Die Kinder Paxias - Laura Feder - E-Book

Die Kinder Paxias E-Book

Laura Feder

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Beschreibung

Das Finale der Fantasy-Tetralogie. Die Macht der Ewigen. Sie wird nur nach Bestehen einer Prüfung verliehen, in der die Unsterblichen ihre Würdigkeit beweisen müssen. Ohne diese Macht ist jeder Kampf gegen ihre Feinde aussichtslos. Ohne diese Macht können sie ihre verlorenen Kräfte nicht zurückerobern. Unter Sayas Führung blicken die unsterblichen Gefährten der Herausforderung mutig entgegen. Doch ein zerbrechliches Band des Vertrauens und der Loyalität ist es, welches ihnen wahre Stärke verleiht. Die letzte Schlacht beginnt… … und der Weg in ihr gemeinsames Schicksal.

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Laura Feder

Die Kinder Paxias

Die Prüfung Der Ewigen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Epilog

Impressum neobooks

Kapitel 1

Ein berittenes Empfangskomitee Steinkrieger erwartete sie bereits, als sie das Ende des versiegelten Pols erreichten. Sie verharrten.

„Natürlich“, murmelte Cecil ironisch. „Wie sonst hätten wir auch erkennen sollen, dass wir geschützten Bereich verlassen?“

Robin spannte gelassen ihren Bogen. Kaelis Messer flogen bereits zielsicher auf die Gegner, die sich ihrer Position noch nicht nähern konnten.

Es war ein leichter Sieg aus der Distanz.

Als sie danach über die steinigen Überreste kletterten, warf Robin Cecil einen Blick unter hochgezogenen Brauen zu. „Ich hätte es euch gesagt.“

Ihre trockene Reaktion entlockte ihm ein belustigtes Schmunzeln. „Der Klang deiner Stimme ist dem Erscheinen dieser Kreaturen auf jeden Fall vorzuziehen.“

„Wie galant von dir, meine Worte mit einem Kampf zu vergleichen.“ Robins Miene blieb ernst bei dem Vorwurf, aber in ihren Augen funkelte es verdächtig und ihre Grübchen zuckten.

„Ich bin sicher deine Verbalattacken können ebenso wirkungsvoll sein wie deine Pfeile“, konterte Cecil mutwillig.

„Ist das eine Herausforderung?“

„Hebt euch eure Auseinandersetzung für später auf“, unterbrach Iain das Geplänkel. „Da ihr offensichtlich nicht ohne auskommt, wartet da vorne die nächste echte auf uns. Lasst euch besser an diesen Gegnern aus.“

Es war eine übersichtliche Schar Lehmkreaturen, aber sie formten bereits Feuerbälle. Robin zögerte nicht und rief das Element Wasser zur Hilfe. Arn, Saya und Iain übernahmen die Beseitigung. Cecil blieb als Schutz bei Kaeli und der Elfe. Nach dem Sieg trat er an Robins Seite und grinste sie mutwillig an. Auf ihren fragenden Blick zwinkerte er nur.

„Wie ich bereits feststellte: Deine Zunge ist eine Waffe.“ Er nahm Bezug auf ihren Beschwörungsgesang. „Eine sehr wirkungsvolle.“ Damit ließ er die Elfe halb sprachlos, halb amüsiert zurück. Kopfschüttelnd beschleunigte sie ihren Schritt, um bei der Gruppe zu bleiben.

Ihr Weg führte sie in einen dichten Nadelwald. Mit dem wuchtigen Gebirge zu ihrer Linken, das längst die begrenzende Wölbung der Steilwand abgelöst hatte, erreichte sie nur wenig Licht. Sie wanderten in fast nächtlicher Dunkelheit, so dass die nachtblinden Gefährten unter einigen Orientierungsschwächen litten.

Sie überlegten, ob sie versuchen sollten, den Wald zu verlassen, um an dessen Rand seinem Verlauf zu folgen, entschieden sich aber dagegen.

Es hatte den Anschein, als wäre es für die Schlammblasen unmöglich, den dickwurzeligen Waldboden zu durchdringen. Und das bedeutete einen so großen Vorteil, dass sie die Einschränkungen der Finsternis gerne auf sich nahmen.

Eine weitere Erleichterung war das geringe Aufkommen der gewaltigen Heerscharen, die ihnen ihre bisherige Reise so erschwert hatten. Die Anzahl ihrer Angreifer blieb meist in überschaubaren Grenzen, so dass auch Kaeli sich an die Front wagte.

Wie Saya bemerkte sie die von der Natur getarnten, erdfarbenen Feinde viel früher als die anderen und war mit ihrer Harpune eine hilfreiche Stütze für die Gelehrte. Iain und Cecil blieben in ihrer Nähe und griffen ein, sobald sie gebraucht wurden. Doch sie waren in ihrer Orientierung meist auf Saya und Kaeli angewiesen.

Arn ging einige Schritte hinter Robin, bereit sie zu schützen, sobald ihr Ruf nach den Elementen gefordert war – wenn zu viele Kreaturen die Gefährten zu überrennen drohten.

Es fiel ihm auf, dass sie sich einige Male zu ihm umwandte, aber es war zu dunkel, um mehr als Schemen zu erkennen, geschweige denn ihren Ausdruck zu deuten. Und sie sprach ihn ebensowenig an wie er sie.

Obwohl die Begegnungen wenig gefährlich blieben, atmeten die nachtblinden Gefährten auf, als das einfallende Licht in der Ferne das Ende des Waldes ankündigte.

Cecil war so auf das Kommende fixiert, dass er das raschelnde Knacken an seiner Seite zu spät registrierte.

Er fuhr herum, gerade als das sirrende Messer an ihm vorüberschoss.

Steine prasselten auf ihn ein. Die felsige Klinge ritzte seine Haut quer über der Brust, während sie zu Boden fiel. Einen winzigen Augenblick später und sie hätte seinen Kopf vom Rumpf getrennt.

Kaeli hatte ihn vor diesem Schicksal bewahrt, das war allen klar.

Cecil streckte seine Hand nach ihr aus, und sie trat mit einem besorgten Lächeln zu ihm. Behutsam strich sie ihm über den blutigen Striemen und blickte ihn bedauernd an.

„Ich war zu spät. Verzeih mir.“

„Nein.“ Er zog sie fast heftig in seine Arme. „Du warst gerade rechtzeitig.“ Leise an ihrem Ohr flüsterte er: „Danke.“

Seine Reaktion – obwohl sie sie im Herzen freute – machte sie verlegen. Mit geröteten Wangen, die glücklicherweise nur Saya sehen konnte, löste sie sich von ihm.

„Lasst uns hier verschwinden“, murmelte sie. „Es ist Zeit, dass wir alle wieder gleichermaßen sehend sind.“

„Dem stimme ich zu.“ Arn unterstützte sie bereitwillig. Er hatte sich im Wald noch hilfloser gefühlt, sein Schwert noch unsicherer geführt.

Sie beschleunigten ihre Schritte und betraten ein karges Tal. Steppengras überwucherte den sandigen Boden und ließ die Umgebung für die Dunkelwelt ungewohnt blass wirken. Außer den von den Dunkelelfen versprochenen Höhlen in dem hellen Gebirge war nichts anderes zu sehen als Berge und Graswüste. Ein ödes Gebiet, ungeeignet, um sich vor Feinden zu verbergen oder – positiv ausgedrückt – diese zu übersehen.

Es verwunderte die Gefährten wenig, die erste Schlammblase aus dem Boden quellen zu sehen.

„Tempo!“, war Sayas einzige Anweisung, mit der sie sich in Bewegung setzten, darauf hoffend, dem Schicksal dieser Kämpfe entgehen zu können.

Was auch funktionierte, solange keine anderen Kreaturen sie aufhielten.

Für die Durchquerung des Tales änderten sie ihre Formation. Während Iain mit Cecil die Front übernahm, hielt Saya den Gefährten den Rücken frei. Arn blieb bei Kaeli und Robin in der Mitte.

