Die Konferenz - Ulrich Krumin - E-Book

Die Konferenz E-Book

Ulrich Krumin

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Beschreibung

Der Patrizier-Sohn Markus Fabius muss vor dem rachsüchtigen Kaiser Tiberius aus Rom fliehen. Tiberius hat den Vater von Markus in den Tod getrieben und fürchtet weitere Gegner. Die Handelsfirma Drago, die zur Familie des Markus gehört, verhilft ihm zu einer längeren Seefahrt und zu weitreichenden Kenntnissen des 'weltweiten' Handels und entsprechender Gefahren. Er lernt interessante Menschen kennen, römische Offiziere, Piraten, Geheimdienst-Mitarbeiter, Spione, Verräter, Kaufleute und deren Abenteuer. Man verwendet ihn in der militärischen Verwaltung der römischen Provinz Judäa. Der Geheimdienst bittet ihn herauszufinden, wie gefährlich die Christen für Rom sein können. Es findet eine Wirtschaftskonferenz statt, auf der Probleme des römischen Handels mit Arabien, Ost-Asien und Äthiopien zu klären sind. Markus gerät zwischen die Aktionen des römischen Geheimdienstes und die Aktivitäten der jüdischen Zeloten in Palästina. Der Umgang mit den Christen und deren Glauben lassen ihn zum Evangelisten werden. Er wird verwickelt in Ereignisse, die in der biblischen Apostelgeschichte geschildert werden. Dabei lernt er den jüdischen Theologen Saul kennen, den späteren Apostel Paulus. Markus ist anfangs bestimmt von der römischen Aufklärung, dem 'Römischen Frieden', den Kaiser Augustus proklamiert hatte, und von dem entsprechenden Selbstbewusstsein gegenüber der sie umgebenden 'Barbarei'. Markus muss sich dann auseinandersetzen mit Positionen der griechischen Philosophie und des Judentums und den dazugehörenden Kehrseiten. Darüber kommt er zum christlichen Glauben. Er lässt sich schließlich von Petrus taufen. Im Zusammenhang der Konferenz befreundet er sich mit dem äthiopischen Finanzminister, der sich von Philippus taufen lässt und der sich in einem sehr freundlichen Brief bei den Römern für die Konferenz bedankt. In diesem Brief wird auch Markus genannt, auf den so Tiberius wieder aufmerksam wird. Markus muss davor geschützt werden und aus dem Blickfeld verschwinden - römische Geheimdienstler werden aktiv, Handelspartner tun das ihre, man bemüht sich um Markus. Dabei ist Markus verwickelt in die Geschichte der christlichen Gemeinden und ihres Schrifttums, ihrer Auseinandersetzungen intern, aber auch betroffen von den Versuchen der jüdischen Widersacher, die Römer und die Christen zu bekämpfen.

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Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2014

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 Keiner von uns lebt für sich selbst, und keiner stirbt für sich selbst.

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.

Darum: Ob wir nun leben oder sterben, gehören wir dem Herrn.

Paulus in seinem Brief an die Römer, Kapitel 14, Verse 7 und 8

Ulrich Krumin

Die Konferenz

oder

Wie Markus zu seinem Evangelium kam

Historischer Roman

www.tredition.de

© 2014 Ulrich Krumin

Mitwirkende: Alla Bulgakova

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-7584-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die beteiligten Personen

Markus Fabius

junger Mann aus dem römischen Patrizier-Stand

Gaius Fabius

Sein Vater, Sohn des Markus Fabius (Senior)

Lutetia

Frau des Gaius Fabius, Mutter des Markus

Drago

Freigelassener Sklave der Familie des Markus, Inhaber einer großen römischen Handelsfirma ‚Drago’

Gaius Septimus

Römischer Offizier in Cäsarea, u. a. zuständig für Sicherheit, römischer Imperialist

Lucius

Römischer Offizier in Alexandrien

Lucius Ämilius

Römischer Beamter, aus der Quästur in Rom

Gero

Legionär, Bursche des Markus in Cäsarea und Jerusalem

Kornelius

Biblische Figur, Römischer Offizier in Cäsarea

Tyro

Syrophönizischer Olivenhändler, Mitarbeiter des Gaius Septimus

Barabbas

Biblische Figur, Zelot/Terrorist, Opfer seiner Mitkämpfer

Aurelius Nikas

,Untreuer Verwalter’, Mann von Gaius Septimus in Jerusalem (der Name und die Umstände der biblischen Figur sind erdacht, vgl. Lukas 16)

Ali

Mitarbeiter (‚Faktotum’) des Aurelius, Dolmetscher, Stadtführer, Kutscher

Saul/Paulus

Biblische Figur, Bruder von Dina und Isaak, Miterbe eines jüdischen Handelshauses aus Tarsus, Theologe

Dina

Sauls Schwester

Rebekka

Freundin Dinas mit Kontakten zu Christen

Nathan

Rebekkas Ehemann

Stefanus

Biblische Figur (‚Diakon’), hellenistischer Christ und Theologe

Philippus

Biblische Figur (‚Diakon’), hellenistischer Christ und Theologe

Johannes

Gepäckträger in Joppe, Christ

Johannes

Jüdischer Kaufmann in Jerusalem

‚Moses’

Deckname eines Kriminellen

‚Jakob’

Deckname eines Zeloten bzw. Terroristen

Saad

Biblische Figur, äthiopischer Kämmerer, (der Name ist erdacht)

Weitere römische Offiziere, Legionäre, Sklaven, Banditen, Mitglieder des Hohen Rates, Christen usw.

Die Handlung beginnt um das Jahre 35 unserer Zeitrechnung, also etwa zwei Jahre vor dem Tode des römischen Kaisers Tiberius (14 bis 37 n. u. Z.) und später

Teil 1

1

Markus war unterwegs, er fuhr auf einem römischen Handelsschiff von Rom nach dem ägyptischen Alexandrien. Die Reise dauerte und zog sich, man fuhr tagsüber bei günstigem Wind an der afrikanischen Küste entlang, ankerte abends am Ufer und setzte die Reise am nächsten Tage fort – wenn die Bedingungen entsprachen.

Markus hatte Zeit nachzudenken, über sich und seine Zukunft, aber auch über die Welt, in der er lebte. Es war das 21. Jahr des römischen Kaisers Tiberius, der ein alter Herr von 77 Jahren war. Alles stöhnte über dessen Schreckensherrschaft und wartete auf seinen Tod.

Aber solange der noch lebte, durfte man das natürlich weder laut sagen noch seine Gesinnung deutlich erkennen lassen.

In Rom – aber auch auf Capri, wo sich Tiberius seit Jahren aufhielt – wurden fast täglich Menschen hingerichtet, denen man die unterschiedlichsten Dinge vorwarf, die als Beleidigungen Roms oder des Kaisers gedeutet werden konnten.

Die Söhne des Kaisers waren zu Tode gekommen, zwei seiner Enkel hatte er umbringen lassen, einen in der Verbannung, einen anderen in einem römischen Kerker, die beiden noch lebenden Enkel, Caligula und Gemellus, mussten um ihr Leben fürchten, jederzeit konnte er sich gegen sie beide oder gegen einen von ihnen wenden – so wurde später Caligula der Nachfolger von Tiberius und gleichzeitig kam Gemellus ums Leben.

Vor vier Jahren hatte Tiberius einen Staatsstreich von Aelius Seianus gefürchtet, dem Befehlshaber der Prätorianer, des Militärs also, das für die Sicherheit der Stadt Rom und des Kaisers zu sorgen hatte.

Tiberius ließ Seianus hinrichten, aber nicht nur ihn, sondern danach auch viele andere Angehörige des Senats und der herrschenden und in Rom tonangebenden Familien. Die Verdächtigungen und Denunziationen machten vor niemandem Halt.

Das hatte auch die Familie des Markus getroffen. Er selber war damals ein Halbwüchsiger, hatte sich nicht weiter für Politik interessiert, die Familie lebte in einem schönen großen Haus mitten in Rom, Sklaven sorgten für alles, der Vater Gaius erschien als wohlhabend und politisch einflussreich, die Mutter stand dem Haushalt vor, und ihr ganzes Interesse galt dem einzigen Sohn, für seine Ausbildung sorgten Griechen, die ihm die Sprache, die Kultur und die Philosophie nahe brachten. Man war eine Patrizier-Familie, und zu einem Patrizier sollte auch Markus werden, getreu den römischen Traditionen, in denen diese Familie immer schon eine Rolle gespielt hatte.

