nur Jahan. Vielleicht werde ich Euch gestatten, mich mit meinem alten Namen anzureden. Aber ich bin nicht länger Mehrunnisa. Das dürft Ihr nicht vergessen.«

Kapitel 2

»Sie hatte indes einen eklatanten Fehler.

Sie war eine Frau … Und nach dem Vorurteil der damaligen Zeit spielten Frauen in der Öffentlichkeit keine Rolle; Ehrgeiz war das Vorrecht der Männer.«

Abraham Eraly, The Last Spring: The Lives and Times of the Great Mughals

Während Mehrunnisa und Ruqayya die Nacht hindurch redeten, näherte sich ein Mann von innen dem Hathi Pol, dem Elefantentor auf der Westseite des Forts von Agra. Einen Augenblick lang blieb er stehen und beobachtete die beiden Wachen, die schlafend an den im harten Boden steckenden Speeren lehnten ‒ Marionetten ohne Fäden, deren Gestalten sich vor den aufragenden Sandsteinmauern abzeichneten. Der Mann hustete, und die Wächter wurden schlagartig wach. Der eine taumelte rückwärts, um seinen Speer auf Brusthöhe des Mannes zu heben, wobei die Spitze nur ein paar Zentimeter vor dessen mit Goldbrokat verziertem Mantel Halt machte. »Gebt Euch zu erkennen.«

Der Mann hob beide Hände. Das gut geölte Haar, das ihm bis in den Nacken reichte, schimmerte im Schein der Lampen. »Mahabat Khan«, sagte er schlicht, darauf bauend, dass seine Stimme und der Name ein Übriges taten.

Die Wache ließ den Speer fallen und verneigte sich tief. »Mirza Mahabat Khan, ich bitte um Vergebung, ich habe Euch nicht erkannt«, sagte er, vor Not über seine Worte stolpernd. »Aber wie … ich dachte, Ihr hättet das Fort um diese Zeit längst verlassen …«

Mahabat schüttelte den Kopf mit der Nachsicht eines Mannes, der es nicht gewohnt war, befragt zu werden. »Eine solche Fürsorge zum Wohle des Herrschers ist lobenswert. Doch ihr müsst wissen, wen ihr fragt. Macht die Tür auf.«

»Freilich, Mirza Khan. Ich bitte um Verzeihung. Ich meinte nur …« Er eilte zur Seitentür neben den riesigen Toren und drückte sie auf. Die weiteren Entschuldigungen der Wache verhallten, als Mahabat Khan das Fort verließ. Er ging mit sorgsam bemessenen Schritten davon, die Sohlen seiner Lederstiefel knirschten auf dem unbefestigten Pfad.

Mahabats Hand ruhte leicht auf dem Dolch, der in seinem Kummerbund steckte. Sein Blick tauchte ein in die Schatten der Straßen, glitt hinweg über die schnarchenden Trunkenbolde in den Ecken und wartete auf eine Regung, die Gefahr signalisierte. Als Mahabat vorbeikam, schnüffelten die Straßenköter mit zitternden Nüstern an ihm und knurrten. Doch niemand, ob Mensch oder Tier, näherte sich ihm, keine Stimme erhob sich, keine Hand forderte den dicken Perlenstrang um seinen Hals oder den Rubin in seinem Turban, groß wie eine Murmel. Es war, als wüssten alle, dass Mahabat Khan der Lieblingsminister des Großmoguls Jahangir war, sein Vertrauter. Mahabat ging durch die Straßen. Sein Weg führte ihn zu Mohammed Sharif.

Das Haus lag ein Stück abseits der Hauptstraße von Agra am Yamuna-Fluss, im Schatten uralter Mangobäume. Es hatte ein flaches Dach, und an der Vorderseite erstreckte sich eine breite Veranda mit pfirsichfarbenen, gekalkten Säulen. Mahabat stieg die vordere Treppe hinauf und klopfte an die schwere Holztür, die mit ziselierten Silberplatten beschlagen war. Ein Diener, der wie gewöhnlich mit dem Rücken an der Tür auf dem Boden schlief, öffnete die Riegel und spähte hinaus. Er verbeugte sich, als er den Minister sah.

»Tretet bitte ein, huzoor.« Er sprang zurück, um Mahabat einzulassen. »Ich werde dem Herrn Bescheid geben, dass Ihr hier seid.«

»Das ist nicht nötig«, sagte Mahabat, »sag mir nur, wo er ist.« Noch während er sprach, drang das dumpfe Schlagen einer tabla aus dem Innern des Hauses an sein Ohr. Keine Musikbegleitung, nur das Trommelgeräusch.