Dies erwies sich als gute Entscheidung, da die Elfe mit ihren Beschwörungen nun verstärkt zum Einsatz kam. Wie erwartet bot die Umgebung viel Fläche. Ganze Armeen von Angreifern rückten an.

Robin tat ihr Bestes, um mit der Macht der Elemente zu verhindern, dass ihre Lage außer Kontrolle geriet und sie überwältigt würden.

Nach wie vor bevorzugte sie den Einsatz des Windes, aber in einer mächtigeren Ausprägung, die sie mehr Kraft kostete.

Ihre erzeugten Windhosen vernichteten alles, was sie berührten, entfernten die Kreaturenansammlungen, denen die Schwerter der Gefährten in ihrer Überzahl nicht gewachsen waren.

Mit dieser Taktik gelang es ihnen, dem gefährlichen Reißen der Blasen zu entgehen.

Dann wurde es kälter.

Erst waren es nur stürmische Böen, die ihre Gestalten eisig umwehten. Dann begann der Himmel sich zuzuziehen. Schwarzgraue Wolken schoben sich vor die Sonne, bildeten eine dichte, düstere Decke.

Die Gefährten behielten dieses Geschehen mit einiger Sorge im Auge, waren aber in ihre Kämpfe zu involviert, um sich darauf konzentrieren zu können. Sie blendeten es aus, da keine unmittelbare Bedrohung ersichtlich war.

Ohne Sonne sanken die Temperaturen rapide weiter, näherten sich dem Gefrierpunkt, was von ihnen aber nicht registriert wurde.

Sie alle reagierten verblüfft, als dicke Schneeflocken auf ihre von der Schlacht erhitzte Haut trafen und schmelzend über ihre Glieder perlten.

Nur Sayas vergleichbare Körpertemperatur war unempfindlich gegenüber den Eiskristallen. Sie sah den Schnee, statt ihn zu fühlen, war allerdings nicht weniger irritiert.

Eigentlich herrschte Sommer auf Paxia.

„Was …?“ Die lehmigen Kreaturen, die ihnen den Weg versperrten, bewegten sich zunehmend langsamer. Sie begannen in der Kälte zu erstarren.

„Sie gefrieren“, bemerkte Iain erstaunt und hielt inne, beobachtete, wie sich der Eisfilm auf der erdigen Oberfläche der feindlichen Gestalten ausbreitete.

Kaeli war pragmatischer und nutzte die Gelegenheit, mit ihren Wurfattacken das Feld freizuräumen. Neue Gegner erschienen nicht.

„Soll das eine Art Hilfsaktion werden?“, fragte Cecil und musterte Robin skeptisch. Diese hob abwehrend die Hände.

„So weit reicht meine Macht nicht. Das war ich nicht.“

Saya blickte in den trüben Himmel, aus dem der Schnee zunehmend dichter fiel. Wind pfiff eisig um sie herum. Noch immer kühlte es weiter ab. Sie selbst störte es nicht – eher im Gegenteil. Auch Kaeli wirkte nicht, als fühle sie sich unwohl, obwohl sich Reif auf ihrer Haut bildete und sich Schnee in ihren Haaren und Wimpern verfangen hatte.

Ganz anders verhielt es sich bei den anderen. Ohne die permanenten Bewegungen im Kampf kühlten ihre Körper schnell aus. Sie standen mit blau verfärbten Lidern, Lippen und Händen. Arn zitterte, seine Zähne schlugen klappernd aufeinander, und seine Miene war schmerzverzerrt. Hilflos erwiderte er ihren Blick.

„Ich denke, da tauscht jemand direkte Angriffe gegen extreme Wetterbedingungen aus“, meinte Saya schließlich, wütend über den Einfallsreichtum ihrer Feinde und deren Fähigkeit, ihre Schwächen erkannt zu haben.

„Wir sollen wohl zum Einhalten gebracht werden.“

„Und das mit Erfolg, wie mir scheint“, ergänzte Iain und wies mit ausgestreckter Hand auf den Horizont, wo eine neblig graue Masse ihre Sicht trübte. Sorge spiegelte sich in seinen verhangenen Augen. „Ein Blizzard.“

„Wir können nicht weiter“, entschied auch Cecil.

Fünf fragende Augenpaare waren abwartend auf Saya gerichtet, auf ihr Urteil vertrauend.

Sie war vernünftig genug, keine bleibenden Schäden an der Gesundheit ihrer Gefährten zu riskieren. Sie waren alle zu wertvoll für Paxias Überleben. Sie brauchten eine Zuflucht, bis der immer heftiger tobende Sturm vorüber war.

Saya suchte die Umgebung des Gebirges ab und fand, was nötig war. „Rückzug. Kommt.“

Es fiel ihnen schwer, sich dem stürmischen Wind entgegenzustemmen, um die schmale Gasse in dem felsigen Gelände zu erreichen, in deren Schutz Saya eine Höhle erhoffte.

Iain bemerkte Kaelis Not. Ihre grazile Statur kam kaum gegen das heftige Schneetreiben an. Er packte ihre Hand und zog sie mit sich, ihr mit seinem eigenen Körper Deckung bietend.

Den anderen gelang es aus eigener Kraft vorwärtszukommen.

Mit zusammengekniffenen Augen, um diese vor den eisigen Wehen zu schützen, tasteten sie sich langsam Richtung der von Saya vorgegebenen Bergspalte.

Die Gelehrte blieb hinten, trieb sie mit lauten Befehlen unerbittlich vor sich her.

Keuchend erreichten sie schließlich die enge Gasse.

Und atmeten erleichtert auf.

Sayas Hoffnung erfüllte sich. Am Ende des windgeschützten Pfades klaffte die runde Öffnung einer Höhle – ihr Lager für die Zeit des Sturmes.

Sie war nicht eben geräumig, gerade so, dass sie alle Platz fanden, aber sie war frei von Schnee. Und es war, dank ihrer Position, unwahrscheinlich, dass sich dieser Zustand zu ihren Ungunsten ändern würde.

Saya zeigte sich zufrieden.

„Ich glaube, hier sind wir sicher. Solange der Blizzard tobt, werden wohl auch keine Angreifer erscheinen. Dennoch halte ich es für besser, eine Wache einzurichten. Da Kaeli und mir die Temperaturen nichts ausmachen, werden wir diese übernehmen.

Es ist wichtig, dass wir alle bei Kräften bleiben. Vor allem aber die Prüflinge.

Und nun sollten wir unser Nachtlager errichten.“

Weder Iain noch Cecil waren glücklich über ihre Entscheidung, doch sie konnten sich gegenüber der Vernunft Sayas Worte nicht verschließen und widersprachen nicht.

Saya blieb am Höhleneingang. Sie würde die erste Wache übernehmen und das Schneetreiben in der Ferne beobachten. Für sie war dies ihre erste Erfahrung mit dem gefrorenen Element, und sie war angemessen fasziniert. Die Wache war eine gute Gelegenheit, ihrem Interesse nachzugeben.

Kaeli setzte sich ihr gegenüber auf die andere Seite der Öffnung. Es war nicht genug Platz, einen anderen Ort für ihr Lager zu wählen, da sie keinen anderen dem einströmenden eisigen Zug aussetzen wollte.

Iain und Cecil ließen sich neben ihr nieder. Sie blieben dicht beieinander und wickelten sich sofort in ihre Decken, um vor der Kälte bestmöglich geschützt zu bleiben.

Es war früher Abend, die Dämmerung gerade hereingebrochen, an Schlaf war noch nicht zu denken. Also begannen sie, in ihrem Gepäck nach den Vorräten zu suchen, die die Dunkelelfen ihnen in weiser Voraussicht, dass ein Lagerfeuer nicht möglich war, fertig zubereitet mitgegeben hatten.

Ein hallendes Poltern weckte aller Aufmerksamkeit.

Robins Rucksack war ihr aus den starren Händen geglitten, sie war nicht in der Lage gewesen, nach ihm zu greifen.

Nun stand sie vor ihrer Tasche und blickte aus eigenartig teilnahmslosen Augen darauf nieder.

