Die Klinik - Noah Gordon - E-Book

Die Klinik E-Book

Noah Gordon

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Beschreibung

Ein Blick hinter die Kulissen eines Krankenhauses vom Autor der Bestseller "Der Medicus" und "Der Medicus von Saragossa".

Der Wissenschaftler Adam Silverstone, der kubanische Aristokrat Rafael Meomartino und der Farbige Spurgeon Robinson - sie sind drei grundverschiedene Klinik-Ärzte, die unter der unerbittlichen Aufsicht von Dr. Longwood praktizieren. Eines Tages stirbt eine Patientin, und Dr. Longwood wittert einen Behandlungsfehler. Sofort macht er sich auf die Suche nach einem Schuldigen, dem er die Verantwortung in die Schuhe schieben könnte ...



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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 590




Buch

Boston, Suffolk General Hospital: Hier arbeiten Spurgeon Robinson, Adam Silverstone und Rafael Meomartino. Spurgeon, ein junger Farbiger und leidenschaftlicher Hobbymusiker, steht noch ganz am Anfang seiner Karriere. Er ist durch und durch Arzt, aber wenn er drei Wochen lang in Sechsunddreißig-Stunden-Schichten als Begleitarzt mit dem Krankenwagen fahren muß, geht ihm sein Job reichlich auf die Nerven. Adam Silverstone ist Oberarzt in der chirurgischen Abteilung. Der vielversprechende Operateur und Wissenschaftler ist halb jüdischer und halb italienischer Abstammung. Er hat sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet und schämt sich für seinen versoffenen Vater. Rafael Meomartino ist Exilkubaner. Der Bilderbucharistokrat und ehemalige Playboy ist Gastchirurg der Klinik und auf Organtransplantationen spezialisiert. Obwohl die Hierarchie die drei Ärzte trennt, so verbindet sie doch eins: Sie alle fürchten Dr. Longwood, den Leiter des sogenannten Todeskomitees. In den Sitzungen des Komitees werden die Todesfälle in der Klinik besprochen. Eigentlich eine Routinearbeit, aber Longwood führt die Sitzungen, als stehe er einem Inquisitionstribunal vor. Am schlimmsten ist es, wenn er den Tod eines Patienten als »vermeidbar« einstuft, denn dann muß ein Schuldiger gefunden werden. So auch im Fall der jungen Susan Garland. Meomartino hatte dem Mädchen eine Niere eingepflanzt und es dann in die Obhut von Silverstone gegeben. Alles schien gut zu laufen, aber dann ist Susan über Nacht innerlich verblutet. Und Longwood wittert einen Kunstfehler …

Autor

Noah Gordon, 1926 in Worcester, Massachusetts, geboren, arbeitete lange Jahre als Journalist beim Bostoner Herald, bevor er mit seinem ersten Roman »Der Rabbi« den Durchbruch als Schriftsteller erlebte. Mit »Der Medicus« gelang ihm ein Weltbestseller, der auch in Deutschland viele Monate auf der Bestsellerliste stand.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorWidmungPROLOGERSTES BUCH - Sommer
ADAM SILVERSTONE SPURGEON ROBINSON HARLAND LONGWOOD ADAM SILVERSTONE
ZWEITES BUCH - Herbst und Winter
RAFAEL MEOMARTINO SPURGEON ROBINSON ADAM SILVERSTONE SPURGEON ROBINSON HARLAND LONGWOOD RAFAEL MEOMARTINO ADAM SILVERSTONE
DRITTES BUCH - Der Kreis schließt sich - Frühling und Sommer
ADAM SILVERSTONE RAFAEL MEOMARTINO SPURGEON ROBINSON ADAM SILVERSTONE SPURGEON ROBINSON ADAM SILVERSTONE RAFAEL MEOMARTINO ADAM SILVERSTONE
WORTERKLÄRUNGEN Copyright

Wieder für Lorraine:das Mädchen, das ich geheiratet,die Frau, zu der sie wurde

Jemand gibt einem Arzt Geld. Vielleicht wird er geheilt. Vielleicht wird er nicht geheilt.

TalmudKethubot 105

Ein junger Arzt betritt einen Tunnel; etwas geschieht dort drinnen, und später, nach sechs oder sieben oder noch mehr Jahren, taucht er wieder auf, als Chirurg.

Medical World News16. Juni 1967

PROLOG

Als Spurgeon Robinson drei Wochen lang in Sechsunddreißig-Stunden-Schichten als Begleitarzt mit dem Krankenwagen gefahren war, ging ihm der Fahrer Meyerson schon längst auf die Nerven, das viele geronnene Blut, all die Verletzungen zermürbten ihn, und sein Dienst gefiel ihm ganz und gar nicht. Er entdeckte, daß er mitunter entrinnen konnte, wenn er seine Phantasie spielen ließ, und auf der jetzigen Fahrt hatte er sich soeben eingeredet, daß er nicht in einem Krankenwagen saß; es war ein gottverdammtes Raumschiff, er war kein Spitalarzt mehr, sondern der erste Schwarze im Weltraum. Das Sirenengeheul war der zu Klang verwandelte Schubstrahl.

Maish Meyerson, der Lümmel, weigerte sich jedoch, mitzumachen und den Piloten zu spielen. »Idiot«, schnauzte er den eigensinnigen Fahrer eines Chrysler Convertible an, als er ihn mit dem Krankenwagen schnitt.

In einer Stadt wie New York hätten sie vielleicht die Baustelle nur schwer finden können, in Boston jedoch gab es noch immer erst wenige wirklich hohe Gebäude. Das kahle, skelettartige Metallgerüst mit seiner roten Rostschutzfarbe stieß wie ein blutiger Finger in den grauen Himmel.

Dieser Finger winkte sie geradewegs zum Schauplatz des Unfalls. Noch während die Sirene wimmernd verklang, warf Spurgeon schon die Wagentür hinter sich zu, und langsam löste sich der Menschenknäuel um die auf dem Boden liegende Gestalt.

Spurgeon kauerte sich neben den Mann. Die unbeschädigte Kopfhälfte verriet ihm, daß der Mann noch jung war. Seine Augen waren geschlossen. Ein dünnes Geriesel tropfte von dem fleischigen Ohrläppchen.

»Einer hat einen Schraubenschlüssel aus dem dritten Stock fallen lassen«, sagte ein beleibter Mann, der Polier, als Antwort auf die nicht gestellte Frage.

Spurgeon teilte das verfilzte Haar mit den Fingern und spürte, wie sich die Knochenstückchen lose und scharfkantig wie zertrümmerte Eierschalen unter dem zerfetzten Fleisch bewegten. Wahrscheinlich Rückenmarksflüssigkeit, die aus dem Ohr kam, dachte er. Es hatte keinen Sinn, die Wunde zu säubern, solange der arme Kerl auf dem Boden lag, entschied er, nahm einen sterilen Mulltupfer und legte ihn auf die Wunde, wo er sich sofort rot färbte.

Der Polier kaute an seiner kalten Zigarre und blickte auf den Verletzten. »Er heißt Paul Connors. Ich sage den Schweinehunden immer wieder: Setzt die Helme auf. Wird er sterben?«

»Man kann von hier aus nicht viel sagen«, sagte Spurgeon. Er schob das eine geschlossene Augenlid hoch und sah, daß die Pupille erweitert war. Der Puls war sehr schwach.

Der Dicke sah ihn mißtrauisch an. »Sind Sie Arzt?«

Ein Schwarzer?

»Ja.«

»Geben Sie ihm etwas gegen die Schmerzen?«

»Er spürt keine Schmerzen.«

Spurgeon half Maish die Tragbahre herausholen, und sie luden Paul Connors in den Krankenwagen.

»He!« schrie der Polier, als Spurgeon die Tür schließen wollte. »Ich fahre mit.«

»Gegen die Vorschrift«, log Spurgeon.

»Bin früher auch immer mitgefahren«, sagte der Mann unsicher. »Von welchem Krankenhaus sind Sie?«

»County General.« Spurgeon zog an der Tür und ließ sie heftig ins Schloß fallen. Vorne startete Meyerson den Motor. Der Krankenwagen fuhr mit einem Ruck los. Der Patient atmete flach und unregelmäßig. Spurgeon befestigte den Beatmungsschlauch aus schwarzem Gummi in Connors’ Mund so, daß die Zunge nicht dazwischenkommen konnte, und drehte den Respirator auf. Er legte die Maske auf das Gesicht des Patienten, und der Sauerstoff aus dem Zylinder begann in schnellen, kurzen Stößen, die wie das Rülpsen eines Babys klangen, einzuströmen. Die Sirene fing mit einem kurzen Aufstöhnen zu heulen an, und wieder entrollte sich ein dickes Band elektronischer Geräusche hinter dem Krankenwagen. Seine Räder sausten kreischend über die Fahrbahn. Spurgeon überlegte, wie er den Vorfall als Musikstück instrumentieren würde. Trommeln, Hörner, sonstige Blasinstrumente. Man konnte alles verwenden. Fast alles.

