Die Kinder Paxias - Laura Feder - E-Book

Die Kinder Paxias E-Book

Laura Feder

0,0

Beschreibung

Der Auftakt zur Tetralogie um die lebende Welt Paxia und ihre Schöpfung. Saya, Iain, Arn und Kaeli sind Angehörige verschiedener Naturreiche Paxias. Eigentlich ist es ihre Aufgabe, die Flora und Fauna ihrer Welt im Gleichgewicht zu halten. Als eine Flut verschiedener Naturkatastrophen über Paxia hereinbricht, ohne dass sie eingreifen können, begreifen sie ihren Machtverlust. Entschlossen die Ursache zu ergründen, machen sie sich auf einen ungewissen Weg, der sie tief in das Innere Paxias führt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 353

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Laura Feder

Die Kinder Paxias

Gefangen Im Reich Des Himmels

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

So geht es weiter...

Impressum neobooks

Prolog

 In der langen Geschichte Paxias waren die Natur und Lebewesen von friedlichen Epochen harmonischen Gleichgewichtes geprägt worden.

Seit ihrer Geburt hatte die kleine Welt ihre Energie in die Entwicklung einer Umgebung investiert, die ihre ewige Existenz sichern sollte.

Ihr und den Wesen, die ihrer Kreation entsprangen.

Da gab es zum einen die Elfen, deren Existenz sie Flora und Fauna geweiht hatte. Mit besonderen Geistesgaben und zeitloser Jugend versehen, lebten sie eine enge Verbindung mit ihr und waren Träger jenes Wissens, welches für andere Wesen im Verborgenen ruhte.

Die Fragmente ihrer Geheimnisse hatte sie auf die verschiedenartigen Elfenstämme verteilt, dass keiner sich rühmen konnte, über den allumfassenden Blick zu verfügen.

Als Botschafter übermittelten sie Paxias Anliegen vor allem an die Naturreiche.

Die Angehörigen der Naturreiche. Sie waren die Basis des Gleichgewichts der Kräfte. Keine Macht überwog, sie hielten sich gegenseitig unter Kontrolle. Und auch wenn sie einander nicht eben freundlich begegneten, so doch mit angemessenem Respekt.

Ähnlich den Elfen blieben sie unter sich und hielten sich von den Bewohnern der kleinen Städte und Dörfer fern, die sich selbst als Paxianer bezeichneten.

Paxianer führten ein einfaches Leben im Einklang mit ihrer Umwelt. Forschergeist und das Hinterfragen von Unverständlichem machten in ihren Augen nur dann Sinn, wenn ihr Überleben davon abhing.

Es waren wenige in den Generationen gewesen, die nicht so gedacht hatten, und noch viel weniger, die dann auch ihrer Neugierde nachgegeben und Erkenntnisse gesucht hatten.

Dies hatte im Laufe der Jahrtausende dazu geführt, dass das Wissen um die Existenz der Elfen und der Naturreiche zu Sagen und Legenden verblasst war. Und selbst die Überlieferungen, die einst wahren Begebenheiten entsprungen waren, füllten lediglich als Kindererzählungen die Abende vor den Kaminen.

Dennoch barg auch die schlichte Natur der Paxianer große Weisheit in den Grundfesten ihres Miteinanders. Sie hatten die besondere Länge ihres Lebens genutzt, um zu lernen, Erfahrungen zu sammeln und jene besondere Vernunft zu entwickeln, die keinen Eigennutz mehr zuließ.

Sie kannten keine Unterschiede im Wert des Einzelnen oder in der Verteilung der Güter.

Alles war für alle da.

Sie arbeiteten für die Gemeinschaft, Erzeugnisse wurden gerecht verteilt und Fehlendes wurde im Tauschhandel mit den anderen Orten beschafft. Armut, Hunger und Elend kannten sie nicht.

Bis …

Paxia hatte lernen müssen, dass ihre liebevoll erdachte Schöpfung nicht frei von Schwächen war.

Ihre Kreation war nicht vorbereitet gewesen auf die Niedertracht und den Machthunger böser Geister.

Sie hatte die Paxianer nicht schützen können vor den Dämonen, die einst eine finstere Ära über sie beschworen hatten.

Feluzio, der damalige Herrscher der Dämonen, war mit seiner Schattenarmee in die Ortschaften einmarschiert. Kräftige Paxianer waren von Dämonen erobert worden, hatten sich in seine Anhänger verwandelt und in seinem Namen Feldzüge geführt, bis alle paxianischen Städte und Dörfer Feluzios Herrschaft unterstanden hatten.

Und es war eine Schreckensherrschaft gewesen – viele Jahre lang.

Alle Paxianer, die als Krieger tauglich erschienen, aber als solche noch nicht gebraucht worden waren, hatte man wie Vorräte eingekellert. Nachschub für verlorene Leben.

Die anderen hatten Sklavendienste verrichten müssen, um die Armee zu versorgen.

Alte und Geschwächte hatte man eliminiert, Kinder wie Vieh gezüchtet.

Zu dem lang ersehnten und überraschenden Ende Feluzios und seiner dämonischen Regentschaft war nur sehr wenig überliefert.

Er war durch sein eigenes Schwert gestorben, geführt von der Hand seines einzigen Kindes. Sanjo, seiner Tochter, der gegenwärtigen Herrscherin der Dämonen.

Mit ihr war Ruhe eingekehrt in das Schicksal der gebeutelten Paxianer. Sie waren frei seitdem. Der Wiederaufbau der Gesellschaft abgeschlossen.

Der Frieden jedoch sollte nicht anhalten.

Eine neue Bedrohung, viel gefährlicher als jeder Dämon, war tief in ihr Innerstes eingedrungen.

Eine Bedrohung, die ihre Energie, ihr Bewusstsein und somit die Existenz allen Lebens auf ihr auszulöschen vermochte.Eine Bedrohung, die ihr nur eine Alternative ließ: Sie musste Krieger entsenden.

Aber nicht irgendwelche.

Sondern ihre reinsten Geschöpfe.

Jene einzigartigen Seelen, die in unzähligen Lebenskreisläufen ihre bedingungslose Verbundenheit mit Paxia und allem, was ihr entsprungen war, bewiesen hatten.

Ihre unsterblichen Kinder.

Und dann – ganz unvermittelt und zum Schrecken ihrer treuen Wächter – verschwanden die Sterne von Paxias Firmament.

Der Kampf um Paxias Schicksal hatte begonnen.

Kapitel 1

 Der Sturm war so schnell ausgebrochen, wie er unbarmherzig war. Alles mit sich reißend, tobte er durch ihre kleine Welt, nichts übrig lassend, was nicht fest verwurzelt in der Erde stand.

Nicht einmal vor dem Himmel machte er halt, er wischte den Tag einfach fort und hinterließ einen nachtschwarzen Horizont. Die Luft war erfüllt von grauem Nebeldunst, Schrecken und Angst.