Die Elfe war in einem denkbar schlechten Zustand, dessen Ausmaß die Gefährten eben begriffen.

Mit ihren Beschwörungen hatte sie ihre Kräfte stärker verausgabt als die anderen und den fallenden Temperaturen viel zu wenig entgegenzusetzen. Ihre Kleidung, klamm durch den Schnee, war nicht geeignet, sie ausreichend zu wärmen. Robins Haut war blass mit bläulichen Verfärbungen, verriet die ersten Anzeichen einer drohenden Unterkühlung. Ihr Kiefer zog sich wieder und wieder wie im Krampf zusammen, und sie wurde von Schauern geschüttelt.

Die anstehende Nacht bedeutete eine ernste Gefahr für ihr Leben. Besorgt und ratlos beobachteten sie sie in ihren Anstrengungen, ihre Decke hervorzuziehen.

Sie hatten keine Möglichkeit, ein Feuer zu entzünden, es fehlte an Holz und Platz. Iain erwog, ihr seine Decke zu überlassen, und Cecil war anzusehen, dass er den gleichen Gedanken hegte, doch ihr Verstand verbot es ihnen letztendlich.

Auch wenn ihr Leben durch Erfrieren nicht enden würde, so könnten sie ihre Gliedmaßen verlieren, die Kälte würde diese absterben lassen.

Es musste einen anderen Weg geben, Robins Überleben zu sichern, bevor sie dieses Risiko eingingen.

„Robin, komm her.“ Es war Arn.

Er saß zitternd in einer geschützten Nische, so weit entfernt vom Höhleneingang, wie es ihm möglich gewesen war. Seine Decke hatte er fest um sich geschlungen, und auch er zeigte ähnliche Symptome der Unterkühlung wie die Elfe. Dennoch war seine Stimme erstaunlich fest gewesen, seine Miene zeigte Entschlossenheit, während er Robin fixierte. Diese sah ihn erstaunt mit einigem Befremden an, alles andere als bereit, seiner Anordnung Folge zu leisten.

Natürlich.

Arn seufzte innerlich, aber er war bereit, sich durchzusetzen. Er streckte seine Hand nach ihr aus.

„Du wirst diese Nacht bei mir verbringen. Auch wenn dich das Überwindung kostet, so bin ich doch deine einzige Option, unbeschadet diese Situation zu überstehen. Meine Körpertemperatur ist hoch genug, dich zu schützen.

Und jetzt komm her. Zwing mich nicht, Saya zu bitten, dich an mich zu fesseln.“

„Einer Bitte, der ich nur zu gern nachkommen würde“, ergänzte Saya, sofort bereit, ihn in seinem Vorhaben zu unterstützen. Seine pragmatische und so einfache Lösung erleichterte nicht nur sie.

„Geh, Robin“, bat auch Kaeli. Sie machte Anstalten, die Elfe in Arns Richtung zu schieben. Gerade als es ihm gelang, ihren Arm zu packen.

Robin riss sich hektisch von ihm los und machte einen Satz außer Reichweite, ihre Hände eilig hebend.

„Schon gut“, meinte sie, ohne ihr Widerstreben zu verbergen. „Ich beuge mich der Vernunft. Bewegen kann ich mich jedoch noch allein.“

Sie brauchte ihr eigenes Tempo, sich ihm zu nähern. Und auch dies geschah mit offenkundigem Zögern.

Arn rührte sich nicht, wartete geduldig, bis sie sich neben ihm niederließ. Ihre Arme berührten sich, aber sie mied seinen Blick.

Er schüttelte missbilligend den Kopf und wandte sich ihr zu, zwang sie, seinen Augen zu begegnen.

„Was soll das werden?“, fragte er kritisch.

Robin zeigte sich irritiert. „Wie sonst, wenn nicht so, soll ich von deiner Wärme profitieren?“

„Was von dir genau profitiert denn auf diese Weise von meiner Wärme? Robin, ich will dir helfen, nicht deinem Arm. Komm auf meinen Schoß, ich bitte dich. Der kalte Steinboden ist nicht gut für deine Gesundheit.“

Robin rührte sich nicht ob Arns eindringlicher Worte, tat nichts, was darauf hindeutete, dass sie seiner Einladung nachzukommen gedachte. Sie blickte allerdings auch nicht von ihm weg, und Arn erkannte voller Erstaunen Unsicherheit in ihrer Miene statt Ablehnung.

Nicht ihre Abneigung war es also, die sie zurückhielt. Er beugte sich vor, dämpfte seine Stimme, dass nur sie ihn hören konnte.

„Warum zögerst du?“

Verlegenheit mischte sich in ihre Züge. Arn hob nur die Brauen, deutete an, dass er das Thema nicht fallen lassen würde.

Robin gab nach.

„Ich bin nicht gerade ein Leichtgewicht. Du kannst nicht wollen, dich über Stunden mit mir zu belasten. Ich bin einfach zu schwer.“

„Was für ein Unsinn!“, stieß Arn ungläubig über die Banalität ihrer Weigerung hervor. Er argumentierte nicht weiter, er handelte.

Robin keuchte erschrocken auf, als er mit beiden Armen nach ihr griff und sie kraftvoll auf seinen Schoß hob. Ihre Decke steckte er um ihrer beider Beine fest, mit seiner eigenen umwickelte er ihre Schultern. Nur ihre Köpfe blickten noch aus der Deckenmasse hervor.

An Robins rötenden Wangen sah er nicht nur ihr Unbehagen, sondern auch die Wirksamkeit seiner Maßnahme. Ihr Körper erwärmte sich bereits an seinem. Arn öffnete seinen Wams. Als die Elfe dies bemerkte, wich sie ein wenig von ihm zurück – so weit die umgebende Hülle dies zuließ.

„Was machst du?“, fragte sie mit deutlichem Entsetzen.

Arn blieb ruhig.

„Je mehr ich von meiner Haut freilege, desto mehr Hitze kann ich abgeben. Ich hoffe, ich kann dafür sorgen, dass du diese Nacht nicht frierst und dich erholst. Wir brauchen dich morgen wieder.“

Seine ungewohnte Entschlossenheit machte sie wehrlos. Sie ließ es zu, als er sie mit beiden Armen umfing und an seine Brust zog. Sein Mund näherte sich ihrem Ohr.

„Ich habe monatelang wenig anderes getan, als Leichen quer durch mein Reich zu tragen und sie Paxia zu übergeben. Du hast keine Vorstellung, wie schwer so ein starrer Körper sein kann. Lass mir die Gelegenheit, einmal einen lebenden vor diesem Schicksal zu bewahren. Du wirst mir niemals zu schwer sein, Waldelfe.“

Robin reagierte nicht. Doch er spürte, wie sie zögernd ihre Wange an die bloße Haut seiner Schulter legte.

Nur Arn sah die anerkennenden Gesten der anderen, mit denen sie ihm zu seinem kleinen Sieg gratulierten und gleichzeitig für sein Handeln dankten.

Er nickte ihnen mit einem kleinen Lächeln zu. Kaeli kam mit ihrer Decke zu ihm und legte diese um seinen Rücken. Sie wollte ihn vor der eisigen Kälte der Höhlenwand isolieren. Zwar tat es dies nicht, brachte aber wenigstens ein wenig Erleichterung.

Arn schloss die Augen und zwang sich zu einem regelmäßigen Atem. Er war sich Robins Unbehagen bewusst und wollte ihr helfen. Indem er selbst vorgab zu schlafen, befreite er sie aus ihrer Unsicherheit und gab ihr die notwendige Zeit, ihre Position anzunehmen und zu akzeptieren. Er entfernte die Intimität aus ihrer gegenseitigen Nähe.

So sehr er sich seit ihrem Kennenlernen nach dem Gefühl ihrer Gestalt in seinen Armen gesehnt hatte, so wenig gedachte er ihre unfreiwillige Notlage auszunutzen.

