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Der Verfasser veröffentlicht hier ein Manuskript eines kaiserlichen Offiziers. Der Leutnant zur See setzt sich mit den letzten 150 Jahren deutscher Geschichte auseinander. Ihn prägen die Ereignisse des 1.Weltkriegs. Die verschlagen ihn nach Chile. Er bleibt mit Deutschland in Verbindung, sieht Nazi-Deutschland von außen und beschäftigt sich als Christ mit Fragen der Schuld. Er wendet sich an seinen Großneffen, und vermittelt ihm - und anderen Lesern - ein sehr freies Bild von Deutschland, besonders in den Jahren 1914 – 18, 1933 – 45, 1968, 1989.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2014
Ulrich Krumin
legt hier seinen zweiten historischen Roman vor.
Er sieht das als einen Beitrag zu der laufenden Diskussion zum hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs.
Er übt deutliche Kritik an den damals Verantwortlichen: Die Erinnerungen eines kaiserlichen Offiziers schildern die Betroffenheit, die schicksalshafte Verstrickung und die Versuche, sich daraus zu befreien.
Kolonien, Südsee, Chile, Nazi-Deutschland von außen, 1968, 1989 … - Stationen deutscher Geschichte der letzten hundert Jahre.
Ulrich Krumin hat im selben Verlag auch seinen ersten Roman veröffentlicht:
Die Konferenz
oder Wie Markus zu seinem Evangelium kam
Ich glaube nicht, dass Preußen sich zur Bildung einer Kriegsmarine entschließen darf. Mehrere Staaten Europas, England, Frankreich, Spanien, Dänemark, Russland haben große Flotten. Da wir ihnen nie gleichkommen können, wäre die Ausgabe unnütz.
Zudem müssten wir der Kosten wegen Landtruppen entlassen.
Und außerdem führen Seeschlachten nur selten eine Entscheidung herbei.
Friedrich II. von Preußen in einem seiner Testamente
Ulrich Krumin
SMS Münster
Ein Marine-Offizier erinnert sich
Hundert Jahre 1. Weltkrieg
Historischer Roman
© 2014 Ulrich Krumin
Mitwirkende: Alla Bulgakova
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
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1
Vor einiger Zeit bekam ich ein Manuskript in die Hände.
Das gab mir Karin, die Frau meines verstorbenen Freundes Stefan. Stefan und ich kannten uns seit unserer Studentenzeit und blieben über Jahrzehnte verbunden.
Eines Tages stellte man bei ihm eine schwere Krankheit fest. Er kämpfte lange dagegen an, verstarb aber schließlich im Jahre 2003.
Ich bin Pfarrer im Ruhestand. So bat mich seine Frau, mich um die Beerdigung zu kümmern. Kurz vor seinem Tode hatte ihr Stefan dazu geraten.
In den sechziger Jahren studierten wir beide in Westberlin, er an der FU, also an der Freien Universität, Germanistik, ich Theologie an der Kiho, wie wir als Studenten von unserer Kirchlichen Hochschule redeten.
Ich erinnere mich noch genau an unseren ersten gemeinsamen Abend. Das war am 22. November 1963. Der Philosoph Professor Weisschädel und der Theologe Professor Gollwitzer wechselten sich ab bei einer Vorlesungsreihe über philosophisch-theologische Fragen.
Am Ende der Vorlesung dieses Tages gab ein Sprecher bekannt, dass der amerikanische Präsident Kennedy gerade ermordet worden war.
Kennedy hatte wenige Wochen zuvor Westberlin besucht. Das war von den Medien stark beachtet worden („Ich bin ein Berliner“).
Die Hörer dieses Abends waren tief erschüttert. Statt gleich nach Hause zu gehen, setzten sich manche noch in ein Lokal, um den unbegreiflichen Gegensatz zu diskutieren, den Gegensatz zwischen geistvollen, klugen Abwägungen philosophisch-moraltheologischer Art auf der einen Seite und dagegen das reale, brutale Zeitgeschehen.
Was vermögen durchdachte und sorgfältig abgewogene politische Thesen gegen eine Gewalttat, die aus den Läufen irgendwelcher Scharfschützen-Gewehre kommt?
Bereits Stefans erste Äußerungen machten mir ihn sympathisch.