Geigen würde man nicht brauchen.

Im Zimmer des Oberarztes döste Adam Silverstone, den Kopf auf die über der harten Schreibtischplatte gekreuzten Arme gelegt, und träumte. Er lag wieder auf einem Bett aus dürren, gekräuselten Blättern, einem Haufen angesammelter Reste vieler vergangener Herbste, auf dem er einst als Junge gelegen war, den Blick versonnen in den stillen Tümpel eines Wildbachs verloren. Es war im Spätfrühling seines vierzehnten Lebensjahres gewesen, eine schlimme Zeit, in der sich sein Vater angewöhnt hatte, auf die empörten italienischen Flüche seiner Großmutter mit betrunkenen jiddischen Beschimpfungen eigener Erfindung zu antworten. Um Myron Silberstein und der vecchia zu entfliehen, hatte sich Adam eines Samstag morgens einfach zur Überlandstraße begeben und war drei Stunden lang per Anhalter dahingefahren, ohne bestimmtes Ziel, er wollte nur einfach weg von dem Rauch und dem grobkörnigen Staub Pittsburghs, weg von all dem, was es für ihn bedeutete, bis ihn ein Kraftfahrer schließlich auf einem durch Wälder führenden Straßenabschnitt absetzte. Später hatte Adam ein halbes dutzendmal versucht, die Stelle wiederzufinden, konnte sich jedoch nicht genau erinnern, wo sie eigentlich war. Vielleicht aber war auch der Wald zu der Zeit, als Adam ihn wieder suchte, längst von einem Bulldozer vergewaltigt worden und hatte Häuser ausgebrütet. Nicht daß die Stelle etwas Besonderes gewesen wäre; alle diese Wälder waren spärlich und schütter, weil man zu viele Bäume gefällt hatte, das Rinnsal des Baches hatte nie eine Forelle beherbergt, der Tümpel war nichts als eine tiefe, klare Pfütze. Aber das Wasser war kalt, und Sonnenkringel spielten darüber hin. Er hatte, bäuchlings auf den Blättern ausgestreckt, den Geruch des kühlen Waldmoders eingesogen. In seinem Magen begann der Hunger zu rumoren, aber es kümmerte ihn nicht, als er so dalag und zusah, wie kleine Insekten über das Wasser wanderten. Was hatte er in der halben Stunde, in der er dort lag, erlebt – bevor die hartnäckige Frühlingsfeuchtigkeit durch die trockenen Blätter heraufkroch und ihn bewog, sich fröstelnd loszureißen –, was ließ ihn für den Rest seines Lebens von dem kleinen Tümpel träumen? Friede, entschied er Jahre später.

Dieser Friede wurde jetzt durch das Klingeln des Telefons zerschlagen, dessen Hörer er, noch halb im Schlaf, abhob.

»Adam? Hier Spurgeon.«

»Ja«, sagte er gähnend.

»Freundchen, wir haben vielleicht einen Nierenspender.«

Seine Schläfrigkeit wich etwas. »Ja?«

»Ich habe soeben einen Patienten hereingebracht. Komplizierte eingedrückte Schädelfraktur mit schweren Gehirnschäden. Meomartino assistiert Harold Poole. Er läßt Ihnen sagen, daß das EEG keinerlei elektrische Aktivität mehr zeigt.«

Jetzt war Adam hellwach.

»Welche Blutgruppe hat der Patient?« fragte er.

»AB.«

»Susan Garland hat AB. Das heißt also, daß diese Niere Susan Garland gehört.«

»Ah – Meomartino meint, ich soll Ihnen auch sagen, daß die Mutter des Patienten im Wartezimmer sitzt. Sie heißt Connors.«

»Gottverdammt.« Die Aufgabe, die Einverständniserklärung der Angehörigen für eine Transplantation zu sichern, fiel dem Oberarzt und dem Fellow der Chirurgie zu. Meomartino, der Fellow, hatte regelmäßig andere dringende Pflichten, wenn es an der Zeit war, mit den engsten Angehörigen zu sprechen. »Ich bin sofort unten«, sagte er.

Mrs. Connors saß neben ihrem Pfarrer und schien nur wenig durch die Tatsache getröstet, daß ihr Sohn die Letzte Ölung erhalten hatte. Sie war eine vom Leben verbrauchte Frau mit einer Begabung für Ungläubigkeit.

»Ah, erzählen Sie mir nicht so etwas«, sagte sie mit Tränen in den Augen und einem zitternden Lächeln, als sei sie imstande, ihm das Ganze auszureden. »Er nicht«, sagte sie beharrlich. »Er liegt nicht im Sterben. Nicht mein Paulie.«

Formal hat sie recht, dachte Adam. In diesem Augenblick war ihr Junge schon tot. Nur die Boston Edison Company ließ ihn noch atmen. Sowie der elektrische Respirator abgedreht war, würde er in zwanzig Minuten völlig weg sein.

Adam konnte ihnen nie sein Beileid ausdrücken; es war so unzulänglich. Sie begann bitterlich zu weinen.

Er wartete lange, bis sie sich etwas gefaßt hatte, und erklärte ihr dann so schonend wie möglich die Sache mit Susan Garland. »Verstehen Sie das mit dem kleinen Mädchen? Auch sie wird sterben, wenn wir ihr keine andere Niere schenken.«

»Armes Lämmchen«, sagte sie.

»Dann würden Sie also die Zustimmung zur Nierenverpflanzung unterschreiben?«

»Er ist schon genug zerstückelt worden. Aber wenn es das Kind einer anderen Mutter rettet …«

»Das hoffen wir«, sagte Adam. Als er sich die Zustimmung gesichert hatte, dankte er ihr und entfloh.

»Unser Herr hat Seinen ganzen Leib für Sie und für mich hingegeben«, hörte er den Priester noch im Fortgehen sagen. »Übrigens auch für Paul.«

»Ich habe nie behauptet, daß ich die Muttergottes bin, Vater«, sagte die Frau.

Seine Niedergeschlagenheit würde vielleicht verfliegen, wenn er sich dem hoffnungsvolleren Teil des Falles zuwendete, dachte Adam.

Im Zimmer 308 saß Bonita Garland, Susans Mutter, in einem Sessel und strickte. Wie gewöhnlich, wenn ihn das Mädchen von ihrem Bett aus sah, zog es die Decke über die eichelförmigen kleinen Brüste unter dem Nachthemd bis zum Hals herauf, eine Geste, die zu bemerken er sorgfältig vermied. Von zwei Kissen gestützt, las Susan Mad, was ihn irgendwie erleichterte. Vor Wochen, als sie in einer langen schlaflosen Nacht an die plätschernde Blutwäschemaschine angeschlossen war, die in periodischen Abständen ihr Blut von den angesammelten Giften reinwusch, hatte er gesehen, wie sie Seventeen durchblätterte, und hatte sie damit aufgezogen, daß sie diese Zeitschrift las, obwohl sie selbst kaum vierzehn war.

»Ich wollte sie mir auf keinen Fall entgehen lassen«, hatte sie, eine Seite umblätternd, gesagt.

Jetzt stand er, übersprudelnd vor guten Neuigkeiten, am Fußende ihres Bettes. »Hallo, Schätzchen«, sagte er. Sie machte eben eine Periode glühender Schwärmerei für englische Musikbands durch, ein Spleen, den er schamlos ausnutzte. »Ich kenne ein Mädchen, das behauptet, ich sähe aus wie der Bursche, der immer auf dem Umschlag dieser Zeitschrift zu sehen ist. Wie heißt er?«

»Alfred E. Neumann?«

»Ja.«

»Sie sehen viel besser aus.« Sie legte den Kopf schief, um ihn zu betrachten, und er sah, daß sich die dunklen Ringe unter ihren Augen vertieft hatten, ihr Gesicht schmäler geworden war und um die Nase feine Schmerzlinien trug. Als er dieses Gesicht zum erstenmal gesehen hatte, war es lebhaft und spitzbübisch gewesen. Auch jetzt versprach es, obwohl sich die Sommersprossen scharf gegen die fahl werdende Haut abzeichneten, noch immer eine große Anziehungskraft, wenn sie einmal erwachsen sein würde.

»Danke«, sagte er. »Du solltest mit deinen Komplimenten mir gegenüber lieber vorsichtig sein. Ich könnte es mit Howard zu tun kriegen.« Howard war ihr Freund. Die Eltern hatten ihnen verboten, miteinander zu gehen, hatte sie Adam eines Abends anvertraut, aber sie taten es trotzdem. Manchmal las sie Adam Stellen aus Howards Briefen vor.