Schreie der Panik wurden durch den Sturm fortgetragen, dass die ganze Welt die Melodie des Schreckens hörte. Sie erzitterte.

Es war der Weltuntergang, alle waren überzeugt davon. Das Ende konnte nicht mehr weit sein.

Brücken wurden krachend von ihren Pfählen gerissen und durch den Wind fortgetragen, Dächer von Häusern gefegt und ganze Ställe ins Nichts der Nacht gesogen.

Man sah brechende Augen von Tieren, die von wehenden Balken erschlagen wurden. Canidae, die versuchten, ihren Herrn unter einem umgestürzten Baum hervorzuholen und verzweifelt heulten. Riesige Wellen, die Fischerboote umschlossen und verschlangen.

Es war dämonisch, düster und unendlich machtvoll – so, als wüteten unkontrollierbare Kräfte.

Die Beobachter sahen dem Ganzen mit Schreck geweiteten Augen zu. Auch sie hatten niemals etwas Derartiges erlebt.

Angst und Unglaube lag in ihren Mienen. Selbst aus ihrer Distanz war dies die schlimmste und unheimlichste Katastrophe, die jemals über die Welt hereingebrochen war.

Sie standen wie erstarrt an ihren riesigen Fenstern, die einen unbegrenzten Ausblick auf das graue Dunkel ermöglichten. Totenstille herrschte in dem gewaltigen Saal. Lediglich das Knistern der brennenden Fackeln war zu hören.

Ein dumpfer Aufschlag riss sie aus ihrer Lethargie.

Aufschreiend stolperten sie zurück, als der Wollhufer gegen die Scheibe knallte und im Fallen eine dicke Blutspur hinterließ. Ursache war eine tiefe Kopfwunde über glanzlosen Augen.

„Jetzt reicht es!“ Die energische Stimme durchschnitt den Schock der anderen, die zusammenzuckend sich der Quelle zuwandten.

Eben diese wirbelte auf dem Absatz herum und strebte mit langen Schritten dem Ausgang des Aussichtssaales zu.

„Was habt Ihr vor, Iain!“, rief ihm ein wesentlich älterer Mann zu und versuchte ihn einzuholen.

Der andere blieb stehen, wandte sich aber nicht um. Seine Stimme war ruhig und voll, im Gegensatz zu der des Alten, die heiser aus dessen Brust röchelte. Doch vielleicht war es auch nur die Panik, die dies verursachte.

„Ich will sehen, ob Hilfe gebraucht wird. Du siehst doch, was da draußen los ist. Vielleicht sind Kinder irgendwo, die nicht nach Hause kommen, oder Verwundete.

Hier untätig herumstehen und glotzen, das kann ich nicht.“

„Nach draußen auch nicht, seht doch nur, was da passiert. Wie wollt Ihr da etwas ausrichten?“

Iain drehte sich widerwillig um und folgte der weisenden Hand seines Beraters zum Fenster.

Doch – es herrschte Stille.

Der Sturm war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Nur Nebel und schwarze Nacht erinnerten noch daran.

„Ich hoffe sehr viel.“ Er lächelte leicht, ohne sich die Verwunderung anmerken zu lassen.

„Nun, da alles vorbei ist, müssen Überlebende geborgen und zerstörte Behausungen wieder aufgebaut werden. Außerdem wird man Kräuter für Medikamente benötigen.

Ich werde Cecil aufsuchen und ihn um Hilfe bitten.

Jetzt hast du wohl nichts mehr dagegen vorzubringen oder, Janos?“

Nur mühsam folgte der Berater seinen Worten. Das plötzliche Ende des Sturmes hatte seine Sinne verwirrt, er brauchte einige Momente, bis er sie wieder beisammen hatte. Entsetzt sah er auf den hochgewachsenen Mann vor sich.

„Was ist, wenn es nur eine vorübergehende Ruhe ist und der Sturm erneut losbricht? Seht nach draußen, Iain, der Nebel, die Nacht, all das steht noch drohend vor uns.

Keiner von uns hat es beschworen.“

„Ganz recht, Janos, keiner von uns.

Meinst du wirklich, dass derjenige, dessen Macht so groß ist, dass er unsere beherrschen kann, uns hier in unserem Reich nicht ebenso gefährlich werden kann wie den Lebewesen unter uns?“

Mit diesen Worten verließ er endgültig den Saal und ließ seinen Berater nachdenklich und mit hängenden Schultern zurück.

Immer diese Überbesorgnis, als ob er nicht selbst auf sich aufpassen könnte. Er war den Kindesbeinen doch nun lange genug entwachsen, dachte er belustigt, während er die an diesem Tag besonders endlos anmutenden Gänge und Treppen entlanglief.

Die Schuhe aus weichem Leder erzeugten kein Geräusch auf den polierten Steinfliesen, niemand begegnete ihm, und so erreichte er ungehindert die Tür zum Park, der von der Burg eingeschlossen wurde.

Endlich im Freien!

Er hob das Gesicht an und kostete die Luft. Sie war schwül, ein wenig schwer, aber noch weich genug für ihn.

Mit einem kurzen Anlauf sprang er hoch und flog über die gewaltigen Mauern seiner Heimat, sie hinter sich lassend.

Es waren freie Momente für ihn, wenn er seine Welt verlassen konnte und in die Welt der Paxianer eintauchte. Wenn er für eine kurze Zeit seine Mächte einfach mal vergessen, einfach jung sein, er selbst sein durfte, nicht an die ewige Verantwortung erinnert wurde.

Iain konnte nicht anders, er schrie seinen Jubel hinaus, erhöhte sein Tempo und dekorierte seinen Flug mit ein paar übermütigen Drehungen.

Er freute sich. Vielleicht würde er Cecil treffen, seinen besten Freund. Zusammen wäre ihre Hilfe viel wirksamer, ja, mit vereinten Kräften würden sie mehr erreichen.

Doch war der Nebel ein wenig lästig, wie er feststellen musste, als er um ein Haar Bekanntschaft mit einem Baum gemacht hätte.

Etwas aus der Fassung geraten, beschloss er seinen Weg auf dem Boden zurückzulegen, bis man mehr als die Hand vor Augen sah.

Es war aber auch wirklich eine zähe Brühe. Iain hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Er glaubte fast, sie berühren zu können. Er streckte den Arm aus. Der Nebel verschlang ihn augenblicklich, er ließ nur den Oberarm zurück.

„Als wäre er lebendig“, murmelte Iain, den Arm hastig bewegend, versuchend, das milchige Grau zu vertreiben.

Zu seiner Überraschung funktionierte es, der Nebel wich von seinem Arm zurück, er konnte ihn wieder vollständig sehen.

„Das ist ja richtig unheimlich. Was für Mächte sind hier am Werk?“, fragte er sich mehr als erstaunt und begann mit einem Finger darin zu rühren, als ob er mit Wasser spielen wollte. Tatsächlich reagierte der Nebel wie jenes und nahm die Bewegung an.

