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Entführt. Bedroht. Unfrei – und doch über alle Maßen bewundert … Sachsen, 1689. Die junge Habar und ihr Bruder Ibrahim wurden von einem Soldaten als Sklaven aus ihrer Heimat nach Deutschland verschleppt. Sie haben Glück im Unglück: Noch bevor der lüsterne Widerling sich an Habar vergreifen kann, gelingt es dem Gutsherrn Georg von Hartleben, das Leben der Kinder beim Würfeln zu erspielen. Auf seinem Gut Schwarzenbach stehen die beiden fortan unter Georgs Schutz. Jahre vergehen, und obwohl es Habar als Muslimin unter Christen schwer hat, wird ihr auch Bewunderung entgegengebracht. Denn sie ist nicht nur schön, sondern auch bewandert in der Kalligraphie, die Georg von Hartleben für Fälschungen nutzen will – doch das bringt sie in große Gefahr … Ein opulenter historischer Roman, der nichts beschönigt und auch Fans von Manuela Schörghofer und Brigitte Riebe begeistern wird.
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Seitenzahl: 767
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Sachsen, 1689. Die junge Habar und ihr Bruder Ibrahim wurden von einem Soldaten als Sklaven aus ihrer Heimat nach Deutschland verschleppt. Sie haben Glück im Unglück: Noch bevor der lüsterne Widerling sich an Habar vergreifen kann, gelingt es dem Gutsherrn Georg von Hartleben, das Leben der Kinder beim Würfeln zu erspielen. Auf seinem Gut Schwarzenbach stehen die beiden fortan unter Georgs Schutz. Jahre vergehen, und obwohl es Habar als Muslimin unter Christen schwer hat, wird ihr auch Bewunderung entgegengebracht. Denn sie ist nicht nur schön, sondern auch bewandert in der Kalligraphie, die Georg von Hartleben für Fälschungen nutzen will – doch das bringt sie in große Gefahr …
eBook-Neuausgabe Januar 2026
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in der Verlagsgruppe Random House GmbH
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Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Motive von ideogram.ai/wildesblut sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mm)
ISBN 978-3-69076-888-7
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Kirsten Schützhofer
Historischer Roman
1686–1688
Budin-Ofen, 1686
Der șeytan hatte den Vater getötet. Aus dem Versteck heraus konnte Ibrahim den reglos hingeworfenen Leib sehen, den Kopf, so viel weiter zur Seite gedreht, als es einem lebendigen Menschen möglich war, und das Blut, das von der Halswunde auf den Boden gespritzt war und sich von dort über den Teppich ausgebreitet hatte, beinahe bis hinüber zu dem Vorhang, hinter dem seine Schwester Habar und er kauerten. Das Summen von Fliegen war zu hören. In der Kehle des Jungen stieg ein Würgen hoch, und er hätte das schwarze Geschmeiß gerne verjagt, aber es war ihm unmöglich, sich zu rühren, oder auch nur den Blick abzuwenden. Wie gebannt fixierte er die Stelle, an der der Tote lag. Der Vater hielt die Augen geöffnet, doch nichts regte sich mehr in seinem Gesicht. Leblos war es, auf immer stumm. Keinen Laut hatte der Vater von sich gegeben, als die fremden Barbaren ihn bei seinem Bart gepackt hatten und er hinter ihnen her gestolpert war, während sie ihn lachend und in ihrer hässlichen Sprache grölend durch den Raum zerrten, um dann auf ihn einzuschreien.
Eine Fliege setzte sich auf ein starres Auge des Toten. Ibrahim unterdrückte ein Zittern. Von weiter entfernt hörte er die Stimmen der Barbaren. Ein Gezisch von Schlangen war ihre Sprache, traf das Ohr hart, wie den Körper die Schläge einer Peitsche, Laut um Laut mit einem Krummschwert abgehackt. Eine Bewegung an seiner Seite ließ ihn den Mund auf den Kopf des Mädchens in seinem Arm herabsenken. In seinen bemüht ruhigen Atemzügen vibrierte Habars Haar gegen seine Lippen.
Ruhig, dachte er, bleib ruhig. Noch enger zog er die Jüngere an sich heran, spürte, wie sie trotz der Wärme fröstelte. Nun war er es, der sie beschützen musste, er, der einzige Mann, der geblieben war.
Behutsam legte er eine schmale Hand gegen ihren dunklen Kopf, drehte ihr Gesicht zu seiner Brust hin, streifte über ihr Haar. Im nächsten Jahr würde sie zwölf Jahre alt werden. Ihre Mutter Esme kadn hatte kürzlich bemerkt, dass sie bald eine Frau werde, hatte von Veränderungen gesprochen und neuen Pflichten. Am Anfang des Sommers war das gewesen, als die Belagerung noch nicht begonnen hatte. Habar, erinnerte er sich, hatte ihn an diesem Tag am Arm nach draußen in den Hof gezogen. Zwischen den kleinen Mandelbäumen in ihren verzierten Töpfen hatte sie laut zu lachen begonnen: Sie, eine Frau? Sie, das magere Kind mit den knochigen Armen und Beinen, mit den Knien wie harten Äpfelchen, den Schrammen, dem zerzausten Haar, sie, die so gut reiten konnte wie er, der ältere Bruder – eine Frau?
Eine Frau ... Ibrahim hielt inne, schlang den Arm erneut fest um ihre schmalen Schultern. Sie machte keine Anstalten, sich gegen seine Berührungen zu wehren. Seine Fingerspitzen auf ihren Wangen ertasteten Tränen. Er war überrascht und dankbar, dass sie nicht geschrien hatte, als die Barbaren das Haus gestürmt hatten. Jetzt lauschte er auf das Poltern und Klappern aus den Nachbarräumen, auf die Bande des Mörders, wie sie nach Beute suchte. Auch die Mutter musste tot sein, Esme kadn, anneciğim, die sie beide in den Schlaf gesungen, um deren Wärme sie gewetteifert hatten. Er wollte nicht darüber nachdenken, was diese bunt berockten Fremden ihr angetan haben mochten. Aus dem Nachbarraum waren erst Schreie zu ihnen gedrungen, dann schrille Klagelaute, aber das war nun schon so lange Zeit her, ein Menschengedenken, die längste Zeit, die man sich vorstellen konnte. Ewig.
Verdammte Barbaren. Giaurs. Er konnte sich gerade noch zurückhalten, die Worte zu zischen. In seinem Arm keuchte Habar Tränen gegen seine Halsbeuge. Ibrahim legte zwei Finger auf ihren Mund, machte eine verneinende Bewegung mit der anderen Hand.
Still, Habar, bitte, sei still.
Als habe sie ihn gehört, beruhigte sich der Körper in seinen Armen. Überall aus dem Haus klang das Lärmen der Fremden zu ihnen herüber. Metallenes schepperte, Münzen klirrten. Hin und wieder ertönten Jubelschreie, dann ging etwas zu Boden, etwas zerbrach, begleitet von einem wütenden Ausruf.
Und dann waren die Mörder zurück. Auch hinter dem Vorhang spürte, nein, roch Ibrahim ihre Anwesenheit in diesem säuerlichen, abstoßenden Gestank, den sie ausdünsteten, als handelte es sich nicht um Männer, sondern um alte Schafböcke. Vorsichtig bog er den Hals zurück, um die Schwester anzusehen, berührte seine Nase mit den Fingerspitzen der rechten Hand. Das Mädchen nickte. Nur einen Augenblick später spähte der Junge an dem Stoff vorbei, der ihre Körper verbarg, spürte Habars Beben an seiner Seite, sah die eigene Hand zittern, mit der er sich auf dem Boden aufstützte, um nicht den Halt zu verlieren.
Einer der Männer kniete auf der anderen Seite des Raumes, halb mit dem Rücken zu ihnen. Ibrahim konnte erkennen, wie er die von kostbaren Stoffen umhüllten Kissen, die rund um den niedrigen Tisch mit seinen kunstvollen Einlegearbeiten lagen, auseinanderriss und dann die große, schön geschnitzte Truhe durchwühlte, von deren Inhalt er von Zeit zu Zeit etwas in einem Ledersack verschwinden ließ. Auch den Vater, Hüseyin beğ, hatte er, wohl auf der Suche nach Beute, seiner Kleidung beraubt. Der Kaftan war aufgeschlitzt worden und an den Seiten herabgerutscht, ebenso die Hose. Im Bauch des Vaters steckte der Dolch, den er in seinem Gürtel verborgen gehalten hatte. Gleich, als die Mauern Budins gefallen waren, war er zu ihnen geeilt, bereit, sie mit seinem Leben zu verteidigen, doch es war zu spät gewesen.
