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Als sie die dritte Katze auf einer Mauerkrone entdeckten, war das Gespräch der beiden so weit fortgeschritten, dass dieser Zufall keiner im herkömmlichen Sinn mehr war, sondern ihnen neue Bedeutungen über sich selbst zuspielte. Auch in den übrigen Geschichten und Gesprächen der vorliegenden Sammlung bewegen sich Menschen in den vielschichtigen Horizonten des (eigenen) Daseins. Manche Personen entwickeln Nachdenklichkeit und Heiterkeit. Andere gewinnen Kraft aus beglückenden und bestärkenden Wahrnehmungen. Für einige nimmt ihr Daseinsverständnis einen dramatischen oder gar tragischen Verlauf. Wieder andere bevorzugen Scheinwelten. Überraschende und berührende Momente intensiver Kommunikation und Betrachtung werden zum anregenden Leseerlebnis. Bemerkenswert ist die einfühlsame, bisweilen drastische Sprache, in der auch der Humor seinen Platz findet.
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Seitenzahl: 239
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Für Alex
Vor dem Tod
Ein Leben später
Aussiedler
Das Mäzenatentum ist nicht mehr, was es einmal war
Enrosadira
Zwischen Kopf und Kopftuch
Der Tod im Stadtpark
Morgengang
Die Katzengasse
Der Wow-Effekt ist weg
Auf der Strecke geblieben
Ein Jünger Jesu
Uns geht es gut
Mysteriöses Ende einer Literatin
Vom Mädchen, das nur eine Mama und nur einen Papa hatte
Facebook-Mädchen
Seit einigen Monaten wusste er, dass sein Ende bevorstand – nicht abstrakt, sondern als innere Gewissheit. Er erinnerte sich an den Ursprung seiner Todesgewissheit. Es war ein Nachmittag und er ruhte sich auf dem Sofa im Wohnzimmer aus. Mit einem Mal tauchte vor seinen inneren Augen ein fremd wirkender Horizont auf, hell und formlos, einfach da. Beim Dösen, kurz vor dem Einnicken. Vielleicht war er schon ein wenig eingeschlummert. Er hatte versucht, diese Erscheinung zu beschreiben. Sie besaß die Gestalt einer hellgelben Masse und war mit einem schwachen und zugleich intensiven Leuchten gefüllt. Sie verschwand ebenso unvermittelt, wie sie sich manifestiert hatte. Doch im winzigen Intervall war seinem Bewusstsein das Gefühl des eigenen Todes entsprossen, ein Gefühl, das er in dieser Form noch nie empfunden hatte.
Anfangs glaubte er an eine Art Verstimmung und war überzeugt, dass dieses Gefühl sich auflösen würde. Sein Verstand mit seinem Wissen und seiner Erfahrung nahm sich zunächst der Sache an. Er sagte sich, dass er zwar alt war, jedoch rüstig und nicht von gefährlichen Krankheiten geplagt. Seine Ärzte hatten keine besonderen und schon gar keine akuten Gesundheitsrisiken festgestellt. Auch war es für ihn nicht ungewöhnlich, sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen, der nach menschlichem Ermessen in nicht mehr allzu großer Ferne lag. Aber diese Annäherung erwies sich als ohnmächtig. In ihm gewann die neue Intuition die Oberhand und arbeitete sich langsam, ohne Hast oder Schock, durch sein Bewusstsein. Sein Verstand leistete keinen Widerstand. Ja, er hätte nicht einmal gewusst, wie dieser Widerstand hätte aussehen sollen. Dieses Gefühl gewann eine vollkommene Klarheit, auf die sein Denken keinen Einfluss mehr besaß. Er würde demnächst sterben, ja, ganz einfach, nicht gedacht, sondern wissend. Eine unbekannte Kraft in ihm hatte diese Umgestaltung seines Bewusstseins vollbracht.
Nun versuchte sein Verstand, das Geschehen zu begreifen, anstatt es zu vertreiben. Er gelangte zu der Feststellung, dass sein Bewusstsein von der Spur des Lebens auf die Spur des Todes gewechselt war. Im Licht der neu erworbenen Gewissheit des eigenen Todes wurde ihm eine Art Retrospektive auf sein vorheriges Leben zuteil. Er erkannte, dass sein bisheriges Leben die Fähigkeit besessen hatte, den Tod auszublenden. Vielleicht sollte er sagen: Es ignorierte mit aller Macht die Todesgewissheit, um ein gestundetes Zeitintervall voller Energie zu gewinnen, immerzu dem Dasein zugewandt. Und mit einem feinen Lächeln glaubte er, der Natur auf eine besonders wirkungsvolle Schliche gekommen zu sein. Sie trickste ihre Geschöpfe, insbesondere den Menschen, auf eine genial-perfide Weise aus.
