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Der Titel bezieht sich auf eine Fachschule für Versehrte. Wer durch Unfall oder Krankheit seinen erlernten Beruf nicht mehr ausführen konnte, hatte die Möglichkeit dort einen neuen Beruf zu erlernen.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Diesen Roman widme ich meinen alten Schulkameraden, Freunden und Lebensabschnittsgefährten, die mit mir in dieser Zeit gelebt haben. Der wahre Kern der Geschichte wurde fantasievoll erweitert und dient als Grundlage für diese Geschichte. Wer sich darin wiederfindet, der erinnert sich an die Jugend und die wilden sechziger Jahre. Wer damals noch nicht gelebt hat, bekommt wenigstens einen Eindruck, was wir erlebt, und wie, wir damals gelebt haben.
Seit meiner Kindheit liebe ich das Lied „Die Gedanken sind frei“. Deshalb ist meine Meinung: „Auch wenn Regierungen in dieser Welt oft Menschen unterdrücken und Lieder oder Bücher verbieten, so werden sie dennoch niemals ein Verbot, ein Schloss oder eine Schranke für einen freien Geist finden“.
Udo Lutz Burkhardt
Vorwort
Kapitel
Kapitel
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Kapitel
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Kapitel
Adrian war ein sportlicher Junge, der mit seinem Vater und seinen vier Brüdern regelmäßig an Sportfesten im Frankfurter Raum teilgenommen hatte. Mit einer Größe von 1,82 Meter war er ein idealer Mehrkämpfer, und sein großes Ziel waren die Olympischen Spiele. Er hatte im Juni 1964 bei den Bezirksmeisterschaften in Frankfurt den 5. Platz im Speerwerfen sowie eine gute Platzierung im Kugelstoßen und Diskuswerfen erzielt. Die anderen Disziplinen waren mittelmäßig, nur Stabhochsprung und die 1500 Meter mussten noch trainiert werden. Ein guter Zehnkämpfer zu werden, war ein schwerer und langer Weg, aber man kann ja mal träumen, denn er hatte die Zukunft noch vor sich. Auch die örtliche Presse hatte damals schon von seiner Familie gehört, und veröffentlichte einen Bericht mit Foto von der ganzen Familie beim Sportfest, mit der Überschrift „Hut ab vor dieser Familie“. Adrian war stolz auf seine Familie und guter Hoffnung es weit zu bringen.
Doch das Schicksal hatte noch ein paar schwierige Prüfungen für ihn bereit, denn kurz nach seiner Gesellenprüfung im Februar 1965 hatte er einen schweren Verkehrsunfall, der seine Träume von Olympia zu einem jähen Ende brachte. Er musste erkennen, dass sich das Leben schnell um 180 Grad drehen kann, und er musste sich diesem neuen Lebensabschnitt stellen.
Statt Sport ging er nun den Weg eines Künstlers, statt Mehrkampf und Olympischen Spielen würde sich sein Lebensweg in Richtung Musik oder Malerei verändern. Das erforderte den Wechsel in einen weniger körperlichen Beruf, nämlich als Grafiker, den er in einer anderthalb jährigen Umschulung in einer Landesversehrtenberufsfachschule absolvieren sollte. Danach konnte er die Aufnahmeprüfung in einer Kunsthochschule machen, um Malerei und Grafik zu studieren, oder nach weiteren anderthalb Jahren Praktikum in einer Werbeagentur die Gesellenprüfung als Grafiker abschließen. Da es eine spezielle Schule war, würde er dort viele Jungen und Mädchen kennenlernen, die durch Unfall oder Krankheit ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, wie er selbst. Das würde ihm die Augen öffnen für die Vielfalt und unerwarteten Wege, die das Leben plötzlich nehmen kann. Prickelnde Liebschaften und tiefe Freundschaften, die ein Leben lang halten würden, brachten ihm die Erkenntnis, dass Sport nicht alles im Leben ist.