Außerdem befand er selbst sich ebenfalls in ziemlich schlechter Verfassung. Die Kälte hatte sich in seine Glieder gefressen und bereitete ihm kaum ertragbare Schmerzen. Sein Herz arbeitete zwar noch, aber das Blut, welches es pumpte, fühlte er wie ätzende Säure in seinen Adern.

Für ihn würde dies eine schreckliche Nacht werden.

Arn versuchte sich abzulenken, indem er sich auf den nachgiebigen Körper auf seinem Schoß konzentrierte. Er spürte ihre tiefen Atemzüge und die beginnende Entspannung, die ihre Glieder schwer werden ließ. Robin schlief gerade ein, ihre Erschöpfung musste sehr groß gewesen sein. Dies wunderte ihn nicht. Sie leistete immense Arbeit seit Betreten der Dunkelwelt.

Arn öffnete die Augen und wagte einen Blick.

Er behielt Recht.

Robin lag schlafend an seiner Brust, sie war ein wenig tiefer in die Decken gerutscht. Um sie herum musste überall Wärme sein, denn ihre Haut war zu ihrem normalen Ton zurückgekehrt, ihre Wangen zeigten sogar leichte Schlafröte.

Arn gestattete sich, in ihrem Anblick zu versinken. Es hatte bisher nicht viele Gelegenheiten gegeben, in denen er dies ungestört hatte tun dürfen.

Ihre für die Elfen so typischen alterslosen Züge wirkten fast jugendlich im tiefen Frieden des Ruhens. Ihr Mund war leicht geöffnet, und Arn bewunderte den vollen Schwung ihrer sinnlichen Lippen und die ebenmäßigen weißen Zähne, die diese sonst verbargen. Sie hatte die Kapuze schützend über den Kopf gezogen, so dass er kaum etwas von ihren rotbraun glänzenden Locken sah, geschweige denn berühren konnte, um ihre Weichheit zu erfahren.

Dafür aber bestätigte sich eine lang gehegte Überzeugung. Ihre Gestalt war wie geschaffen für ihn.

Mit ihrer außergewöhnlichen Größe und ihrer üppigen Fülle passte sie perfekt zu ihm – in seine Arme. Sie war sein Gegenstück.

Leider würde sie sich kaum davon überzeugen lassen. Und Arn würde sich ihr niemals aufzwingen.

– Außer wenn es darum ging, sie zu beschützen.

Kapitel 2

Der Morgen dämmerte mit einem wolkenlosen Himmel, als Saya weckend zum Aufbruch drängte.

Sie hatten den Schneesturm unbeschadet überstanden.

Mit Ausnahme von Arn.

Er erhob sich mit steifen Gliedern, bemüht seine beißenden Schmerzen vor den anderen zu verbergen. Er bewegte sich schwerfälliger, und die Haut um seine Augen war noch immer blau verfärbt, aber er gab sich den Anschein, dies stamme von einer durchwachten Nacht.

Die Kälte hatte ihn ja wirklich keine Ruhe finden lassen.

Die anderen gaben sich mit seiner Erklärung zufrieden.

Sie alle atmeten auf, denn die Temperatur erwärmte sich spürbar. Noch bevor die Sonne endgültig aufgegangen war, setzte die Schneeschmelze ein. Plätschernd befreiten sich die wenigen Pflanzen von der weißen Last und begannen sich im Schein der Morgensonne zu erholen.

Leider bedeutete diese Normalisierung des Wetters auch eine Rückkehr der angriffslustigen Kreaturen. Schlammblasen bildeten sich zwar noch nicht auf dem gefrorenen Boden unter der dichten Schneedecke, aber dafür mussten sie sich den berittenen Steinkriegern stellen, die aus verschiedenen Richtungen mit zunehmender Häufigkeit auf sie zu galoppierten.

Zunächst kämpften vor allem Saya und Kaeli, die keine Beeinträchtigungen durch die eisige Kälte, die ihrer aller Schuhwerk durchdrang, empfanden und auch keine Nachwirkungen wie schlecht durchblutete Hände und Finger erleiden mussten.

Während Iain und Cecil mit ihren Schwertern nur langsam zurück in die Kampfhandlung fanden, unterstützte Robin die beiden Mädchen. Ihre Pfeile holten die Krieger gezielt aus ihren Satteln und vereinfachten die Beseitigung der nun getrennten Kreaturen.

Arn blieb an ihrer Seite und hoffte, dass er seiner Funktion als ihr Schutzschild gerecht werden konnte. Trotz seiner beeinträchtigenden Pein war er entschlossen, alles von ihm Erwartete zu leisten.

Iain und Cecil regenerierten. So wie der Schnee unter ihren Füßen schmolz, belebten sich ihre Körper im strahlenden Schein der höher steigenden Sonne, deren zunehmende Kraft einen entschädigenden Sommertag verhieß.

Am späten Vormittag schwanden die letzten Spuren des Blizzards. Was blieb, war eine unangenehme Erinnerung.

Nur nicht für Arn.

Es brauchte mehr, als eine Sonne aus dieser Entfernung liefern konnte. Nichts schien sein Blut erhitzen zu können und die frostigen Schmerzen zu vertreiben. Er spürte die lähmende Schwäche, ohne etwas unternehmen zu können.

Auch wenn er die Zähne zusammenbiss und sich innerlich unaufhörlich anfeuerte, wusste er nicht, ob er bis zum Erreichen ihres Bestimmungsortes durchhalten würde. Ebenso unsicher war er, wie er ohne ein Flammenbad seine Energie wiedergewinnen konnte. In seinem Zustand bedeutete er mehr eine Belastung denn eine Unterstützung für die Gruppe.

Allerdings erwarteten die Gefährten seinen Einsatz, da er seiner geheimen Sorge keinen Ausdruck zu verleihen bereit war – noch nicht.

„Arn!“ Mit diesem warnenden Ruf machte Cecil ihn auf die nahende Gefahr aufmerksam.

Wolkenvögel stürzten auf sie herab. Ein Schwarm steuerte in hoher Geschwindigkeit Robin an, deren materialisierende Pfeile nicht schnell genug flogen, alle bewältigen zu können.

Eine Beschwörung war vonnöten, und sie sah ihn Hilfe fordernd an.

Arn zögerte nicht.

Unter Aufbietung seiner letzten Kräfte schwang er sein Schwert. Gerade rechtzeitig, um die ersten ankommenden Gegner aufzuhalten. Tödlich glitt seine Klinge durch die substanzarmen Körper, die sich zerreißend auflösten.

Er hielt nicht inne und widmete sich den flatternden Nachrückern. Aus den Augenwinkeln sah er die anderen ebenfalls an mehreren Fronten kämpfen. Sie konnten ihm nicht helfen, während Robin den bekannten Gesang anstimmte, der das Element Wasser um Hilfe bat. Ihre Verteidigung oblag also ihm allein.

Die Erkenntnis seiner Verantwortung und das Vertrauen der Waldelfe, dieser gerecht werden zu können, gaben ihm neuen Antrieb.

Wuchtig schlug er in die Front – wieder und wieder. Er konzentrierte sich einzig auf Robins Sicherheit, bestrebt, jeden Schaden und jede Störung ihres Flehens von ihr fernzuhalten. Und doch kam ihm die Zeitspanne unendlich lang vor, bis endlich das vertraute Licht ihre Gestalt umgab und sich von ihr fokussieren ließ.

Der scharf gezackte Schnabel traf ihn hart an der Schulter. Blut quoll aus einem langen Riss an seinem Wams.

Geistesgegenwärtig packte Arn nach der Kreatur und zerfetzte sie mit bloßen Händen. Er spürte den neuen Schmerz seiner Wunde kaum. Doch der rasche Blutverlust war zu viel für seinen geschundenen Körper. Seine Beine gaben unter ihm nach. Er sackte auf die Knie.

Genau als Robin die Macht des Wassers freisetzte.

Die Vögel entluden sich in einem warmen Platzregen.