In seinem alten Leben hatte er sich auf dieser wunderbaren einfachen Achse des Lebens bewegt, die – solange der Tod nicht seinen Schatten ins Bewusstsein pflanzte – sich unendlich dehnte und mit ihrem gigantischen Volumen den Menschen ausfüllte. Und ihm fiel der Satz eines Schriftstellers ein: Es ist nicht so, dass der Mensch nicht sterben will. Er will nur immerzu leben. – Ja, lebenshungrig war er wie alle Menschen. Man kann sich am Leben nicht satt essen, so wie man sich an der Luft nicht satt atmen kann. Jetzt aber bewegte er sich auf der Achse zum Tod hin und nahm Abschied vom Leben. Sein Körper und treuer Diener würde die Arbeit einstellen, wie eine niedergebrannte Kerze, in deren zerfließenden Wachsresten der brennende Docht flackernd ertrinkt.
Nach einiger Zeit war der Wandlungsprozess abgeschlossen. Das neue Bewusstsein hatte sich durchgesetzt und war – so paradox es klingen mochte – ein lebendiges Bewusstsein, sein Todesbewusstsein, deutlich und ohne Panik, weil das Lebensbewusstsein abgebaut wurde – ohne Revolte, ganz natürlich – und auch gar nicht mit Gewalt und künstlich „am Leben“ erhalten wurde. Dafür hätte man das lebendige Todesbewusstsein töten oder neutralisieren müssen. Doch das Leben war nicht mehr für einen derartigen Kampf gerüstet. Er fand weder einen Grund noch die Kraft, sich aufzulehnen. Wozu? Sein Bewusstsein hatte ihn ein Leben lang geführt, auf allen Bahnen seines Lebens, und er hatte ihm Glauben geschenkt und vertraut. Das war doch keine Illusion, sondern sein Leben. Und wenn jetzt ein anderes Bewusstsein seinen Anfang genommen hatte, dann wollte er seinem neuen Bewusstsein vertrauen.
***
In diesem letzten Intervall seines Daseins erreichte ihn das Schreiben seines letzten Schülers, der sich nach dem tragischen Tod seiner Gefährtin zurückgezogen hatte und der viele Jahre nichts von sich hatte hören lassen. Der Brief war einem Päckchen beigelegt und in dem Päckchen steckte eine Sprachlehre für die gymnasiale Oberstufe, deren Autor sein Schüler war. In seinen liebenswürdigen Zeilen äußerte dieser Mensch den Wunsch, ihn, seinen alten Lehrer, zu besuchen. Einen Termin könne er noch nicht vorschlagen, hatte er geschrieben, aber sei guter Hoffnung, in nicht allzu ferner Zukunft einen Besuch zu machen.
Während er den Brief las, nahm jener ernste und unermüdlich arbeitende junge Mensch Gestalt an. Unmittelbar erschien dieser Intellekt vor seinen inneren Augen, der für jeden Gedanken offen war und jedem Gedanken zunächst die Chance gab, sich zu sagen. Und dann, in einer Diskussion vielleicht, zu sortieren und kritisch zu reagieren begann. Ja, er schien alles ohne Arg entgegenzunehmen; schien weder das Vergiftete zu erkennen noch das Geheuchelte oder die Plattheit.
Manchmal hatte er sich genötigt gesehen, seinen Schüler zu warnen, doch nicht vor lauter Zuvorkommenheit anderen Gedanken gegenüber seine eigenen zu vernachlässigen. Und er hatte ihn mutig und furchtsam zugleich genannt. Wie hatte sich der junge Student damals lange mit seiner schriftlichen Arbeit gequält! Schließlich hatte er sie doch hinbekommen. Sie hatte ihm sehr gefallen, denn sein Schüler hatte sich als kluger und umsichtiger Vertreter offener Diskurse erwiesen. Sie hatten anschließend beide die Universität verlassen. Er selbst hatte genug vom Betrieb dieser Institution, von Verwaltung und Kollegen – und auch von den Studenten, die immer konformistischer zu sein schienen, nur noch auf Prüfungszeugnisse und Diplome schauten. Wo war die intellektuelle Neugier geblieben? Der Wille, eigene Gedanken zu entwickeln und zu erproben? Manchmal kamen sie ihm wie vor der Zeit vergreiste Geister vor. Ein tristes Universum des Broterwerbsstudiums. Ja, er hatte das alles kommen sehen und in den Jahren seit seinem Weggang schien das intellektuelle Leben in der Gesellschaft an Kraft zu verlieren. Vielleicht hatten sich die Auseinandersetzungen an andere geistige Orte verlagert, weg von der Universität – aber wohin? In die Katakomben? Der Fluss des Geistes hatte sein Bett verlegt, war von der Oberfläche einer Karstlandschaft verschwunden. Lag die Uni an einem abgeschnittenen Arm, der langsam verlandete?
