Die Kugel - Mathebu - E-Book

Die Kugel E-Book

Mathebu

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Beschreibung

Was in dem kleinen Ort Reinheim, nahe der französischen Grenze, in einer bitterkalten Dezembernacht geschieht, hat keiner der Anwohner je für möglich gehalten. Bei Eis und Schnee verschwindet die autistische 9-jährige Lilly Heinken spurlos. Jahre später taucht ihre Kleidung und die heißgeliebte Kugel in einem Geräteschuppen auf, der zu einem abgebrannten Haus gehört. Unter den Trümmern liegt eine Leiche. Wer ist der oder die Tote? Könnte es Lilly sein?

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Kugel
Über die Autorin
Impressum
Prolog
TEIL EINS
Rolli
Die Vermisstenanzeige
Der Tag an dem Lilly verschwindet
Die Suche
Erwachen
Stillstand
Akzeptanz
Ratlos
Gefangenschaft
Abrechnung
Das Grauen
Vor und zurück
TEIL ZWEI
Kein Licht am Ende des Tunnels
Kommissariat Homburg
Die Reise
Der schwere Gang
Zwischenstopp
Das zweite Leben
Wegbereiter
Ein neues Zuhause
Zäsur
TEIL DREI
Paris 2022
Kunstszene
Reinheim
Paris
Paris für die Eine, Paris für die Andere
Liebesglück
Aurelia van de Meer
Hochzeit
Pascal
Sommer
Aufbegehren
Schwester
Flitterwochen
Pascal und Aurelia
Recherche
Die Hütte
Kontrolle
Erwartungen
Die Suche
Schattierungen
Das Geständnis
Aufgeflogen
Wer schuldig ist…
Die Gegenüberstellung
Danksagung
Die Eisermann Media GmbH

MATHEBU

Die Kugel

Kriminalroman

XOXO Verlag

Über die Autorin

Maria Theresia Buch schreibt unter dem Pseudonym MATHEBU. Sie lebt mit ihrer Familie im Saarland. Als Friseurmeisterin im eigenen Salon wurde sie, nahe an den Menschen, mit Geschichten konfrontiert, die sich in ihrem Kopf einnisteten. Sie gaben ihr Inspirationen, die sich in einigen ihrer Geschichten widerspiegeln.

Ihre Bücher: »Mord und andere Geschenke« (2017), »Endgülting ‒ Du entkommst mir nicht« (2020), »Ojum und der dunkle Riss« (2021) und »Fatum ‒ Jenseteits der Sille« (2023), erschienen im XOXO-Verlag. In den Anthologien »Achtzehn texten« (Ulrich Burger Verlag 2020) und »100 Texte für den Frieden« (Edition Schaumberg 2022) ist sie ebenfalls vertreten.

Alle Cover-Illustrationen und Texte: MATHEBU | [email protected]

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.

Print-ISBN: 978-3-96752-231-0

E-Book-ISBN: 978-3-96752-729-2

Copyright (2025) XOXO Verlag

Cover: Thea Buch

Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag

Hergestellt in Deutschland (EU)

XOXO Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Alte Heerstraße 29 | 27330 Asendorf

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Das Schreiben ersetzt die Stimme. Es kommt aus dem Fluss der Gedanken und strandet letztendlich auf Unterlagen jeglicher Art. In erster Linie von Papier geschluckt, findet es sich an den unter schiedlichsten Orten wieder, wo es Gleichgültigkeit, Verfolgung oder Enthusiasmus heraufbeschwört. Schreibend werden Gedanken in Form gebracht, mannigfaltig, wie die Haare auf dem Kopf. Die Leistung, die der puddingweiche Eiweißklumpen in unserem Schädel vollbringt, ist unbezahlbar und hat dennoch seinen Preis.

Geschrieben, gesagt, von falschen Zungen wiedergegeben, aus dem Zusammenhang gerissen, kann es zu eklatanten Fehlentscheidungen kommen. Nicht nur Freude steckt in den Lettern, nein, auch der Angst ist ein Zuhause geboten, und Angst, heißt es bereits in einem Fassbinder-Film, fressen Seele auf. Wie viel Verantwortung steckt in einem gedruckten Wort? Wie viel mehr noch in einem geschriebenen Satz, in einem Buch, oder einer von KI verfassten Meldung, die in gefakter Form durch die Medien huscht? Alles ist möglich, Begrenzungen sind ausgehebelt. Die neue Technik ermöglicht nicht nur Gutes. Auch dem Irrsinn ist Tür und Tor geöffnet, heute mehr denn je.

Worte sind viel mehr als eine Ansammlung von Buchstaben. Ihre Macht ist unendlich. Sie können über Leben und Tod entscheiden. Sie lassen eine Liebe erblühen oder sie vernichten sie.

Worte sind Poesie, ja Magie. Sie bringen uns zum Lachen oder Weinen, verletzen oder trösten uns. Sie lassen uns träumen, seufzen, stürzen uns ins Chaos oder erlösen uns.

Aber sie wärmen auch das Herz, stimmen friedlich, brechen Aggressionen. Ein schön geflochtener Satz ist wie ein Schmuckstück, das den Schreiber wie den Leser zum Glänzen bringt. Das ist hohe Kunst.

Ein gutes Buch zu lesen, gleicht dem Eintauchen in eine andere Welt. Es fasziniert, bringt Ausgeglichenheit, enthebt uns Rahmenbedingungen, ermöglicht der Fantasie, auf unbekannte Gipfel zu steigen.

Ein schönes Wort ist wie eine gut gespielte Note in der Musik, ein Tanz der Buchstaben, ein Reigen der besonderen Art. Musik, Malerei und Tanz gleichen ausgelebten Worten, die in verschiedene Dimensionen gebracht, wie mit Zuckerguss überpinselt, zu verstehen sind. Sie bilden den Kreis, der alles einschließt, bestimmen somit unser Leben.

Deshalb müssen wir sie mit Bedacht anschauen, denn sie zeigen nicht immer das, was man zuerst zu erkennen glaubt.

TEIL EINS

Rolli

»Sie rollt!«

»Wie, von alleine?«

»Siehst du doch, oder glaubst du, ich habe sie geschubst?«

»Nein, hast du nicht, ich hätte es bemerkt.«

»Warum fragst du dann?«

»Na, schau doch mal. Sie bewegt sich minimal auf uns zu.«

»Das ist ja unheimlich.«

»Ja, aber sieh nur, wie sie glänzt.«

»Schimmert.«

»Nein, glänzt.«

»Was macht es für einen Unterschied, ob sie glänzt oder schimmert?«

»Na, das sieht doch ein Blinder. Wenn sie glänzt, liegt sie still, wenn sie schimmert, bewegt sie sich.«

»Schlaumeier!«

»Oh mein Gott, sie kommt geradewegs auf uns zu.«

»Von alleine?«

»Hab ich doch gesagt.«

»Unheimlich.«

»Finde ich auch. Und aufregend. Nimmst du sie, Lilly?«

»Ich, warum ich?«

»Siehst du noch jemand außer uns?«

»Nö, aber weißt du, was ich glaube?«

»Was denn?«

»Du hast Schiss.«

»Ich, im Leben nicht.«

»Dann nimm du sie doch. Ist nur eine Murmel.«

»Eine große Kugel.«

»Eine Kugel, die gerade vor dir stehen bleibt. Mach schon Lilly, heb sie auf, sie wird schon nicht beißen.«

»Mach doch selbst, ich finde sie gruselig.«

Eine Minute vergeht schweigend. Aus den Augenwinkeln betrachten die Mädchen die seltsame Kugel.

»Glaubst du, sie lebt?«

»Spinnst du, Lilly, wie soll das denn gehen? Hast du schon mal eine lebende Murmel gesehen?«

»Kugel, es ist eine Kugel.«

»Von mir aus! Ich fische sie jetzt aus dem Gras, dann nehmen wir sie mit nach Hause und zeigen sie Mama.«

»Du traust dich was.«

»Eine muss…«

Vorsichtig tippt Lina die Kugel mit dem Zeigefinger an. Sie bewegt sich nicht. »Au, ruft sie, ich glaube, etwas hat mich gestochen.«

»Zeig mal.« Lilly schaut sich Linas Finger an, dreht die Hand in alle Richtungen. »Da ist nichts«, sagt sie, »schnapp dir die Kugel.«

Lina reibt ungläubig ihren Finger. Er fühlt sich an, als sei er eingeschlafen, aber es ist nichts zu sehen. Sie fischt die Kugel aus dem Gras.

»Und, wie fühlt sie sich an?«

»Wie eine große Kugel, glatt, kalt.«

»Gar nicht unheimlich?«

»Nein, fühl doch selbst.«

Lilly nimmt die Kugel und lässt sie in ihrer Handfläche hin und her rollen.

»Du«, sagt sie zu ihrer Schwester, »sie fühlt sich wirklich nicht kalt an. Ich finde, sie ist ein richtiger Handschmeichler. Nimm du sie wieder!«

Lina nimmt die Kugel, betrachtet sie von allen Seiten, hält sie dem strahlenden Sonnenlicht entgegen. Staunen gleitet über ihr Gesicht.