An einem nasskalten Tag im Februar 1965 hatte Adrian seine Gesellenprüfung in der Industrie und Handelskammer Offenbach. Es war eine kleine Gruppe von sieben Lehrlingen, die nun ihre dreijährige Lehre beendeten und sich auf ein besseres Gehalt als Schaufenstergestalter, oder wie man noch sagte „Dekorateur“, freuten. Alle waren etwas nervös, denn keiner wollte durch die Prüfung rasseln. Im ersten Stock der Industrie und Handelskammer waren alle Schaufenster für die Prüfung aufgestellt und von vorne begehbar. Fensterscheiben brauchte man ja nicht, denn so war es einfacher, die Fenster zu gestalten und zu begutachten. Jeder hatte ein leeres Schaufenster zur Verfügung und musste es innerhalb einer gewissen Zeit fertig dekoriert haben. Unter den zur Prüfung angetretenen Lehrlingen war auch ein Mädchen namens Julischka. Als einziges Mädchen genoss sie natürlich die volle Aufmerksamkeit aller anwesenden Jungens, und damit ging auch schon das Werben um sie los. Sie war sehr hübsch, und jeder wollte sich von seiner besten Seite zeigen und sich als hilfsbereiten Gentleman präsentieren. Adrian rechnete sich Chancen bei ihr aus, weil sie ihr Fenster direkt neben dem seinen hatte. „Hallo Julischka, ich bin Adrian. Was hast du denn für ein Motte in deinem Schaufenster und wie viel Zeit hast du geplant für die Prüfung?“ Julischka schaute ihn mit ihren großen feurigen Augen an und antwortete etwas gereizt: „Mein Motto ist Mode, aber davon habt ihr Männer eh keine Ahnung, und Zeit hab ich auch nicht genug, wenn wir hier noch lange rumlabern“, „Ooh, sie hat Feuer“, dachte Adrian und fragte vorsichtig nach, woher sie denn eigentlich sei, denn typisch Deutsch sah sie nicht aus. „Ich bin natürlich aus Ungarn, das sagt doch schon mein Name, oder?“, sagte sie etwas schnippisch. Adrian gefiel ihre direkte Art und er fing an leise ein Lied zu singen. „Die Julischka, die Julischka, aus Buda-Budapest, die hat ein Herz voll Paprika, das keinen in Ruhe lässt“, „Ja, ja, das hat man mir schon öfter vorgesungen“, aber jetzt lächelte sie ihn an, mit ihren großen Rehaugen, und er konnte ihrem Charme nicht entrinnen. Dann flüsterte sie leise: „Ich komme nicht aus Budapest, sondern aus einem kleinen Dorf in der Nähe, mit dem Namen Biatorbagy“, „Biatorbagy? Das kann sich ja niemand merken, geschweige denn aussprechen“, lacht Adrian.
„Aber das macht nichts, du erfüllst auf jeden Fall das Klischee in diesem Lied, du bist hübsch, hast Feuer und bist aus Ungarn“. Julischka lachte ihn daraufhin freundlich an.“Oh, vielen Dank, ich fühle mich geschmeichelt, aber das hilft mir jetzt auch nicht mit meinem Fenster weiter. Ich muss mit meiner Deko fertig werden“. Sie wandte sich ab, ließ Adrian stehen und ging zu ihrem Fenster. Das waren die Tricks der damaligen Frauen, Uninteresse vorspielen, und damit das Interesse des Mannes erwecken. Und es funktionierte, sie hatte erreicht, was sie wollte, denn Adrian ging ihr nach und sagte: „Soll ich dir ein wenig helfen, damit du rechtzeitig fertig wirst?“ „Ach ja, das wäre sehr lieb von Dir“ schmachtete sie ihn an. Sie sah so verführerisch aus, und man konnte ihr keine Bitte abschlagen. „Ich wäre dir wirklich sehr dankbar“ hauchte sie ihn fast zärtlich an. „Vielleicht geht sie ja mal mit mir aus, aus Dankbarkeit, wenn ich ihr ein wenig helfe“, denkt Adrian, und half ihr beim dekorieren wo er nur konnte. Leider hatte er dabei die vorgegebenen Stunden vergessen, dieser Trottel.
Die Zeit verging wie im Flug und beide tapezierten, malten, sägten und hämmerten in ihren Fenstern drauf los. Adrian half, wo er konnte und sie kamen sich dabei auf ganz natürliche Weise näher. Sie drapierte Blumen an ihrer Schaufensterpuppe und er befestigte die Fußleiste in ihrem Fenster.