Arn hob sein Gesicht dem Nass entgegen. Er war dankbar, in seiner Fürsorgepflicht nicht versagt zu haben. Doch seine Erschöpfung und seine Unterkühlung forderten nun ihren Tribut. Kein Muskel seines Körpers schien ihm noch gehorchen zu wollen. Es war, als lösten sich Wille und Physik zu zwei unabhängigen Einheiten.

Er hatte keine Wahl. Er brauchte Hilfe.

Ein riesiger Feuerball verschluckte ihn.

Fassungslos starrten die Gefährten auf das flammende Inferno, wo Arn zuvor gekniet hatte. Entsetzen spiegelte sich in ihren Mienen, während sie von der Feuersbrunst zu Robin sahen, deren ausgestreckte Hände noch immer von einem rot glühenden Flackern umgeben waren.

„Robin, halte ein! Das Feuer wird ihm schaden!“, rief Kaeli voller Grauen, die endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte.

Die Waldelfe lächelte nur. Sie war von dem Einwand nicht beeindruckt.

„Robin!“, mahnte nun auch Saya drohend. Sie umfasste ihr Schwert fester.

Robin blickte sie an. Es lag etwas Beruhigendes in ihren Augen, was die Gefährten sich unwillkürlich entspannen ließ.

„Nein, das wird es nicht. Ich habe es beschworen mit der Intention, ihm zu helfen. Nichts anderes wird es tun.“

Wie zur Bestätigung ihrer Worte verschwanden die Flammen und gaben den sich aufrichtenden Arn frei.

Seine Wunde blutete unverändert, Heilung lag nicht in Robins Macht, aber seine Haut hatte ihre normale Farbe wieder angenommen. Die Ader an seinem Hals pulsierte heftig, verriet, wie kraftvoll sein Herz brodelndes Blut durch seinen Körper pumpte. Die Flammen in seinen Pupillen flackerten lebhaft, zeigten seine wiederaufgeladene Energie.

Aber auch sein ungläubiges Staunen.

Während er auf die Gefährten zutrat, ließ er Robin nicht aus den Augen.

„Du bist also auch den Pakt mit dem Feuer eingegangen“, meinte Iain und schüttelte verständnislos den Kopf. „Damit habe ich nicht gerechnet.“

„Ich ebensowenig“, ergänzte Arn leise.

„Ich habe zu allen Elementen die Verbindung gesucht. Es ist nicht das Feuer, was ich ablehne“, erwiderte Robin kurz. Sie zog eine Kompresse aus ihrer Tasche und reichte sie Arn, damit er die Blutung stillen konnte.

Cecil nahm Arn das Gepäck mit der medizinischen Ausrüstung ab, das wundersamerweise nicht zu Schaden gekommen war, und durchsuchte es nach Heilsalbe und Verbandsmaterial, um Arns Wunde wenigstens kurzfristig zu versorgen, bis sie ihr Ziel erreicht hatten.

Noch immer fixierte Arn die Waldelfe, die ihn dank ihres Eingreifens in einen Zustand versetzt hatte, den er seit langen Monaten hatte verdrängen müssen.

Reine Energie brodelte durch das verstrickte Netz seiner Adern, verwandelte Müdigkeit und Schmerz in das belebende Gefühl ungebrochener Stärke und Ausdauer.

Es war kaum begreifbar für ihn, dies nun empfinden zu dürfen. Und das musste er aussprechen.

„Du hast mir geholfen.“

Robin zuckte gelassen die Schultern. In ihrer Miene jedoch war Verlegenheit zu erahnen.

„So wie du mir vergangene Nacht.“

Sie setzte sich in Bewegung, und den anderen blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

Stumm vor allgemeiner Sprachlosigkeit gingen sie weiter ihren Weg Richtung Osten.

Die Feuerbeschwörung hatte Robin viel Kraft abverlangt. Mehr als alle anderen zuvor. Nichts in ihrer Haltung deutete darauf hin, aber sie setzte die Macht der Elemente in den folgenden Kampfbegegnungen nicht ein und hielt sich auch mit ihrem Bogen zurück, sobald klar war, dass ihre Hilfe nicht erforderlich war. Sie sammelte neue Energie.

Dies konnte Arns aufmerksamer Beobachtung nicht entgehen.

Er half ihr.

Seine wiedergeborene Stärke erlaubte ihm, ihren Ausfall zu kompensieren. In der Gewissheit seiner Genesung stellte er sich den Kreaturen, die die Elfe bedrohten, und unterstützte auch die Gefährten an der Front. Tiefe Dankbarkeit – noch immer ein wenig ungläubig – füllte sein Herz. Doch dieser Empfindung nachzugeben, ihr Worte zu verleihen, würde Robin nicht eben begeistern. Das fühlte er.

Also wandelte er sie in den kampfmutigen Tatendrang um, der ihnen allen Nutzen brachte.

Und er war gut – seine Klinge von kraftvoller Effizienz, als hätte auch sein Schwert von dem Feuerbad profitiert.

Keinem der anderen entging seine neue Leistungsfähigkeit. In ihren Blicken erkannte er Anerkennung. Sogar Saya nickte ihm während eines Kampfes, den er an ihrer Seite verbrachte, kurz zu, beachtete ihn dann kaum mehr.

Diese Ignoranz bedeutete ein hohes Lob an sein Können, es zeigte ihm deutlich, dass sie darauf vertraute, dass er den Auseinandersetzungen gewachsen war.

Als dann auch Robin ihre Beschwörungen wieder aufnahm, kamen sie viel besser voran, als sie zu Beginn ihres Weges gehofft hatten.

Einen kleinen Hügel hatten sie in der kargen Graswüste schnell erklommen.

Talabwärts änderte sich die trostlose Landschaft endlich.

Die Wiese gewann an sattgrüner Farbintensität, erstmals entdeckten sie Wildblumen, die in ihrer bunten Vielfalt in dieser Welt fast irreal anmuteten. Gemeinsam mit Kletterpflanzen rankten sie sich sogar um die hellen Findlinge, die in gewohnter Manier das Bild ergänzten.

Bald kam ein schmaler Fluss in Sicht und mit diesem auch wieder Bäume und Sträucher.

Aufatmend konnten sie den tristen Abschnitt mit all seinen Gefahren mangels Ausweichmöglichkeiten und Verstecken hinter sich lassen.

Hielten sie sich unter den Bäumen oder zwischen diesen und dem Fluss auf, gelang den berittenen Steinkriegern kein Sturmangriff. Vielmehr waren sie dann beschäftigt mit dem Ausweichen von Hindernissen in Form von Sträuchern und niedrigen Ästen, die mehrmals einen von ihnen von seinem Lasttier holten. Mit ihnen machten Kaelis Messer kurzen Prozess, so dass keiner der Gefährten von wirbelnden Steinen zu Schaden kam.

Auch die Wolkenvögel fanden keinen ungehinderten Zugang. Nur wenige von ihnen stießen erfolgreich durch die Baumkronen zu ihnen vor – und wurden bereits von den blitzenden Klingen der Schwertkämpfer erwartet.

Mussten sie doch offenes Gelände passieren, verhinderte Robins Windangriff gefährliche Kontakte.

Zum ersten Mal seit ihrem Eintreffen in die Dunkelwelt fühlten sie sich ihren Gegnern gewachsen, und ihre Erleichterung darüber lag wie eine Aura der Zuversicht über der Gruppe.

Ihre Wachsamkeit vernachlässigten sie deshalb allerdings nicht, dieser Gefahr setzten sie sich nicht aus. Es war ihnen bewusst, dass ihre Situation jederzeit eine ungünstige Wende erfahren konnte.

Kreaturen, die ihnen noch nicht begegnet waren – stärker als die riesigen Steinkrieger.

Reißende Schlammblasen.

Eine erneute Auseinandersetzung mit Jareena oder einem anderen Infiltrator.

Es gab zu viele unvorhersehbare Möglichkeiten, um sich in Sicherheit zu wähnen.

Leichtsinn war es also nicht, der Robin dazu brachte, ihren Bogen zu verstauen und innezuhalten – gerade, als die kleine Sonnen ihren Zenit erreichte.