Ibrahim starrte den Toten an. Hell setzten sich die von der Sonne verschonten Teile des Körpers gegen die dunkler gebräunten ab. Auch als Berater im Stab von Abd al-rahmman, Pascha von Budin, hatte der Vater stets darauf geachtet, seine Muskeln zu kräftigen. An manchem frühen Morgen hatten sie sich beide mit dem Krummschwert geübt. Hüseyin beğ hatte ihm auch die edle Kunst des Bogenschießens beigebracht und den Umgang mit den Jagdfalken. Seine Augen hatten vor Lebendigkeit geblitzt, wenn sie mit den geliebten Vögeln hinausgeritten waren, denn die haydud, wie man die umherstreunenden Räuber nannte und von denen es hieß, sie fingen brave Reisende ein und verkauften sie auf den Sklavenmärkten, fürchtete der Vater nicht. Mutig war er gewesen, und umso erschreckender wirkten nun der schlaffe, tote Körper, die kraftlosen Schultern, der muskulöse Hals, von einem Säbelhieb fast durchtrennt.
Aufs Neue richtete sich Ibrahims Blick auf die rote Lache, die sich zum Ende des feingeknüpften Teppichs hin, bis kurz vor ihrem Versteck ausgebreitet hatte. Dann huschten seine Augen zurück zu dem Fremden. Der giaur bemerkte nichts. Grunzend widmete er sich seiner gierigen Suche, ein Schwein, das seinen Rüssel in den Boden steckte. Ja, das war er, ein dreckiges Christenschwein. Wie zur Trophäe knüpfte er sich eben ein buntes Tuch um seinen linken Arm. Wenn er sich in Richtung des Vorhangs drehte, konnte Ibrahim sein von roten Flecken verunstaltetes Gesicht sehen. Ein Ruf aus dem Nachbarraum ließ den Mann den Kopf drehen. Auf sein lautes Lachen hin fuhr Ibrahim zurück, beugte sich aber erneut nach vorne.
Der șeytan war zurück. Der Mann, der den Vater getötet hatte, hielt Esme kadns Kleid mit einer Hand hoch und deutete mit der anderen kräftige Brüste an. Der Mann mit dem fleckigen Gesicht sagte etwas in der harten, zischenden Sprache der Fremden, dann brüllten sie beide, als stritten sie miteinander und lachten abermals. Ein dritter Mann kam in den Raum, hielt etwas am Arm schräg nach oben gestreckt, ließ es an langen, dunklen Haaren hin und her baumeln, ein Kopf, ein Frauenschädel, ein schmales Gesicht, die großen Augen halb geschlossen: Esme kadn ... anneciğim ...
Ibrahim spürte eine Bewegung an seiner Seite, ein Beben, dann ein unterdrücktes Keuchen. Habar, nein ... Er wollte ihr die Hand auf den Mund legen, wollte nach ihr greifen, doch der Mädchenkörper entwand sich, glitt davon, wie ein Fisch, der zappelnd aus seinen Händen zuckte. Der Vorhang geriet in Bewegung. Jetzt mussten die Fremden auf sie aufmerksam werden, jetzt war es zu spät. Habar, bitte, sei still, bitte ...
***
Doch Habar schrie. Sie schrie durchdringend und so schrill, dass die drei Männer im Raum wie einer zusammenfuhren. Während sie noch verwirrt um sich blickten, stürzte Ibrahim mit gesenktem Kopf aus dem Versteck hervor, rannte dem Nächststehenden mit aller Kraft gegen die Beine und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Er würde sie ablenken, damit die Schwester fliehen konnte. Jeder wusste, was diese Barbaren mit Frauen und Mädchen taten, dass sie sie schändeten und als Sklavinnen verschleppten.
»Lauf, Habar, lauf!«
Er hatte brüllen wollen, doch seine Stimme überschlug sich. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass Habar von Neuem stumm und schreckensstarr auf dem Boden kauerte. In die Fremden kam Bewegung. Der zuletzt Gekommene ließ den Kopf der Mutter fallen. Beim Versuch, an der Leiche seines Vaters vorbeizugelangen, rutschten Ibrahims nackte Füße in die Blutlache. Er drohte zu fallen, hatte sich eben gefangen, als ihn eine Hand beim Genick packte. Mit einem Ruck wurde er herumgerissen. Kräftige Finger umfassten sein Kinn, drückten unbarmherzig zu und zwangen ihn, in ein bleiches Gesicht zu blicken.
Die Augen des șeytans waren hell, wie Eis aus den Bergen. Seine Augenbrauen waren kaum zu sehen, die Haut glänzte rötlich. Er sagte etwas. Ibrahim zappelte, konnte sich aber nicht aus seinem Griff befreien. Der kleinere Mann an der Seite des șeytans, dessen Gesicht von roten Pusteln übersät war, lachte auf. Der Dritte warf etwas mit quäkender Stimme dazwischen und deutete in Habars Richtung.
Lauf, Habar, lauf!
Ibrahim versuchte, den Blick der Schwester zu fangen. Die sah durch ihn hindurch. Auf Knien war sie ein Stück weitergekrochen, presste nun die Hände ins Blut des Vaters. Der șeytan sagte etwas, lachte dann ebenfalls und ließ Ibrahims Kinn los. Jetzt hielt ihn der Mann mit den Pusteln fest im Griff, während der șeytan seinen Fang betrachtete.
Flieh, Habar!
Ibrahims Gedanken rasten, seine Augen huschten hin und her, dann spannte er kurz entschlossen den Körper an, spitzte die Lippen und rotzte dem șeytan den Inhalt von Mund und Kehle mit aller Kraft entgegen. Der Fausthieb traf ihn nur einen Atemzug später, ließ ihn durch den Raum schleudern, bevor er zu Boden krachte. Stöhnend versuchte Ibrahim sich aufzurappeln, aber da war schon der Mann mit den Pusteln über ihm, hielt die Säbelspitze an seinen Hals. Das Metall ließ den Körper des Jungen steif werden, sein Unterleib krampfte sich zusammen. Die Decke über seinem Kopf begann sich zu drehen, erst langsam, dann schneller und schneller. Etwas Saures drang in seinen Mundraum vor, er zwang es hinunter. Kurz leuchtete es weiß vor seinen Augen auf, dann war es vorbei, und er sah alles so deutlich, wie in der erbarmungslosen Mittagssonne eines heißen Sommers.
Der Mann mit der quäkenden Stimme hob ein Stück Stoff vom Boden auf und reichte es dem șeytan, der wortlos die Spucke von seiner Brust rieb. Auf seinen Zuruf hin drückte der Mann mit den Pusteln den Säbel fester gegen Ibrahims Hals. Stocksteif lag der Junge da, ließ den șeytan nicht aus den Augen, der dem Pustelmann etwas zubellte. Als der Mann den Säbel zum Schlag hoch über den Kopf hob, wurde es feucht in Ibrahims Hose, dann lag ein schmaler Körper über ihm hingestreckt. Dunkle Locken streiften über sein Gesicht, Habars Stimme war zu hören. »Allah ist groß. Allah ist allmächtig. Allah wird uns beschützen. Inshallah.«
***
Die Sonne stand tief, überzog die Umgebung am Fuß des Burgbergs mit einem rotgoldenen Schleier und zeichnete die Spuren der Verwüstung weicher. Die Schlacht war vorüber, schon war der Prinz Commercy mit der Siegesbotschaft aufgebrochen. Über der zerstörten Stadt stieg noch immer Rauch auf, längst nicht alle Brände waren gelöscht worden, und doch schwärmten hier oben unablässig Soldaten auf der Suche nach Beute durch die Gassen, während sich andere am Flussufer versammelt hatten, um dem Wasser grölend die Leichen ihrer ausgeplünderten, getöteten Feinde zu übergeben.
Es war vorbei. Der Donau-Strom, der einen einfachen Reisenden binnen einer Woche nach Wien bringen konnte, glitzerte in den Sonnenstrahlen des späten Nachmittags. Man schrieb den 2. September 1686. Georg von Hartleben ließ die Augen schmaler werden. Es war nicht leichter geworden, auch wenn er diesen Wechsel aus Kampf und Tod nun schon seit Jahren sein Leben nannte. Zwar wurde ihm nicht mehr übel wie anfangs noch, aber das Gemenge aus Dreck, Blut und dem nicht endenden Stöhnen der Sterbenden und Verwundeten verfolgte ihn auch heute noch bis in den Schlaf. Der Schmerz mochte sich zurückziehen, aber er blieb da, immer bereit, ihn zu den ungünstigsten Gelegenheiten zu attackieren.
Auf ein gurgelndes Geräusch hin drehte er den Kopf. Wenig entfernt hielt ein junger Brandenburger einen blutigen Uniformrock fest gegen seine Brust gepresst und würgte den Schrei, der ihm in der Kehle sitzen musste, herunter. Georgs Fingerspitzen krallten sich fester in den Mauerfirst vor ihm. Wo man auch hinblickte, war Zerstörung. Auch dieser Wall hatte die Menschen der Stadt nicht retten können, und er hatte über die Monate der Belagerung unzähligen der eigenen Soldaten das Leben gekostet.
Vorübergehend konnte er dem Gefühl der Trauer nichts entgegensetzen. Seit Anfang des Sommers waren sie hier, kämpften und krepierten und verreckten in der Sommerhitze. Vielleicht waren es die Leichenberge in der Stadt, die die Erinnerungen daran umso stärker in ihm hochgetrieben hatten, die toten Kameraden, die Leichen der Stadtbewohner – Männer, Frauen und Kinder –, an denen man sich für eine zu lange, zu verlustreiche Belagerung gerächt hatte.