„Mächte, die offensichtlich keine Ahnung haben, wie sie mit sich umzugehen haben – noch nicht“, so seine Schlussfolgerung.

Er ließ von seinen Versuchen ab, um seinen Weg fortzusetzen, da hörte er nicht weit entfernt ein Geräusch.

Er horchte genauer – wieder das gleiche – er hatte sich nicht getäuscht. Es war ein leises Stöhnen, vermutlich lag jemand verletzt in der Nähe.

In der Hoffnung, es handelte sich nicht um den bösen Scherz eines Dämons, folgte er langsam den schmerzvollen Lauten. Er konnte nicht weit weg sein von der Unglücksstelle.

„Hallo! Ist jemand da? Kann ich Euch helfen?“

Keine Antwort. Einzig das Wimmern war als Reaktion zu deuten.

„Wo seid Ihr? Ich kann Euch nicht finden!“

Stille!

Es war nichts mehr zu hören. Entweder seine Sinne hatten ihn genarrt oder die Person hatte das Bewusstsein verloren.

Verdammt, man konnte auch gar nichts erkennen.

Iain fluchte leise, als er gegen einen Dornbusch stolperte. Blut sickerte aus mehreren Wunden und beschmutzte sein weißes Hemd.

Er stellte sich die Frage, ob es nicht doch klüger gewesen wäre, erst auf das Verschwinden des Nebels zu warten, bevor er den Schutz der Burg hätte verlassen dürfen.

Wie auf Kommando veränderte sich das Grau. Iain glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als sich die dichte Masse in eine rauchartige Substanz zu verwandeln begann. Sie schien ihm einen Weg weisen zu wollen – denn die Ver­wandlung war örtlich begrenzt.

„Das glaubt mir keiner“, murmelte er verwirrt, als er zuerst Bäume, dann Büsche und schließlich den Boden erkennen konnte.

Er blinzelte zweimal, da vorne im Laub blitzte doch etwas.

Er beschleunigte seine Schritte. Der Laubhaufen war groß genug, einen Körper vor seinen Blicken zu verbergen.

Ohne weiter nachzudenken, kniete er sich davor und begann in den Blättern zu wühlen.

Als Erstes sah er die Hand. Sie war klein, wunderbar geformt und – eiskalt.

Iain zuckte erschrocken zurück. Mit noch viel größerer Hast räumte er das Laub weg, um das arme Geschöpf zu befreien. Bald erkannte er auch den blitzenden Gegenstand, der ihn zuvor angelockt hatte.

Es war ein breiter, silberner Halsschmuck, der einen abnehmenden Mond darstellte, mit einem Auge aus einem dunkelblauen, geschliffenen Stein. Er schien ihm seltsam bekannt, und als er seinen Blick davon losriss, stockte ihm der Atem.

Vor ihm lag das faszinierendste Wesen – Mädchen –, das ihm je begegnet war.

Ihre nahezu schneeweiße Haut war mit einem silbrigen Schimmer überzogen. Tiefschwarze Locken, die ihr weit in den Rücken fallen mussten, ringelten sich kreuz und quer um ihr und auf ihrem Gesicht. Doch am auffälligsten war ihr einzigartiger Mund. Der Schwung ihrer Lippen schien von einem Künstler gezeichnet worden zu sein, der einem Schwarz-Weiß-Gemälde einen farbigen Akzent hatte geben wollen, denn sie glänzten in einem silbrigen Rosa.

Sie waren geöffnet, so dass sie den Blick auf ebenmäßige Zahnreihen freigaben, und …

Sie atmete nicht.

Diese Entdeckung riss ihn aus seiner Starre.

Hier war schnelles Handeln angebracht. Aufgeregt tastete er nach ihrem Puls und erschrak abermals über die Kälte ihrer Haut.

„Komm schon, halt durch! Ich habe Tausende von Fragen an dich.

Wo kommst du her? Wer bist du? – Was bist du?“, stieß er hastig hervor, während er an ihrem Handgelenk entlangfuhr, auf der Suche nach einem Lebenszeichen.

Es war ein ganz schwaches Puckern, sehr langsam, aber eindeutig vorhanden.

Iain atmete erleichtert auf.

Sie lebte – und sie brauchte offensichtlich schnellstens einen Mediziner.

Sie waren nicht weit entfernt von seinem Zuhause.

Ohne lange zu überlegen, hob er sie, sich aufrichtend, empor. Obschon es ihm keine große Mühe bereitete, war er doch verblüfft, wie schwer sie in seinen Armen lag. Bei ihrer Schlankheit hätte er nicht so viel Gewicht erwartet.

Er wollte sie ein wenig umbetten, damit er nicht beim Fliegen behindert war. Doch als er den Arm bewegte, stöhnte sie leise auf. Ein gequälter Zug erschien um ihren Mund, was ihn zu höchster Eile veranlasste.

Mit aller Vorsicht, die ihm möglich war, flog er los, die heimatliche Burg ansteuernd.

„Nur noch ein paar Minuten Geduld, gleich sind wir da. Dann kommst du in ein warmes Bett und unsere Medizinerin wird dir helfen, wieder gesund zu werden. Bei uns bist du sicher, da kannst du wieder alle Kräfte sammeln, die du brauchst, und in Ruhe genesen.“

Iain wusste nicht, ob sie ihn hören, geschweige denn verstehen konnte. Er redete, um sich selbst zu beruhigen, um diese Ruhe auf sie ausstrahlen zu können. Er wollte, dass sie spürte, dass sie nicht allein war und keine Angst zu haben brauchte.

Sie sollte sich am Leben festhalten, nicht aufgeben, nun, da Hilfe in nächster Nähe wartete.

Außerdem war er unendlich begierig darauf, sie kennenzulernen. Er wollte wissen, was für ein Wesen sich hinter diesem fremdartig schönen Körper verbarg.

Doch zunächst musste sie gerettet werden.

Er machte sich nicht die Mühe, über den Park die Burg zu betreten. Stattdessen wies er einige Leute im großen Saal an, eines der Fenster zu öffnen. Diese beeilten sich seiner Aufforderung nachzukommen.

Es waren noch immer nahezu alle Bewohner versammelt, die zuvor mit ihm den Sturm beobachtet hatten. Sein Berater eilte ihm mit besorgt entsetzter Miene entgegen, aber Iain beachtete ihn vorerst nicht.

Er winkte einem kleinen Jungen zu.

„Miro, lauf und hol Colia!“

Ohne zu zögern folgte das Kind seinem Befehl und rannte hinaus. Iain schmunzelte über den Eifer des Jungen, dann wandte er sich Janos zu.

„Das Mädchen braucht ein Zimmer.“

Der ältere Mann keuchte auf, er rang seine Hände.