Es gab einen väterlichen Landsitz, in den Hügeln nordöstlich von Rom; von dem bezog man die frischen Lebensmittel und alles, was der Haushaltsführung vom Lande her nützlich sein konnte. Die Mutter hatte einen Grundbesitz aus der Umgebung von Capua in die Familie gebracht, dort hatten lange ihre Eltern gewohnt, bevor sie starben.

Den Reichtum verdankte man einer Firma des Getreidehandels mit Nordafrika, die Markus Fabius, der Vater des Gaius in der Zeit des Julius Caesar aufgebaut hatte und nach dem sein Enkel Markus genannt worden war, der jetzt nach Ägypten hin unterwegs war.

Cäsars gab die Devise aus: ‘Panem et circenses‘, ‚Brot und Spiele‘, er ließ also auf seine Kosten Brot verteilen und veranstaltete Spiele für die Bevölkerung Roms. Für das Brot brauchte er Weizen, wurde also ein Stück weit abhängig von den Weizenlieferanten, die daraus die entsprechenden Profite zogen.

Markus Fabius hat die Verhandlungen und die Verwaltung dieser Geschäfte von seinem Sklaven Drago betreiben lassen, er selber hielt sich vornehm zurück. Drago stammt aus Nordafrika, hat wohl punische Vorfahren, sprach die entsprechende Sprache und kannte die örtlichen Verhältnisse – er war der geeignete Mann für diese Aufgaben.

So lag es auf der Hand, dass Markus Fabius, der Großvater des jüngeren Markus, in seinem Testament dem Drago die Freiheit schenkte.

Dieser wurde so das, was man einem Klienten der Familie der Fabier nennt.

Drago leitete weiter die Firma, bis Gaius, der Vater des Markus, plötzlich sein Testament ankündigte, darin dem Drago die ganze Firma zu eigen übertrug, die Hälfte des verbleibenden Besitzes an Kaiser Tiberius vererbte und Frau und Sohn mit dem Rest genug haben mussten. Unmittelbar darauf schnitt sich Gaius Fabius die Pulsadern auf, verhinderte jede Hilfeleistung und verstarb.

Für Lutetia, die Frau, und den Sohn Markus brach damals eine Welt zusammen. Erst nach und nach wurde ihnen deutlich, was da eigentlich geschehen war.

Markus konnte nicht übersehen, dass seine gleichaltrigen Freunde und Bekannten auf einmal ihm aus dem Wege gingen, für ihn nicht mehr erreichbar waren und, wenn er sie irgendwo zur Rede stellen konnte, ihm jede vernünftige Antwort schuldig blieben.

Der griechische Sklave, der ihn in Philosophie unterrichtete, gab ihm dann erste Erklärungen: Er wies ihn auf die Hinrichtung des Seianus hin, auf die lange Reihe von Prozessen gegen andere gut bekannte römische Patrizier. Er erklärte Markus, was mit deren Familien zu geschehen pflegte: Sie verloren alles Hab und Gut, wurden, soweit sie nicht hingerichtet waren, aus Rom verbannt, mussten mittellos irgendwo in der Fremde, in der Regel auch außerhalb von Italien, als Bettler irgendwie ihr Leben fristen, verhungern, in die Sklaverei oder anderweitig zugrunde gehen.

Dieses Schicksal hatte Gaius so seiner Familie erspart. Man konnte froh sein, dass der Kaiser Tiberius das Testament anerkannte und deshalb auf eine Anklage gegen den Vater wegen Landesverrats verzichtete – so blieb der Familie eine akzeptable Lebensgrundlage. Das große Haus in Rom wurde verkauft, das Geld bekam im wesentlichen der Kaiser, ebenso das Gut bei Rom, aber der Mutter blieb ihr Landsitz bei Capua, wo Markus die letzten Jahre verbracht hatte. Die kaiserlichen Anwälte hatten auch die Firma „Drago“, die sich nun nach ihrem Inhaber nannte, als unabhängigen Betrieb akzeptiert – auch Tiberius brauchte gelegentlich den Weizenhandel.

Drago wurde in dieser Zeit für die Mutter von Markus eine wertvolle Stütze und ein unentbehrlicher Berater.

Er selber war inzwischen ein alter Herr, die Arbeit des Weizenhandels und der weiteren Firmenaktivitäten lagen in den Händen seiner Söhne.

Drago hatte der Mutter geraten, sich auf das Landgut bei Capua zurückzuziehen, damit der Name der Fabier nicht mehr in der Öffentlichkeit genannt werden würde. Was der Vater eigentlich getan hatte, ob und wie weit er in die Machenschaften des Seianus überhaupt verwickelt war, ja die Frage, ob Seianus wirklich Tiberius hatte stürzen und umbringen wollen oder nur die Zeit nach dessen Tode angemessen vorbereitete – das alles liegt im Dunkel der Geschichte und war – zumindest für Markus – nicht mehr aufzuhellen.

Wie kam Markus nun auf ein Handelsschiff, das ihn von Rom aus nach dem ägyptischen Alexandrien bringen sollte?

Einerseits war für Markus die Umstellung schwer gewesen von dem Leben in der Großstadt Rom, das angefüllt war mit vielen Erlebnissen und Begegnungen mit den Familien ihrer Kreise, den Freundschaften und Eifersüchteleien, dem vielfältigen Mit- und Gegeneinander der entsprechenden Menschen, hin zu einem Leben auf dem Lande, wo ‚der Einäugige unter den Blinden König‘ war, wo die Menschen sie, die Patrizier aus der Hauptstadt, bestaunten, zumindest in einem Maße respektierten, das sie bisher so nicht kannten oder gewohnt waren.

Andrerseits blickte Markus nach vier Jahren auf eine Zeit der Ruhe, der Konzentration auf seine Bildung und Ausbildung zurück, die so in Rom wohl kaum möglich gewesen wäre. Die Mutter hatte seine besten Lehrer behalten und auf das Land mitnehmen können.

Sie hatte sich noch mehr der Aufgabe zuwenden können, die hier ihrem Leben nach ihrer Auffassung den verbleibenden Sinn gab.

Markus erinnerte sich gut, welche Sorgen sich die Mutter um ihn und seine Zukunft gemacht hatte, Überlegungen, die ihm ziemlich fremd blieben und die er der Mutter eigentlich ausreden wollte. Als er dann sah, worauf das alles hinauslief, war er doch sehr einverstanden:

Die Mutter hatte immer wieder gefragt, wie es nun mit ihm weitergehen sollte. Markus war inzwischen 20 Jahre alt. Was hätte aus ihm werden sollen? Sollte ein Fabier den Sinn seines Lebens nur als Bauer oder Landwirt finden? Da war die Mutter zu sehr den Traditionen verhaftet, das sollte doch irgendeine Form von Staatsdienst sein, zumindest musste Markus vor einem ‚Verbauern‘ oder einem ‚Hinterwäldlertum‘ bewahrt werden, irgendwie hatte er etwas von der großen weiten Welt kennen lernen sollen.

Für die Mutter hatte es dann noch das Problem einer Heirat gegeben. Solange man in Rom lebte, war Markus zwar noch weit entfernt von einem Alter, indem die entsprechenden Entscheidungen anstünden, aber mit ihrem Mann hatte sie doch die eine oder andere Möglichkeit diskutiert, ohne dass man irgendetwas unternommen hätte. Aber hier in der Provinz? Da gab es sicher auch nette hübsche Mädchen, an die ein junger Mann sein Herz hätte verlieren können. Junge Frauen vom Lande kämen vielleicht für eine Flirt infrage oder ähnliches. Aber konnte ein Fabius denn eine andere als eine Frau aus einer römischen Patrizier-Familie heiraten?

Markus hatte solche Überlegungen von sich geschoben, für ihn wäre anderes wichtiger gewesen. Aber die Mutter sah sich in einer Situation, sich wieder einmal an Drago zu wenden und ihn um Rat zu fragen.

Der antwortete postwendend und lud Markus nach Rom zu sich ein. Der Mutter schrieb er, dass er es für sinnvoll hielt, dass Markus sich ein eigenes Leben außerhalb von Italien aufbaute, außerhalb der Sphäre, die Kaiser Tiberius direkt überblicken konnte.