„Was ist los?“ Arns besorgte Frage unterbrach nicht nur das Stunden andauernde Schweigen, sondern fokussierte augenblicklich aller Interesse auf die Waldelfe. Wie selbstverständlich sammelten sie sich um Robin.

Saya forderte sie mit einer knappen Geste zu einer Erklärung auf.

Ein leises Lächeln huschte über deren Züge, die merkbar entspannt wirkten.

„Wir haben soeben versiegeltes Refugium betreten.“

Verblüfft senkte Iain sein Schwert. Wie alle anderen blickte er sich suchend um. Er fand nichts als Wiese, Fluss, Bäume, Felsen und die gewohnte steinige Begrenzung der kleinen, inneren Welt.

Nichts in der Umgebung hatte sich verändert.

Er wusste nicht genau, was er vom Ort der Prüfung erwartet hatte – vielleicht ein ähnlich beeindruckendes Gebiet wie den Pol der Stille mit seiner beruhigende Aura.

Er musste sich vergewissern.

„Wir sind angekommen? Dies ist unser Ziel?“ Es lag so viel Ungläubigkeit in seiner Stimme und enttäuschte Erwartungen, Gefühle, die sich auch in den Mienen der anderen spiegelten, dass Robin schmunzeln musste.

„Ich fürchte ja“, war ihre eindeutig ironische Antwort.

Noch einmal erforschten sie mit ihren Augen die abwechslungsreiche, aber nicht außergewöhnliche Landschaft, die nichts von ihrer Bedeutungsschwere verriet.

Robin beobachtete sie mit amüsiert verschränkten Armen. Sie strahlte ruhige Gewissheit und Sicherheit aus, dass niemand am Wahrheitsgehalt ihrer Worte zweifelte – eher an der eigenen Wahrnehmung.

„Cam sagte, wir würden es spüren, wenn wir uns unserer Bestimmung nähern“, sagte Cecil zögernd. Es war deutlich, dass er das Erwartete noch nicht hatte ausmachen können.

Anders Arn.

Ähnlich wie Robin hatte er die Reaktionen der anderen mehr verfolgt als es ihnen gleichgetan. Doch in seiner Gutmütigkeit erbarmte er sich der verstörten Freunde.

„Besinnt euch doch einmal einen kurzen Moment eurer Herkunft“, meinte er mit mahnendem Lächeln. „Wir sind doch gerade erst in den Schutz Paxias und ihrer Reiche eingedrungen. Das Gebiet wird sich sicher weiter ausdehnen als unser eingeschränktes Sichtfeld erlaubt.

Konzentriert euch auf die Atmosphäre. Schließt die Augen. Spürt ihr nicht, wie die Aura eurer Reiche euch umweht? Wie sie euch zu ziehen sucht?“

Arn, der bis vor kurzem niemals seine Heimat verlassen hatte, hatte das Beschriebene sofort wahrgenommen – kaum, dass Robin mit ihrer Verkündung fertig war. In den Jahren seiner Isolation – der Gefangenschaft – hatte er viel Zeit gehabt, die Schwingungen des Feuers zu ergründen und für sich zu entdecken, in sich aufzunehmen.

Es war noch mehr ein Flüstern denn ein Ruf, aber das Flehende, Lockende darin war deutlich spürbar und von unwiderstehlicher Anziehungskraft. Lange hatte er dieses Gefühl der Einigkeit mit dem Feuer missen müssen, nun war ihm auch bewusst, wie sehr es ihm gefehlt hatte, wie unvollständig er ohne diese Verbindung gewesen war.

Alles in ihm trachtete danach, sie wiederherzustellen und zu intensivieren.

Und dank seiner hilfreichen Anleitung erschien diese Erkenntnis nun endlich auch in Iains und Cecils aufblitzenden Augen. Ihre Haltung straffte sich.

„Gehen wir“, entschied Iain.

Dicht gefolgt von Cecil und Arn schritt er voran.

Kaeli verharrte unsicher bei Saya, die Robin fragend fixierte. Robin erwiderte den Blick offen. Alle Ironie war verschwunden, sie wirkte fast entspannt.

„Sie haben den Ruf ihrer Reiche vernommen. Nun müssen wir uns von ihnen führen lassen.“

Nachdenklich sah Saya auf die schwindenden Gestalten der Männer, deren zielstrebiger Gang verriet, wie sicher sie ihren Weg fanden.

„Also gut“, gab sie Robins Vorschlag nach, doch ihre Miene schärfte sich misstrauisch. „Allerdings bin ich sicher, dass auch du nur zu genau weißt, wohin es geht.“

„Ebenso wie ihr, wenn ihr euch um das Erkennen der Schwingungen eurer Reiche bemüht hättet“, entgegnete Robin ungerührt. Dann erschien ein humorvolles Funkeln in ihren Augen. Sie grinste verschwörerisch.

„Lassen wir den Männern ihren Moment der Besinnung. Es ist eine gute Vorbereitung auf ihre Prüfung. – Und gibt ihnen mehr Selbstsicherheit.“

„Davon haben sie ja noch nicht genug“, kommentierte Saya murmelnd. Robin und Kaeli lachten belustigt.

„Dann sollten wir jetzt gehen“, bemerkte Kaeli den Spaß genießend und wies auf die Baumgruppe, die die Männer soeben ihrer Sicht entzog. „Wenn wir unabhängig von ihrer Führung eintreffen, wäre Robins sorgfältig beabsichtigte Wirkung doch dahin.“

„Wenn ich mir das recht überlege, wäre das vielleicht sogar besser – nun, da ihr mich durchschaut habt.“ Robin hob in übertriebener Abwehr die Hände. „Immerhin habe ich keine Lust, für überdimensionierte, männliche Egos in Zukunft zur Rechenschaft gezogen zu werden.“

Kaeli kicherte.

Saya schüttelte angewidert den Kopf.

„Dagegen gibt es andere Mittel und Wege.“

Mit dieser kryptischen Bemerkung marschierte sie los. Sie beschleunigten ihre Schritte, so dass sie die Männer hinter einem kurzen Waldstück einholten.

Sie hielten sich in der Nähe der Grenze, deren Oberfläche wieder steiler wurde, glatter, mehr Wand denn Gebirge.

Die Atmosphäre war hier regelrecht geladen von intensiven Schwingungen. Auch die der anderen Reiche waren spürbar. Für alle Gefährten. Sie bewegten sich auf geweihtem Gebiet.

Es war ehrfurchtgebietend.

Unwillkürlich verlangsamten sie ihre Bewegungen in plötzlichem Begreifen.

Da, wo sie den unbändigen Drang verspürten, sich voller Demut und Respekt zu verneigen – angetrieben von der gesammelten Macht ihrer Reiche – sollten sie sich gebietend erheben.

Entsetzen und Unsicherheit zeichneten sich in den Zügen der Männer, Verständnis in den Mienen der Frauen. Sie ließen ihnen Zeit und Raum, den sie zur Sammlung ihres Willens brauchten.

Ihr Weg schließlich endete vor einem überraschend veränderten Abschnitt der begrenzenden Steinwand.

Zahlreiche Eingänge auf mehreren Ebenen wiesen auf ein umfangreiches Höhlensystem, welches nicht mehr der Dunkelwelt zugehörig schien.

Es würde den Betretenden in die unbekannten Tiefen Paxias innerer Regionen führen. Wohin genau, war nicht zu erkennen. Die Gefährten sahen nichts als Schwärze in den runden Einbuchtungen, deren wirre Anordnung keinem Muster zu folgen schien.

„Damit sollte die Frage, wo genau die Prüfung stattfindet, beantwortet sein“, urteilte Iain, der wie die anderen voller Faszination auf dieses Naturwunder starrte. Paxias Erfindungsreichtum bei ihrer Kreation verdiente ihre Bewunderung.

Bei Saya siegte die Neugier. Sie war zu ungeduldig, ihren Wissensdurst im Zaum zu halten.

„Ich denke nicht, dass Willkür ein Auswahlkriterium ist. Sicher gibt es für jedes Reich nur einen bestimmten Eingang?“

Sie erhielt keine Reaktion.