„Iain, das ist kein Mädchen, es ist ein Dämon! Seht es Euch an, das ist nicht von unserer Welt, es gehört nicht hierher. Ich bitte Euch, bringt es schnell fort. Wer weiß, was es uns antun wird.

Vielleicht brachte es diesen Sturm!“

Iains Lächeln gefror augenblicklich. Mit drohend blitzenden Augen fixierte er sein Gegenüber.

„Ich bitte dich, Janos, sie ist schwer verletzt und braucht unsere Hilfe. Wahrscheinlich hat der Sturm sie so zugerichtet, sie hat ihn nicht verursacht. Was hat aus dir so einen Feigling gemacht?“

„Ich bin kein Feigling, Iain, aber in letzter Zeit sind so viele unerklärliche Dinge geschehen, dass man vorsichtig sein muss. Und dieses Wesen ist nicht von unserer Art – wir wissen nichts über sie.

Bringt sie zurück, und ihr Volk wird sich bestimmt um sie kümmern.“

Janos war ehrlich entsetzt über den Vorwurf Iains, er blickte ihn voller Verständnislosigkeit an. Dies war noch gar nichts im Vergleich zu Iains Fassungslosigkeit.

Er begriff die Abwehr seines Beraters nicht.

Doch nicht nur dieser, auch die anderen aus dem Saal fixierten das völlig hilflose, dem Tode nahe Mädchen auf seinen Armen mit einer Mischung aus Angst und Ablehnung. Keinerlei Mitgefühl zeichnete sich auf ihren Mienen ab.

Sie standen einfach da und starrten auf das Wesen, das so anders aussah als alles, was sie bisher zu Gesicht bekommen hatten. Einige wichen auch angewidert zurück, so dass Iain Zweifel kamen, ob er sich wirklich in seiner Heimatburg befand, oder es vielleicht eine Parallelwelt gab, in der seine Leute zu kaltherzigen Sklaven ihrer Zweifel geworden waren, die keinen Blick für außergewöhnliche Schönheit hatten. Auch wenn diese von anderer Art war.

„Was ist los?“ Den Jungen Miro an der Hand, schritt die hochgewachsene Gestalt der Medizinerin in den Saal und blickte suchend durch die Reihen der Schweigenden.

Wenn sie überrascht war von deren abweisenden, verkrampften Gesichtern, so ließ sie sich das nicht anmerken. Vielmehr suchte sie nach der Quelle derselbigen.

„Colia!“, rief Iain aufgeregt, die Last in seinen Armen ermüdete ihn. Außerdem ging es dem Mädchen auch nicht besser, wenn er nur mit ihr herumstand und über ihr Bleiben diskutierte.

Als ihre Blicke sich trafen und sie ihn so warm wie stets anlächelte, atmete er erleichtert auf. Doch dann entdeckte sie das Mädchen und erstarrte.

„Sie ist verletzt“, erklärte er eindringlich, bevor sie überhaupt zu Wort kommen konnte.

Er wollte nicht auf noch mehr Ablehnung stoßen. Am allerwenigsten von der großherzigen, energischen Frau am Eingang des Saales. Diese musterte ihn ernst.

„Das sehe ich, Iain, aber warum hast du mich hierher rufen lassen?

Sie gehört in ein Bett, damit ich sie untersuchen kann. Oder soll ich eine Ferndiagnose stellen?“

An dieser Stelle fand Iain sein Lächeln wieder. Er wandte sich nochmals an seinen Berater, dessen unveränderte Skepsis ignorierend.

„Wir brauchen ein freies Zimmer.“

Es war als Aufforderung gedacht, und obwohl Janos niemals Widerspruch gegen Colias Entscheidungen wagen würde, so schwieg er zumindest in innerer Auflehnung gegen die Vorstellung, dieses Wesen würde wochenlang, vielleicht sogar monatelang unter ihnen weilen – wenn es sie nicht zuvor alle vernichtete.

Die anderen im Saal schlossen sich seiner Haltung an. Niemand sagte etwas.

Iain schnaufte verächtlich.

„Bei allen guten Mächten Paxias, ich bin von Feiglingen umgeben.

Wir nehmen mein Zimmer, Colia!“

Damit kehrte er der Gesellschaft den Rücken und trat zu ihr, die mit strengen Augen um sich sah.

„Ich werde Hilfe brauchen.“ Sie sagte es laut genug, dass alle es verstehen konnten. Keiner reagierte.

Colia seufzte auf und sah Iain fragend an.

Er zuckte die Schultern, was der Verletzten auf seinen Armen abermals ein leises Wimmern entlockte.

Eine Träne fiel auf seine Hand, hinterließ einen schimmernden Film auf seiner Haut.

Sein Entschluss stand fest, noch bevor der winzige Tropfen den Boden berührte.

„Sie braucht Hilfe. Was soll ich tun?“

„Bring sie auf dein Zimmer, ich hole meine Sachen und komme dann nach.“

Ohne irgendwem aus dem Saal weitere Beachtung zu schenken, trennten sich die beiden.

Colia lief in ihr Turmzimmer zurück, um ihre Utensilien zu packen, und Iain flog mit der Unbekannten zu seinem Schlafraum unweit des Saales. Er wollte ihr keine weiteren Schmerzen bereiten, indem er sie den Erschütterungen eines Laufes aussetzte.

Dann, endlich, legte er sie auf sein Bett nieder.

Aufatmend lockerte er seine Arme. Das Mädchen rührte sich nicht. Wenn sie nicht ihr Gesicht so schmerzvoll verzogen hätte, würde er nicht glauben, dass sie überhaupt noch am Leben war.

Hoffentlich konnte Colia sie retten, sie schien noch so jung.

Er war davon überzeugt, dass sie einige Jahre jünger als er selbst war. Ihre Züge wiesen noch keine Unregelmäßigkeiten auf, sie konnte die sanften Rundungen eines Kindergesichtes noch nicht lange verloren haben, die volle Weiblichkeit noch nicht lange besitzen.

„Dann wollen wir mal.“ Colia stellte ihren Medizinbeutel auf einem Stuhl ab und schloss kurzerhand die Tür hinter sich ab.

„So kann uns wenigstens niemand stören!“, erklärte sie augenzwinkernd, wurde aber gleich wieder ernst, als sie ans Bett trat.

Ihre Augen glitten forschend über den Körper des Mädchens, während Iain unaufgefordert begann, ihre Utensilien auszupacken. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sich Colia neben der Patientin niederließ und mit der Hand Stirn und Puls befühlte.

Er wunderte sich ein wenig, warum sie nicht vor der Kälte des Mädchens zurückschreckte, wie er es zuvor getan hatte.

„Ist sie schon die ganze Zeit bewusstlos?“, wollte Colia ruhig wissen.

Mit der gleichen Ruhe zog sie der Unbekannten ihre silbernen Reifen von den Oberarmen und begann den Halsschmuck aufzunesteln.