Dabei berührte er zufällig ihr Fußgelenk und sein Blick fiel auf ihre schönen Beine. „Wow, sie hat die Beine eines Models, die würde ich gerne mal berühren oder streicheln“, dachte Adrian und schaute sie etwas verlegen an.
„Du sollst nicht meine Beine anschauen, sondern die Fußleiste anbringen“, sagt sie laut, als könne sie seine Gedanken lesen. Es knistert schon gewaltig zwischen ihnen, aber sie mussten vorsichtig sein, denn es war nicht erlaubt, sich gegenseitig bei der Dekoration zu helfen. Alle sollten aus eigener Kraft ihre Dekoration erschaffen. Jede halbe Stunde kam ein Prüfer herein und ging die Reihe der Schaufenster ab, um zu sehen, dass alles mit rechten Dingen zuging und wie weit die Dekorationen fortgeschritten waren. Sobald der Prüfer verschwunden war, zog es Adrian wieder ins Fenster von Julischka, die er von Minute zu Minute unwiderstehlicher fand. Ihr Motto war Frühjahrsmode, und sie hatte wirklich ein Händchen für dieses Motto.
Die Stunden vergingen und es blieb nur wenig Zeit übrig bis zum Schlusspfiff der Prüfer. Plötzlich fiel es Adrian wie Schuppen von den Augen sein eigenes Fenster war nur halb fertig: „Verflixt, da hat wieder mal mein Verstand ausgesetzt“, ging es ihm durch den Kopf, „sie hat mich bezirzt.“ Daher kam wohl auch der Ausdruck: „Sie hat mir den Kopf verdreht“. Wie bekam er nun sein eigenes Fenster in einer so kurzen Zeit fertig? Sein Thema war „Fernreisen mit Lufthansa“. Er hatte zwar schon Tage vorher alles vorbereitet, das Flugzeug war ausgesägt und sein Fenster hatte er neben der Arbeit für Julischka tapeziert, aber es fehlten noch die fernen Länder aus aller Welt, die er über dem Lufthansa Jet als erreichbare Traumziele aufhängen wollte. Langsam machte sich Panik bei ihm breit. Was, wenn er wegen Julischka seine Prüfung vermasseln würde? Also sucht er bei Ihr Unterstützung: „Julischka, kannst du mir jetzt auch ein wenig helfen, du bist ja fast fertig und mir läuft die Zeit davon“ „Es tut mir leid, Adrian, aber ich habe noch viele Kleinigkeiten zu tun, und das ist für meine Prüfung sehr wichtig“, lässt sie ihn abblitzen. „Du kleines Biest“, dachte Adrian, „Ich helfe Dir über Stunden, und wenn ich etwas Hilfe brauche, lässt du mich fallen wie eine heiße Kartoffel. Jetzt hilft nur noch ein Wunder“.
Langsam musste er sich sputen und auf Touren kommen. Was war am wichtigsten? Die Bilder der fernen Länder hatte er noch nicht gemalt, und es fehlte auch der große Pfeil über dem Flugzeug, der die fernen Länder zusammenfassen sollte, sowie ein „Atomkern“, ein kleiner roter Ball, dem einige dünne Drähte in Ellipsenform umkreisten, sollten die moderne Zeit der sechziger Jahre wiedergeben. Pfeil und Atomkern konnte er noch in der verbleibenden Zeit schaffen, aber die Bilder nicht. Jetzt musste gehandelt werden. Seine einzige Rettung war sein Bruder, der schon Grafiker war und in der Nähe ein kleines Studio hatte. Um die Prüfung zu schaffen, musste er jetzt etwas Unerlaubtes tun. Er schlich sich aus dem Haus der Industrie und Handelskammer und fand wenige Meter weiter eine Telefonzelle.