Da wäre dann irgendein Staatsdienst möglich, irgendwo in untergeordneter Funktion, so dass das in Rom nicht sofort bekannt zu werden brauchte. Sollte derartiges schwierig sein, bot Drago aber auch die Möglichkeiten seiner Firma an: Neben dem Weizenhandel, der immer noch ein Standbein ihrer Aktivitäten war, hatte sich der Fernhandel mit Luxuswaren aus Indien, Arabien und weiteren unbekannten Ländern in Ostasien und Äthiopien (das ist damals alles afrikanische Gebiet südlich von Ägypten) gut entwickelt. So gab es neuerdings eine Firmenniederlassung in Alexandrien. Drago schlug vor, Markus dorthin zu entsenden und ihm so die Möglichkeit zu geben, Neues kennen zu lernen und ein selbständigeres Leben zu beginnen.

Als Markus davon hörte, war er sofort begeistert. Abenteuerlust, Lebenshunger, der Wunsch, aus der behüteten Welt der Mutter herauszukommen, alles das, was ihn auf dem Lande seit Jahren langweilte, hinter sich zu lassen, Rom wieder zu sehen – er bestürmte die Mutter, dem Vorschlag von Drago zuzustimmen, bis diese nachgab.

In Rom blieb er nicht lange, Drago schickte ihn mit der ersten Gelegenheit wieder weiter, er wollte bei Tiberius und den Seinen nicht unnötig auffallen und Ärger bekommen.

Und so näherte sich Markus seiner ersten Station eines selbständigen Lebens, Alexandrien.

*

Das Schiff hatte Alexandrien erreicht, für die Römer die Hauptstadt Ägyptens.

Es war ein Frachtschiff der römischen Firma ‚Drago’. Markus, ein junger Mann, ging an Land und fragte sich durch nach der Zentrale der römischen Militärverwaltung des Hafens und der Stadt.

Er hatte seine Gründe gehabt, sich hierher kein Empfehlungsschreiben aus Rom mitgeben zu lassen.

Er wollte sich beim römischen Militär in Ägypten oder weiter im Osten um eine Verwendung als Offizier beziehungsweise als ein entsprechender Bewerber um eine Stelle bemühen, die ihm als Angehörigen des Patrizierstandes zukäme, trotz allem, was dagegen sprechen könnte, trotz des Kaiser Tiberius, trotz des Schicksals seines Vaters, der vor einiger Zeit in Verdacht geraten war, in die Machenschaften des Aelius Seianus verwickelt gewesen zu sein.

Jeder Patrizier, der sich in Rom für politische Fragen interessierte, konnte immer noch schnell in Verdacht geraten sein, zu Menschen oder Gruppen zu gehören, die Kaiser Tiberius hätten stürzen oder umbringen wollen.

Was an solchem Gerede dran gewesen war, ob überhaupt jemand Tiberius hatte beseitigen wollen, blieb meist ungeklärt. Markus jedenfalls wusste davon nichts Näheres.

Er bewunderte seinen Vater, der so klug gewesen war, nach den ersten Gerüchten seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, nicht ohne vorher Tiberius zum Miterben seines Vermögens einzusetzen. Die Familie war sehr froh, als man erfuhr, dass Kaiser Tiberius dieses Testament akzeptierte. So blieb der Frau und dem Sohn ein ansehnliches Landgut in Mittelitalien, von dem man leben konnte und auf das man sich dann zurückgezogen hatte.

Markus dachte auch mit Respekt an Drago, der im Weizenhandel mit der römischen Provinz Africa für die Familie ein größeres Vermögen erworben hatte Er hatte sich hier als Verwalter ausgesprochen bewährt. Mit dem Tode des Großvaters bekam Drago seine Freiheit, mit dem Tod des Vaters das Eigentumsrecht an der Firma. Drago galt seitdem wohl im weiteren Sinne als Klient der Senatorenfamilie, als ihr Schutzbefohlener – auch wenn er zuletzt eher der Familie Schutz, zumindest aber guten Rat, geben konnte.

Aber seine kaufmännischen Entscheidungen nahm Drago nun unabhängig vor. Er war so mit der Firma auch den testamentarischen Auseinandersetzungen mit den Anwälten des Tiberius entzogen geblieben.

Markus war Drago für seinen Rat an die Mutter dankbar, dass er sich um eine eigene Karriere kümmern sollte, dies aber nicht in Italien, sondern lieber etwas weiter weg, deutlich entfernt von den Entscheidungszentren der Macht. Sein Name beziehungsweise der seiner Familie oder seines Geschlechts sollte, solange Tiberius Kaiser blieb, möglichst wenig genannt werden.

Anfangs fühlte sich Markus für solch eine Reise noch zu jung, aber er hatte nun von all diesen deprimierenden Ereignissen den nötigen Abstand gewonnen. Die Jahre in Mittelitalien auf dem Gut der Großeltern hatten ihm Kraft und Selbstbewusstsein gegeben. Schließlich meinten aber auch die Mutter und weitere gute Freunde, er müsste endlich einmal etwas für sich und für seinen Werdegang tun.

Er war Drago sehr dankbar, dass dieser ihm angeboten hatte, mit einem Schiff der Firma ins östliche Mittelmeer zu gehen, um dort in irgendwelchen Militärverwaltungen unterzukommen oder sonst irgendetwas Passendes im Staatsdienst zu finden.

Sollte das schwierig sein, hätte er auch im Auftrag der Firma sich vor Ort um Geschäfte kümmern können. Der Weizenhandel oder die Geschäfte mit fernen Länder hätten ihn reizen können, Äthiopien klang gut, aber auch Arabien, Indien und wie die sagenhaften Inseln darüber hinaus heißen mochten – die Schiffer, die bis dorthin fuhren, werden ihre Gründe gehabt haben, darüber nicht alles ihnen Bekannte zu erzählen.

In der Militärverwaltung von Alexandrien brachte man Markus zu einem der leitenden Offiziere, einem der Stellvertreter des Oberbefehlshabers, einem gewissen Lucius, der gerade anwesend und bereit war, mit ihm zu sprechen. Markus stellte sich vor, nannte auf entsprechende Fragen auch seinen Familiennamen, der natürlich bekannt war. Auch von seinem ‚Unglück‘ beziehungsweise dem des Vaters hatte man gehört, ohne ihm daraus direkt einen Vorwurf machen zu wollen – der Offizier dachte sich seinen Teil, während er Markus genauer betrachtete.

Vor ihm stand ein junger Mann, um die zwanzig Jahre alt, stattlich, aber nicht übermäßig groß, sportlich, seine Kleidung entsprach seinen Worten, dass er sich zum Patrizierstand rechnete.

Die Lage von Markus tat dem Lucius leid, aber er musste vorsichtig sein. Wer sich da zu stark engagierte, konnte selber in Verdacht geraten. Andrerseits: Tiberius war alt, lange würde er nicht mehr Kaiser bleiben. Niemand konnte wissen, was danach käme und was dann gelten würde. Dieser Markus Fabius konnte unter neuen Verhältnissen ein junger Mann mit besten Aufstiegschancen sein. Es schien Lucius klug, sich alles offen zu halten.

So fragte er ihn zuerst: „Wie steht es mit dem Geld? Brauchst du Unterstützung?“ Markus schüttelte den Kopf. Seine Mutter hatte ihn nach ihren Möglichkeiten versorgt, die Firma hatte das ihre dazugetan. Drago hatte veranlasst, dass man ihn als Vertreter der Firma mit gewissen Vollmachten ausgestattet hatte, darunter auch Verfügungsmöglichkeiten finanzieller Art.

„Danke, das ist erst einmal nicht nötig. Ich möchte mir zuerst einen gewissen Überblick verschaffen, welche Möglichkeiten bestehen, um mich zu betätigen. Der Militärdienst hat in meiner Familie Tradition, wir waren immer für Rom da, wenn man uns brauchte. Ich kann aber auch als Geschäftsmann leben, ich habe gute Beziehungen zu dem Handelsunternehmen ‚Drago’; wenn man mich anders nicht verwenden will, kann ich da einen Platz finden“.