Ich verwende hier nur den Vornamen, den wir damals untereinander gebrauchten. Wir waren die mehr oder weniger typischen 68er, voller Kritik an den Zuständen, die wir vorfanden. Wir wollten uns in unserem Leben einsetzen für bessere, vor allem gerechtere Zeiten.
Wenn man nicht im SDS Mitglied war, so kannte man doch Kommilitonen, für die das zutraf. Auch andere studentische Organisationen stimmten damals der Parole zu „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“.
Ich wurde später Gemeindepfarrer in Westberlin, mein Freund Journalist in unterschiedlichen Arbeitsbereichen, zuletzt bei einer Zeitung, die auf ihre bürgerliche Zuordnung großen Wert legt. Stefan war in allen Jahren seiner journalistischen Tätigkeit immer sehr vorsichtig darin, das zu veröffentlichen, was ihn in irgendwelche „linken“ Missverständnisse hätte bringen können.
Während ich jahrelang neben der „FAZ“ und dem „Tagesspiegel“ zu meiner besseren Information auch die „Wahrheit“, die Tageszeitung der Westberliner SEW, also das Organ der Westberliner kommunistischer Partei, abonniert hatte, traute Stefan sich nicht, gelegentlich ein „Neues Deutschland“ oder ähnliches in die Hand zu nehmen – er ging fest davon aus, dass der Verfassungsschutz die Abonnenten und interessierten Leser „linksradikaler“ Blätter feststellen würde und diese Erkenntnisse an die jeweiligen Chefs weitergäbe.
So tat er sich bereits schwer mit den „Extradienst“, einem Westberliner Blättchen der 68er um das Jahr 1970.
Stefan und mich verband in der Studienzeit die Kritik am Vietnamkrieg. Daraus folgte für uns eine deutliche Distanzierung von den USA und allem, was bis in die Kultur hinein von dort vertreten wurde. Das geschah zu einer Zeit, als alle Westberliner Offiziellen die USA und ihre Politik – wo auch immer in der Welt – nicht laut genug loben konnten.
Dazu kam die Auseinandersetzung um die Notstandsgesetze – die weitere Geschichte der Bundesrepublik hat glücklicherweise bisher keine der von den „Linken“ gegen diese Gesetze vorgebrachten Befürchtungen Wirklichkeit werden lassen.
Aber unsere Generation war – und ist! – empfindlich gegenüber jeder Form von staatlicher Bevormundung.
Nachdem Stefan an seiner Krankheit verstorben war und wir ihn beerdigt hatten, sprach mich Karin, seine Frau und nunmehrige Witwe, erneut an. Sie hatte begonnen, seine Hinterlassenschaft aufzuräumen. So gab sie mir ein Paket, etwa hundert Schreibmaschinen-Seiten, gelegentlich handschriftlich bearbeitet, ergänzt und verbessert.
Sie sagte dazu, dass das ihrem Manne sehr wichtig gewesen war. Das seien die Papiere seines Großonkels, der vor dem Ersten Weltkrieg als Marine-Offizier auf einem deutschen Kolonial-Kreuzer in die Südsee gekommen sei und der dann später in Südamerika gelebt hatte. Stefan lernte ihn wohl bei dessen Besuch in Deutschland 1960 persönlich kennen und schätzen.
Später habe dieser Großonkel Stefan auf seinen Wunsch die Erinnerungen aufgeschrieben und zugeschickt.
Dies Manuskript hatte ich nun in den Händen.
Karin sagte, Stefan hat wohl öfter erwogen, dies selber zu veröffentlichen.
Er war aber vorsichtig, weil diese Papiere sich sehr kritisch mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen und dabei Positionen vertreten, die Stefan mit denen seiner großbürgerlichen Arbeitgeber nicht unbedingt für kompatibel hielt. Karin war weniger ängstlich, sie sagte, sie habe Stefan öfter gedrängt, in der Angelegenheit mutiger zu sein. Er hatte das immer zurückgewiesen:
„Du hast ja keine Ahnung, was da alles gespielt wird. Ich bin froh, dass ich in meinem Alter noch diese Position habe. Warum soll ich jetzt in der Sache irgendetwas riskieren?
Damit kann ich mich später im Ruhestand immer noch beschäftigen. Das mache ich dann.“
Als die Krankheit kam, hatte Stefan andere Sorgen. Bevor er starb, bat er, dies an mich weiterzuleiten.