Vielleicht würde sein ehemaliger Schüler dazu etwas zu sagen haben. Er freute sich auf eine Begegnung mit diesem wachen Geist, dessen große Triebfeder die intellektuelle Neugier und Lauterkeit war. Bis an welche Horizonte mochten sie ihn unterdessen getragen haben? Ob er wohl mit seiner Lieblingsvorstellung, der „Pluralität der Diskurse“, vorangekommen war? Er selbst war eher pessimistisch. Er hatte die Überzeugung gewonnen, dass nur die wenigsten bewusst ihre Diskurse organisierten und die notwendige Erweiterung kommunikativer Räume betrieben. Die Mehrzahl navigierte in einem System von mehr oder weniger passenden Versatzstücken. Und wie viele waren überhaupt befähigt und willens, ihre Diskurse wirklich für andere offenzuhalten, weil sie von der absoluten Notwendigkeit überzeugt waren? War das nicht viel zu anstrengend und unbequem, aus ihrer Sicht auch gar nicht ihre Sache? Verließen sich allzu viele Menschen auf die vermeintlich fachlich versierten Diskurse jener „da oben“? Übernahmen diese Menschen unkritisch einige Bruchstücke, die gefielen oder nützlich erschienen? Oder die man ihnen nahelegte oder gar einbläute, weil man die Macht besaß? War das die neue Heilslehre: außerhalb der vermeintlich positiven Wahrheiten, geschaffen und verabreicht von kompetenten Instanzen, kein Heil? Wie oft hatte er bemerkt, dass aneinander vorbeigeredet wurde, weil gar keine Öffnung auf die Gedanken des anderen vorhanden war. Oder man betete im Chor eine Litanei von „Wahrheiten“ herunter. Offenbar „verstand man sich“ – blind, fügte er hinzu und die Mehrdeutigkeit entlockte ihm ein tristes Lächeln. Diese Form des gleichzeitigen Redens, ohne zu kommunizieren und sich auszutauschen, schien sich zu verbreiten. Ein Ende des unseligen Prozesses war nicht erkennbar. In den Medien wurden unzählige Gesprächsrunden abgehalten, wo entweder alle durcheinander redeten oder sich gegenseitig ins Wort fielen und jeder versuchte, seine Statements abzuladen. Wer sich auf der Seite der Macht wähnte, lenkte die eigenen Überzeugungen wie Geschosse in die Menge der Gegenüber und glaubte, dass sie dort schon ihre rechte Wirkung erzielen, nämlich all das in den Ansichten der anderen zum Schweigen bringen, was man nicht hören wollte. Nun ja, auch Gewaltsamkeiten waren eine Erscheinungsform der Kommunikation. Eine sehr destruktive, stellte er betrübt fest und fragte sich, ob nicht dieses zerbrechliche Pflänzchen Kommunikation unter Bergen von Diskursen lebendig begraben war, vielleicht sogar von ihnen erschlagen. Aber das könne einfach nicht sein, wies er sogleich diesen Gedanken zurück, den er für den Ausdruck von Resignation hielt.
Das Schreiben hatte so manche Gedanken wieder lebendig werden lassen und er wunderte sich, wie lebhaft ihre Gespräche in seiner Erinnerung waren. Dabei waren Gesprächsgegenstände, Wortlaute oder gar zusammenhängende Sätze längst verdunstet. Und doch hatten sie gewisse Vorstellungen genährt oder gar geweckt. Übrig geblieben war – unter vielen anderen Vorstellungen – jene, dass er in seinem Schüler einen Menschen erlebt hatte, dem er zutraute, jederzeit, mit jedem Menschen, an jedem Ort eine Art kommunikativen Funken zu schlagen, auch wenn es nur eine kurze Begegnung war und sich die Wege vielleicht nie mehr kreuzen würden. Dieser Mensch schien von der Kommunikation durchdrungen zu sein. Er spürte sie auf und lebte für ihre Entfachung – möglicherweise ohne es zu wissen. Damals war ihm selbst schnell klar geworden, dass er seinem letzten Schüler begegnet war. Und er empfand das Auftauchen dieses Menschen als eine Art Belohnung seiner eigenen mühsamen und so entbehrungsreichen Arbeit in den Karsten und Steinbrüchen der Kommunikation.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch, griff zur Füllfeder, einem alten Kolbenmodell, von dem er sich nicht trennen konnte, und Briefbogen, formulierte ein paar Antwortsätze, wohlwollend und einer Begegnung mit großer Freude entgegensehend. Zum Schluss aber deutete er an, dass er seinen baldigen Tod erwartete. Und er bat seinen Schüler, er möge nicht zu lange mit seinem Besuch warten. Warum hatte er diesen Satz getan? Intuitiv? Aus seinem neuen Bewusstsein heraus?