Ein leises Scheppern störte seine Aufmerksamkeit. Sein treuer Diener Hanns Nussbaum näherte sich ihm, eine Kupferkanne in der einen Hand haltend, den Sack mit den Beutestücken in der anderen schwenkend.
»Ihr könnt zufrieden sein, Herr!«
Georg nickte. Er konnte nichts sagen. Neue Bilder stiegen in ihm auf: das Gesicht der toten Frau aus den Gassen der Stadt, die, auf dem Bauch liegend, die Beine angewinkelt, die Arme zu ihrem wenige Schritte entfernten Säugling hingestreckt hatte. Verdammt, er wollte nicht mehr an sie denken.
Ein neuerliches, heiteres Lärmen drang zu ihnen. Spätestens, wenn die Dunkelheit hereinbrach, würden erste Tauschgeschäfte mit Handschlag beschlossen werden.
Er seufzte. Die Haare der toten Frau waren hell gewesen, weißblond, so wie die seiner Frau Theodora. Und die Karls, des gemeinsamen Sohnes. Georg spreizte die Finger und rieb sich über das Gesicht. Als er fortgegangen war, war das Kind gerade acht Jahre alt gewesen, und er hatte ihm ein neues Pony geschenkt, das er beim Glücksspiel gewonnen hatte. Vor seinem inneren Auge mischte sich Theodoras Gesicht mit dem der toten Frau und ihres Säuglings, dann schoben sich Karls Gesichtszüge dazwischen, dann wieder die der Toten. Er ließ die Hände sinken, schloss die Augen, um das Bild zu vertreiben, und doch blieb es da. Er öffnete sie, und es war immer noch da. Wieder schepperte es: Geschmeide, ein ziselierter Krummdolch, eine Kupferkanne, Weißlinge, kostbare Stoffe und vieles mehr.
Nein, er war kein feiger Mann. Wenn es galt, eine Mauer zu erstürmen oder eine Bresche in die Linien des Feindes zu schlagen, war er stets vorne dabei gewesen. Furchtlos hatte er geholfen, Wien vom anstürmenden Heer Kara Mustaphas zu befreien. Er hatte sich dem Christenheer angeschlossen und kein Verzagen gekannt, doch in den letzten Wochen hatte sich etwas geändert. Da war dieser Junge gewesen, aus einem Dorf, das er kannte, dem eine Kugel die Bauchdecke aufgerissen hatte und der trotzdem nicht hatte sterben wollen. Stunden, so kam es ihm vor, hatte er neben dem Lager des Verletzten zugebracht, hatte den Feldscher um Erlösung angefleht. Nichts zu machen, hatte der Mann gesagt, wir müssen beten und ihn der Gnade Gottes überlassen.
Gottes Gnade – er brachte die Worte nicht über die Lippen. Er hatte neben dem wimmernden Kind ausgeharrt, bis der Herr es endlich zu sich nahm, und die ganze Zeit über hatten sich das Stöhnen des Jungen mit dessen munterer Stimme aus seiner Erinnerung untrennbar miteinander verwoben: Wie schön war es, in die Welt hinauszufahren. Wie schön war es, die Türken das Fürchten zu lehren und die Christenheit vom Joch der Ungläubigen zu befreien. Ob der Herr von Hartleben glaube, dass man bis nach Konstantinopel vordringen werde? Er habe so viel von dieser Stadt gehört, die man, Gott sei’s geklagt, an den Muselmanen verloren habe. Die Stadt am goldenen Horn hieß man sie, ein Ort voller Pracht und Reichtum und ansehnlicher Weiber, von denen die schönsten im Harem des Türkenkaisers eingesperrt waren.
Warum nur ließ Gott so etwas zu? Warum lagen Glück und Leid beieinander wie ein Liebespaar? Georg drehte sich zur Seite, spie aus, bevor er mit müden Bewegungen einen Schmutzfleck von seinem Ärmel zu entfernen suchte. Zum Erbarmen erschöpft war er, für Dankbarkeit zu müde, aber auch diese Schlacht war vorbei, er lebte und würde sich sicherlich bald daran freuen.
Und jetzt würde ja alles anders werden. Unwillkürlich wanderte seine Hand zur linken Brustseite, wo es unter dem Stoff der Uniform leise knisterte und raschelte. Gestern war der Brief eingetroffen, noch am Vorabend der Erstürmung, und hatte die Nachricht gebracht: Alexander, der Bruder, war tot; vom Pferd gestürzt, das Genick sauber gebrochen, jede Hilfe zu spät und zwecklos.
Hatte er während des heutigen Kampfes Furcht verspürt, zum ersten Mal, seit er denken konnte? Nein, der Degen hatte immer noch unweigerlich sein Ziel gefunden, wie der Wolf den Nacken des Opfers. Der Bruder war tot. Er seufzte. Der Bruder war tot, und er ein gemachter Mann, etwas, was er sich nie zu träumen gewagt hatte. Es war vorbei. Der verlorene Sohn kehrte heim. Nun gab es kein Suchen nach Beute mehr, um aus eigener Kraft bescheiden ein paar gute Jahre zu leben. Nun würde er sich auf das Gut zurückziehen, das Alexander ihm zum Abschied in Wien versprochen hatte. Für einen kurzen Augenblick starrte er seinen Diener Hanns Nussbaum an, der dem jungen Heißsporn Georg so oft das Mütchen gekühlt hatte. Mit einem leichten Grinsen auf den Lippen holte der einen weichen Lederbeutel hervor und ließ die Münzen darin klirren.
»Gute Beute, Herr, nun seid Ihr wahrhaftig kein Habenichts mehr.«
Georg nickte. Hanns durfte das sagen. So hatte er sich selbst oft genannt, einen Habenichts, einen Glücksritter. Nun würde er nicht mehr mit leeren Händen dastehen, würde die Geschenke für seinen Sohn nicht mehr beim Spiel gewinnen müssen, etwas, für das ihn Theodora immer verachtet hatte. Er konnte immer noch nicht glauben, dass Gott ihm diese Gelegenheit bot. Er konnte immer noch nicht glauben, dass Alexander tot war. Seit jenem elenden Jahr 1683 hatten sie einander nicht mehr gesehen, nicht seit dem Tod der Schwägerin und der kleinen Nichte.
Aurora, die Morgenröte. Alexander, der Große. Er versuchte, sich das Bild des Bruders in Erinnerung zu rufen: kräftig und gewitzt, strahlend blond wie die Sonne, ein Mann, der von allen geliebt wurde.
Zurück nach Hause müsse er kommen, so schnell es ginge, hatte ihm der Verwalter geschrieben. Fast ein halbes Jahr lang war der Brief unterwegs gewesen, war ihnen hinterhergereist, auf falschen Fährten gelandet, als könne ihm das Glück nie auf geradem Wege begegnen. Aber so, wie es aussah, war dies der letzte Tag seines alten Lebens. Nach so langer Zeit hatte Fortuna endlich ein Einsehen. Morgen früh würden sie abreisen, die Briefe, die seine Rückkehr forderten, waren übergeben, der Abschied gewährt. Er blickte den alten Diener an, dessen lederartige Haut, von zahlreichen Falten durchzogen war und dunkel gebrannt von der Sonne: »Wir gehen nach Hause, Nussbäumchen, freut er sich?«
***
Habar hatte die Beine an den Leib gezogen und hielt sie mit den Armen eng umschlungen, so dass ihr Körper ein kleines Paket bildete, dem kein Laut und keine Regung entkommen konnte. Das Blut des Vaters klebte an ihren Händen, sie hatte keine Gelegenheit gefunden, es abzuwaschen, und eigentlich wollte sie das auch gar nicht. Sie wollte nicht vergessen: sein Lächeln, die Wärme seiner kräftigen Arme oder die Art, wie er von der Mutter gesprochen hatte.
Anneciğim, dad, baba, wäret ihr doch nur hier. Ich vermisse euch. Sie biss die Zähne aufeinander. Mit einer entsetzlichen Explosion, von der ihnen noch lange die Ohren gedröhnt hatten, hatte der Sturm der fremden Barbaren begonnen. Nun war alles anders. Man hatte sie aus ihrem Haus fortgebracht, fort von dem Ort, wo der Kanonendonner allgegenwärtig gewesen war, das Geschrei der Verwundeten, die nervösen Stimmen von Männern, die sich zur Beratung versammelten. Hier, im Gefangenenlager, waren sie allein.
Habar drehte den Kopf. Ibrahim hatte sich auf dem bloßen Boden neben ihr ausgestreckt und gab vor, zu schlafen. Ab und zu hörte sie einen zitternden Ton in einem seiner schweren Atemzüge. Die linke Seite seines Gesichts, die Stelle, wo ihn der giaur erwischt hatte, war angeschwollen. Spätestens morgen würde sich die tiefe Rötung bläulich verfärben.