Stefan hatte mir gelegentlich von diesem Großonkel aus Chile erzählt. Der hatte für ihn in seiner politischen Entwicklung wohl eine erhebliche Bedeutung gehabt.
Hatte der ihn damals beeinflusst, sich mit dem Studium in Westberlin der Bundeswehr und der Wehrpflicht zu entziehen?
Mit Karin verabredete ich, mir dies alles genauer anzuschauen und dann gemeinsam zu überlegen, ob und wie wir damit verfahren würden.
Da mich zugleich anderes beschäftigte, gingen Jahre ins Land und wir kamen überein, dies nun zum hundertsten Jahrestag des Ersten Weltkriegs an die Öffentlichkeit zu bringen.
Gemeinsam kamen wir zu dem Entschluss, diesen Text als Zeitdokument ungekürzt wiederzugeben. Jede Bearbeitung hätte neue Akzente gesetzt und so dem Text seine Ursprünglichkeit genommen.
Mancher Leser wird dies an der einen Stelle lieber anders sehen wollen, manch anderer an genau anderer Passage. Schon Karin und ich hatten da unterschiedliche Ansätze.
Wegen der persönlichen Einzelheiten lassen wir Stefans Familiennamen heraus und respektieren so auch seine frühere Zurückhaltung.
Auch weitere Namen treten hier zurück.
Stattdessen soll der kaiserliche Kreuzer im Mittelpunkt stehen, SMS ‚Münster‘, und sein Schicksal sowie die Gedanken und Überlegungen, die damit verbunden sind.
Mag die Geschichte dieses Schiffes für ein deutsches Schicksal stehen, das mancher als Variante zu der deutschen Geschichte der vergangenen hundert Jahren betrachtet.
Für mich sind die Reflexionen des kaiserlichen Marine-Offiziers Gerhard Hartmann mit und über die ‚Münster‘ ernsthafte Alternativen, die von den jeweils Verantwortlichen nicht oder doch zu wenig oder aber erst zu spät nachvollzogen wurden.
Um meine Worte als Herausgeber von denen des südamerikanischen Manuskripts unterscheidbar zu halten, lasse ich dessen Worte in einer anderen Schrift erscheinen.
2
Da heißt es nun:
Lieber Stefan,
hier bekommst du meine Erinnerungen, wie ich sie nach meinem Besuch bei euch in Hannover aufgeschrieben habe.
Wie du siehst, habe ich bereits unmittelbar nach der Abfahrt damit begonnen. Ich habe das Alles nur wenig überarbeitet, damit du meine unmittelbaren Gefühle und Gedanken erfährst, ohne spätere gedankliche Straffung oder Kürzung:
Es war ein kurzer Abschied. Dein Vater hatte mich zum Bahnhof gebracht, mir geholfen, auf den Bahnsteig zu finden, dort den Zug und den richtigen Wagen, darin den reservierten Platz. Dann schaffte er es gerade noch, rechtzeitig wieder auszusteigen, bevor der Zug sich in Bewegung setzte. Wir konnten uns durch die Scheibe nur noch zuwinken, damit lag auch dieser Abschnitt hinter mir.
Nun sollte die Reise zurückgehen in das Land meiner zweiten Heimat, nach Chile, erst mit der Bahn, später mit dem Schiff.
Ich habe als junger Mann zum Jahreswechsel 1913 auf 1914 Deutschland verlassen. Deutschland war damals noch ein Kaiserreich, das zweite Deutsche Reich.
Genau genommen gab es für mich vor dem Jahr 1913 auch schon Auslandsaufenthalte, aber die waren nur minimal, vorübergehend, auf Schulschiffen, bei kurzen Landaufenthalten zwischen längeren Abschnitten auf See. Das Leben an Bord war doch Leben in Deutschland beziehungsweise Leben unter deutschen Bedingungen. Das änderte sich erst 1914, dann aber so gründlich, dass mir die Zeit davor und die danach wie zwei völlig verschiedene Welten erschienen.
Mit meinen Verwandten in Deutschland habe ich über die Wochen lange Gespräche geführt, aus meinem Leben erzählt, wie ich nach Chile gekommen war und was mich bewegt hatte, dort zu bleiben und nach dem Ersten Weltkrieg nicht nach Deutschland zurückzukehren.