Eine Stunde später warf er den Brief in den Briefkasten unweit seines Hauses. Im gleichen Augenblick wusste er, dass er seinen ehemaligen Schüler nicht mehr wiedersehen sollte. Langsam und nachdenklich machte er noch einen kleinen Spaziergang und dabei warf er zum gar nicht mehr zählbaren Male einen geistigen Blick auf das menschliche Leben, das sich in ihm schon fast zusammengerollt und abreisefertig gemacht hatte. Vielleicht sollte man sich hinter all den Erscheinungen des Lebens eine unendliche DNA vorstellen. Vielleicht hatte sein Leben eine winzige Mutation beigetragen. Jedenfalls erschien ihm dies als eine Vorstellung, die sein Verstand als sinnhaft akzeptierte.
***
Als der Schüler die Mitteilung seines verehrten Lehrers las und auf den Schlusssatz stieß, zuckte er zusammen, wie unter einem Nadelstich. Im Augenblick hatten die Worte des Anderen in ihm die Bresche einer tiefen Einsicht geschlagen. Er verstand, dass sein Gegenüber mit seinen Worten keine Anteilnahme wecken wollte, noch nach Mitgefühl verlangte. Nein, er machte eine bedeutsame Mitteilung und bot ihm die geistige Teilhabe an. Wie vielen Menschen mochte sein Lehrer seine neue und letzte Wahrheit mitgeteilt haben? Wenige werden es sein, so glaubte er.
Sein Lehrer hatte diese Wahrheit radikal angenommen. Er hatte keine Ausflüchte gesucht und sich vorgemacht, dass sein Bewusstsein ihn mit einem Mal belügt, ihm den Tod vorlügt. Nein, er hatte geglaubt, dass er all diese Zeichen, als sie begannen aufzutreten, erfasst und richtig gelesen und ver standen hatte. Und obwohl er selbst noch auf dem Pfad des Lebens wanderte, versetzte er sich mühelos in das Bewusstsein seines Lehrers. Dieser war sich vollkommen seines Todes bewusst und erwartete ihn gefasst. Ja, vielleicht betrachtete er sogar diesen wundersamen Prozess mit einem Lächeln. Vielleicht hatten sich seine Augen für die ungeheure Intelligenz geöffnet, mit der sein Körper und sein Geist dem Tod entgegenwanderten, mit Verwunderung, ja, mit Bewunderung für die geheimen Mechanismen des Lebens.
Noch etwas anderes wurde dem Schüler zur Gewissheit. Dieser Satz galt wirklich ihm und nur ihm. Sein Lehrer hatte ihn in das Vertrauen dieser Worte gezogen, weil er ihm zutraute, als Kind des Lebens das Leben des Todes zu begreifen, bevor ihm eines Tages selbst dieses Bewusstsein unverhüllt zuteilwerden sollte – vielleicht als Gnade. Und die Botschaft war: Absolviere ohne Einschränkung das Intervall deines Lebens. Doch wenn du an seinem Ende den Tod nicht verdrängst, dann wird er dir geschenkt wie einst das Leben.
Wie mochte er sich seinen Lieben und Freunden gegenüber verhalten? Gewiss führte er ein Doppelleben. Täuschte ihnen das von seinem Todesbewusstsein unberührte Leben beruhigend vor und behielt jenen letzten Abschnitt, auf dem er sich befand, für sich – das Leben zum Tod hin. Wenn man selbst auf der Achse des Todes läuft, dem Tod direkt entgegenläuft, wie soll man anderen, die sich auf der Achse des Lebens aufhalten, das erklären? Muss man das tun? Vielleicht versetzt man sie nur in überflüssige Unruhe. Nicht wenige werden noch genug zu kämpfen haben, mit dem Abschied, mit Kummer und Trauer, mit erschreckender Revolte. Und eines Tages werden sie selbst auf die Achse des Todes hinübergleiten und als ihr Leben annehmen. Hoffentlich gerät sie ihnen nicht zur quälenden Agonie von Körper und Geist. Das wünschte er ihnen von ganzem Herzen.