Iain trat nachdenklich hinzu. Er ließ die vergangene Stunde noch einmal in seinem Geist aufleben, dann schüttelte er den Kopf.

„Ich kann es nicht genau sagen, mir schien ihr Zustand die ganze Zeit unverändert. Anfangs dachte ich sogar, sie wäre tot. Sie ist so kalt, und sie atmet kaum, auch den Herzschlag ertastete ich nur mit Mühe.“

„Sie atmet nicht kaum, sie atmet überhaupt nicht“, korrigierte Colia ihn nachsichtig lächelnd.

Iain riss entsetzt die Augen auf. Er blickte zwischen den Frauen entgeistert hin und her.

„Heißt das, sie ist …? Aber ihr Herz schlägt doch noch, … und sie hat doch offensichtlich Schmerzen!“

Colia erhob sich und legte eine Hand auf die Schulter des jungen Mannes. Sie hielt seine Augen mit eindringlichem Blick fest.

„Iain, ihre Körpertemperatur muss dem Gefrierpunkt entsprechen, und sie hat eine kaum fassbare Herzfrequenz.

Es gibt nun einmal Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht erklären können, und bei diesem Mädchen ist es doch offensichtlich, dass sie keine Paxianerin ist.

Wir wissen nicht, wie vielen Kindern Paxia außer uns noch das Leben geschenkt hat. Wahrscheinlich gehört sie einem dieser unbekannten Sagenwesen an.“

„Aber woher genau kommt sie? Was ist sie?“, murmelte er hilflos.

Colia lachte, es klang unbekümmert.

„Wir werden es erfahren, sobald sie wieder bei Bewusstsein ist.

Jetzt sollten wir lieber herausfinden, was ihr fehlt, und ihr Ruhe gönnen. Ihre Arme habe ich bereits untersucht, es ist nichts gebrochen. Also hilf mir sie zu entkleiden, damit ich weitersehen kann.“

Iain wusste, dies war normalerweise eine Tätigkeit, die sie mit einer Frau zusammen durchführte, um die Intimsphäre der Patientin zu schützen. Er versuchte so neutral es ihm möglich war, an diese Aufgabe heranzugehen.

„Sieh dir nur diese Stoffe an. Ich habe niemals etwas Derartiges zuvor gesehen.“ Colia bewunderte fasziniert die zwei verschiedenen Gewebe, aus denen die Kleidung der Unbekannten bestand.

Das eine war ein hauchfeines Überkleid, das aus dem dunklen Silber von Sternen gewoben schien. Es ließ die Schultern des Mädchens frei und reichte ihr vorne bis zum Knie, hinten fiel es bis fast zum Boden.

Ein schwerer Gürtel, besetzt mit silbernen Monden, hielt es in der schmalen Taille zusammen.

Der Stoff des langen, schwarzen Trägerkleides darunter war wesentlich schwerer und am Oberkörper sehr eng anliegend.

Colia wies Iain an, den Gürtel zu lösen und das Mädchen aufzusetzen, damit sie ihr das Überkleid ausziehen konnte. Das Unterkleid stellte ein wesentlich größeres Problem dar. Bis sie den Schließmechanismus entdeckt hatten, war eine ganze Zeit vergangen.

„Normalerweise stelle ich mich geschickter beim Ausziehen einer jungen Dame an“, lästerte Iain über sich selbst, während er die Schnürung an der Seite des Kleides löste.

Colia musterte ihn nur ironisch.

„Normalerweise ziehst du sicher nicht solch ein Mädchen aus.“

Nein, wirklich nicht, dachte er und ertappte sich dabei, dass er die Vorstellung genießen würde. Aber da wusste er auch noch nicht, was ihn unter den Kleidern erwartete.

Jedenfalls nicht das, was er letztendlich zu sehen bekam – einschließlich der Antwort, warum sie so schwer gewesen war.

Sie war einfach vollkommen.

Sprachlos betrachtete er die nackte Schönheit des Mädchens.

Sie war aufregend weiblich, mit schier endlosen Beinen, einer schmalen Taille und einem wunderbar geformten Busen, dessen Spitzen eben jenes reizvoll silbrige Rosa besaßen wie ihre Lippen.

Nur mühsam widerstand er dem Drang, sie zu berühren. Alles an ihr zog ihn an, brachte seinen Körper in Aufruhr.

Oder war es doch nur Neugier?

„Sie wird keinen Spaß verstehen, wenn sie wieder zu Bewusstsein kommt. Sie muss eine Kriegerin sein.“ Colia, die ihn durchschauen konnte wie ein offenes Buch, riss ihn aus seinen verbotenen Gedanken und brachte ihn zurück in die Realität.

Um sich nicht der Gefahr auszusetzen, verlegen zu erröten, beschäftigte er sich mit Colias Vermutung.

Er musste ihr innerlich Recht geben. Neutral betrachtet, waren die Muskeln der Unbekannten, bei aller Weiblichkeit, so ausgeprägt definiert, dass sie sich bestimmt zu wehren wusste.

Seltsamerweise erregte ihn dieser Gedanke noch mehr.

Unzufrieden mit seiner mangelnden Disziplin, sprang er auf und lief unruhig im Zimmer umher, versuchte zu übersehen, wie Colia den Körper nach möglichen Verletzungen abtastete.

Um sich abzulenken, holte er ein weißes Hemd aus dem Schrank, das sie dem Mädchen nach Abschluss der Untersuchungen anziehen konnten. Das brachte ihn dann hoffentlich auch von seinen unangemessenen Fantasien ab, die immer lebendiger – und erotischer – zu werden schienen, je mehr er sich dagegen wehrte.

Ein leiser Schrei drang vom Bett zu ihm durch, worauf er sofort an Colias Seite stand und besorgt das schmerzverzerrte Gesicht des Mädchens betrachtete.

„Sie hat sich den Unterschenkel gebrochen. Ich fürchte, ich werde den Bruch richten müssen.

Halt sie bitte fest, Iain, sie darf sich dabei nicht rühren.“ Colia leitete ihn an das Kopfende des Bettes und zeigte ihm wie er sie fixieren musste – nicht, ohne dem Mädchen zuvor mit bedeutungsvollem Grinsen das Hemd überzuziehen.

Iain hatte nichts dagegen. Dieses Wesen brachte ihn dermaßen aus der Fassung, dass er sich sicher nicht auf seine Aufgabe hätte konzentrieren können, wenn er ihren nackten Busen direkt vor den Augen gehabt hätte – seine Hände in Reichweite.

„Festhalten, Iain!“, mahnte Colia noch einmal, dann zog sie mit einem kräftigen Ruck an dem betroffenen Bein.

Er war auf alles gefasst gewesen, aber nicht auf diese Augen.

Der plötzliche Schmerz, der durch den Körper der Verletzten raste, musste sie aus ihrer Bewusstlosigkeit gerissen haben.