»Er wird mich dieses Wochenende besuchen.«

»Warum bittest du ihn nicht, statt dessen nächstes Wochenende zu kommen?«

Sie erstarrte, aufgeschreckt durch das heimliche Warnsystem chronisch Kranker. »Warum?«

»Du wirst gute Neuigkeiten für ihn haben. Wir haben eine Niere für dich.«

»O Gott.« Jubel stand in Bonita Garlands Augen. Sie legte ihre Strickerei nieder und sah ihre Tochter an.

»Ich will sie nicht«, sagte Susan. Ihre dünnen Finger verbogen die Deckblätter der Zeitschrift.

»Warum nicht?« fragte Adam.

»Du weißt nicht, was du redest, Susan«, sagte ihre Mutter. »Wir haben so lange darauf gewartet.«

»Ich habe mich an die Dinge gewöhnt, so wie sie sind. Ich weiß, was ich zu erwarten habe.«

»Nein, das weißt du nicht«, sagte er sanft. Er löste ihre Finger von der Zeitschrift und hielt sie in seinen Händen. »Falls wir nicht operieren, wird es schlechter. Viel schlechter. Nach der Operation wird es besser. Keine Kopfschmerzen mehr. Keine Nächte mehr an der verdammten Maschine. Bald kannst du in die Schule zurück. Du kannst mit Howard tanzen gehen.«

Sie schloß die Augen. »Versprechen Sie mir, daß nichts schiefgeht?«

Jesus. Er sah, daß ihm ihre Mutter zunickte.

»Natürlich«, sagte er.

Bonita Garland ging zu dem Mädchen und nahm es in die Arme. »Liebling, es wird einfach großartig laufen. Du wirst sehen.«

»Mami.«

Bonita drückte den Kopf ihrer Tochter an die Brust und begann sie zu wiegen. »Susie – Kleines«, sagte sie. »O mein Gott, haben wir Glück.«

»Mami, ich habe nur so viel Angst.«

»Du hast gehört, daß dir Dr. Silverstone sein Wort gibt.«

Er verließ das Zimmer und ging die Treppe hinunter. Keine hatte gefragt, woher die Niere kam. Er wußte, wenn er sie das nächstemal sah, würden sie sich dafür schämen.

Der Straßenverkehr flaute allmählich ab. Der Wind blies vom Meer über die schmutzigsten Stadtviertel hin und trug eine vielfältige Mischung von Gerüchen mit sich, meist üblen. Adam verspürte den Drang, zwanzig schnelle Runden zu schwimmen oder ausgiebig zu lieben, irgendeine körperlich rasend anstrengende Tätigkeit zu unternehmen, welche die Last erleichtern würde, die ihn jetzt fast zu Boden drückte. Wäre er nicht der Sohn eines Säufers gewesen, dann hätte er jetzt eine Bar gesucht. Statt dessen ging er über die Straße zu Maxie, aß Chowder aus der Dose und trank zwei Tassen schwarzen Kaffee.

Der Fellow der Chirurgie, Meomartino, hatte die Verbindungen zwischen den Operationssälen und den engsten Verwandten des Spenders organisiert. Man mußte ihm zugestehen, daß das System funktionierte, dachte Adam Silverstone widerwillig, während er seine Fingernägel bürstete.

Spurgeon Robinson war an der Tür des OP 3 postiert.

Im Büro der chirurgischen Station im ersten Stock wartete ein zweiter Spitalarzt namens Jack Moylan bei Mrs. Connors. In Moylands Tasche steckte ein Zettel mit der Zustimmung zur Autopsie. Er saß mit dem Telefonhörer am Ohr da und wartete. Am anderen Ende der Leitung saß ein Facharztanwärter im ersten Jahr namens Mike Schneider hinter dem Schreibtisch auf dem Gang vor der OP-Tür. Drei Meter von jener Stelle entfernt, wo Spurgeon stand und wartete, lag Paul Connors auf dem Operationstisch. Es war mehr als vierundzwanzig Stunden her, seit er in das Krankenhaus eingeliefert worden war, aber noch immer atmete der Respirator für ihn. Meomartino hatte Connors bereits für den Eingriff vorbereitet und legte ein steriles Plastiktuch über das Operationsfeld.

Neben ihm sprach Dr. Kender, der stellvertretende Chefarzt der Chirurgie, leise mit Dr. Arthur Williamson von der Inneren.

Gleichzeitig ging nebenan im OP 4 Adam Silverstone, jetzt reingebürstet und vermummt, zum Operationstisch, auf dem Susan Garland lag. Das Mädchen starrte ihn schläfrig an. Sie erkannte ihn hinter der Operationsmaske nicht.

»Hallo, Schätzchen«, sagte er.

»Oh. Sie sind’s.«

»Wie geht’s?«

»Alle verkleidet. Ihr seht aus wie Gespenster.« Sie lächelte und schloß die Augen.

Um 7 Uhr 55 setzten Dr. Kender und Dr. Williamson im OP 3 die Elektroden eines Elektroenzephalographen an Paul Connors’ Schädel.

Wie am Abend zuvor zog der Griffel des EEG eine gerade Linie auf dem Millimeterpapier und bestätigte damit, was sie ohnehin wußten: daß sein Geist nicht mehr lebte. Zweimal in vierundzwanzig Stunden hatten sie das Fehlen elektrischer Tätigkeit im Gehirn des Patienten verzeichnet. Die Pupillen waren stark erweitert, die peripheren Reflexe fehlten.

Um 7 Uhr 59 drehte Dr. Kender den Respirator ab. Fast gleichzeitig hörte Paul Connors zu atmen auf.

Um 8 Uhr 16 suchte Dr. Williamson den Herzschlag, und als er keinen fand, erklärte er Connors für tot.

Spurgeon Robinson öffnete die Tür zum Gang. »Jetzt«, sagte er zu Mike Schneider.

»Er ist ex gegangen«, sagte Schneider ins Telefon.

Sie warteten schweigend ab. Schneider horchte gespannt, wandte sich dann kurz darauf ab und sagte. »Sie hat unterzeichnet.«

Spurgeon ging in den OP 3 zurück und nickte Meomartino zu. Während Dr. Kender zusah, nahm der Fellow ein Skalpell und machte den transversalen Einschnitt, der es ihm ermöglichte, die Niere aus der Leiche zu entfernen.

Meomartino arbeitete mit äußerster Sorgfalt und wußte, daß seine Nephrektomie sauber und richtig war, weil Dr. Kender beifällig schwieg. Er war es gewohnt, vor den kritischen Augen der Älteren zu operieren, und ließ sich nie aus der Fassung bringen. Dennoch schwankte seine Selbstsicherheit für den Bruchteil einer Sekunde, als er aufblickte und Dr. Longwood auf der Galerie sitzen sah.

Waren es Schatten? Oder waren es die von ihm in diesem kurzen Augenblick wahrgenommenen angeschwollenen dunklen Zeichen urämischer Vergiftung, die unter den Augen des Alten bereits erkennbar waren?

Dr. Kender räusperte sich, und Meomartino beugte sich wieder über die Leiche.

Er brauchte nur sechzehn Minuten, um die Niere zu entfernen, anscheinend eine gute, mit einer einzigen, klar umrissenen Arterie. Während er mit behandschuhten Fingern das Abdomen abtastete, um sich zu vergewissern, daß kein Tumor vorhanden war, nahm die Verbindungsmannschaft, deren sämtliche Mitglieder jetzt bereits steril gewaschen waren und warteten, die freigelegte Niere und hängte sie an ein Perfusionssystem, das eiskalte Flüssigkeit durch das Organ pumpte.

Die große rote Fleischbohne wurde vor ihren Augen weiß, als das Blut aus ihr herausgewaschen wurde, und schrumpfte vor Kälte zusammen.

Sie trugen die Niere auf einem Tablett in den OP 4, und Adam Silverstone assistierte, als Dr. Kender das Organ zu einem Teil des Mädchenkörpers machte und dann dessen eigene Nieren entfernte, von der Krankheit verwüstete und verrunzelte Stückchen, die seit langem nicht mehr funktioniert hatten. Adam wußte, als er die zweite aus der Zange auf das Tuch fallen ließ, daß jetzt Susan Garlands einzige Lebensader jene Arterie war, die ihr Blut an Paul Connors’ Niere anschloß. Nunmehr aber färbte sich das übertragene Organ bereits mit einem gesunden Rosarot, erwärmt von neuem, jungem Blut.

Nicht ganz eine halbe Stunde nach Beginn der Transplantation schloß Adam die abdominale Inzision. Er half dem Krankenwärter, Susan Garland in den sterilen Erholungsraum zu tragen, und war daher der letzte, der in das Zimmer der Jungchirurgen zurückkam. Robinson und Schneider hatten bereits die grünen Operationsanzüge gegen weiße ausgetauscht und waren in ihre Abteilungen zurückgekehrt. Meomartino stand noch in der Unterwäsche da.

»Sieht nach einem Erfolg aus«, sagte er.

Adam hielt die gekreuzten Finger hoch.

»Haben Sie Longwood gesehen?«

»Nein. Der Alte war da?«

Meomartino nickte.