***
Nach einem Vierteljahr hatte er sich endlich die Möglichkeit verschafft, die lange Reise zu unternehmen. Er hatte geschrieben, einen Termin genannt und um ein Treffen gebeten. Er sah einen Aufenthalt von ein paar Tagen vor, wollte auch noch eine ehemalige Studienkameradin besuchen. Eigentlich wäre ein Hubschrauber ganz praktisch. Die Menschen, die für ihn bedeutsam waren, lebten räumlich so weit entfernt. Zwei Wochen später kam ein Antwortschreiben, in dem ihm die Frau (unterdessen Witwe) mitteilte, dass ihr Mann vor zwei Monaten verstorben sei, Herzinfarkt.
In die Trauer über den Verlust dieses Menschen mischte sich der Vorwurf: Sie hatte gewusst, dass er mit ihrem verstorbenen Mann in einer besonderen Beziehung stand und vor nicht allzu langer Zeit ein Briefwechsel stattgefunden hatte. Außerdem lag oder stand doch wohl das Buch irgendwo herum. Warum hatte sie ihn nicht informiert? Sie hatte ihn nie gemocht. Und auch er hatte kaum Sympathie für sie entwickelt. Er hatte ihr nicht ihren beschränkten intellektuellen Horizont als solchen vorgeworfen, sondern das, was sie daraus gemacht hatte, nämlich ein dumpfes Wirken, das immer wieder seinen Ausbruch fand in Bemerkungen, die den geistigen Elan ausbremsten.
Nun war auch für ihn sein alter Lehrer tot. Der Gedanke, dass dieser Mensch vielleicht kurz und relativ schmerzlos den Abgang aus dieser Welt hinter sich gebracht hatte, hatte etwas Tröstliches. Und an die Stelle der Trauer trat ein intensives Gefühl der Dankbarkeit für die Momente, die sie miteinander verbracht hatten. Er erinnerte sich an jene Worte des anderen, die er immer als prophetisch begriffen hatte: Der Brunnen des Kommunizierens ist der Dialog, das Zwiegespräch. Tiefer könne man mit den Möglichkeiten der Sprache nicht vordringen und in den feinsten Nuancen und Verästelungen unserer selbst und unseres gemeinsamen Daseins schöpfen – immerzu. Und er hatte sich erlaubt, das grundlegende Funktionspaar langue / parole auf sehr plastische Weise zu umschreiben. Die langue sei gewissermaßen das Herz und die parole der Herzrhythmus. Und aus dem Zusammenspiel komme der Stoff heraus, aus dem die Kommunikation gemacht sei, die uns mit unserem Leben in seinen unendlichen Erscheinungen und mit unserem Tod verbindet.
Schließlich sah er ihn im großen Pfirsichbaum seines Gartens, als er ihn einmal mit seiner Gefährtin aufsuchte. Wie er auf dem starken, unteren Ast stand und mit dem Rückschnitt der Triebe beschäftigt war. Sie schauten ihm von unten zu, blickten sich an und lachten. Und als er sie verwundert fragte, was sie so erheitere, hatten sie geantwortet, er habe sie gerade an einen gewissen, Mistelzweige schneidenden Druiden erinnert. Da hatte auch er sich zu einem seltenen, herzlichen Lachen hinreißen lassen, denn er war ein ungeheuer ernster Mensch.
„Ich danke dir, dass du dieses Treffen mit mir akzeptiert hast. Wie versprochen werde ich keine alten Geschichten aufwärmen. Im Laufe meines Lebens habe ich manches Mal an unsere erste Liebe gedacht, an ihren wunderschönen Höhenflug und an ihr grausames Ende. Diese Zeit mit dir hat in meinem Denken Platz gefunden und mich mein Leben lang begleitet. Und vielleicht ist es deshalb zu meinem Wunsch gekommen, ein spätes Gespräch mit dir zu suchen. Damals war kein Gespräch möglich.“
„Ich war überrascht, dass du nach all den Jahren mit einem Mal den Kontakt mit mir gesucht hast. Meine erste Reaktion war, dich zu ignorieren. Ich wollte nicht mehr an die schlimmen Umstände deiner Trennung von mir erinnert werden. Für mich ist diese Zeit abgeschlossen. Aber dann hat dein ungewöhnlicher Wunsch mich neugierig gemacht. Eine Frage ist mir vielleicht von unserer Zeit geblieben: Warum hattest du mich damals ohne eine Erklärung verlassen.“
„Du wirst mich für einen Schuft gehalten haben und vielleicht hat sich deine Meinung bis heute nicht geändert.“