»Sie ist wunderschön«, sagt sie. »Schau dir dieses Farbenspiel an. Meinst du, jemand hat sie verloren? Dann wird sie sicher vermisst. Ich habe noch nie eine schönere Kugel gesehen. Wenn es meine wäre, und ich hätte sie verloren, wäre ich tieftraurig.«

»Komm, wir nehmen sie mit nach Hause und zeigen sie Mama.«

»Einverstanden.«

Lina gibt Lilly die Kugel, die sogleich, in deren Hosentasche verschwindet. Gemeinsam rennen sie nach Hause.

»Mama, Mama, schau mal was wir gefunden haben!«

Lilly hält ihrer Mutter die Kugel vor die Nase.

»Die ist aber schön, wo habt ihr sie her?«

»Sie lag im Gras oben auf der Wiese. Lilly hat sie zuerst entdeckt. Sie ist auf uns zugerollt«, schaltet sich Lina ein.

»Habt ihr gesehen, wer sie geworfen hat?«

»Nein.«

»Sie sieht wertvoll aus, ihr müsst sie zurückgeben.«

»Aber nein, Mama. Wem sollten wir sie zurückgeben? Sie ist von alleine auf uns zugerollt, ob du uns glaubst, oder nicht«, insistiert Lilly. »Es sah aus, als wolle sie, dass wir sie mitnehmen.«

»Na gut, ich weiß, dass es euch Beiden nicht an Fantasie mangelt, aber die Kugel hat keine Beine, oder irre ich mich?«

»Wusst ich`s doch«, mault Lilly, »du glaubst uns nicht.«

»Wie sollte sie auch, sie war nicht dabei«, entgegnet Lina.

»Okay, wenn es der Wahrheit entspricht, was ihr mir gerade verklickern wollt, dann tretet den Beweis an. Hier und jetzt. Lina, leg die Kugel auf den Boden und du, Lilly, stellst dich in die Ecke. Ich möchte sehen, wie die Kugel auf dich zurollt.«

Lina nimmt die Kugel und legt sie auf den Küchenboden. Gespannt betrachten sie das Objekt. Lilly versucht, mit all ihrer gedanklichen Macht, die Kugel zum Laufen zu bringen, aber sie bewegt sich nicht. Keinen Millimeter. Nach ein paar Minuten, in denen alle mit angehaltenem Atem die Kugel fixieren, sagt Sarah: »Das hab ich mir gleich gedacht, ihr wollt mich auf`s Glatteis führen. Hätte ja klappen können. Ich falle nicht auf eure Geschichte herein, aber ich muss schon sagen, je länger ich hinschaue, umso hübscher finde ich dieses Prachtstück von einer Murmel.«

»Kugel, Mama«, seufzt Lina und zwinkert ihr zu.

»Von mir aus. Habt ihr eure Hausaufgaben erledigt?«

»Ich muss noch Mathe machen. Ich hasse Mathe!«, sagt Lilly.

»Was ist mit dir, Lina, bist du schon fertig?«

»Ja, ich habe vorgearbeitet.«

»Dann kannst du deiner Schwester helfen.«

»Warum? Die soll gefälligst aufpassen in der Schule, dann braucht sie mich nicht.«

Lilly schneidet ihr eine Grimasse. Sie hebt die Kugel vom Boden auf und verschwindet damit auf ihr Zimmer.

Bevor sie sich mit Mathe abmüht, sucht sie nach etwas, um den Schatz, den sie als ihren ureigensten betrachtet, aufzubewahren. Das silberne Schmuckkästchen, ein Geschenk von Oma Anna, in dem sie ihren Krimskrams aufbewahrt, scheint das passende Objekt dafür zu sein. Kurzerhand nimmt sie die wenigen Schmuckstücke, die unechten Ohrringe und den Ring mit den kleinen Kristallsteinchen heraus. Den Fingerschmuck trägt sie nur zu wichtigen Ereignissen wie Geburtstagen, Weihnachten oder Hochzeiten von Verwandten oder Freunden. Wie ein Juwel bettet sie ihren Fund auf der weichen Schaumgummieinlage. Sie stellt das Kästchen auf ihren Schreibtisch. Staunend betrachtet sie die Kugel. Je länger sie hinschaut, umso intensiver erscheinen ihr die Farben. Es sieht aus, als pulsiere buntes Leben in ihr, das ineinander schwimmt, das zu »mäandern« scheint. Ein Ultramarin wird von einem leuchtenden Rot überschwemmt, das in ein berauschendes Violett driftet. Aus seinem Inneren flutet ein leuchtendes Gelb, das grell ihre Augen blendet. Erschrocken kneift sie sie zusammen. Sie fühlt sich wie ein von einem Magier hypnotisiertes Kaninchen.

»Was passiert denn da?«, flüstert sie, »bilde ich mir das ein, oder geschieht vor meinen Augen gerade etwas Unmögliches?«

Sie reißt sich aus ihrer Verzückung, nimmt ein Buch aus der Schultasche und legt es kurzerhand auf das Kästchen. Es ist schon spät, höchste Zeit mit Mathe anzufangen. Sie kramt das Heft heraus und beginnt zu arbeiten. Alles, was ihr üblicherweise schwerfällt, erledigt sie in einer Schnelligkeit, die sie selbst verblüfft. Die Mathe-Nische in ihrem Kopf, die sich immer nur begrenzt öffnen lässt, steht offen wie ein Scheunentor. Wie von Zauberhand fallen die Zahlen an den richtigen Platz. In Schallgeschwindigkeit hat sie die Aufgaben erledigt. Sie schließt das Heft und befördert es in ihre Schultasche. Gähnend streckt sie ihre Glieder. Jetzt aber fix ins Bad und dann ins Bett, denkt sie, damit die Nacht noch ausreichen wird, sie am nächsten Morgen ausgeruht in die Schule zu schicken.

Bevor sie unter die Decke schlüpft, nimmt sie das Buch von ihrem Schatzkästchen. Sie traut ihren Augen nicht, denn sie stellt enttäuscht fest, dass nur noch eine gewöhnliche Kugel bar aller Farbigkeit vor ihr liegt.

»Habe ich mir die Lebendigkeit der Kugel nur eingebildet?«, überlegt sie. »Wenn ich es morgen den anderen in der Schule erzähle, glauben sie sicher, ich hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Oh, oh, es ist besser, wenn ich meine Klappe halte.«

Der nächste Morgen bringt eine Überraschung mit sich. Lilly wacht eine halbe Stunde früher auf als sonst. Sie reibt sich den Schlafsand aus den Augen, wirft die Bettdecke zurück und ist mit einem Satz auf den Beinen. Es zieht sie zu dem auf ihrem Schreibtisch stehenden Kästchen mit dem brisanten Inhalt. Sie will nachschauen, ob sich die imaginäre Farbverwandlung von gestern wiederholt oder nicht. Ungläubig reißt sie die Augen auf, als sie erkennt, dass die Kugel nicht mehr in ihrem Kästchen liegt. Sie hämmert an die Wand des Nachbarzimmers, in dem Lina schläft und schreit: »Lina!, hast du in der Nacht die Kugel an dich genommen?«

»Als hätte ich sonst nix zu tun«, mault Lina. Laut ruft sie: »Nein, das hab ich nicht! Du hast sie dir gekrallt, was soll die dumme Frage?«

»Aber sie ist nicht mehr da. Ich hab sie in Oma Annas Kästchen gelegt, gestern Abend, und jetzt ist sie weg.« Lillys Worte werden von Schluchzen begleitet.

»Sie kann nicht weg sein, schau genau nach, du wirst sie schon finden. Ich weiß, gestern bildeten wir uns ein, sie könne laufen, aber das war nur eine optische Täuschung.«

»Lina, hilfst du mir, sie zu suchen? Ich muss dir auch noch etwas Wichtiges erzählen.«

»Na gut«, grummelt Lina, »du gibst ja sonst doch keine Ruhe.«

Sie steigt aus dem Bett und schlappt, noch müde, zu ihrer Schwester.

»Hast du schon unter dem Wust von Heften und Büchern, mit denen dein Schreibtisch zugemüllt ist, nachgesehen? Schieb den Kram in eine Ecke, und bugsiere mal alles weg, was du nicht brauchst. Du solltest mal einen Aufräumkurs starten. Dein Zimmer ist ein einziger Saustall.«

»Hilf mir lieber bei der Suche, und lass nicht immer die große Schwester raushängen.«

Lilly fegt mit einer Handbewegung alles, was auf dem Schreibtisch liegt auf den Boden. Die imposante Größe des Möbelstücks, das zum Vorschein kommt, hat sie gar nicht mehr auf dem Schirm. Die Mädchen hocken sich auf den Boden und fangen an, die Sachen zu sortieren.