Adam öffnete den Metallschrank, in dem sein weißer Anzug hing, und begann die schwarzen isolierten OP-Stiefel abzustreifen.

»Ich weiß nicht, warum er eigentlich zusehen wollte«, sagte Meomartino nach kurzem Schweigen.

»Er wird bald selbst eine bekommen, wenn wir Glück haben, einen B-negativen Spender zu bekommen.«

»Das wird nicht leicht sein. B-negative sind rar.«

Adam zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich wird Mrs. Bergstrom die nächste Niere bekommen«, räumte er ein.

»Seien Sie dessen nicht so sicher.«

Es gehörte zu den ständigen Sticheleien zwischen Fellow und Oberarzt, daß man, wenn einer eine Information erhielt, die den anderen noch nicht erreicht hatte, sich so benahm, als besäße man eine direkte Leitung zum lieben Gott. Adam knüllte den schmutzigen grünen Anzug zusammen und warf ihn in den halbgefüllten Wäschekorb in der Ecke. »Was, zum Teufel, soll denn das heißen? Bergstrom wird eine Niere von ihrer Zwillingsschwester bekommen, oder?«

»Die Schwester weiß noch nicht, ob sie eine hergeben will.«

»O Gott.« Adam zog seinen weißen Anzug aus dem Schrank und stieg in die Hose, die, wie er bemerkte, allmählich schmuddelig wurde und am nächsten Tag durch eine frische ersetzt werden mußte.

Meomartino ging hinaus, als Adam sich die Schuhe zuband. Silverstone wollte eine Zigarette rauchen, aber das kleine elektronische Ungeheuer in dem Täschchen an seinem Rockaufschlag summte leise, und als Adam zurückfragte, erfuhr er, daß Susan Garlands Vater wartete und ihn sprechen wollte, also ging er sofort hinauf.

Arthur Garland war Anfang Vierzig, wurde aber bereits dick, hatte unsichere blaue Augen und einen fliehenden rötlichbraunen Haaransatz. Ein Lederwarenhändler, wie sich Adam erinnerte.

»Ich wollte nicht gehen, ohne mit Ihnen zu sprechen.«

»Ich bin nur ein Hausarzt. Vielleicht sollten Sie mit Dr. Kender sprechen.«

»Ich habe soeben mit Dr. Kender gesprochen. Er sagte, daß alles soweit gutging.«

Adam nickte.

»Bonnie – meine Frau – bestand darauf, daß ich mit Ihnen spreche. Sie sagte, Sie seien so verständnisvoll gewesen. Ich wollte mich bedanken.«

»Nicht nötig. Wie geht es Mrs. Garland?«

»Ich habe sie heimgeschickt. Das Ganze war ein bißchen viel für sie, und Dr. Kender sagte, wir würden Susan einige Tage nicht sehen können.«

»Je weniger Kontakt sie mit der Außenwelt hat, selbst mit Menschen, die sie lieben, um so weniger ist eine Infektionsgefahr gegeben. Die Medikamente, die wir anwenden, damit ihr Körper die neue Niere nicht abstößt, schwächt ihre Widerstandskraft.«

»Ich verstehe«, sagte Garland. »Dr. Silverstone, kann man hoffen, daß alles in Ordnung ist?«

Er war überzeugt, daß Garland bereits Dr. Kender gefragt hatte.

»Der chirurgische Teil verlief glatt«, sagte er. »Es war eine gute Niere. Es spricht viel für uns.«

»Was unternehmen Sie als nächstes?«

»Auf sie aufpassen.«

Garland nickte. »Ein kleines Zeichen der Dankbarkeit.« Er zog eine Brieftasche heraus. »Krokodilleder. Aus meiner Firma.«

Adam war verlegen.

»Ich habe auch Dr. Kender eine geschenkt. Bitte keinen Dank. Ihr gebt mir mein Mädchen wieder.« Die verängstigten blauen Augen glänzten, schwammen, gingen über. Beschämt schaute der Mann weg, zu der ausdruckslosen Wand.

»Mr. Garland, Sie sind todmüde. Ich gebe Ihnen ein Rezept für ein Beruhigungsmittel, und dann gehen Sie heim.«

»Ja. Bitte.« Er schneuzte sich. »Haben Sie Kinder?«

Adam schüttelte den Kopf.

»Sie sollten sich das Erlebnis nicht entgehen lassen. Wir haben sie adoptiert, wissen Sie das?«

»Ja. Ja, ich weiß.«

Garland nahm das Rezept, wollte noch etwas sagen, schüttelte den Kopf und ging.

Die Transplantation war am Freitag durchgeführt worden. Am nächsten Mittwoch war sich Adam sicher, daß sie es geschafft hatten.

Susan Garlands Blutdruck war zwar noch immer hoch, aber die Niere funktionierte wie angeboren.

»Ich hätte nie gedacht, daß ich je Herzklopfen bekäme, nur weil jemand nach einer Bettflasche verlangt«, sagte ihm Bonita Garland. Es würde noch eine gute Weile bis zur Genesung ihrer Tochter dauern. Die Wunde plagte sie, und das Mädchen war durch die Medikamente geschwächt, die man anwandte, damit ihr Körper die Niere nicht abwies. Susan war deprimiert. Sie fuhr bei gutgemeinten Bemerkungen auf und weinte nachts. Am Donnerstag lebte sie während eines Besuchs von Howard auf, der sich als magerer und entsetzlich schüchterner Junge entpuppte.

Es war Howards Wirkung auf Susan, was Adam auf die Idee brachte.

»Welchen Discjockey im Radio hat sie am liebsten?«

»Ich glaube, J. J. Johnson«, sagte ihre Mutter.

»Warum rufen Sie ihn nicht an und bitten ihn, Samstag abend Susan einige Platten zu widmen? Wir können Howard einladen, sie zu besuchen. Sie wird zwar nicht tanzen oder auch nur ihr Bett verlassen können, aber unter den Umständen könnte es ein annehmbarer Ersatz sein.«

»Sie sollten Psychiater werden«, sagte Mrs. Garland.

»Ein Ball für mich allein?« fragte Susan, als sie es ihr erzählten. »Ich muß mir die Haare waschen lassen. Sie sind schmutzig.« Ihre Stimmung schlug derart um, daß Silverstone, hingerissen, telefonisch einen Blumenstrauß bestellte, für rote Rosen Geld ausgab, das er anderen Zwecken zugedacht hatte, mit einer Karte:

»Viel Spaß zum Ball, Schätzchen.«

Am Freitag war ihre Stimmung gut, sank jedoch gegen Abend. Als Adam auf Visite vorbeikam, erfuhr er, daß sie bei der Schwester verschiedene Beschwerden vorgebracht hatte.

»Was ist los, Susie?«

»Mir tut’s weh.«

»Wo?«

»Überall. Mein Bauch.«

»Etwas Schmerzen mußt du schon in Kauf nehmen. Schließlich hast du eine schwere Operation hinter dir.« Er wußte, daß man einen Patienten nicht zu sehr verzärteln durfte. Er untersuchte die Wunde, an der nichts Auffallendes zu bemerken war. Ihr Puls ging schneller, aber als er ihr den Blutdruck maß, grinste er vor Genugtuung. »Normal. Zum erstenmal. Wie gefällt dir das?«

»Gut.« Sie lächelte schwach.

»Jetzt schau, daß du schlafen kannst, damit du morgen abend frisch für deinen Ball bist.«

Sie nickte, und er eilte davon.

Sechs Stunden später entdeckte die Stationsschwester, die mit Medikamenten in Susans Zimmer kam, daß das Mädchen in den stillen Nachtstunden innerlich verblutet war.

»Dr. Longwood will den Fall Garland bei der nächsten Sitzung des Todeskomitees erörtern«, sagte Meomartino am nächsten Tag beim Mittagessen.

»Das halte ich für unfair«, sagte Adam.

Sie saßen mit Spurgeon Robinson zusammen an einem Tisch an der Wand. Adam stocherte in dem gräßlichen Schmorfleisch herum, das es im Krankenhaus jeden Samstag gab. Spurgeon aß seines lustlos, während Meomartino es buchstäblich in sich hineinschaufelte. Wie, zum Teufel, hatte sich die Vorstellung entwickelt, daß die Reichen empfindliche Mägen haben, fragte sich Adam.

»Warum?«

»Die Nierentransplantation ist kaum über das experimentelle Stadium hinaus. Wie können wir versuchen, jemandem die Verantwortung für den Tod auf einem Gebiet anzuhängen, das wir noch immer verdammt wenig beherrschen?«

»Das ist der springende Punkt«, sagte Meomartino ruhig und wischte sich den Mund ab. »Sie ist längst über das experimentelle Stadium hinaus. Im ganzen Land werden diese Operationen erfolgreich durchgeführt. Wenn wir uns schon zu einer klinischen Anwendung entschließen, müssen wir auch die Verantwortung dafür tragen.«

Er hat leicht reden, dachte Adam; seine Rolle in diesem Fall hatte sich darauf beschränkt, die verdammte Niere aus der Leiche zu holen.