Meine Schwester und der Schwager hatten auch vieles erlebt, die Nazi-Zeit, den Zweiten Weltkrieg, am Ende die Übersiedlung von Stettin nach Westdeutschland, wo man schließlich in Hannover gelandet war, und das neue Leben in der Bundesrepublik.
In den Gesprächen wurden die unterschiedlichen Sichtweisen deutlich. Alle bemühten sich dabei um Höflichkeit, dass es über politische oder religiöse Gegensätze nicht zum offenen Streit käme. Ich hatte ursprünglich vermutet, dass es am ehesten unter den Älteren schwierig werden könnte, dass ich mit meiner Schwester oder dem Schwager aneinander geraten würde.
Aber das Wiedersehen und die Gespräche gestalteten sich freundlich. Auch mein Neffe, die Nichten und deren Familien hatten interessiert zugehört, erkundigten sich nach Einzelheiten oder Begründungen für Aussagen, die ihnen ziemlich fremd zu sein schienen.
Besonders du, Stefan, mein Großneffe, verwickeltest mich immer wieder in Streitgespräche: Dabei gab es über die Zeit eine gewisse Entwicklung.
Anfangs warst du deutlich voreingenommen. Du hattest offensichtlich von dem Großonkel Verschiedenes gehört, das du nicht einordnen oder verstehen konntest.
Ich hatte vermieden, scharf zu widersprechen. Mir lag daran, mich verständlich zu machen, vor allem bei einem so jungen Menschen von gerade 15 Jahren, dessen Vorurteile noch nicht so fest gefügt zu sein scheinen.
Ich erinnere mich noch genau, wie du zu fragen begannst: „Wieso willst du überhaupt mit uns über Deutschland reden? Du hast doch keine Ahnung, was hier wirklich los ist. Du hast doch um Deutschland schon lange einen großen Bogen gemacht. Was willst Du dich da einmischen?“
Ich versuchte, darauf angemessen zu antworten: „Deutschland hat mich geprägt. Immerhin bin ich hier aufgewachsen. Was ich in der Jugend gelernt habe, habe ich hier gelernt.“
Du hast da nicht locker gelassen: „Aber dann hast du dich doch davon gemacht, ähnlich deinem Kaiser, den du kritisierst“.
„Das Deutschland, für den der Kaiser bis 1918 stand, hat mich in die Welt geschickt. Da habe ich mich zurechtfinden müssen und mein Leben neu organisiert.
Die meisten kaiserlichen Offiziere in ähnlicher Situation, die mit irgendwelchen Schiffen draußen unterwegs waren, haben den Weltkrieg mit ihrem Leben bezahlt.“
Wir haben uns an anderen Tagen weiter darüber unterhalten und waren uns so Stück für Stück näher gekommen. Aber vieles blieb dabei natürlich offen.
Solche Diskussionen haben mich dazu gebracht, mir für die Rückreise das Schreiben vorzunehmen. Ich stelle mir vor, dass das interessant und sinnvoll sein könnte für solche Menschen wie dich. Die Arbeit der Erinnerung und das Aufschreiben der Einzelheiten reizen mich und machen mir Spaß.
So sitze ich nun im Zug. Was draußen um mich herum geschieht oder zu betrachten wäre, berührt mich nicht. Meine Vergangenheit lässt mich nicht los. Der will ich mich stellen. Ich will schreiben, um dem Fünfzehnjährigen und möglichen anderen Lesern gegenüber meine Sätze zu begründen.
Womit soll ich anfangen? Mit meiner Kindheit und Jugend? Mit dem Beginn des ersten Weltkriegs? Oder mit meiner Entscheidung, mich in Südamerika niederzulassen und auf eine Rückkehr ins „Deutsche Reich“ beziehungsweise in die „Weimarer Republik“ absehbar zu verzichten? Reizen könnte mich jede dieser Möglichkeiten, aber am sinnvollsten dürfte es sein, mit der Kindheit zu beginnen.
Es soll aber nichts in Vergessenheit geraten.
3
Also die Kindheit:
Geboren bin ich im Jahre 1891 in Stettin, in der Stadt auch aufgewachsen. Ich habe dort die Grundschule und später das Gymnasium besucht und mit dem Abitur abgeschlossen. Es war ein altsprachliches Gymnasium. Mein Vater stand selber im Schuldienst und wünschte für den Sohn eine gute Ausbildung.