Seit sie hierhergebracht worden waren, war es niemals still gewesen. Irgendwo sprach immer jemand. Jemand schrie und wurde beruhigt. Jemand weinte. Stimmen von Frauen waren zu hören, von Kindern, vereinzelt Männerstimmen. Sie drehte den Kopf weiter, bis es schmerzte. Jetzt, da es dämmriger wurde, konnte man den Fleck kaum noch sehen, dort, wo der Bruder seine Hose besudelt hatte. Wieder wurden seine zitternden Atemzüge lauter, er drückte die Faust gegen seinen Mund. Er wollte nicht weinen. Sie konnte es nicht.
Anneciğim, dad, baba ... Sie reckte das Kinn vor. Wenn sie die Luft tief einsog, stieg Schweißgeruch in ihre Nase, eine dumpfe und zugleich scharfe Ausdünstung von Angst, die über den Köpfen der Gefangenen schwebte und längst auch in ihrer Kleidung hing. Sie fragte sich, ob ihnen die giaurs Wasser geben würden, damit sie sich waschen konnten. Sie fragte sich, ob sie wissen würde, wann es Zeit für das nächste Gebet war und in welche Richtung sie sich verneigen musste. Seit diesem Morgen war alles anders und stand auf dem Kopf. Alles war Angst.
Ein Windhauch ließ sie frösteln. Ihre Kleidung war nicht dazu gemacht, die Nacht im Freien zu verbringen. Das gömlek, das dünne Hemd aus Baumwolle, entari und șalvar wärmten so wenig, wie ihre șișip, die weichen, leichten Pantoffeln, die für den Hausgebrauch hergestellt worden waren. Sie hatten weder Decken noch Umhänge. Trotzdem versuchte sie, nicht zu zittern, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, denn immer wieder bahnten sich die Fremden Wege durch die in Grüppchen kauernden Gefangenen. Immer wieder unterbrachen ihre harschen, unschönen Laute Gebete, Weinen, Stimmen, die einander Trost spendeten. Manchmal blieb einer der fremden Männer stehen und starrte eine der Frauen an. Manche wurde gepackt und fortgeschleift. Jedes Mal krampfte sich Habars Magen zusammen, auch jetzt, als sie die Gestalt bemerkte, die, ohne nach rechts oder links zu blicken, auf Ibrahim und sie zusteuerte. Unvermittelt drückte sie das Gesicht fester gegen die Knie, schob die Finger unter die Schuhsohlen, berührte mit den Daumen die Pantoffelspitzen.
Nicht auffallen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hätte sie gerne etwas gehabt, um ihren Kopf zu bedecken. Zum ersten Mal wäre sie gerne im haremlik, dem Bereich der Frauen, gewesen, abgeschirmt und sicher in einem Haus, hinter einem Fenster, welches das Innere durch ein kunstvoll geschnitztes Holzgitter von der Außenwelt trennte. In ihrer Erinnerung tanzten Schatten aus Blumenranken im Wind, patschten die nackten Füße der Mutter über weißen, glatten Marmor und die Seide ihres Gewandes raschelte, als sie sich zu ihrer Tochter herabbeugte und diese mit dem Duft von persischem Rosenöl überströmte.
Am Anfang dieses Sommers war sie glücklich gewesen. Nun rissen sie laute, fremde Stimmen aus den Gedanken. Je näher der Mann kam, desto unzweifelhafter erkannte sie ihn: Es war einer der giaurs aus dem Haus, einer der Männer, die sie für den Rest ihres Lebens hassen würde. Sie spürte, wie sich ihr Körper versteifte, wie sie ihre Fußspitzen noch fester umklammerte und in Richtung ihrer Schienbeine drückte. Dann stand der Mann mit der rotfleckigen Gesichtshaut über ihr, packte sie grunzend beim Oberarm, zerrte sie auf die Füße. Ihr verschreckter Laut ließ Ibrahim aufspringen. Ein Flackern im Blick wollte er nach ihrem Arm greifen, wollte sie festhalten, gegen allen Widerstand. Doch sie schüttelte den Kopf, ließ ihn in der Bewegung erstarren. Der Fremde bellte etwas und nickte dem Bruder zu, bevor er sie hinter sich her zog. Zunächst stand Ibrahim wie betäubt, dann folgte er ihnen.
***
Hinnerk Knaup sah zu, wie Beckmanns fleischige Finger die Würfel in den Becher beförderten, wie er die Hand darüberlegte und kräftig schüttelte, bevor er einen Kuss auf das Leder des Bechers schmatzte. Korporal Knaup, er lachte unhörbar, ja, wenn man ihn zum Sergeanten machte, dann wollte er aufhören mit dem Spielen, Huren und Saufen. Heute aber brauchten sie alle Erholung, heute sollten sich alle etwas vom Leben nehmen, ob es nun die hohen Offiziere in ihren feinen Zelten waren oder die einfachen Soldaten hier unten.
Endlich kehrte Beckmann den Würfelbecher um. Leise klackend rollten die Würfel über den Tisch, wurden Augen gezählt, wurde geflucht, und schon war die Reihe erneut an ihm. Er würde Beckmann den Arsch aufreißen, wenn der Jüngere zu gewinnen wagte, würde ihm die Gedärme aus dem Maul herauszerren. Aber gerade lief es gut wie nie zuvor, er hatte Beckmann bereits all seine Münzen abgenommen. In den nächsten Runden würden sie um kleinere Dienste spielen, um Erleichterungen des Alltags, um Essen, Alkohol und Tabak.
Mit einem Ruck zog Knaup die kleine Türkin an seine Seite. Seit man sie aus dem Haus fortgebracht hatte, zeigte sich das Mädchen abweisend. Aber Mut hatte sie bewiesen, zweifelsohne. Er wickelte eine Locke ihres langen Haars um seinen Zeigefinger, riss daran, so dass es gerade ein wenig schmerzte, sah Tränen in ihre Augen schießen. Gut, dass er dem Jungen nicht die Kehle aufgeschlitzt hatte. Sicherlich ließ sich mit den beiden gutes Geld verdienen: ein Pärchen, kräftig und gesund, dunkel und fremdländisch, noch jung und damit formbar, aber alt genug für harte Arbeit. Gute Beute wollte er das nennen, Gott sei’s getrommelt und gepfiffen, deren Erlös seine stets hungrige Geldkatze füllen würde.
Er warf einen kurzen Blick auf den Jungen. In seiner Kehle stieg ein glucksendes Lachen hoch. Scheitan, hatte der Bursche ihn genannt, das hatte er verstanden. Und ja doch, er war ein Teufelskerl. Grinsend schaute er das Mädchen an. Die Kleine war doch ein recht niedliches Ding. Ebenso schwarzhaarig wie der Junge waren ihre Augen dennoch weniger dunkel. Ihre Gestalt war schmal, aber in ein paar Jahren mochte sie zu einem hübschen Weib heranreifen; so ansehnlich ein kleines Türkenmädchen eben werden konnte, er hatte ja schon ein paar jeden Alters gehabt.
Zufrieden lehnte er sich zurück. Wahrlich, der Acker war gut bestellt; mit dem, was die Plünderung des Hauses eingebracht hatte, würde er sich ein paar gute Wochen gönnen. Was nützte es zu sparen, wenn man morgen schon tot sein konnte? Er machte sich nichts vor. Mit dem Sterben ging’s oft schneller, als einem lieb war. Erst heute hatte er es gesehen, in den Gassen Ofens, wo der Schnitter reiche Ernte gemacht hatte: Leichen über Leichen, Türken und Juden, Männer, Frauen und Kinder, sämtlich der Wut der Angreifer zum Opfer gefallen.
Er fuhr dem Mädchen mit gespreizten Fingern durch die Locken, ließ dann den Daumennagel der rechten Hand über ihre Wangen gleiten, zog endlich ihr energisch abgewandtes Gesicht am Kinn zu sich herum und bemerkte, mehr belustigt, das wütende Funkeln in ihren Augen. Als sie die Lippen spitzte, um ihn anzuspucken, hob er warnend die Hand. Im selben Moment rief der Junge ihr etwas zu, worauf ihr Mund sich entspannte, die Wut in ihrem Blick erlosch und bemühter Gleichgültigkeit wich.
Potztausend, eine kleine Teufelin, in der die Furcht hockte. Bis der Abend vorbei war, würde er sie noch viel mehr davon lehren. Mit einem Ruck zog er sie auf seinen Schoß. Ja, jetzt spürte sie es, spürte wie seine Männlichkeit unter ihrem kleinen Po wuchs und gegen ihren Körper pulste. Sie spannte jeden Muskel an. Auch der Junge ging in Stellung. Knaup sah es, denn er ließ ihn nicht aus den Augen, bedeutete Beckmann mit einem Kopfnicken, auf den kleinen Satan Acht zu geben, während die eigene, rechte Hand nach der Brust der Kleinen tastete.
Flach, fuhr es ihm durch den Kopf, während er über ihre Brustwarzen rieb. Die geballten Fäuste des Jungen ließen ihn grinsen. Dann rollten von Neuem die Würfel und forderten all seine Aufmerksamkeit. Seine Hände wurden feucht. Er hielt die Luft an, atmete aus: gewonnen, wieder einmal. Fortuna liebte ihn. Er nahm die Hand von der Brust des Mädchens und grub sie tief in ihren Schoß hinein.