»Gestern abend ging’s ihr doch gut, als Sie sie sahen?« fragte Spurgeon Robinson.

Adam nickte und sah den Spitalarzt scharf an. Dann zwang er sich zur Ruhe, im Gegensatz zu Meomartino hatte Spurgeon nichts gegen ihn.

»Ich glaube, daß Dr. Longwood die Sitzung eigentlich nicht leiten dürfte«, sagte Robinson. »Er ist nicht gesund. Er hat diese Exituskonferenzen immer so geführt, als sei er Torquemada und stehe einem Inquisitionstribunal vor.«

Meomartino grinste. »Mit seinem Gesundheitszustand hat das nicht das geringste zu tun. Das Aas hat die Konferenz schon immer so geleitet.«

Die können einem die Karriere in einer solchen Sitzung total versauen, dachte Adam. Er legte die Gabel weg und schob den Stuhl zurück. »Eines möchte ich wissen«, sagte er in einem plötzlichen Anfall von Streitlust zu Meomartino. »Sie sind doch der einzige auf unserer Station, der von Longwood nie als ›der Alte‹ spricht. Finden Sie den Ausdruck zu respektlos?«

Meomartino lächelte. »Im Gegenteil. Ich halte ihn für einen Ausdruck der Zuneigung«, sagte er ruhig. Und aß mit unvermindertem Genuß weiter.

Kurz vor Dienstschluß erinnerte sich Adam an den Rosenstrauß.

»Blumen? Ja, die sind angekommen, Dr. Silverstone«, sagte die Schwester am Empfang. »Ich habe sie an die Garlands weiterschicken lassen. Das tun wir immer.«

Viel Spaß zum Ball, Schätzchen …

Das wenigstens hätte er ihnen ersparen können, dachte er.

»Es ist doch in Ordnung, nicht?«

»Aber sicher.«

Er ging in das kleine Zimmer im sechsten Stock hinauf, setzte sich nieder und rauchte vier Zigaretten, ohne Genuß, eine nach der anderen, und merkte, daß er Nägel kaute, eine Gewohnheit, die er längst abgelegt zu haben geglaubt hatte.

Er dachte an seinen Vater, von dem er nichts gehört hatte, fragte sich, ob er versuchen sollte, ihn in Pittsburgh anzurufen, beschloß dann erleichtert, es seinzulassen.

Lange danach verließ er das Zimmer, ging hinunter auf die verlassene Straße. Maxies Lokal war geschlossen und finster. Die Straßenlampen zeichneten einen Weg durch das Dunkel wie Leuchtspurmunition, den Block entlang, da und dort unterbrochen, wo vermutlich Kinder die Glühbirne mit einem Stein zertrümmert hatten.

Zunächst ging er.

Dann begann er zu laufen.

Zur Ecke hinunter; seine Sohlen schlugen hart gegen den zementierten Gehsteig.

Um die Ecke.

Die Avenue entlang, schneller.

Ein Wagen brauste vorbei, hupte, ein Frauenzimmer schrie etwas und kicherte. Er spürte ein erstickendes Gefühl in der Brust und lief noch schneller, trotz der stechenden Schmerzen in seiner rechten Seite.

Um die Ecke.

Am Hof mit den Krankenwagen vorbei. Leer. Der grüne Blechschirm der riesigen gelben Leuchte über dem Eingang zur Ambulanz flatterte in der nächtlichen Brise und warf unruhig tanzende Schatten, als Adam vorbeilief.

An der Laderampe des Lagerhauses nebenan sog ein menschliches Wrack – in der Dunkelheit eine flüchtige Form, ein Klumpen, ein Schatten, sein Vater – die letzten Tropfen aus einer Flasche und schmiß sie dann leer durch das Unbekannte, durch die Luft hinter Adam her, der jetzt mit rudernden Armen dahinrannte, von Rückenschmerzen und dem klirrenden Geräusch zerbrechenden Glases gehetzt.

Um die Ecke.

In den dunkelsten Abschnitt seiner Strecke hinein, auf die Rückseite des Mondes. Vorbei an den leeräugigen Häusern des leeräugigen Elendsviertels der Schwarzen, die in barmherzigem Schlaf lagen.

An geparkten Wagen vorbei, wo die sich windenden Gestalten ihren Rhythmus nicht unterbrachen, das Mädchen jedoch über die Schulter seines Liebhabers und durch die Scheibe nach der gespenstischen Schindmähre spähte, die da vorbeigaloppierte.

Vorbei an der Sackgasse, wo der Lärm seiner Füße irgend etwas Kleines, Lebendiges aufschreckte und Krallen gegen die hartgestampfte Erde schlugen, als er tiefer in den Tunnel hineinfloh.

Um die Ecke.

Wieder die Straßenlampen. Mit brennender Lunge, unfähig zu atmen, den Kopf zurückgeworfen, einen bohrenden Schmerz in der Brust vor Anstrengung, das Band zu durchreißen, obwohl keine Menge dastand und brüllte, erreichte er Maxies Laden, taumelte und blieb stehen.

Jesus.

Er rang nach Luft, fürchtete sich übergeben zu müssen, rülpste laut und mußte sich doch nicht übergeben.

Er war naß unter den Armen und zwischen den Beinen, sein Gesicht war naß. Narr. Keuchend lehnte er sich an Maxies Schaufenster, das bedrohlich knarrte, glitt an der Scheibe hinunter, bis seine Sitzbacken auf der schmalen Holzkante ruhten, die die Scheibe trug.

Er warf den Kopf zurück und schaute in den sternenlosen Himmel. Sie haben kein Recht, von mir ein Versprechen zu verlangen, sagte er. Warum bitten sie nicht Dich darum?

Er senkte die Augen, und sein Blick fiel auf das Gebäude, das fast bis in den Himmel ragte, er sah die alten roten Ziegel. Er fühlte die unendliche Geduld der narbenreichen Fassade, mit der sie den Schmutz und Rauch der Stadt ertrug, die rings um das Haus gewachsen war. Davon war sie braun geworden.

Er erinnerte sich an den Augenblick, in dem er das Krankenhaus zum erstenmal erblickt hatte, erst vor wenigen Monaten, und doch schon vor tausend Jahren.

ERSTES BUCH

Sommer

ADAM SILVERSTONE

Die Sterne am erbleichenden Himmel hatten sich langsam in ihr Versteck gedrückt. Als der hustende Lastwagen die Überlandstraße von Massachusetts verließ und durch die menschenleeren Randbezirke ratterte, flackerte die lange Reihe von Straßenlampen den Fluß entlang zweimal auf und erstarb dann in der Finsternis. Der heiße Tag nahte, aber das Erlöschen der Lichterkette verlieh dem Tagesanbruch eine kurze trügerische Kühle und Dunkelheit.

Er starrte durch die staubige Windschutzscheibe, als sie sich Boston näherten, jener Stadt, die seinen Vater geformt, aufgerieben und zerbrochen hatte.

Mir werdet ihr das nicht antun, sagte er zu den vorbeiziehenden Häusern, der Skyline, dem Fluß.

»Sieht gar nicht nach einer schwierigen Stadt aus«, sagte er.

Der Fahrer sah ihn überrascht von der Seite an. Ihr Gespräch war schon vor achtzig Meilen, zwischen Hartford und Worcester, in ein ermüdendes Schweigen gemündet, als Folge einer heftigen Meinungsverschiedenheit über die John Birch Society. Jetzt sagte der Mann etwas Undeutliches, das im Dröhnen des Motors unterging.

Adam schüttelte den Kopf. »Verzeihung, ich habe nicht verstanden.«

»Was ist los, bist du taub?«

»Ein wenig, am linken Ohr.«

Der Mann runzelte die Stirn, weil er sich gefoppt fühlte. »Ich habe gefragt: Wartet ein Job auf dich?«

Adam nickte.

»Und was für einer?«

»Ich bin Chirurg.«

Der Fahrer sah ihn angewidert an, jetzt überzeugt, daß sein Verdacht gerechtfertigt war. »Natürlich, du schäbiger Beatnik. Ich bin Astronaut.«

Adam öffnete den Mund zu einer Erklärung, besann sich, dachte: zum Teufel mit ihm, schloß ihn wieder und wandte seine Aufmerksamkeit der Szenerie zu. Auf der anderen Seite des Charles River vermochte er in der Dunkelheit weiße Türme zu entdecken, zweifellos Harvard. Irgendwo dort drüben war das Radcliffe College, und dort schlief Gaby Pender wie ein Kätzchen, dachte er und fragte sich, wie lange er es wohl aushielt, sie nicht anzurufen. Würde sie sich an ihn erinnern? Unwillkürlich kam ihm ein Zitat in den Sinn – etwas darüber, wie oft ein Mann eine Frau sehen muß, daß es einmal genügt, das zweitemal aber die Bestätigung bringt.