»Im inneren Hof«, erwiderte der Junge.

»Schläft er?«

»Nein, Herr.«

Also fand Sharif auch keinen Schlaf. Mahabat streifte die Stiefel ab und machte sich auf den Weg durch das Labyrinth von Gängen und Innenhöfen ins Privatheiligtum. Sharifs Gemahlinnen waren nicht bei ihm, sonst hätte der Sklavenjunge es erwähnt, und Sharif wäre zu Mahabat hinausgekommen. Er betrat den Hof, blieb stehen und lehnte sich an eine Säule, um Sharif zu betrachten.

Der Großwesir des Mogulreichs lag zurückgelehnt auf einem Diwan, der Kopf ruhte auf einem Kissen, die Arme auf der Brust. Seine kurzen, stämmigen Beine reichten kaum bis ans Ende des Diwans. Seine gesamte Haltung strahlte innere Ruhe und Wohlbefinden aus. Er hatte die Augenlider halb geschlossen und machte einen trägen Eindruck, doch Mahabat wusste, dass dies nur eine Pose war.

Eine junge Sklavin in dünnen Musselinröcken, Mieder und Schleier wiegte sich im Rhythmus der Trommelschläge. Der Spieler der tabla saß außer Sichtweite hinter einer der Säulen des Hofes, und der Klang seiner Trommeln erfüllte die schwere Luft, langsam, eindringlich, verlockend. Das Mädchen war schlank und mit der breiten Nase, die fast das ganze Gesicht einnahm, nicht besonders hübsch. Doch was die Natur ihr versagt hatte, war mit Hilfe von Kosmetika annähernd zu Schönheit verfeinert worden. Die Augen waren mit Kajal umrahmt, wodurch sie groß und tief wirkten, die Lippen karminrot, Hände und Füße mit Hennablüten tätowiert. Der Körper schien sich kaum zu bewegen, doch ihre Gesten waren vom Rhythmus durchdrungen. Die Klänge brandeten um Mahabat. Sein Atem stockte, als sie die Hand an das Mieder legte und einen Holzknopf öffnete, dann den nächsten, den dritten, und langsam über die blaue Seide strich. Dabei wandte sie sich vom Großwesir ab und erblickte Mahabat.

Mit leicht wiegenden Hüften hielt sie inne; ohne seinem Blick auszuweichen, zog sie das hauchzarte Stück Musselin von den Brüsten und schlüpfte mit den Armen aus den Ärmeln. So jung sie auch war, sie hatte ihr Handwerk gut gelernt. Mahabat lachte laut auf, und seine Stimme klang heiser vor Erleichterung, da sich die Spannung gelöst hatte. Unter dem Mieder trug die junge Frau noch ein Stück Musselin, das kaum die Brüste bedeckte. Er sah es; Sharif, der den Rücken des Mädchens betrachtete, konnte es nicht sehen. Mahabat applaudierte. »Gut gemacht!« Er schaute zu Sharif hinüber. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn und glitzerten auf der Oberlippe, wo sie die federkieldünne Linie durchtränkten, die er gern einen Schnurrbart nannte. Sharifs Nasenflügel bebten angesichts der Störung, und seine Augen funkelten bereits vor Wut, die ihn rasch überkam. Da erkannte er Mahabat, und seine Gesichtszüge glätteten sich wieder.

»Mahabat«, sagte Sharif in vorwurfsvollem Ton. »Noch eine Minute, dann …«

»Du hättest nichts gesehen, mein Freund«, sagte Mahabat. Er ging zu dem Mädchen und drehte es herum, wobei seine Hand warm auf ihrer Schulter lag.

Dann griff er tief in seinen Kummerbund und warf ihr in hohem Bogen drei Goldmünzen zu. Gekonnt fing das Mädchen sie nacheinander mit einer Hand auf und hielt sie fest. Sie verbeugte sich vor den beiden Männern.

Mohammed Sharif gab ihr ein Zeichen, sich zu entfernen. »Geh nicht zu weit weg.« Er wandte sich an seinen Freund. »Und was führt dich her?«

Mahabat Khan überquerte die Marmorfliesen des Innenhofs und setzte sich neben Sharif auf den Diwan. Ein Weinkelch wurde in seine Reichweite gestellt. Er entließ den Diener mit einer Handbewegung und deutete dann mit dem Kopf in die Richtung des tabla-Spielers. Die Musik hörte auf, und die Diener gingen unter Verbeugungen und auf leisen Sohlen hinaus. Mahabat nahm den Kelch und blickte starr in den Wein.