Wir verstanden uns als eine Familie gläubiger Christen, die Eltern hielten es nicht für ausgeschlossen, dass ich später Theologie studieren und so einmal Pfarrer werden würde. Die alten Sprachen Latein und Griechisch waren dafür sinnvoll.
Hebräisch hätte ich in der Oberstufe zusätzlich lernen können. Es gab Schüler an meiner Schule, die mit dem Abitur auch das Hebraicum bestanden, die Abschlussprüfung also, die es ihnen erlaubte, gleich danach ohne weitere Sprachsemester das eigentliche Theologie-Studium anzugehen.
Ich selber hatte verhältnismäßig früh solch ein Theologie-Studium ernsthaft ins Auge gefasst. Aber das zusätzliche Hebräisch erschien mir an der Schule unzumutbar – ich wollte auch noch Zeit für andere Dinge haben und nicht nur für die Schule leben. Würde ich wirklich Theologe werden wollen, könnte ich das Hebraicum später in einem Semester, also in einem halben Jahr, nachholen.
Meine beruflichen Pläne waren in der Familie diskutiert worden. Die Eltern freuten sich und bestärkten mich darin. Eine Schwester meiner Mutter, die Tante Else, war in Berlin verheiratet und hatte mich neben anderem auf Leo Tolstoi und Albert Schweitzer hingewiesen. Tolstoi veröffentlichte etliche kirchenkritische Kurzgeschichten und Aufrufe, die sich gegen die Praxis der Orthodoxen Kirche in Russland richteten.
Ähnlich sah sie die Entscheidungen von Albert Schweitzer. Er war ein Theologe aus dem Elsass, der ein erstes Mal über die engeren Theologen-Kreise hinaus bekannt wurde durch sein Buch „Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“. Die Tante hatte mir dieses Buch geschenkt.
Um dir, Stefan, meine Abkehr vom Theologie-Studium deutlicher zu machen, will ich hier etwas genauer auf Schweitzer eingehen. Er ist ja auch eine bekannte Persönlichkeit unseres Jahrhunderts, die dich sehr beeindruckt hat.
Da dürfte es sich lohnen, ihn und seine Motive ernst zu nehmen.
Schweitzer erklärte in seinem Buch Jesus zu einem jüdischen Rabbi, der mit seinem Leben und seiner Verkündigung dazu beitragen wollte, dass das Weltende unmittelbar ausgelöst wird.
Er, Jesus, selber würde Gottes Hereinbrechen in alles weltliche Geschehen verursachen, vielleicht durch die Aussendung seiner Jünger. Als das ohne Folgen blieb, setzte Jesus auf seinen Tod und sah darin das Zeichen für Gottes endzeitliches Handeln. Als Sohn Gottes, als Erfüllung jüdischer Messias-Hoffnung und der entsprechenden alttestamentlichen Ankündigungen erhoffte er Gottes direktes Eingreifen – so Albert Schweitzer.
Schweitzer interpretiert die biblischen Berichte in der Weise, dass Jesu Jünger dieses Handeln Gottes nach Jesu Tod in dem sahen, was sie Auferstehung nannten, Auferstehung Jesu zur alsbaldigen Wiederkunft.
Die Naherwartung dieser ersten Christenheit durchzieht alle Verkündigung der ersten Zeit der Urchristenheit. Das Ausbleiben dieser Wiederkunft Christi ist nach knapp 2000 Jahren als einigermaßen endgültig zu konstatieren, meinte Albert Schweitzer.
Dieser Jesus war ein deutlich anderer als der, den die Kirchen predigen.
Ich quälte mich durch die knapp 600 Seiten des Buches von Albert Schweitzer. Ich hatte bereits vorher die Bibel ganz von vorne bis hinten gelesen. Vieles im Neuen Testament nahm ich mir auf Griechisch vor. Ich hatte mir dazu einen „Nestle“ besorgt, die griechische Ausgabe des Neuen Testaments.
Da hatte mir mein Pfarrer in Stettin geholfen, der in der Schule den Religionsunterricht gab. Mit dem sprach ich auch über die Lektüre des Buches von Schweitzer; der Pfarrer warnte mich in längeren Gesprächen und wollte die „Missverständnisse“ aufklären.
Er blieb damit aber nicht sehr erfolgreich.
Ich verstand Schweitzer - wie nach ihm noch viele andere Zeitgenossen - so, dass für ihn vom Christentum nur noch der moralische Anspruch blieb.