„Solltest du es tatsächlich geschafft haben, dein bösartiges Verhalten zu erkennen und zu bedauern? Es war nicht nur deine wortlose Trennung. Dieses Verhalten war schon erbärmlich genug. Aber wie du mich zum Abschied – im Nachhinein wurde mir das nur allzu deutlich bewusst – vergewaltigt hast, war wohl der monströse Höhepunkt deiner ungeheuerlichen Trennungsoperation.“
„Ich war damals außer mir, wie ich es niemals zuvor und danach niemals mehr war. Ich habe mir oft diese Situation in Erinnerung gerufen und mich gefragt: Was hast du da getan? Es war ein schlimmer Impuls.“
„Ich möchte dir gegenüber fair sein und zugestehen, dass ich diese Szene nicht so klar empfunden hatte. Ich hatte kein gutes Gefühl, das ist wahr. Aber unsere Trennung war in meinem Kopf noch nicht besiegelt. Das gleiche Geschehen nach der Trennung im Kopf oder mit einem anderen Mann hätte ich gewiss als Vergewaltigung empfunden. Versuche wenigstens, Worte der Entschuldigung über deine Lippen zu bringen.“
„Ich möchte dich für mein damaliges böses Handeln an dir um Verzeihung bitten. In meinem Kopf herrschte eine üble Erbitterung. Dafür gibt es keine Rechtfertigung.“
„Ich nehme deine Entschuldigung an. Aber auch wenn du nicht vorsätzlich gehandelt hattest, so hattest du Böses getan. Du hattest mich erniedrigt, gedemütigt und verletzt. Warum konntest du nicht friedlich sagen, dass du mich nicht mehr liebtest? Für mich war es schon schrecklich genug.“
„Ich glaube, im Grunde wollte ich diese Trennung nicht. Sie war unausweichlich. Wir saßen stumm nebeneinander auf dem Bett und in dem Moment durchfuhr mich die Trennung. Und zugleich war da die Auflehnung mit dieser bös artigen Trotzreaktion, die wohl bedeuten sollte: Und doch bist du mein, auch wenn ich dich nicht mehr besitzen werde.“
„Ein bösartiges Zeichen? Nein, ich bin nicht von dir schwanger geworden, wenn du das in deinem Wutanfall wolltest. Ich hoffe, dein Besitzwahn hat unsere Trennung nicht überdauert. Oder soll ich glauben, dass du mich – jetzt hier, wo wir uns gegenübersitzen – immer noch für ,dein‘ hältst?“
„Natürlich nicht. Ich denke dich und mich nicht mehr vereint. Doch damals ist etwas von dir in mich übergegangen und zum lebendigen Teil meiner selbst geworden. Das ist, was mir meine Beziehung mit dir eingebracht hat. Das ist, was alles bis auf den heutigen Tag überdauert hat. Und darüber möchte ich sprechen und hoffe, dass du mich verstehen kannst. Auch ich werde dir aufmerksam zuhören.“
„Wie soll ich dich verstehen? Eine schöne Erinnerung an mich? Was erwartest du von mir? Soll ich dir dafür danken, dass du dich gnädig an mich erinnerst, nachdem du mich brutal fallen gelassen hattest?“
„Nein, ich besitze keine wehmütige oder nostalgische Erinnerung an dich. Angst und Schrecken des damaligen Abgrundes, der sich in mir aufgetan hatte, waren viel zu überwältigend und haben etwas anderes bewirkt. Im Augenblick der Trennung hatte ich dich und mich selbst gehasst – das ist leider wahr. Aber dann wurde mir klar, dass unsere Beziehung tragisch war. In der Phase der Trennung hatte ich das nicht kontrolliert, obwohl es doch dieses Bewusstsein war, das mich zur Trennung bewegte. Ich musste mich von dir trennen und dennoch hatte ich mich mit jener wüsten Geste dagegen aufgelehnt.“
„Ach! Du hattest dich als Opfer einer tragischen Verstrickung gesehen? Davon hattest du dir aber nichts anmerken lassen. Dann war es wohl ein Theaterstück in deinem Inneren. Eine geschlossene Vorstellung ohne Zuschauer.“
„Du hast unrecht, mich zu persiflieren. Ich weiß wohl, wie mich diese Trennung von dir zutiefst erschüttert hatte. Auch wenn ich nichts nach außen dringen ließ.“
„Dein Rachefeldzug hatte aber noch länger gedauert. Soll ich dir noch einige Details in Erinnerung rufen? Aber vielleicht sollten wir nicht zu tief in der Vergangenheit herumstochern. Erkläre dich weiter.“