»Nichts dran!«, bemerkte er lachend zu Beckmann hin, während er mit der freien Hand nach dem Würfelbecher griff. Sie versuchte, ihre Schenkel zusammenzupressen, er zwang sie auseinander. Er war ihr Herr und würde keine Gegenwehr dulden. Für eine Weile ging es hin und her, dann hörte er sie leise schluchzen, saugte die herbeigesehnten Laute in sich ein, genoss sie wie süßen Balsam, wie ein gutes Bier, wie seine Gewinnsträhne. Ein Gefühl der Zufriedenheit breitete sich in ihm aus, das ihm keine Hure geben konnte; nur ein Mädchen wie dieses, nur diese kleine Teufelin. Er drehte ihr Gesicht zu sich hin, um sie zu küssen. War sie eben noch wie erstarrt gewesen, zappelte sie nun heftig. Gerade noch gelang es ihm, die zur Kralle gekrümmten Finger ihrer rechten Hand von seinem Gesicht wegzuschlagen.
»Ha!« Er drückte ihr Handgelenk zusammen, aber sie hörte nicht auf zu kämpfen. Er stieß sie von sich, drehte ihr einen Arm auf den Rücken. Sie schrie durchdringend, gab aber nicht auf. Wütend bog er den Arm weiter nach oben, bis sie zu kreischen begann. Noch ein Stückchen weiter und noch ein Stückchen. Sie heulte wie ein verwundetes Tier. Er würde dem verdammten Biest schon zeigen, wer der Herr war. Wenn er mit ihr fertig war, würde sie sich wünschen, sich niemals widersetzt zu haben.
»Wie viel willst du für sie?«
»Was?«
Knaup ließ den Arm des Mädchens los und schaute aus zusammengekniffenen Augen in das braunledrige Gesicht des Mannes, der wie aus dem Nichts neben ihrem behelfsmäßig aus Steinen und einem Brett errichteten Tisch aufgetaucht war. Als könnten ihre Beine ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen, gaben die Knie der Kleinen nach, und sie sank in sich zusammen. Leise schluchzend rieb sie sich den Arm, den Kopf tief herabgesenkt, so dass ihr Haar wie ein Schleier vor ihr Gesicht fiel. Beckmann, der den Jungen in Schach gehalten hatte, bedeutete jenem mit wachsam erhobenem Säbel, sich neben das Mädchen zu kauern. Unwetterblicke aus schwarzen Augen, durchzogen von Blitz und Donner, trafen erst ihn, dann Knaup. Das Gemurmel rings um sie, bemerkte der, flaute kurz ab und schwoll an, als er einen scharfen Blick in die Runde warf. »Was gibt’s denn da zu glotzen?«
Die meisten wandten sich auf seinen Zuruf hin ab, widmeten sich erneut den eigenen Geschäften, drehten dem weiteren Geschehen den Rücken zu.
»Mein Herr lässt fragen, wie viel du für die Kinder willst?«, fragte der Fremde.
»Dein Herr?«
Der Braunledrige nickte in eine Richtung. Hinnerk Knaup sah ein junges Gesicht im Schein einer Öllampe, halblanges, dunkelblondes Lockenhaar, und lächelte. Sie hatten einander heute schon gesehen, dort hinten, beim Beute machen, in den Straßen von Ofen. Eine tote Frau war da gewesen mit ihrem Säugling. Sicher erinnerte sich der Mann nicht, solche wie der erinnerten sich nie. Für solche wie ihn war man »er dort« und namenlos. Aber er war kein Offizier, möglich, dass er zu den jungen Adligen gehörte, die daheim nichts zu verlieren hatten, und hier auf ihre Gelegenheit hofften. Eilig stand er auf und erwies dem Fremden seine Reverenz, ließ dann einen abschätzenden Blick über das Gesicht des Dieners huschen. Ein altes Gesicht, dachte er, faltig, der Blick eines Tölpels, dem die Wachsamkeit des Überlebens fehlt.
»Spielt dein Herr?«
Ein Schatten des Unmuts glitt über das Gesicht des Braunledrigen. Sicher war ihm die ungeheure Glückssträhne nicht entgangen, dachte Knaup, und wenn doch, so wollte er ihm die Kunde am liebsten entgegenschreien, aber er beherrschte sich, denn heute liebte ihn Fortuna, heute verließ sie ihren treuesten Anhänger nicht. Er hob die Augenbrauen.
»Also, spielt er?«
Der Diener schaute zu Boden. »Der Herr wollte damit aufhören. Die Herrin sieht es nicht gerne.«
Damit aufhören! Knaup unterdrückte ein Grinsen. Kein wahrer Spieler konnte jemals damit aufhören, und wenn er diesen Mann dort drüben sah, so sah er nichts weniger als einen solchen. Allein wie er die Hände bewegte, rasch und nervös, als fühle er schon Würfelbecher und Würfel zwischen den Fingern. Zweifelsohne waren seine Handflächen feucht, sicher sträubten sich ihm schon die Haare, und eine Stimme in ihm flüsterte: Ein Spiel, ein Spielchen nur.
»Ein Spiel, wenn er sie will.«
Knaups Augen glitten über die abgetragene Kleidung des Dieners: ein alter Rock, abgeschabte Kniehosen. Er bemerkte, wie sich der Mann mit einer Hand den mageren Bauch kraulte. Bestimmt hatte er schon unter den Eskapaden seines Herrn zu leiden gehabt, wenn der sogar das Essen verwettet hatte. Knaup kannte solche, die nicht aufhören konnten, wenn es Zeit war. »Geh, frag ihn!«
Er beobachtete, wie der Mann zurück zum Tisch seines Herrn ging, verfolgte den kurzen Wortwechsel, sah die beiden auf sich zukommen. Die zweite Reverenz an diesem Abend verbarg das aufflackernde Begehren in seinen Augen. Spielen würden sie, und er würde gewinnen.
»Hinnerk Knaup, zu Euren Diensten.«
»Georg von Hartleben. Korporal!«
Der Herr von Hartleben nickte ihm zu, zog einen Beutel hervor, ließ Münzen auf das Brett klimpern, das als Tisch diente. Knaup schüttelte den Kopf.
»Ich bitte Euch! Ich habe noch niemals mit einem von Euch gespielt. Gönnt mir also das Vergnügen und danach verhalten wir uns wie Ehrenmänner. Schlagt Ihr ein?«
Er streckte die Hand aus. Sein Gegenüber verzog keine Miene. Ein leiser Schauder überlief Knaup, seine Beine zitterten, so dass er die Knie fest durchdrücken musste. Plötzlich gierte er danach, das Geräusch der über den Tisch rollenden Würfel zu hören. Plötzlich verlangte es ihn jetzt sofort nach jenem Moment auf Messers Schneide, wo es innerhalb eines Augenzwinkerns gewonnen oder zerronnen hieß. Kurz warf Hartleben einen Blick auf die Kinder, dann schlug er ein.
»Wir müssen spielen, nicht wahr, Herr Korporal? Auch wenn’s der Herr nicht gerne sieht, wie man sagt.«
»Der Herr wird für uns arme Sünder ein Auge zudrücken, Herr von Hartleben.«
»Gut gesprochen.«
Sie sahen einander an, und jetzt hatte Knaup Gewissheit. Es war das Strahlen im Blick des Anderen, das den wahren Spieler ausmachte, jenen, der nicht aufhörte, wenn ihn das Glück am Kragen packte und der sich ein Liedlein pfiff, wenn ihm Frau Pech ins Gesicht spuckte. Auf ein Kopfnicken holte der Diener einen Würfelbecher hervor. Hartleben ließ ihn kippen und sorgsam gearbeitete, elfenbeinfarbene Würfel auf den Tisch purzeln, rief »Lasst das Spiel beginnen!« und warf schon die erste Runde. Eine niedrige Zahl, aber nicht zu niedrig, um der Situation die Würze zu nehmen. Hinnerk Knaup spürte, wie seine Hände feucht wurden, schüttelte den Becher, ließ die Würfel rollen und jubelte aus voller Kehle.