„Das freut mich zu hören. Dann können wir darüber in Ruhe nachdenken, melde dich doch in den nächsten Tagen wieder hier. Du wirst von uns hören.“

In Rom hatte Markus bereits verabredet, dass er jeweils ein Quartier in den Häusern der Firma ‚Drago‘ bekommen würde. So nannte er dieses Haus in Alexandrien als seine hiesige Adresse, zu der er sich nun begab. Der Kapitän des Schiffes hatte sein Gepäck bereits dorthin bringen lassen.

Der Verwalter der Firma wusste, was er zu tun hatte. Die Briefe, die er mit dem Schiff bekam, das Markus nach Alexandrien brachte, waren unmissverständlich: Er hatte hier einen jungen Mann vor sich aus der Familie, der sein oberster Chef viel, wenn nicht alles, verdankte und die in der Vergangenheit bereits öfter ihre schützende Hand über ‚Drago’ gehalten hatte. Zwar würde sie zurzeit wenig helfen können, aber solche Zeiten würden sich schnell ändern. Schon bald konnte man in eine neue Lage kommen, ihre Klienten konnten dann wieder ernsthaft auf Unterstützung angewiesen sein. Der junge Mann würde ‚uneigennützige‘ Hilfe gerade in seiner damaligen Situation später hoch anrechnen und nicht vergessen.

So nahm er ihn freundlich auf, nicht ohne Angst, dass er in ihm hier in Alexandrien einen Konkurrenten oder gar Nachfolger, in jedem Fall aber doch wohl einen Kontrolleur, zu fürchten hätte.

Er erzählte ausführlich vom Stand der Geschäfte, indem er seinen persönlichen Einsatz für all die Erfolge der letzten Zeit hervorhob. Er wies daraufhin, wie riskant und gefährlich die Transporte auf dem Nil waren, dass aber die entsprechenden Schiffer in ihren Berichten oft auch heftig übertrieben, um ihren Gewinnanteil zu erhöhen.

Für diese Verhandlungen wären genaueste Kenntnisse der Verhältnisse die Voraussetzung dafür, dass man nicht betrogen würde oder den Gewinn der Firma zu sehr mindere. Ähnliches gelte für die Karawanen von Syene am Nil nach Berenike am Arabischen Golf (heute: das Rote Meer). Bis dahin ginge der Handel unter dem Schirm der Firma. Dort im Arabischen Golf aber wären Schiffer tätig, die auf eigene Rechnung Waren nach dem südlicheren Äthiopien (heute heißt das Ostafrika), nach Arabien und Indien brächten, vor allem aber Gold und Silber, mit dem sie dort Gewürze, Perlen und Sandelholz einkauften, das Sandelholz, das bei keiner anständigen Leichenverbrennung in Rom fehlen durfte – wegen des Geruches!

In Berenike am Arabischen Golf müsste man mit diesen Schiffern die entsprechenden Preise aushandeln. Sie brächten gelegentlich sogar Seide aus China, die sonst nur auf dem Landweg, über die Seidenstraße, nach Rom kam, wo der Transport wegen der vielen Kriege und kleineren Kämpfe so unsicher war. Auch dafür schien eine sehr große Erfahrung und Warenkenntnis unverzichtbar.

Auf Markus stürzte eine Fülle von Einzelheiten ein. Die großen Züge des Geschäfts waren ihm von Rom her, aus den Erzählungen von Drago, und seinen Mitarbeitern unterwegs auf dem Schiff vertraut. Die vielen Hemmnisse und Risiken – real oder auch ihm gegenüber übertrieben – verunsicherten ihn.

Wie weit war das nicht nur Seemannsgarn? Wie weit sollten solche Schauermärchen nicht nur den bestehenden Handel vor allzu großer Konkurrenz schützen, indem sie unternehmungslustige junge Leute abschreckten?

So konnte er die Behauptung kaum glauben, dass nur jedes zweite Schiff, das vom Arabischen Golf aus den Handel mit Indien versuchte, erfolgreich zurückkehren würde; jedes zweite bliebe ein Opfer der Seeräuber, die auf dem Hinweg das Geld und auf dem Rückweg die Waren rauben würden, die Besatzungen töteten oder in Ostasien oder im südlichen Äthiopien als Sklaven verkauften, die Schiffe versenkten oder in andere Meere entsandten, um mit der Beute im Arabischen Golf zu erscheinen und die Dinge ihrerseits den Römern zu verkaufen. So etwas kam sicher vor, aber wie weit war das typisch?

Andere erzählten, dass die Kapitäne, die zwischen dem Arabischen Golf und Indien unterwegs seien, selber abwechselnd als Händler und als Piraten in Erscheinung träten. Zuzutrauen war ihnen das alles, aber wer konnte hier, im sicheren Alexandrien, darüber genaue Kenntnisse haben?

Sicher war nur, dass auf solchen Fahrten sehr viel Geld verdient wurde, so dass dieser Handel immer die nötigen Interessenten gefunden haben dürfte.

2

Am nächsten Tag erschien bereits ein Bote der Militärverwaltung im Büro der Firma und fragte nach Markus. Der sollte sich doch umgehend melden.

Bei Lucius erfuhr Markus, dass man ihn mit dem nächsten Militärtransport nach Judäa schicken wollte, konkret nach Cäsarea, zu der dortigen Militärverwaltung. Dort würde man weitere Offiziere gut gebrauchen können, er hätte als Anwärter so eine passende Gelegenheit, den niederen Militärbetrieb dort kennen zu lernen und dann auch eine ihm angemessene Position zu finden. Da sei schon bisher nicht besonders viel los gewesen, reine Etappe, kriegerische Aktionen seien nicht absehbar, also ein ruhiger Posten.

„Bist du bereit, dich auf derartiges einzulassen?“

Markus war etwas enttäuscht. Er hatte gehört, dass es Pläne gab, den Handel mit Äthiopien militärisch zu schützen, den römischen Einfluss bis zu den unbekannten Quellen des Nil auszuweiten, Piraten zu bekämpfen oder ähnliches. Aelius Gallus hatte vor etwa 50 Jahren solch eine militärische Expedition bis ins südliche Arabien unternommen, ohne dass daraus bleibende Erfolge erwuchsen. Markus träumte davon, bei solchen Unternehmungen zu militärischem Ruhm oder zu Beute zu kommen – und dann Cäsarea?

Andrerseits, wer war er und was konnte man mit einem wie ihm machen? Er vermochte es sich sehr gut vorzustellen, wie man über ihn und das Schicksal seiner Familie nachgedacht hatte und dann schnell zu dem Schluss kam, ihn umgehend in einer verschlafenen Garnison zu verstecken – oder sollte man besser sagen: zu begraben?

Vielleicht war das aber auch objektiv richtig, so wie Drago ihn davor gewarnt hatte, sich in Italien oder im näheren Umfeld Roms zu betätigen. Das Ende der Welt war für einen Fabier wie ihn zu den Lebzeiten des Tiberius der sicherste Ort. Also akzeptierte er den Vorschlag.

Er würde so neue Menschen kennenlernen, vor allem aber das römische Militär mit seinen Eigenheiten. Wenn sich später Gelegenheiten ergeben würden, in größeren Aktionen aktiv zu werden, wären diese Grundkenntnisse eine wichtige Voraussetzung für weitere Erfolge.

Cäsarea würde seine Lehrzeit sein. Deshalb ließ er sich darauf ein.

Bereits am nächsten Tag sollte ein Versorgungsschiff von Alexandrien nach Cäsarea abgehen. Er bekam ein Schriftstück, einen ‚Marschbefehl‘, ausgehändigt, das ihn an Bord als römischen Militärangehörigen auswies und in dem er zu der Verwaltung in Cäsarea geschickt wurde.

Dem Leiter der Firmenvertretung fiel ein Stein vom Herzen, als Markus ihm von seiner neuen ‚Militärkarriere‘ erzählte. Er selber war nun wieder uneingeschränkt Herr in seinem Hause, er wünschte Markus aus vollem Herzen allerbesten und größten Erfolg auf dem neuen Weg.

Abends beim Wein wies er darauf hin, dass es auch über Palästina gewisse Karawanenwege gäbe. Von anderen Geschäftsleuten hätte er gehört, dass sie Waren aus Indien auf dem Landwege vom Persischen Golf her und aus Arabien bekämen. In der großen arabischen Wüste müsste es einige Oasen geben, die wohl nur wenigen Wüstenbewohnern bekannt seien. Wenn er, Markus, in Cäsarea oder sonst in Palästina davon Näheres in Erfahrung bringen könne, solle er doch dies weitergeben.