Das gilt dann unabhängig davon, ob und wie Jesus zu seiner Zeit gelebt, gewirkt und gepredigt hatte und wie er gestorben war und ob er auferstanden war oder ob das nur in der Behauptung oder Verkündigung seiner Jünger, der späteren Apostel, geschehen war.
Konsequent, wie Schweitzer sich selber sah, brach er alle seine Brücken zu den Kirchen ab, verzichtete auf Professur oder Pfarramt, studierte Medizin und ging als Arzt nach Afrika, nach Lambarene, wo er sein Urwald-Hospital einrichtete.
Für mich selbst liefen die Kirchenkritiken eines Tolstoi und die von Albert Schweitzer in einem Punkt zusammen: Ich sah in Kirchen-Organisationen nur noch menschliche Einrichtungen, die „das Ihre“ suchen. Sie haben sich mit dem Ausbleiben der Naherwartung eines Weltendes, einer entsprechenden Form der Wiederkunft ihres Herrn Jesus Christus, abgefunden, ohne das in ihrer jeweiligen Verkündigung deutlich werden zu lassen.
Stattdessen haben sie sich in der Welt mit der Welt arrangiert, mit Kirchensteuer und dem Kaiser als „Summus Episcopus“ (als Herrn der Kirche), den Pfarrern als staatlichen Beamten, einer geistlichen Schulaufsicht und weiteren Privilegien.
Meine Schwester, deine Großmutter, hat mich jetzt bei meinem Besuch auf meine früheren theologischen Überlegungen angesprochen. Eure Familie hält sich zur Kirche, du hast mit einer Jugendgruppe einen Evangelischen Kirchentag besucht. Die theologischen Skrupel deines Großonkels wirst du vielleicht nicht verstehen, du findest sie wohl ziemlich abwegig.
Ich erinnere mich gut, wie wir darüber einmal gesprochen haben. Du hast da gesagt:
„Für mich ist Albert Schweitzer ein Heiliger. Dass der sein Leben da in Afrika aufopfert, um kranken Schwarzen zu helfen – wer macht sonst so etwas?
Wenn du schon nicht Pfarrer werden wolltest, warum hast du dann nicht auch etwas in der Art versucht wie er?“
Ich bemühte mich um eine überzeugende Antwort:
„Medizin, der Arzt-Beruf, ist nicht jedermanns Sache. Auch dafür muss man sich berufen fühlen. Meinst du nicht?“
„Dem stimme ich zu“, räumtest du ein. „Aber bist du sicher, dass du Schweitzer richtig verstanden hast?“
„Wer kann in Glaubensdingen schon sicher sein? Ich habe mich so intensiv damit beschäftigt, wie ich dazu in der Lage war. Ich denke, ich habe dabei einiges gelernt. Dafür bin ich Schweitzer dankbar. Was willst du mehr?“ fragte ich zurück.
Du beendetest dies Gespräch mit einem Kopfschütteln, das wohl großes Unverständnis ausdrücken sollte.
Soweit damals unser Dialog, wie ich ihn in der Erinnerung habe.
Ich hatte in meiner Jugend kein Problem darin gesehen, dem Staat und dann auch dem Kaiser zu dienen, aber das hätte ich dann doch lieber direkt getan, als Offizier oder Beamter, lieber ohne geistliches ‚Brimborium’, lieber in einer Uniform als mit einem Talar, das erschien mir ehrlicher.
So habe ich meinen Eltern mitgeteilt, dass ich mich umentschieden habe, nicht mehr Pfarrer werden wollte, sondern mich anderen Bereichen menschlichen Lebens zuwenden würde.
Sie fragten mich, ob ich meinen christlichen Glauben verloren hätte. Die Frage konnte ich guten Gewissens verneinen. Ich hatte auch Schweitzer und Tolstoi so verstanden, dass diese Menschen keineswegs ihren Glauben aufgegeben hätten. Deren Glaube hatte sich verändert.
Auch wenn Schweitzer Jesus nur als einen normalen Menschen verstehen würde, dann wäre das zwar ein Abgehen von der traditionellen Aussage über Jesus Christus als „wahrer Mensch und wahrer Gott“, aber die Hälfte dieser Aussage, also das, was sich auf den Menschen Jesus bezieht, würde doch bestehen bleiben. Das fehlende „wahrer Gott“ könnte sowieso nur ein göttliches Geheimnis sein, dass sich menschlichem Verstehen und menschlicher Vernunft mehr entzöge als verdeutlichte.