***
Die begeisterten Rufe der Spieler draußen ließen Charles Herbel innehalten. Seufzend schüttelte er den Kopf, las das Geschriebene, während er die folgenden Zeilen im Geiste formulierte: »Ofen wurde eingenommen und der Plünderung preisgegeben. Die Soldaten begingen dabei tausenderlei Exzesse ...« Er tauchte die Feder in die Tinte. »Aufgebracht wegen das langen und hartnäckigen Widerstands, der eine erstaunliche Menge ihrer Kameraden das Leben gekostet hatte, sahen sie weder auf Alter noch Geschlecht«, schrieb er weiter und fügte hinzu: »Der Kurfürst von Bayern und besonders mein Herzog von Lothringen, in dessen Gefolge ich reise, durch das Seufzen der Männer, die man umbrachte, und der Weiber, die vergewaltigt wurden, gerührt, erteilten so gute Ordres, dass dem Morden Einhalt geschah und noch einige Türken am Leben blieben.«
Er legte die Feder zur Seite und stützte den Kopf in die Hände. Da, zwischen seinen Fingern, mit denen er sanft seine Schläfen massierte, pulsierte es, doch die Bilder wollten einfach nicht weichen. Vielleicht später, vielleicht wenn er alles, was dort in seinem Schädel war, auf die Leinwand gebannt hatte? Unter seinem achtlos hingeworfenen Rock holte er verschmutzte Skizzenblätter hervor. Womöglich würde man es ihm leiden, aber heute sah er keine Triumphgebärden und keine Helden. Den Tod hatte er gesehen, das Schlimmste, was Menschen einander antun konnten. Während er gegen die Zeltwand starrte, sah er das Bild vor sich, das er noch nicht gemalt hatte. Er sah die fahle Dämmerung dieses Tages, brennende Häuser, Rauchwolken, die den Himmel verdunkelten und inmitten dieses gespenstisch stillen Infernos die nackten Leiber der Leichen. Er sah Soldaten, die Toten wie Lebenden die Kleider vom Körper rissen, die Männer, Frauen und Kinder ohne Unterschied niedermetzelten; sah Menschen, die aus ihren Häusern gezerrt wurden, Soldaten, die Beute wegschleppten oder da und dort auf einen sich noch regenden Türken einschlugen, Soldaten, die herrenlosen Pferden nachjagten, vorne ein vornehmer Türke, der gefangen abgeführt wurde. Als er die Augen öffnete, fröstelte er. Dann begann er zu zeichnen.
***
Hinnerk Knaup zählte die Augen einmal und noch einmal, aber es war und blieb dabei: verloren, alles verloren – das Mädchen und gleich noch den Jungen dazu. Warum hatte er nicht aufgehört im rechten Moment? Ihm wurde eiskalt. Wo war nur sein Glück geblieben? An welcher Stelle hatte sich Fortuna gegen ihn gewandt? Wie von einer unsichtbaren Schnur gezogen, richtete sich sein Blick auf den Herrn von Hartleben, der eben die kleine Türkin musterte. Sein Diener, dieser Hanns Nussbaum, reichte seinem Herrn den Würfelbecher zurück, den dieser umgehend verstaute. Ein blasses Abbild von Wut huschte über Knaups Gesicht, die er sofort unterdrückte, als sich Hartleben ihm zuwandte. Indem er ihn genauer betrachtete, bemerkte er, dass der Mann nicht mehr so jung und unerfahren war, wie er auf den ersten Blick gewirkt hatte. Nein, das Leben hatte sich längst in feinen und auch tieferen Linien in sein Gesicht eingeprägt, auch wenn er auf seine Weise zu jenen Menschen gehörte, die sich womöglich stets eine gewisse unschuldige Jungenhaftigkeit bewahren würden.
Er hat mit mir gespielt. Er hat mich betrogen. Knaups Augenbrauen zogen sich enger über der Stirn zusammen. Dabei ging es den Herren doch gut. Sie nahmen sich, was ihnen gefiel und ließen den Dreck für die anderen zurück. Hartleben bedeutete dem Jungen aufzustehen. Knaup räusperte sich. »Wollt Ihr kein Erbarmen zeigen?«
Mit fragender Miene drehte sich der feine Herr zu ihm hin. Knaup hielt seinem Blick stand.
»Solche wie wir haben’s nicht leicht. Mein Bestes hab ich nun verspielt.« Und indem er die Schultern hob, fuhr er fort: »Ohne Zweifel meine eigene Schuld, aber da Ihr so viel gewonnen habt, da könntet Ihr ...«
Er presste die Lippen aufeinander. Er hasste den weinerlichen Tonfall seiner Stimme. Er hasste es, hier zu stehen und zu betteln. Er war Korporal, einer der Befehle gab. Einer, der es aus dem Dreck seines Elternhauses bis zum einfachen Offizier gebracht hatte, und der es eines Tages noch weiter bringen würde.
Hartlebens rechte Augenbraue zuckte ganz leicht. Zum zweiten Mal an diesem Abend warf er den Beutel auf den Tisch. Auf Knaups Nicken hin begutachtete Beckmann dessen Inhalt und pfiff leise durch die Zähne.
»Solche wie wir müssen sehen, wo wir bleiben«, fuhr Knaup fort.
Um Hartlebens Mund grub sich Verachtung ein, dann legte er noch zwei Ringe dazu.
»Hat er damit genug?«
Knaup verbeugte sich.
»Hast du nicht gesagt, die zwei würden uns was einbringen?«, fragte Beckmann, als sie gemeinsam Herrn und Diener hinterherblickten. Laut stieß Knaup den Atem aus und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine zitternden Hände ballten sich zu Fäusten. Am liebsten hätte er dem jungen Mann an seiner Seite in die dumme Fratze gehauen, aber er tat es nicht, schwieg stattdessen und schwor sich zum wiederholten Mal, nie wieder zu spielen. Vor allem aber würde er die beiden dort niemals vergessen.
***
An Georg von Hartlebens Seite kauernd hielt sich Hanns Nussbaum am Bootsrand fest und spähte zu dem kleinen Fischerdorf hinüber, welches auf der rechten Flussseite im Abendsonnenlicht lag. Der Kapitän und seine Mannschaft hatten sich zurückgezogen, ab und zu waren ihre Stimmen zu hören. Die anderen Mitreisenden – zwei Männer, die Georg von Hartleben einst für diesen Feldzug begeistert hatte, fünf Händler und weitere Gefangene aus Ofen mit ihren neuen Herrn – hatten längst ihre Schlafplätze aufgesucht. Zu den Füßen Hartlebens und seines Dieners lagen die beiden kleinen Fremdlinge zusammengerollt und gaben vor zu schlafen. Keines der Kinder hatte bisher ein Wort gesprochen. Das Gesicht des Jungen verunstaltete ein großer, blauer Fleck, das Mädchen litt immer noch Schmerzen wegen ihres verletzten Armes, aber sie hatte niemanden an sich herangelassen.
»Warum sie?« Hanns Nussbaum musterte seinen Herrn von der Seite. Der fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das dunkelblonde Haar und setzte dann seinen Hut wieder auf.
»Ich fand sie hübsch, sie sind ein ansehnliches Pärchen. Ich dachte, Theodora würde es freuen.« Georg schluckte. Das Bild einer toten Frau schob sich vor sein inneres Auge und ließ sich nicht mehr verjagen. »Ich glaube, sie sind etwa in Karls Alter«, fügte er mit rauerer Stimme hinzu.
Hanns Nussbaum nickte. »Ich bin froh, dass Ihr ihm die Kinder nicht einfach abgenommen habt«, sagte er dann. »Der Herr muss die Hände über Euren Würfeln gehabt haben.«
»Meint er? Da muss ich ihn wohl enttäuschen, Hännschen.«
Georg hatte seine Stimme gesenkt. Von irgendwoher drehte er mit einem Mal den Würfelbecher in den Händen, streifte mit den Fingerspitzen über das feine Muster aus Gold und bunt gefärbtem Leder, nahm einen der Würfel in seine linke Handfläche. Fein und hell waren sie und so gleichmäßig, dass der Handwerker einige Zeit zu ihrer Herstellung gebraucht haben mochte. Langsam brachte er einen davon näher an seine Augen, musterte ihn aufmerksam. Als er die Hand sinken ließ, starrte Hanns ihn ungläubig an: »Nicht wahr, Herr!«
Georg lachte unterdrückt.
»Doch.« Geschickt ließ er zwei der Würfel in seiner Handfläche umeinander kreisen.
»Aber Ihr seid ein Ehrenmann, Herr von Hartleben.«
Der Andere grinste. »Nachdem ich bemerkt hatte, was es mit einigen dieser Würfel auf sich hat, habe ich sie selbstverständlich auch nicht mehr im ehrenhaften Spiel eingesetzt. Und was diese beiden Lumpen angeht ... Die hatten nichts Besseres verdient. Was hätte ich denn tun sollen? Mehr als eins der Kinder hätte ich kaum bezahlen können. Was blieb mir also übrig?«
»Ehrlichkeit?«
Hanns Nussbaum schaute seinen Herrn ernst an.
Das leichte Grinsen, das sich auf Georgs Lippen gestohlen hatte, verschwand. Dann sah er über den Fluss hinaus. Hanns durfte das sagen. Er war der Narr, der seinem Herrn die Wahrheit sagte. Der letzte Gefährte seines jüngeren Ich, das er nun hinter sich lassen musste. Par bleu, sie kannten einander schon so lange. Er vertraute dem Alten wie keinem sonst auf Gottes Welt. Er kniff die Augen zusammen, ließ die Uferlandschaft vor seinem Blick verschwimmen, dann schleuderte er Würfel und Becher weit übers Wasser hinaus. »Wäre das Antwort genug?«
Georg drehte den Kopf, um Hanns Nussbaum anzusehen. Der schaute zu der Stelle hin, wo der kleine Becher noch kurz auf den Wellen tanzte, und nickte knapp.
Zunehmend wurde es dämmriger. Der Rauch, der über den Hütten des nahegelegenen Dorfes aufstieg, war bald kaum mehr zu sehen. Auch der letzte Fischer, der am Ufer sein Netz geflickt hatte, stellte seine Arbeit ein und verschwand bald darauf in einer Hütte. Georg schloss die Augen. Noch vor dem Winter würde er zu Hause sein, zum ersten Mal seit drei Jahren.