»Wir hätten ihr einen Namen geben müssen«, sagt Lilly, »dann könnten wir sie rufen.«

»Wie einen Hund? Bist du nun völlig plemplem?«

»Wenn du gesehen hättest, was ich gestern Abend gesehen habe, wüsstest du, dass das, was wir gefunden haben, nicht nur eine schnöde Kugel ist.«

»Ach ja, was hast du denn gesehen?«

»Sie lebt, glaub mir, Lina, ich erzähle dir keinen Scheiß. Sie kann sich verwandeln.«

»In eine Murmel, in eine Kugel, was noch?«

»Sie wechselt ihre Farben wie ein Kaleidoskop. Von Blau nach Rot, von Rot nach Gelb und immer weiter. Ich sag dir, das ist wunderbar. Ich hab das Kästchen, in das ich sie legte, nicht geschlossen. Aber bevor ich mein Bett ansteuerte, schaute ich noch einmal hinein. Da lag sie wie eine gewöhnliche Murmel, unbeweglich, ohne zu leuchten.«

»Aha.«

»Was soll denn das wieder heißen?«

»Schwesterchen, es fällt mir schwer, dir zu glauben.«

»Also alles wie immer. Ich bin die, die nichts kann, die spinnt, die Märchen erzählt.«

»Nein, das habe ich nicht sagen wollen. Gestern dachte ich genau wie du, dass die Kugel sich von alleine bewegt. Bei weiterem Nachdenken kam ich jedoch zu dem Schluss, dass wir beide uns getäuscht haben. Weißt du, ich denke, dabei spielte das Licht eine Rolle. Die Sonne stand tief und wir blieben ja nicht stehen. Wir liefen auf sie zu, um zu sehen, was da liegt?«

»Ja, kann sein, aber das erklärt nicht ihre Verwandlung und erst recht nicht, warum sie nicht mehr in diesem Kästchen liegt.«

»Im Kästchen nicht. Haha, schau mal, wer sich hier hinten in die Ecke verkrümelt hat?«

»Wo?«

»Na hier!« Lina zeigt in die linke Ecke. »Da liegt sie, direkt neben dem Schreibtischbein.«

»Endlich«, freut sich Lilly. »Warum hast du Schlingel dich vor mir versteckt?«, sagt sie und lässt die Kugel von einer in die andere Hand gleiten. Sie fühlt sich gut an.

Lilly wendet sich ihrer Schwester zu. »Meinst du nicht, wir sollten ihr einen Namen geben?«

»Okay, wenn du dich dann besser fühlst. Die Tamagotchis von früher hatten auch Namen. Was denkst du, passt zu ihr?« »Wie findest du Ari?«

»Ari? In welchem Bezug könnte der Name Ari zu dieser Kugel stehen? Was meinst du?«

»Keine Ahnung. Das kam mir gerade in den Sinn.«

»Hör mal, wenn schon, tendiere ich zu einem Namen, der ihr entspricht. Ich finde »Rolli« gut. Das passt zu ihr.«

»Das ist eine ausgezeichnete Idee.« Lilly hebt die Kugel in die Luft und spricht mit feierlichem Tonfall: »Wir taufen dich auf den Namen »Rolli.«

Noch während sie das ausspricht, erscheint Sarah in der Tür.

»Könnt ihr mir mal sagen, was ihr treibt? Oh nein, wie sieht es denn hier aus? Lilly, wenn du von der Schule kommst, wird zuerst einmal Tabula rasa gemacht. Verstanden!«

Lilly verzieht keine Miene bei Sarahs geschleuderten Worten. Sie schaut ihr starr entgegen und verschließt ihre Ohren mit beiden Händen. Die Lautstärke der Mutter schmerzt sie körperlich. Sarah weiß das, aber sie ignoriert es.

»Jetzt marsch, waschen, Zähne putzen, anziehen, runterkommen. Das Frühstück steht auf dem Tisch.« Sie duldet keine Widerrede.

»Lass Rolli hier, nicht dass sie sich eine aus deiner Klasse unter den Nagel reißt. Heute Mittag reden wir weiter. Es gibt einigen Klärungsbedarf, liebste Lilly«, flüstert Lina, bevor sie als Erste ins Bad hüpft.

Schulstunden sind für Lilly schon immer ein quälendes Unterfangen. Sie weiß, wenn sie sich nicht mehr Mühe gibt, wird aus der Empfehlung für das Gymnasium, das ihre Schwester erfolgreich absolviert, nichts werden. Lina besucht bereits die zehnte Klasse und rauscht durch die Jahrgänge, als sei es eine Kleinigkeit. Lilly ist die Träumerin, die stets Abwesende, die, deren Konzentration nicht länger anhält, als das Feuer braucht, ein Streichholz zu verbrennen. Aber sie malt wunderbar, tanzt wie eine Elfe, huscht wie diese, ‒ das machen Elfen in ihrer Fantasie ‒, durch Wald und Wiesen. Sie ist glücklich in der Natur, freut sich über jedes Blümchen, das in ihr Blickfeld gerät, nicht, dass sie großes Aufhebens darum macht. Ihre Begeisterung sieht man ihr nicht an. Aber sie pflückt kleine Sträuße für Sarah, die sich darüber freut. Wenigstens damit kann sie ihre Mutter glücklich machen.

In erster Linie sehen alle in Lilly die liebenswerte Chaotin, der man nicht böse sein kann. Sarah hat es nicht leicht mit ihr, aber sie liebt dieses sonderbare Kind, das sich jeder Umarmung entzieht, das nur selten laut von Herzen lacht. Lilly lebt mit ihr und Lina und doch gibt es eine kaum spürbare Distanz. Manchmal möchte Sarah sie einfach an sich reißen und festhalten, aber was hätte sie davon? Lilly zieht sich sofort in ihr Schneckenhaus zurück.

Sarah liebt auch ihre Tochter Lina. Bei ihr schätzt sie vor allem die klare Strukturiertheit. Lina überlässt nichts dem Zufall, bei ihr ist alles sorgfältig geplant und ausgeführt. Gegensätzlicher als diese Schwestern kann man nicht sein. Sie halten zusammen, und das ist wichtig, wenn das Familiensystem funktionieren soll. Drei Frauen in einem Haus, in dem die strenge Hand des Vaters fehlt, brauchen eine gesunde Basis. Seit Theo, Sarahs Mann vor nunmehr sechs Jahren einem Krebsleiden erlag, leben die Frauen noch näher beieinander. Die schlimme Zeit schweißt sie zusammen.

Die Vermisstenanzeige

Freitag, den 15.12.2013, an einem bitterkalten Tag im Dezember.

Hauptkommissar Meierling betritt das Polizeipräsidium in Homburg. Sein Kollege Ralf Hofmann begrüßt ihn knapp.

»Wir haben eine Vermisstenanzeige«, sagt er. »Es handelt sich um ein Kind.«

»Wann ist die Meldung eingegangen?«

»Gestern Abend um 17.30 Uhr«

»Wie heißt das Kind?«

»Lilly Heinken, 9 Jahre alt, wohnhaft in Reinheim.«

»Wer hat die Vermisstenanzeige aufgegeben?«

»Die Nachbarin der Familie. Sarah, die Mutter der Kleinen, liegt wegen eines Unfalls im Krankenhaus, hier in Homburg.«

»Ist das Kind inzwischen wieder aufgetaucht?«

»Wir suchen noch.«

»Haben wir die Angehörigen des Mädchens einbestellt?«

»Das können wir nicht.«

»Warum?«

»Der Vater ist verstorben, die Mutter ist, wie ich bereits sagte, im Krankenhaus. Die Schwester ist bei ihrer Freundin. Deshalb hat uns die Nachbarin Frau Kobler, angerufen. Sie ist mit den Heinkens befreundet.«

Kommissar Meierling läuft zum dritten Mal zur Kaffeemaschine auf seiner Homburger Dienststelle.

»Können wir uns hier nicht einmal eine anständige Kaffeemaschine leisten? Muss ich diesem Apparat ein Lied singen, damit er sich in Gang setzt, oder soll ich erst ein Stoßgebet sprechen? Wann fliegt das Scheißding endlich raus, wann ersetzen wir dieses Schrottteil durch einen anständigen Kaffeeautomaten? Wenn nicht bald etwas geschieht, werfe ich die Maschine eigenhändig aus dem Fenster. Ohne Kaffee kann ich nicht arbeiten!«

»Aber vorher besorgst du uns einen Ersatz«, hört er den Kollegen Ralf Hofmann in seinem Rücken sagen.

»Ich mach das, hast recht. Noch heute! Ich besorge uns ein neues Gerät. Wenn jeder etwas dazugibt, ist das keine große Sache. Hat sich Serverin heute schon gemeldet? Gibt es etwas Neues?«

Hofmann schüttelt den Kopf.