Saya riss ihren Blick von der Wand los und richtete ihn forschend auf die Gefährten.

Kaeli, Cecil und Iain waren noch immer im Bann des Ortes und dem, was dahinter lag. Ihre Augen irrten suchend über die verschiedenen Wegabschnitte.

Arn wirkte nicht weniger gefangen. Er aber hatte seinen Blick fest auf einen einzigen Punkt irgendwo im Zentrum des Einganglabyrinths gerichtet.

Saya vermutete, dass keiner von ihnen ihre Worte vernommen hatte.

Robin dagegen erwiderte ihren Blick. Ihre Grübchen zuckten, und Saya konnte den Ausdruck ihrer Augen nur als wissend bezeichnen. Das Interesse der Elfe gehörte eindeutig den Probanden statt dem Schauplatz. Das konnte nur eines bedeuten.

„Du siehst mehr als wir, richtig? Mehr als eine löchrige Wand und die intensive Aura vereinter Mächte“, unterstellte Saya ihr. Sie spannte ihre Gestalt, eine drohende Warnung, da sie Ehrlichkeit erwartete. Und Informationen.

Das beeindruckte Robin nicht. Doch zumindest Ersteres lieferte sie ihr bereitwillig.

„Ja, aber es ist kein Wissen, das mir weiterzugeben erlaubt ist. Euren Weg zu finden, ist Teil der Prüfung. Dies muss aus eigener Kraft und Antrieb erfolgen, sonst akzeptieren euch eure Reiche nicht und euer Betreten wäre wertlos.

Ich muss schweigen.“

Ihr Tonfall war entschuldigend.

Doch ihrer Erklärung hatten alle gelauscht. Arn und Kaeli hatten sich dabei ihr zugewandt. Iains Augen waren währenddessen zur Ruhe gekommen und nach einem letzten Blick riss auch er sich von dem bezwingenden Ort los. Mit einem ernsten Lächeln sah er Robin an.

„Sorge dich nicht, Elfe. Der Ruf der Reiche ist stark und laut. Sie fordern unser Kommen. Ich kann spüren, wie die Aura des Himmels mich umschließt. Sie zieht an mir – und der Sog wird stärker.“

„Er hat Recht“, ergänzte Arn. Seine Augen, ebenso wie Iains, richteten sich wieder auf den lockenden Punkt an der Wand. Jeder fixierte eine andere Stelle. „Ich sehe ein glimmendes Leuchten in der Dunkelheit, es flackert im Rhythmus meines Pulses.

Ich kenne meinen Pfad.“ Ohne weiteren Abschied brach Arn auf.

Atemlos beobachteten die anderen, wie er mit sicheren Schritten der Wand zustrebte. Er kletterte über Felsvorsprünge auf die zweite Ebene der Eingänge.

Die Finsternis der Höhle verschluckte ihn mit seinem Betreten.

Iain verspürte weder Sorge noch Angst, nur das überwältigende Bedürfnis in das Zentrum des leuchtenden Blaus zu gelangen, welches ihn aus der Grotte fern zu seiner Rechten willkommen hieß. Er wollte nicht länger warten, nicht länger dem drängenden Flüstern seines Geistes widerstehen, das ihn zur Annahme seiner vorbestimmten Macht aufforderte.

„Ich komme“, murmelte er als Antwort auf die zahlreichen wispernden Stimmen in seinem Kopf. Auch er verließ die Gefährten ohne Abschied und verschwand in Dunkelheit.

Cecil hatte sich nicht gerührt.

Wie viel er von dem Geschehen um ihn herum wahrgenommen hatte, wussten sie nicht. Aber vor wenigen Momenten – bei Arns und Iains Beschreibungen der erlebten Vorgänge – hatten auch seine Augen das Irrende verloren.

Unsicher, was er fühlte, was in seinen Gedanken vorging, trat Kaeli zu ihm und legte behutsam ihre kleine Hand auf seinen angespannten Unterarm. Die unruhigen Bewegungen seiner Muskeln konnten ihr nicht entgehen – alles an ihm wirkte verkrampft. Er reagierte nicht auf ihre leichte Berührung, und Kaeli sammelte ihren Mut. Sie stellte sich vor ihn und umfasste seine Wangen, seine Aufmerksamkeit erzwingend.

„Du musst nicht gehen. Niemand verlangt das von dir. Es ist in Ordnung, wenn du noch nicht dazu bereit bist.“

Endlich sah er sie an. Ein seltsames Glitzern war in seinen silbrigen Augen, das sie einschüchterte. Doch standhaft behielt sie ihre Position, erwiderte seinen Blick unverwandt.

Seine Hände legten sich warm über ihre, ein zögerliches Lächeln ließ seine Miene weicher werden.

„Ich weiß“, sagte er schließlich leise. Er beugte sich ein wenig zu ihr herunter. „Ich kann den Ruf hören“, verriet er. „Ich sehe, was Iain und Arn sahen … Und ich weiß, was ich tun muss. Für uns, … für Paxia. – Und für mich.“ Er küsste sie sanft auf die Stirn. Sie erkannte seine Entschlossenheit.

„Wir sehen uns wieder.“

Keiner konnte vorhersagen, wie lange die Prüfungen andauern würden. Also richteten sie sich auf eine Wartezeit ein, die es ihnen angeraten erschienen ließ, für ein wenig Bequemlichkeit zu sorgen.

Saya sammelte Findlinge, mit denen Robin eine dauerhafte Feuerstelle einrichten konnte, und danach das notwendige Holz.

Kaeli machte sich auf Nahrungssuche, wurde aber von Robin begleitet, da nur diese das Wissen um die Ausdehnung des versiegelten Gebietes besaß.

Ähnlich wie am Pol der Stille wählten sie für ihr Lager einen Platz nahe am Wasser unter einer kleinen Baumgruppe, die im Fall eines Unwetters Schutz bieten konnte. Die Höhlen blieben in Sichtweite.

Saya hatte ihrem Gepäck ein leichtes Kochgeschirr, welches die Dunkelelfen ihnen überlassen hatten, hinzugefügt, so dass sie auch in der Lage waren, aus dem wilden Gemüse Eintopf zu kochen. Kaeli fand sich bereit, die Zutaten dafür zu zerkleinern.

Bereitwillig folgte sie den Anweisungen der Elfe zur Zubereitung und war ebenso eifrig, die Herstellung eines Brotteiges zu lernen. Genau genommen tat sie alles, um sich erfolgreich von den besorgt kreisenden Gedanken über die abwesenden Freunde abzulenken. Ihre Fantasie schwieg ob der Widrigkeiten, der sich die Männer zu stellen hatten, doch ihre Sorge um das Wohlergehen der drei war umso lauter. Ohne Arbeit konnte die rastlose Kaeli den Tag kaum ertragen.

Die Nacht war noch furchtbarer.

In ihrer Unruhe gelang es Kaeli nicht, liegenzubleiben – nicht einmal sitzen. Immer wieder wanderte sie die breite Steinwand entlang – ihre Augen suchend auf die Höhlen gerichtet, aus der sie die Rückkehr der Gefährten erwartete. Oftmals hörte sie flüsternde Stimmen, die nach ihr zu rufen schienen, ihre Hilfe erbaten. Doch niemand trat in ihr Sichtfeld.

Saya ließ sie gewähren, ignorierte sie meistens.

Von Robin fühlte Kaeli sich gelegentlich beobachtet, aber auch sie sprach sie nicht an.

Dafür war Kaeli ihnen dankbar, fand sie doch keine andere Erklärung für ihren quälenden Zustand, als die Angst um die Freunde. Bedarf, darüber zu reden, hatte sie keinen – oder überhaupt zu reden.

Saya focht einen anderen Kampf.

Den gegen ihre Ungeduld. Ungeduld war an diesem Ort und dem Grund ihrer Anwesenheit fehl am Platz, das war ihr bewusst. Mit aller Willenskraft bezähmte sie sich.

Auch sie benutzte die Arbeit, um sich abzulenken.