»Muss man sich wegen der neuen Monarchin Sorgen machen, Sharif?«

Überraschung und Belustigung leuchteten in rascher Folge in Sharifs Gesicht auf. »Eine Frau? Grund zur Sorge? Du beliebst zu scherzen, Mahabat.«

»Du hast gesehen, was heute Morgen auf der jharoka passiert ist. Sie stand vor uns, schamlos wie eine Frau von der Straße. Du hast es gesehen, und du glaubst nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen?«

Mohammed Sharif stützte sich auf einen Ellbogen. »Ach, du bist verstimmt, weil Seine Majestät einen deiner Bittsteller zurückgewiesen hat. Ihre Gegenwart auf der jharoka war eine Überraschung, das ist alles ‒ wahrscheinlich das Ergebnis einer Nacht voller Freuden für den Mogulkaiser, Mahabat. Es wird nicht wieder Vorkommen.«

»Nichts hat mich verstimmt, Sharif«, sagte der Minister, wenn auch mit Bitterkeit, denn ihm war nicht wohl. Wären nicht die leisen, gedämpften Worte in Jahangirs Ohr gewesen, dächte Mahabat nicht so. »Siehst du denn nicht, dass diese Heirat anders ist? Jahangir hat sie aus Liebe geheiratet.« Er verzog den Mund. Frauen hatten zwar durchaus ihren Nutzen für Mahabat, doch Liebe gehörte nicht zu den Gefühlen, die er ihnen entgegenbrachte. »Diese Kaiserin hat kein königliches Blut in den Adern.«

»Sie ist die Tochter von Ghias Beg, dem Schatzmeister des Reiches, Mahabat. Er ist als Schatzmeister für unsere Gehälter zuständig. Man schätzt ihn sehr, und vor allem ist er als ehrenwerter Mann bekannt.«

Sharif sagte die Wahrheit. Ghias Beg war als mittelloser Adliger auf der Flucht aus seinem persischen Heimatland nach Indien gekommen. Mogulkaiser Akbar hatte ihn an seinem Hofe aufgenommen, und als Akbar starb, hatte Jahangir ihn zum Schatzmeister des Reiches erhoben. Die neue Frau des Monarchen war Ghias Begs viertes Kind, geboren auf seiner Reise von Persien nach Indien vor vierunddreißig Jahren. In Mahabats Augen war sie eine alte Frau; er würdigte eine Frau über dreißig kaum eines Blickes. Es war, als würde man die Mutter oder eine Tante heiraten. Dennoch war der Mogulkaiser in sie verliebt.

»Was macht sie eigentlich so anziehend?«, fragte Sharif und fasste damit Mahabats Gedanken in Worte.

Als Antwort griff der Minister in eine Innentasche seines weiten Mantels und zog eine Papierrolle heraus. Er löste den roten Seidenfaden, der sie zusammenhielt, rollte sie auf und breitete das Papier vor Sharif aus. Dabei entging ihm nicht, wie dem Großwesir der Atem stockte. Das Porträt war mit Wasserfarben gemalt. Der Hintergrund war eine schimmernde Schicht aus echtem Gold. Die Frau auf dem Bild hatte den Kopf so gedreht, dass man ihr Halbprofil sah. Sie schaute in einen juwelenbesetzten Spiegel, den sie in Händen hielt, zart wie Lilienknospen. Die Handgelenke waren unter Armreifen aus Jade verschwunden. Sie trug eine kleine Korsage, die ihre Brüste bedeckte, und dazu einen langen Rock. Die Taille dazwischen war unbekleidet. Der bloße Rücken war umhüllt von dunklem, wallendem Haar. Ihr Gesicht aber, ihr Ausdruck, zog die Aufmerksamkeit der beiden Männer auf sich. Die Augen im Spiegelbild waren von wunderschönem Blau, beinahe schon Indigo.

Allerdings besaß sie nicht die klassische Schönheit ihrer Zeit. Sie war zu dünn, hatte zu schlanke Arme, und sie war nicht sehr üppig gebaut. Außerdem war das Gesicht zu kräftig, die Wangenknochen zu erhaben. Der eindringliche, energische und konzentrierte Ausdruck verlieh ihr beinahe etwas Männliches, dachte Mahabat. Es fehlte an Weichheit. Doch die beiden Männer vermochten den Blick nicht abzuwenden.