Wie würde Gott im Himmel mit Menschen umgehen, die ihn nur halb verstehen? Oder die nur das öffentlich bekennen, was sie tatsächlich verstanden haben? Ich, Gerhard Hartmann, traue sowohl Tolstoi als auch Schweitzer christlichen Glauben zu, so a la „ich glaube, hilf meinem Unglauben“, vergleiche dazu das Markus-Evangelium, Kapitel neun, Vers 24.
Es bleibt dabei jeweils ein Glaube an Jesus Christus, wenigstens als Garant der Moral, für mich selber auch an Christus als den Retter, den Erlöser, den Herrn der Welt und des Lebens.
Ich konnte meinen Glauben damals noch nicht genauer beschreiben oder erklären – vielleicht hätte ich dazu doch Theologie studieren sollen. So beschränkte ich mich im Allgemeinen auf kurze, für meine Gesprächspartner sicher unbefriedigende Antworten und Aussagen, die für mich selber aber als hinreichende Glaubensbekenntnisse gelten konnten.
Wenn ich mich an später erinnere, an die Zeit der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts, dann hatte ich mich da weiter mit diesen Fragen beschäftigt. Aus europäischen Berichten bekam ich dazu mit, dass es auf einmal eine ‚dialektische Theologie’ gab, die diesen literarkritischen Ergebnissen, die einen Albert Schweizer umgekrempelt hatten, eine geringere Bedeutung zumaßen.
Dialektik in der Theologie?
War das vielleicht auch eine Antwort auf mein Verständnis, in Kirchen nur menschliche Einrichtungen zu sehen?
Ich erinnerte mich an meinen Pfarrer und Religionslehrer, der von einer unsichtbaren Kirche, der des Glaubensbekenntnisses, und vielen sichtbaren Kirchen sprach, die sich in unterschiedlichen Konfessionen und Denominationen in aller Welt vorfinden lassen.
Dialektik in der Theologie?
Klingt das nicht nach Sophismus? Nach klug gedrechselten Ausreden, Versuche, Menschen für dumm zu verkaufen und so über irgendwelche Tische zu ziehen?
Wie dem auch sei, mir half es ein Stück weit, dem allen gegenüber eine gewisse christliche Grundposition zu beziehen und daran festzuhalten:
Wie Gott seinen Sohn Jesus Christus hat Mensch werden lassen und wie das dann mit der Erlösung, mit dem Kreuzestod und der Auferstehung im Einzelnen von statten ging, wurde dabei zweitrangig. Die Aussage selbst aber ist und bleibt wichtig und richtig, unabhängig von den äußeren Gegebenheiten.
Aber soweit war ich um das Jahr 1910 noch nicht, so schön konnte ich zu der Zeit die entsprechenden Fragen nicht beantworten, auch meine eigenen nicht alle.
Ich verstand mich damals dennoch als gläubiger Christ, der sich aber nicht im Talar auf einer Kanzel vorstellen konnte, wenn das in einer Kirche geschehen sollte, die dieser Kirchenkritik unterlag.
Die Kirche dürfte nach meinem Verständnis nicht kaiserliche Institution sein.
Gott ist der Herr, der den Menschen in seinem Sohn Jesus Christus gegenüber tritt.
Diese Begegnung müsste frei sein von kaiserlicher oder staatlicher Bevormundung und entsprechender finanzieller Abhängigkeit.
Die Kirche, zu der ich mit einem Theologie-Studium unter den gegebenen Verhältnissen als Pfarrer Zutritt hätte nehmen können, erschien mir als viel zu fremd bestimmt, viel zu wenig frei, viel zu gebunden an viel zu viele weltliche Verpflichtungen.
Gespräche mit meiner Tante Else in den Jahren vor 1914 bestärkten mich in dieser Haltung. Sie erzählte aus Berlin, dass dort bei jedem Wechsel eines Pfarrers, bei jeder Besetzung der entsprechenden Pfarrstelle nur gefragt wurde: „Ist der Kandidat liberal? Oder ist er konservativ?“
Gemeint war dann da nicht seine Theologie, sondern selbstverständlich nur seine politische Einstellung, ob er sich enger an den Kaiser halten wollte oder ob er dem distanziert gegenüber stünde oder gar irgendwelche Sympathien für sozialdemokratische Gedanken hegen mochte.