„Meine Handlungen sind mir sehr wohl in Erinnerung geblieben. Ich glaubte, nicht nur dir, sondern auch deiner Familie und dem Dorf, also deiner Gesellschaft, meine Erbitterung zeigen zu müssen. Natürlich völlig unsinnig. Damit habe ich nicht meinen Schmerz besiegt.“
„Ich kann dich nicht begreifen. Du behauptest, dass du mich aufrichtig geliebt hast und dann hast du eines Tages festgestellt, dass du mich nicht mehr liebst.“
„Nein, ich hatte festgestellt, dass ich mich von dir trennen musste. Aber ich konnte mir nicht sagen, dass ich dich nicht mehr liebte, weil es nicht stimmte.“
„Warum deine Sprachlosigkeit? Wäre es nicht das Mindeste gewesen, mir deine inneren Zweifel und Konflikte zu sagen? Stattdessen hast du mir den Rücken gekehrt und bist gegangen. Für mich war das ein ungeheurer Schock. Ich weiß noch, dass ich nach deinem Fortgang wie von Sinnen reagiert habe. Darüber möchte ich nicht mehr sprechen. Es war grauenhaft. Ich habe später versucht, dich zu verstehen. Aber ich habe nicht verstanden, warum du mich ohne eine Erklärung verlassen hast. Was hatte ich dir getan? Was hatte dir an mir missfallen? War ich dir nicht gut genug? Ich hatte dich wirklich von ganzem Herzen geliebt.“
„Ich hatte nie daran gezweifelt, dass du mich liebtest. Und auch ich liebte dich. Versuche, es mir zu glauben. Es war deine und meine erste Liebe. Sie war von Grund auf tragisch – doch dafür waren wir blind. Jedenfalls hat sie mir – nach meiner Auflehnung – ein Bewusstsein von Tragik eingebracht. Ich musste lernen, damit zu leben. Für dich hingegen endete deine Liebe im Unglück. Auch du hast gelernt und dein Unglück bewältigt. Du hast alle Veränderungen gewissermaßen wieder rückgängig machen können. Für dich wurde unsere damalige Beziehung zur abgeschlossenen Vergangenheit. Und dein Unglück beeinflusst dich nicht mehr. Du hast alle Auswirkungen deiner Erfahrung zum Verstummen gebracht oder ignoriert. Aber vielleicht möchtest du dir doch anhören, wie es mir ergangen ist und welche Folgen unsere verlorene Liebe für mich hatte.“
„Es fällt mir schwer, dir zu folgen. Tragisch? Was soll das heißen? Du musst doch gewusst haben, dass du mich nicht mehr geliebt hast. Was redest du da? Du hattest dich auf schändliche Art und Weise von mir zurückgezogen.“
„Ich verstehe, dass diese Trennung für dich ein Unglück durch meine Schuld war. Und dieser Gedanke ist mir bis heute eine Last: Ich habe dich unglücklich gemacht und nicht glücklich. Ich weiß, dass mein damaliges Verhalten gegen mich spricht. Und doch war diese Trennung für mich eine Tragödie. Ich sage es noch einmal: Ich hatte dich geliebt, über meine Trennung von dir hinaus. Ich hatte dich zu sehr geliebt. Zu sehr, verstehst du? Und nicht aus einem unreifen romantischen Gefühlsüberschwang heraus, sondern definitiv, wie es der Rest meines Lebens bezeugen kann. Ich habe nichts zurückgenommen. Und auch du hattest mich zu sehr geliebt. Doch du konntest unsere Fatalität als dein Unglück verstehen. Das war dein Lösungsweg und du hast dich am Ende von mir und unserer Geschichte lösen können. An mir blieb das Tragische hängen und hat mich nicht mehr verlassen.“
„Sag mal, hast du noch deinen Verstand beisammen? Sei mir nicht böse, wenn ich dir das so direkt sage. Was du da sagst, klingt völlig überspannt. Es gibt immer einen Seelenfrieden. Ich hoffe, du hast deinen wiedergefunden. Oder willst du mit Frauen, die dich lieben, eine Kette von tragischen Begegnungen in Gang setzen? Wie viele Frauen hast du mit deinen tragischen Anwandlungen noch ins Unglück gestürzt?“