»Da ist man einmal nicht da, schon gibt es Probleme. Das ist es, was mir immer wieder zusetzt. Jetzt ist fast ein Tag vergangen und wir haben keine Spur von dem Mädchen. Es hat mal wieder niemand etwas gesehen. Hier kennt doch fast jeder jeden. Auf den Dörfern hilft man sich, oder ist das inzwischen anders? Man sollte meinen, Nachbarschaft hat noch immer einen guten Stellenwert. Verstehst du, was ich sagen will, Ralf?«

»Wir haben sämtliche Nachbarn gefragt. Frau Eller, eine Frau mit einem gravierenden Sprachfehler, machte heute Morgen eine Aussage. Sie stotterte: »Iiiich ssehe Lilly iiimmer wwenn sie aan mei mei meinem Haus vvorbbeiggeht, aaber nicht gggestern.«

»Ralf, reiß dich zusammen und äff nicht die arme Frau nach. Ich frage mich, warum sie sicher ist, die Kleine jeden Morgen gesehen zu haben.«

»Sie hat einen unruhigen Schlaf, sagt sie. Jeden Tag sitzt sie zur gleichen Zeit, um 7.15 Uhr am Küchenfenster und trinkt ihren ersten Kaffee. Sie schaut den Schulkindern zu und den Erwachsenen, die sich auf den Weg zur Arbeit begeben. Sie kennt die Leute und sagt, nicht jeder in ihrer Straße besitze ein Auto. Einige fahren mit dem Bus oder der Bahn. Aber bei ihr kommen viele am Fenster vorbei. Auch die kleine Lilly.«

»Das bedeutet, wenn ich das richtig verstehe, dass sich Lilly gestern Morgen bereits nicht mehr im Haus aufhielt, oder irre ich mich?«

»Zwangsläufig nicht. Sie hätte ja auch krank sein können, oder einfach nur verschlafen haben.«

»Ja, die Mutter arbeitet nur nachts im Homburger Klinikum und die Schwester, das wissen wir von der unmittelbaren Nachbarin, übernachtet seit zwei Tagen bei ihrer Freundin in Saarbrücken. Sie wird aber heute noch zurückkommen.«

»Also blieb Lilly allein zuhause?«

»In dieser Nacht, ja. Sie ist ein selbständiges Kind, auch das erzählte uns die Nachbarin, jedoch nicht, ohne die Nase zu rümpfen.«

»Ich fahre ins Krankenhaus und versuche mit der Mutter des Mädchens zu sprechen. Zuerst informiere ich mich, ob Frau Heinken ansprechbar ist. Ralf, melde dich bitte, wenn es Neuigkeiten gibt.«

»Okay, mache ich. Nur blöd, dass wir ständig unterbesetzt sind. Ich muss es aussitzen, dabei ermittele ich lieber draußen. Ich hoffe, Frederick ist morgen wieder am Start und ich darf an die Luft.«

»Ich möchte deine Hoffnung nicht trüben aber …«

»Das Telefon gibt ein schrilles Läuten von sich.

»Polizeidienststelle Homburg, Hofmann am Apparat, wie kann ich ihnen helfen?« Ralf lauscht. Meierling, der bereits an der Tür steht, hört ihn sagen: »Einbruch… Kaiserstraße…, geben Sie mir bitte die genaue Adresse. Ist jemand verletzt? Nein, das ist gut. Ich schicke meine Kollegen…, ja, in ca. fünfzehn Minuten.«

Meierling dreht sich ihm zu. »Kollegen, welche Kollegen?«

»Süßmayer ist noch da«, antwortet Ralf. »Er muss alleine fahren, ich kann hier nicht weg.«

»Weißt du was, Ralf, ich fahre zum Krankenhaus, möchte hören, was Lillys Mutter zum Verschwinden ihrer Tochter sagt. Ich hoffe, dass sie mir Tipps geben kann, wo Lilly sich gerne aufgehalten hat. Wenn ich Glück habe, bekomme ich auch noch einen Kaffee aus dem Automaten. Ich weiß, dass die Krankenhausplörre nicht das Nonplusultra ist, aber besser eine dünne Brühe als gar keine. T´schau.«

Hofmann funkt die Kollegen an. Zehn Polizisten und drei Frauen durchkämmen den umliegenden Wald und die Wiesen von Reinheim bis zur ehemaligen Grenze, bisher ohne Erfolg. Lillys Heimatort liegt nur einige Kilometer vom französischen Bliesbruck entfernt. Hätte Lilly diese Richtung eingeschlagen, bräuchte sie vom Sportplatz in Reinheim bis zum europäischen Kulturpark und zur Grenze nur wenige Minuten. Von da aus arbeitet die Polizei grenzüberschreitend. Leider erreicht ihn von französischer Seite bisher auch noch keine Erfolgsmeldung. Die kleine Lilly hinterlässt keinerlei Spuren.

Kommissar Meierling flucht heute nicht zum ersten Mal.

»Diese beschissenen Baustellen, wie lange dauert es noch, bis die Straße endlich fertiggestellt ist? Mein Gott, ich habe viel größere Baustellen gesehen. Innerhalb weniger Tage konnte man die Straße wieder frei befahren. Hier sperren sie seit Wochen kilometerweit ab und nix passiert. Die drei Arbeiter, die ich an diesem Abschnitt sehe, sind dem Projekt nie und nimmer gewachsen. Sieht aus, als hätten sie jegliche Lust, eine Schaufel zur Hand zu nehmen, verloren. Wer kann es ihnen verübeln? Die Autoschlange vor mir ist jetzt schon beängstigend lang, die hinter mir zieht mittlerweile einen qualmenden Rattenschwanz nach. Toll für die Umwelt«, knurrt er. Sein Ton strotzt vor Sarkasmus.

Nerviger Schweiß tropft ihm aus dem Hemdkragen widerlich unangenehm auf den Rücken. Er stellt die Heizung noch ein paar Grad höher. Er darf nicht auch noch krankheitsbedingt ausfallen.

Er würde alles dafür geben, Frau Heinken gleich sagen zu können, dass Lilly wieder aufgetaucht ist. Die Polizei sucht schon den zweiten Tag erfolglos. Die ersten 36 Stunden sind bei der Suche nach einer vermissten Person entscheidend, das zeigt die Praxis. Aber noch haben sie keinen Grund, die Hoffnung aufzugeben. Er sieht es als seine Aufgabe, das der armen Frau glaubhaft zu vermitteln. Meierling weiß, dass die beiden vergangenen Tage jetzt bereits zu den schwärzesten für die Familie Heinken gehören. Der vermaledeite Unfall und vor allem das Verschwinden des Kindes sind auch einzeln gesehen, schwer auszuhalten.

Gegen 18.30 Uhr betritt der Kommissar das Krankenzimmer, in dem Frau Heinken liegt. Hellblonde Haare umrahmen ihr blutleeres Gesicht. Mit geschlossenen Augen liegt sie in der sterilen Bettwäsche. Das in einer Schale obenauf liegende eingegipste Bein sieht wie ein Fremdkörper aus. Sie atmet schwer, die Schmerzen haben sie eingeholt. Schmerzfrei zu heilen, ist immer noch ein Mythos.

Frau Heinkens Zustand erinnert Meierling an die eigene Operation vor fünf Jahren nach seinem Skiunfall. Beim Sturz im Tiefschnee brach er sich das linke Bein. Einige Stunden nach der Operation fühlte er keine Schmerzen, aber mit dem Abebben der Narkose kam die Hölle zurück. Die anschließend verabreichten Medikamente konnten ihn kaum davor bewahren, nicht hysterisch zu werden. Mit jeder unbedachten Bewegung schnitt ihm gefühlt ein Messer durch den gesamten Körper. Frau Heinken leidend zu sehen, lässt ihn nicht kalt. Gerade als er an ihr Bett tritt, öffnet sie blinzelnd die Augen.

»Guten Tag Frau Heinken, mein Name ist Benjamin Meierling. Ich bin Hauptkommissar des Homburger Dezernats und leite die Suche nach ihrer Tochter. Wie geht es Ihnen?«

Sie verweigert eine Antwort auf die letzte unnötige Frage. Schließlich hat er Augen im Kopf. Das Einzige, was sie interessiert, steht unausgesprochen deutlich in ihrem Gesicht.

Meierling, der ihre Gedanken errät, schüttelt den Kopf. Um die Qual, die diese verneinende Bewegung verursacht, abzuschwächen, sagt er: »Wir haben leider noch keine Spur von Lilly, aber noch ist Zeit. Wir geben die Hoffnung nicht auf.« Sarah schaut ihn verzweifelt an.