Hoffentlich war alles in Ordnung mit dem Fernsprecher, sonst musste er noch mal weiter laufen bis zu einer anderen Telefonzelle. Aber er hatte Glück und erreichte seinen Bruder. „Was gibt es denn so dringend, Adrian?“ „Hallo Ronald ich bin mitten in der Abschlussprüfung und kann mein Fenster nicht in der verbleibenden Zeit fertig machen. Kannst Du mir ganz auf die Schnelle fünf Urlaubsziele aus fernen Ländern auf Papier in DIN A2 skizzieren? Sagen wir London, Paris, Madrid, Rom, Athen usw. Ich brauch sie in einer Stunde hier in der Industrie und Handelskammer“. „Wie konnte das passieren, du warst doch gut vorbereitet?“, fragte Ronald. „Ich habe einem Mädchen, das hier auch die Prüfung macht, etwas geholfen und die Zeit vergessen.“ „Was machst du denn für Sachen Adrian, du solltest dich auf Deine Prüfung konzentrieren und nicht mit Mädels flirten, du Dummkopf!
Na ok, ist sie wenigstens hübsch? Egal, ich bin in einer Stunde vor dem Haus mit den Skizzen.“ Adrian fiel ein Stein vom Herzen. Er ging zurück und konnte sich unbemerkt wieder in den ersten Stock schleichen. Keiner hatte etwas bemerkt, und wenn, er war gerade mal auf der Toilette gewesen. Sein hektisches Arbeiten blieb den anderen nicht unbemerkt, und schon lästerten seine Mitschüler hinter vorgehaltener Hand: „Da wird einer nicht fertig, weil er sich bei Julischka einschleimen wollte, und nur Zeit bei ihr verbracht hat, um bei ihr zu landen. Selber Schuld!“ Fast alle Fenster waren bis auf Kleinigkeiten schon fertig, nur Adrians Fenster sah noch verdammt leer aus.
Nur noch eine Stunde und fünfzehn Minuten bis zur Abnahme, dass würde ziemlich knapp. Er legte jetzt richtig los, und nach einer Stunde hat er bis auf die fünf Bilder alles dekoriert. Die anderen Mitbewerber glaubten schon nicht mehr, dass er es in der Zeit schaffen würde. Sarkastische Bemerkungen statt Unterstützung, und offene Schadenfreude statt Hilfe erfuhr er in diesem Moment. Das tangierte ihn aber jetzt nicht und er dachte nur: „Euch wird das Lachen noch vergehen.“ Er machte sich auf den Weg, um unten auf der Strasse vor der Handelskammer auf seinen Bruder zu warten. Der war schon da, klappte das Fenster von seinem Citroen 2 CV hoch, und reichte ihm eine Rolle Papier. „Viel Glück, und vermassel es nicht!“ rief er noch und fuhr davon. Adrian musste nur noch einmal ungesehen in den ersten Stock kommen, dann hätte er es geschafft. Er rannte die Treppe hoch und fühlte sich dabei wie ein Dieb. Während er sich am Lehrerzimmer vorbei schlich hörte er drinnen entspanntes Gemurmel. Die Prüfungsabnehmer bereiteten ihre Formulare vor und hatten ihn Gott sei Dank nicht bemerkt. „Na, wo warst du denn so lange?“, grinst Julischka verschmitzt. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht und dachten, du kommst vielleicht nicht wieder.“ Sie lachte und zwinkerte ihm zu. Peter, ein Junge, den er von der Berufsschule kannte, sagte laut: „Was ist los Julischka, halt Adrian nicht von seiner Arbeit ab, die anderen sind schon fertig mit ihren Fenstern, und dass er nicht fertig geworden ist, ist auch ein wenig deine Schuld.“ Julischka fühlte sich ungerecht behandelt und erwiderte: „Er hat mir aus freien Stücken geholfen, und ich habe ihn nicht dazu gezwungen.“ „Ich hab jetzt keine Zeit für deine dummen Sprüche“, sagte Adrian und hängte in aller Eile seine fünf Bilder ins Schaufenster. Während er das letzte Bild aufhing, hatte die Prüfungskommission schon ihre Arbeit aufgenommen und begutachtete die ersten Fenster. Das war in letzter Sekunde, Adrian wischte sich die Schweißperlen vom Gesicht und war völlig geschafft. Da kam auch schon die Prüfungskommission und machte sich Notizen. „Ja das sieht doch schon sehr gut aus“, meinte ein Prüfer und fügte hinzu: „Ihre Arbeit scheint doch sehr aufwendig gewesen zu sein, wenn Sie bis zur letzten Sekunde daran gearbeitet haben.“ „Wenn du wüsstest“, dachte Adrian, und war heilfroh, dass es noch einmal glimpflich ausgegangen war. „Sie sind ja richtig ins Schwitzen gekommen. Gut gemacht, Adrian.“ Die Prüfer gingen dann zum nächsten Fenster. „Nur nichts anmerken lassen“, dachte Adrian, und dabei fiel ihm ein Stein vom Herzen. „Da hab ich ja noch mal Glück gehabt, und alles auf den letzten Drücker gemacht zu haben, hat sich dann sogar als Vorteil erwiesen und bei den Prüfern Eindruck gemacht. Aber trotzdem möchte ich das nicht noch einmal erleben.“ Dies sollte Adrian eine Lehre sein, dass man sich bei wichtigen Ereignissen nicht ablenken lassen sollte, speziell nicht von einer schönen Frau, denn das kann ins Auge gehen. Die Gesellenprüfung war bestanden, und das war das Wichtigste an diesem Tag.