Statt zu essen, bevorzugte sie ein Bad im erfrischend kalten Fluss. Saya traf die Entscheidung, die Zeit ihres erzwungenen Verbleibs der Erholung zu widmen, der Regenerierung ihrer Energie. Damit erhielt ihr Ausharren immerhin ein gewisses Maß an Nutzen.

Ihr fiel es nicht schwer, die Nachtruhe für einen tiefen Schlaf zu nutzen, der ihren Muskeln endlich wieder verdiente Entspannung schenkte.

Natürlich empfand sie auch großes Interesse an dem Geheimnis der verschiedenen Höhlen und dem Teil der Prüfung, der die Männer ihren Weg hatte finden lassen.

Obwohl Saya wusste, welche Höhle sie zur Prüfung des Windes führte, und, dank Arns und Iains Beschreibungen, auch Kenntnisse über das Wie des Erkennens besaß, gelang es ihr nicht, eine Verbindung herzustellen.

In ihr blieb alles stumm. Die Auren ihrer angestammten Reiche erreichten sie nicht. Die Dunkelelfen hatten es prophezeit, und nun musste sie es endgültig akzeptieren: Sie war noch nicht bereit für die Prüfung. Ihre Waffe würde einzig das Schwert bleiben.

Ihr zweiter Abend näherte sich ohne Lebenszeichen von Arn, Iain oder Cecil.

Kaelis Unrast wuchs weiter, obwohl sie ab und an der Müdigkeit ihrer Beine nachgab und sich setzte. Ihre Augen schillerten in allen Variationen, wenn sie auf der Höhlenwand verweilten.

Robins ruhige Gelassenheit bewies, dass sie das Ausbleiben der Gefährten für nicht ungewöhnlich hielt. Die Elfe rechnete noch nicht mit einer Rückkehr. Saya orientierte sich an ihrer Stimmung und blieb ebenfalls unbesorgt. Wie Robin zweifelte sie keinen Moment an den Fähigkeiten der Männer zu bestehen. Sie war sicher, dass sie sich der Macht würdig erweisen konnten.

Kapitel 3

Arn war der Erste, der diesen Beweis erbrachte.

Bei Sonnenuntergang des zweiten Tages trat er aus der Höhle, verließ den Ort seiner Prüfung.

Ein wenig mühsam erfolgte sein Abstieg, bis er den weichen Wiesenboden unter seinen Füßen spürte.

Er verharrte an der Steinwand, lehnte sich kurz mit geschlossenen Augen dagegen.

Die anderen hatten sich bei seinem Anblick abrupt erhoben und sahen ihm mit gespannter Reglosigkeit entgegen.

Müdigkeit zeichnete seine Züge. Dunkle Schatten lagen um seine Augen und sein vor Schweiß glänzendes Gesicht war unnatürlich fahl. Er wirkte, als wäre er kurz davor, vor Erschöpfung zusammenzubrechen.

Sich der Gegenwart der Gefährtinnen bewusst werdend, blickte er sie endlich an.

Die Flammen in seinen Pupillen flackerten ruhig und machtvoll, eine intensivere, gewachsene Aura umgab ihn, widersprach seinem äußerlich derangierten Zustand.

Für sie, die ihn seit langen Wochen Tag und Nacht um sich gehabt hatten, seine Ausstrahlung gewohnt waren, war die Veränderung fast körperlich spürbar. Sie mussten erst wieder vertraut mit ihr werden.

Was immer Arn hatte durchmachen müssen, um diese Wandlung zu erfahren – es forderte Respekt.

Er selbst war sich dessen und seiner neuen Wirkung nicht bewusst. Sein müdes, grüßendes Lächeln war von seiner typisch herzlichen Wärme.

„Ich habe euch lange warten lassen. Es tut mir leid.“

Er riss sie aus ihrer Starre.

Ausgerechnet Robin war es, die ihn ansprach.

Sie stand neben der Feuerstelle und deutete auf den Topf mit dem köchelnden Eintopf.

„Du musst sehr hungrig sein und viel Schlaf nachzuholen haben. Komm ans Lager und ruh dich aus.“

Obwohl ihr Tonfall vollkommen neutral wirkte, war Arn restlos verblüfft über den freundlichen Inhalt ihrer Anrede – ebenso Saya und Kaeli, die die Elfe überrascht ansahen.

Aber er gehorchte widerspruchslos und ging mit langsamen, schwerfälligen Bewegungen auf die einladende Ruhestatt zu. Seine Augen waren mit einem Ausdruck fassungsloser Dankbarkeit auf Robin gerichtet, deren Wangen sich unter diesem eindringlichen Blick verlegen röteten. Hastig wandte sie sich ab und füllte eine kleine von Saya gefertigte Holzschale mit dem stärkenden Gericht.

Arn wusste kaum wie ihm geschah. Kaum hatte er Platz genommen mit vorsichtigem Abstand von der Elfe, deren Stimmung er überhaupt nicht einschätzen konnte, da hatte sie ihm bereits die dampfende Suppe in die Hand gedrückt und reichte ihm nun auch noch einen Kanten Brot.

Verstört ob dem seltsamen Verhalten der Elfe, nahm er die Gaben stumm entgegen. Einen klaren Gedanken vermochte er nicht zu fassen – geschweige denn das Geschehen zu analysieren. Er fühlte nichts als Müdigkeit und nahenden Schlaf.

Schwere breitete sich in seinen Gliedern aus, sein Kopf verwirrte sich mehr und mehr in einem Nebel.

Die Tatsache, dass Robin sich um ihn kümmerte, überforderte seine Gedanken und Emotionen, sie schalteten sich einfach ab, während er eher automatisch denn aus einem Bedürfnis heraus die Mahlzeit zu sich nahm.

Er merkte kaum, wie er seitlich wegsackte. Robin schob ihm rasch eine zusammengefaltete Decke unter den Kopf, damit dieser nicht hart auf dem Boden aufschlug.

Das Letzte, was Arn bewusst wahrnahm, war die Decke, die sie über ihm ausbreitete, bevor er in tiefen Schlaf fiel.

Saya und Kaeli hatten als schweigende Beobachter nebeneinander verharrt. Verschiedene Gefühle spiegelten sich in ihren Mienen.

Erleichterung über Arns sichere Rückkehr, Fassungslosigkeit über Robins Fürsorge gegenüber dem sonst so verachteten Mann, Nachdenklichkeit über Arns ausgebrannten Zustand und leise Sorge um die verbliebenen Prüflinge, die gleichartiger Anstrengungen ausgesetzt sein mussten wie Arn sie zu bestehen gehabt hatte und die sie mit jedem verstrichenen Moment länger als Arn zu bewältigen hatten.

„Ich hoffe, es geht ihnen gut“, meinte Kaeli leise mit Blick auf die Öffnungen, die Iain und Cecil verschluckt hielten.

„Wir alle wussten, dass dieser Weg von schwerer Natur sein würde“, erwiderte Saya, die den schlafenden Gelehrten betrachtete. „Sie werden wiederkehren. Arn ist uns allen an Weisheit voraus – sehr weit. Es ist zu erwarten gewesen, dass er der Erste sein würde. Wir können nur weiterhin warten.“

„Ich möchte versuchen, Kontakt zu Paxia aufzunehmen.“ Robin trat zu ihnen, ihr Blick war entschlossen. „Paxias Siegel hier weist auf starke Präsenz hin. Ich hoffe, sie erreichen zu können.“

„Willst du mehr über die Invasoren erfahren?“, erkundigte Saya sich. Sie war sofort interessiert und aufgeschlossen gegenüber dem Vorhaben, welches ihr vernünftig und sinnvoll erschien.

„Ja“, bestätigte die Elfe nun und machte eine weitläufige Geste. „Hier droht uns keine Gefahr, und ich kann mich unbesorgt für einige Tage in Meditation begeben.

Ich bleibe in der Nähe und werde spüren, wenn ihr mich braucht oder alle Prüfungen beendet sind.“

Sie verabschiedeten sich nickend voneinander.