Aus weit aufgerissenen Augen starrte sie Iain an.

Es war nichts, was er jemals zuvor gesehen hatte. Es war wie funkelnder, schimmernder, dunkler Nachthimmel voller Sterne. Überwältigt von dieser Schönheit wich er zurück.

Dann kam der Schrei.

Er schien aus ihrem tiefsten Innern zu kommen, ihrer Seele zu entfliehen. Ihr Körper bäumte sich mit ihm auf, fand keinen Halt.

„Iain!“, schrie Colia hinter ihm und riss ihn endlich aus seiner Lähmung. Mit aller Kraft stemmte er sich gegen die Schultern des Mädchens.

Doch es wurde zum Kampf.

Ihre Stärke war seiner ebenbürtig. Sie wehrte sich, rang wild vor Schmerzen um ihre Freiheit.

Dann, endlich, erlöste sie abermals eine wohltätige Ohnmacht.

Schwer atmend lehnte Iain sich an das Kopfende des Bettes, Colia aus halb geschlossenen Augen betrachtend, die den Schienenverband vorbereitete – seelenruhig.

„Ganz schön kräftig die Kleine, oder?“ Die Frage war so betont beiläufig, dass er deutlich Schadenfreude heraushören konnte.

„Du hättest mir ruhig helfen können, schließlich bist du die Medizinerin“, murrte er ein wenig verstimmt.

Colia ließ sich Zeit, sie legte zuerst den Verband an, flößte dem Mädchen eine Kräutermixtur ein und sammelte ihre Sachen zusammen. Dann erst wandte sie sich Iain zu, musterte ihn mit undefinierbarem Blick.

„Ich dachte“, meinte sie dann verschmitzt lächelnd und schloss die Tür auf, „du könntest ein wenig Abkühlung gebrauchen.

Die Kräutermedizin lässt sie ungefähr sechs Stunden schlafen, dann komme ich wieder.

Pass auf sie auf und mach keine Dummheiten.“

Bevor er etwas erwidern konnte, war sie hinausgehuscht. Einigermaßen konsterniert blickte er ihr nach, doch dann siegte sein Humor. Grinsend schüttelte er den Kopf. Diese Frau.

„Iain.“ Janos näherte sich ihm mit einem Zettel in der Hand.

Er verdrehte die Augen. „Was willst du, Janos? Ich hoffe, du verlangst keine weiteren Absurditäten von mir, sonst sehe ich mich gezwungen, einen neuen Berater zu suchen.“

Dieser zuckte ein wenig zusammen angesichts der drohenden Worte, aber er reichte dennoch dem jungen Mann den Zettel. Eine Liste, wie Iain mit prüfendem Blick feststellte. „Was soll ich damit?“

Der Berater beugte sich mit einem verschwörerischen Lächeln vor. „Da dieses … Wesen Euch Eures Schlafplatzes beraubt hat, habe ich mir erlaubt eine Liste der jungen Damen zusammenzustellen, die gern bereit wären den ihren mit Euch zu teilen.“

Die Tür wurde Janos vor der Nase zugeschlagen.

Kapitel 2

 Sie kämpfte gegen die Leere in ihrem Kopf an, versuchte dem traumähnlichen Zustand, der ihre Sinne gefangen hielt, sie regelrecht zu lähmen schien, zu entkommen.

Irgendetwas oder irgendjemand hielt sie in einem Bann, doch sie vermochte weder Angst noch Wut zu spüren.

Es musste ein machtvoller Zauber sein, der sie sogar ihrer elementarsten Gefühle beraubt – sie in ein Nichts gestoßen hatte, mit Körper, Herz und Seele.

Vielleicht war dies ja der Tod, und sie befand sich an einem Übergangsort, bis Paxia sie wieder in sich aufnahm, sie wieder ein Teil des Ganzen wurde, bevor die Reise des individuellen Lebens abermals ihren Kreislauf nahm und sie einer neuen Herausforderung entgegenblicken ließ.

Eine Realität, die nahezu ihre Akzeptanz erlangt hatte, als ein Strahl hellen Lichtes den Schleier über ihrem Bewusstsein durchschnitt und sein wohltuendes Zerstörungswerk begann.

Sie spürte ihren Verstand die Herrschaft zurückgewinnen, allem voran mit der Erkenntnis: Sie war unsterblich.

Die Unsinnigkeit ihrer ersten Vermutung überwältigte sie fast und brachte ihr gleichermaßen ihre Willenskraft zurück, die nun gemeinsam mit ihrem Verstand den Kampf um ihr Bewusstsein verstärkt aufnahm.

Mühsam versuchte sie sich zu konzentrieren.

Da sie nicht tot sein konnte, in welch seltsamem Zustand befand sie sich dann?

Und wo befand sie sich?

Und vor allem – wie war sie hierher gekommen?

War sie überhaupt auf Paxia?

Konnte es sein, dass dem Ältesten ein schrecklicher Fehler bei der Aktivierung des Transferturms unterlaufen war?

Oder waren die bösen Mächte, die das Unglück ihres Volkes verursacht hatten, so stark, auch Paxia selbst verschlungen zu haben, und sie war nun ebenfalls eine Gefangene?

Existierte Paxia womöglich gar nicht mehr?

Existierte sie selbst dann auch nicht mehr?

Konnte die Macht eines fremden Wesens solche Ausmaße annehmen, so überwältigend sein?

Nein, das konnte nicht sein – sie spürte es tief in ihrem Innern. Wo auch immer sie war, das pulsierende Leben Paxias umgab sie sicher und beständig – sogar wesentlich intensiver als in ihrer Heimat.

Ihre Sorge war zu sehr von wachsender Panik beherrscht gewesen, hatte ihre Gedanken auf absurde Wege geleitet, die sie mit ruhigen Überlegungen nie beschritten hätte.

Sie hatte ein weiteres Mal zu viel ihre Emotionen über den Verstand siegen lassen – angesichts ihrer Situation verständlich, aber nicht entschuldbar für eine Gelehrte der Sternwächter.

Mit dieser Erkenntnis kehrte ihr Bewusstsein endgültig zurück. Es war, als erwachte sie aus einer Art tiefer Ohnmacht.

Wärme umgab sie, und sie konnte etwas hören, das man ihr oft als das Flackern von Feuer beschrieben hatte. Dazu das leise Knistern der brennenden Holzscheite und die seidige Weichheit, in die sie gebettet lag. Es vermittelte Geborgenheit und ein gewisses Maß an Sicherheit.

Vorsichtig horchte sie in sich hinein, doch zu ihrer Erleichterung, wie auch zu ihrem Erstaunen, verspürte sie keinerlei Schmerz. Dabei war sie sicher, nach dem Transfer mitten im Auge eines Tornados gelandet zu sein.

Dieser hatte sie jedoch gewiss nicht in ein weiches Bett gelegt und unnötigerweise zugedeckt, wo sie Kälte als solche doch gar nicht empfinden konnte.