Mitten in der Nacht erwachte er. Helles Mondlicht versilberte den Fluss, floss über die Felder und Wälder und das Dorf hinweg. Ruhig schliefen die Kinder unter den wachsamen Augen Hanns Nussbaums. Georg schaute zum Ufer hinüber. Ein Schauder überlief seinen Körper. Es war nicht die Helligkeit, die ihn geweckt hatte. Nein, er hatte geträumt.
»Theodora«, flüsterte er tonlos. Mit einem Mal hatte er Angst.
Gut Hartleben, Herbst 1686
Rupert hatte sie kommen sehen – zuerst die Kutsche mit Onkel Georg und dessen Diener Nussbaum sowie den beiden Fremden, dann ein wenig später zwei der Männer, die gemeinsam mit dem Onkel aufgebrochen waren. Eine Bewegung war da durch die Schar der erwartungsvollen Bauern, Mägde, Knechte und Tagelöhner gegangen, die sich aus den nächsten Dörfern und Weilern eingefunden hatten, fast hatte man ihre Unruhe mit Händen greifen können: Zwei waren zurückgekehrt, nur zwei, deren Blicke umherirrten auf der Suche nach bekannten Gesichtern.
Mit einem Ruck löste Rupert die Augen von den Männern und starrte in die dunklen Gesichter der beiden Kinder: Türken, verdammte Heidenbrut. Vom Eckfenster des alten Gutshauses aus, in das er sich zurückgezogen hatte, konnte er die beiden beobachten. Seit im Auftrag seines Vaters, Alexander von Hartleben, vor etwa einem halben Jahr der Bau des neuen, prächtigeren Hauses beendet worden war, hielt er sich häufig in den vereinsamten Räumen des alten Gebäudes auf. Zwar war das neue Haus noch nicht vollkommen fertig gestellt, aber der Vater hatte den Umzug veranlasst, kaum dass die äußere Hülle und die wichtigsten Zimmer bezugsfertig gewesen waren. Keine drei Wochen vor seinem Tod hatte man die Übersiedlung abgeschlossen.
Kurzfristig ließ er den Schmerz zu, der sich in seinem Unterleib ausbreitete und von dort in seinen Kopf vordrang. Der Vater sei vom Pferd gestürzt, hatte man ihm gesagt. Dass er ihn vermissen würde, damit hatte anscheinend keiner gerechnet. In den ersten Wochen, so schien ihm, war er der Einzige gewesen, der an den Herrn von Hartleben erinnert hatte. Niemals würde er vergessen; niemals würde er den Onkel an der Stelle des Vaters dulden. Georg von Hartleben war ein Nichtsnutz, ein Tunichtgut, der keinerlei Verantwortung kannte. Früher hatten es alle gesagt, er, der Zwölfjährige, erinnerte sich noch gut daran.
Ein leises Pochen ließ ihn zurückschrecken. Er hatte nicht bemerkt, dass er der Fensterscheibe immer näher gekommen war. Im Hof stand die Türkenbrut wie erstarrt.
Rupert biss sich auf die Lippen. Wie oft hatte der Vater davon gesprochen, wie man 1683 in Wien den Sieg gefeiert, wie man gejubelt, gebetet und Salut geschossen hatte, und wie es trotzdem zu spät gewesen war, die Mutter tot und mit ihr das kleine Geschwisterchen. Auch die Dienerschaft hatte von den Tataren gewispert, laut genug, dass er es hören konnte, davon, wie diese Barbaren armen Christenmenschen den Leib aufschlitzten und Frauen Gewalt antaten, wie sie die kräftigen unter ihnen versklavten und die Schwachen ausnahmslos abschlachteten. Zwar hatte er die tote Mutter und die tote kleine Schwester nicht mehr gesehen, aber damals hatte sich in seiner Vorstellung etwas eingebrannt, ein Bild aus Vorstellungen und Geschichten, aus den Zeichnungen, die sich auf Flugblättern fanden und den Erzählungen, vor denen ihn niemand bewahrte: Christenschlächter, Frauenschänder, Kindermörder ... Er hatte sie gesehen, die Bilder von aufgespießten Säuglingen und geköpften, geschändeten Frauen. Mit einem Mal schmeckte er Blut auf den Lippen, fuhr sich mit dem Handrücken darüber und drückte dann den Hemdsärmel gegen die verletzte Stelle.
Im Hof stand die Mörderbrut immer noch wie verlassene Kälbchen beieinander und starrte großäugig umher. In seinem Rücken lief jemand mit großen Sprüngen die Treppe hinauf, gleich darauf pochten schnelle Schritte den Gang entlang. Rupert wandte den Kopf gerade rechtzeitig, um seinen Cousin Karl auf sich zukommen zu sehen. Der knapp ein Jahr Jüngere war in den Hof gerannt, kaum dass die Kutsche eingetroffen war, und hatte sich seinem Vater vor aller Augen in die Arme geworfen, wie ein Kind, das noch nicht den Windeln entwachsen war. Ruperts Lippen zitterten im Bemühen, die abfällig herabgezogenen Mundwinkel zu verbergen, doch Karl bemerkte nichts. Ein strahlendes Lachen zeichnete sein sommersprossiges, von wirren hellblonden Strähnen umstandenes Gesicht.
»Hier bist du! Dacht ich’s mir doch. Komm, Vater will dich sehen. Unglaublich, was er uns mitgebracht hat, nicht wahr?« An Rupert vorbei warf Karl einen Blick in den Hof. »Sie nennen sich selbst Osmanli, habe ich gelesen«, fuhr der Cousin nach einer kurzen Pause aufgeregt fort. »Ich wüsste zu gerne, wie es ist, dort, wo sie herkommen.«
Rupert antwortete nicht. Unten machte man sich gerade daran, ins Haus zu gehen. Knechte und Mägde, Diener und Dienerinnen huschten zurück an die Arbeit. Der Verwalter stand bei den Dörflern, die immer noch die Heimkehrer umringten. Onkel Georg hatte der Türkenbrut die Hände rechts und links auf die Schultern gelegt. Der Junge hielt sich steif, das Mädchen hatte sich etwas näher zum Onkel hingeschoben. Von Neuem stieg Wut in Rupert auf, stärker und mächtiger als zuvor. Ein Mühlstein lastete auf seiner Brust, der ihm den Atem nahm. Er ballte die Fäuste, dann drängte er Karl unwirsch beiseite. »Ich will aber nicht wissen, wo sie herkommen. Ich hasse sie, verstehst du das? Ich hasse sie!«
***
Nicht weinen – Habar biss sich auf die Lippen –, nicht weinen. Aber die letzten Wochen hatten so viele Eindrücke mit sich gebracht, dass ihr der Schädel vor Schmerz und Trauer schier zerspringen wollte. Nach einer langen Reise über den Fluss von Budin fort, waren sie gegen Nachmittag des heutigen Tages an ihrem Ziel, einem großen giaur-Haus, angekommen. Scharen von Menschen hatten sie im dazugehörigen Hof erwartet, hatten sich um eine große, alte Linde versammelt oder in deren Ästen gesessen und auf sie herabgeblickt. Blasse, tote Frankenaugen hatten sie unverhohlen angestarrt, Augen, vor denen die dad, die Amme, sie stets gewarnt hatte. Frauen, deren Köpfe von seltsamen Hauben bedeckt waren, glotzten und tuschelten miteinander. Einige wichen zurück, andere berührten sie hastig. Ein Mädchen in einem grauen Kittelchen, die Augen vor Furcht weit aufgerissen, brach in schrille Tränen aus, und über allem hing das fremdartige Gemurmel, das sie nicht verstand.
Alles hier war fremd, umso dankbarer war sie, Ibrahim dicht bei sich zu spüren. Sie hatte seine erste behutsame Berührung kaum bemerkt, doch nun auf dem Weg, der sie eine enge Wendeltreppe herunter tiefer in das Gebäude hineinführte, spürte sie deutlich seine Hand an ihrem Rückgrat. Er war da, er hielt sie. Sie würden beieinanderbleiben, sich halten und schützen und von ihrem Zuhause reden, das sie niemals, niemals vergessen wollten, und zu dem sie eines Tages zurückkehren würden.
Sie besann sich auf den Weg. Sie musste vorsichtig sein, es war so düster hier. Mühsam tasteten ihre Füße über den unbekannten Boden, ihr Körper versteifte sich vor Angst, gleich zu stürzen. Ab und an gab das Mädchen in seinem graublauen Kleid mit der weißen Schürze, das ihnen vorauseilte, zischend ihren Unmut zu verstehen, und bedeutete ihnen, schneller zu gehen.