»Ich kenne das«, flüstert sie und ihre Stimme klingt brüchig. »In den Krimis heißt es immer, die ersten 36 Stunden sind bei einer Vermisstensuche ausschlaggebend. Stimmt das?«

»Ja, das ist richtig, aber man darf diese Aussage nicht verallgemeinern. Ich komme zu Ihnen, weil ich noch einige Fragen habe. Ich hoffe, Sie können uns weiterhelfen. Habe ich Ihr Einverständnis?«

»Fragen Sie.«

»Sie arbeiten nachts hier im Krankenhaus?«

»Ja.«

»Immer?«

»Ja, seit mein Mann gestorben ist.«

»Tut mir leid. Können Sie mir sagen, wie es zu ihrem Unfall gekommen ist?«

»Ja. Ich kam um 6.30 Uhr von der Nachtschicht heim. Bevor ich mich hinlege, bereite ich das Frühstück für die Mädels. Vorgestern Morgen auch, aber nur für Lilly und mich. Lina ist für zwei Tage zu ihrer Freundin nach Saarbrücken gefahren. Ich habe alles hergerichtet, rannte die Treppe hoch, um die Kleine zu wecken. Fast oben angekommen, stolperte ich über etwas. Ich glaube, Lillys Wunderkugel gesehen zu haben. Jedenfalls rutschte ich aus und stürzte 13 Stufen hinunter. Ein heftiger Schmerz fuhr durch meinen Körper. Ich erkannte sofort, dass mein Fuß gebrochen ist. Er stand in einem abstrusen Winkel, hatte sich fast bis nach hinten verdreht. Der Arzt sagt, ich hätte einen komplizierten Bruch erlitten, auch das Innenband meines Knies ist gerissen.«

»Was ist das für eine Kugel, von der Sie reden?«

»Von einer etwa tennisballgroßen Murmel oder Kugel, darüber streiten die Mädchen noch. Sie haben sie auf einer Wiese gefunden. Lilly ist regelrecht besessen von ihr. Sie gab ihr sogar einen Namen und ist überzeugt, dass »Rolli« lebt. Sie könne ihre Farben ändern und laufen, behauptet sie. Dass sie je nach Lichteinstrahlung farblich changiert, akzeptiere ich, aber dass sie läuft? Diese Kugel hat mein Kind verändert. Ich weiß, es hört sich für Sie an, als binde ich Ihnen einen Bären auf, aber seit Lilly im Besitz dieser Kugel ist, ist sie nicht wiederzuerkennen. Nach dem Auffinden von Rolli schreibt sie, für mich unverständlich und doch positiv, fast ausschließlich gute Noten. Selbst in ihrem verhassten Fach Mathematik steht sie nun auf einer Drei. Das kommt durch die Kugel, sagt Lilly. Sie behauptet felsenfest, die Kugel inspiriere sie, sie könne sich, wenn sie sie lange genug anschaue, viel besser konzentrieren. Alles Schulische falle ihr dadurch leichter. Außerdem lässt sie es sich nicht nehmen, weiterhin zu sagen, die Kugel bewege sich selbständig, was ich ihr nie und nimmer abnehmen werde.«

Sara braucht eine Verschnaufpause. Das Reden strengt sie an. Sie sieht, dass der Kommissar die Stirn runzelt. Er kann schwerlich nachvollziehen, was sie ihm da auftischt.

»Entschuldigen Sie bitte, wenn ich das frage, aber wie kommt Lilly zu dieser Annahme? Ich meine, es ist ja schön, wenn sie in der Schule Erfolge zeigt, aber kann man das im Zusammenhang mit dieser Kugel beweisen?«

»Sehen Sie, das ist das große Rätsel. Seltsam ist auch, dass Lilly »Rolli« jeden Abend in ein Kästchen legt, das auf ihrem Schreibtisch steht. Lina, ihre Schwester bestätigt das, aber das Kästchen ist morgens leer. Stellt sich uns die Frage, wenn nicht wir die Kugel, die übrigens besonders schön ist, sagte ich das schon?, aus dem Kästchen nehmen, wer ist es dann? Und wie kommt dieses Ding auf die Treppe? Wollte sie mich umbringen, weil ich ihretwegen mit Lilly immer wieder Diskussionen führe? Okay, ich höre mich schon paranoid an. Aber finden Sie das nicht auch mysteriös?«

»Schon, aber was hat das mit dem Verschwinden von Lilly zu tun? Wo ist die ominöse Kugel jetzt?«

»Das ist es ja, sie ist verschwunden, genau wie meine Lilly.«

»Glauben Sie, dass die Kugel der Auslöser für ihren Sturz und das Verschwinden von Lilly ist?«

»Ich meine, ich habe sie gesehen, die Kugel. Leider zu spät. Allerdings, je mehr ich darüber nachdenke, umso unsicherer werde ich. Ich könnte es mir auch eingebildet haben. Entschuldigen Sie, ich weiß nicht mehr, was ich noch glauben kann. Ich habe Lina bereits gebeten nach Rolli zu suchen, aber sie hat die Kugel bisher noch nicht gefunden.«

»Sie sagten, sie wollten Lilly wecken, aber sie hätte nicht reagiert. Ist es möglich, dass Lilly sie nicht hörte? Kann es sein, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Haus aufgehalten hat?«

»Ich kann dazu nichts sagen.«

»Sie lagen hilflos an der Treppe, wer hat sie denn ins Krankenhaus gebracht, wenn sich sonst niemand im Haus aufhielt?«

»Ich hatte mein Handy in der Strickjacke und konnte den Notknopf drücken. Meine Nachbarin, Frau Kobler, hörte den Krankenwagen. Sie besitzt einen Haustürschlüssel für solche Fälle. Sie öffnete den Sanitätern. Ich hab sie angewiesen, nach Lilly zu sehen. Da sie sie nicht finden konnte, hab ich sie gebeten, die Polizei zu verständigen, denn dass mein Kind um diese Zeit nicht mehr in ihrem Bett liegt, ist mehr als besorgniserregend.«

»Also steht fest, Lilly hielt sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Haus auf.«

»Ich denke, ja. Sie hätte mich gehört, als ich schrie. Nie und nimmer könnte sie ignorieren, wenn jemand in Not ist. Aber was passiert denn jetzt? Wie wollen Sie meine Tochter finden? Ich werde noch verrückt!«

»Können Sie mir sagen, welche Kleidung Lilly an diesem Tag trug?«

»Wie sollte ich? Ich werde Lina bitten, ihre Kleider durchzusehen. Sie erkennt, was fehlt und wird Ihnen eine Beschreibung liefern.«

»Wir brauchen ein Foto von Lilly, wenn möglich ein aktuelles.«

»Das findet sich auf Linas Handy, da bin ich mir sicher.«

Kaum ausgesprochen, stürmt Lina ins Krankenzimmer, einen Packen Fotos in der Größe Dina 4 auf dem Arm.

»Schau Mama, David und ich haben ein Foto von Lilly vergrößert und ausgedruckt. Leider ist es noch vom letzten Sommer, ein neueres konnte ich auf die Schnelle nicht finden. Wir werden es hier und in der Umgebung aufhängen. Meine Klassenkameraden helfen uns dabei.«

Lina beäugt den unbekannten Mann, der am Bett ihrer Mutter steht, feindselig.

»Gut gemacht, meine Große«, lobt sie Sarah. »Das hier ist übrigens Kommissar Meierling.«

»Hallo«, grüßt Meierling, »das nenne ich Einsatz. Ich habe ihre Mutter gerade um ein Foto von Lilly gebeten. Nun hat es sich ja dank Ihrer Hilfe erledigt. Sie haben uns ein Stück Arbeit abgenommen, aber da gibt es noch etwas, bei dem sie uns helfen können. Es ist äußerst wichtig, zu wissen, welche Kleidung in Lillys Schrank fehlt, damit wir sagen können, was sie trug, als sie verschwand. Die Möglichkeit, dass sich jemand an diese Kleidung erinnert, ist nicht zu unterschätzen.«

»Okay, ich mache mich gleich auf den Weg. Ach, Mamma, wirst sehen, Lilly ist nicht weit. Sie hat sich verlaufen, du kennst sie doch. Menschen wie sie sind immer für eine Überraschung gut. Ich schaue mir an, was von ihrer Kleidung fehlt und gebe die Beschreibung an die Polizei weiter. Hab dich lieb, Mama. Mach dir nicht zu viele Sorgen. Das wird schon.«

»Hoffentlich.«

»Sie melden sich bei uns?«

»Worauf Sie sich verlassen können. Tschau.«

»Auf Wiedersehen.«

Kommissar Meierling wendet sich Frau Heinken zu.

»Was meinte ihre Tochter, als sie sagte, Menschen wie sie?«

»Lilly ist ein wenig seltsam.«

»Das heißt?«

»Sie lebt in ihrer eigenen Welt, macht manchmal Sachen, die wir nicht gleich verstehen.«

»Wie drückt sich das aus?«

»Sie hat eine Störung der Wahrnehmungsverarbeitung, was man im Bezug zur Kugel mal wieder deutlich sehen kann. Lilly passt in keine Schublade. Sie ist da und manchmal wie ein Stern aus einer fremden Galaxie. Sie lässt niemand an sich heran. Dem Festhalten und Schmusen verweigert sie sich von klein auf.«

»Das kann, wenn sie entführt wurde, gut oder schlecht sein, meinen Sie nicht?«

»Es wird die Hölle für sie bedeuten, sollte sie jemand gegen ihren Willen festhalten wollen. Ich darf gar nicht daran denken, was eine Entführung, die sich ja leider nicht ausschließen lässt, mit ihr macht. Ich hoffe immer noch, dass sie sich verlaufen hat, dass sie Irgendetwas hinterhergerannt ist und den Weg zurück nicht findet. Sie lässt uns selten an ihren Gedanken teilhaben, aber ich müsste doch spüren, wenn sie in großer Gefahr schwebt. Sie kann doch auch nicht weit gekommen sein, bei diesem scheußlichen Wetter.«

»Wir suchen auf jeden Fall in allen Richtungen und halten Sie auf dem Laufenden. Gute Besserung Frau Heinken, ich melde mich sofort, wenn es etwas Neues gibt.«

Der Tag an dem Lilly verschwindet

Es geschieht zum ersten Mal. Lilly steht auf und läuft an ihren Kleiderschrank. Nicht dass sie sich dessen bewusst ist. Sie ist noch nie schlafgewandelt. Sie greift sich ihren Parka und zieht ihn über den Schlafanzug, nimmt Rolli die wieder ‒ oh Wunder ‒ neben dem Kästchen liegt und steckt sie in die Manteltasche. Den über der Sitzlehne ihres Schreibtischstuhls hängenden roten Schal schlingt sie nachlässig um ihren Hals. In Hausschuhen steigt sie die Treppe hinunter und verlässt das Haus.