Mühsam sammelte sie ihre Gedanken und versuchte sich ganz auf ihre Erinnerungen seit dem Transfer zu konzentrieren. Doch jedes Mal, wenn sich ein Bild vor ihrem inneren Auge zusammenzufügen schien, verschwamm alles gleich wieder in dem milchigen Dunst eines Nebels, der diesen Teil ihrer Vergangenheit verschlang.

In jeder anderen Situation hätte sie längst die Nerven verloren. Doch die Atmosphäre um sie herum ließ nicht zu, dass ihr ihre Ruhe genommen wurde.

Nichts davon erschreckte sie.

Nichts beunruhigte sie …

Bis sie bemerkte, dass sie nicht allein war.

Ein leises Rascheln von Stoff, nicht weit entfernt, ließ sie keuchend einatmen – einen Schrei mit aller Kraft zurückhaltend. Sie wollte aus dem Bett springen und sich dem Anwesenden oder sogar den Anwesenden stellen, sich verteidigen, solange sie es vermochte. Vielleicht würde die Tatsache, dass man sie nicht töten konnte, die Fremden dazu bewegen, sie gehen zu lassen. Aus Angst.

Sie konnte sich nicht rühren – ihr Körper war vollkommen gelähmt. Nicht einmal ihre Augen wollten ihr gehorchen und sich öffnen.

Panik machte sich in ihr breit, wie bei einem Tier, das man in die Falle gelockt hatte.

Am liebsten hätte sie wild um sich geschlagen, diese absolute Hilflosigkeit trieb sie an den Rand des Wahnsinns. In ihrem Kopf überschlugen sich Gedankenfetzen, ohne Ordnung, ohne Ziel.

Schließlich erfüllte leidenschaftliche Mordlust auf diejenigen, die ihr das angetan hatten, ihr ganzes Sein. Ihre Energie erwachte und verhalf ihr endlich dazu, mit auftosender Kraft die Augen zu öffnen. Eine einfache Handlung, die sie nun an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit brachte.

Das Feuer war weiter weg, als sie vermutet hatte. Ganz am Ende des Raumes konnte man ein schwaches Leuchten entdecken, wahrscheinlich befand sich dort ein Kamin. Ihr Blick glitt suchend weiter. Auch in der Dunkelheit hatte sie keine Schwierigkeit, jede Einzelheit zu erkennen. Das Zimmer war sehr groß, mit mehreren riesigen Fenstern in den rohen Steinwänden, die sicher für eine fast unbegrenzte Aussicht konstruiert worden waren.

Oder unbegrenzte Kontrolle?

Eine These, mit der sie sich bei Gelegenheit befassen würde.

Ein großer polierter Holzschrank und eine Sitzgruppe entgingen ihrer Aufmerksamkeit ebensowenig, aber da auch sie nicht dem Ziel ihrer Suche entsprachen, schenkte sie ihnen keine weitere Beachtung.

Es war anstrengend, aber es gelang ihr, den Kopf ein wenig zu drehen, so dass sie zu ihrer Linken endlich die Ursache des Raschelns erblickte.

Ihre Panik ließ spürbar nach. Es war nur eine einzelne Person, ein Mann, und er schlief.

Wahrscheinlich war das Rascheln seiner Kleidung einem Positionswechsel zuzuschreiben, soweit das auf dem kleinen Sessel möglich war.

Wo immer sie sich auch gerade befand, dieser Mann hatte offensichtlich die Aufgabe, sie zu bewachen.

Dies war ihre Schlussfolgerung, und sie maß den Fremden abschätzend und auch ein wenig verächtlich. Er war groß, wenn auch kein Riese und recht muskulös, zumindest soweit sie das aus seiner halb liegenden Stellung erkennen konnte. Viel älter als sie schien er auch nicht zu sein. Allerdings konnte sie das nicht endgültig beurteilen, da seine hellblonden Haare – sie hatte diese Farbe noch niemals zuvor gesehen – ihm wirr ins Gesicht fielen und den größten Teil desselbigen verbargen.

Was ihr aber auffiel, war der dunkelgraue Dolchgürtel, der sein weites Hemd an der Hüfte zusammenhielt. Und dieser war leer.

Sie zweifelte keinen Moment daran, dass sie ihn überwältigen könnte, wäre sie im Vollbesitz ihrer Kräfte.

Oder hätte ihren Körper zumindest unter Kontrolle.

Diese Erkenntnis schürte ihre ohnmächtige Wut aufs Neue, Tränen der Verzweiflung verschleierten ihren Blick. Ungeduldig blinzelte sie sie weg, da wurde sie von einem blitzenden Gegenstand auf ihrem Nachttisch abgelenkt – es war offensichtlich der fehlende Dolch. Es kostete sie viel Kraft, das plötzliche Triumphgefühl und das höhnische Auflachen zurückzudrängen. Der Fremde musste ein unglaublich einfältiger Idiot sein oder sie maßlos unterschätzen.

Dennoch beobachtete sie ihn wachsam, als sie versuchte ihren Arm unter Kontrolle zu bekommen. Es war nicht leicht. Auch als er sich endlich auf den Dolch zubewegte, hatte sie das Gefühl, er wäre kein Teil von ihr. Sogar ihre Hand, die sich mühsam um den Dolchgriff schloss, übersandte ihrem Kopf keinerlei Nervenboten. In der Tat, hätte sich in diesem Augenblick der gesamte Arm von der Schulter gelöst, wäre es ihr nicht einmal aufgefallen.

So war es also auch nicht weiter verwunderlich, dass ihr Gehör als Erstes begriff, dass ihre Hand die Waffe nicht sicher genug gehalten hatte und sie ihr entglitten war.

Der Klang des Aufschlags, das Klirren der Schneide auf dem glänzenden Steinfußboden hallte unnatürlich laut in dem großen Raum.

Erschrocken schrie sie auf, entsetzt auf den Fremden starrend, der, aus seinem Schlaf gerissen, mit beeindruckender Schnelligkeit an ihr Bett geeilt war.

Sie sah leuchtend blaue Augen, dann gewann Panik die Macht über sie.

Wild versuchte sie die Decke von sich zu stoßen, stellte dabei im Hinterkopf fest, dass nur ein Bein beweglich war und schlug stattdessen nach dem Fremden.

Doch sie hatte keine Chance. Mit einer enervierenden Ruhe hielt er ihre Arme mit nur einer Hand fest, das Knie auf dem Bett abstützend.

Sie stöhnte dumpf auf und funkelte ihn hasserfüllt an. Blind vor Wut zielte ihr Tritt auf sein Knie – und verfehlte.

Doch zu ihrem Glück und zu seinem außerordentlichen Unglück, traf sie eine andere, eine viel empfindlichere Stelle. Mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ er von ihr ab und sank keuchend zu Boden.