Der kleine Computer in seinem Kopf sagte ihm, wer der Autor der Zeilen war. Wie gewöhnlich erfüllte ihn die Fähigkeit, sich an nichtmedizinische Dinge zu erinnern, mit gereizter Unzufriedenheit statt mit Stolz. Wortverschwender, hörte er seinen Vater sagen. Adamo Roberto Silverstone, du selbstgefälliges Aas, sagte er zu sich, schau, wo dein famoses Gedächtnis bleibt, wenn du mit einem Lehrsatz aus Thoreks Anatomy in Surgery oder Wangensteens Intestinal Obstruction ringst.

Kurz darauf schlug der Mann das Lenkrad ein, der Lastwagen polterte vom Storrow Drive weg, über eine Rampe, und plötzlich waren erleuchtete Lagerhausfenster da, Lastwagen, Personenwagen, Leute, ein Marktbezirk. Der Fahrer lenkte den Lastwagen eine kopfsteingepflasterte Straße hinunter, an einem Speisehaus vorbei, dessen Neonlicht noch immer blitzte, dann eine zweite lange, kopfsteingepflasterte Straße hinauf und blieb vor »Benj. Moretti & Sons Produce« stehen. Auf sein Hupen hin trat ein Mann ins Freie und schaute von der Laderampe nach ihnen aus. Fleischig und mit beginnender Glatze sah er in seinem weißen Arbeitskittel einem der Pathologen vom Krankenhaus in Georgia ähnlich, wo Adam seine Spitalspraxis und das erste Jahr seiner fachärztlichen Ausbildung absolviert hatte. Eh, paysan.

»Was bringst du?«

Der Fahrer rülpste, als würde ein Teppich zerrissen. »Melonen. Zitronen.« Der Mann in Weiß nickte und verschwand.

»Endstation, Kleiner.« Der Fahrer öffnete die Tür und kletterte schwerfällig aus der Fahrerkabine.

Adam griff hinter den Sitz, nahm den abgewetzten billigen Koffer und sprang zu dem Mann auf die Straße hinunter. »Kann ich Ihnen abladen helfen?«

Der Fahrer sah ihn finster und mißtrauisch an. »Das tun die«, sagte er, mit dem Kopf zum Lagerhaus deutend. »Wenn du einen Job haben willst, frag sie.«

Adam hatte das Angebot aus Dankbarkeit gemacht, sah jedoch erleichtert, daß es unnötig war. »Danke fürs Mitnehmen«, sagte er.

»Schon recht.«

Er ging die Straße hinunter bis zum Speisehaus, mühte sich mit dem Koffer ab, ein kleiner O-beiniger Mann, zu groß für einen Jockey, zu schwach für die meisten Sportarten, außer für Tauchen, das seit fünf Jahren für ihn kein Sport mehr war. In solchen Momenten bedauerte er, den muskulösen Brüdern seiner Mutter nicht ähnlicher zu sein. Er haßte es, der Gnade eines Menschen ausgeliefert oder von irgend etwas abhängig zu sein, einschließlich eines Gepäckstückes.

Aus dem Speisehaus kamen verlockende Düfte und der geschäftige Lärm billiger Restaurants: Reden und Lachen, das hohle Geklapper von Kochgeschirr drang durch das kleine Fenster zur Küche, das massive Geräusch von Kaffeekannen, die auf die weiße Marmortheke gestellt wurden, das Zischen von Dingen, die am Grill brutzelten. Teure Dinge, entschied er.

»Kaffee, schwarz.«

»Erst zahlen«, sagte das strohhaarige Mädchen. Sie war voll entwickelt, von festem Fleisch, mit einer blassen, milchigen Haut, und würde mit dem Problem der Fettleibigkeit zu kämpfen haben, bevor sie noch dreißig war. Unter der weißbeschürzten linken Brust stachen zwei parallele Schmutzstreifen wie Stigmata hervor. Der Kaffee schwappte über den Rand der Kanne, als sie ihn Adam zuschob; sie nahm sein Zehncentstück mürrisch entgegen und wandte sich dann mit einem beleidigenden Hüftschwung ab.

Muh.

Der Kaffee war sehr heiß, und er trank ihn langsam, wagte hie und da sehr mutig einen größeren Schluck und hatte ein siegreiches Gefühl, daß er sich die Zunge nicht verbrannt hatte. Die Wand hinter der Theke war mit Spiegeln verkleidet, aus denen ihn ein Landstreicher anstarrte, stoppelbärtig, zerrauft, in einem verschmutzten, abgetragenen blauen Arbeitshemd. Als er den Kaffee ausgetrunken hatte, stand er auf und trug den Koffer in die Herrentoilette. Er drehte versuchsweise die Wasserhähne auf, aus beiden kam aber nur kaltes Wasser, was Adam nicht überraschte. Er ging in den Speisesaal zurück und bat das Mädchen um eine Tasse heißes Wasser.

»Für Suppe oder für Tee?«

»Einfach nur Wasser.«

Sie ignorierte ihn mit einer Miene langmütigen Widerwillens. Schließlich gab er nach und bestellte Tee. Als er ihn erhielt, bezahlte er, nahm den Teebeutel aus der Tasse und ließ ihn auf die Theke fallen. Er trug die Tasse in die Herrentoilette. Der Boden war mit Schichten von Sand und, dem Geruch nach zu urteilen, eingetrocknetem Urin bedeckt. Adam stellte die Tasse auf den Rand des schmutzigen Waschbeckens, balancierte den Koffer auf dem Heizkörper und öffnete ihn, um seine Toilettensachen herauszunehmen. Indem er kaltes Wasser in der hohlen Hand auffing und heißes aus der Tasse hinzufügte, gelang es ihm, seinen Bart einzuseifen und sich das Gesicht mit dem Wasser genügend warm zu spülen, um die Stoppeln aufzuweichen. Als er mit dem Rasieren fertig war, sah das Gesicht, das ihn aus dem fleckigen Spiegel anblickte, schon zivilisierter aus. Dr. Silverstone. Braune Augen. Eine große Nase, die er gern für römisch hielt, an sich nicht extrem groß, aber doch durch seine geringe Körpergröße auffallend. Ein breiter Mund, wie eine zynische Schnittwunde in dem mageren Gesicht. Ein trotz der Sonnenbräune unleugbar hellhäutiges Gesicht, von braunen Haaren gekrönt. Einem glanzlosen, faden Braun. Er nahm eine Bürste aus dem Koffer und drückte sie in sein Haar. Sein Teint verursachte ihm immer ein leichtes Schuldbewußtsein. Ein Kind sollte die Farbe von Oliven haben, nicht von Zitronen oder Hafergrütze, hatte er einmal seine Mutter sagen hören. Sein Teint war wie Hafergrütze, ein Kompromiß zwischen seinem blonden Vater und seiner italienischen Mutter.

Seine Mutter war dunkel gewesen, eine Frau mit unglaublich schwarzen Augen und unglaublich schweren Lidern, den Schlafzimmeraugen einer irdischen Heiligen. Er konnte sich kaum an ihr Gesicht erinnern, aber um ihre Augen zu sehen, brauchte er bloß die seinen zu schließen. An den Abenden, wenn sein Vater betrunken heimgekommen war – der abtrünnige Myron Silberstein, der im Schnaps ertrank, eine Gewohnheit, die er zusammen mit italienischen Lieblingsphrasen angenommen hatte, um seine Vorurteilslosigkeit zu demonstrieren – und seine nach Anis riechenden Hilfeschreie ausstieß (O putana nera! O troia scura! O Donna! Oi, nafke!), an solchen Abenden pflegte der kleine Junge in der Dunkelheit wach zu liegen, und er zitterte bei dem dumpfen Schlag der Fäuste seines Vaters auf dem Fleisch seiner Mutter, der ihn krank machte, bei dem Klatschen ihrer Handfläche gegen sein Gesicht, und die Geräusche mündeten oft in anderen, hitzigen, rasenden, keuchenden, die ihn starr daliegen und die Nacht hassen ließen.

Als er in die High-School ging und seine Mutter schon vier Jahre lang tot war, entdeckte er die Sache mit Gregor Johann Mendel und den Erbsen, machte sich daran, sein eigenes Erbbild zusammenzubrauen, und hoffte im stillen, daß seine braunen Haare und Augen sich als genetische Unmöglichkeit erweisen würden: daß er die Blondheit seines Vaters hätte erben müssen und daß er vielleicht doch ein Bastard war, das Erzeugnis seiner schönen toten Mutter und eines unbekannten Mannes, der alle jene edlen Tugenden besaß, die dem Mann, den er Paps nannte, so sehr fehlten.

Aber die Biologiebücher enthüllten ihm, daß die Kombination von Mondlicht und Schatten eben – Hafergrütze ergab.

Na schön.

Jedenfalls war er zu jener Zeit bereits mit einer Art Haßliebe an Myron Silberstein gebunden.