Wo waren sie, und wo brachte man sie hin? Oben im Hof hatte sie den Blick über die Gebäude ringsum irren lassen. Viel hatte sie schon auf der Reise von den Städten und Dörfern der giaurs gesehen. Ansammlungen schäbiger Holzhütten, zwischen denen fauliger Dunst hing, gab es ebenso, wie riesige verzierte Steinhäuser, die den Himmel berührten, und die die Ungläubigen zu Ehren Allahs bauten. Auch in Budin hatte es solche Häuser gegeben, die man nach dem Sieg über die Christen in Moscheen umgewandelt hatte. Plötzlich musste sie an die Bilder denken, auf die Ibrahim sie oben in der Halle aufmerksam gemacht hatte. Figuren um Figuren hatten dort die Decke bevölkert, Flügelwesen und sehr viele nackte Männer und Frauen. Weiter unten an den Wänden hatten große Bilder von giaurs gehangen: Männer in Uniformen, Frauen in wogenden Kleidern, Menschen, kräftig in der Mitte des Bildes thronend, sitzend, liegend; lachende Gesichter, ernste Gesichter, verschmitzt lächelnde Gesichter. Genau vor ihnen hatte eine sehr breite Steintreppe in ein höheres Stockwerk geführt. Den Boden hatte ein Muster aus schwarzen und weißen Quadraten geziert. Sie hatte versucht, ihre rechte Fußspitze genau an der Kante eines Quadrats zu platzieren, hatte Ibrahims flüsternde Worte vernommen, doch nicht, was er sagte.
Wieder einmal stolperte sie, wieder hielt er sie. Er würde sie nicht verlassen. Sie hatte keine Angst. Sie war Habar, die so gut ritt und mit dem Bogen umging wie der Bruder. Sie war die Furchtlose, die im nächsten Jahr einen eigenen Jagdfalken geschenkt bekommen hätte.
Aber jetzt war alles anders. Sie biss sich auf die Lippen, bis sie Blut schmeckte. Es war besser, den Schmerz zu ertragen, als daran zu denken, was sie verloren hatten.
Ihr war kalt. Auf dem Pflaster draußen hatten ihre bestrumpften Füße gefroren, die Luft dieses Landes schmeckte nach Winter. Mit jeder Bewegung raschelte der Stoff des Kleides, das ihr Entführer für sie in Bec, das die Ungläubigen Wien nannten, hatte anfertigen lassen. Der Panzer, in dem sie eingeschnürt war, nahm ihr den Atem. Schnürten die giaurs alle Frauen dergestalt ein? Waren sie jetzt Sklaven? Wenn sie Sklaven waren, dann hieß ihr Herr Georg, denn diesen Namen hatte er ihnen genannt und dabei auf sich gezeigt. Erneut stolperte sie, erneut hielt Ibrahim sie fest.
»Pass besser auf«, zischte er von hinten in ihr Ohr, aber er würde sie immer halten, immer. Das wusste sie.
Sie waren unten angekommen. Das Mädchen bedeutete ihnen, schneller zu laufen. Ein Junge – er mochte in Ibrahims Alter sein – trat durch eine Seitentür in den Gang, worauf das Mädchen jene seltsame Bewegung machte, mit der die giaur-Frauen ihre Herren begrüßten. Der fremde Junge musterte das Grüppchen kurz, aber eindringlich. Auf seine knappe Handbewegung hin setzten sie ihren Weg fort. Als sie auf seiner Höhe waren, konnte Habar nicht umhin, den Kopf zu heben und schrak zusammen: Augen, grau wie Flusswasser an einem Regentag, durchbohrten sie unter sandfarbenem, tief in die Stirn hängendem Haar hervor. Es war nur ein Atemzug, bevor das Mädchen sie unerbittlich weitertrieb, aber sie fröstelte.
In der Küche des Hauses kamen sie endlich zum Stehen. Das muntere Geschwätz, das den Raum erfüllt hatte, verstummte mit ihrem Erscheinen. Ein noch sehr junges Mädchen quiekte, ließ seinen Kochlöffel fallen und rettete sich in den hinteren Teil des Raumes. Eine hagere Frau, unter deren Häubchen ein langer brauner Zopf hervorkam, legte den Fisch, den sie geschuppt hatte, vor sich auf das Brett. Zwei Jungen, die sorgsam einen Braten über dem Feuer drehten, verharrten, um die Neuankömmlinge aus weit aufgerissenen Augen zu beglotzen. Eine Frau, unter deren schmutzigem Häubchen krauses, rotes Haar hervorquoll, sagte etwas in der harten Sprache der Fremden, eine zweite lachte, und dann bewegten sich alle auf die Geschwister zu. Habar wollte sich herumwerfen und aus der Tür hinausrennen, doch kräftige Arme hinderten sie daran, und der schweißig-fischige Geruch, der vom Rock der Rothaarigen in ihre Nase drang, nahm ihr gleich darauf den Atem. Mit fliegenden Fäusten versuchte sie, sich zu wehren; der Griff der Frau war eisern. Ihre Ohrfeige ließ Tränen in Habars Augen schießen.
»Zeig ihnen deine Angst nicht, Habar, zeig sie den dreckigen giaurs nicht!«
Ibrahims Stimme verklang zitternd. Habar gab ihren Widerstand auf. Niemand regte sich. Die Anwesenden starrten die Kinder an, so wie man etwas Unbekanntes anschaute, von dem man sich nicht sicher war, ob man es näher untersuchen wolle. Dann überschlugen sich die Stimmen. Erste neugierige Finger betasteten die Kleidung der beiden, bohrten sich in ihre Haut, zupften oder rissen gar an Habars und Ibrahims Haaren. Unablässig rasselten die Worte, quäkten und zischten fremde Laute durch den Raum. Habar wollte die Augen schließen, sie konnte es nicht. Die mit dem braunen Zopf hatte sich vor Ibrahim aufgebaut, eine Blonde, an deren Schürze Blut und Federn klebten, stand an ihrer Seite. Sie stanken, diese giaurs stanken aus jeder Pore. Die Frauen sprachen miteinander, während ihre Augen zwischen Habar und Ibrahim hin und her huschten. Die Braunhaarige deutete mit einem spitzen Zeigefinger auf den Jungen.
Dann ging alles sehr schnell.
Bevor Ibrahim noch daran denken konnte, sich zu wehren, hatten die beiden ihm den Kaftan über den Kopf gezerrt und die Hosen heruntergerissen, so dass er nackt vor allen stand.
Wieder verstummten die Stimmen. Das Gesicht des Bruders zeigte sich schreckensstarr. Habar wollte schreien, doch es war, als habe man sie in eiskaltes Wasser geworfen, das ihr auf ewig den Atem nahm. Sie konnte nicht sprechen, nicht schreien, nicht klagen. Kein Laut drang über ihre Lippen, nur Keuchen. Ibrahim öffnete den Mund, doch erst als ihn grobe Hände hin und her zu drehen begannen, entfuhr ihm der erste Schreckenslaut. An seinen zu Fäusten geballten Händen traten die Knöchel weiß hervor. Stumm sah Habar zu, wie sich die Finger der beiden Frauen in seine Haut bohrten, wie sie daran zupften, wie sie neugierig sein Geschlecht anhoben, ihm endlich die Pobacken spreizten, ihm danach durch seine Haare fuhren, ihn zwangen, den Mund zu öffnen und mit den Fingerknöcheln gegen seine Zähne klopften. Entsetzt sah Habar, wie seine Lippen zitterten, doch er weinte nicht.
Noch während die Braunhaarige mit ihm beschäftigt war, wandte sich die Blonde Habar zu. Zum zweiten Mal öffnete das Mädchen den Mund, nichts kam heraus. Ein Schauder überlief sie. Allah strafte sie. Allah hatte ihr die Stimme genommen.
Geschickt löste derweil die Blonde die Bänder des Überkleides, bedeutete Habar, selbst weiterzumachen. Zitternd gehorchte das Mädchen. Als sie den letzten Rock und das letzte Hemd erreichte, suchte sie Ibrahims Blick, doch der schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Mit den Bewegungen eines alten Mannes schlüpfte er zurück in seinen Kaftan, bevor er auf dem Boden zusammensackte.
Habar zögerte. Die Blonde bellte ihr etwas entgegen und deutete auf den Rock. Mit steifen Fingern bemühte sich das Mädchen, die Schnürung zu lösen, ließ das Kleidungsstück endlich über ihre Beine raschelnd zu Boden rutschen und stand im Hemd da. Fort wünschte sie sich, weit fort. Wenn sie doch nur sterben könnte, hier und jetzt. Wenn der Vater sie doch nur getötet hätte, um sie vor dieser Schande zu bewahren. Kaum hörte sie die laute Stimme, die Bewegung in die Menge um sie brachte. Eine Hand packte sie am Arm. Als sie den Kopf drehte, sah sie einen Mann in einen langen schwarzen Kaftan gehüllt, sah kohlschwarze Augen in einem hageren Krähengesicht mit Hakennase und schrie auf.
Der Fremde ließ sie los und warf einen Blick in die Runde. Die Laute, die gleich darauf über seine schmalen Lippen kamen, waren schnell, laut und hart. Unter ihnen senkten sich die Köpfe der Frauen und Männer in der Küche. Während Habar in das mantelartige Oberkleid schlüpfte, sah sie die ersten zurück an ihre Arbeit huschen. Die Köpfe gesenkt, nestelten die Braunhaarige und die Blonde an ihren Schürzen, bevor der hagere Fremde auch sie an ihre Plätze schickte.