Langsam fiel die Spannung von ihm ab und er freute sich auf das Wochenende, welches er mit seinem Hobby als Leichtathlet, beim Sportfest auf dem Feldberg im Taunus, mit seiner Familie verbringen konnte.
Es waren nun die letzten Tage als Lehrling bei der Firma Dreeger in Offenbach. Die Prüfung lag hinter den beiden, und es waren die letzten Tage in der Berufsschule Frankfurt. So langsam machte sich eine freudige Abschiedsstimmung breit. Norbert, ein Freund von Adrian und auch sein Arbeitskollege bei Dreeger, hatte immer einen Scherz auf den Lippen. Er war im gleichen Lehrjahr und sie kannten sich schon seit Kindertagen durch den wöchentlichen Konfirmandenunterricht. Sie verstanden sich blendend und fuhren immer gemeinsam auf einem Moped nach Frankfurt in die Berufsschule. Es war bald ihr letzter Tag als Lehrling, und nun würde ihnen niemand mehr ständig vorhalten „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“. Das hatten die beiden nun zur Genüge gehört. Sie freuten sich auf die Gesellenzeit und damit auf ein besseres Gehalt. Als Lehrlinge bekamen sie nur einen Bruchteil des Geldes, was ein Geselle verdiente, obwohl sie im letzten Lehrjahr schon die gleiche Arbeit geleistet hatten. Aber auch die menschliche Achtung vor einen jüngeren Menschen wollten sie erreichen. Sie hatten es satt, behandelt zu werden wie Leibeigene. „Stift, mach mal dies“, oder „Stift, mach mal jenes“, „hol mir mal die Bildzeitung“, „feg die Werkstatt sauber und räum das Werkzeug weg“, solche und andere erniedrigende Befehle, wollten sie nicht mehr ertragen. Herr Müller, einer der schlimmsten Gesellen, war einer derjenigen, gegen die keiner aufmucken wollte, weil er ein großer und kräftiger Mann war. Das sollte jetzt ein Ende haben, und zwar aus zwei Gründen.
Erstens :
Adrian hatte keine Angst vor diesem Tyrann, denn er war ein durchtrainierter Sportler, und er hatte es schon in der Volksschule im Judounterricht nach drei Prüfungen bis zum grünen Gürtel geschafft. Weiße Gürtel waren damals die Anfänger, dann kam die Prüfung zu Gelb, danach Orange und dann Grün. Natürlich ging es für Spezialisten weiter mit Blau, Braun und dem Meistergürtel in Schwarz, der noch mal unterteilt war in fünf Dan Grade. Judo war der sanfte Weg, einen Angreifer aufs Kreuz zu legen. Aber davon hatte Herr Müller keine Ahnung.
Zweitens:
Die Prüfung war bestanden, und sie waren theoretisch schon im Status eines Gesellen, die sich jetzt einen gewissen Respekt verschaffen wollten, um weitere Schikanen von Herrn Müller zu vermeiden. Also rein psychologisch musste ein grober Schnitt her und ein deutliches „zur schau stellen“ der veränderten Situation, die sie dann auf die gleichberechtigte Ebene der Gesellen hob.