Um das zu beweisen, du verdammter Narr, sagte er zu seinem Spiegelbild, kratzt du zweihundert Dollar zusammen und läßt sie dir dann von ihm herauslocken, fast die ganze Summe. Was war es, das in seinen Augen aufleuchtete, als sich seine Hände – diese Hände eines hebräischen Fiedlers und Hausmeisters, in deren Knöcheln der Kohlenstaub eingefressen war – um das Geld geschlossen hatten?

Liebe? Stolz? Die Verheißung der schönsten Überraschung im Leben, einer unverhofften Trunkenheit? Jagte der alte Mann noch immer nach Liebe? Wohl kaum. Die bei Alkoholikern übliche Impotenz des mittleren Alters. Gewisse Ketten binden früher oder später jeden, selbst einen Myron Silberstein.

Nur ein Mensch, die Großmutter, seine vecchia, war je imstande gewesen, seinen Vater einzuschüchtern. Rosella Biombetti war eine kleine Süditalienerin gewesen: das weiße Haar zu einem Knoten gedreht, alles übrige natürlich schwarz: Schuhe, Strümpfe, Kleid, Halstuch, oft sogar die Stimmung, als trauere sie um die Welt. In ihrem olivfarbenen Gesicht standen Narben, die ihr geblieben waren, als sie vierjährig in dem Avellino-Dorf Petruro lebte und alle acht Kinder der Familie an vaiolo, den gefürchteten Pocken, erkrankten. Die Krankheit raffte keines hinweg, entstellte jedoch sechs der Kinder und zerstörte das siebente, einen Achtjährigen namens Muzi, dessen Hirn das hohe Fieber zu weicher Asche verbrannte und ihn als ein Etwas hinterlassen hatte, das schließlich zu einem alternden kahlköpfigen Mann in East-Liberty von Pittsburgh, Pennsylvanien, wurde; er spielte den ganzen Tag mit seinen Löffeln und Flaschenkappen und trug, selbst wenn die Julihitze die Luft über der Larimer Avenue schimmern ließ, einen zerlumpten Sweater.

Einmal fragte Adam die Großmutter, warum der alte Großonkel so war.

»L’Arlecchino«, sagte sie.

Er lernte schon früh, daß der Harlekin die innere Angst war, die das Leben seiner Großmutter durchzog, das Universalübel, ein Erbe aus dem Europa vor zehn Jahrhunderten. Ein Kind stirbt an einem plötzlichen Anfall einer unerwarteten Krankheit? Es wurde vom Harlekin geraubt, der nach Kindern giert. Eine Frau wird schizophren? Der schlanke, teuflisch-schöne dämonische Liebhaber hat sie verführt und ist mit ihrer Seele durchgebrannt. Ein Arm schrumpft gelähmt zusammen, ein Mensch vergeht langsam unter den Verheerungen der Tuberkulose? Der Harlekin pflückt und pflückt Lebenskraft von seinem Opfer und schlürft die Lebensessenz wie Sirup.

In dem Versuch, ihn zu bannen, machte sie ihn zu einem Familienmitglied. Als Adams Kusinen immer mehr erblühten und mit Lippenstiften und hohen, spitzen Büstenhaltern zu experimentieren begannen, kreischte die alte Frau, daß sie den Harlekin anlocken würden, der in der Nacht die Jungfernschaft stahl. Während Adam der vecchia jahrelang zuhörte, erfuhr er Einzelheiten. Der Harlekin trug eine Kniehose und eine Jacke aus bunten Flicken und war unsichtbar, außer bei Vollmond, der seine Buntscheckigkeit in einen vor tausend Lichtern glitzernden Anzug verwandelte. Er besaß keine Stimme, aber das Geklingel der Glöckchen an seiner Narrenkappe verriet seine Anwesenheit. Er trug ein hölzernes Zauberschwert, eine Art Narrenzepter, das er als Zauberstab verwendete.

Manchmal dachte der Knabe, es wäre ein wunderbares Abenteuer, der Harlekin zu sein, so allmächtig, so herrlich böse. Als Adam elf war und seine ersten Samenergüsse während der nächtlichen Träume hatte, durch die die üppige dreizehnjährige Lucy Sangano geisterte, beschloß er zu Halloween, dem Abend vor Allerheiligen, der böse Geist zu sein. Während die anderen Kleinen in ihren Verkleidungen zu Spaß und Schmaus von Tür zu Tür rannten, wandelte er langsam durch die plötzlich behagliche Dunkelheit und stellte sich wilde Szenen vor, in denen er den zarten jungen Hinterbacken Lucy Sanganos einen leichten Schlag mit seinem Schwert aus einer Kistenlatte gab und stumm befahl: »Zeig mir alles.«

Rosella wehrte den Bösen mit vier Mittelchen ab, von denen Adam nur zwei, das Weihwassersprengen und den täglichen Besuch der heiligen Messe, für harmlos hielt. Ihr Brauch, die Türknöpfe mit Knoblauch einzureiben, war ihm wegen der ständig klebrigen Hände lästig und brachte ihn wegen des stechenden Geruchs in der Schule immer wieder in Verlegenheit, obwohl er selbst heimlich den letzten Rest, der in seiner verschwitzten Handfläche zurückgeblieben war, genoß, wenn er sie nachts in seinem Bett an die Nase hielt. Den wirkungsvollsten Schutz erreichte man, wenn man die zwei Mittelfinger unter den Daumen klemmte, den Zeigefinger und den kleinen Finger in Nachahmung der Teufelshörner ausstreckte und zwischen ihnen trocken durchspuckte sowie das Sprüchlein folgen ließ: Scutta mal occhio, brich den bösen Blick, pf, pf, pf. Rosella führte diesen Ritus täglich viele Male durch, was ihm ebenfalls peinlich war, denn für einige von Adams gleichaltrigen Freunden war das Fingerzeichen ein Geheimsignal anderer Art, eine Abfuhr, ein geringschätziges Zeichen von Ungläubigkeit, die in einem einzigen schnellen, unschönen Wort zusammengefaßt wurde. Für diese Uneingeweihten war es erheiternd, wenn die Großmutter Damo Silverstones das pöbelhafte Geheimzeichen machte. So kostete ihn die Großmutter seine erste blutige Nase und sehr viel Ärger.

Seine junge Seele wurde zwischen dem frommen Aberglauben der alten Frau und dem Vater hin und her gerissen, der an jedem Jom Kippur vorsichtig nüchtern blieb, damit er aus irgendeinem wichtigen geheimen Grund fischen gehen konnte. Ihr Aberglaube und ihre Religion besaßen ihre Reize, aber zuviel von dem, was sie sagte, war einfach nur dumm. Größtenteils ergriff er schweigend die Partei seines Vaters, vielleicht weil er in dem Mann so eifrig nach etwas Bewundernswertem suchte.

Und dennoch, als sie in ihrem achtzigsten und seinem fünfzehnten Lebensjahr kränkelte und es mit ihr zu Ende ging, sehnte er sich schmerzlich nach ihr. Als Dr. Calabreses langer schwarzer Packard mit zunehmender Regelmäßigkeit vor dem Mietshaus in der Larimer Avenue parkte, betete er für sie. Und als sie eines Morgens mit einem koketten Lächeln auf den Lippen starb, weinte er um sie und wußte endlich, wer der Harlekin wirklich war. Er wünschte nicht mehr, den verliebten Spaßmacher zu verkörpern, der der Tod war; statt dessen beschloß er, eines Tages wie Dr. Calabrese einen langen neuen Wagen zu fahren und den arlecchino bis ans Ende zu bekämpfen.

Er verabschiedete sich von der alten Frau bei dem schönsten Begräbnis, das ihr die Versicherung »Söhne Italiens« nur bieten konnte, aber ganz verließ sie ihn nie. Jahre später, als er Arzt und Chirurg geworden war und Dinge getan und gesehen hatte, die sich in Petruro oder selbst in East Liberty nie hätten träumen lassen, war seine erste Reaktion auf ein Mißgeschick eine spontane unterbewußte Suche nach dem Harlekin. Wenn er eine Hand in der Tasche hatte, machten die Finger unwillkürlich das Zeichen der Hörner. Sein Vater und seine Großmutter hatten ihn in einem unaufhörlichen inneren Konflikt hinterlassen: Scheiße, spottete der Wissenschaftler, während der kleine Junge flüsterte: Scutta mal occhio, pf, pf, pf.

Nun packte er in der Herrentoilette des Speisehauses seine Toilettensachen ein. Wie ein ungeschickter Wasservogel, zuerst das eine, dann das andere Bein hochgezogen, um seine Kleider nicht durch den Schmutz des unerquicklichen Fußbodens zu gefährden, zog er die Blue jeans und das blaue Arbeitshemd aus. Das Hemd und der Anzug, die er aus dem Koffer grub, waren etwas zerknittert, aber präsentabel. Die Krawatte sah bei weitem nicht mehr so gut aus wie vor achtzehn Monaten, als er sie aus zweiter Hand »neu« erstanden hatte, von einem Studenten aus dem dritten Studienjahr, der ein schlechter Pokerspieler war. Die dunklen Schuhe, die er gegen die Turnschuhe austauschte, glänzten noch immer schön.