Markus versprach das.

3

Das „Versorgungsschiff“ erwies sich als flotte Triere, die bei günstigem Winde auch segelte, sonst aber jederzeit gerudert werden konnte. Beim Weg aus dem Hafen heraus und bei ähnlichen Manövern sparte man so viel Zeit.

Markus war von Ostia aus, dem Hafen Roms, auf einem plumpen Transporter der Firma an Sizilien vorbei zur afrikanischen Küste gesegelt, dort entlang bis nach Alexandrien. Man war fast nur in Sichtweite der Küste gefahren, abends vor Anker und morgens wieder in See gegangen. Das hatte eben seine Zeit gedauert, aber größere Risiken vermied man so, mögliche Schiffsverluste hätten die Firmenbilanz mehr getroffen als Zeitverluste.

Beim Militär und in der staatlichen Verwaltung rechnete man anders. Es konnte um große politische Entscheidungen gehen, militärische Siege oder Niederlagen, entsprechende Berichte über die politische oder ökonomische Entwicklung bestimmter Provinzen oder der Nachbarländer, so etwas musste unverzüglich nach Rom und zu den entsprechenden Verwaltungszentren gebracht werden können.

Das gleiche galt für ungeduldige Herren – Frauen hatten sich meist zu gedulden, Cleopatra dürfte als die Ausnahme gegolten haben, die die Regel bestätigte! -, Menschen wie Cäsar wollten nicht unnötig warten oder vom Wetter abhängig sein.

Wenn das Segeln zu langsam ging, wenn der Wind nicht oder nicht richtig wehen wollte, musste eben gerudert werden, mal von Freiwilligen, guten Römern im staatlichen Interesse, oft aber auch von Sklaven, bestraften Kriminellen oder Kriegsgefangenen.

In der römischen Marine gab es natürlich auch die kleinen ‚Cäsaren’, die ihre Bedeutung damit unterstreichen mussten, dass sie Menschen dazu brachten, die Launen des Wetters mit ihrer Körperkraft zu überwinden.

Markus stellte sich dem Kommandanten vor, der ihn schon erwartete. Sonst gab es keine weiteren Passagiere, es handelte sich um eine Routine- beziehungsweise Patrouillenfahrt, die in gewissen Abständen die Verbindungen unter den Militärstützpunkten hielt, indem man so die nötigen Informationen weiterleitete.

Dabei ging es auch um die Einsatzfähigkeit der Trieren, die in Alexandria stationiert waren und samt ihren Mannschaften nicht nur im Hafen verrotten sollten. Wie all den anderen Abschnitten des Mittelmeers tat es diesen Küsten hier im römischen Interesse sicher sehr gut, dass sich dort regelmäßig römische Trieren sehen ließen.

Das Piratenunwesen entwickelte sich jeweils schnell, wenn sich dafür die entsprechenden Räume ergaben. Das wusste der Kapitän und versuchte, solche Entwicklungen zu verhindern. So lauteten seine Befehle.

Er kontrollierte einigermaßen gründlich die Mündungsarme des Nildeltas, lud hier etwas aus, nahm dort einiges mit. Die Mannschaft bekam viel Gelegenheit, das Rudern zu trainieren. Die ungegliederte Nord-Küste der Sinaihalbinsel wurde schnell passiert, die Häfen im Süden Palästinas blieben an Steuerbord unberücksichtigt. Bald geriet Cäsarea in Sicht.

Wenn der Dienst es zuließ, setzte sich der Kapitän zu seinem Gast und erzählte von früheren Abenteuern. Man saß mit dem einen oder anderen Becher beisammen, und Markus staunte, was der Kapitän zu erzählen wusste:

„Ich stamme aus Ligurien, aus dem Land in Norditalien, das an Gallien grenzt. Meine Familie bewohnte ein kleines Dorf am Meer, bei uns bestimmt die Seefahrt das Leben. Ich war gerade einigermaßen erwachsen, wahrscheinlich so etwa in deinem Alter, als mich ein Onkel ansprach, der eine Gruppe junger Leute um sich sammelte, mit denen er nach Indien fahren wollte, um dort ungemessene Reichtümer zu sammeln. Wir fuhren hierher nach Ägypten, verkauften unser Schiff und nahmen ein anderes, das uns den Nil hinauf brachte bis nach Syene. Von dort zogen wir über Land nach Berenike, einem Hafen am Arabischen Golf. Hier kaufte der Onkel einem Kapitän, der aus Indien zurückgekommen war, dessen Schiff ab, rüstete es entsprechend wieder aus, und wir gingen auf große Fahrt. Der Kapitän, der uns das Schiff überließ, sagte, dass er sehr gute Geschäfte gemacht hatte und sich nun zur Ruhe setzen wollte. Seine Besatzung war bereits mit anderen Schiffen wieder weggefahren, uns blieben nur zwei seiner Leute, die eigentlich nicht noch einmal in diese Gegenden fahren wollten – sie hatten zu viel dort erlebt und warnten uns immer wieder vor den verschiedensten Gefahren. Aber wir glaubten ihnen nicht, dachten, dass die nur übertreiben, um sich wichtig zu machen. Eine erste Station unserer Reise war Musa, auf der arabischen Halbinsel, kurz bevor man den Arabischen Golf verlässt, dann Adana, von wo aus man in den indischen Ozean fährt. Soweit ging die Fahrt noch nach unseren Erwartungen.

Von da aus fährt man an der arabischen Küste entlang, von wo Piraten drohen, die aber auch von Äthiopien her kommen können. Wir dachten, dass wir diese Küste so passieren, dass wir weit genug entfernt bleiben, dass wir das Ufer gerade noch ahnen können, dass man uns aber von da aus nicht wahrnehmen kann. Nachts bei Dunkelheit haben wir uns mehr nach Steuerbord von der Küste weg gehalten und uns am Morgen wieder entsprechend nach Backbord gehalten, bis wir das Land wieder sehen konnten.

Das ging auch erst gut, aber dann kamen Unwetter, und wir verloren unsere Orientierung. Eines Morgens, als es hell wurde, sind wir beinahe auf Felsen gelaufen, so nahe waren wir der Küste gekommen. Während wir noch versuchten uns frei zu manövrieren, kamen aus irgendwelchen Buchten etliche kleine, sehr wendige und sehr schnelle Schiffe auf uns zu, denen wir nicht entkommen konnten. Wir griffen zu unseren Waffen, um uns angemessen zu wehren. Aber die Piraten waren so viele und kamen von allen Seiten zugleich, dass wir keine echte Chance mehr hatten. Die meisten von uns kamen im Kampf zu Tode. Ich stolperte und fiel, als ich meinem Onkel beispringen wollte. Sofort warfen sich vier oder fünf Angreifer auf mich, nahmen mir mein Schwert ab und fesselten mich. Mit fünf anderen, darunter die beiden der ursprünglichen Besatzung, kam ich an Land. Die beiden erzählten, dass ihnen bereits ähnliches geschehen sei, wir müssten damit rechnen, in die Sklaverei verkauft zu werden. Sie hatten damals Glück gehabt, dass sie ein römischer Kaufman als Sklaven kaufte und sie auf seinem Schiff als Matrosen arbeiten ließ, so dass sie wieder frei gekommen waren.“

Markus unterbrach die Erzählung: „Sind die römischen Kapitäne so menschenfreundlich, dass sie ihr Geld zum Freikauf versklavter Römer ausgeben? Das hätte ich solch einem Manne gar nicht zugetraut.“

„Nein, das ist wohl eher die Ausnahme. Aber wenn ich mich recht erinnere, sagten die beiden, dass der Kapitän, der sie freikaufte, einen großen Teil seiner Mannschaft durch eine Krankheit verloren hatte, irgendein Fieber oder dergleichen. Das kommt wohl in Indien und den fernen Inseln dort häufiger vor. Er brauchte dringend Leute, um sein Schiff zurückbringen zu können. Da nahm er natürlich gerne solche Männer, die wenigstens seine Sprache verstanden.“

Nach einer kleinen Pause fuhr der Kapitän mit seiner Erzählung fort:

„Auf einem Sklavenmarkt bot man uns dann an, mich kaufte ein Afrikaner, der mit seinem Schiff an der afrikanischen Küste Handel trieb und mich als Seemann verwendete. Wenn wir in einem Hafen kamen, schloss man mich weg oder fesselte mich, aber auf See war ich einigermaßen frei und musste hart arbeiten – genauso, wie ich es vom Schiff meines Onkels kannte. Ich lernte die Küsten Afrikas und Arabiens kennen, das ging so wenigstens zwei Jahre.“

„Und wie bist du da wieder herausgekommen? Hat man dich weiterverkauft?“

„Nein, das war anders. Auch dieses Schiff kam eines Tages in einen heftigen Sturm, wir wollten eigentlich an der arabischen Küste landen, aber wenn der Wind und der Sturm uns auf das Land drücken, dann ist das sehr gefährlich. Wir Seeleute tun dann alles, um vom Lande wegzubleiben. Solange die Takelage hielt, sah das erfolgreich aus, aber irgendwann brachen einige Taue, der obere Teil des Mastes flog weg, das kleine Sturmsegel, das daran hing, natürlich auch, und wir trieben nur noch auf die Klippen. Dabei hatten wir Glück im Unglück, dass wir wohl einige Felsen kratzten, aber zwischen ihnen in eine Bucht trieben, die ruhigeres Wasser bot und in der zufällig drei römische Schiffe Zuflucht gesucht hatten, die dort ankerten, ein größeres und zwei kleinere.

Das heißt die Bezeichnung ‚römisch‘ ist da natürlich so eine Sache. Das einzige ‚Römische‘ an diesen Schiffen war wohl ihr Wunsch oder Bemühen, in Berenike, Myus Hormus oder einem anderen der römischen Häfen im Arabischen Golf mit den Hafenbehörden und den römischen Handelshäusern in seriöse Beziehungen zu treten, also mehr sein zu wollen, als irgendwelche Piraten. Einer der Kapitäne stammt aus dem griechischen Süditalien oder aus Sizilien, der zweite von den griechischen Inseln und der dritte war wohl Syrophönizier, vielleicht aus Sidon oder Tyrus. Entsprechend bunt waren die Besatzungen, man sprach dort natürlich kein Latein, sondern das Koine-Griechisch.

Unser Schiff war nur noch ein Wrack, lief durch die Beschädigungen, die uns die Berührungen mit den Felsen verschafft hatten, mehr und mehr voll, und die Wellen spülten es auf den Strand. Ich winkte den Menschen auf den römischen Schiffen zu, die uns sehr aufmerksam beobachteten, sprang ins Wasser und schwamm an Land und versteckte mich sofort hinter Felsen und etlichem Gestrüpp, dass die anderen Überlebenden mich nicht gleich wieder festnehmen konnten. Auf dem römischen Schiffen hatte man – unabhängig von meinem Winken -sofort Boote zu Wasser gelassen, von denen aus man die schwimmenden Menschen aufnahm, aber auch die einfing, die bereits an Land gekommen waren - man sah offensichtlich, dass die mich zu verfolgen suchten und kam mir zu Hilfe. Es ging ihnen natürlich nicht nur darum, mich zu retten, sondern man machte nur zu gerne die Afrikaner zu Sklaven und holte noch einiges an Waren aus dem angetriebenen Wrack.

Sie waren auf der Rückreise von Indien, hatten dort gute Geschäfte gemacht und sich aus verständlichen Gründen zu einem kleinen Konvoi zusammengeschlossen und wegen des Sturms hier in der Bucht Schutz gesucht. Da die drei Besatzungen zusammen mehr als hundert Mann waren, konnten zufällige Kontakte mit der lokalen Bevölkerung ihnen nicht besonders gefährlich werden.“

Markus unterbrach die Erzählung erneut mit einer Frage: „Woher wusstest du, dass die dich nicht auch wieder versklaven würden?“

„Ich wusste das natürlich nicht, aber die fremden Schiffe ließen mich hoffen, dass ich von dort Hilfe bekommen könnte, und so kam es dann ja auch. So unterschiedlich die Menschen dieser Besatzungen auch sind, gemeinsam ist ihnen die Angst, bei ihrer gefährlichen Reise selber in die Sklaverei zu geraten. Wenn sie also auf einen Menschen treffen mit diesem Schicksal, dann ist es selbstverständlich, ihn zu befreien, ihn wieder zu einem freien Seemann zu machen. Die drei Kapitäne waren nicht böse, den zusätzlichen Gewinn, der sich aus dem späteren Verkauf der Sklaven und der erbeuteten Waren ergab, mitzunehmen. Sie hatten dann noch Diskussionen über die Aufteilung, einigten sich aber doch schnell, da sie nach der Besserung des Wetters auch umgehend weiter wollten, ehe irgendwelche Piraten auf sie aufmerksam würden und sich gegen sie zusammenrotten könnten.

Ich bekam so nicht nur meine Freiheit und die Rückreise in mein früheres Leben, sondern auch noch einen bescheidenen Gewinnanteil an dieser zusätzlichen Beute. Aber von den anderen Überlebenden aus der Mannschaft des Schiffes meines Onkels habe ich nie wieder etwas gehört.

Ich blieb dann im römischen Bereich von Afrika, also in Ägypten, habe mehrere Fahrten den Nil in beiden Richtungen mitgemacht, zuerst auf Frachtschiffen, später im Militärdienst. Zum Militär hatte man mich geholt, weil ich den Strom kannte und vor einigen Überraschungen warnen konnte.

Ein militärisches Unternehmen führte über die berüchtigten Stromschnellen hinaus weit nach Süden. Dabei haben wir Meroe, eine der äthiopischen Hauptstädte, erobert, viel Beute in die Hand bekommen, Sklaven gemacht und in den Verträgen, die sich daran schlossen, dem römischen Nilhandel große Privilegien verschafft.“

Der Kapitän erzählte auch von den Gerüchten über die Seefahrt nach Indien und darüber hinaus. Er selber war bis dorthin noch nicht gekommen, hatte wohl auch die Lust verloren, dort weitere Abenteuer zu erleben. Aber er hatte gute Kontakte zu Menschen, die dort gewesen waren. Vieles bestätigte sich für Markus von dem, was er in Alexandrien gehört hatte.

In der Marine gab es offensichtlich eine Gruppe, die gerne eine Aktion mit bewaffneten Kräften vom Arabischen Golf aus nach Arabien unternommen hätte. Ihr Wunsch war es einerseits, dass der römische Einfluss dort zur Herrschaft käme. Viel zu viel Gold und Silber wendete man in Arabien auf, um die Perlen, das Sandelholz und die Gewürze auf den römischen Märkten zu handeln. Andrerseits versprach man sich von solcher Aktion neben dem Abenteuer auch reiche Beute für alle Beteiligten, ein besseres Leben als auf solchen Patrouillenfahrten.

Aber die höheren Offiziere, die darüber zu entscheiden hatten, sorgten sich wohl nicht nur um die Kosten eines derartigen Unternehmens, sondern auch um die Erfolgsaussichten. Was geschähe im Falle eines großen Debakels? So wie es Varus in Germanien getroffen hatte? Bräche dann hier der ganze Handel zusammen? Auch wenn Perlen und Sandelholz in Rom teuer waren, bekamen die Herrschenden und die Reichen doch, was sie brauchten. Wer hätte schon garantieren können, dass durch solche Unternehmen die Preise wirklich sinken würden?

Das sind die Dinge, die hier diskutiert wurden.

In Cäsarea verabschiedete sich Markus herzlich vom Kapitän, dankte ihm und seiner Mannschaft und wünschte ihm eine problemlose Zeit bei seiner Patrouille. Ein späteres Wiedersehen schien nicht ausgeschlossen.

4

Hier in Cäsarea war man über das Erscheinen von Markus erstaunt.

Als er sich in der Verwaltung meldete, erfuhr er, dass Cäsarea zu Syrien gehörte, also von Antiochien betreut wurde, nicht von Alexandrien.

Hatte man in Alexandrien ein ‚heißes Eisen‘ schnell weitergegeben, ehe man sich daran die Finger verbrannte?

Da man in Cäsarea aber durchaus Offiziersnachwuchs brauchen konnte, akzeptierte man ihn. Hierher meldete sich nicht so schnell jemand freiwillig, und in Antiochien hatte man noch andere Garnisonen zu betreuen. Diese Situation hatte man in Alexandrien offensichtlich richtig eingeschätzt.