Sharif fuhr langsam an den Rundungen ihres Gesichts entlang, um dann ungebührlich lange über ihrer Schulter zu verweilen. Es war eine sanfte Berührung, als wäre das Gemälde gerade erst fertig gestellt und die Farbe noch nicht trocken.

»Ist das die neue Kaiserin? Ist die Wiedergabe originalgetreu?«

»Ich glaube, ja. Ja, sie muss es sein. So sieht sie unter dem Schleier aus«, erwiderte Mahabat und sah seinen Freund eindringlich an. Jetzt ergab alles einen Sinn für ihn ‒ warum der Großmogul sie geheiratet hatte, worin ihr körperlicher Zauber lag. Die Gerüchte über ihre Schönheit, die sie zu einer beinahe gottgleichen Gestalt machten, beruhten auf der Wahrheit. Wenn man diesem Porträt Glauben schenken durfte.

Sharifs Stimme war ruhig. »Wie bist du darangekommen?«

Mahabat schaute seinen Freund nicht an. »Je weniger du weißt, desto besser. Jahangir würde mir nie verzeihen, dass ich dieses Porträt … äh … ausgeliehen habe. Aber ich wollte, dass du es siehst, Sharif. Ich wollte, dass du weißt, wie sie aussieht.«

»Du hast das Porträt gestohlen?«

Mahabat nickte. »Gerade eben. Ich bin ins Atelier des Malers im Fort gegangen. Auch ich wollte es sehen.«

Mahabat rollte das Gemälde behutsam wieder ein und ließ es in seinen Umhang gleiten. »Trotzdem ist sie nur eine Frau«, wandte Sharif ein.

»Das ist die Frage«, sagte Mahabat, wobei sein sonnengebräuntes Gesicht Spuren der Erschöpfung erkennen ließ. In den Bartstoppeln zeigten sich weiße Flecken. Mahabat genoss das Privileg, dass Jahangir auf ihn hörte. Nun schenkte dieser aber auch seiner zwanzigsten Frau Mehrunnisa Gehör. Er lehnte sich auf dem Diwan zurück. »Weißt du noch, dass Jagat Gosini sie nicht im Harem des Mogulkaisers haben wollte?«

Sie schwiegen und schauten zum Halbmond auf, der noch immer über dem Horizont hing und sich stur weigerte, unterzugehen. Mogulkaiserin Jagat Gosini, Jahangirs zweite Frau, hatte sich in den vergangenen Jahren mehrmals heimlich mit Mahabat getroffen und damit die Regel durchbrochen, dass kein Mann aus der Außenwelt ihrer ansichtig werden durfte. Mahabat hatte sie nicht richtig gesehen, obwohl er ihr so nahe gekommen war, dass er sie hätte berühren können. Er hatte den Duft der Kamelien gerochen, in denen sie badete, und das aufblitzende Lächeln unter ihrem Schleier gesehen. Der Grund für ihre Begegnungen war jedes Mal Mehrunnisa gewesen.

»Wie viele Jahre sind vergangen, seit der Herrscher sie zum ersten Mal gesehen hat?«, fragte Sharif.

»Zum ersten Mal? Siebzehn, glaube ich«, sagte Mahabat. »Sie war damals siebzehn und noch nicht mit Ali Quli verheiratet, obwohl ihre Verlobung schon geschlossen war.«

Gedankenverloren rieb sich Sharif das Kinn. »Der Mogulkaiser hat versucht, die Verlobung aufzulösen. Und es ist ihm nicht gelungen.«

»Und Jahre später hat er versucht, ihre Ehe für ungültig zu erklären.«

Das war der Zeitpunkt gewesen, als Mogulkaiserin Jagat Gosini sich an Mahabat Khan um Hilfe gewandt hatte. Mahabat war neugierig, und die Aufforderung reizte ihn. Er hatte reagiert. Er brauchte eine Verbündete im Harem des Monarchen, wusste er doch, dass eine Frau von einem Mann alles haben konnte, was sie wollte, wenn er müde war oder eine momentane Schwäche zeigte. Mahabat war also hingegangen, um zu hören, was die Mogulkaiserin zu sagen hatte.

Der Befehl war einfach. Sorge dafür, dass der Mogulkaiser Mehrunnisa vergisst. Er darf sie nicht in seinen Harem holen.