Der Nachthimmel empfängt sie mit schillernden, millionenfachen Glanzpixeln. Ihr Atem pumpt gleichmäßig gegen die klirrende Kälte, schiebt kleine Wölkchenformationen der eisigen Pracht entgegen. Nie zuvor wagte sie sich mitten in der Nacht allein hinaus schon gar nicht, wenn eine derartige Kälte versucht, ihr in die Knochen zu kriechen. Aber auf das was geschieht, hat sie keinen Einfluss. Ihre Füße bewegen sich mechanisch Schritt für Schritt ziellos vorwärts. Sie trottet durch ihren von hermetischer Ruhe eingesaugten Heimatort Reinheim.

Dunkel noch der Morgen, flach die Mondsichel, die sich durch ein zerrissenes Grau schiebt. Abnehmender Mond und Kälte verschmelzen. Unbemerkt hat sie Reinheims europäischen Kulturpark erreicht. Blicklos läuft sie an der spektakulären Entdeckung des Grabes der Fürstin von Reinheim, dem Hauptgrab einer Nekropole, das aus mehreren Hügelgräbern der Keltenzeit besteht, vorbei. Zahlreiche Archäologen trugen in den siebziger Jahren zur Rettung der Vergangenheit und ihrer Konservierung bei. 1988 rief man, in deutsch-französischer Zusammenarbeit das Projekt des europäischen Kulturparks ins Leben, machte es für die Öffentlichkeit zugänglich. Lilly läuft ferngesteuert durch diese geschichtsträchtige Landschaft, streift mehrere Jahrhunderte, in denen Menschen der Steinzeit, der Bronze- und der Eisenzeit hier siedelten. Am Ende steht sie vor einem Ortsschild, das den Namen Bliesbruck-(Departement Moselle), auf Deutsch Bliesbrück trägt. Sie hat die Grenze zu Frankreich erreicht. Steif gefroren trottet sie mit schlurfenden Schritten weiter.

Erst als sie ein aus der Ferne sich nahendes Auto hört, taucht sie aus ihrem katatonischen Zustand auf. Jetzt erst registriert sie die polare Kälte. Ihre Zähne klappern, die Nase hängt wie ein Eiszapfen im Gesicht. Ihre tief in den Taschen vergrabenen Hände fühlen sich unbrauchbar, fast hölzern an, genau wie der Rest des Körpers. Der Winter kennt kein Erbarmen. Und jetzt fängt es auch noch heftig zu schneien an. Sie öffnet den Mund und leckt einzelne Kristalle auf. Dabei schlurft sie immer weiter und weiter, ohne Kenntnis über den innereren Kompass der sie, weiß Gott wohin, führt. Drängend melden sich Hunger und Durst, auch Schmerzen in Füßen und Beinen. Dass die Möglichkeit besteht umzukehren, daran denkt sie nicht. Ihr Verstand hat sich ebenfalls der Kälte ergeben.

Das Motorengeräusch kommt näher, durchbricht ihre aufkeimende Verzweiflung. Sie versteht es als Hilfe, die sie dankbar anzunehmen gedenkt. Sofort stoppt sie ihren Schritt und lauscht ängstlich und hoffnungsvoll in die Nacht. Das Auto hält neben ihr an. Die Scheibe wird heruntergedreht. Der ältere Herr, der herausschaut, zeigt sich erstaunt.

»Aber Kind«, sagt er, »was machst` denn mitten in der Nacht allein hier auf der Straße?«

Lillys Herz schlägt wie eine Trommel in der Brust. »Ich weiß es nicht«, wispert sie.

»Komm ins Auto, steig ein, ich bringe dich nach Hause.«

»Aber ich darf nicht…«

»Willst` lieber erfrieren, hier? Weißt nicht einmal, wo du bist! Komm schon, ich helfe dir.«

Die Beifahrertür steht offen und Lilly steigt ein.

»Bist` von zuhause ausgerissen?«

»Nein, bin ich nicht!«

»Schlafwandelst`?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Wo wohnst` denn?«

»In Reinheim.«

»Ach, das ist ja nicht weit von hier. Aber sag, bist die gesamte Strecke gelaufen?«

»Ich glaube, ja.«

»Hast ein Handy dabei? Ich rufe bei dir zuhause an, damit sich deine Leute keine Sorgen machen.«

»Ich habe kein Handy.«

»Nicht schlimm. Komm mit zu mir, telefonieren wir von da aus.«

»Okay. Können Sie mir sagen, wie spät es ist? Meine Mama kommt erst um halb sieben von der Arbeit heim.«

»Das ist kein Problem, bis dahin bleiben noch ein paar Stunden. Kannst dich bei mir aufwärmen, etwas Essen und trinken. Einverstanden?«

Er schenkt ihr ein dünnes Lächeln. Zähe Minuten vergehen, in denen keiner ein Wort verliert. Das Fahrzeug biegt auf einen Forstweg ab.

»Kannst jetzt aussteigen, wir sind gleich da. Schau, von hier kannst` schon mein bescheidenes Heim erkennen.«

Lilly zögert. Tannen, inzwischen dick mit Schnee beladen, flankieren ein unscheinbares Gebäude wie Wachsoldaten. Fünf Stufen führen zur hölzernen Eingangstür. Der hilfsbereite Hausbesitzer eilt voraus, schließt auf und winkt Lilly in seine Wohnung.

»Setz dich an den Küchentisch«, weist er sie an. »Ich mache zuerst eine heiße Schokolade. Die kannst` gebrauchen.«

Lilly gehorcht.

»Zieh den Mantel aus, leg ihn auf den Stuhl neben dem Kamin. Komme gleich wieder zu dir.«

Lilly bleibt stoisch sitzen. Sie lässt ihre Augen über die spartanische Einrichtung schweifen. Reich ist dieser Mann nicht, stellt sie fest.

Ein Tisch, zwei Stühle, ein abgewetztes Sofa, dunkelrot, an einigen Stellen löchrig, ein schmaler Schrank, und als Farbtupfer eine matte Lampe, der man eine gründliche Reinigung schon seit langem verwehrt, bilden das einzige Mobiliar.

Was mache ich hier?, fragt sich Lilly. Wo bin ich, wer ist dieser Mann? Die ersten vernünftigen Gedanken regen sich, während die Zimmerwärme ihre Glieder durchblutet. Und mit ihr kommt die Müdigkeit. Lilly kann kaum noch die Augen aufhalten.

Der Mann, für Lilly immer noch namenlos, stellt eine wunderbar duftende heiße Schokolade vor sie hin.

»Trink, mein Kind, die wird schmecken.«

Lilly bläst vorsichtig auf die dampfende Milch.

Kaum, dass sie die Tasse geleert hat, sackt sie in sich zusammen und schläft noch am Tisch ein.

Die Suche

Bist du sicher, dass es okay ist, wenn wir die Vermisstenblätter mit diesen dürftigen Angaben aufhängen? Müsste da nicht stehen, seit wann Lilly verschwunden ist?«

»Na klar, aber ich sag dir, David, wir dürfen keine Zeit mehr verlieren. Ich habe mich auf das Wesentliche konzentriert, damit die Menschen, die etwas gesehen haben, keine Angst haben, sich zu melden. Ich weiß, ich hätte es besser formulieren können, aber ich denke, in Anbetracht der Eile ist das, was ich geschrieben habe, verständlich. Kommissar Meierling und seine Leute haben eine Pressemitteilung herausgegeben und die Medien involviert. Komm jetzt, unsere Freunde stehen schon in den Startlöchern.«

Auf dem Foto mit der Vermisstenanzeige, die Lina mit ihren Klassenkameraden an allen relevanten Plätzen in Reinheim und Umgebung aufhängt, ist Folgendes zu lesen.

Gesucht wird:

Lilly Heinken aus Reinheim.

Sie ist 9 Jahre alt, 1,40 groß und von schmaler Statur. Lilly trägt einen gelb-weiß gesteiften Schlafanzug, darüber einen dunkelblauen, wattierten Parka, einen roten Schal und graue Hausschuhe. Wir bitten Sie, wer Lilly sieht, oder gesehen hat, möge sich bei der Polizeidienststelle in Gersheim, oder jeder anderen Polizeidienststelle, melden. Für Hinweise sind wir außerordentlich dankbar.