Markus stellte sich allgemein vor, und man brachte ihn dann mit einem der Offiziere, mit Gaius Septimus, in ein längeres Gespräch. Markus hielt das anfangs für Zufall, er merkte aber bald, dass hier wohl Absichten dahintersteckten.

Gaius war der älteste der hiesigen Offiziere, vom Lebensalter her – er mochte wenigstens vierzig Jahre alt sein -, aber wohl auch vom Dienstalter. Von allen Offizieren war er am längsten in dieser Garnison, das machten seine ersten Worte deutlich.

Trotz seines Alters wirkte er sportlich, durchtrainiert, ohne Bauch, in tadelloser Haltung. Sein Äußeres erschien gepflegt, die Haare, der Bart, die ganze Kleidung: Hier repräsentierte ein Offizier die Macht Roms und seinen Anspruch auf erste Bedeutung. Das sollte jeder mit einem Blick erkennen können.

Als Markus seinen vollen Namen nannte, zuckte Gaius kurz und unterdrückte mühsam ein Lächeln, der Hintergrund der Angelegenheit erschien ihm klar.

„Bist du verwandt mit Gaius Fabius?“, er nannte mit deutlicher Zurückhaltung den Namen des Vaters.

Markus: „Das war mein Vater.“

„Dennoch willkommen in Cäsarea. Sippenhaft ist mir fremd, außerdem, soweit ich weiß, hatte man dem Vater offiziell doch nichts vorgeworfen.“

Gaius fragte nach den Ereignissen in Alexandrien und nach den Absichten von Markus. Dieser gab einigermaßen ausführlich Bericht, erwähnte auch seine Beziehungen zur Firma ‚Drago’, dass er sich aber doch entschlossen hatte, Rom zu dienen und deshalb das Angebot angenommen hatte, nach Cäsarea zu gehen, um den Militärdienst kennen und schätzen zu lernen.

Gaius riet ihm, das alles sehr ruhig angehen zu lassen. Er sollte sich zuerst mit der Situation der Römer hier in Judäa vertraut machen.

„Es gibt hier im näheren Umfeld keine andere Militärmacht, die die römische Herrschaft gefährden könnte. In Ägypten kämen da vielleicht die Äthiopier oder irgendwelche Reitervölker aus der Steppe oder Wüste infrage, die überraschend irgendwelche Städte überfallen oder ausrauben, in Syrien sind immer wieder die Parther von jenseits des Euphrat aktiv, im Norden Armenier oder andere Kaukasusvölker, aber hier in Judäa ist diesbezüglich nichts zu befürchten. Die nächsten größeren fremden Mächte finden sich in Arabien oder Mesopotamien, die sind aber von Judäa durch einen Wüstenstreifen getrennt, der so viele Tagesreisen breit ist, fast völlig ohne Trinkwasser, dass er für größere Heere unpassierbar ist. Man hört zwar immer wieder, dass einzelne Karawanen über versteckte Oasen die Wüste durchqueren, aber für eine größere Zahl von Menschen und Tieren gibt es eben zu wenig Wasser.

Hier kommen jedoch trotz dieser ideal klingenden Situation immer wieder Menschen zu Tode, nicht zuletzt auch römische Offiziere, die Garnison hat immer wieder erhebliche Ausfälle.

Das liegt an den Menschen, die hier wohnen. Es ist das Volk der Juden, die Judäa bevölkern. Sie haben ihre eigene Religion, an der viele von ihnen streng festhalten. Sie haben eine Geschichte von mehr als tausend Jahren, in der sie je und je um ihre Unabhängigkeit gekämpft haben. Da sie untereinander meist ziemlich zerstritten waren und sind, ist es einerseits leicht, über sie eine Oberherrschaft zu erringen. Damit hatte der große Pompeius nicht viel Mühe, als er Judäa Rom unterwarf.

Aber es ist schwer, unter dieser Oberherrschaft wirklichen Frieden zu halten. Es rotten sich regelmäßig einzelne oft verhältnismäßig kleine Gruppen zusammen, die gegen einander und gegen die Römer mit dem Dolch und ähnlichen Waffen einen hinterhältigen Kleinkrieg führen. Ich warne hier jeden, der neu im Lande ankommt, so auch dich.

Meide im Dunkeln enge Gassen und unübersichtliches Gelände, geh nicht allein aus, bleib abends lieber in der Kaserne!“

Hier konnte sich Markus nicht mehr zurückhalten, er unterbrach die lange Rede: „Aber wir haben doch unsere Waffen, wir haben doch seit Kindesbeinen geübt, damit umzugehen. Wenn ich mein Schwert dabei habe, fürchte ich doch keinen Zweikampf!“

„Wenn Du damit wirklich gut bist – umso besser. Aber hier saß schon mancher junge Mann wie du, mit ähnlichem Selbstvertrauen. Wir fanden ihn dann eines Tages mit einem Dolch im Rücken oder mit durchgeschnittener Kehle, und er konnte niemandem mehr erzählen, welche Terroristen ihm das angetan hatten. Sei lieber vorsichtig!

Und noch eine Warnung vor den Gefahren der jüdischen Terroristen: Zu der Kaserne gehört natürlich auch ein Bordell. Wie Du dich dazu stellst, ist deine Angelegenheit. Das interessiert mich nur insoweit, als dass da Frauen und Mädchen hier aus dem Lande sind. Mit wem die alles reden, wem die alles Dinge weitererzählen, die sie hier mitbekommen, das kann man nur vermuten. Auch in der Sache rate ich zur Vorsicht. Wir gehen davon aus, dass diese Frauen mit den Terroristen in Verbindung stehen.“

Nach einer Pause fuhr Gaius Septimus fort: „Du trägst ja noch die Kleidung des Standes der Patrizier, nicht die der Legion. Es dürfte ratsam sein, dass du das vorläufig beibehältst. Dass die Terroristen die jungen Offiziere besonders gerne umbringen, liegt auf der Hand. In deiner jetzigen Kleidung hält man dich vielleicht für einen Mitarbeiter der Verwaltung, der Statistik oder der Baubehörde. Gegen den Bau von Wasserleitungen oder von Theatern hat man weniger einzuwenden, obwohl die orthodoxen Juden, die besonders Strenggläubigen, dies als Ausdruck einer unjüdischen Kultur ebenfalls ablehnen dürften. Aber die Terroristen mit ihren Dolchen sind meist nicht religiös orthodox, sondern nationalistisch, sie haben mehr militärische Interessen, weniger religiöse.“

Markus kam wieder zu Wort: „Das klingt ja einigermaßen schauerlich. Darf ich fragen, was wir dagegen tun? Was ist deine Aufgabe, womit hast du dich in allen deinen Jahren hier beschäftigt?“

„Du hast bestimmt noch vieles beim Militär zu lernen. Trotzdem weißt du sicher, dass es in allen Garnisonen nicht nur Soldaten und Offiziere gibt, sondern auch Menschen, die in Streitfällen für Ruhe und Ordnung sorgen, nach innen wie die Liktoren oder Prätorianer, als Militärpolizei. Aber auch nach außen ist dies nötig. Alle Legionen haben auch einen Sicherheitsdienst. Hier bei uns bin ich unter anderem damit beauftragt. Alle Offiziere und Soldaten, die bei Außenkontakten von Dingen erfahren, die die allgemeine Sicherheit betreffen, melden das mir oder meinen Mitarbeitern. Darüber hinaus kenne ich viele Menschen im Land. Ich tue ihnen gelegentlich den einen oder anderen Gefallen, so dass sie sich bei anderer Gelegenheit zu revanchieren suchen. Dabei erfährt man so manches, über das sonst nicht gesprochen wird. Das ist der Grund, warum ich so lange hier auf diesem Posten bin. Diese vielen Kontakte konnte ich nur über lange Jahre knüpfen. Wenn man mich versetzen würde, nützte das einem Nachfolger nur wenig. Er müsste im Prinzip wieder von vorne anfangen.