Im gleichen Augenblick erlangte sie die Herrschaft über ihren Körper zurück. Das kaum bewegliche rechte Bein ignorierend, folgte sie ihrem Gegner und griff nach dem Dolch.

Auf ihm sitzend wäre nur eine Handbewegung nötig gewesen, ihm die Waffe durch den Hals zu stoßen, doch er reagierte geistesgegenwärtig.

Ihr Rücken bestand nur noch aus Schmerz, als sie gegen die Wand geschleudert wurde. Ihre Kämpfernatur brauste auf. Mordlustig sprang sie auf ihre Beine, bereit, sich abermals auf ihren Gegner zu stürzen.

Die Flammen in ihrem Unterschenkel raubten ihr beinahe den Verstand. Erschrocken entfuhr ihr ein peinvoller Laut.

Sie wäre in sich zusammengesunken, wäre der Fremde nicht vor ihr aufgetaucht und hätte sie hochgenommen. Es gab kaum ein wirkungsvolles Wehren, ihre Schmerzen lähmten sie zu sehr. Auch ihre Kampflust fand keine Gelegenheit. Wieder im Bett, wollte sie zwar sofort ihren Angriff erneut aufnehmen, aber diesmal war der Fremde vorbereitet.

Es half kein Schlagen, kein Winden, er setzte sich einfach auf sie, ihre Arme über dem Kopf fixierend. Auch ihre wütenden Schreie erstickte er sofort, indem er seine Hand auf ihren Mund legte. Das Einzige, was sie noch zu tun vermochte war, ihn voller Hass und Wut anzusehen.

Doch sie war überrascht, in seinem Blick nichts dergleichen vorzufinden. Im Gegenteil, er schien eher neugierig, ein wenig erstaunt und auch sehr erschöpft. Eine ganze Zeitlang starrten sie sich in verschiedenen Stadien der Abschätzung an, ohne dass sich ihre aggressive Haltung änderte.

„Verstehen wir uns?“, fragte er schließlich mit einer für einen Mann nicht sehr dunklen Stimme. Dabei lockerte er seinen Griff gerade genug, um ihr ein Nicken zu ermöglichen.

Sie reagierte nicht, glaubte so etwas wie Enttäuschung in seiner Miene zu erkennen, während er ergeben aufseufzte.

„Das dachte ich mir fast. Wie kann ich dir jetzt bloß beibringen, dass du hier nichts zu befürchten hast? Dass du hier in Sicherheit bist?

Ich will dir nicht wehtun, wenn du mich nicht dazu zwingst.“

Sie entspannte sich merklich unter ihm. Misstrauen mischte sich in ihren Blick, den Hass ein wenig mildernd.

Er schrieb dies dem beruhigenden Klang seiner Stimme zu und beeilte sich fortzufahren.

Alles war besser als eine Fortsetzung des Kampfes mit ihr. Sie musste unglaubliche Schmerzen leiden, er hoffte inständig, ihr nicht noch mehr davon zuzufügen, während er sie im Bett festhielt.

Aus diesem Grund hatte er vor ihrem Kampf nur ihre Hände ruhiggehalten.

Bei allen guten Mächten Paxias, niemals hätte er gedacht, dass noch so viel Kraft in ihr steckte. Colias Kräutermixtur hätte sie nicht nur sechs Stunden schlafen lassen sollen, sondern für diese Zeit auch ihren Körper betäuben müssen. Nun waren gerade vier Stunden um, und sie war gefährlich wie ein wildes Raubtier. Ihr Angriff hätte ihm sicherlich sein Leben gekostet, wäre er nicht unsterblich und hätte sie nicht ein gebrochenes Bein.

Der Schmerz, der vor wenigen Momenten ihr schönes Gesicht verzerrt hatte, war ihm selbst fast körperlich spürbar gewesen, deswegen hatte er sie mit besonderer Vorsicht zurück ins Bett gebracht. Ungeachtet seines eigenen Zustandes.

Sie hatte ihn tatsächlich an seiner verwundbarsten Stelle getroffen. Er war nur mit Mühe einer Ohnmacht entgangen, und es war mehr ein Reflex gewesen, der ihn sie wegschleudern ließ.

Bei ihrem qualvollen Schrei hatte er seinen eigenen Schmerz übergangen und ihr nur helfen wollen, sich nicht noch mehr zu verletzen.

Und nun, da er auf ihr saß, das äußerst schmerzhafte Pochen in seinem Schritt ignorierend, war er von dem Bestreben erfüllt, ihr ihre wahrscheinlich große Angst zu nehmen und ihn als Freund statt als Feind anzusehen.

„Mein Name ist Iain, ich …“

„Wo bin ich?“, unterbrach sie ihn aggressiv.

Es gab nichts Schlimmeres als formellen Austausch, vor allem, wenn die Fronten weit davon entfernt waren, geklärt zu sein.

Ihre erniedrigende Lage trug auch nicht gerade dazu bei, ihre Stimmung zu heben und vorgeben zu können, ein friedfertiger Wächter zu sein. Leider ließ ihr der verlorene Kampf keine Wahl. Er zwang sie zu Verhandlungsbereitschaft.

Und Iain war mehr als erfreut, als ihre klangvolle Stimme ihn herrisch anfuhr. Auch wenn er seine Ansichten über ihre vermutete Angst schleunigst revidieren musste.

Das Wesen unter ihm, dessen angespannte Muskeln er an seinen Beinen deutlich spüren konnte, war eindeutig ein kriegerischer Geist mit einer Unerschrockenheit, von der selbst er sich noch eine gute Scheibe abschneiden konnte.

Er war voller Bewunderung und so erleichtert, dass sie eine Sprache besaßen, dass er ihre Frage ohne Zögern beantwortete.

„Du bist in der Himmelsburg, ich selbst habe dich …“

„Bin ich auf Paxia?“, unterbrach sie ihn abermals ungeduldig. Wollte er ihre Frage nicht verstehen?

„So ähnlich.“ Nun lächelte er sogar über sie. Hatte er denn überhaupt keinen Respekt vor ihrem Kampfmut?

Ihre Wut flackerte erneut auf.

Iain bemerkte seinen Fehler sofort. Offensichtlich teilten sie nicht das gleiche Verhaltensmuster, und er beeilte sich, ihr den Stachel zu nehmen.

„Diese Welt ist Paxia, das stimmt. Doch du befindest dich im Reich des Himmels, weit über der Oberfläche Paxias, dort, wo die Wolken aufhören.“

Nun war es an ihr, überrascht zu sein.

Das Reich des Himmels.

Konnte es sein, dass ihre erste Begegnung auf dieser Welt der lebende Beweis für die Authentizität der Sagen war?

Einen Moment vergaß sie ihre feindliche Haltung.

„Dann bist du ein Sagenwesen?“

„Wenn du es so nennen willst. Zumindest findet man einiges über mein Volk in den Überlieferungen.“