»Glaubst du, wir sollten auch hinter der Grenze Plakate aufhängen? Kann es sein, dass sie bis nach Frankreich gelaufen ist?«

»Mann, David, wie soll sie denn in der Nacht, bei dieser Kälte und der Masse an Schnee dahingekommen sein?«

»Zu Fuß sicher nicht, aber es könnte sie jemand mit dem Auto aufgegabelt haben.«

»Spinnst du, Lilly steigt niemals in ein fremdes Auto ein.«

»Es muss ja nicht freiwillig …«

»Du machst mir Angst, David. Ich glaube immer noch, dass sie sich verlaufen hat, dass sie untergetaucht ist. Ich kenne Lilly besser als jeder andere, ausgenommen natürlich unsere Mutter, die gerade dabei ist, den Verstand zu verlieren. Wir müssen alle Scheunen und Hütten absuchen. Übrigens, ich glaube nicht, dass Mama über die Kugel gestürzt ist. Ich hätte sie finden müssen. Lilly hat sie eingesteckt, das ist meine Meinung. Ob das ein Vorteil ist, weiß ich nicht. Sie behauptet immer noch felsenfest, dass dieses Ding lebt. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich einbildet, die Kugel zeige ihr einen Weg, den sie dann wie ferngesteuert gelaufen ist. Hätten wir diese Scheißkugel doch nie gefunden! Wir müssten nicht nach meiner Schwester suchen. Davon kannst du ausgehen.«

»Aber die Polizei sucht schon mit mehreren Beamten aus den angrenzenden Gemeinden das komplette Umfeld ab.«

»Ja, aber sie kennen unseren geheimen Platz nicht. Kommst du mit mir? Die anderen können derweil die restlichen Plakate aufhängen. Wir fangen selbst zu suchen an.«

»Willst du nicht vorher noch ins Krankenhaus?«

»Nein, ich habe Mama angerufen. Es geht ihr, was die Verletzung betrifft, den Umständen entsprechend, gut. Wie ihre seelische Verfassung ist, kannst du dir sicher denken. Sie ist einverstanden, dass ich mich um die Plakataktion und die weitere Suche kümmere.«

»Hat sich Kommissar Meierling bei ihr gemeldet? Gibt es schon etwas Neues?«

»Ja und Nein. Mama sagt, der Kommissar hat die Suche nach Lilly bis hinter die Grenze ausgedehnt. Meierling meint, dass sich die Verdachtsmomente für eine Entführung mit jeder vergangenen Stunde verhärten. Sollte Lilly ins Nachbarland entführt worden sein, ist die Verfolgung der deutschen Polizei bis nach Frankreich zwar möglich, aber es gelten grundlegende Standards. Unsere saarländische Polizei darf einen Straftäter bis ins Nachbarland verfolgen, darf ihn festhalten aber nicht verhaften. Das übernehmen die französischen Kollegen.«

»Kannst du dir vorstellen, dass deine Schwester bei diesem Wetter, in Schlafanzug und Pantoffeln an den Füßen, bis hinter die Grenze laufen kann?«

»Ich kann es dir nicht sagen, aber ihr ist alles zuzutrauen. Wenn sie erst einmal den Kulturpark erreicht hat, ist es bis zur Grenze nicht mehr unmöglich. Sollten wir sie in der näheren Umgebung nicht finden, tritt der schlimmste Fall ein. Dann ist endgültig klar, dass man sie entführt hat. Daran darf ich gar nicht denken.«

»Aber ausschließen lässt es sich nicht, oder?«

Lina treten Tränen in die Augen.

»Wo beginnen wir mit der Suche, wo glaubst du, war die Polizei noch nicht?«

»Komm mit! Lilly und ich laufen immer durch den Wald bis zu der großen Lichtung. Dort in den Wiesen haben wir auch Rolli gefunden.«

»Wer ist denn Rolli?«

»Oh, ich hab vergessen, dir zu erzählen, dass Lilly ihrem Fundstück den Namen Rolli gegeben hat.«

»Du sprichst von der seltsamen Kugel? Verstehe!«

»Ja, Lilly ist besessen von ihr.«

»Wer weiß, zu was das gut ist. Aber sag, wo fangen wir zu suchen an? Der Schnee wird immer heftiger, das macht die Sache nicht leichter.«

»Oh ja, der hat uns gerade noch gefehlt. Die Wege, die ich mit meiner Schwester immer laufe, tragen inzwischen eisige Decken. Ich kann sie nur noch erahnen. Aber das soll uns nicht hindern. Marschieren wir los.«

David und Lina stapfen durch die weiße Pracht, die sich inzwischen zu einer Höhe von fast 30 Zentimetern auftürmt. Auf dem Berg, kurz vor dem Wald, treffen sie auf Schneeverwehungen. Sie arbeiten sich durch Senken, die ihnen bis zu den Knien reichen. Aber davon lassen sie sich nicht abhalten. Lina möchte mit David zu einer Waldhütte, in der sie und ihre Schwester immer mal wieder abtauchten. Nach mühsamem Aufstieg erreichen sie die Hütte. Die Tür steht ein wenig offen.

»Glaubst du, sie ist da drinnen? Warum hat sie die Tür nicht geschlossen?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Bleib du hier, ich schaue nach, ob sie sich da verkrochen hat«, sagt David.

»Ich könnte sie rufen…«

»Das lässt du schön sein. Ich pirsche mich ran, und du passt besser auf, was sich hier draußen abspielt. Okay?«

»Ja.«

Eingepackt in Schnee sieht die Hütte gar nicht mehr erbärmlich aus. Lina weiß, dass sich niemand um sie kümmert, dass man das letzte Mobiliar, das in ihrem Innern steht, schäbig und dreckig zurückgelassen hat. Den Besitzer dieser Behausung kennt sie nicht. Er hat sie auch nie interessiert. Lilly und sie kamen hier hin, um ihre Nöte zu teilen. Ihre Mutter sollte nicht noch durch sie belastet werden. Sie hatte als Alleinerziehende schon genug Stress.

Lina heulte sich hier bei ihrer Schwester aus, wenn sie Liebeskummer hatte. Sie raste vor Wut, als sie herausfand, dass Julian, in den sie, bevor sie auf David traf, unsterblich verliebt war, seine Gefühle für sie nur vorgaukelte. Durch Zufall hörte sie, wie er mit den anderen Jungs eine Wette abschloss, dessen Preis ihre Unschuld sein sollte. Er selbst forderte, der Gewinner müsse einen Beweis dafür liefern.

»Dieses schäbige Arschloch!«, weinte sie damals in Lillys Anwesenheit. Sie nahm ihr das Versprechen ab, sich niemals auf solch eine Gefühlsduselei einzulassen. Das hätte sie sich sparen können, denn dass ihre Schwester sich auf jemand Fremdes einlässt, stand außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Lilly beschwerte sich über die Klassenkameraden, die sie mobbten und als Freak bezeichneten. Das machte sie todtraurig.

»Lina, kannst reinkommen«, ruft David. »In der Hütte verkriechen sich höchstens ein paar Viecher, Mäuse, Spinnen, Ungeziefer, aber von Lilly gibt es keine Spur. Nada«, sagt er, »hier war schon lange niemand mehr. Was schlägst du nun vor? Suchen wir hier oben weiter? Ich friere total, habe kaum noch Gefühl in meinen Gliedern.«

»Weiter oben im Wald gibt es noch einen Unterstand, an dem Futter für die Rehe gelagert ist, aber ich glaube nicht, dass Lilly dort zu finden ist. Es hat keinen Sinn, hier weiter zu suchen.«

»Was machen wir stattdessen?«

»Überleg doch mal, David. Noch weiter hoch in ihrem Aufzug, könnte sie das? Ich glaube nicht. Mittlerweile denke ich, wir suchen in der falschen Richtung.«

»Ehrlich gesagt, das ist auch meine Meinung. Lilly muss durch den Ort gelaufen sein. Hier herauf zu kommen bei diesen Wetterverhältnissen halte ich schlicht für unmöglich. Kehren wir um, weiter herumzuirren, macht keinen Sinn.«

Lina nickt. Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie wischt sie mit ihren klammen Handschuhen weg, bevor sie in ihrem Gesicht zu Eisklumpen werden. Wortlos und entmutigt schlagen sie den Rückweg ein. Sie finden die Schneewehen, durch die sie sich hoch gekämpft haben wieder, aber ihre Fußspuren lassen sich nur noch erahnen.

Am folgenden Morgen stehen die Leute im Dorf in Grüppchen zusammen. Sie tauschen sich über die »schreckliche Sache« aus.

»Kindesentführung…, Mord…, und das bei uns auf dem Land?«

Niemand will glauben, dass es etwas derart Abscheuliches hier bei ihnen geben kann.