Wenn Du hier bleibst und dich nützlich machen willst, würde ich mich freuen, wenn du enger mit mir zusammenarbeiten würdest. Dabei kann es nur nützen, wenn nicht jeder gleich erkennt, dass du römischer Offizier bist, bleib also zuerst so, wie du hier angekommen bist. Du wohnst natürlich in der Kaserne. Das wäre ohne Gefahr sonst nur in einer der größeren römischen Villen in unmittelbarer Nachbarschaft möglich. Den Aufwand, solch ein Haus einzurichten, kannst du später immer noch treiben. Hier bist du jedenfalls sicherer.“

Nach einer Pause: „Du kannst dabei natürlich auch für deine Firma tätig sein. Nach außen kann man verbreiten, dass du als Geschäftsmann entsprechende Kontakte suchst. Vielleicht ergibt sich daraus nicht nur für dich, sondern auch für uns das Eine oder Andere.

Zuerst musst du dich hier mit den neuen Verhältnissen vertraut machen. Da der Prokurator, der Statthalter, sich gerade in Jerusalem aufhält, wirst du ihn erst in den nächsten Tagen kennenlernen. Ich werde ihn bitten, dich mir und meiner Abteilung zuzuteilen.

Du solltest dich vorläufig jeden Vormittag für eine gute Stunde hier einfinden, damit ich dich mit den Besonderheiten unserer hiesigen Arbeit vertrauter machen kann. Dabei wirst du einiges erfahren, was andernorts vielleicht unbekannt ist und auch bleiben soll. Ich bitte also für unsere Gespräche um Diskretion. Dein weiterer Erfolg in Cäsarea wird davon abhängen, wie weit dir das gelingt.“

Markus verließ den Raum nach einer Verabschiedung. Unterschiedliche Gefühle drangen auf ihn ein. Zunächst erlebte er dies Gespräch als eine Einweisung, ein Verfügen über ihn und sein Leben, ohne dass man ihn ernsthaft gefragt hatte, ob er das seinerseits wollte und ob er dazu bereit sei. Ihm wurde klar, dass er, wenn er ernsthafte Bedenken geäußert hätte, sich heraushalten könnte, vermutlich auch jetzt noch.

Aber war er nicht auf das Angebot in Alexandrien eingegangen, weil er Rom dienen wollte? Wollte er nicht die besondere Situation des römischen Militärs als Besatzungsmacht in einem fremden, durchaus widerspenstigen Lande kennenlernen? War er nicht auch neugierig auf Abenteuer und Ruhm?

Außerdem: Wer war er, dass er Ansprüche erheben könnte? Zwar entstammte er einer Familie aus dem Patrizier-Stand, aber sein Vater war vor einiger Zeit unter dubiosen Umständen zu Tode gekommen, mehr oder weniger tief verwickelt in kaiserfeindliche und damit staatsfeindliche Aktivitäten. Er stand in Zusammenhang mit Vorwürfen wie Hochverrat. Dass davon einiges an den Familienmitgliedern, zumindest am einzigen Sohne ‚hängen bleiben‘ würde, lag auf der Hand.

Gaius Septimus war offensichtlich der Stellvertreter des Statthalters. Während diese meist nach zwei oder drei Jahren wechselten, blieb er über die Zeit. Bei dem jeweiligen Statthalter lag die Entscheidung, die Verantwortung dafür auch nach außen, aber der Stellvertreter war der kompetente Ratgeber, er schlug nur allzu oft vor, was zu geschehen hatte. Er war hier also wohl der wichtigste Mann. Dem widersprach man nicht folgenlos, mit dem stand man sich am besten gut.

5

Der Kasernenkomplex in Cäsarea bildete ein unregelmäßiges Viereck, diverse Gebäude und Anbauten gruppierten sich ohne eindeutig erkennbares Konzept um ein Zentrum, das im Wesentlichen das Prätorium, den Empfangssaal des Statthalters enthielt. Was oder wen er dort einigermaßen repräsentativ empfangen wollte oder sollte, blieb für Markus vorläufig verborgen. Daneben lagen Büroräume der Verwaltung, Aufenthaltsräume der Offiziere, aber auch ein Quästorium, die Finanzverwaltung.

Dazu gehörte weiterhin ein längerer Trakt mit Mannschaftsquartieren einschließlich der besonderen Räume der Centurios, weiterhin neben der Wohnung des Statthalters Unterbringungsmöglichkeiten für höhere Offiziere. Da die von ihnen, die hier länger dienten, mit ihren Familien in der Nähe eigene Villen bewohnten, waren das wohl vor allem Gästezimmer. Eins davon hatte man Markus überlassen.

Weiterhin gab es eine größere Küche, einen Krankenpflegebereich und natürlich einen Tempel, ein Raum für religiöse Zeremonien. Hier stand unter anderem ein Kaiserbild, dem man Trankopfer darbrachte und damit zugleich bedingungslose Treue schwor.

Einige der Gebäude waren mehrstöckig, einige unterkellert. Da gab es dann auch Magazine aller Art, Waffenkammern, Räume für Lebensmittel, Ausrüstungsgegenstände für mehrtägige Aktionen und Manöver überall im Lande, also Zelte, Sättel, Schanzzeug, Belagerungsgerät und vieles mehr.

In seinem Zimmer angekommen, fand Markus dort nicht nur sein komplettes Gepäck, das von der Triere hier her geliefert worden war, es kümmerte sich auch bereits ein Legionär darum, das alles auszupacken und in einen Schrank zu verstauen. Man machte sich bekannt.

Gero war für den neuen Offizier abgestellt worden. Er diente schon länger als zehn Jahre in der Legion, stammte aus Gallien, wo die Legion früher stationiert gewesen war, dort hatte er sich anwerben lassen. Er war zeitweilig einer der Centurios gewesen, dann aber wegen einiger Verstöße gegen die Disziplin zum einfachen Legionär zurückgestuft worden. Er kannte den Militärbetrieb gründlich aus unterschiedlichen Perspektiven und war nun nicht böse, als persönlicher ‚Bursche‘ eines Offiziers eine interessantere und weniger anstrengende Tätigkeit wahrzunehmen.

Markus war es durchaus recht, jemanden fragen zu können, der zumindest vorerst hier alles und jeden besser kannte als er selber.

So erfuhr Markus, dass hier in Cäsarea immer nur ein kleiner Teil der Legion als Garnison stationiert war. Ein kampfkräftiger Teil lag immer in Jerusalem, der Hauptstadt Judäas, die zugleich mit dem Tempel das religiöse Zentrum der Juden darstellte; und zwar nicht nur der Juden Judäas; Juden gab es im ganzen Römischen Reich, aber auch zum Beispiel in Babylon. Während sie hier allermeist aramäisch sprachen, die Sprache Syriens, so gab es daneben eine große Zahl griechisch sprechender Juden aus Alexandrien, aus Kleinasien, eben aus der ganzen hellenistischen Welt, die dennoch in Jerusalem ihr religiöses Zentrum sahen, zu dem sie bei den verschiedensten Gelegenheiten gerne wallfahren wollten. So traten bisher in und um Jerusalem auch immer wieder religiöse Bewegungen in Erscheinung, die zu Unruhen führten, die römische Soldaten mit harter Hand niederschlagen mussten.

Gero selber war vor einigen Jahren bei einer solchen Unruhe unter den Pilgern zum jüdischen Passahfest, das in jedem Frühjahr gefeiert wurde, eingesetzt worden. Ein bis dahin ziemlich unbekannter Wanderprediger – Gero erinnerte sich seines Namens als eines ‚Chrestos’ – trat dort öffentlich in Erscheinung, nannte sich ‚König der Juden’, zugleich auch ‚Gottes Sohn’ und wurde deshalb von den orthodoxen Juden als Gotteslästerer verfolgt. Sie verurteilten ihn zum Tode und bedrängten den damaligen römischen Statthalter, ihn hinrichten zu lassen, was dieser dann auch trotz einiger Bedenken tat, da solch ein politischer Anspruch, König zu sein, der römischen Herrschaft Konkurrenz zu machen drohte.

Man kreuzigte Chrestos, wie es die Römer mit allen ‚Terroristen‘ zu tun pflegten. Gero wies daraufhin, dass es bei seiner Beerdigung zu einigen Ungereimtheiten gekommen wäre: Man hatte seinen Leichnam noch am Tage der Kreuzigung provisorisch in ein Felsengrab gelegt, das dann später, als eine Beerdigung der ortsüblichen Art folgen sollte, als leer vorgefunden worden sein soll – nichts Genaues könnte man darüber nicht wissen.