Als er durch den Speisesaal zurück- und hinausging, starrte ihn die Kuh hinter der Theke an, als versuchte sie sich zu erinnern, wo sie ihn schon einmal gesehen hatte.

Draußen war es heller geworden. Am Randstein summte ein Taxi ein ruhiges mechanisches Lied, der Chauffeur saß verloren hinter der Wettliste und träumte den ewigen Traum vom Höchstgewinn. Adam fragte ihn, ob das Suffolk County General Hospital zu Fuß zu erreichen sei.

»Das Allgemeine Krankenhaus? Sicher.«

»Wie komme ich hin?«

Ein schnelles Grinsen spaltete die Lippen des Taxichauffeurs. »Auf die schwere Tour. Quer durch die ganze verdammte Stadt. Zu früh für einen Bus, nirgendwo in der Nähe eine Untergrundbahn.« Der Mann legte die Wettliste hin, überzeugt, daß eine Fahrt herausschaute.

Wieviel steckte in seiner Brieftasche? Weniger als zehn Dollar, wußte Adam. Acht, neun. Und noch ein Monat bis zum Zahltag. »Fahren Sie mich für einen Dollar?«

Ein angewiderter Blick.

Adam hob den Koffer auf und ging die Straße hinunter. Er kam bis zu »Benj. Moretti & Sons Produce«, als das Taxi an ihm vorbeifuhr und anhielt.

»Steigen Sie hinten ein«, sagte der Taxifahrer. »Ich schau den ganzen Weg nach einem Fahrgast aus. Wenn ich einen andern aufgable, steigen Sie aus. Für einen Dollar.«

Dankbar kletterte Adam hinein. Das Taxi kroch durch die Straßen, er blickte aus dem offenen Fenster und ahnte, was für ein Krankenhaus es sein würde. Die Straßen waren alt und traurig, gesäumt von Mietshäusern mit zerbrochenen Stufen und überquellenden Mülleimern, Armeleutegegenden, in denen die Menschen in äußerster Armut zusammengepfercht waren. Es würde ein Krankenhaus sein, wo die Bänke seiner Ambulanz allmorgendlich von den Kranken und Verstümmelten besetzt sein würden, die in die selbstgebauten Fallen der Gesellschaft geraten waren.

Unangenehm für euch, sagte er stumm zu den schlafenden Opfern hinter ausdruckslosen Fenstern, als das Taxi vorbeirollte. Aber gut für mich, ein Lehrhospital, wo ich vielleicht Chirurgie erlernen kann.

Der Krankenhauskomplex ragte wie ein Monolith in das frühe Morgenlicht; große Parklampen leuchteten noch immer gelb um das leere Geviert des Hofes für die Krankenwagen.

Die Eingangshalle war düster und altmodisch. Ein ältlicher Mann mit hängenden verrunzelten Wangen und unwahrscheinlich pechschwarzem Haar saß hinter dem Empfangstisch. Adam sah in dem Brief nach, den er vor vier Wochen vom Verwalter erhalten hatte, und fragte dann nach dem Fellow der Chirurgie, Dr. Meomartino. Ah, Italiener in aller Welt, wir sind überall.

Der Mann sah in einem Telefonverzeichnis des Krankenhauses nach. »Vierte chirurgische Station. Vielleicht schläft er noch«, sagte er zweifelnd. »Soll ich ihn anläuten?«

»Gott, nein.« Er dankte ihm und ging hinaus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite brannte grelles Licht in einem Kaffeehaus, und als er darauf zuging, konnte er einen kleinen dunklen Mann hinter der Theke sehen, der eben Wasser in die Kaffeemaschine zugoß; die Tür war jedoch versperrt, und der kleine Mann blickte nicht auf, als Adam an ihr rüttelte. Er ging ins Krankenhaus zurück und fragte den Mann mit dem gefärbten Haar, wie man zur Abteilung der Vierten chirurgischen Station gelangte.

»Die Halle da immer geradeaus, an der Unfallstation vorbei, dann die zweite Treppe in den ersten Stock. Abteilung Quincy. Können es nicht verfehlen.«

Als er zur Unfallstation kam, zog er halb in Betracht, freiwillig seine Dienste anzubieten. Zum Glück verging der Impuls, noch bevor er in den großen Raum spähte und sah, daß noch keine Patienten gekommen waren. Ein Spitalarzt saß zusammengesunken in einem Sessel und las. Am anderen Ende des Saals saß eine Schwester und schielte schläfrig auf ihre Strickerei. Auf einer Tragbahre in einer Ecke lag ein Pfleger mit leicht geöffnetem Mund wie ein schlafender Bär.

Adam kletterte die Treppe zur Abteilung Quincy hoch und kam in den stillen Gängen nur an einem mageren blonden Spitalarzt vorbei, dessen offener Kragen unter seinem mit Pickeln übersäten Kinn schlaff wie eine Flagge bei einer Flaute herunterhing.

Mit Ausnahme der Nachtlichter war der Krankensaal dunkel. Die Patienten lagen in Reihen da, einige wie Klötze, andere jedoch unruhig und im Schlummer von Teufeln geritten.

Aus einem Bett kam das Weinen einer Frau. Adam blieb stehen. »Was gibt es denn?« fragte er sanft. Ihr Gesicht war verborgen.

»Ich habe Angst.«

»Dazu ist kein Grund vorhanden«, sagte er. Schau, zum Teufel, daß du hier herauskommst, sagte er sich wütend. Soviel du weißt, ist durchaus Grund dazu vorhanden.

»Wer sind Sie?«

»Ein Arzt.«

Die Frau nickte. »Auch Jesus war es.«

Es gab ihm zu denken, als er wegging.

Im Schwesternzimmer traf er eine ältere Stationsschwester, die an neue Ärzte gewöhnt war. Sie gab ihm Kaffee und frische knusprige Brötchen und Butter aus der Küchenabteilung, köstlicherweise gratis. »Alles, was Sie brauchen, Doktor, ist ein reicher Distrikt. Ich bin Rhoda Novak.« Plötzlich lachte sie. »Sie haben Glück, daß Helen Fultz heute nacht dienstfrei war. Die gäbe niemandem auch nur das Schwarze unterm Nagel.«

Sie ging, bevor er seine Brötchen aufgegessen hatte. Er hätte gern noch eines gehabt, war jedoch für jede Kleinigkeit dankbar. Ein riesiger Mann im grünen OP-Anzug kam herein und seufzte, als er einen Stuhl unter sich begrub. Er hatte rotes Haar unter der Operationskappe, und das Gesicht war trotz seiner Größe weich und ungeformt, ein Knabengesicht. Er nickte Adam zu und griff eben nach der Kaffeekanne, als der kleine Signalapparat an seiner Uniform summte. »Ah«, sagte er. Er ging zum Wandtelefon und sprach hinein, sagte schnell ein paar Worte und eilte fort.

Adam ließ den Rest Kaffee stehen und ging der riesigen grünen Gestalt nach, durch ein Labyrinth von Gängen zur chirurgischen Station hinunter.

Die Chirurgische Abteilung des Krankenhauses in Georgia war rein gewesen, hell erleuchtet, nicht so vollgestopft, der Durchgang nicht behindert. Hier war die Beleuchtung bestenfalls trüb zu nennen. Die Gänge schienen Speicher für zusätzliche Möbel, überflüssige Tragbahren, Büchergestelle und alles mögliche sonst zu sein; bei Hochbetrieb stellte man wahrscheinlich Patienten vor und nach Operationen ebenfalls hier ab. Die Schwingtüren der Operationssäle waren an beiden Seiten zehn Zentimeter breit abgewetzt, wo der Rand unzähliger Betten angestoßen war.

ENDE DER LESEPROBE

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Zitate aus »From the Birthday of a Middle-Aged Child« aus Selected Poems von Aline Kilmet. Copyright © 1929 by Doubleday & Company, Inc. Abgedruckt mit Erlaubnis der Doubleday & Company, Inc. Besonderer Dank gilt den Verlegern des Massachusetts Physicianund den Verlegern des New England Journal of Medicinefür die Erlaubnis, die Namen ihrer Zeitschriften im Zusammenhang mit fingiertem Material zu verwenden.

5. Auflage Taschenbuchausgabe 6/2000 Wilhelm Goldmann Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House Copyright © der Originalausgabe 1969 by Noah Gordon Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1970 by Paul Zsolnay Verlag, Wien/Hamburg Umschlaggestaltung: Design Team München Satz: Uhl + Massopust, Aalen BH · Herstellung: Str

eISBN 978-3-641-13629-1V002

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