„Nein, ich habe es nicht zum Serientäter gebracht, sondern sehr wohl gelernt, mit meinem tragischen Denken zu leben, ohne noch jemanden in seine Abgründe hineinzuziehen und ein Unglück anzurichten. Was stört dich an der Vorstellung, dass ich unsere Beziehung tragisch verstanden habe? Es ist schließlich mein Verständnis und es hat mich mein Leben lang begleitet. Für dich wurde daraus ein Unglück, das ist wohl wahr. Aber aus diesem Unglück hat wieder ein Weg herausgeführt und du hast deine Gefühle zurück auf ihr altes Gleis gesetzt. Du hast dir gesagt, dass ich in deinen Gefühlen ein Unglück angerichtet habe. Richtig? Das kann passieren. Das passiert unzählige Male und unzählige mehr oder weniger verliebte Paare trennen sich wieder. Einer gilt als verlassen? Die Welt spricht teilnahmsvoll von unglücklicher Liebe, wenn nicht gerade eine Schuftigkeit im Spiel ist, über die sich trefflich moralisieren lässt. Was du sagst, ist tausendfach erprobt und hilft in den allermeisten Fällen wieder auf die Beine. Aber eben nicht in meinem Fall. Ich war weder leichtfertig verliebt noch war ich dein Schuft und Unhold deiner Gefühle.“
„Ich habe dir meine Erfahrung gesagt. Und offenbar hast du sie akzeptiert. Auch wenn du sie – wie du mir zu verstehen gibst – für minderwertig hältst. Aber egal. Für dich waren meine Gefühle vielleicht geringwertig. Mein Unglück hingegen war sehr real und ist mir durch meinen Körper und meinen Geist gefahren. Das hat dich nicht beunruhigt und lässt dich wohl auch heute noch gleichgültig. Ich war damals kurz davor, mir etwas anzutun.“
„Ich war nicht gefühllos und ich bin es nicht. Was dir als Gefühlskälte oder Gleichgültigkeit erscheinen musste, war mein eigener Schrecken, der alle Gefühlsregungen erstarren ließ. Du hast sicher geglaubt, ich hätte nicht gelitten. Und ich kann dich sogar verstehen. Aber auch mir hat diese Trennung schwer zu schaffen gemacht. Ich habe nie den letzten Moment unseres Zusammenseins vergessen, unseren Abschied in B**. Deine versteinerten Gesichtszüge und das tonlose, sterbende ,Pfiat di‘, das uns über die Lippen kam. Ich hatte mich wie ein Geschlagener in den Zug geschleppt und es herrschte Grabesstille in mir.“
„Ja, ich erinnere mich an diesen schrecklichen Moment. Ich wollte dich nicht mein Leid schauen lassen. Du solltest nicht diesen Triumph über meine Ohnmacht haben. Als du weg warst, brach es hervor. Aber was soll denn ,tragisch‘ an unserer Liebe gewesen sein? Ich sehe da etwas ganz anderes. Du hattest einfach das Interesse an mir verloren, weil ich deine hochgesteckten Ansprüche nicht erfüllen konnte. Deine Enttäuschung hat dich zur Trennung bewogen. Und diese Enttäuschung erzeugte bei dir so einen maßlosen Frust, dass du deine Wut an mir ausgetobt hast. Ich musste denken, dass deine Liebe nicht wirklich aufrichtig war. Und dieser Gedanke war ungeheuer traurig. Du warst meine Enttäuschung, die Enttäuschung meines Lebens. Nie mehr habe ich mich in die Gefahr einer derartigen Enttäuschung begeben. Das hattest du mit deiner Trennung in mir bewirkt.“
„Enttäuscht warst du, weil du glauben musstest, ich hätte dein uneingeschränktes Vertrauen in mich missbraucht. Deine Enttäuschung hast du mir als Täuschung zur Last gelegt. Und meine Trennung hat dich schockiert. Ich muss es akzeptieren. Und ich werde deinen Schmerz auch niemals kleinreden, sondern respektieren – auch heute, wo er nicht mehr existiert.“
„Ja, das habe ich geglaubt und diesen Glauben hast du in mir nicht zerstören können. Du hast ihn vielleicht in den Staub geworfen, aber ich habe mich wieder erhoben.“
„Wie ich dich verstehe. Auch ich trug diesen Glauben in mir. Aber dieser Glaube kann keine Berge versetzen, sondern besitzt tragische Niederlagen. Ich konnte nicht von dir enttäuscht sein. Du hattest mir doch überhaupt keinen Grund zur Enttäuschung gegeben. Deine Gefühle für mich und all dein Handeln an mir waren vollkommen liebevoll.“
„Und du behauptest von dir, mich geliebt zu haben, ja über die Trennung hinaus? Und von mir sagst du, du hättest meine vollkommene Liebe verspürt? Und dennoch hast du dich von mir getrennt? Andere Menschen würden Gott für ihr Glück auf den Knien danken und du hast es weggeworfen? Im Namen einer Tragik, die mir vollkommen unverständlich ist und nur in deinem Kopf existiert? Was bist du nur für ein Mensch?“
„Ein tragischer Mensch.“
„Ach! Dafür machst du aber einen ganz entspannten Eindruck.“