Wie der Kandidat zu Jesus stand, zu theologischen Inhalten oder ob er nur einen Pfarrer gab oder spielte, in seinem Inneren sich von dem, was er meinte predigen zu sollen, weit entfernt hielt, das hat niemanden interessiert.
So stand ich zu meiner geänderten Meinung, als die Frage nach dem Abitur zur Entscheidung anstand, allen Versuchen von Familie und kirchlichen Freunden und Beratern zum Trotz, mich auf meine frühere Lebensplanung zurückzubringen.
Wenn ich diese Erinnerungen jetzt hier aufschreibe, dann frage ich mich natürlich, ob und wie du, Stefan, das wirst verstehen können. Sei bitte sicher, dass ich dir nicht im Wege stehen will, wenn du dich als Christ in deine Gemeinde einbringen willst oder beim Kirchentag mitmachst. Auch für die Kirche haben sich die äußeren Bedingungen sehr weit verändert. Was damals galt, muss heute doch anders gesehen werden.
Wenn du dich als Christ engagierst, möchte ich dich dabei unterstützen, so gut das möglich sein kann.
Ich will mich nun wieder meinen Erinnerungen zuwenden:
Stettin war ein bedeutender Ostseehafen, hier gab es Seefahrt, eine „Vulkan-Werft“, entsprechenden Betrieb und natürlich auch Marine.
Ich bewarb mich zur Ausbildung eines Marine-Offiziers, wobei ich mir nicht sicher war, wie lange ich aktiver Offizier bleiben wollte. Ich konnte es mir gut vorstellen, mit solch einer Ausbildung später in die „christliche Seefahrt“ überzuwechseln, also Offizier in der Handelsschifffahrt zu sein. Aber das hatte Zeit und war vorerst nicht abzusehen.
Du sprachst mich natürlich auch auf diese Entscheidung an:
„Warum hast du dich denn nicht gleich für die Handelsmarine entschieden? Wolltest du das nicht sowieso lieber?“
Meine Antwort hat da vielleicht nicht viel geholfen: „Nein, eigentlich war ich nie dafür, ein unstetes Leben zu verbringen, heute hier, morgen da. Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich das ja nach dem Weltkrieg tun können.
Mancher, der da interniert gewesen war, fuhr dann auf Handelsschiffen zur See, ich nicht.
Ich wollte wissen, wo ich hingehöre.“
Da hast du natürlich weiter gefragt:„Und hierher nach Deutschland hast du nicht hingehört?“
„Wir wussten damals in Chile nur, dass Deutschland den Krieg verloren hatte, dass es da eine Revolution gegeben hatte und dass es dort noch viele Unruhen gab. Zugleich schien es bei der Marine nicht mehr viel Bedarf an Offizieren zu geben.“
Du setztest dagegen: „Aber es gab doch weiter eine Reichswehr. Warum hast du dich denn nicht dazu gehalten?“
Hier konnte ich nicht mit einem Satz antworten: „Das ist eine längere Geschichte. Darauf will ich ausführlich eingehen. Glaub mir bitte, nach den Monaten im Kriege, in denen ich als Offizier aktiv war, habe ich vieles gelernt und danach anders gesehen als zu Beginn meiner Militärzeit. Wenn du das genauer verstanden hast, kannst du dir dazu besser eine Meinung bilden.“
4
Die Ausbildungs-Zeit in Kasernen an Land und auf Schulschiffen ging schnell vorbei. Ende des Jahres 1913 wurde ich als Leutnant zur See auf den Kleinen Kreuzer ‚Münster‘ versetzt, der aus dem Mittelmeer zurück nach Deutschland gekommen war, und zwar nach Kiel.
Hier wurden einige Reparaturen und Wartungsarbeiten vorgenommen, bevor das Schiff wieder auslaufen sollte.
In den zurückliegenden Jahren waren im Mittelmeer Kriege geführt worden.
Ende September 1911 erklärte Italien der Türkei den Krieg, um Tripolitanien, das auch Libyen genannt wird, zu annektieren.
Danach brach im Sommer 1912 in Albanien ein Aufstand gegen die Herrschaft der Türken aus.