An einem der letzten Tage kam es wie es kommen musste. Die Glasmalerei mit dem Büro des Chefs, war in einer Halle im ersten Stock des Gebäudes. Müller in seinem gewohnten Befehlston: „He Norbert, du fegst jetzt mal die Werkstatt, und Adrian, du räumst alles Werkzeug in die Schränke, aber etwas plötzlich!“ Doch keiner der beiden rührte sich vom Fleck. Norbert schaut Adrian an und meint: „Was will denn dieser Nasenbär von uns?“
Darauf Müller schon sichtlich verärgert: „Seid ihr taub, oder habt ihr Tomaten auf den Ohren!“ Jetzt reichte es Adrian und er sagte laut und deutlich, für alle Anwesenden hörbar: „Nicht mehr in diesem Ton, Herr Müller, wir sind jetzt keine Lehrlinge mehr und für sie heißt es ab sofort auch Sie, uns gegenüber!“ „Ooooh, die zwei Grünschnäbel mucken auf“ Norbert schaltete sich auch wieder ein: „Ja, wir mucken auf, denn wir sind jetzt auch Gesellen und haben uns lange genug von Ihnen rumkommandieren lassen.
Damit ist jetzt Schluss, machen Sie Ihre Werkstatt selber sauber“, und Adrian fügte hinzu: „Wir sind jetzt beide Gesellen und lassen uns nicht mehr wie Sklaven behandeln, ist das jetzt bei Ihnen angekommen?“ Plötzlich wurde es still in der Halle, und alle anderen Gesellen schauten gespannt auf die Situation. Müller stieg die Zornesröte ins Gesicht und er brüllte jetzt laut los: „Ihr macht jetzt sofort die Werkstatt sauber, sonst setzt es eine Tracht Prügel!“ Er war ein kräftiger Bursche und keiner hatte es bisher gewagt, sich gegen ihn zu stellen, auch die anderen Gesellen gaben immer klein bei. Das war der Moment, auf den Adrian gewartet hatte. „Oh, jetzt hab ich aber Angst, Herr Müller, versuchen Sie es doch mal mit Prügel!“ Das war zu viel für Müller und er stürzte sich auf Adrian. Der hatte schon damit gerechnet und nahm den heranstürmenden Schwung von Müller mit. Dieser flog im hohen Bogen durch die Luft und krachte auf den Boden. Die ganze Halle bebte und die vielen herumstehenden Gläser machten einen Krach, als hätte eine Explosion stattgefunden. Die Tür vom Büro des Direktors flog auf, und er und seine Sekretärin schauten in die Halle. „War das eine Bombe, oder ein Erdbeben?“ Der Chef schaute fragend in die Runde und sieht Müller auf dem Rücken am Boden liegen. Adrian schaltete schnell und reichte Müller die Hand und zog ihn hoch. „Hallo Chef, Herr Müller ist nur auf einem Stück Glas ausgerutscht mit seinen neuen Lederschuhen, nicht wahr Herr Müller?“ Adrian schaute ihn ernst an. Der pflichtet schnell bei und war froh, nicht komplett das Gesicht vor seinem Chef verloren zu haben. Dieser meinte noch lapidarisch: „Was ist los mit Ihnen Müller, es hörte sich an, wie ein Elefant im Porzellanladen. T tragen Sie doch in Zukunft Schuhe mit Gummisohlen.“ Die anderen Gesellen grinsten vor sich hin und waren froh, dass Müller endlich mal eins auf den Deckel bekommen hatte. Norbert und Adrian reichten Müller die Hand und schauten ihm direkt in die Augen. Sie hatten sich auf gleiche Augenhöhe gebracht und seinen Respekt verdient.
Am nächsten Tag fuhren beide zum letzten Mal nach Frankfurt in die Berufsschule, um ihre Zeugnisse zu empfangen. Die Noten waren zufriedenstellend, ausgefallen und so fuhren sie vergnügt und mit guter Laune wieder zurück nach Hause. Die kleine Zündapp brachte beide entlang der Main-Uferstrasse über den Kaiserleikreisel zurück in die Wasserhofstrasse nach Offenbach. Adrian war stolz auf seine Zündapp, die er erst vor Kurzem mit einem goldenen Hammerschlaglack lackiert hatte.