»Ich dachte immer, das passiert nur in den Städten, in Berlin, Frankfurt oder München.« Frau Meier redet aufgeregt. »Aber Lonni, wo lebst du denn? Meinst du, die Bösen halten sich nur in Großstädten auf? Gerade bei uns finden sie den besten Unterschlupf.«

»Ja, ja«, mischt sich Frau Rupert ein, »und habt ihr auch von dem Heiratsschwindler gehört, der unserer Emmi, der alten Schachtel, ihr Erspartes abgezockt hat und sie dann sitzen ließ? Der ist nicht hiergeblieben, der ist abgerauscht, als er hatte, was er wollte. Hat sich hinter die Grenze verdrückt.«

»Mein Gott, was bist du geschmacklos! Wie kannst du das mit der Entführung des Mädchens vergleichen? Sei jetzt still, da kommt Lina.«

»Hallo Lina«, ruft Frau Meier, »gibt es schon was Neues? Wir leiden mit euch. Schrecklich, was da passiert ist. Sag, wie geht es deiner Mutter? Die Arme kann nicht einmal bei der Suche helfen. Richte ihr einen schönen Gruß aus. Wir alle halten die Augen auf. Wir wünschen ihr gute Besserung und dass die Kleine bald wieder auftaucht.«

»Danke«, sagt Lina und zischt für die Umstehenden nicht hörbar: »Da stehen sie zusammen und reißen ihre Mäuler auf, und wenn ich weit genug weg bin, lästern sie über unsere Mutter, die nachts arbeitet. Dorfgetratsche, wie ich das hasse.«

Aber es gibt auch Leute, die ihr und Sarah echte Hilfe anbieten. Frau Unbehend bringt Lina eine selbstgemachte Lasagne vorbei, Frau Hugo einen Marmorkuchen.

»Kind, du musst essen, deine Mutter braucht dich und deine Zuversicht in dieser schrecklichen Lage. Wenn du jetzt auch noch schwächelst, wer bleibt ihr dann?«

Gutgemeinte Ratschläge, die trotzdem wie Schläge treffen. Linas Magen protestiert gegen das Essen. Immer, wenn sie sich etwas aufzwingt, bekommt sie höllische Magenschmerzen und erbricht sich. Inzwischen schwindet mit den Tagen der Ungewissheit alle Lebendigkeit auch in ihr. Nach vier Wochen ohne Lilly denken alle, dass sie einem Kapitalverbrechen zum Opfer gefallen ist.

Sarah, endlich wieder soweit hergestellt, darf nach Hause. Sie entschließt sich, vor einer Fernsehkamera an den vermeintlichen Entführer zu appellieren. An eine Ermordung der Tochter glaubt sie nicht. »Ich müsste es spüren, und das tue ich nicht«, sagt sie immer wieder.

Aufgeregt, angespannt bis in die Knochen, präsentiert sie sich vor der Fernsehkamera.

»Ich grüße Sie«, beginnt sie mit zittriger Stimme.

»Meine Tochter Lilly ist seit Freitag, dem 15.12. verschwunden. Leider müssen wir von einer Entführung ausgehen. Ich bitte Sie eindringlich, wenn Sie zum Auffinden meiner Lilly etwas beitragen können, egal wie unwichtig es Ihnen erscheint, wenden Sie sich bitte an die Polizei. Meine Tochter ist ein 9 jähriges, scheues Kind. Bitte, helfen Sie mit, dass Lilly wieder nach Hause kommt.«

Sarah kämpft mit den Tränen. Nach einer kurzen Verschnaufpause strafft sie ihre Schultern und schaut mit ihren verschleierten Augen erneut in die Kamera.

»Ich möchte mich auch an den Entführer wenden. Bitte, geben Sie mir mein Kind zurück. Sie ist mein Ein und Alles. Tun sie ihr nicht weh. Ich verspreche ihnen, Sie nicht zu hassen, wenn Sie Lilly freigeben. Und du, Lilly, mein Schatz, wenn du das hörst, gib die Hoffnung nicht auf, wir setzen alles daran, dass du nach Hause kannst. Bitte sei stark. Wir lieben dich, das weißt du.« Nach diesen emotionalen Worten bricht Sarah zusammen.

Die Kamera schwenkt auf Kommissar Meierling. Er fügt noch an: »Für die Ergreifung des Täters oder der Täterin sind 5000 Euro ausgesetzt.«

Kommissar Meierling steht seit Lillys Verschwinden mit der französischen Kollegin Viviane Thiry in regem Austausch. Leider vermelden die französischen Suchmannschaften auch keinerlei Erfolg. Die Kommissarin des Departements Lothringen und er tauschen sich über geklärte und ungeklärte Vermisstenfälle der letzten Jahre aus, in der Hoffnung, doch noch einen Hinweis zu finden, der sie voranbringen kann. Thiry spricht gut Deutsch, was die Verständigung erheblich erleichtert. Meierling bevorzugt, wenn nötig, die englische Sprache, das Frankophile liegt ihm weniger. Sie kennen sich nur von Telefongesprächen und Mails. Beide um die vierzig, alleinstehend und besessen ehrgeizig, agieren verbissen, wenn sie sich gefordert sehen, Verbrechen jedweder Art aufzuklären. Was Kapitalverbrechen betrifft, kommen sie bisher glimpflich davon. Aber ein Fall, der sich vor ca. fünf Jahren in Homburg abspielte, ist Meierling unauslöschbar in Erinnerung geblieben. Ein Kollege, mit dem er sich wunderbar verstand, kam dahinter, dass ihn seine Frau betrügt. Er verfolgte sie und ihren Liebhaber und erschoss die Beiden auf offener Straße. Anschließend richtete er die Dienstwaffe gegen sich selbst. Bei Meierling sitzt der Schock immer noch tief.

Hofmann seufzt. Vor ihm liegt ein Aktenberg, den er nach Vermisstenfällen und ihren Gemeinsamkeiten untersucht.

»Und, Ralf, ist etwas Brauchbares dabei, etwas, das uns in Lillys Fall weiter hilft?«

»Kannst du mir sagen, wie das funktionieren soll? Wir haben nichts, was man mit ihrem Verschwinden und anderen Vermisstenfällen vergleichen kann. Es ist die Suche nach der Nadel in einem Heuhaufen nur, dass dieser auch noch haushoch ist. Wo soll ich damit anfangen? Wonach suchen? Die Mädchen, über die ich recherchiert habe, die bis zu zehn und mehr Jahren als vermisst gelten, tauchten wenigstens an verschiedenen Orten auf, bevor man einige von ihnen leider tot auffand. Bei anderen führten die Spuren wie bei Lilly nirgendwohin. Bei ihr haben wir nicht den kleinsten Hinweis, dem wir nachgehen können. Weißt du eigentlich, dass man 1958 das erste Kind, das in Deutschland als entführt galt, wegen einer mehrfach gescheiterten Lösegeldübergabe von 15.000 DM nach sieben Tagen tot aufgefunden hat? Der Mörder beging Selbstmord, bevor man ihm den Prozess machen konnte.«

Meierling rümpft die Nase. »Ein Arschloch weniger«, sagt er.

»In den meisten Vermisstenfällen, die ich in den Akten finde, gibt es Verdächtige, die sich nicht überführen ließen, aber da hatte die Polizei wenigstens Anhaltspunkte, mit denen sie arbeiten konnte. Bei Lilly ist das anders. Niemand scheint ein Motiv zu haben der Kleinen etwas anzutun. Die Familie, in erster Linie Frau Heinken, wird von allen, die wir befragt haben, als liebenswerte Frau beschrieben. Glaub es oder nicht, offenbar hat sie keinerlei Feinde. Die Fälle, die ich bis jetzt gesichtet habe, liegen zum großen Teil vor unser beider Dienstzeit. Wenn du mich fragst, ist Lilly schon lange unter der Erde. Ich denke, irgendein Scheusal hat sie bereits verscharrt.«

»Aber die Mutter glaubt fest daran, dass wir sie finden. Sie meint, wenn Lilly tot wäre, müsste sie das spüren. Wir suchen weiter. Aufgeben ist für sie und für uns keine Option. Ralf, mach dich auf die Suche nach allen Verbrechern, die in irgend einer Weise mit Pädophilie, Kindesentführung oder Mord an Kindern deutschlandweit gelistet sind. In erster Linie interessieren mich solche, die bereits ihre Strafe abgesessen haben und andere, denen man im Gefängnis Freigang gewährt.«

Hofmann verdreht lustlos die Augen.

»Okay, diese trockene Art Detektivarbeit habe ich mir immer gewünscht.« Ralf lacht freudlos.

»Verstehe, aber das ist ein wichtiger Teil unseres Jobs, das weißt du. Wenn dir das nicht passt, musst du dir eine andere Arbeit suchen.«

»Ja, manche Kollegen sitzen gerne am Schreibtisch, aber zu denen gehöre ich eben nicht. Ich wünschte, ich könnte mal eine undercover Aktion starten. Das ist wesentlich aufregender, als sich täglich den Arsch platt zu sitzen.«

»Was beschwerst du dich? Du ziehst für uns im Hintergrund die Fäden, bist ein enorm wichtiger Ermittler. Solche Leute brauchen wir, sie sind unentbehrlich für unsere Arbeit. Ich dachte, das wüsstest du.«

»Ja, ja, Honig ums Maul schmieren, das kannst du«, schmunzelt Hofmann.

Erwachen

Beim ersten Augenaufschlag wundert sich Lilly über das unbekannte Zimmer, in dem sie liegt.